Literarischer Symbolismus versus Tiefenwahrheit


Aus Anlaß des Erscheinens meines neuen Buches „Max Stirner und Tiefenwahrheit“ (2025) überlasse ich mein vorletztes Buch „Pan-Agnostik. Erscheinungsformen der Metaphysik und deren Wertlosigkeit für die Existenz“ (2023) zum kostenlosen Download und stelle es auch als Hörbuch zur Verfügung.[1] Das Buch kann weiter hier gekauft werden.

Wer die zwei Jahre bis zum Erscheinen meines dann nächsten Buches (2027) und den freien Download des dann zwei Jahre zurückliegenden „Max Stirner und Tiefenwahrheit“ (2025) nicht abwarten möchte, kann „Max Stirner und Tiefenwahrheit“ schon heute als physisches Buch oder als PDF hier bestellen. [2] Das Inhaltsverzeichnis dieses Buches können Sie hier sehen.


1.

Facebook-Freund und Schriftsteller Walter Paul Graf spricht in einem Beitrag vom 6. Juni 2025[3] von seinem demnächst erscheinenden „Hauptwerk“, das zunächst „De profundis“ heißen sollte, nun aber den Titel „Ohne Dunkelheit kein Licht“ tragen wird. Er schreibt: „Was mich auf den Titel ‚De profundis‘ brachte, war die Lektüre von Ernst Jüngers Essay ‚Über die Linie‘, bei der ich auf einen Satz stiess, den ich als Motto zu verwenden gedachte: ‚Man wird erkennen, dass der Mensch im De profundis eine Tiefe erreichte, die an die Grundfesten rührt und die gewaltige Macht des Zweifels bricht.‘“

Ich habe den Jünger-Hype (wie auch den um Nietzsche) nie nachvollziehen können, den Rechte und Konservative um diese ihre Ikone betreiben – ein Mann, der in meinen Augen keinerlei Tiefe verkörpert.   

Aber Graf brachte mich nun darauf, dieses Urteil vielleicht doch noch zu revidieren. Graf schreibt zwar, „in ‚Über die Linie‘ geht es um den Nihilismus und dessen Überwindung“ (der Nihilismus kann nur unter- und nicht überwunden werden), aber die „gewaltige Macht des Zweifels zu brechen“, kann nur aus dem Ciskognitiven heraus geschehen. Jünger könnte also zumindest eine Ahnung von Unterwindung anstatt Überwindung, von Ciszendenz anstatt Transzendenz und von daher tatsächlich eine gewisse Tiefe gehabt haben.

Aber nicht nur Jünger – prinzipiell und generell spreche ich der schöngeistigen Literatur Tiefe ab. Jeder Patient einer auch nur halbwegs guten Psychotherapie hat eine größere Tiefe als die im Kognitiven und Symbolischen bleibenden Literaten. Es gibt natürlich Ausnahmen, die wenigstens an der Grenze zur Tiefe stehen, wie Lew Tolstoi („Die Flucht zu Gott“) oder Stefan Zweig, wenn dieser sich mit Tolstoi identifiziert („Und das Licht scheint in der Finsternis“). Goethe ging sogar noch weiter; er ahnte schon, was Unterwindung ist.[4] Dafür habe ich diese Literaten in meinem Buch „Pan-Agnostik“ gewürdigt.[5]

Ganz schlecht steht es um die Literaten, wenn sie sogar ganz bewußt im Symbolischen bleiben und absichtlich mystifizieren, d.h., ihre Leser und Hörer verarschen. Robert Donington schreibt dazu: „Richard Wagner bezieht sich stark auf die ‚sinnbildlichen Werte mythischer Symbole‘, deren ‚verborgene tiefe Wahrheit‘ der Künstler dadurch darstellt, daß er sie zum Teil gleichzeitig zu verbergen versucht, zu deren Ausdruck er aber gerade Mythen und Symbole einsetzt. […] Viele Jahrhunderte lang sind bedeutende Künstler Platons Beispiel gefolgt. So fordert etwa Dante seinen Leser auf, ‚die Lehre zu bedenken, die unter dem Schleier seltsamer Verse verborgen ist‘. So zeigt auch Boccaccio, ‚wie man die Wahrheit unter einer phantastischen und passenden Hülle verbergen kann‘, und ähnlich Ronsard, ein bedeutender Neuplatoniker und Dichter des 16. Jahrhunderts, ‚wie man Geschichten passend verhehlen und verbergen und die Wahrheit der Dinge mit einem phantastischen Mantel, der sie umschließt, wohl verhüllen muß‘. In seinem berühmten, langen Brief an Röckel vom 25. Januar 1854 kennzeichnet Wagner die ‚Darstellung der Wirklichkeit‘ als den Gegenstand des ‚Rings‘. Aber auch er fügt hinzu: ‚Meinem Gefühle ist es klargeworden, daß ein zu offenes Aufdecken der Absicht das richtige Verständnis durchaus stört; es gilt im Drama – wie im Kunstwerk überhaupt – nicht durch Darlegung von Absichten, sondern durch Darstellung des Unwillkürlichen zu wirken‘.“[6]

Was es mit dieser Mogelpackung des „Unwillkürlichen“ auf sich hat, darüber schreibe ich an verschiedenen Stellen.[7]

Doch auch der Mythos ist eine Mogelpackung. Dazu schreibt Robert Donington weiter: „Wagner formuliert es so: ‚Das Unvergleichliche des Mythos ist, daß er jederzeit wahr und sein Inhalt, bei dichtester Gedrängtheit, für alle Zeiten unerschöpflich ist.‘ Er ist unerschöpflich, da er symbolisch ist. Faßt man einen Mythos unmittelbar und wortwörtlich auf, so wird einem das anspruchslose Vergnügen einer gut erzählten Geschichte zuteil, an die man nicht glaubt. Faßt man ihn symbolisch auf, so erfährt man die Erleuchtung seiner ‚verborgenen tiefen Wahrheit‘. […] Doch da die Wahrheit tief und verborgen und weil sie zum Teil tatsächlich im Unbewußten versteckt ist, können wir mit unseren verstandesmäßigen Erklärungen nur ein Stück weiterkommen.“[8]

Schon mal auf die Idee gekommen, das Unbewußte in Bewußtes zu verwandeln? Schon mal darüber nachgedacht, die „verstandesmäßigen Erklärungen“ sein zu lassen, stattdessen die reine Kognition über sich zu lassen, nach unten zu steigen und cis-kognitiv mehr als „ein Stück weiter[zu]kommen“?

Die Literatur ist fast immer nur „anspruchsloses Vergnügen“, höchst selten eine „Erleuchtung der ‚verborgenen tiefen Wahrheit‘“ (Donington/Richard Wagner[9]).


2.

Wie es der pure Zufall so will, schreibt Walter Paul Graf etwa zur gleichen Zeit auf Facebook: „Die Psychotherapeuten, mit denen ich es versuchte, machen mir einen so derangierten Eindruck, dass ich es nach ein paar Sitzungen bleiben liess.“

Walter Paul Graf

Graf ist heilfroh, auf Kritikwürdiges und derangierte Therapeuten gestoßen zu sein, damit er sich nicht weiter mit dem Cis-Symbolischen befassen muß, jegliches nicht-symbolische Verfahren beiseitelegen und entsorgen und sich wieder der Literatur widmen kann. Damit befindet er sich in bester Gesellschaft mit dem Philosophen Bernd A. Laska, der es auch geschafft hatte, einen großen Bogen um ein nicht-symbolisches Verfahren zu machen, indem er ihm vorn vornherein mangelnde „Effizienz“ bescheinigte. Daß die Effizienz eines „Selbstermächtigungsverfahrens“ (Laska) nur aus ihm selbst und nicht von einem Psychotherapeuten kommen kann, darauf kam der Philosoph nicht.[10]

Tatsächlich bietet sich in dem, was früher „Psychotherapie“ genannt und von mir zur Tiefenwahrheit weiterentwickelt wurde, die Chance einer „Unterwindung anstatt Überwindung“ und einer „Ciszendenz anstatt Transzendenz“, damit die Person in eine wirkliche Tiefe kommt, wo sich ihr „Eigner“ (Max Stirner) befindet.

Walter Paul Graf schreibt: „Mit meinem Buch [Arbeitstitel ‚De profundis‘] fing ich genau dort an, wo Andere aufhörten: am Nullpunkt. Es wird nun ‚Ohne Dunkelheit kein Licht‘[11] heissen.“[12]

Der Nullpunkt ist aber nicht genug, zum „Eigner“ zu werden. Es gilt, weit unter dem Nullpunkt zu operieren. Tiefe heißt, im Dunkeln ohne das Versprechen auf ein Licht zu sein und ohne sich von einem Licht korrumpieren zu lassen, wie es auch Stefan Zweig getan hat („Und das Licht scheint in der Finsternis“).

Jenem von Laska gescheuten nicht-symbolischen Verfahren stellen Wagner bzw. Donington das „Verbergen der tiefen Wahrheit durch die Künstler“ entgegen, die zum vermeintlichen „Ausdruck“ der angeblichen „tiefen Wahrheit Mythen und Symbole einsetzen. Dieses Verfahren ist so alt wie Platons Dialoge, in denen Mythen und Symbole dazu verwendet werden, die Argumentation weiterzuführen, wenn die es nicht mehr vermag.“[13]

Wenn es diese „Argumentation“, wenn es diese „Vernunft“ – mit der nur reine Kognition gemeint ist –, nicht mehr vermag, muß eben cis-kognitiv weitergearbeitet werden.

(Geschrieben am 21. Juni 2025)


[1] https://tiefenwahrheit.de/buecher/

[2] https://tiefenwahrheit.de/buecher/, http://faultierfarm.net/produkt/max-stirner-und-tiefenwahrheit-buch/, http://faultierfarm.net/produkt/stirner-tiefenwahrheit-digital/

[3] https://www.facebook.com/walter.graf.33886/posts/pfbid0n7No27z94amdfVyWzSjheBy83fkWYUNeRz8tRWNEToGrbxEvjWY8hnh6wPUuz2i1l

[4] Siehe „Pan-Agnostik“, Zwölfte Abteilung: das diesseitige Leben, Kapitel 97. Sinn-Wiederfindung – Goethes Unterwindung („Marienbader Elegie“) und 98. Goethes nonverbaler Urschmerz – unterwunden im „Werther“, im Hörbuch hier: https://youtu.be/1nPqK0dUndc (Die jeweiligen Kapitel sind in der Youtube-Videobeschreibung oder hier https://tiefenwahrheit.de/pan-agnostik/ direkt anklickbar.)

[5] Elfte Abteilung: Theogenese durch Urschmerz an Beispielen aus der schöngeistigen Literatur: die Flucht zu Gott; Kapitel  85. Tolstois tiefe, extrem leidvolle Zerrissenheit,  86. Stefan Zweig als literarischer Vollender Tolstois und realer Verender,  86.2. Exkurs: Walter Benjamins Selbstmord, 87. Stefan Zweigs Selbstmord; die Elfte Abteilung im Hörbuch: https://www.youtube.com/watch?v=MHs2Fnc3LgA. (Die jeweiligen Kapitel sind in der Youtube-Videobeschreibung oder hier https://tiefenwahrheit.de/pan-agnostik/ direkt anklickbar.)

[6] Robert Donington: Richard Wagners Ring des Nibelungen und seine Symbole, London 1974, deutsche Übersetzung Stuttgart 1978, S. 9

[7] Töpfer, „Stirner und Tiefenwahrheit“, Kapitel 2.8.1. Exkurs: Richard Wagners Holzweg vom „Von-sich-schleudern mit einem einzigen Rucke“ des „willkürlichen Denkens“ und der „civilisierten Barbarei“ durch soziale und künstlerische „Revolution“. Siehe dazu auch: „Pan-Agnostik“: Vierte Abteilung: Religiosität ohne Gott, Kapitel 38. Annäherung eines Agnostikers an die gottlose Religiosität: Richard Wagners Diesseitsgläubigkeit, 39.10. Gott spielen zur Erzeugung von Resonanz,  39.10.1. Exkurs: Richard Wagners Pan-Sensualismus, und Zwölfte Abteilung: das diesseitige Leben, Kapitel 99. Richard Wagners Parsifal: Erzsymbol des Symbollosen: Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug – Kunst als Religionsfortführung. Als Hörbuch hier: Vierte Abteilung: https://youtu.be/ql1YAWwd53A, Zwölfte Abteilung: https://youtu.be/1nPqK0dUndc (Die jeweiligen Kapitel sind in der Youtube-Videobeschreibung oder hier https://tiefenwahrheit.de/pan-agnostik/ direkt anklickbar.) Siehe auch: Die Post-Musik – des Manifestes erster Teil: Vom „Reinmenschlichen“ zum „Wahrsager“ Kunst heute in der Nachfolge von Richard Wagner Die Post-Musik vor dem Hintergrund Richard Wagners Theorien (2014): http://peter-post.net/post-musik/manifest/

[8] Robert Donington: Richard Wagners Ring des Nibelungen und seine Symbole, London 1974, deutsche Übersetzung Stuttgart 1978, S. 10

[9] Robert Donington: Richard Wagners Ring des Nibelungen und seine Symbole, London 1974, deutsche Übersetzung Stuttgart 1978, S. 10

[10] Siehe Peter Töpfer: „Max Stirner und die Tiefenwahrheit als post-psychotherapeutisches Selbstermächtigungs-verfahren. Bernd A. Laskas LSR-Projekt und die Weiterentwicklung der im Kognitiven, Affektiven und Korporellen operierenden Neuen Aufklärung“ (2025), insbesondere die Kapitel 1.1. Was ist das LSR-Projekt von Bernd A. Laska?, 1.4. Laskas Anspruch, mehr als ein Philosophiehistoriker zu sein, 2. Laskas neuaufklärerischer Kognitiv-affektiv-Kernsatz. – Erfüllt LSR den Anspruch, zu einer Neuen Aufklärung beizutragen? Operiert LSR im „Affektiv-emotionalen“?, 7.2. Die Tiefenwahrheit als Fortsetzung der Psychotherapie und stirneristisches Verfahren der Wiederaneignung (Laska: „Selbstermächtigung“), 8.4. Die Erweiterung des laska‘schen neuaufklärerischen Kognitiv-affektiv-Kernsatzes um das Leibliche, 8.5.1. Laskas Flucht vor dem horror nihili in die „Prophylaxe“, 8.5.9. Laskas Ich-Schwäche treibt ihn zur Negation des irrationalen Über-Ichs der „anderen“ und noch weiter in die Pseudosozialität und weg von der Individualität in die philosophische Anthropologie anstatt in die phänomenologische Philosophie. Die philosophische Herangehensweise an Selbstermächtigung läuft jetzt unter „ferner liefen“, ist mit Laskas Mitteln endgültig gescheitert, 8.5.10. Laskas Rückzug in den philosophischen Elfenbeinturm als Ausdruck der Flucht vor sich selbst und des Ich-Verlusts. Letzte Ich-Äußerung (siehe das „Pfeifen auf dem letzten Loch“ im II. Teil dieses Buches, 8.5.11. Laskas Ausweichen in die Theorie – seine Kontroverse mit Fritz-Erik Hoevels um die „Praxis“

[11] https://www.facebook.com/walter.graf.33886/posts/pfbid0wnqGR2xD5iqZapeHB6YP63kJuyHcHXQ5pYmhgVeMMnviNRSvCo4Cn89g2ygkbNihl

[12] https://www.facebook.com/walter.graf.33886/posts/pfbid0n7No27z94amdfVyWzSjheBy83fkWYUNeRz8tRWNEToGrbxEvjWY8hnh6wPUuz2i1l

[13] Robert Donington: Richard Wagners Ring des Nibelungen und seine Symbole, London 1974, deutsche Übersetzung Stuttgart 1978, S. 9
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