Todesnähe und Tod, Hoffnung und Angst


Todesnähe und Tod, Hoffnung und Angst (zwei Träume)
aus dem Buch “Peter Töpfer, Gedichte 1977 – 2005. Mit Gouachen von Hanne Pfiz-Soderstrom”, S. 138 – 142

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Todesnähe und Tod, Hoffnung und Angst 

I. 

Ich ließ mich – wie ich es schon oft getan habe – in einem Schwimmbad auf den Grund sinken – in Richtung des Grundes. Ich mache das gern: Es gibt mir das Gefühl, daß ich mich zwar dem Abgrund nähere bzw. mich ihm ausliefere, dann aber doch – durch den dann da seienden Grund – vor dem Abgrund gerettet werde. 

Meist habe ich, wenn ich immer tiefer sinke, nur noch sehr wenig Luft; es reicht gerade so, um wieder aufsteigen zu können. Es ist ein Spiel auf des Messers Schneide – ein Spiel mit dem Tod –, denn ich rechne fest mit dem festen Grund, der irgendwann auftaucht und meine Füße berührt. Dann drücke ich mich energisch an ihm ab und rette mich nach oben. 

Es gibt einen recht guten Film – „Im Rausch der Tiefe“ („Le Grand Bleu“) von Luc Besson –, wo die Rekord-Tieftaucher auch bis zum Limit gehen und, je tiefer sie tauchen, entsprechend schnell an die Wasseroberfläche zurück müssen. 

Nun sank ich und sank – und verlor dabei aber die Kontrolle: Ich hatte mich verkalkuliert; etwas Unvorhersehbares passierte. Der Grund war zwar da – ich sah ihn unterhalb um mich herum –, aber senkrecht unter mir, wo ich hätte auf ihn treffen sollen, da war plötzlich eine Kuhle, eine Bodenaussparung: Der Grund war dort noch tiefer. Es befand sich dort ein mit Gittern versperrter Abfluß. Man hat schon davon gehört, daß dort Taucher festgesaugt wurden und umgekommen sind. 

Bis dahin sank und sank ich – zwar mit Risiko, aber planmäßig, kontrolliert –, doch mit einem Male sank ich über das Limit hinweg, sank ich tiefer, als es vorgesehen war. 

Ich geriet in Panik. Ich wartete nun nicht mehr (wie gewöhnlich) ab, bis ich am Grunde – am Grunde des Loches im Grunde – ankam. Ich wußte, daß ich es bis dahin und von dort zurück nicht mehr nach oben schaffen würde. Ich entschied mich dafür, nun sofort den Rückweg nach oben anzutreten, nur schwimmend, also ohne den fest einkalkulierten Abstoß vom Beckenboden. 

Durch diesen Abstoß kann man sehr schnell etliche Meter auf dem Weg zurück an die Luft gewinnen, weswegen er bei diesem Spiel mit dem Tode so ungeheuer wichtig, ja entscheidend ist. Wenn man sich nicht vom Boden abstoßen kann, hängt man im Wasser, ohne wieder wirklich nach oben voranzukommen. Man muß sich für wenig Strecke enorm abmühen. Erst muß der Fall gestoppt werden, und nur langsam kann man in die Rückwärts- bzw. Nach-oben-Bewegung übergehen.  

Man kämpft sich durch das Wasser, kann sich nicht an ihm abdrücken, es entweicht einem unter den Händen und Füßen, man stößt fast ins Leere.  

So hing ich nun mitten im tiefen Wasser: der Boden ein Meter unter mir (zu weit, um mir von ihm helfen zu lassen) und die Wasseroberfläche (das Helle, die Luft, das Ziel, die Rettung) weit weit über mir – etwa 20 Meter. Zu weit… 

Ich wußte: Es ist ernst, sehr ernst. 

Eigentlich wußte ich, daß ich es nicht schaffen würde: Ich hatte bereits so gut wie keine Luft mehr in den Lungen. Ich hatte den Bogen überspannt, war auf die andere Seite der Schneide des Messers gerutscht… Ich wußte, daß ich hier unten bleiben, daß ich sterben werde. Ich dachte: Das ist jetzt kein Spaß mehr, kein Provozieren der Gefahr, kein Spiel mit dem Tod mehr, nein, das ist jetzt todernst, das ist der Tod. 

Es gab aber einen winzigen Funken Hoffnung, und auch einen Funken Willen, Lebenswillen, es trotz des Wissens um meinen Tod doch noch zu versuchen, alle meine Kraft aufzuwenden, die kaum zu bewältigende Anstrengung ohne Luft zu vollbringen. 

Ich trat den Aufstieg an. Über mir schwammen meine Schwester und meine Schwestertochter. Wie seltsam die Vorstellung, daß sie da oben mit dem Kopf in der Luft schwammen, wo ich doch hier unten in der Hölle gefangen war! Wie seltsam, daß sie nicht mein tödliches Problem hatten; wie seltsam dieser Kontrast von Leben und Tod! 

Ich wollte auch da oben sein! Was machte ich nur hier unten?! Was habe ich angestellt? Ich gehörte doch auch da hoch! Das Leben und der Tod waren so nah beieinander, und doch war ich so weit, zu weit vom Leben entfernt. 

II. 

Ich trat in ein Badezimmer, es war in der Wohnung unserer Familie. 

Doch sofort, mit einem Male, kam es! Unvermittelt war da Folgendes: Ich lag tot in der Badewanne! 

Es war ich, der in das Badezimmer trat, aber es war auch unzweideutig ich, der dort tot in der Badewanne lag! 

Ich kapierte es nicht sofort, daß derjenige – daß ich tot war. Ich sah es zwar – ich sah, daß ich regungslos, schlaff und mit dem Kopf unter Wasser lag; ich sah, daß ich also nicht mehr am Leben sein konnte, ich sah, daß es sich um mich handelte –, aber ich begriff es nicht sofort. 

Dann begriff ich es. Ich begriff, daß hier etwas Endgültiges vor sich ging bzw. – schon vor sich gegangen war… Aber ich hatte, wie im Schwimmbad einige Tage zuvor, auch hier noch – obwohl es nun endgültiger war, obwohl ich mir sagen mußte, daß hier nichts mehr zu machen sei – Hoffnung, irgend etwas tun zu können, vielleicht eine Rettung vornehmen zu können. 

Das Rätsel der nicht endenden Hoffnung. 

Ich stürzte mich also in Richtung Badewanne. Alles geht zu langsam!, wie in Zeitlupe, so als ob man sich durch die Luft kämpfen muß, als ob die Luft einen zu großen Widerstand hat, den man überwinden muß, als ob man sich an der Luft abdrücken, abstoßen, die Luft ergreifen und sich an ihr entlang vorwärts ziehen müsse… Das ist extrem frustrierend, noch frustrierender als im Wasser, das ja noch einen gewissen Widerstand zum Abdrücken bietet. 

Wie sonderbar es war, daß ich es mit mir zu tun hatte, der – mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit – tot war! Ob er, ob ich wirklich ganz und gar tot war, hing davon ab, seit wann er, seit wann ich unter Wasser lag. 

Wie höchst sonderbar! Ich war wie jemand anderes und hatte den Reflex, mir zu helfen, mich zu retten, wie ich auch jeden anderen hätte retten wollen. Aber gleichzeitig war ich ganz allein mit mir: Niemand war da, nur ich selbst konnte mich retten, alleine. Ich hatte ein rührendes, ein brüderliches, ein niedliches, ein kindliches, ein unverstelltes Gefühl des Mitleids und der Liebe mit mir und für mich. 

Das alles fühlte ich, bevor und während ich eine höchst eilige Rettungsaktion durchführte. Es waren endlos dauernde Hundertstelsekunden, in denen ich mich an die Wanne und über die Wanne und an mich herankämpfte. Ich ergriff den toten Körper, mich, zuerst am Kopf, am Schopfe, hob ihn an, zog ihn, zog mich hoch an die Oberfläche. 

Ich war total tot. Aber trotzdem – eigentlich völlig unbegründet – hatte ich immer noch eine ganz leise Hoffnung, eine im Grunde irre Hoffnung, daß ich mich noch retten, mich selbst beatmen könnte. 

Also tat ich alles, um diesen Körper so schnell wie möglich aus der Badewanne herauszuholen. 

Er war naß und glitschig. Ich packte ihn, ich packte mich am Rücken, griff in die Haut, als wenn es eine Kleidung wäre, an der man jemanden besser fassen kann. Mir gingen – am Scheideweg zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, zwischen Leben und Tod – die bangesten Gedanken durch den Kopf: Seit wann war er, war ich dort in der Badewanne schon unter Wasser gelegen? Seit wann war er, war ich schon tot gewesen?! Davon hing alles ab. Alles war außer meiner Macht, ich selbst habe nicht gesehen und nicht mitbekommen, wann er, wann ich in die Wanne und das Wasser hinab gesunken bin. 

Bestand überhaupt noch Hoffnung?! 

Ich sagte mir: Egal! Und packte und zerrte und wollte ihn anheben, herausheben. 

Ich befürchtete oder wußte, daß es zu lange her sein würde, daß Wiederbelebungsmaßnahmen keinen Sinn mehr haben würden. Und doch hatte ich immer noch eine sehr leise, eine unerklärliche Hoffnung. 

Dieses überaus sonderbare und nicht zu fassende Phänomen der nicht sterben wollenden Hoffnung!… 

Ich freute mich, daß ich ihn an seiner, mich an meiner Haut packen und herausziehen konnte. Ein Erfolg! Ich dachte dabei: Hat es also auch seine Vorteile, wenn man älter wird und die Haut schon fett und schlaff ist. 

Aber das Herausziehen war trotzdem alles andere als einfach, weil ich recht schwer war. Zieh’ mal so einen Kerl mir nichts dir nichts und an der nackten Haut aus der Badewanne, der tot und irgendwie doppelt schwer ist und überhaupt nichts mehr beitragen kann zu seiner Errettung! 

Der sich einfach total gehen läßt bzw. der – schon total gegangen ist… 

Ich hatte ihn etwas aufgerichtet, sein Kopf hing schlaff nach unten auf seine Brust, das Gesicht wohl noch im Wasser, ich sah es nicht, weil ich an seinem, an meinem Rücken zu schaffen war, wo ich ihn weiter packen mußte, damit er, damit ich mir nicht wieder wegglitte und zurück ins Wasser rutschte. Aber ich konnte bereits an einer zweiten, an seinem Rücken weiter unten befindlichen Stelle anpacken. Auch dort freute ich mich, daß ich seine, daß ich meine Haut recht gut in den Griff bekam. Wenigstens das! 

Ich packte ihn, ich packte mich also etwa oberhalb des Hinterns und konnte ihn, konnte mich weiter heraushieven. Inzwischen mußte auch, so sagte ich mir, der Kopf außer Wassers sein. 

Schließlich bekam ich ihn, bekam ich mich aus dem Wasser gezerrt, zog ihn, zog mich über den Badewannenrand, und ich muß, er muß wie ein toter Fisch in einer Fischfabrik – wenn auch weniger fest als ein Fisch – auf den Badezimmerboden geflutscht und heruntergefallen sein. Das bekam ich nicht richtig mit. 

Ich ging zur Beatmung über. Ich hatte höchste Eile, aber gleichzeitig war alles wie in Zeitlupe. Als ich für die Beatmung einatmete, dachte ich bei mir: Nein, dieser Atemzug reicht noch nicht; atme mehr ein! Ich stellte regelrechte Überlegungen an: Du mußt mehr einatmen; es muß so viel Sauerstoff wie möglich in seine Lungen und sein Blut gelangen! Atme mehr, damit der Sauerstoffanteil in der Beatmungsluft größer wird! So ähnlich wie es sich ein Betrunkener denkt, wenn er in eine Alkoholkontrolle der Polizei gerät und, bevor er in das Meßgerät pustet, so tief wie möglich Luft in der Hoffnung einatmet, das würde den Alkoholanteil verringern.  

Zuvor, bevor ich ans Beatmen ging, dachte ich, daß seine, daß meine Lungen voller Wasser sein müssen. Wie kriege ich dieses Wasser dort heraus? Das ist eine Frage, die ich mir, als ich die Beatmung und die Wiederbelebung erlernt habe, auch immer gestellt habe. Ich erinnerte mich, daß die Geretteten, wenn sie beatmet werden, das Wasser erbrechen, und daß dann erst die richtige Beatmung erfolgen kann. Man müsse also erst einmal vorbeatmen, damit etwas Luft durch das Wasser in den Lungen durchdringen, bereits auch in die Blutbahn gelangen kann und dort das Gehirn in Aktivität versetzt, was zu einem Erbrechen des Wassers führt. Ich dachte: Wie auch immer – das Wasser muß ganz einfach durch Luft verdrängt werden. 

Ich holte also tief, tief Luft, beatmete mich und ließ die Luft in mich einströmen. Ich als Retter mich als Toten. 

Dann geschah das noch Eigenartigere, dann geschah etwas sehr Seltsames: Ich merkte, wie die Luft in mich einströmte! Und zwar nicht in mich als zu Rettenden, sondern in mich, den Retter. Mein Ich-Bewußtsein, das am Anfang des Luftströmens noch beim Toten-Ich überwog, ging nun auf das Retter-Ich und das Träumer-Ich über. 

Denn ich wußte, daß ich träume; gleichzeitig träumte ich, und zwar wie ich mir selber, um mich zu retten, Luft einatmete. Aber dieses Lufteinatmen, das merkte ich auch selber in mir! 

Eigentlich logisch, denn ich war ja beide Ichs. Es war aber trotzdem sehr seltsam, wie ich die Luft plötzlich in mir – an dieser Stelle den Retter und Träumer – einströmen fühlte! Das hätte doch der Tote, das tote Ich fühlen müssen! An der Stelle schienen sich beide Ichs zu vereinen.

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