Weiteres zu Vergleich und Verhältnis Psychotherapie – Tiefenwahrheit. Aktuelles Anti-Entfremdungs-Bemühen vs. Entfremdungs-Prävention


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Das psychotherapeutische Paradigma sagt: Die Mutter-Kind-Beziehung ist von zentraler Bedeutung; wird diese zerstört und fließt dort keine Liebe, hat das unermeßliche Konsequenzen; die Beziehungsfähigkeit und die Person selbst wird dann für den Rest des Lebens zerstört. 

Bei der Arbeit am Institut für Tiefenwahrheit (IfTW) wird diese Problematik aus der Perspektive der zerstörten Person dargestelltBei der Arbeit am Institut für Tiefenwahrheit (IfTW) wird diese Problematik aus der Perspektive der zerstörten Person dargestellt – und zwar aus einer nicht-psychotherapeutischen Perspektive –, die, seit die Bindung ausgeblieben ist, „nicht mehr da ist“ und die das Elend aber beenden möchte und wieder da sein, anders gesagt: wieder lebendig und sie selbst sein möchte. 

Das Konzept „Tiefenwahrheit“ leistet auf dem Weg des Umgangs mit Existenzzerstörung und deren Rückgängigmachung einen neuen Beitrag. In diesem Konzept ist es die Wahrheit, die quasi als roter Faden zur verloren gegangen Person zurückführt. Nur reicht auf diesem Weg das, was allgemein unter Wahrheit verstanden wird – nämlich das Verbale – nicht aus. Da die Zerstörung die ganze Person betrifft, also vor allem das Gefühls- und Instinktmäßige, muß die Wahrheit nicht nur gesagt und ausgesprochen werden, sondern auch ganz und gar gefühlt, also um das Gefühlsmäßige erweitert, sprich: vertieft werden. Nur dann – das liegt auf der Hand – können die Gefühle, kann die Lebendigkeit, kann also die ganze Person wieder zurückgewonnen und ein Sinn im Leben gefunden werden. Es muß wohlgemerkt gefühlt und nicht etwa über Gefühle gesprochen werden. 

Mit dieser alleinigen Fokussierung auf die Wahrheit wird das psychotherapeutische Paradigma verlassen. Tiefenwahrheit ist keine Therapie und hat keinen Zweck, also auch kein therapeutisches Ziel. Sie hat streng genommen gar kein Ziel – ihr Gegenstand ist ausschließlich die gegenwärtige und unmittelbare Wahrheit. 

Aber das Annehmen der tiefen Wahrheit und das Fühlen tiefster Gefühle hat natürlich Wirkungen… Und diese können denen einer guten Psychotherapie ähneln. „Gut“ heißt in diesem Zusammenhang: eine Therapie, in deren Rahmen das Annehmen der tiefsten existentiellen Wahrheit möglich ist. Tiefenwahrheit ist so gesehen die Schnittmenge und Quintessenz jener Teile sämtlicher psychotherapeutischen Schulen und Methoden, die dafür sorgen, daß der Klient seine tiefste Wahrheit aussprechen, fühlen und annehmen kann. Jegliche Psychotherapie ist in dem Maße sinnvoll, als sie den Klienten dazu ermutigt und ihm gestattet, er selbst zu sein bzw. zu werden. 

Und so mögen dann auch in der Tiefenwahrheit – um in der therapeutischen Sprache zu bleiben – Verschmerzungen stattfinden. Der Ermöglichungsraum für Verschmerzung erweitert sich sogar durch ausschließliche Fokussierung auf die tiefe Wahrheit. Aber Verschmerzung ist nicht das Ziel von Tiefenwahrheit. – Darin liegt keine philosophische, esoterisch-paradoxale Spitzfindigkeit; es ist tatsächlich so, daß Veränderung die Ziellosigkeit und das bedingungslose Anerkennen der Wahrheit zur Voraussetzung hat. Trotzdem wird es ein Motiv geben, sich der Tiefenwahrheit zu öffnen, und das kann nur in der Verbesserung eines Zustandes liegen, stellt somit sehr wohl ein – Ziel dar. Tatsächlich ist die Tiefenwahrheit nur an Veränderung interessiert, nur am Abfall alles Nichtigen und Falschen; alles andere ist für sie nur Laberei. 

Die paradigmatische Entwicklung von Psychotherapie hin zur Teifenwahrheit hat sich organisch und zwangsläufig aus Therapieerfahrungen ergeben. Die Tiefenwahrheit setzt das fort, was oben als Schnittmenge bezeichnet wurde. Das Bemühen, wieder man selbst zu werden und zu sein, wird also aus dem therapeutischen Paradigma herausgeholt und im eher Philosophischen bzw. Post-Philosophischen angesiedelt. Warum „Post-Philosophie“? – Weil zwar im Philosophischen eine durchaus richtige Herangehensweise liegt (sich in der Welt betrachten), aber das Philosophische sträflich auf das Intellektuelle beschränkt ist, woraus niemals ein In-der-Welt-Sein erwachsen kann. Aus dem Denken allein erwächst keine Veränderung. 

Aber auch mit Tiefenwahrheit wird Verschmerzung – und damit Wiederherstellung der Person – nie zur Gänze geschehen können. Hier kommt das Thema „Prävention“ ins Spiel, das im psychotherapeutischen Paradigma von Bedeutung ist. 

 

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Wilhelm Reich, der im Bemühen, das existentielle Elend zu beenden, eine wichtige Etappe darstellt und in diesem Fortschritte erzielt hat, kommt am Ende seines Lebens zu dem Fazit, daß nur Prävention möglich sei und daß nur noch in der Gestaltung der Mutter-Kind-Beziehung sinnvoll gewirkt werden kann. Die Person des ehemaligen Kindes aber, d.h. die der erwachsenen Person – die ja dieselbe ist –, sei nicht wieder herzustellen, so wie ein krummgewachsener Baum nicht mehr gerade werden kann.    

Das wichtigste Gebiet der Prävention von Entfremdungen ist die Geburtshilfe. Die Leistungen von Frédéric Leboyer und Michel Odent beispielsweise können gar nicht hoch genug bewertet werden: Jedes Kind, das davon profitiert hat und auf sanfte, die liebevolle Bindung mit der Mutter nicht verlierende Weise geboren wurde, kann sich nur glücklich schätzen. Aber es ist ein unfaßbarer Skandal, wie die Arbeit der beiden genannten am Ende eben doch keine prinzipielle Wende bewirkt hat und sich die Geburtspraxis heutzutage in der Breite eben doch nicht wirklich von der vor 50 Jahren unterscheidet. (Analog muß ja gleiches auf dem Gebiet des Umweltschutzes festgestellt werden, wo ebenfalls von Pionieren großartiges geleistet wurde, aber trotz 40-jähriger Existenz einer sog. Grünen Partei – und dem angeblichen Eindringen derer Inhalte in andere politische Richtungen – immer noch Gifte auf unsere Felder ausgeschüttet werden.) 

Prävention scheint ein ebenso schwieriges Unterfangen zu sein wie die die Wiedergewinnung von verloren gegangenen Persönlichkeitsanteilen. Es sieht so aus, als müßten jetzt beide Flinten ins Korn geworfen werden – auch die Prävention könnte sich am Ende als vergeblich herausstellen –, und daß der Reich’sche Pessimismus in absolute Hoffnungslosigkeit münden müsse. 

Die Tiefenwahrheit setzt jetzt an, auf beiden Gebieten einen Fortschritt zu bewirken und zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Ist es nicht so, daß nur die Verschmerzung der Schäden auf ganz individueller Ebene uns wieder zu fühlenden Personen macht, die allein Kindern keine unnötigen Schmerzen mehr zufügen können? Läge darin nicht eine Prävention ganz ohne Präventionsabsicht? Und hat es nicht im Rahmen von Psychotherapie unleugbare Fortschritte auf dem Gebiet der Verschmerzung gegeben? Warum soll es mit solchen Fortschritten – gleich, in welchem Paradigma – nicht weitergehen? 

Der Reich’sche Pessimismus ist scheinbar objektiv, bei genauerem Hinsehen aber in Reichs persönlicher Entwicklung begründet. Zurecht verweist Arthur Janov darauf, daß Optimismus und Pessimismus als Grundeinstellungen einer Person sich nur in den seltensten Fällen aus realistischen Einschätzungen der Lage ergeben, sondern aus der persönlichen Erfahrung in der Prägungszeit. Wegen dieser Persönlichkeitsprägung konnte selbst Wilhelm Reich – bei aller Radikalität – zu seiner Zeit nicht weit genug gehen. Er konnte seine Traumata am eigenen Leib nicht genügend lösen. Die Ungeheuerlichkeit des Urschmerzes konnte selbst ein Wilhelm Reich nicht ertragen. Entsprechend hat er in seiner psychotherapeutischen Praxis den Schmerz seiner Patienten umgangen. (Diese Dimension des Urschmerzes und seiner Zulassung ist durch Arthur Janov errungen worden.) Statt dessen ist er auf Nebenschauplätze ausgewichen. Trotz „funktionaler Identität“ wurde der Körper in seiner Abspaltung vom Denken zum Fetisch. Reich hat seine Patienten dazu gebracht, ihre Körper als Objekte zu sehen und damit deren Subjekte geschwächt. Durch Fokussierung auf die Wahrheit hätte er mehr das Subjekt stärken und die Entfremdung abbauen können. Außerdem hat Reich seine Patienten in Momenten auf die Sexualität verwiesen, wo dies fehl am Platz war: Verschmerzungen von tiefen, in der frühen Kindheit geschehenen Traumata haben nichts mit Sexualität zu tun; Neugeborene haben keine Sexualhormone. Auch damit hat Reich seine Patienten von sich weg und in die Irre geführt. Reich war zu manipulativ – er hat buchstäblich mit seinen Händen zu sehr eingegriffen. Er hätte stattdessen seine Patienten einfach nur ermutigen müssen, ihre Gefühle und Gedanken fließen zu lassen – selbstverständlich mit den entsprechenden körperlichen Begleiterscheinungen –, wie sie sich nun einmal ihrer eigenen Wahrheit gemäß manifestieren – bzw. manifestiert hätten. 

Das mindert nichtsdestotrotz Reichs Leistung und Rang in einer gewissen historischen Entwicklung, nämlich der des fortgesetzten Bemühens um weniger Entfremdung, um Stärkung und Belebung des Subjekts. Reich war ein großartiger Pionier und ließ seine Patienten sich trotz alledem in einem bis dato unbekannten und unerhörten Ausmaß ausdrücken und Kontakt mit ihren Instinkten aufnehmen. Und Reich hat wesentlich dazu beigetragen, daß durchaus ein gewisses Klima erzeugt wurde, das in gewissem Maße präventiv in bezug auf Entfremdungsentstehung wirkte.  

 

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Wie dem auch sei, die Tiefenwahrheit hat keinerlei Präventionsambitionen. Sie will trotz aller Schwierigkeiten eine gewisse Bemühungstradition fortzusetzen und weiter daran zu arbeiten, daß der Rahmen des Möglichen offen gehalten und erweitert wird, wenn es darum geht, daß ein Einzelner seine Würde als lebendige Schöpfung in seiner ganzen kosmischen Tiefe wiederfinden kann. Mit diesen Attributen soll aber eben nicht von der „einfachen“ und nackten Wahrheit der irdischen Existenz eines jeden abgelenkt und in die Esoterik abgedriftet, sondern nur die existentielle Dimension umschrieben und betont werden. Jeder sollte, wenn er das möchte, die Möglichkeit haben, sich vollständig wiederzufinden und die Einheit seiner Person in ganzer Tiefe wiederherzustellen.

Auf diesem Gebiete nun geht die Tiefenwahrheit einen neuen Weg, den sie in verschiedener Form darstellt: 

Einmal als Buch („Die Wahrheit – sie sagen und in ihr leben“, 2006). (1)

Dann in Form von Kunstwerken: Vertonungen von sog. Stunden der Tiefenwahrheit (Post-Passionen). (2) 

Und es gibt eine Internetpräsenz: www.tiefenwahrheit.de. 

Schließlich wendet sich das Institut für Tiefenwahrheit nun verstärkt der Herstellung von Videos zu. (3)  

Die Videos werden in zwei Gruppen aufgeteilt. (4) Mit dem Vorgehen in den Videos soll auch an die Wissenschaftler mit ihren Selbstversuchen erinnert werden. Darüber hinaus stellen die Videos eine Fortsetzung von Mitteilungen z.B. eines Sören Kiergegaard oder eines Friedrich Nietzsche mit anderen Mitteln dar. Das 21. Jahrhundert hat nicht nur andere Medien (Richard Wagner z.B. hätte sicher das Medium Film benutzt), sondern sollte auch inhaltlich Fortschritte bringen. Warum sollten Reflexionen im Rahmen einer Therapie-Stunde, die sich mit Gefühlen abwechseln oder verbinden und von diesen gespeist sind, einen geringeren philosophischen Wert haben als Schriften? Eine einzige gute Psychotherapiesitzung – bzw. eine Stunde der Tiefenwahrheit – hat mehr Inhalt als ganze Bände voller Philosophie. Man rühmt die Tiefe oder sogar „Abgründigkeit“ mancher Philosophen, aber wenn es tatsächlich in die Tiefe geht, erlischt das Interesse des philosophischen Publikums schlagartig. (5) 

In den letzten Videos wird angedeutet, was in nächster Zukunft ausgebaut wird: die konkrete Darstellung von Verschmerzungsprozessen in besagten Stunden der Tiefenwahrheit. In einer ersten Serie wird exemplarisch das Schicksal eines zerstörten Menschen, nämlich Friedrich Hölderlins, gezeigt. (6) Dies wird aber mit entsprechenden Verschmerzungen kontrastiert, wie sie sich – wiederum exemplarisch – aus der Biographie des Direktors des Instituts für Tiefenwahrheit ergeben. Es soll veranschaulicht werden, wie Hölderlin auf seine Weise mit der Problematik seiner Existenz und deren Zerstörung umgeht, dabei Neuland betritt, aber entsprechend des historischen Standes begrenzt war. Wie hätte er – im Lichte des heutigen Bewußtseins – anders verfahren müssen? Wie hätte er sich retten können? 

22.7.20

(1) http://tiefenwahrheit.de/buch/

(2) Post-Passionen auf Youtube: https://www.youtube.com/playlist?list=PLwiMfvtPR40slFMLtg8FYxbSHmGNI8h6e; CDs zu kaufen: http://faultierfarm.net/produkt-kategorie/cds/

(3) Youtube-Kanal des IfTWs: https://www.youtube.com/channel/UCitrpXABSS7O4F2Lv5r_zxQ

(4) Siehe „Zur weiteren Arbeit am Institut für Tiefenwahrheit“: http://tiefenwahrheit.de/blog-aktuelles/zur-weiteren-arbeit-am-institut-fuer-tiefenwahrheit-12-juli-2020/

(5) Siehe dazu auch: „Was ist Post-Philosophie? Was ist Tiefe?“ http://blog.peter-toepfer.de/was-ist-post-philosophie-was-ist-tiefe/

(6) Drei Teile aus der insgesamt 7-teiligen Reihe „Hölderlin, Post-Philosophie und Tiefenwahrheit“:
Teil 2: Psycho-biographischer Hintergrund: https://youtu.be/fJ3iNReVPmU
Teil 3: Flucht aus Krampf & Zwang der Philosophie: https://youtu.be/YnWCho-Ghj4
Teil 4: Wiedervereinigung von Geist & Gefühl in Aktion: https://youtu.be/V0_cqYt4img