Was ist Wahrheit?


Auszug aus dem Buch „Die Wahrheit – sie sagen und in ihr leben“ von Peter Töpfer

In einem Buch über die Wahrheit sollte eine Bestimmung des Begriffes „Wahrheit“ nicht fehlen. Ich wollte diese Begriffsbestimmung an den Anfang dieses Buches stellen, meinte dann aber, die ziemlich trockene Theorie könnte ermüdend auf Sie wirken. Bitte überspringen Sie dieses Kapitel, wenn sich nach dem bisher Gesagten eine Definition von Wahrheit für Sie erübrigt hat. 

Reine Wahrheit ist die Gesamtheit der Informationen, die ich, auf direkte Weise und ohne daß sie verändert würden, aus mir und aus der Welt erhalte. Die Informationen aus meinem Inneren sagen mir, was ich brauche, was meine Bedürfnisse sind. Die Informationen aus der Welt sagen mir, was ich bekommen kann; sagen mir, was mir die Welt zur Verfügung stellt, damit ich meine Bedürfnisse befriedigen kann; sagen mir, was in der Welt von dem, was ich brauche, zu haben ist. Diese Informationen laufen in mir zusammen, in meinem Gehirn oder meinem Ich. 

Wahrheit ist also überall da, wo etwas gebraucht wird, wo ein Ding verschieden ist von einem anderen: wo ein Ding etwas hat, was das andere nicht hat; wo Dinge voneinander etwas brauchen; wo es einen Austausch gibt, der aufgrund eines Gefälles zustande kommt: Das eine nimmt, und das andere gibt. Eins will und braucht das andere: So kommen die Dinge zusammen. Dinge können es genau so gut brauchen, etwas zu bekommen wie etwas abzugeben. Am schönsten ist es, wenn das Ding, das etwas geben will und muß, auf ein Ding trifft, das genau dieses Etwas nehmen will und muß; wenn das, was jemand anders von einem haben will, genau das ist, wovon man träumt, daß man es ihm geben kann – wenn man gar nicht mehr zwischen Brauchendem und Gebrauchtem unterscheiden kann und alles eine Einheit bildet. Das ist dann Liebe. 

Was nehme ich wahr? Was wird und ist Wahrheit? – Nur das, was ich brauche. Was ich nicht brauche, nehme ich nicht wahr. Auch wenn ich es brauche, etwas zu geben, habe ich eine Wahrheit: Ich weiß, daß ich jemand finden muß, der es braucht, das zu nehmen. 

Also hat jede Pflanze z.B. eine Wahrheit; auch die Biene, die etwas von der Blüte nimmt. Überall da ist Wahrheit. Wenn die Biene nicht mehr weiß, daß sie zur Blüte will und muß, wenn sie also keine Wahrheit mehr hat, gibt es sie bald nicht mehr als Teilnehmerin von Austausch, gehört sie nicht mehr zu den Dingen, die sich gegenseitig brauchen. Zum Wissen, zum Bewußtsein und zur Wahrheit gehören – vor allem – die Instinkte

Die Blüte braucht die Biene: Die Biene soll und muß ihr etwas nehmen. Nimmt sie es nicht, leidet sie Spannung und Schmerz. Bei domestizierten Tieren ist es am auffälligsten: Wenn die Ziege oder die Kuh nicht gemolken wird, geht sie zugrunde. Dann gibt es im Stall keine Wahrheit mehr.

Wenn die Biene noch weiß, was sie will – nämlich zur Blüte –, ihr aber der Zugang zu dieser verwehrt ist, weil etwa die Blume in einem Gewächshaus hinter Glas steht, dann verschwindet eine Wahrheit aus der Welt, nämlich mit der Biene, die nicht mehr ihren Hunger stillen kann und dann nicht mehr da ist. Sie war dann gewesen bzw. ist tot. 

Zur Wahrheit gehören des weiteren die Informationen, die den Bereich zwischen mir und der Welt betreffen, die mir sagen, wie ich an die Dinge der Welt, die ich brauche, herankomme. Denn ohne dieses Wissen nützen mir all die schönen Dinge, die in der Welt sind, nichts. Das betrifft also die Mittel und Werkzeuge, mittels derer ich an das komme, was ich brauche.

Die Wahrheit findet im Zusammenspiel von einerseits der Welt und den Sinnesorganen einer Person und andererseits zwischen den Sinnesorganen und dem Sinneszentrum der Person, dem Gehirn, statt. Dieses Zusammenspiel geschieht mittels der Nerven. 

Die Nerven übermitteln Bedürfnisse, Interessen.

Nur ein solches Zusammenspiel ist die Wahrheit. Die Informationen aus der Welt können für viele ziemlich die gleichen sein, aber eine Wahrheit entsteht erst dort, wo diese Informationen aufgrund eines Interesses im Gehirn des Interessierten ankommen. Da jedes Gehirn einzigartig ist, gibt es also nur subjektive Wahrheit: die Wahrheit einer einzelnen Person: das Gefälle zwischen meinem Kern (dem Gehirn) und dem Rand (meine Sinnesorgane). 

Aber Wahrheit ist auch immer nur dann da, wenn es eine Spannung gibt zwischen dem Augenblick, wo ich etwas brauche, und dem Augenblick, wo ich es bekomme. Nur dann fließen jene Informationen zwischen meinem Ich und meiner Peripherie und zwischen meiner Peripherie und der Welt. Wenn diese Spannung nicht da ist, ist auch keine Wahrheit da.

Wahrheit ist nichts als reine Subjektivität. Es gibt keine Wahrheit jenseits eines Interesses, eines Wollens, also eines Dinges, das Interesse und Wille hat: jenseits irgendeines Subjektes. Da, wo dieses Ding – diese Person – nicht da ist, da will auch nichts etwas, und nichts wird erkannt als das, das diese Person haben will. Was erkannt ist, wird in diesem Subjekt zur Wahrheit. 

Die sog. objektive Wahrheit kann immer nur eine Überschneidung von mehreren subjektiven Wahrheiten sein und müßte eigentlich „gemeinsame Wahrheit“ oder „geteilte Wahrheit“ heißen. 

Eine Prüfinstanz für Wahrheit wie die Nerven eines Einzelnen, die ihm sinnlich wahrnehmbare Signale davon vermitteln, was wirklich da ist und was nicht, was also wahr ist und was nicht, gibt es für Menschengruppen nicht. Höchstens können siamesische Zwillinge, die eine Anzahl Nerven gemein haben, teilweise eine gemeinsame Wahrheit haben. 

„– Wer ist diese Person, die Ihr ‚Alle’ nennt?
– Es ist die ‚Gesellschaft’!
– Ist sie denn aber leibhaftig?
Wir sind ihr Leib!
– Ihr? Ihr seid ja selbst kein Leib; – Du zwar bist leibhaftig, auch Du und Du, aber Ihr zusammen seid nur Leiber, kein Leib.“
(Max Stirner)

Die Wahrheiten können sich aber zum Teil stark ähneln. Das hängt davon ab, wie weit die äußere Welt eine gemeinsame Umwelt für verschiedene Subjekte darstellt und wie weit sich das Innere dieser Subjekte ähnelt. Überschneiden tun sich jedoch nur die Widerspiegelungen im Inneren eines jeden von dem, was gebraucht wird. Ich nehme den Fußball wahr, weil ich ihn zum Spielen brauche. Auch Sie nehmen den Ball wahr. Aber nur, wenn Sie Interesse und Spaß am Fußballspielen haben. Nur in unseren jeweiligen Ichen gibt es Wahrheit. Nur zwischen Ihnen und dem Ball und zwischen mir und dem Ball findet ein sinnlicher Informationsfluß statt, und wir rennen beide dem Ball hinterher. Der Informationsfluß in bezug auf den Ball findet nicht zwischen unseren Gehirnen statt. Unsere Nerven werden nicht verbunden. Jeder rennt aus seinem eigenen Bedürfnis dem Ball hinterher.

Wenn die Wahrheit nur subjektiv sein kann, aber ihre verschiedenen Träger sich überschneidende Wahrheiten haben können, so kann in einem gewissen Sinn auch ein Wir Subjekt sein: Die tatsächlichen Subjekte verabreden sich aus sehr ähnlicher Erfahrung und ähnlichem Interesse, aus ähnlicher Wahrnehmung heraus zu gemeinsamem Handeln. Wir beide wissen, daß wir dem Ball hinterherrennen müssen. Und wir beide wissen voneinander, daß wir den Ball wahrnehmen und daß wir den Ball ziemlich ähnlich wahrnehmen. Die Wahrheit dieses kollektiven Subjekts „Wir“ ist dann die sogenannte und eigentlich nicht wirklich existierende objektive Wahrheit. Wir beide sind der Meinung, daß der Ball etwas mehr Luft braucht oder daß er im gegnerischen Tor verschwinden soll usw. 

Wenn die Wahrheit ein Austausch aus Gebrauchtem und Brauchendem ist, gibt es Wahrheit also nur, wo etwas vorhanden ist. Sie ist also nichts Abstraktes oder ein Ideal. Keine blanke Information, keine leere Information. 

Information trägt immer etwas und fließt immer, wird immer ausgesendet oder empfangen: von einem Geber oder einem Nehmer. Ohne Gefälle keine Wahrheit. 

Sie ist immer vom entsprechenden Bedürfnis gefärbt: manchmal geistig, meist gefühlsmäßig, instinktiv, weil die allermeisten Bedürfnisse emotionale und körperliche Bedürfnisse sind.

Die Wahrheit ist stets an etwas konkret Vorhandenes geknüpft, allein gibt es sie nicht. Sie fließt zwischen den einzelnen vorhandenen Dingen – sie kommuniziert. Sie fließt also auch aufgrund von Gefällen in mir zwischen den Teilen, aus denen ich bestehe und die mich als Ganzes bilden. Wenn es nicht fließt, hat mein Kopf eine andere Wahrheit als mein Bauch.

Die Wahrheit kann aber am Fließen gehindert werden, sich stauen und ist veränderbar, kann sich verwandeln. Wenn sie sich verwandelt, verwandeln sich auch die Bedürfnisse. Nur unverwandelte Bedürfnisse und deren Befriedigung und nur die reine Wahrheit können wirkliche Zufriedenheit schaffen.

Die Wahrheit kommt dann zur Ruhe, wenn es kurzzeitig – im Moment der Bedürfnisbefriedigung – zu einem Stillstand kommt. In diesem kurzen Moment gibt es auch keine Wahrheit mehr, weil keine Informationen mehr fließen. Ich erkenne in mir das Bedürfnis und außer mir etwas, was mein Bedürfnis stillt. Wenn ich mir dieses Etwas hole, verlischt diese Wahrheit.

Wenn die Wahrheit wirklich fließt zwischen mir und der Welt und gar nicht mehr in Zusammenhang mit Bedürfnissen gesehen wird, wenn alles instinktiv und wortlos vonstatten geht, bin ich ein Teil der Welt und löse mich in ihr auf. Dann habe ich keine Gedanken mehr, auf gar keinen Fall Gedanken an irgendeine „Wahrheit“. Dann nehme ich nichts mehr wahr. Dann schwimme ich in der Welt und in der Wahrheit und kenne nichts anderes mehr. Dann agiere und reagiere ich nur noch. 

Diesem paradoxen Gedanken begegnen wir immer dann, wenn wir von der Wahrheit als Selbstzweck sprechen. Das Gefühl vom Einssein mit der Welt kann man – aus der Warte dessen, der sich nicht mehr in jenem Fluß und jenem Einssein befindet und aus der Warte der Verzweiflung – als Wahrheit um der Wahrheit willen beschreiben. 

Wenn die Wahrheit nichts Abstraktes ist, dann kann sie eigentlich auch kein Selbstzweck sein, dann kann sie nur im Zusammenhang mit etwas anderem da sein – nicht um ihrer selbst willen. 

Kann sie doch. Erst wenn die Wahrheit Selbstzweck und bedingungslos ist, ist das Gefühl oder das Bedürfnis oder der Fluß tatsächlich voll da. Erst in der Unbedingtheit meines Willens zur Wahrheit, erst wenn ich unbedingt in der Wahrheit leben will, erfahre ich die Zufriedenheit. Denn ich fühle ein Bedürfnis oder ein Gefühl erst dann, wenn ich es wahrnehme, wenn ich ein untrügliches Gefühl habe. Es gibt eine Art Sinn für Wahrheit, und gleichzeitig gibt es ihn nicht, denn was dieser Sinn mitteilt, das ist das Gefühl, das Bedürfnis, sonst nichts. Wahrheit, Gefühl, Bedürfnis und Sinn ist eins. So wie es einen Sinn für Wahrheit und das Richtige gibt, so gibt es ein Sinnesorgan der Wahrheit: das Ich.

Ich kann also einmal nicht mehr sein, indem ich keine Wahrheit mehr habe und kein Bedürfnis mehr befriedige – also ganz tot bin –, und einmal, indem ich die reine Wahrheit habe, d.h. in der vollen Wahrheit bin und alle Bedürfnisse befriedige – also ganz lebendig bin. 

Wenn ich wahr bin, bin ich nicht mehr, denn nur im Ich gibt es Wahrheit.

Im Zwischenbereich nehme ich mich andauernd wahr, befinde ich mich in Spannung, bin ich Teil eines Gefälles: Die Informationen müssen fließen, damit meine Bedürfnisse befriedigt werden. 

Wenn man es nicht nur mal eben braucht, sondern total geil darauf ist, jemandem etwas zu geben, und genau derjenige, dem man es geben will und muß, es nicht nur mal eben braucht, sondern total geil darauf ist, es von Ihnen zu bekommen, wenn Sie jene Einheit bilden – Liebe –, dann hören Sie beide im gleichen Moment auf zu existieren, wo der Austausch stattfindet. Dann kommen alle Bedürfnisse zum Erliegen, und es gibt keine Wahrheit und kein Ich mehr.

So wie ich nur zum Teil lebendig sein kann, so kann ich auch nur zum Teil tot sein. Selbst wenn große Teile meiner Bedürfnisse nicht befriedigt werden, hört mein Herz noch nicht zu schlagen auf. Dann muß ich meine Existenz irgendwie aushalten; dann muß ich permanent mit mir leben und werde mich nie los. 

Was ist Wahrheit?