Kommentar / Inhalt zu Urschmerz 2: die große Verarschung


Ein Junge wird in die Abgehobenheit des Intellos getrieben, driftet in „geistige Höhen“ davon und verliert seine und überhaupt die ganze Wirklichkeit („Realitätsverlust“): ihm ist seine ganze Fleischlichkeit, seine körperlich-männliche Echtheit, seine – wie es Wilhelm Reich sagen würde – Genitalität ausgetrieben worden: die maximale Demütigung.

In dem Moment, wo er dies begreift, kriegt er einen unkontrollierten Schmerz- und Wutanfall – kommt aber auch auf dem Boden der Tatsachen an. Ein wichtiger Schritt in die Post-Intellektualität.  

Urschmerz in bezug auf die GESPALTENHEIT in:
– Souveränität und Ohnmacht,
– richtiges Leben und Abgehobenheit,
– Lebensgenuß und Niedergeschlagenheit,
– Zurück-auf-die-Welt-Kommen und Weltfremdheit,
– echtes, weil gefühltes, Wissen und Verunsicherung,
– Haß gegen die kolossale Entwürdigung der großen Verarschung und Folgsamkeit des Intellos

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Durch viele Stunden der Tiefenwahrheit „erkämpft“ man sich ein Stück normales, richtiges Leben in Freiheit und ohne sinnlose Belastungen: wenn man mit seiner ganzen Person und Kraft da ist und diese Kraft im Leben einsetzen kann, wenn einem all seine Gaben und Fähigkeiten zur vollen Verfügung stehen. 

Die Erinnerung an die vielen Stunden dieses „Erkämpfens“ werden wach, all die Qual und der Schmerz… – aber eigentlich sind es die Erinnerungen an die tatsächliche Qual in längst vergangenen Zeiten. 

„Kampf“ könnte mißverständlich sein, heißt hier nur das Sich-Stellen und das Los-Lassen, natürlich nicht An-Kämpfen gegen die Wahrheit.

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„Im Vollbesitz seiner selbst“ heißt, im Vollbesitz seiner Fähigkeiten zu sein. Dieser Vollbesitz ist ein unbeschreiblich gutes Lebensgefühl von Lebensgenuß; er gibt maximale Sicherheit im In-der-Welt-Sein: man kann alle Aufgaben lösen usw., und zwar auf eine freudige, genießende Art. 

Abwesenheit von Angst. Ruhe und Sich-verlassen-können auf sich selbst.

2:13

Aber es ist nur ein kleines Stück normales, richtiges Leben „erkämpft“ worden – andere, sehr große Persönlichkeitsanteile sind noch vom Anti-Leben, genauer gesagt vom noch nicht verschmerzten Urschmerz bestimmt, stehen dem Selbst nicht zur Verfügung:  

Frustration und Wut über, und Haß gegen diese Gespaltenheit („Schizophrenie“) wird geweckt: Gespaltenheit in befähigte, souveräne und erwachsene Person und unfähige, ohnmächtige, zu Passivität verurteilte, kindische Person. 

Das Kind in dir ist der Zurückgebliebene, d.h. der in den Konflikten der allerfrühesten Kindheit Steckengebliebene. 

Der Haß gegen die Entwürdigung, gegen die Demütigung, gegen die TOTAL-LEBENSVERARSCHUNG, die im Abtöten des echten Selbstes liegt, ist von Verbot bedroht, setzt sich aber dennoch durch. 

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Unfähigkeit, die technischen Aspekte des Alltags zu bewältigen – Stolz auf Fortschritte.

3:13

Das ganze wirkliche Leben und die Befähigung zum Operieren in der realen Welt sind zerstört worden. Die Abgehobenheit, d.h. das Sich-vor-dem-Irdischen-Zurückziehen in eine durchgeistigte, höhere „Welt“ (die keine Welt, sondern die Anti-Welt ist) soll beendet werden.

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Konkretes Beispiel für Abgehobenheit und Zurück-auf-die-Welt-Kommen: Das erfolgreiche Studium einer Bedienungsanleitung für ein technisches Gerät ist ein Erfolgserlebnis. 

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Aber sofort setzt wieder Verunsicherung ein: Ist es gut, daß ich diese technische Aufgabe gelöst habe? Oder bin ich jetzt etwa ein Idiot, wenn ich mich mit solch niederen Dingen befaße (die mir andererseits untrüglich einen Lebensgenuß bescheren)? Muß ich nicht eher doch Intello und im Wolkenkuckucksheim bleiben? Was ist richtig? 

4:20

Bei dieser Fragestellung, die von einem fortgeschrittenen sog. Realitätsverlust zeugt, kommt nicht einmal mehr der Tiefenwahrheits-Begleiter mit: Selbst er, der eigentlich alles versteht, versteht diese Frage nicht. 

4:22

Dies wiederum läßt den Tiefenwahrsager die Entfernung seines Ist-Zustandes vom Soll-Zustand erkennen. Seine totale Abgehobenheit und Weltfremdheit wird ihm schlagartig klar; er erkennt den Verlust seines gesamten Weltbezuges – er erkennt die GROSSE VERARSCHUNG: Er ist von der normalen, richtigen Welt mit richtigen Frauen und richtigen Männern weggerissen und in die Scheinwelt der Nerds und Intellos abgehoben worden.  

Der jetzt gefühlte Urschmerz ist genau der Urschmerz (wo auch immer entstanden – das ist unwichtig), der ihn aus der Welt und in den Himmel (die „geistigen Höhen“) vertrieben hat: er hat es auf dieser Welt des Urschmerzes nicht mehr ausgehalten, mußte abheben und „davondriften“ (Neil Young*). 

Das alles realisiert er in einer einzigen Sekunde und „explodiert“ (Bob Dylan**). Er hat im Schmerz einen Wutanfall und feuert das Telefon durch die Gegend. 

Dieser Gewinn an Wirklichkeit und Beendigung des Zustandes der Verarschung ist der in vielen Tiefenwahrheit-Stunden vorausgegangen Souveränisierung zu verdanken, in denen die Ermächtigung stattfand, die Frage stellen zu dürfen, was wirklich genau die Lage ist. 

* Still glaring from the city lights
Into paradise I soared
Unable to come down
For reasons I’d ignored.
Neil Young, Through My Sails

** The truth was obscure
Too profound and too pure
To live it you had to explode
Bob Dylan, Where Are You Tonight? (Journey Through Dark Heat)


Der gesprochene Text:

Ich will mir doch nicht diesen Genuß verderben lassen! Ich merke das doch, was das für ein gutes Gefühl das ist, so sicher sein zu können! Daß alles läuft! Wie leicht man ist plötzlich!

Wie absurd und schizophren das schon wieder ist!: Ich habe mir da was erkämpft, mühselig erkämpft mit dir zusammen… 

Oh, das ist die Hölle, es ist die Hölle. Es ist die Hölle.

Und dann kommt wieder auf der anderen Seite die positive Stimme in mir: Die sagt, wie geil das alles wäre, wenn alles funktioniert und was es für ein Genuß und was das für eine Sicherheit ist und was das für eine… – na mir fällt nur das Wort „Genuß“ ein: 

Wenn man in der Welt steht und sicher steht und wenn etwas funktioniert, und du hast Mittel, und du hast… – das ist alles so geil, dieses Gefühl kann so geil sein!

Und es ist auch deshalb geil, weil es die Abwesenheit von Angst bedeutet, die Abwesenheit von Unsicherheit und von Panik und… – Nein, du bist einfach ganz ruhig, kannst dich darauf verlassen, du kannst Vertrauen darin haben, und du weißt, was du hast. 

Und dann auf der anderen Seite frage ich mich – und das kotzt mich so wahnsinnig an! –, daß ich in einer Situation drin stecke, in dieser Schizophrenie: das ist doch ein Wahnsinn! 

Ich hasse das! Ich hasse diesen Zustand – obwohl ich den nicht hassen darf. Aber ich hasse ihn trotzdem.

Das ist doch einfach nur so ein Blödsinn, und das ist so eine Demütigung, eine Entwürdigung, eine Verarschung! – Alles das steckt da drin! Daß man in so einer Schizophrenie gelandet ist! Was ist denn das für eine Scheiße?! 

Wenn ich mich so anschaue: was ich manchmal für Hemmungen habe oder daß ich irgendwelche technischen Sachen einfach nur regele und versuche zu verstehen oder zu beherrschen: Ich war so stolz vorhin auf mich, daß ich das alles selber… – Das hört sich so gering an, aber das ist für mich schon ein Riesen-Fortschritt eigentlich. 

Ich bin ja viel zu fein und viel zu intellektuell oder zu abgehoben dafür, mich mit solchen niederen Sachen zu beschäftigen. 

Ich will selber das alles können! 

Mal als Beispiel dafür, wie es sein muß, aber ich habe noch so einen weiten Weg vor mir…

Mal ohne Quatsch und Flax & Krümel mal jetzt: Daß ich jetzt… – Das ist so…, ich gebe das zu: Das ist Wahnsinn, es ist so idiotisch! Das ist so absurd eigentlich… 

Daß ich jetzt zehn Minuten meines Lebens, meines Tages, investiert habe darin, daß ich ein Gerät beschreiben kann – ist das idiotisch? 

(Wahrheitsbegleiter: Ich verstehe die Frage überhaupt nicht! Was meinst du?)

Hör‘ auf!!

Scheiße! Scheißdreck! Scheißdreck! Scheiße! 

Es ist zu viel irgendwie, weil: Du hast gesagt, du kannst nicht mal die Frage verstehen! Und dann konnte ich nicht mehr, das war zu viel für mich: daß du dann gesagt hast, daß du nicht mal die Frage verstehst – eine Frage, die mir auf den Nägeln brennt –: dieser Kontrast, dieser Abstand zur Normalität! – Da habe ich das Telefon weggeschmissen, ich konnte nicht mehr anders. Ich habe einen Wutanfall gekriegt. 

Oh Gott, aber weißt du, das ist nur zu verdanken der Tatsache, daß ich mich wirklich jetzt nicht mehr unter Druck setzen lasse, daß ich mich nicht hetze, sondern die Fragen in aller Ruhe jetzt mir gestatte zu stellen. 

Für mich ist das so wichtig: diese ganz kleinen Schritte: daß ich das überhaupt besprechen darf! Daß ich überhaupt darüber sprechen darf, ist so sehr wichtig für mich.

Und ich weiß auch, daß ich mich dadurch nur so ganz kleine Schritte nähere: das weiß ich auch! – Aber ich muß es tun!

Ok, jetzt darf ich mir ein neues Telefon kaufen…
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