Begleittext zu den Videos Tod – Leben


Die Ausgangslage

In den beiden Videos „Tod <–> Leben“ werden Stunden der Tiefenwahrheit vorgestellt, in denen es um die Auseinandersetzung zwischen dem Tod und dem Leben, zwischen dem Abgestorben-Sein und dem Lebendig-Sein in einem Körper und einem Geist, in einem Individuum, in einem Einzelnen, geht.

Daß der Tod in diesen Körper Einzug gehalten hat und diesen zu einem großen Teil bis auf die Ebene der Zellen und des Gewebes hinunter bestimmt, ist – das mag befremdlich oder sogar unglaubwürdig erscheinen – eine Tatsache: Dieser Einzelne stellt es zu eindeutig an sich selbst fest. Die Bewältigung des Lebens, d.h. sowohl des Überlebens, die Aufrechterhaltung der grundlegenden vitalen Funktionen, die Befriedigung der tiefsten und elementarsten Bedürfnisse wie Nahrungsbeschaffung, Temperatur usw., als auch des Lebens als Genuß und Freude, ist höchst gefährdet: Die Niedergeschlagenheit und die Quasi-Unfähigkeit, sich auch nur zu bewegen, ist so sehr ausgeprägt, daß der Einzelne kaum noch für sich sorgen kann. Er erlebt sich als tatsächlich lebensleer und abgestorben.

Dennoch ist das Leben noch nicht gänzlich aus ihm verbannt, und dieses Leben, die Lebendigkeit, äußert sich noch in einer kleinen Stimme. Diese ist aber unter einem Berg an Melancholie und Phlegmatismus begraben und fast zur Unkenntlichkeit versteckt.

Die Methode

Es gibt echten Lebenswillen. Aber es gibt auch Scheinlebendigkeit: Sehr oberflächliche, wenig lebendige Aktivitäten. Diese sollen nicht geringgeschätzt werden, weil sie die Spur zur größerer Lebendigkeit in sich tragen. Aber sie können auch dazu beitragen, die tieferen, intensiveren Erfahrungen zu überdecken und zu verdrängen. In einer Stunde der Tiefenwahrheit fällt die Oberflächlichkeit weg, es beginnt stattdessen mit einer quälenden Leere. Etwas Neues muß die Leere ausfüllen, muß mittels Wahrnehmung entdeckt werden: das ist dann das richtige Leben, keine Oberflächlichkeit mehr. Dies beginnt, indem der Wahrsager sein Problem darlegt. Anfänglich bleibt er meist im Unbestimmten, Nebulösen; er hat wenig Ahnung von dem, was in ihm und mit ihm los ist. Das einzige, was er verspürt, ist Frust, Qual und Ekel über seinen Zustand. Das treibt ihn dann weiter zur Einsicht, daß er sein Problem nicht lösen kann (sonst hätte er es ja auch längt nicht mehr), und in diesem Moment bricht die Tiefe aus ihm hervor bzw. er in die Tiefe hinein: es kommen jetzt Gefühle zustande, die eben nicht eklig, klein und oberflächlich, nicht unbestimmt qualvoll sind, sondern eindeutig und intensiv: Verzweiflung. Jezt beginnt der Wahrsager, eine Bedeutung an sich zu erfahren. Er beginnt, in Ansätzen seine wahre Person und Lebendigkeit zu entdecken.

Will der Einzelne den Tod aus sich verdrängen und daß die Lebendigkeit wieder Einzug hält, so muß er besagter kleinen Stimme folgen. Er muß sie zunächst ausfindig machen und genau auf sie hören. Ist ihm das gelungen, so beginnt eine ständige Abwechslung von Äußerungen der Lebendigkeit und des Todes. Es geht immer hin & her. Der Einzelne erlebt jetzt den Kampf von Leben & Tod am eigenen Leibe und in der eigenen Seele.

Immer, wenn sich die Stimme der Lebendigkeit bemerkbar macht oder gar ihr Recht fordert, kommt prompt der Gegenschlag des Todes und der Einzelne versinkt erneut in diesen.

Dem Einzelnen bleibt nichts anderes übrig, als diesen Tod, diese vollständige Niedergeschlagenheit, zu akzeptieren. Er hat gar keine andere Wahl. Aber er soll auch gar nichts anderes tun als dies zu akzeptieren. Er soll sich ganz diesem Tode hingeben und sich in diesen fallen lassen. Dies zumindest in einer Stunde der Tiefenwahrheit, nicht im alltäglichen Leben, wo er sich um sein Überleben kümmern muß.

Es ist nur nach diesem an sich selbst „erlebten“ Tod, nach der vollständigen Hingabe in diesen Tod, daß sich die echte Stimme des Lebens erneut regt. Solange der Einzelne nicht tatsächlich, d.h. klinisch und biologisch, tot ist, gibt es diese kleine Stimme. Diese ist um so authentischer, je tiefer im Tod sie sich wieder zu Wort meldet. Erst angesichts der fast totalen Auslöschung des Lebens und der Person ist das letzte verbleibende Fünkchen Leben eindeutig wahrnehmbar. Dort meldet sich die lebendige Person bzw. das, was von ihr noch übrig geblieben ist, zu Wort, und zwar wirklich. Und sie sagt dann, daß sie noch nicht sterben will. Dieser letzte und sich klar bemerkbar machende Lebenswille, diese kleine Stimme des Lebens ist es, die uns als roter Faden auf dem Weg zurück ins Leben dient.

Dieser rote Faden verschwindet immer wieder aus der Sichtbarkeit, wird immer wieder neu vom Tod überlagert. In diesem Moment bleibt uns wieder nichts anderes übrig, als genau dies hinzunehmen. Aber nicht in Form von reiner Stumpfheit, sondern in Form von wacher und erhöhter Aufmerksamkeit. Wir spüren genau in uns hinein und nehmen das Tote in uns genau wahr, anders gesagt: wir nehmen uns so wahr, wie wir sind. Dafür nehmen wir uns unbegrenzt Zeit. Es kommt der Moment – egal nach welcher Zeit –, daß sich die Stimme des Lebens wieder meldet und unser roter Faden also wieder sichtbar wird: dann aber in eben genau demselben Maße klar erkenntlich, wie wir gerade den Tod genau erkannt haben. Das ist wichtig.

Das Geheimnis bzw. das Rezept des Zurück ins Leben lautet also: Wahrnehmung. Je mehr und intensiver wir eine Sache wahrnehmen, desto mehr und intensiver nehmen wir auch eine andere Sache wahr.

Diese Sachen können z.B. Leben und Tod sein bzw. Lebendigkeit und Abgestorbenheit. Das Wahrnehmen ist aber bereits Teil der Lebendigkeit. Ein toter Organismus nimmt sich nicht mehr wahr. Wahrnehmen heißt Lebendigkeit.

Nehmen wir also unsere Abgestorbenheit wahr, so fangen wir im gleichen Moment an, wieder zu leben.

Darin liegt die Methode der Tiefenwahrheit.

Das Nichtwahrnehmen des Todes (und das des Lebens sowieso) und das Verschwinden des Kampfes zwischen Leben und Tod hat nur ein Ergebnis: Stumpfsinn. Dieser ist ekelhaft und höchst unangenehm. Aber in dieser Ekelhaftigkeit und in der damit verbundenen Unzufriedenheit und Frustration liegt wiederum der Keim der Lebendigkeit.

Gleiches gilt also wieder hier: es ist das Wahrnehmen des Stumpfsinns, das uns von diesem quälenden, höchst negativen „Erleben“ befreien kann. Zumindest ist es der erste Schritt in Richtung der Befreiung – aber der einzig richtige und höchst wichtige Schritt. Der nächste Schritt wäre das Wahrnehmen der Frustration, dann der Empörung, der Wut usw. usf.

Wir müssen in den Modus des Kampfes zwischen Leben und Tod kommen, ansonsten sind wir in dem der Abgestumpftheit. „Kampf“ aber in einem wirklichen Sinne, wo es ums Ganze geht, um den Ernstfall. „Kampf“ nicht in dem Sinne, daß wir gegen die Wirklichkeit ankämpfen, sie nicht akzeptieren und wahrnehmen wollen. Die Wirklichkeit lautet: ich bin zu einem Teil abgestorben. Das erkenne ich an.

Der Tod hat uns heimgesucht, und jetzt sind wir zu Passivität, Unkreativität und Stumpfsinn verurteilt. Wenn wir das ändern wollen, wenn unsere kleine Stimme groß genug ist, dann müssen wir das annehmen.

 

Was heißt „Hilfe“ auf dem Weg vom Tod ins Leben zurück?

Ohne Hilfe von außen scheint der Weg zurück ins Leben nicht gangbar zu sein. Das hat bestimmte Gründe, denen wir hier nicht nachgehen müssen und die mit dem zu tun haben, was die Psychologen „Übertragung“ nennen.

Die Tiefenwahrheit ist keine Psychologie, und wir konzentrieren uns auf das Bedürfnis nach Hilfe.

Wenn wir unserem Hilfsbedürfnis nachgeben und nachgehen, geschieht etwas. Was das ist, ist vollkommen gleichgültig. Uns geht es nur um den Effekt, nur darum, daß etwas in Bewegung gerät, und das ist schon das erste Zeichen der Lebendigkeit.

Tod, Stumpfsinn und Depression bedeutet Abwesenheit von Bedürfnis. Die Umkehrung, d.h. das Erkennen und Annehmen des Bedürfnisses nach Hilfe, ist der erste Schritt ins Leben zurück.

Welche Bedürfnisse wir danach an die helfende Person haben und ob diese Person unser Bedürfnis befriedigen kann, ist nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist, daß wir das Bedürfnis wahrnehmen und fühlen.

Der Hilfsbedürftige möchte beispielsweise, daß man ihm zuhört; er möchte gehört werden, möchte, daß jemand für eine gewisse Zeit Anteil nimmt.

In dem Augenblick, wo er dieses Bedürfnis äußert, gerät er bereits in ein Gefühl, nämlich möglicherweise das der Trauer darüber, daß ihm noch nie in seinem Leben jemand wirklich zugehört hat, was seine existentielle Tiefe und Wahrheit anbelangt.

Jetzt fühlt er Trauer. Und diese Trauer ist etwas. Es ist sein Gefühl, er entsteht also wieder als Person, er ist bereits wieder dabei, lebendig zu werden.

Der Helfer hat dazu also gar nichts beigetragen, es sei denn als „Projektionsfläche für eine Übertragung“, wie es die Psychologen vielleicht sagen würden (der zuhörende Helfer erinnert den Hilfsbedürftigen möglicherweise und sicherlich unbewußt an seine Mutter, die ihm nie wirklich zugehört hat).

Der Helfer darf dem Hilfsbedürftigen nicht die Erfahrung nehmen oder rauben, diese Trauer zu fühlen, weil sie das Leben ist. Er würde dies aber tun, wenn er ihm die Mutter ersetzen will. Dies möglicherweise aus Mitleid heraus, vor allem aber aus der Tatsache heraus, daß er das Alleinsein, die Verlassenheit und die Verzweiflung des Hilfsbedürftigen selbst nicht erträgt, weil er seine eigene Verlassenheit noch nicht verschmerzt hat. Der Helfer könnte also jetzt sagen: „Du bist nicht allein, ich höre Dir zu.“

Es gibt nun aber ein Paradoxon. Denn dieser Satz – „du bist nicht allein, ich höre Dir zu“ – kann manchmal richtig, und manchmal falsch sein in Bezug auf die Re-Vitalisierung des Hilfsbedürftigen. Falsch im Sinne des Ausredens der Erfahrung, falsch im Sinne der Hilfestellung beim Verdrängen des Gefühls der Einsamkeit. Aber richtig im Sinne, daß der Helfende durch sein tatsächliches Zuhören dem Hilfsbedürftigen überhaupt erst einmal die Gelegenheit gibt, über Zuhören oder Nicht-Zuhören nachzudenken und die damit verbundenen Gefühle zu haben. Denn ohne daß die helfende Person tatsächlich zuhört und ihm in seinen Äußerungen folgt und also Anteil nimmt, kommt an dieser Stelle kein Wahrnehmungsprozeß zustande.

Ein guter Helfender findet hier immer das richtige. Es ist eine gewisse Balance, auf die der Helfende achtet. Psychologisch gesprochen: die Übertragung findet in einem gewissen Maße statt, der Helfende läßt sich gewissermaßen darauf ein – aber nur in dem Maße, bis der Hilfsbedürftige sein Gefühl des Alleingelassen-Seins entwickelt. In diesem Augenblick hört das Spiel mit der Übertragung schlagartig auf.

Das Zuhören des Helfenden fluktuiert also zwischen Illusion und Realität, geht zwischen diesen beiden Polen hin & her, und zwar in dem Maße und in welche Richtung pendelnd, wie es dazu beiträgt, daß der Hilfsbedürftige seine Wirklichkeit anerkennen kann. Wenn der Helfende sagt: „Ich bin bei dir“, so kann das also manchmal gut und tatsächlich helfend sein, manchmal aber auch nicht. Wenn der Hilfsbedürftige in seinen Schmerz versinkt und heult und schreit, wird er sich auch verbeten, daß ausgerechnet jetzt der Helfende so eine Äußerung tätigt. Das wäre in diesem Moment natürlich sehr störend und absolut falsch seitens des Helfers.

Die Hilfe des Helfers besteht darin, daß der Hilfsbedürftige sich wahrnehmen kann und daß er seine Wahrheit erkennen kann.