Aus Anlaß des Erscheinens meines neuen Buches „Max Stirner und Tiefenwahrheit“ (2025) überlasse ich mein vorletztes Buch „Pan-Agnostik. Erscheinungsformen der Metaphysik und deren Wertlosigkeit für die Existenz“ (2023) zum kostenlosen Download und stelle es auch als Hörbuch zur Verfügung. Das physische Buch kann weiter hier gekauft werden.
Wer die zwei Jahre bis zum Erscheinen meines dann nächsten Buches (2027) und den freien Download des dann zwei Jahre zurückliegenden „Max Stirner und Tiefenwahrheit“ (2025) nicht abwarten möchte, kann „Max Stirner und Tiefenwahrheit“ schon heute als physisches Buch oder als PDF hier bestellen. Das Inhaltsverzeichnis dieses Buches können Sie hier sehen.
1.

Selbstverständlich fangen die Freiheitskrämer ihre Kundschaft mit Aussagen, die sehr richtig sind. Ein gewisser Mike Hellwig zum Beispiel kritisiert hart das „Positive Denken“ und hat damit vollkommen recht. Es ist sehr traurig zu sehen, wie Menschen mittels „Positivem Denken“ über ihr trauriges Schicksal wegzukommen versuchen. Wenn man Zeuge davon wird, wie sie sich solcherart überwinden wollen, springt einen regelrecht an, wie sehr negativ es um sie bestellt ist. Jetzt beginnen sie, sich einzureden, daß es doch gar nicht so negativ ist und wie schön doch eigentlich alles ist.
Das „Positive Denken“ und der Glaube, daß du mit Gedanken etwas an deiner Existenz verbessern kannst, grassieren in der sog. Alternativen und Befreiungs-Szene.
((( Korrespondiert mit „Pan-Agnostik“ Neunte Abteilung: Ideen als Proto-Theïsmus, Kapitel 74. Die Bedeutungslosigkeit von Ideen im revolutionären Awakening, 75. Ideologie versus Physiologie, 76. Ideen ändern nichts – führen aber ins Nichts, 77. „Tiefstes Wissen“ als debile Trivialität, Hörbuch: https://youtu.be/PCngAZn4sEM. Die jeweiligen Kapitel sind in der Youtube-Videobeschreibung oder hier https://tiefenwahrheit.de/pan-agnostik/ direkt anklickbar.)))
Von dieser Szene scheint sich Mike Hellwig auf den ersten, auch noch auf den zweiten und dritten Blick abzuheben. Er sagt, daß dieses „Positive Denken“ im Grunde genommen nur die Fortsetzung im erwachsenen Alter dessen ist, was in der Kindheit an den Tag gelegt werden mußte: den Vorgaben der Eltern folgen und dabei eine gute Miene machen; stolz zu zeigen, daß man es schaffen kann, die Vorgaben zu erfüllen. Damals hat man sich „positiv“ gezeigt. Und jetzt versucht man es mit derselben Methode: die negativen Folgen des Vorgaben-Erfüllens, also die schmerzliche Zerstörung des „Eigners“ (Max Stirner), nicht anzuerkennen und zwang-, krampf- und heldenhaft darüber hinwegzugehen: Augen zu und durch. Das Bild muß gewahrt werden, the show must go on – wir bleiben immer schön weiter im Bereich des „Positiven“. Es gibt genug an unserer falschen Person, auf das wir uns etwas einbilden und worauf wir weiter stolz sein können.
„Positives Denken“ überlagert also unsere Kindheit und unser Erwachsensein. Es ist viel mehr als nur eine spirituelle, esoterische oder verhaltenspsychologische Masche oder Magie, mit der unser Unbehagen weggezaubert werden soll. Es ist tief eingeprägte Struktur. Völlig richtig sagt Mike Hellwig: „Positives Denken ist keine Modeerscheinung, sondern die kollektive Strategie unserer Gesellschaft, Wut, Angst und Schmerz nicht zu fühlen.“[i]
Mike Hellwig verweist nun darauf, daß man den Streß, die Show immer weitergehen zu lassen, auch beenden kann und nicht mehr alles „positiv“ sehen muß. Auch damit liegt er noch richtig. Und er geht auch richtigerweise so weit zu sagen, daß in dem Negativen, das sich dann auftut, etwas nun wahrhaft Positives liegt, auch wenn es traurig ist: nämlich das, was du warst, bevor du begonnen hast, den dir widersprechenden Vorgaben zu folgen – also deine wahre Person, dein „Eigner“.
Das ist der Moment, als alles zusammenbrach und der sächsische König Friedrich August III. 1918 alles hinschmeißen mußte und sagte: „Macht doch eiern Drägg alleene!“
Das kann und wird befreiend sein, ja. Auch, daß der Lack ab ist, ist leicht zu ertragen.
Wo es aber schwierig wird, ist, zu realisieren, wie sehr man betrogen und verarscht worden ist. Das ist es, warum sich viele für das „Positive Denken“ entscheiden, wenn sie in einer Krise sind. Es wird dort schwierig, wo sich, wenn du alles hinschmeißt und aufhörst, „positiv“ zu sein, zwangsläufig das Negative zeigt. Es wird dort sehr schwierig, wo du auf denjenigen stößt, der auf sich selbst verzichten mußte, als er den Vorgaben der Eltern folgen mußte, um noch einen Rest von Liebe abzubekommen. Das ist extrem schmerzlich. Denn dann realisierst du, daß deine Folgsamkeit vergeblich war und daß auch jener „Rest von Liebe“, den zu erkämpfen dir ansatzweise manchmal – sehr selten – gelungen ist, gar keine Liebe war und du eigentlich völlig ohne Liebe auskommen mußtest.
((( Korrespondiert mit „Pan-Agnostik“ Vierte Abteilung, Kapitel 39.18. Universum und Himmel als letzte sinnliche Resonanz vor erbarmungsloser Bindungslosigkeit, 39.20. Endgültig nicht in diese Welt gehören, 39.21. Einbildung, doch in die Welt zu gehören, Hörbuch: https://youtu.be/ql1YAWwd53A. „Pan-Agnostik“ Anhang: Gedicht: Perversion / Gebet, Hörbuch: https://www.youtube.com/watch?v=1nPqK0dUndc&t=9605s. Die jeweiligen Kapitel sind in der Youtube-Videobeschreibung oder hier https://tiefenwahrheit.de/pan-agnostik/ direkt anklickbar. )))
Also bleibst du lieber im „Positiven“ und verzichtest weiter auf dich selbst, weil „du selbst“ nur Schmerz bedeutet.
Bis hier her ist alles richtig, was Mike Hellwig sagt.
2.
Du durftest nicht du selbst sein. – Und das ist der Punkt, wo Mike Hellwig zum Verräter am Selbst wird. Er erteilt nämlich jetzt eine „Erlaubnis“, du selbst zu sein, und verteilt diese großzügig im Internet: „Einer solchen Persönlichkeit begegnen wir leider selten. Treffen wir aber auf sie, merken wir es daran, dass jeder Druck von uns weicht. Es geht eine Erlaubnis von ihr aus, eine Art Einladung, dass alles, was in uns ist, so da sein darf, wie es gerade ist.“[ii]
(Weiterlesen auf Substack)
Das kann Mike Hellwig nicht. Das kann niemand. Das kann nicht einmal dein Vater oder deine Mutter nachträglich, weil die Zerstörung vollbracht ist. (Alles, was sie sagen könnten, ist, daß es ihnen leid tut. Damit würden sie einen tatsächlichen Rest von Liebe zeigen, der dich möglicherweise in die Stimmung versetzt, das Negative noch mehr zuzulassen und zu verschmerzen. (Das werden sie aber nicht, weil es sie an ihre eigne Lieblosigkeitserfahrung erinnert.) Vielleicht würdest du das aber auch als Hohn empfinden und mit sarkastischem Haß darauf reagieren – jeder ist ein „Einziger“ (Stirner) und reagiert auf seine eigene Weise. Hoffentlich trifft gar nichts auf dich zu, wovon hier die Rede ist.)
Wenn dir jemand diese Erlaubnis geben will oder glaubt geben zu können, dann, weil er entweder Mitleid mit dir hat und dein Elend nicht erträgt, oder weil er auf die eine oder andere Art von deinem Elend profitieren will. Es kann anfangs eine Mischung aus beidem sein, die aber bald nackter Profitgier weicht.
In dem Moment, wo du die „Erlaubnis“ von Mike Hellwig annimmst, gibst du deinen „Eigner“, also dich selbst, auf.
Es ist vollkommen okay, das Angebot von Mike Hellwig anzunehmen; es ist sehr verständlich, daß du eine „Erlaubnis“ möchtest. Aber das hat dann nichts mehr mit dir selbst und deinem „Eigner“ zu tun. An dieser Stelle fängst auch du an, „positiv zu denken“: Die „Erlaubnis“ ist ein positiver Fleck im Dunkel deiner leider negativen Wahrheit.
Das Konzept „Radikale Erlaubnis“[iii] will dir diese Erlaubnis geben, nimmt dir dabei aber die erste Wahrheit weg, die darin besteht, daß es dir nicht erlaubt ist, du selbst zu sein. Hellwig verhindert auf diese Weise, die Erlaubnislosigkeit wahrzunehmen; er redet sie dir aus.
Das ist schon mal der erste „Schatten“, von dem die „Radikale Erlaubnis“ zwar sagt, du sollst „ihm begegnen“[iv]. Du begegnest ihm aber nicht, wenn dir gesagt wird, du hättest die Erlaubnis. Du läßt dir von Mike Hellwig vorenthalten, die entscheidende Erfahrung zu machen und die Einsicht zu haben, daß du keine Erlaubnis hast, da zu sein und du selbst zu sein. Der „Schatten“ einer grenzenlosen Lieblosigkeit bleibt dir unerschlossen – und damit dein „Eigner“.
„Du durftest nicht du selbst sein“ – das heißt eigentlich: Du hast versucht, jemand anders zu sein. Mit dieser anderen Person hast du versucht, etwas Anerkennung und Liebe zu bekommen. Schließlich bist du dieser andere geworden.
Jetzt kannst du nicht die andere Person beiseitelassen und wieder du selbst sein, weil du dann die katastrophale Lieblosigkeit fühlen würdest.
Es geht also in erste Linie gar nicht um jene Erlaubnis. Wenn am Ende alles nichts nützt, was du getan hast, um die Vorgaben deiner Eltern zu erfüllen, um geliebt zu werden, dann fühlt es sich so an, als sei es dir verboten worden zu leben.
Jetzt braucht es keine „Erlaubnis“, sondern „nur“ Raum, Zeit und eine angebrachte Stimmung zur Verfügung gestellt zu bekommen, um die entstehenden Gefühle der maßlosen Enttäuschung und des Urschmerzes haben zu können. Dafür – für eine solche Möglichkeit, für solch ein Angebot – zahlen auf einem freien Markt auch Kunden Honorare.
Ein kleiner Geschmack davon, was „Schatten“ und „Akzeptanz des Schmerzes“ (Mike Hellwig[v]) wirklich bedeutet: Playlist „Katalog der Gefühle“.
Zu solchen Gefühlen und tiefen Wahrheiten kann es aber in der „Radikalen Erlaubnis“ nicht kommen. Mike Hellwig schmeichelt sich bei dir ein, indem er dir den „Schatten“ abnehmen will. Und das gelingt ihm ja auch – und viele sind damit auch zufrieden. Hellwig sagt zwar, daß gerade im „Schatten“ und in allem Negativen, wenn du es „annimmst“, deine Stärke liegen wird – was richtig wäre. Aber den ersten „Schatten“ – die Unsicherheit, ob du da sein darfst oder nicht –, den vertreibt er dir schon mal. Damit verhindert er grundsätzlich die „Selbstermächtigung“ (Bernd A. Laska).
Das Konzept der „Radikalen Erlaubnis“ stellt sich also schließlich als eine Mogelpackung heraus. Das wird dann ganz deutlich, wenn Hellwig von einer „Methode“ und von „Übungen der Erlaubnis-Imagination“ spricht.
Jetzt geht Hellwig Konzept nämlich weit über eine „angebrachte Stimmung“ hinweg, die eine Art von dezenter Ermutigung bedeuten kann, sich in die Gefühle gehen zu lassen, worunter man ja „Erlaubnis“ noch verstehen könnte. Jetzt holt Hellwig nämlich „Methoden“ und „Übungen“ heraus, durch deren Befolgung und Ausführung du angeblich wieder da und du selbst sein kannst.
Hellwig dirigiert dich, er „leitet dich zu Übungen an“. Er sagt: „Ich erkläre sie [die Übungen] genau, sodass du sie in der Tiefe verinnerlichen kannst.“[vi] – Jetzt läßt Hellwig also die Katze aus dem Sack: Nicht dich selbst sollst du in der Tiefe finden, sondern du sollst Hellwigs „Übungen verinnerlichen“. Hier haben wir es also mit einer Programmierung, sogar mit einer Tiefenprogrammierung, also exakt dem Gegenteil von einer Wiederselbstaneignung zu tun (Heteronomie anstatt Autonomie). Es sind Vorgaben (Normen, Normativismen). Irgendwoher müßtest du doch Vorgaben kennen… Du solltest inzwischen eigentlich wissen, daß du jetzt alles andere brauchst als ausgerechnet neue Vorgaben.
((( Korrespondiert mit „Max Stirner und Tiefenwahrheit“, I. Teil, Kapitel 7.2. Die Tiefenwahrheit als Fortsetzung der Psychotherapie und stirneristisches Verfahren der Wiederaneignung (Laska: „Selbstermächtigung“), 7.2.1. Kritik der Fremdtheorien von Wilhelm Reich und Arthur Janov (Teil 2) – Würdigung Fritz Perls‘, 7.2.1.10. Wilhelm Reichs Energiemechanismus und Normativismus, 7.2.1.2. Die Gestalttherapie: Ansatz zu einem auf Stirner basierenden Selbstermächtigungsverfahren, 7.2.1.2.1. Fritz Perls und Max Stirner, 7.2.1.13. Der rationale Kern im Reichianismus und dessen Übersetzung ins Nicht-Normative, 8. Kapitel: Die philosophische anstatt psychotherapeutische Herangehensweise an ein Verfahren der Wiederaneignung: über autonome oder heteronome weitere Entwicklung entscheidend – Stirner anstatt Reich, II. Teil: Aktion: Eine Stunde der Tiefenwahrheit, 1. Video-Version, 2. Schrift-Version, III. Teil: Reflektion der Aktion )))
Aber wenigstens sagt Hellwig das alles ganz offen. Das ist auch alles okay so, nur hat es mit dir selbst, deinem unentfremdeten Selbst, deinem „Eigner“ und deiner Wahrheit absolut nichts mehr zu tun. Aber vielleicht freust du dich ja darüber, daß Hellwig dir dabei hilft, dir selbst auszuweichen.
Um „Eigner“ zu werden, gibt es nur deine Wahrheit. Hellwig spricht zwar vom „Akzeptieren des Schmerzes“, aber er sagt, daß du ihn „überwinden“ kannst[vii]. Du kannst ihn aber nur verschmerzen und unterwinden.
Alles andere ist „Positives Denken“. Das fängt bei der „Erlaubnis-Imagination“ schon mal an. Hier schleicht es sich bei aller Kritik am „Positiven Denken“ schon mal wieder in Hellwigs Konzept ein.
Welch Wandel von Hellwigs anfangs sehr richtigen Aussagen! Sie erweisen sich jetzt als schnöde Köder.
Hellwigs anfängliche richtige Aussagen gebieten eigentlich eine große Ernsthaftigkeit und lassen im weiteren Fortgang der höchst sensiblen und heiklen Sache eigentlich eine solche Ernsthaftigkeit erwarten. Aber endgültig verläßt Hellwig die Ernsthaftigkeit, wenn er den für diese Sache absolut notwendigen Raum samt Zeit und angebrachter Stimmung „online“ anbietet („Onlinekurs für 699 Euro“[viii]). Ich will erst gar nicht Hellwigs „Übungen“ sehen oder in den „Onlinekurs“ hineinschnuppern, bei dem er nicht einmal persönlich anwesend ist, sondern wo ein Video abgespielt wird, das Hellwig – zu gütig! – „aktuell und exklusiv für diesen Kurs eingesprochen“ hat, wie er großartig betont[ix].

Was ist das für ein Wahnsinn?!
Hellwig sagt: Seine „Methoden“ und „Übungen“ sind „Schritte, die nötig sind, um wirklich frei zu sein“[x].
Deswegen spreche ich von Mike Hellwig als einem Freiheitskrämer.
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(Geschrieben am 26. Juni 2025. Abgelegt auch auf Substack: )
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Zum Thema „Positives Denken“ siehe auch David Holbrook.
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Mehr Werbetexte für „Pan-Agnostik“ und „Max Stirner und Tiefenwahrheit“ hier.
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[i] https://www.radikale-erlaubnis.de/_files/ugd/e9065d_1256f5f44bb0444bb55428602bde2905.pdf
[ii] https://www.radikale-erlaubnis.de/_files/ugd/e9065d_1256f5f44bb0444bb55428602bde2905.pdf
[iii] https://www.radikale-erlaubnis.de, https://www.facebook.com/story.php?story_fbid=1176939214319441&id=100060101214550&mibextid=WC7FNe&rdid=AZYGuJ8ZsROo8sr4
[iv] https://www.radikale-erlaubnis.de/_files/ugd/e9065d_1256f5f44bb0444bb55428602bde2905.pdf
[v] https://www.youtube.com/shorts/aMG7sGY0_qU
[vi] https://www.radikale-erlaubnis.de/onlinekurs
[vii] https://www.radikale-erlaubnis.de/videos
[viii] https://www.radikale-erlaubnis.de/onlinekurs
[ix] https://www.radikale-erlaubnis.de/onlinekurs
[x] https://www.radikale-erlaubnis.de/onlinekurs

