Peter Töpfer: Max Stirner und Tiefenwahrheit (Buch, 2025)


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Peter Töpfer:
Max Stirner und die Tiefenwahrheit als post-psychotherapeutisches Selbstermächtigungsverfahren
Bernd A. Laskas LSR-Projekt und die Weiterentwicklung der im Kognitiven, Affektiven und Korporellen operierenden Neuen Aufklärung



Inhaltsangabe I. Teil: Reflektion…………………………………………………….....15 1. Worin liegt der Bezug von Tiefenwahrheit zu LSR?.....................16 1.1. Was ist das LSR-Projekt von Bernd A. Laska?........................16 1.2. Aufklärung, Gegenaufklärung (Vincent Reynouard)
und Neue, Radikale Aufklärung………………………...……16
1.3. Meine Abweichung von der laska’schen Interpre-
tation von L, S und R…………………………………………..25
1.4. Laskas Anspruch, mehr als ein Philosophiehistori-
ker zu sein………………………………………………………29
1.5. Christian Fernandes übernimmt bei LSR die Fackel
von Laska………………………………………………..………30
2. Laskas neuaufklärerische Kognitiv-affektiv-Kernsatz.
– Erfüllt LSR den Anspruch, zu einer Neuen Aufklärung
beizutragen? Operiert LSR im „Affektiv-emotionalen“?.............44
2.1. Neun Thesen zur „Aufklärung II“ und eine gedank-
liche Zurechtrückung………………………………………….47
2.2. Klärung des begrifflichen Durcheianders um „affek-
tiv“, „emotional“, „rational“ und „kognitiv“…………..
2.3. Die Rückgewinnung der kognito-emotiven Pan-Ratio-
nalität…………………………………………………………....57
2.4. Kann sich die Neue Aufklärung mit Prophylaxe
begnügen? Oder sollte sie nicht dem bedürftigen
Publikum ein aktuell-individuelles Angebot einer
Eigner-Werdung unterbreiten?.................................................58
2.5. Gefährliche Abwege bei Laskas Fixierung auf die
„Prophylaxe“…………………………………………...………61
2.6. Das Märchen von der „Prophylaxe“ – nur Verände-
rungen in der Gegenwart können für die „Kinder
der Zukunft“ (Reich) etwas bewirken………………………..63
2.7. Die Fortführung irgendeiner Art von „Therapie“ ist
eine LSR-immanente Notwendigkeit und
„Konsequenz“………………………………...………………..69
2.8. Der durch Stirner gegebene Ansatz eines Empörungs-,
Souveränisierungs- und Wiederaneignungs-
Verfahrens……………………………...………………………72
2.8.1. Exkurs: Richard Wagners Holzweg vom „Von-
sich-schleudern mit einem einzigen Rucke“ des
„willkürlichen Denkens“ und der „civilisierten
Barbarei“ durch soziale und künstlerische
„Revolution“.....................................................................79
2.8.1.1. Exkurs im Exkurs: die Persönlichkeits-
spaltung in der Literatur………….…………..82
2.8.1.1.1. Exkurs im Exkurs im Exkurs:
Das vom Materiellen losge-
löste Bewußtsein bei trauma-
tisierten Autoren (Peter Wes-
sel Zapffe, Günter Kunert,
Wilhelm Reich)……………………...90
2.9. Die Ausweitung des stirner'schen Ansatzes (über
die Phänomenologie hin) zur Tiefenwahrheit……………...99
2.10. Zwei Arten von Wahrheit: die innere und die
äußere: meine und die von objektiver Wissenschaft
und Maschine, zu der ich werde, wenn meine
Wahrheit stirbt……………………………………………….104
3. Zur Geschichte der Tiefenwahrheit………………………...……108 3.1. Entwicklung erster Eigentheorie im Umgang mit
existenzieller Problematik im Jugendalter: die
Denken-Theorie……………………………………………….108
3.1.1. Exkurs: Denken als schöpferisch-lebendige
Tätigkeit und sein Gegenteil………………………..…111
3.2. Beschäftigungen mit Fremdtheorien im Umgang
mit existenzieller Problematik (Sigmund Freud,
Wilhelm Reich)………………………………………………..114
3.3. Kein wirklicher Bezug der Fremdtheorien zu
eigener Existenz……………………………………………….118
3.3.1. Exkurs: Die Selbstlosigkeit als höhere Weis-
heit von Intellos………………………………………...120
3.4. Scheitern der Denken-Eigentheorie und Entwicklung
der Wahrheits-Eigentheorie………………………………….121
3.5. Entdeckung der Fremdtheorie Arthur Janovs und
Scheitern der Wahrheits-Eigentheorie……………………...126
3.6. Abonnent von Laskas Wilhelm-Reich-Blättern 3.7. Ungenügende Janov-Rezeption des Reichianers Laska…..128 3.8. Janov viel eher Stirnerianer als Reich……………………….136 3.9. Janov als faszinierende stirneristische Fremdtheorie;
erste Tendenz zur Verschmelzung mit Eigentheorie……...137

4. Praktische Erfahrungen mit Psychotherapien – Desaster……..147
4.1. Steckengebliebene Versuche mit Reichianern – nicht
der Rede wert…………………………………………...……..147
4.2. Bei einer Primärtherapeutin: ein schon etwas
ernsthafterer Versuch – zumindest von der leeren
Dauer her………………………………………………………148
4.3. „Therapie“ bei Janov: die große Enttäuschung……………151 4.4. Fazit aller gemachten Therapie-Erfahrungen………….…..155 5. Zurück zur eigenen Theorie – Wahrheitstheorie – und
Weiterentwicklung zur Tiefenwahrheits-Theorie……………...158
5.1. Kritik der Fremdtheorien von Wilhelm Reich und
Arthur Janov (Teil 1)……………………………………...…..161


6. Beginn der Tiefenwahrheits-Praxis……………………………...180
7. Das Projekt Tiefenwahrheit………………………………………186 7.1. Die Tiefenwahrheit als literarisch-postphilosophisches
Unternehmen………………………………………………….186
7.1.1. Die neue philosophische Form………………………..188 7.1.2. Der neue philosophische Inhalt………………………191 7.1.3. Fazit der Neuigkeiten………………………………….205 7.2. Die Tiefenwahrheit als Fortsetzung der Psychotherapie
und stirneristisches Verfahren der Wiederaneignung
(Laska: „Selbstermächtigung“)………………………………207
7.2.1. Kritik der Fremdtheorien von Wilhelm Reich und
Arthur Janov (Teil 2) – Würdigung Fritz Perls‘……..209
7.2.1.1. Exkurs: Die Frage der Anthropologie und
des „Menschenbildes“………………………...211
7.2.1.2. Die Gestalttherapie: Ansatz zu einem auf
Stirner basierenden Selbstermächtigungs-
verfahren…………………………………….…214
7.2.1.2.1. Fritz Perls und Max Stirner………...217 7.2.1.2.2. Hilarion G. Petzolds „Integrative
Therapie“ als Rücktritt von Perls‘
Ansatz……………………………..…230
7.2.1.3. Reichianer als Repulsierer Perls‘ und zu
oberflächlich……………………………………252
7.2.1.4. Die Oberflächlichkeit der Psychothera-
peuten und die Grobheit der Geburts-
helfer……………………………………...…….254
7.2.1.5. Exkurs: Zur Frage der hierarchisieren-
den Kategorisierung von „Psychotherapie“
und „Tiefenwahrheit“…………...……………257
7.2.1.6. Wilhelm Reich als soma-mechanistischer
Wissenschaftler 2.0……………………………259
7.2.1.6.1. Die Herkunft Reichs Mecha-
nismus aus der Agrarwissen-
schaft 1.0……………………………265
7.2.1.7. Die reich’sch-reichianische sciento-
mystisch-idealistische These zum
Entstehen der Urpanzerung…………………267
7.2.1.8. Des Reichianers Elsworth F. Baker theo-
retisches Wirrwarr…………………………….269
7.2.1.9. Des Reichianers Myron Sharaf Therapie
bei Reich und generelle Kritik an Reichs
katastrophaler Tätigkeit als Therapeut……..274
7.2.1.10. Reich’scher Energiemechanismus und
Normativismus………………………………..286
7.2.1.11. Das „Gesundheitskriterium“ der
Reichianer Laska, Peter Nasselstein und
Bernd Senf……………………………………..289
7.2.1.12. „Prägenitale Sexualität“……………………...292 7.2.1.12.1. Ist Wilhelm Reich für das
Grassieren der Pädokrimina-
lität mitverantwortlich? Die
Folgen des Geredes von der
„infantilen Sexualität“…………....299
7.2.1.12.2. Bekannt gewordene pervers-
schwerstkriminelle Reich-
Schüler: Michael M. Silvert,
Albert Duvall und Saxe……...…...301
7.2.1.12.3. Laska und die „infantile Sexu-
alität“……………………………....317
7.2.1.12.3.1. Exkurs: Das inkon-
sequente Auswei-
chen der Reichia-
ner vor der sozia-
len Frage und dem
Matriarchat………….320
7.2.1.12.3.1.1. Exkurs
im Ex-
kurs:
zwiefach-
zynische
Zivili-
ationi-
sten.......320
7.2.1.13. Der rationale Kern im Reichianismus und
dessen Übersetzung ins Nicht-Normative...345
7.2.1.14. Arthur Janov als Fortschritt gegenüber
Reich, doch seinerseits nun mental-me-
chanistischer Wissenschaftler 2.0…………..347
7.2.1.15. Wilhelm Reichs unverschmerztes Trauma.
Zusammenhang mit Sex-Besessenheit,
Theorie einer „infantilen Sexualität“ und
Kapitulation als Therapeut………………….366
7.2.1.15.1. Reichs Heimatverlust als
Verletzung………………………...382
7.2.1.16. Mögliche Ursachen für die Entstehung
Sigmund Freuds Theorie von der „infan-
tilen Sexualität“………………………………386
7.2.1.16.1. Freuds anfängliche „Verfüh-
rungstheorie“: Kinder haben
nichts Sexuelles; sie werden
bei Übergriffigkeiten seitens
Erwachsener von diesen nur
„verführt“ – und dabei trauma-
tisiert……………………………….387
7.2.1.16.2. Hypothetische eigene Übergrif-
figkeitserfahrungen Freuds……..390
7.2.1.16.3. Freuds Widerruf seiner Über-
griffigkeitstheorie („Verfüh-
rungstheorie“) und Bildung
der Theorie von der „infan-
tilen Sexualität“ (vom „Ödi-
puskoplex“)………………………...392
7.2.1.16.4. Was war Freuds Grund für
den Widerruf der Übergriffig-
keitstheorie?......................................395
7.2.1.16.4.1. Die Karrierismus-
These………………….395
7.2.1.16.4.2. Die Verdrängungs-
These (eigene Über-
griffigkeitserfahrun-
gen Freuds)………...…396
7.2.1.16.4.3. Die Vermächtnis-
These („Das Gewicht
von dreitausend Jah-
ren“, Israel Shahak)….399
7.2.1.16.4.3.1. Exkurs:
Frankfur-
ter Schule,
jüdischer
Messianis-
mus und
das deut-
sche Über-
Wir…….407
7.2.1.16.4.4. Zusammenfassung
der Thesen-Diskus-
sion……………………429
7.2.1.16.5. Freud weder Aufklärer noch
Gegenaufklärer – einfach nur
geistreich………………..………..…433
7.2.1.16.5.1. Exkurs: Überjüdi-
sche, höchste Gei-
stigkeit wo gibt…….436
7.2.1.17. Reich unterwindet ansatzweise doch die
These von der frühkindlichen Sexualunter-
drückung als Ursache für die Zerstörung
des Eigners……………………………………440
8. Die philosophische anstatt psychotherapeutische Heran-
gehensweise an ein Verfahren der Wiederaneignung: über
autonome oder heteronome weitere Entwicklung entschei-
dend – Stirner anstatt Reich und Janov……………………….....443
8.1. Definition Philosophie – nur subjektiv-subjektbezogene
Philosophien sind von selbstermächtigendem Wert……...450
8.2. Die Philosophie kann und sollte sehr primitiv werden..…453 8.3. Die bis in die „Leiblichkeit“ (Hermann Schmitz) hinein
operierende Phänomenologie als philosophischer
Königsweg…………………………………………………..…455
8.4. Die Erweiterung des laska‘schen neuaufklärerischen
Kognitiv-affektiv-Kernsatzes um das Leibliche………..….456
8.5. Selbst bei der philosophischen Herangehensweise zur
Eigner-Stärkung kommt es bei großer Ich-Schwäche zu
Schwierigkeiten. Laska vorbildlich im prinzipiellen
Ansatz – doch trifft dann auf nichts Eigenes. Laskas
Überlegungen, sich praktisch einem Verfahren der
„Selbstermächtigung“ zu unterziehen…………………..….460
8.5.1. Laskas Flucht vor dem horror nihili in die
„Prophylaxe“………………………………….………...466
8.5.2. Peter Nasselstein repulsiert zwar nicht die
Therapie, kommt aber wegen deren reichianischer
Ausrichtung zu ernüchterndem Ergebnis……………468
8.5.3. Laskas „rationales Über-Ich“ als Rationalisierung
des Über-Ichs und aus mangelnder Praxis entstan-
denes Theorem………………………………………..…481
8.5.3.1. Exkurs: Eine rationale und eine
irrationale Moral?................................................494
8.5.3.2. Exkurs: methodologische Probleme mit
Abstraktionsebenen……………………………498
8.5.3.2.1 Exkurs im Exkurs: Christian
Fernandessens (und La Mettries?)
Idee von der „tugendhaften Lust“.…500
8.5.3.3. Exkurs in die Humanethologie: Tötungs-
hemmung……………………………………….508
8.5.4. Nasselstein zu Laskas „rationalem Über-Ich“……….517 8.5.5. LSR-Sprache und Tiefenwahrheits-Sprache – not-
wendige Übersetzungen……………….………………519
8.5.6. Das „soziale Triebleben“ anstatt des Eigners als
Laskas Ziel der Bemühung…………………………….522
8.5.7. Weitere Übungen zur Übersetzung der Objekt-
Sprache, in die sich LSR verirrt hat, in stirneristi-
sche Subjekt-Sprache…………………………………...524
8.5.8. Zu Stirnern zurück – und weiter voran………………533 8.5.9. Laskas Ich-Schwäche treibt ihn zur Negation des
irrationalen Über-Ichs der „anderen“ und
noch weiter in die Pseudosozialität und weg von
der Individualität in die philosophische Anthro-
pologie anstatt in die phänomenologische Philo-
sophie. Die philosophische Herangehensweise an
Selbstermächtigung läuft jetzt unter „ferner liefen“,
ist mit Laskas Mitteln endgültig gescheitert……..…..548
8.5.9.1. Exkurs: Nicht nur innerseelisch-biogra-
phische – auch gesellschaftliche und
politische Bedingtheit des Eigners……………533
8.5.9.1.1. Exkurs im Exkurs: Teilung in
tiefe und oberflächliche, höhere
und niedere, gute und schlechte
Schuldgefühle: Martin Walser,
Christian Fernandes, Laska
und Auschwitz……………...….….569
8.5.10. Laskas Rückzug in den philosophischen Elfen-
beinturm als Ausdruck der Flucht vor sich
selbst und des Ich-Verlusts. Letzte Ich-Äuße-
rung (siehe das „Pfeifen auf dem letzten Loch“
im II. Teil dieses Buches)…………………….……..…594
8.5.11. Laskas Ausweichen in die Theorie – seine Kon-
troverse mit Fritz-Erik Hoevels um die „Praxis“…..595
8.5.12. Das Spüren der Spuren des Rest-Ichs in der
Tiefenwahrheit…………………………………………615
9. Post-Philosophie (nicht laska’sche Paraphilosophie)
anstatt Philosophie………………………………………………...622
10. LSR: Lob für literarischen Genuß. Kritik wegen Verzichts
auf ein Verfahren zur „Selbstermächtigung“. Fazit…………..628
10.1. Exkurs: sozial-machtpolitischer Aspekt der Hetero-
nomie………………………………………………………...640
10.2. Exkurs: Stirners Melancholie……………………………...646 10.2.1. Exkurs im Exkurs: Die Auswirkungen der
äußeren Umstände in der frühen Kindheit
auf die Integrität des Eigners am Beispiel
Richard Wagners………………………….………..648
11. Die Darstellung von Tiefenwahrheit mithilfe von „Vor-
läufern“…………………………………………………………....659
11.1. LSR-relevante Themen bei zukünftigen Arbeiten
zur Darstellung von Tiefenwahrheit……………………..660
12. Überleitende Bemerkungen zum II. Teil dieses Buches……...677 II. Teil: Aktion…………………….……………………………..…..681 Eine Stunde der Tiefenwahrheit (vom 26. Januar 2017) 1. Video-Version…………………………………………………..682 2. Schrift-Version……………………………………………….…683 III. Teil: Reflektion der Aktion……………………………………729 1. Vorrede zur Methodologie der Kommentare zur Aktion:
Konzession an psychotherapeutische und LSR-Sprache……....730
2. Zusammenfassung der Aktion (Stunde der Tiefenwahrheit
vom 26. Januar 2017)………………………………………………731
3. Kommentare im einzelnen………………………………………..739 3.1. Will ich überhaupt eine Sitzung nehmen?............................739 3.2. Konzentrierte Erörterung: Ich darf nicht „egoistisch“
sein und keine Sitzung nehmen, weil ich den Wahr-
heitsbegleiter retten muß…………………………………….742
3.3. Der Wahrheitsbegleiter steht für Mutter bzw. für
Ersatzmutter (Oma), die mich gerettet hat. Ich erwidere
in der Phantasie deren Liebe und gewinne damit … .....756
3.4. … ein Stück meines Eigers wieder. Endbesprechung:
Wiederaneignung, teilweise Wiederausfüllung des
Leib-Eigners (Schmitz) und Rückgewinnung von
Selbst-Genuß und Produktivität…………………………….773
Sigelverzeichnis…………………………………………………….779 Anmerkungen……………………………………………………....790 I. Teil: Reflektion 1. Worin liegt der Bezug von Tiefenwahrheit zu LSR? 1.1. Was ist das LSR-Projekt von Bernd A. Laska? Dieser Text hat seinen Ursprung in einer Mitteilung an die LSR-Gemeinde über die LSR-Bezüge meines Projektes „Tiefenwahrheit“ und dessen Fortgang, wuchs sich dann aber aus. Was heißt „LSR“? – Einerseits die Werke von Julien Offray de La Mettrie (1709–1751), Max Stirner (1806–1856) und Wilhelm Reich (1897–1957), die man Radikale Aufklärer bzw. Initiatoren einer Neue Aufklärung bezeichnen kann; andererseits das „LSR“ genannte „paraphilosophische“ Projekt1 von Bernd A. Laska2, das sich der Fortführung dieser Radikalen, Neuen Aufklärung verschrieben hat. Dabei geht es um die fundamentalsten Dinge unseres Lebens und den damit verbundenen Problemen – das Totalprekariat der menschlichen Existenz –, auf die die Gegenaufklärung mit einer Rückwendung zum Transzendenten glaubt antworten zu können. 1.2. Aufklärung, Gegenaufklärung (Vincent Reynouard) und Neue, Radikale Aufklärung Der vorzügliche Geschichtsrevisionist Vincent Reynouard, mit dem die Gegenaufklärer ein richtiges Problem haben, weil er schon etliche Jahre im Knast war und weiter bereit ist, in den Knast zu gehen, ist – auf einer anderen, tieferen Ebene – selbst Gegenaufklärer: Er sagt, daß die Aufklärer – angefangen mit jenem „Materialisten, der 1748 ein Buch mit dem Titel ‚L'homme machine‘ geschrieben und die menschliche Seele komplett geleugnet hatte [La Mettrie]“ – der Meinung waren, daß „wir aus dem Nichts kommen und in das ewige Nichts gehen“. Die Aufklärer hätten, so Reynouard, „Gott komplett entsorgt“ und uns mit ihren Ideen zu einem „Zufallsprodukt aus der Begegnung eines Spermatozoen mit einer Eizelle“ gemacht. Jetzt seien „unsere Gedanken – alles, was wir für unsere eigenen Gedanken halten – nur die Produkte unseres Gehirns“3. Reynouard dehnt das Nichts von vor der Geburt und nach dem Tod auf die Zeit zwischen diesen aus; verantwortlich dafür sei das Nichts außerhalb dieser Punkte. Auf eine eigenartige Weise beschreibt Reynouard die Ideen der Aufklärer so gut und „überzeugend“, daß man den Eindruck hat, als gäbe er ihnen recht. Man weiß nicht so recht, ob er die Auffassung der Materialisten wiedergibt oder sie selbst vertritt. Auf jeden Fall stattet er die Aufklärer mit einer – man möchte fast sagen – quasi-göttlichen Macht aus; besser gesagt, verleiht er deren Ideen eine extreme Wirkmächtigkeit, die „göttlich“ anmutet: Die Aufklärer haben uns den Sinn genommen. Kein Wunder, daß er ihnen scheint zustimmen zu müssen. Auf das, was zwischen dem „Kommen und Gehen“ liegt und eigentlich ein Etwas, ein Seelisches und Sinnspendendes sein könnte, fokussiert Reynouard nicht. Und doch geht es ihm um diese Zeit; für sie will er den Sinn von außerhalb beschaffen. Er unterstellt den Aufklärern, daß sie diese Zeit als ähnlich leer und nichtig sehen wie er und hat, was die nichtradikalen Aufklärer angeht, darin nicht unrecht. Deren Ideen in ihrer Mächtigkeit bewirkten nun, so Reynouard, leider eine tiefe Krise unseres Lebens und seien für den Nihilismus in unserer „grundlegend materialistischen Gesellschaft“ verantwortlich. Weil „jede Transzendenz entsorgt“ sei, wäre alles sinnlos. Aber nein, Reynouard gibt diesen Aufklärern natürlich nicht recht, sondern sagt jetzt entsprechend der Lagebeurteilung der Aufklärer – der er beizupflichten scheint –, der Sinn und das uns ausfüllende Etwas müsse dadurch generiert werden, daß wir unser Vorleben und unser Nachleben – also die jenseits unseres Lebens stehende Zeit – mit einer Idee versehen. Wenn wir diese Zeit mit einer Idee ausstatten, hätte das eine Rückwirkung auf uns, die wir in unserer – bis dahin nichtigen – Lebenszeit stehen. Diese Rückwirkung besteht darin, daß wir mit jener Idee unserem zwischen den beiden Polen des Nichts stattfindenden Leben eine, wenn ich Reynouard recht verstehe, gewisse Dimension oder Aura verleihen, die es gehabt hat, bevor die allmächtigen Aufklärer sie uns mit ihrer Idee des jenseitigen Nichts weggenommen haben. Wir müßten jetzt jene magischen Worte und Wörter wiederfinden, wieder einsetzen und wieder aussprechen, damit wir in den Genuß jener Aura – also etwas Fühlbarem – kommen. Dieses Fühlbare ist der Sinn. Wir dürfen aber mit diesem Sinn nicht übertreiben, denn dann zentrieren wir uns ja wieder zwischen die Pole des Nichts, und dort sind wir ja nur „Zufallsprodukte unseres Gehirns“ – also auch Nichts. Das wollen wir ja vermeiden. Der Gegenaufklärer Reynouard ist sich also mit den (Alten, Nicht-radikalen) Aufklärern darin einig, daß wir es auf der Zeitachse links, in der Mitte und rechts, also vor, nach und in unserem Leben mit dem Nichts zu tun haben. Was beweist, daß er sich mit den Materialisten einig ist und das Leben ebenso wie diese als Nichts betrachtet? – Das geht aus der von ihm artikulierten dringenden Notwendigkeit hervor, daß wir uns ein Etwas aus dem Vor- und Nachleben beschaffen. Der Unterschied zwischen Reynouard und den Materialisten bzw. Aufklärern besteht darin, daß letztere das Nichts schulterzuckend hinnehmen, es quasi „aushalten“, d.h. sich mit dem Nichts abgeben, während der Gegenaufklärer Reynouard hier Handlungsbedarf für eine Abhilfe sieht. Daß die Materialisten weniger diese Notwendigkeit sehen als Reynouard, zeigt, daß für sie das Leben nicht so leer ist wie für diesen. Reynouard sagt, wir müßten uns auf den Bereich außerhalb der Pole konzentrieren und von dort das Nichts in der Mitte attackieren. Ein Teil dieser Wörter, von der sich Reynouard eine Wirkmächtigkeit verspricht, die mit der der Aufklärer mithalten kann, bezieht sich darauf, woher wir kämen und wohin wir gingen. Das mittige Nichts müsse nun von links und rechts auf der Zeitachse mit einer Idee bestrahlt werden; deshalb müsse vor und nach unserem Leben diese Idee placiert werden. Darin liegt der Vorgang der Sinnverleihung. Diese Idee, die Reynouard folgerichtig eine „jenseitige“ bzw. „transzendente“ nennt – denn sie liegt ja auf der Zeitachse jenseits unseres Lebens –, ließe die Sinnachse im Diagramm unseres Lebens weit nach oben ausschlagen. Doch unsere „Gesellschaft“, die von der mächtigen, sinnzerstörenden Idee des Materialismus tief geprägt sei, wolle nun, so Reynouard, nichts davon hören und „jegliche Transzendenz eliminieren“. Sie will dem Vorschlag Reynouards, der doch zu unserem Wohle so einfach umzusetzen wäre – eine Idee, ein Wort reicht aus –, partout nicht folgen. Warum will sie das nicht? – „Weil für sie Transzendenz gleich Einschränkung der Freiheit ist. Denn wenn es eine Transzendenz gibt, gibt es höhere Gesetze.“4 – Ich vermute, es strahlt also nicht nur eine abstrakte Idee, ein magischer Gedanken, aus dem vergangenen und zukünftigen Jenseits auf uns ein und erfüllt uns mit Sinn, sondern aus diesen beiden Jenseiten erreichen uns Gesetze, die uns etwas vorschreiben und die wir annehmen müssen, damit jene sinnstiftende Wirkung erzielt werden kann: ein sehr diesseitiges Geschehen. Reynouard liegt nicht so falsch, wenn er dabei von einer „Einschränkung“ spricht. Wir müßten uns aber einschränken lassen, sagt er, sonst funktioniert das Ganze nicht. Nun, ich für meinen Teil bleibe da offen und schaue mir an, was ich im Austausch mit dieser Einschränkung bekomme. „Einschränkung“ klingt zwar zunächst negativ, aber, so vermute ich, wird es einen Grund und einen Vorteil für uns haben, wenn wir uns jetzt in unserer Freiheit einschränken lassen. Die Einschränkung wird sicherlich reich kompensiert. Welch Reichtum wäre größer, als einen Sinn zu haben? Reynouard sagt, die Einschränkungen sei für uns „unerträglich“. Ich denke, damit liegt er nicht falsch; ich sehe das auch so. Ich bin sehr auf den Grund gespannt, den uns Reynouard liefern wird, warum wir uns aber dennoch von „höheren Gesetzen einschränken“ lassen sollen. Anstatt uns aber endlich die magischen Worte zu lehren, kommt Reynouard jetzt darauf zu sprechen, warum wir diesen magischen Worten widerstehen und uns nicht einschränken lassen wollen: „Da der Mensch nichts als ein Funken in der Dunkelheit“ sei, wolle er „also so gut wie möglich leben“5. So wird das also nichts. Wir müssen weniger gut leben wollen, wir müssen sozusagen auf etwas verzichten; klar, das wissen wir ja schon: wir müssen uns einschränken und auf die gegen unsere Freiheit gerichteten höheren Gesetze hören. Sonst können die ja nicht ihre sinnstiftende Wirkung verrichten. Reynouard klingt hier wieder wie ein Materialist: Er kann sich in die vom Materialismus angesteckten Menschen hineinversetzen. Es ist ja auch tatsächlich gut nachvollziehbar, was Reynouard sagt: Wenn es schon nichts außer uns, vor uns und nach uns gibt, dann wollen wir wenigstens während unseres Lebens etwas von diesem haben. Verständlich, daß Reynouard für die Materialisten Verständnis entwickelt.Um [nun] so gut wie möglich zu leben, muß man jegliche Begrenzung ablehnen.“ – Reynouard hat es messerscharf erfaßt: Wer während seines Lebens etwas Gutes erleben will, weil es ja sonst nichts Gutes gibt, lehnt natürlich Begrenzungen ab. Ich habe aber frei und dem Sinne nach übersetzt, den ich Reynouard hier unterstelle. Was er genau sagt, ist dies: „Il faut distraire de tout limitation.“ Distraire heißt eigentlich „ablenken, für Abwechslung sorgen, Abwechslung bieten, unterhalten“. Aber es stimmt natürlich, ich hätte gleich „ablenken“ schreiben müssen: Wer in den Endgenuß eines sinnvollen Lebens kommen will, muß für diese Mutter aller Leistungen natürlich auch etwas tun, er muß ein Opfer bringen. Aber diese aufopferungsvolle Einschränkung will man nicht sehen, weil man sie ja irgendwie eigentlich nicht will, und deswegen muß man sich von dieser Einschränkung ablenken lassen. Kommt etwa jetzt schon jene reiche Kompensierung ins Spiel? Sollen wir etwa für unsere Selbstbegrenzung nur ein bißchen bespaßt werden? Der Sinn selbst kann es ja nicht sein. Es ist vielleicht so etwas wie ein kleiner Ersatzsinn als Lohn dafür, daß wir nicht so störrig sind. Reynouard läßt den Menschen, der von der materialistischen Idee geprägt ist, sprechen: „Ich will frei sein. Ich bin kein göttliches Geschöpf.“ – Nicht frei, sondern gefangen zu sein (zumindest „begrenzt zu sein“), ist folglich göttlich. Wir sollen nicht frei sein, sondern uns als „göttliche Geschöpfe“ betrachten, d.h. uns von den „höheren Gesetzen“ „begrenzen“ lassen. Noch immer aber verrät uns Reynouard nicht, was wir von dieser Unfreiheit und von der Göttlichkeit haben, die zeitlich von hinten und von vorn in unser Leben hinein strahlt – wenn wir sie nur als Idee strahlen lassen, wozu wir magische Worte murmeln müssen. Wie entsteht dann genau jener Sinn, den uns Reynouard verspricht?Ich bin ein Bündel von Zellen, und ich muss tun, was ich will“, läßt Reynouard den materialistischen Menschen weiter sprechen. – Am Anfang dieses Satzes bin ich ein nur rein „materielles“, sprich: bewußt- und willenloses, nicht von einem Gott, sondern von der „Materie“ bestimmtes und gesteuertes „Zellenbündel“. Am Ende des Satzes bin ich aber plötzlich jemand, der etwas will. Einerseits will der „Materialist“ sich nicht in seiner Freiheit begrenzen lassen, andererseits ist er aber überhaupt nicht frei, sondern nur ein „Bündel Zellen“, was wohl „determiniert“ heißen soll. Aber komischerweise „muß ich“ als „Bündel Zellen“, der ich über keine eigene Seele und über keinen eigenen Willen verfügt, „tun, was ich will“. Wie geht das? Wie paßt das zusammen? Diese Idee vom materialistisch infizierten Menschen scheint etwas unausgegoren zu sein. Reynouard sieht in ihm jedenfalls einen gespaltenen Menschen. Damit dürfte er richtig liegen. Sollte er in dieser Spaltung ein Problem sehen, höre ich mir gern sein Mittel dagegen und für eine Einigung der Person an. Der Mensch muß sich“, so Reynouard weiter, mit diesem „Tun, was ich will“ und indem er „jegliche Begrenzung [ablehnt]“, „sich selbst zum Gott machen“6. – Wenn nichts „Göttliches“ von vor meiner Geburt und von nach meinem Tod als eine Idee auf mich strahlt und ich also keinen Sinn habe, dann kann ich sowohl diesen Menschen als auch Reynouard gut verstehen, wenn er sich dieses „Göttliche“ in sein Leben hineinholt („sich selbst zum Gott macht“). Ich verstehe den Gedankengang Reynouards, er hat eine gewisse Logik. Sicherlich auch eine gewisse Wirkung: Ich muß nur daran glauben, ich muß mich nur dazu zwingen, es zu glauben, und Mantras sprechen. Diese Wirkung streite ich nicht ab. Ob das aber die Spaltung aufhebt, bezweifle ich. Wo ich aber Reynouard wiederum nicht mehr verstehen kann, ist, daß er selbst gleichzeitig etwas dagegen zu haben scheint: Dieses „Göttliche“ soll auf keinen Fall aus dem Vorleben und aus dem Nachleben in das Leben treten, es soll dort im zeitlichen Draußen verbleiben und nur als Idee in das Leben und auf uns abstrahlen. Ich soll zwar das Göttliche als Jenseitiges anerkennen, weil es mir angeblich einen Sinn gibt, aber es soll gleichzeitig nichts Diesseitiges sein – er spricht ja vom Transzendenten. Wo liegt dann aber mein Sinn? Wenn nur jenseits von mir – wie kann es dann mein Sinn sein? Ich kann aber auch jenen aufgeklärten und materialistischen Menschen verstehen, von dem Reynouard sagt, er müsse „sich selbst zum Gott machen“. Wenn ich so willen- und seelenlos wäre wie ein Zellbündel, und wenn nur „Gott“ mir etwas Seele und Willen einhauchte, dann würde ich das genauso machen, dann würde ich so viel von diesem Sinnspendenden in mich in hineinlassen. Das scheint mir auch logisch. Was kann Reynouard dagegen haben? Auch wenn ich nicht weiß, was „Gott“ bedeuten soll, kann ich gut nachvollziehen, daß dieser Mensch in der Gedankenwelt Reynouards dieses „Göttliche“ von vor seiner Zeit und von nach seiner Zeit zu sich in seine Zeit holen will, wenn das Sinn ergibt und macht. Ich verstehe Reynouard nicht, wenn er das nicht gutheißt. Jetzt weiß ich aber nicht, ob es so einen materialistischen Menschen, der gleichzeitig so idealistisch ist und „sich selbst zum Gott macht“, außerhalb der Gedankenwelt von Reynouard überhaupt gibt. Ich mache so etwas jedenfalls nicht. Aber falls das jemand so macht, fände ich das – der Logik Reynouards folgend – nicht so verkehrt. Vincent Reynouard spricht hier aber nur von den Alten, nicht-radikalen Aufklärern, den sog. Enzyklopädisten, zu denen er La Mettrie rechnet, weil der Prophet im eigenen Lande nichts zählt und Reynouard nichts von La Mettrie und einer Neuen Aufklärung weiß, die weit unter das Enzyklopädische und rein Kognitive in das Sensuelle hineinstößt. Mein Eindruck, daß Reynouard den Alten Aufklärern zustimmt, kommt nicht von ungefähr: Die Positionen der Alten Aufklärer und der Gegenaufklärer stimmen auffällig überein: Die Aufklärer sind tatsächlich mit Aussagen, daß „wir aus dem Nichts kommen und in das ewige Nichts gehen“ und dazwischen „nur Produkte unseres Gehirns und Bündel von Zellen“ sind, zu atheistischen Metaphysikern geworden und haben die Idee „Gott“ nur mit der Idee „Nichts“ ersetzt, anstatt – falls das überhaupt notwendig sein soll – eine metaphysisch-indifferente und agnostische Position einzunehmen.7 Einig sind sich die Alten Aufklärer mit den Gegenaufklärern auch darin, daß sie Ideen für wirkmächtig halten. Sie glauben, daß mittels Aufklärung (womit sie eine rein kognitive meinen) etwas an Gefühlen und existenziellen Stimmungen geändert werden kann. Sprüche wie „Wer ständig Angst vorm Sterben hat, hört auf zu leben“ und dergleichen viele mehr sind weit verbreitet. Das ist dann jener berühmte Schalter, der nur gedrückt werden müsse, um etwas zu überwinden. Was die Alten Aufklärer aber auf keinen Fall getan haben, ist, das Sensuelle, also den Sinn, zwischen den Endpolen unserer Zeit zu sehen. Sie haben nicht auf die Mitte der Zeitachse fokussiert; sie sind den Gegenaufklärern entgegengekommen und haben sich auf das Schattengefecht von Ideen eingelassen, anstatt sich auf das Sensuelle zu konzentrieren und dieses dem Sinn der Gegenaufklärer von jenseits der Endpole, auf den wir heute noch warten, entgegenzuhalten. Genau das taten die Radikalen Aufklärer. Weil diese etwas Vergleichbares, etwas Ähnliches wie den Sinn der Gegenaufklärer wollten (den Sense) und damit diesen also näherstanden als den Alten Aufklärern, wurden die Neuen Aufklärer nicht so sehr von den Gegenaufklärern angegriffen. Ganz im Gegenteil hatten diese ein Gespür und eine Schwäche für jene und waren diese es, die die Radikalen Aufklärer vor dem Verschwinden bewahrten (Panajotis Kondylis). Bei den Alten Aufklärern sah das ganz anders aus: Sie fühlten ihr Nichts zurecht angegriffen. Ihre Radikalen Kollegen erinnerten sie an den Urschmerz der Vernichtung ihrer Person. Da sie diesen Urschmerz unbedingt von sich fernhalten mußten – die Gegenaufklärer ließen ihn und den Trost dagegen zum Teil zu –, mußten sie die Neuen Aufklärer mörderisch verfolgen oder aber „repulsieren“, wie Laska das nennt. Ihr Problem war nicht das Nichts vor und nach dem Leben, sondern im Leben und in ihrer eigenen Person. Sie setzten der Transzendenz der Gegenaufklärer nur höchst zögerlich eine Immanenz entgegen. Sie blieben sehr defensiv. Daß die nach ihrer Ersten Aufklärung fortdauernden und sich verschärfenden Probleme auch mit einer Radikalisierung der Aufklärung – mit einer Zweiten Aufklärung, deren Vertreter L, S und R laut Laska sind – angegangen werden kann, das ahnten sie nur panisch und bekämpften es, weil sie ihr eigenes persönliches Nichts auf die ganze Menschheit übertrugen und deren Untergang durch die Sensualisierung – die einer Abschaffung dessen gleichkam, was sie „Moral“ nannten – noch mehr befürchteten als die Gegenaufklärer. Die Gegenposition dazu und der gemeinsame Nenner der drei Radikalen Aufklärer L, S und R ist, was Laska – 1976 noch in Bezug nur auf R allein – als die „Jahrtausendentdeckung“ genannt hat und die kurz gefasst mit diesem Satz umschrieben werden kann:Die moralische Regulierung des Trieblebens schafft gerade das, was sie bändigen zu können vorgibt: das asoziale Triebleben.“8 In diesem Buch geht es aber weder um die Gegenaufklärer noch um die Alten Aufklärer, sondern darum, was aus dieser Neuen, Radikalen Aufklärung geworden ist. Aus diesem Grunde werden neben Reich vor allem Laska selbst im Mittelpunkt des Interesses und der Kritik stehen. Denn das Projekt LSR – ich meine damit die gesamte Neue, Radikale Aufklärung – ist ein, wen wundert es, höchst schwieriges Unterfangen, ja, eine Aussichtslosigkeit, weil das Nichts, die vernichtete Person und der „repulsierte“ Urschmerz natürlich auch die Radikalen Aufklärer selbst betreffen. Die echte Person – Stirner nennt sie den „Eigner“ – ist dermaßen zerstört, daß ihren Manifestationen mit einer riesigen Skepsis begegnet wird. Diese steht einer Wiederentdeckung dieser Person – Laska nennt es die „Selbstermächtigung“ – im Wege. Ein Ausbau, eine Entwicklung der Person wird verunmöglicht, weil nicht genug von ihr übriggeblieben ist, und weil der Ansatz, mit dem man beginnen könnte und an dessen Roten Faden man sich halten könnte, zu klein ist. Laska spricht nicht von seinen eigenen Gedanken als den „Produkten seines Gehirns“, nicht von sich als einem „Bündel von Zellen“, aber er ist so mißtrauisch sich selbst gegenüber, daß er das Eigene in Anführungszeichen schreibt und befürchtet, „das oft beschworene ‚Eigene‘“ könne „sowieso nur – wie die ‚Gene‘ – eine einzigartige Mixtur aus ‚Fremden‘“ sein, worauf wir an mehreren Stellen in diesem Buch zurückkommen werden müssen. 1.3. Meine Abweichung von der laska’schen Interpretation von L, S und R Wir haben Laskas gemeinsamen Nenner der Radikalen Aufklärer L, S und R gesehen. Für mich aber liegt er hierin: Alle drei waren der Meinung, daß der zivilisierte Mensch wie im Zirkus zu einer Nummer gemacht und davon abgebracht wird, er selbst zu sein. Aus der Mischung von noch persistierendem Selbstsein und Zirkusnummer entstehen Zerrissenheit, nicht erreichbares Wissen über sich selbst und was eigentlich eindeutig sinnvoll ist zu tun, Verlorenheit und Verzweiflung. Einer der drei – R – zählte im 20. Jahrhundert zu den wichtigsten Leuten, die darum bemüht waren, den Zivilisierten direkt und praktisch dazu zu verhelfen, wieder ganz sie selbst zu werden. Wir werden sehen, ob er dabei Erfolg gehabt hat und wie er das Unterfangen angegangen ist. Was ist nun die Überschneidung, die gemeinsame Sprache von Laskas und meinem Verständnis von L, S und R? Was Laska „die moralische Regulierung des Trieblebens“ nennt, ist das, was ich „die Zerstörung des Selbstes“ oder „meine (eigene) Zerstörung“ nenne, wobei ich „Trieb“ durch „Bedürfnis“ ersetzen bzw. ergänzen würde, weil in der Zeit, wo die Selbste zerstört werden – die frühe Kindheit –, es vor allem die Bedürftigkeit der Babys ist, die nicht erfüllt wird. Der Mensch zeichnet sich am Anfang der Entwicklung durch eine lange Phase großer Bedürftigkeit aus. („Trieb“ ist eine nach außen gerichtete Bedürftigkeit, das kommt beim Menschen erst später verstärkt hinzu.) – Das gehört in den Bereich der Anthropologie, in dem ich mich eigentlich gar nicht aufhalten möchte, worauf ich später zurückkommen werde. Die Anthropologie ist Teil des Problems, weil sie vorgaukelt, mit ihr besagtes Wissen erreichen zu können. Die Zerstörtheit des Selbstes bedeutet Verunsicherung, Leid und Nichtwissen, wer man ist und was man will. Diesen Aspekt gibt es bei Laska kaum; bei ihm stehen die sozialen Implikationen im Vordergrund: Das Nicht-Selbstsein bewirkt destruktives Sozialverhalten; wie kann dieses verhindert werden? Laska hat eher die Außensicht, ich eher die Binnensicht. Wenn die „moralische Regulierung des Trieblebens“ mit der „Zerstörung der Selbste“ mehr oder weniger identisch ist, was ist dann mit dem, was die „moralische Regulierung“ bewirkt, nämlich „das asoziale Triebleben“? Das entspricht in meinem LSR-Verständnis dem „zerstörten Selbst“. Daß dieses zerstörte Selbst Unheil stiftet, weil seine Bedürfnisse nach ihrer Nichtbefriedigung Ersatzbedürfnisse ausbilden, d.h. irrational werden, weil sie indirekte Befriedigungswege suchen und darstellen – die ursprünglichen Bedürfnisse nicht mehr wissen –, ist eine unschöne und folgenreiche, aber für mich dennoch sekundäre Angelegenheit. Meine zweite Abweichung von Laskas LSR-Definition liegt darin, daß es für mich nicht nur die Moral ist, die ursächlich für die Zerstörung der Selbste ist. Faktoren spielen dabei eine große Rolle, die nicht unter „Moral“ erfaßt werden können. Das hört sich anthropologisch an, ist aber Erfahrung. Es kann aber sehr gut sein, daß ich an dieser Stelle zu viel in L, S und R hineininterpretiere und daß das meine Erweiterung ist oder die anderer Autoren, wie z.B. Arthur Janov. Aus der laska’schen LSR-Definition wird also meine Definition wie folgt: L, S und R waren der Meinung, daß der zivilisierte Mensch davon abgebracht wird, er selbst zu sein; dabei hinterläßt die Zivilisierung zerstörte Selbste. Das aber heißt Leid.“ Daß bei mir das „asoziale Triebleben“ fehlt, liegt daran, daß ich mein Augenmerk nicht auf den sozialen Aspekt der Sache lege, sondern auf den individuellen. Natürlich hat die Zerstörung eines individuellen Selbstes auch soziale Implikationen – die Zerstörung des kollektiven Selbstes – und ist die Lösbarkeit der sozialen Krisen ganz offensichtlich an das Problem der servitude volontaire (Étienne de La Boétie) und daran gekoppelt, daß der Mensch keinen Ausgang aus seiner Unmündigkeit findet. Die Frage ist nur, wie er mündig wird und sich zu opfern aufhört – wodurch sich die Krisen entschärfen würden –, und das ist eine rein individuelle Angelegenheit. Der Mensch leidet darunter, daß er keinen Mund und nichts zu sagen hat, sein Leid nicht beklagen kann und sein Eigenes unter die Räder kommt. Sein Leid zu reduzieren und besagtes Wissen zu erweitern, würde auch seinen Verkehr und das Zusammenleben des Kollektivs insgesamt vereinfachen – das aber nur als Kollateralnutzen. Im Intro zur LSR-Internet-Seite beschreibt Laska ein länger gefaßtes LSR-Verständnis: „Die Heranziehung speziell der drei Autoren La Mettrie, Stirner, Reich erfolgt wegen der ausserordentlichen Art, in der die jeweils zeitgenössischen Vertreter der radikaleren, d.h. atheistischen Strömung der Aufklärung (repräsentativ: Diderot, Marx, Freud) auf sie reagierten: ‚D/M/F‘ vermieden jede Diskussion der Ideen von L/S/R und konnten auf diese Weise, mit stillschweigender Unterstützung aller Beteiligten, L/S/R zu kulturgeschichtlichen Unpersonen machen. Der ‚grosse Konsens‘ gegen L/S/R steht auf einer Basis, die die atheistischen Aufklärer sogar mit ihren theistischen und theologischen Gegnern gemeinsam haben: Die ‚anthropologische‘ Überzeugung, dass die Menschwerdung jedes Einzelnen in seiner Enkulturation besteht, und dass diese geschieht, indem ihm – weitgehend unbewusst, irrational – die Normen, Werte etc. seiner kulturellen Umwelt introjiziert werden. Mensch sei, wer einem derart internalisierten ‚Über-Ich‘ unterworfen ist. L/S/R hingegen – und nur sie – haben die eine Auffassung gemeinsam, die offenbar das Sakrileg der Sakrilege ist: dass diese Art der kulturellen Menschwerdung im Zuge der Aufklärung zu eliminieren ist; dass der wirkliche ‚Ausgang des Menschen aus seiner Unmündigkeit‘ dem Imperativ folgt: super-ego esse delendum!“9 (Das Über-Ich muß zerstört werden!) Mitnichten sind nur „L/S/R – und nur sie“ angetreten, das Selbst zu schützen. Es gab sehr wohl mehr – und vor allem auch radikalere – Autoren als zumindest R: ein blinder, quasi religiöser Fleck bei Laska. Auf weitere Unterschiede zwischen unseren verschiedenen Interpretationen von L, S und R und auf von Laska abweichende Akzentuierungen bzw. auf Erweiterungen meinerseits komme ich u.a. im Kapitel 7.1.2. Der neue philosophische Inhalt zu sprechen. 1.4. Laskas Anspruch, mehr als Philosophiehistoriker zu sein Peter Sloterdijk bringt das LSR-Programm kurz und knapp auf den Punkt: „Stirners Idee ist es, aus seinem Kopf alle fremden Programmierungen einfach hinauszuwerfen.“10 – Seltsam ist nur, wie man das, wenn man es erkennt, selbst nicht zum wesentlichen Inhalt seiner Arbeit machen kann und stattdessen fremde Programmierungen kultiviert: Sloterdijk wurde in der Coronazeit zu einem fanatischen Befürworter der Impfpflicht und warf damit auch nur den geringsten Ansatz von Autonomie endgültig über Bord. (Ein vergleichbarer philosophischer Fabulierer und Tausendsassa ist Michel Onfray, der streckenweise durchaus ein gewisses Verständnis für die radikale Aufklärung entwickelt und den la-mettrie’schen Kern gestriffen hat, davor aber mit bereits einhundertfünzig Büchern in alle möglichen Richtungen davonrepulsiert ist – auch er, wie viele andere „kritische Intellektuelle“ (z.B. Chomsky), Impfling und Impfpropagandist und damit disqualifiziert.) Zurück zu Laska: Etwas weniger überich-zerstörerisch – gar paradox – heißt es im Jahre 2000 in einem Brief Laskas an den Philosophen Hermann Schmitz – die Rede ist ebenfalls von Stirner –: „Seine [des Gewissens] Erzeugung – so sinngemäß auch La Mettrie und Reich – erzeuge erst jene Regungen, die niederhalten zu können es vorgibt. Mit ihm fiele jedoch nicht generell der ‚unbedingte Ernst moralischer Normen‘ – im Gegenteil.“11 LSR ist kein „philosophiehistorisches Projekt“12, „um den historischen Rang jener drei Parias [L, S und R] zu belegen“13. Es „zielt weiter“ als „bloss auf eine Rehabilitation dieser gewiss verkannten Denker“14. Es ist „allenfalls in zweiter Linie als ein philosophie- bzw. ideengeschichtliches Projekt aufzufassen“15. Als solches allein wäre es faszinierend: Bei Laska ist alles von sehr hoher philosophiegeschichtlicher Qualität und liest sich wie eine Kriminalgeschichte (siehe dazu meine Rezension eines Laska-Buches aus dem Jahre 199916). Einerseits droht der eigentliche Inhalt – sozusagen der „in erste Linie“ – unter der Philosophiegeschichte zu verschwinden, aber andererseits hat der stets präsente Subtext tatsächlich eine eindeutige, unter die Philosophiegeschichte zielende Tendenz. Ihr entströmt bei aller Gelehrtheit eine über ein halbes Jahrhundert anhaltende Leidenschaftlichkeit, die letztlich den Kriminalfall der Biografie eines jedermanns anspricht: das Engagement gegen die Verletzung der Autonomie eines Einzelnen und gegen die Fremd-Enkulturation. Laskas Engagement gilt dem „Normalmenschen“, der keine Chance hat, der Heteronomie zu entkommen: „Ich bin der Auffassung, daß die seit Menschengedenken trotz aller Aufklärung dominierende, ‚irrationale‘ Erzeugung des Über-Ichs – nach Wilhelm Reich des psychischen und zugleich physischen Charakter(panzer)s – zu viele und im Laufe des Lebens nur noch bedingt zu behebende, am besten natürlich von vornherein zu vermeidende schädliche Nebenwirkungen [...] hat […], wobei ich freilich nicht oder nur sekundär die üblichen pathologischen Erscheinungen meine, sondern vielmehr das Fühlen, Denken und Handeln des Normalmenschen.“17 So erklärt sich die Begeisterung der nicht sehr zahlreichen Fans des LSR-Projekts – zu denen Martin Walser18 gehörte –, die sich mit den „Parias“ und ihren Inhalten identifizieren: Es geht um die „schädlichen Nebenwirkungen“, die sie selbst erlitten haben, um die „moralische Regulierung ihres eigenen Trieblebens“, sprich: um ihre eigene Zerstörung, um die Zerstörung ihres Selbstes, ihres „Eigners“, wie Stirner das sagen würde. 1.5. Christian Fernandes übernimmt bei LSR die Fakkel von Laska Begeistert war und identifiziert hat sich ganz offenbar auch der Philosoph Christian Fernandes, der das LSR-Projekt seit 2024 weiterführt. Er faßt LSR so zusammen: „Bei besagter [LSR-]‚Kernidee‘ geht es letztlich darum, daß durch die bisher übliche Art und Weise der Enkulturation im Inneren des Kindes eine als Autonomie empfundene Heteronomie, ein nicht mehr hinterfragbares ‚irrationales Über-Ich‘ etabliert wird, das eine vernünftige Steuerung des eigenen Verhaltens, von Laska ‚rationales Über-Ich‘ genannt, in vielen Fällen konterkariert.“19 An anderer Stelle sagt Fernandes: „In der ‚Negation des irrationalen Über-Ichs‘, der Forderung, es abzubauen bzw. gar nicht erst entstehen zu lassen, sah [Laska] die strukturelle Gemeinsamkeit zwischen La Mettrie, Stirner und Reich.“20 Eine solche Weiterführung war an der Zeit, „nachdem die Webseite des LSR-Projekts seit 2016 keine wesentlichen Erweiterungen mehr erfahren hatte“21. Nun hat also Christian Fernandes die Administration der vorzüglichen Webpräsenz www.lsr-projekt.de übernommen und auch schon die editorische Arbeit von LSR fortgesetzt22 (wenngleich nicht mehr im LSR-Verlag, sondern als Herausgeber beim Verlag Königshausen & Neumann, wo inzwischen auch sämtliche älteren LSR-Verlags-Bücher angeboten werden). Ein LSR-Archiv betreibt Peter Nasselstein in Hamburg.23 Eine Weiterarbeit seitens Laskas an seinem Projekt hatte in der Luft gelegen und war überfällig. Das LSR-Verlagsprogramm24 blieb unvollständig. Ankündigungen waren nicht erfüllt worden. Diese betrafen eigene Texte von Laska, die sich mit dem Kern und dem eigentlichen Inhalt von L, S und R diesseits der Philosophiegeschichte beschäftigen sollten. Hier ist insbesondere das angekündigte Laska-Buch „LSR – Essenz und Konsequenz“ zu erwähnen. Ich habe 2022 diesbezüglich in einem Aufsatz25 meine enttäuschte Neugier zum Ausdruck gebracht. Christian Fernandes ist dem nun als erstes nachgekommen und hat versucht, diesen Mangel halbwegs zu beheben, und zwar erstens mit der Herausgabe eines Laska-Textes, der 1982 als Rowohlt-Monografie „Max Stirner in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten“ hätte erscheinen sollen: „Max Stirner. Leben, Werk, Wirkung“26 (erweitert um einen Text aus dem Jahre 2016, den es aber schon im Netz gab27). Dieses Buch ist angesichts derzeit immer häufiger auftretender falscher, sehr oberflächlicher Stirner-Fans lange erwartet gewesen und von großer Aktualität: „Erkenntnishemmende Faktoren im ‚Einzigen‘, die zu allerlei Missverständnissen oder einer fehlgeleiteten Faszination geführt haben, werden eliminiert und als von Stirner absichtlich eingebaute Irreleitung der Zensoren entlarvt.“28 (Letzteres ist eine interessante These, die meines Wissens aber noch nicht belegt ist. Sie ist aber für die „Mißverständnisse“ nicht von erstem Rang.) Zweitens hat Fernandes das Buch „Das LSR-Projekt. Die Negation des irrationalen Über-Ichs. Eine Anthologie“ mit Texten von Bernd A. Laska herausgegeben, die zwar die „Essenz“ auch von L und S ganz sicherlich herausarbeiten, aber sämtlich bereits veröffentlicht und seit langem auf der LSR-Internetpräsenz zu lesen sind. Laska könnte mit „LSR – Essenz und Konsequenz“ andere, darüberhinausgehende Ambitionen gehabt haben. Laut Fernandes ist aber mit dem jetzt erschienenen „Das LSR-Projekt. Eine Anthologie“ Genüge getan; ein Buch „LSR – Essenz und Konsequenz“ sei nicht mehr nötig: „Laskas ursprünglich angekündigtes Hauptwerk, in dem er die ‚Essenz und Konsequenz‘ des LSR-Projektes darstellten wollte, ist in den drei zentralen Kapiteln dieses Buches [‚Das LSR-Projekt. Eine Anthologie‘] über die Negation des irrationalen Über-Ichs bei L, S und R repräsentiert.“ Das mag tatsächlich so sein. Daß Laska über die hier versammelten Schriften hinaus noch „LSR – Essenz und Konsequenz“ schreiben wollte, hängt vielleicht mit seinem Willen zusammen, mit immer mehr Schriften die philosophischen Kollegen zu überzeugen, mindestens zu beeindrucken, auch wenn er sich dabei wiederholt. Darauf werden wir später noch einmal zurückkommen. Sicher hat Fernandes recht und alles Wichtige war bereits schon gesagt. Und drittens hat Fernandes inzwischen auch seine eigene philosophische Arbeit mit dem Buch „La Mettries ‚tugendhafte Lust‘. Quelle und Rezeption. Aufsätze“29 fortgesetzt. Dieses Buch ist schon bestellbar, aber noch nicht erschienen (Zustellung: 9.12.24–8.5.25). Aus allem, was man bereits davon lesen kann30 und überhaupt aus Fernandessens LSR-editorischen Texten wird klar, daß er nicht nur ein würdiger Verwalter und Herausgeber, sondern sehr kreativ und substantiell bereichernd ist und eigene Wege geht. Das für Laska so typische Akribisch-detektivische übertrumpft er sogar noch31, weist auf einige Schwachstellen bei Laska hin. Er ist ein wissenschaftlicher Philosoph – mit hoffentlich nur den Vorteilen davon. Dabei geht es vor allem um eine bedeutende „These Jacques’“32, die Fernandes zu Tage gefördert hat und die Laska wohl nicht erkannt hat und bei seiner Editierung von La-Mettrie-Texten nicht berücksichtigen konnte. Fernandes geht sympathisch unbefangen vor und spart im Lob auch nicht mit Kritik: Rousseau, Friedrich Albert Lange und Panajotis Kondylis33 hätten „La Mettries Kernidee zwar wahrgenommen“, aber „einzig Bernd A. Laska rückte sie ins Zentrum seiner Interpretation, die er jedoch nicht überzeugend begründen konnte“. Fernandes ist aber auch nicht vor Fehlern gefeit: Er schreibt in seiner „Editorischen Notiz“ zu Laskas „Max Stirner. Leben, Werk, Wirkung“ auf Seite v: „Durch Zufall entdeckte [Laska] den französischen Aufklärer Julien Offray de La Mettrie für sich […].“ – Aber von einem Zufall kann überhaupt nicht die Rede sein. Laska dazu 1998: „Derart sensibilisiert für die neuralgischen Punkte der sich siegreich dünkenden ‚Aufklärung‘ (im Sinne von Marx und Freud) traf ich Anfang der 80er Jahre auf die große Studie von Panajotis Kondylis über die Aufklärung vornehmlich des 18. Jahrhunderts – und fand dort in einer Art von serendipity sofort den einen Autor, dessen anthropologische Position der von Reich und Stirner im Kern glich: La Mettrie.“34 Und schon 1985: „Kondylis‘ Stärke in seiner Studie über die Aufklärung hat mich veranlaßt, La Mettrie im Detail zu studieren.“35 (Fernandes dazu im Buch: „Nach der Lektüre von Die Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus [Panajotis Kondylis, 1981] habe er sich zum ersten Mal mit La Mettrie befasst […].“36) Was aber in dem Zusammenhang noch mehr verwundert, ist, daß sich auch Laska selbst nicht mehr daran erinnert, wo er La Mettrie – womöglich zum ersten mal, jedenfalls spätestens – begegnet sein muß: nämlich bei Reich, dessen Fan Laska ja zuerst gewesen war. Reich schreibt in seiner „Charakteranalyse“37 ziemlich ausführlich von La Mettrie und bricht für diesen eine große Lanze: „Man lese Friedrich Langes, des großen Naturphilosophen, Beschreibung der Diffamierung, die der naturwissenschaftliche Pionier des siebzehnten [sic] Jahrhunderts, De la Mettrie [sic], durch die emotionelle Pest erlitt. De La Mettrie hatte in seinem großen Werk Die Naturgeschichte der Seele38 nicht nur die wesentlichen Zusammenhänge von Empfindung und physiologischen Reiz korrekt erfaßt, sondern er hatte sogar völlig korrekt den Zusammenhang des Leib-Seele-Problems mit dem biologischen Sexualprozeß geahnt und beschrieben. Das war für die Philister […] zu viel. Sie setzten also das Gerücht in Gang, daß De La Mettrie solche Anschauungen nur entwickeln konnte, weil er ein ‚Wollüstling‘ gewesen wäre. So hat sich das Gerücht überliefert, daß De La Mettrie an einer Pastete gestorben wäre, die er bei einem Gastschmaus in echter Lüstlingsweise allzu gierig gegessen hätte. Dies ist nicht nur aus medizinischer Sicht Unsinn, […].“39 – Hier wird Reich übrigens zum historischen Revisionisten – und wird von La Mettrie selbst sekundiert: „Der Wollüstige […] kostet von allen Speisen in Maßen; er schont sich, da er von allem probieren will. […] Mögen die anderen den Champagner nur so in sich hineinschütten: Er nimmt ihn, wie andere Genüsse auch, stets mit Bedacht zu sich.“40 Und man will ja nicht zum Konspirologen werden, aber ein Gedanke an Stirners Tod drängt sich einem LSR-Fan auf: „Ob diese Erkrankung, die zu seinem [Stirners] Tode führen sollte, die einzige wohl ernstliche seines Lebens, wirklich, wie behauptet ist, durch den Stich einer vergifteten Fliege herbeigeführt wurde, steht nicht fest.“41 Wenn ich so wenig Rücksicht genommen habe auf die herrschenden Vorurteile; wenn ich nicht einmal geruht habe, jene Täuschungsmanöver zu veranstalten, die schon vielen
Schriftstellern zum Schutz vor unseren Juden und ihren
Synoden gedient haben, so folgt daraus jedoch nicht, daß ich
ein schlechter Staatsbürger bin, ein Störenfried, ein Erzfeind der
Gesellschaft (deren Lobredner, meine Gegner, wahrlich nichts
bieten und nichts riskieren).“42
Trotz seines Fehlers ist das LSR-Projekt bei Fernandes in hervorragenden Händen, und wir können Laska und uns nur dazu beglückwünschen, daß Fernandes erschienen ist.43 Nach eigentlichem Redaktionsschluß zu diesem Buch wurde mir das bestellte Fernandes-Buch „La Mettries ‚tugendhafte Lust‘. Quelle und Rezeption. Aufsätze“44 doch noch zugestellt. Ich habe jetzt keine Kraft mehr, das hiesige Kapitel umzuschreiben, so daß ich die für dieses Buch relevanten Stellen im folgenden und an weiteren Stellen dieses Buches rezipiere und den Leser darum bitte, Wiederholungen zu entschuldigen: Fernandes stimmt – das ist klar – Laska grundsätzlich zu: „Meine These ist, dass Laska Recht hat; dass der Zusammenhang von Schuldgefühlen und bösen Neigungen tatsächlich im Zentrum von La Mettries Philosophie steht.“45 Fernandes bemängelt allgemein, nicht auf Laska bezogen, daß die „Editionsgeschichte [La Mettries] Schriften zur Wollust46, in denen sich die [These von der ‚tugendhaften Lust‘ zuerst niederschlug], bislang nicht vollständig rekonstruiert werden konnte“47. Fernandessens Kritik an Laska bezieht sich neben einem sinnentstellenden Übersetzungsfehler48 vor allem auf fehlende Nachweise und Belege, Begründungen, Gründlichkeit, „Deutlichkeit“, Wissenschaftlichkeit – Vollkommenheit als Philosoph und Philosophiehistoriker. Einen solchen Status spricht Fernandes Laska im Grunde ab und nennt ihn den „Forscher Bernd A. Laska“49 oder den „Nürnberger Privatgelehrten Bernd A. Laska“50. Dagegen lobt Fernandes „Laskas sehr gute Intuition, auf die in der bisherigen Forschung kaum eingegangen wurde.“51 – Fernandes nimmt seine (akademie)philosophischen Kollegen vor dem Vorwurf in Schutz, Laska nicht verstanden, ihn nicht anerkannt zu haben und ihm nicht gefolgt zu sein. Das sei zum Teil Laskas eigene Schuld gewesen (es habe sozusagen nicht nur an der Repulsion der Philosophen gelegen). Damit in Zusammenhang kommt Fernandes auf seinen Hauptkritikpunkt zu sprechen: „Mitte der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts erfasste Bernd A. Laska diesen [den richtigen] La Mettrie [und nicht den von den inkonsequenten Aufklärern Diderot, Voltaire usw. verstellten – PT] zwar intuitiv sehr präzise, übersah aber ausgerechnet die Übersetzung der These Jacques‘ und konnte sich deshalb mit seiner Interpretation, die ohne sie schwer zu belegen war, nicht durchsetzen.“52 Der Arzt Gabrièle-Antoine Jacques hatte 1722 „auf naturwissenschaftlicher Grundlage behauptete, die Befriedigung sexueller Lust sei Voraussetzung der Tugendhaftigkeit“53. Es sei, so Fernandes – sehr gut nachvollziehbar –, von „nicht zu überschätzender Bedeutung, welche die These Jacques‘ für La Mettrie hatte“54. Diese „These Jacques‘“ nun habe Laska in seinen Forschungen nicht wahrgenommen: „Allerdings hatte Laska, wie er mir persönlich mitteilte, die These Jacques‘ übersehen, weswegen ihm bei richtiger Intuition […] entscheidende Belege fehlten.“55 Aufgrund dieses Übersehens „[konnte Laska] seine Behauptung nie wirklich belegen, La Mettrie habe die Position vertreten, daß ausgerechnet die moralische Erziehung, insbesondere die restriktive Sexualmoral, die unmoralischen antisozialen Neigungen im Menschen erzeugt, die sie dann nicht mehr effektiv eindämmen kann.“56 Im Übersehen der „These Jacques‘“ lag ein eklatanter Fehler des Forschers Laska: „Die Stelle [daß La Mettrie das baldige Erscheinen die für ihn so bedeutsame These Jacques‘ in der Erstausgabe des Discours ankündigt57] fehlt in Laskas Ausgabe, obwohl John Falvey, Herausgeber der kritischen Edition, sie überliefert58 hat und in seiner Einleitung darauf hinweist, dass es sich vermutlich um eine Vorankündigung handelt.“59 Fernandes entwickelt wieder Verständnis für die Kollegenschaft, wenn sie Laska nicht ernst nehmen und – wie Laska andauernd mutmaßt – La Mettrie und Reich „repulsieren“. Er sieht die Ursache dafür aber nicht nur im Affektiven: „Laska geht weder auf den epikureischen Standpunkt in De vita beata ein, noch war ihm die These Jacques‘ bekannt. Deshalb konnte er die zu Recht auf La Mettrie projizierte Behauptung [Wilhelm] Reichs, Schuldgefühle würden böse Neigungen erzeugen, nicht zufriedenstellend belegen.“60 Auch den armen Martin Walser kann Fernandes verstehen: Man „[kann Walser] aber schwer vorwerfen, dies [dass der Zusammenhang von Schuldgefühlen und bösen Neigungen tatsächlich im Zentrum von La Mettries Philosophie steht] übergangen zu haben, weil die besten Belege selbst von Laska übersehen wurden.“61 In der Lückenhaftigkeit und ungenügenden Pädagogik Laskas lag wohl auch der Grund dafür, daß die philosophischen Kollegen ihm nicht darin folgen konnten bzw. ihn repulsierten, wenn er Rousseaus Repulsion von La Mettrie thematisierte und nachzuweisen versuchte: „Bernd A. Laskas Pionierarbeit62 über die initiale Verdrängung der ‚Lehre […] von den Schuldgefühlen‘63 durch Rousseau fand bisher kaum größere Beachtung.64 […] [Laska] ging nicht näher auf einzelne Texte ein. […] Da er auf Beispiele komplett verzichtete, können solche Behauptungen nicht problemlos verifiziert werden.“65 Immer wieder kritisiert Fernandes – zumindest von seinem Standpunkt aus sehr zu recht – die mangelhafte Arbeit Laskas: „Angesichts der Wichtigkeit dieses Problems – immerhin geht es um die Frage nach dem Ursprung des Bösen – wäre größere Deutlichkeit wünschenswert gewesen.“66 Wo aber Laska deutlich ist, bringt er wieder nicht genug Belege: „Laska formuliert deutlich, aber auch vorsichtig, weil er seine These zur ‚post- bzw. transnihilistische[n] Tendenz‘67 bei La Mettrie durch kein Zitat belegen kann.“68 Fernandes konzediert aber Laska dann doch, „einen einzigen Beleg an[zu]führen.“69 Aber das alles ist nicht so schlimm, ist doch nun Fernandes zur Stelle und vervollkommnet die laska’sche Arbeit: Fernandes „[überprüfte] Laskas These durch konkrete Textanalysen70, […] [betrachtet], um die Kritik [Laskas an Martin Walser] zu verstehen, Laskas Werdegang näher“71 usw. – „Laskas Interpretation der ‚Lehre von den Schuldgefühlen‘ [weist] ein Begründungsdefizit [auf], das behoben werden kann, wenn man weitere, bisher noch nicht ausgewertete Belegstellen berücksichtigt.“72 – Und genau das tut jetzt Fernandes: Er berücksichtigt, wertet aus und belegt, was das Zeug hält. Er ist eben ein richtiger, ein wissenschaftlicher Philosoph, der so etwas von der Pieke auf gelernt hat. Wenn hier der Eindruck entstanden sein sollte, ich würde ironisieren oder das fernandes’sche Bild von Laska als zu streng darstellen, so wäre der Eindruck falsch. Natürlich ist Fernandessens Kritik in ihrer Rigorosität berechtigt und richtig. Aber Laska wäre der letzte, der ihm das verübeln würde; ganz im Gegenteil wird er sich über die fernandes’schen Ergänzungen sehr, ich würde sagen extrem freuen. Die sich auf den Leser übertragende Freude geht in einen regelrechten intellektuellen Genuß des sehr hochwertigen fernandes’schen Textes über. Auch der Eindruck, bei Laska handelte es sich nur um einen ahnenden Forscher, dem jetzt endlich ein wissender und beweisender, ein echter Philosoph zu Hilfe käme, wäre völlig verkehrt, womit ich aber nicht Laskas Schnitzer bei der „These Jacques‘“ kleinreden will. Niemand sonst als Fernandes wird die laska’sche Leistung und Laskas Qualität als Philosoph, Philosophiehistoriker und darüber hinaus zu würdigen wissen, und die von mir zitierten kritischen Passagen nehmen in Fernandessens Buch insgesamt einen im Verhältnis nur kleinen Teil ein. (Und für einen Laien wie mich ist Laska sowieso schon die unübertreffliche Ausgeburt von Wissenschaftlichkeit und Akkuratesse.) Damit soll aber abermals die fernandes’sche Kritik nicht geschmälert werden. Wichtig ist nur, daß Fernandes im wesentlichen Laska vollumfänglich zustimmt. Vielleicht gelingt es jetzt LSR mit der zugenommenen Wissenschaftlichkeit, der fernandes’schen Beheimatung im akademischen Milieu und dem fernandes’schen Beleg durch die „These Jacques‘“ in philosophische Kreise vorzustoßen, die LSR bisher verschlossen waren. Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß bei einer noch höheren Forscherqualität Laskas, er selbst und La Mettrie wirklich besser verstanden worden wären, und bleibe skeptisch in Bezug auf die Akzeptanz. Und das hat etwas mit jenem „darüber hinaus“ zu tun. Das philosophische Publikum hätte nämlich seinerseits auch ohne die „These Jacques‘“ ahnen müssen, worum es Laska (und L, S und R) geht, was eben nur bedingt oder kaum philosophiegeschichtlich vermittelbar ist (womit ich aber wieder die Bedeutung weder der „These Jacques‘“ noch der Arbeit von Fernandes verkleinern will). Ich würde hier eher Laska zustimmen: Das Publikum repulsiert. Das zeigt Fernandes sehr schön am Beispiel des Briefwechsels zwischen Laska und Panajotis Kondylis auf: Der Herr Philosoph ist mit den besten Argumenten nicht von Laskas logisch begründeten Transnihilismus zu überzeugen. Kondylis hätte zu einem Verständnis Laskas und La Mettries auch nicht die Kenntnis der „These Jacques‘“ genützt. Man wird leider nicht schlau aus dem Fernandessens Text, ob Kondylis Kenntnis von der „These Jacques‘“ hatte oder nicht. Wahrscheinlich nicht, denn sonst hätte Laska, der ja nur über Kondylis zu La Mettrie gekommen war, die „These Jacques‘“ auch gekannt. Fernandes schreibt: „Spätestens nach Lektüre dieser seiner [La Mettries] Quelle [Jacques] ist klar, dass die ‚tugendhafte Lust‘ im Zentrum von La Mettries Philosophie steht.“ – Aber Fernandes schreibt nicht, ob Kondylis diese Lektüre gehabt hatte und ihm deswegen dies hätte klar sein müssen: „Eine von irrationalen Normen freie, ‚ungehemmte Befriedigung der Triebe aller Mitglieder der Gesellschaft‘ würde für ihn [La Mettrie] aufgrund des biologischen Urfaktums der ‚tugendhaften Lust‘ eben nicht zur ‚Auflösung‘ der Gesellschaft führen [wovon Rousseau überzeugt war, PT]. Dies gilt allerdings nur unter der Bedingung, dass ihre Mitglieder sich zuvor von den Schuldgefühlen befreit haben bzw. in einer Weise erzogen worden sind, dass sie keine remords – vor allem im sexuellen Bereich – ausbilden können. Denn mit den Schuldgefühlen, so wäre der im Discours sur le bonheur weiterentwickelte Sachgehalt der These Jacques‘ zu deuten, gingen auch die antisozialen Neigungen einher.“73Biologisches Urfaktum“ gefällt mir … Aber hier kommen wir zu meiner Kritik an Fernandes, die ich später an geeigneter Stelle fortsetzen werde: So glänzend Fernandes die Richtigkeit und die Logik der laska’schen, la-mettrie’schen und jacques’schen Theorie herleitet, so naiv muß ich ihn doch schelten, was eine „Umsetzbarkeit“ dieser Theorie anbelangt. Selbstverständlich würde sich „die Gesellschaft auflösen“, wenn ihre „Mitglieder“ anfangen würden, „sich von den Schuldgefühlen zu befreien“. Hier ist auf jeden Fall dem pessimistischen Realismus Wilhelm Reichs zuzustimmen (nicht aber Rousseau, der einfach nur keine Ahnung hatte). Fernandes weiß in seinem jugendlichen Wahnsinn nicht, wovon er spricht. Es müßte nämlich jene reich’sche „mittlere Schicht“ durchgangen werden, um an den reich’schen „Kern“ (das biologische Urfaktum) zu kommen, aus nur dem heraus eine solche Gesellschaft aufgebaut werden könnte. Ein solcher Gang aber ist entweder reine Theorie – oder ein äußerst langwieriger, zäher Prozeß, der kein Ende findet. Die „Bedingung“ dafür – nämlich „dass ihre Mitglieder sich zuvor von den Schuldgefühlen“ befreien –, kann so gut wie nicht erfüllt werden. Wie extrem tief Schuldgefühle sitzen und wie sehr früh sie entstehen, davon kann man im II. Teil des Buches, Abschnitt 3.6., bzw. im III. Teil, Abschnitt (3.)3.6., dem Kommentar dazu, etwas ermessen. Eine „Befreiung von Schuldgefühlen“ tangiert das zentrale Thema dieses Buches. Und ich werde hier zeigen, wie sowohl extrem schwierig bis unmöglich ein solches Unterfangen ist als auch, wie extrem unwahrscheinlich überhaupt ein für eine solche „neue Gesellschaft“ relevantes und notwendiges Maß an Menschen ist, die einen solchen Prozeß einer Befreiung in Angriff nehmen könnten oder wollten. Ich werde das am Falle von der Person exemplifizieren, festmachen und beweisen, eines Mann, der um solch ein Unterfangen einen riesigen Bogen gemacht hat und der niemand anders ist als Laska selbst. Um die schiere Aussichtslosigkeit zu realisieren, müssen wir uns jetzt noch einmal vor Augen führen, daß es ja Leute wie Laska sind, die die Avantgarde einer solchen – nicht existierenden – „Bewegung“ darstellen. Wenn da schon nichts passiert – wie soll das was werden? Es bestehen Hoffnungsfünkchen, die aber aus anderen Richtungen kommen. Mein zweiter vorläufiger Kritikpunkt bezieht sich auf den Charakter des Prozesses der „Befreiung von den Schuldgefühlen“. Ohne die Bedeutung einer freien, hemmungslosen und von jeglichen Schuldgefühlen (vor allem aber von noch ganz anderen Lasten) befreiten, schönen Sexualität als Ergebnis eines solchen Prozesses zu schmälern – sie ist selbstverständlich das Ziel eines solchen Prozesses –, so wird sie, ohne normativistisch zu werden, sondern nur aus Erfahrung vorausschauend, nicht im Mittelpunkt des Prozesses stehen. Der Prozeß findet „vor allem“ eben nicht „im sexuellen Bereich“ statt. Die „[von La Mettrie vertretene] Position, daß ausgerechnet die moralische Erziehung, insbesondere die restriktive Sexualmoral, die unmoralischen antisozialen Neigungen im Menschen erzeugt, die sie dann nicht mehr effektiv eindämmen kann“74, ist keine falsche, aber eine sehr unvollständige Position. Wir werden später anhand von Stirner darauf zu sprechen kommen, wie sehr weit weg diese Philosophen noch von den Realien der zivilisationsmenschlichen Katastrophe entfernt waren. Die Sexualität steht vielleicht im Mittelpunkt, wenn es darum geht, „Bildung von [sexbezogenen] remords“ zu verhindern. Aber die Zerstörung des „biologischen Urfaktums“, des Eigners und der Autonomie beginnt lange vor der Entwicklung der Sexualität; die Individuen kommen schon in der Pubertät enteignet und entkernt an (und werden somit von vornherein an einer freien Sexualität als Ausdruck der Gesamtperson gehindert). Und es sind auch nicht zuvörderst Schuldgefühle, die die Ursache der Zerstörung sind, sondern traumatische Geschehnisse auf leiblicher Ebene. Der Leser wird in diesem Buch erfahren, daß ich das alles andere als präskriptiv meine und nur einleitend meine These nenne. Die Selbststeuerung eines solchen Prozesses hat bei mir nicht etwa die allerhöchste Priorität – der Prozeß selbst kann nur ein selbststeuernder sein. Es ist erstaunlich, wie früh sich schon Schuldgefühle bilden können – und dann beziehen sie sich nicht auf Sexuelles, sondern auf Existenzielles –, aber die wesentlichen, tiefsten und entscheidenden Ursachen der Eignerzerstörung liegen in einer Zeit, bevor das Kind Schuldgefühle entwickeln kann. Auch hier kann ich wiederum Fernandes nur naiv und ahnungslos nennen. Was Fernandessens und La Mettries „tugendhafte Lust“ angeht, so gehe ich darauf – wie auf einen weiteren begrifflichen Nonsens, nämlich das „rationale Über-Ich“ Laskas – in den Kapiteln 8.5.3. Laskas „rationales Über-Ich“ als Rationalisierung des Über-Ichs und aus mangelnder Praxis entstandenes Theorem und 8.5.3.2. Exkurs: methodologische Probleme mit Abstraktionsebenen ein. Trotzdem stimme ich Fernandes in der Sache zu, wenn er schreibt: „Sexuelle Lust ohne Rücksicht auf die gesundheitlichen und sozialen Folgen kann nicht tugendhaft sein.“75 Aber dazu mehr im Kapitel 7.2.1.12.3.1. Exkurs: Das inkonsequente Ausweichen der Reichianer vor der sozialen Frage und dem Matriarchat. 2. Laskas neuaufklärerische Kognitiv-affektiv-Formel. – Erfüllt LSR den Anspruch, zu einer Neuen Aufklärung beizutragen? Operiert LSR im „Affektiv-emotionalen“? Das Fortbestehen des LSR-Projekts ist für die nächste Generation abgesichert, worüber wir uns nur sehr freuen können (wann geschieht so etwas überhaupt schon mal? – abgesehen von allen möglichen „Schulen“ wie Marxismus oder Psychoanalyse, die sowieso nur Unheil stiften). Das kann aber nicht die Tatsache verdecken, daß die Arbeit an der „Konsequenz“ von LSR zu Laskas aktiven Zeiten ins Stocken geraten bzw. daß Laskas letztlich doch noch nicht wirklich über die Erste bzw. Alte Aufklärung hinausgekommen war. Inwieweit Fernandes hier Anstalten macht, bleibt abzuwarten. Eine wirkliche und logische Konsequenz von LSR ist eben nicht „in drei zentralen Kapiteln [von ‚Das LSR-Projekt‘] repräsentiert“ (Fernandes), sondern geht darüber hinaus. Doch zu dieser zentralen Kritik am LSR-Projekt kommen wir in aller Ausführlichkeit in späteren Kapiteln. Vorerst: L, S und R und LSR zeigen zwar eindeutig und schonungslos die Inkonsequenz und die Defizite der Alten Aufklärer und deren kriminelles Verhalten gegenüber diesen Neuen Aufklärern auf. Aber LSR ist bisher nicht wirklich seinen eigenen Ansprüchen, nämlich zu einer „Neuen Aufklärung“ beizutragen und diese weiter voranzutreiben, gerecht geworden. Worin besteht nun diese „Neue“, diese „Zweite Aufklärung“? Was macht diese aus? Worin hebt sie sich – etwa in der Frage von Mündigkeit und Souveränität – von der Ersten bzw. Alten ab? Diese Fragen werden in folgender Aussage Bernd A. Laskas beantwortet, die für mich seine zentrale, am weitesten fortgeschrittene Aussage ist, aber seltsamer-, ich hoffe nicht bezeichnenderweise nicht in Fernandessens „Anthologie“ zu finden ist (sondern in einem 1996 erschienenen Laska-Buch): Stirners Postulat, die (alte) Aufklärung, die im kognitiv-rationalen Bereich operierte, sei am Ende ihrer Möglichkeiten und deshalb durch eine neue, im affektiv-emotionalen Bereich operierende – und damit ‚praktisch‘ werdende – fortzusetzen (was hieße, die Bastionen des ‚Heiligen‘ in den Individuen zu schleifen bzw. besser erst gar nicht entstehen zu lassen), dieses Postulat stieß bis heute stets auf spontane Abwehr in sehr unterschiedlichen […] Formen, wobei die interessanteren Fälle freilich die Autoren sind, die ein aufklärerisches, irreligiöses etc. Selbstverständnis haben. […] Doch die atheistischen Aufklärer vermochten Stirner in dieser entscheidenden Einsicht nicht zu folgen. […] Sie waren außer Stande, die von Stirner initiierte ‚neue Aufklärung‘ rational zu prüfen, und erstickten sie stattdessen im Keime.“76 Darin liegt also das Programm von LSR und der Neuen Aufklärung: Der kognitiv-rationale Bereich muß zwar zur Aufklärung beitragen (gedankliche Kohärenz, Logik, intellektuelle Redlichkeit: kognitive Konsonanz) – aber damit ist es nicht getan. Das kann nicht alles gewesen sein.Der bunte Zug der Aufklärung ist siegreich zu einem Halt gekommen“ – in der Art schreibt Laska es irgendwo. Ich finde das Zitat leider gerade nicht, nur diesen ähnlichen Satz: „[Es geht] um die Paralyse und Verkümmerung des Impulses der Aufklärung – synchron mit ihrem (vermeintlichen) Triumphzug.“77 Oder: „Die Aufklärungsbewegung stürmte dann zwar mit grossem Elan vorwärts und feierte grosse Siege. Doch je deutlicher wurde, dass sie in eine Epoche des aufgeklärten Obskurantismus ausgelaufen war, desto klarer wurde auch: es waren Pyrrhussiege.“78 Die Aufklärung sei „in eine Sackgasse geraten“79. Laut Günter Kunert ist die Alte Aufklärung an ihrem Erfolg gescheitert [und] eigentlich ihr eigenes Opfer. Nachdem sie Gott von der Weltbühne vertrieben und den Glauben zersetzt […] und mittels ihrer Wissenschaftlichkeit alle Phänomene, die wir Selbst- und Ichsüchtigen immer auf uns bezogen, als Naturerscheinungen entlarvt hat, so daß am Ende die Spielfläche von Illusionen, Fantasmen, Aberglauben, Irrtümern und Unvernünften frei war, blieb nur noch die leere Kulisse. Die Aufklärung hatte verabsäumt, anstelle der von ihr ausgelöschten oder zerstörten Glaubensbilder, der ahnungsvollen Deutungen, der Visionen und Träume etwas anderes zu setzen und somit das metaphysische Bedürfnis, das den Schwund seiner Objekte immer überlebt, sich selbst überlassen: Ein dürstendes Geschöpf, dem die Quelle versiegt ist. Es scheint, daß dieses freischwebende, kein Ziel mehr findende ungestillte Verlangen nach Transzendenz jenes bekannte Unbehagen, jene innere Trostlosigkeit hervorruft, von der gegenwärtig viele befallen sind Aber die Aufklärung, stolz über ihr Vernichtungswerk, zeigt sich nicht nur außerstande, es als solches zu begreifen, sondern auch, das entstandene Vakuum wieder aufzufüllen. Dem irrationalen Verlangen der Menschen ist sie nicht gewachsen; sie, deren Grundlage die Naturwissenschaften in all ihren Formen war und ist, wäre daher, sogar bei Einsicht in ihr Versagen, nicht fähig, die abgeräumten Podeste mit ‚besseren‘ Göttern zu versehen: Das ist ihr sui generis nicht gegeben. So steht sie vor einem selbstverursachten Scherbenhaufen und kann nicht ersetzen, was sie abgeschafft hat und muß sich nun deswegen anklagen lassen. So berechtigt und wohl auch unvermeidlich ihre destruktive Arbeit gewesen ist, die Notwendigkeit, auf den freien Plätzen etwas Neues zu begründen, besteht weiter: Vermutlich wird aus den Kämpfen der Sinnlosigkeit und Langeweile etwas geboren werden, das eine ferne zweite Aufklärung, da die erste sich diskreditiert hat, kaum mehr beseitigen könnte. Das Sinken der Tötungshemmung, den Schwund der Gewissen allerorten muß sich die Aufklärung als ihren letzten Triumph zuschreiben lassen.“80 Kunerts Text, der sich „Aufklärung I“ nennt, ist ein guter Anlaß für einige Thesen, die ich diesem Buch voranstellen möchte: 2.1. Neun Thesen zur „Aufklärung II“ und eine gedankliche Zurechtrückung 1.: Unter „Kulisse“ wird umgangssprachlich „das gesamte Bühnenbild im Theater“ verstanden; Kunert wird das hier auch so meinen. Diese Kulisse wurde tatsächlich „geleert“, aber was war diesseits der Kulisse? Was war im Zuschauerraum, im richtigen Leben? – War es dort nicht auch schon „leer“? Warum hatte das Publikum im Jenseits des Raumes, in dem es sich befand – also auf der Bühne – eine Fülle gebraucht? – Weil es in ihm selbst vielleicht leer war? Sollte die Bespaßung eine Auffüllung sein? Oder ist die Bühne Teil des richtigen Lebens? Ich habe einen Freund, der andere Freunde so charakterisiert: Bei ihnen „geht an jedem Morgen der Vorhang auf, und abends geht er wieder runter.“ 2.: Die Aufklärung hat gar nicht die Aufgabe, „anstelle der von ihr ausgelöschten Glaubensbilder etwas anderes zu setzen“. Sondern sie hat – zumindest jetzt in ihrer Neuen Ausführung – die Aufgabe, dem Publikum zu sagen, daß es sich selbst um die Fülle zu kümmern und „bei sich zu Hause nachzuschauen“ (Otto Waalkes) hat. Die Neue Aufklärung hat sich erst gar nicht auf die Bühne zu begeben, sondern sich bei geschlossenem Vorhang vor den Vorhang und ganz nah zum Publikum an den Bühnenrand zu setzen – die Beine in den Zuschauerraum hinab baumeln lassend – und von sich selbst als etwas Leerem zu sprechen, wie ich das in meinem Theaterstück „Er“81 vorexerziert habe, das das metaphorische Schauspiel zu einem echten Schauspiel gemacht hätte, wenn es aufgeführt worden wäre. Die Neue Aufklärung soll das Publikum nicht beschimpfen, sondern mit gutem Beispiel vorangehen. 3.: Es gibt kein „ungestilltes Verlangen nach Transzendenz“, sondern nur das nach einer Fülle – nach der totalen Immanenz82. Ungestillt blieb dieses Verlangen, als wir nicht richtig gestillt wurden und leer blieben: „dürstende Geschöpfe, denen die Quelle versiegt ist“. Die trockene Quelle und die Leere hatten tatsächlich eine „innere Trostlosigkeit hervorgerufen“, von der tatsächlich „gegenwärtig viele befallen sind“. Aber erstens ist die Trostlosigkeit nicht durch einen geistigen, etwa metaphysischen Mangel, sondern durch etwas „Materielles“, zumindest Fühlbares hervorgerufen worden: Die oralen und korporalen Liebesbedürfnisse sind depriviert und nicht gestillt worden. Und zweitens wird die Trostlosigkeit durch das Fühlen exakt dieser Trostlosigkeit und der Deprivation verschmerzt.83 Davon wird das „Vakuum wieder aufgefüllt“: Der vormals Trostlose entdeckt seine schmerzbedingt verdrängten Bedürfnisse wieder. (Deren Verdrängung war der Grund für seine Unbefriedbarkeit.) Das kann die Befriedigung irgendeines „irrationalen, transzendenten und metaphysischen Verlangens“ – wenn es ein solches gäbe – niemals bewerkstelligen. Der Transzendente – im Unterschied zum Ciszendenten – wird ewig in den Lüften herumgeistern und sich selbst verarschen. 4.: Die Neue Aufklärung kann „dem irrationalen Verlangen der Menschen“ nicht etwa nicht „gewachsen sein“, weil es überhaupt ein solches gäbe, sondern weil die Menschen ihre Rationalität – also das direkte Verfolgen sinnvoller Lebensziele – nur selbst in ihrer Fülle wiederfinden können, die durch fühlendes Anerkennen der Leere entsteht. Ihr Verlangen wurzelt nämlich im Rationalen: Es ist vernünftig, nicht leer sein zu wollen. 5.: Es ist gar nicht Aufgabe einer Aufklärung und sie soll gar nicht „fähig“ dazu sein, „abgeräumte Podeste mit ‚besseren‘ Göttern zu versehen“, wie das die Erste bzw. Alte Aufklärung etwa mit dem Gott „Mensch“ getan hat. Stirners „Einziger“ ist kein Gott, und du, der du der „Einzige“ sein kannst, solltest dich auch nicht, um Einziger zu werden, auf ein Podest oder auf eine Bühne stellen und die Bodenhaftung verlieren. 6.: Die Neue Aufklärung kann und will gar nicht „ersetzen, was sie abgeschafft hat“, weil sie erstens eine vermeintliche Fülle gar nicht abgeschafft hat, sondern nur die hohle und falsche Fülle als leer aufgezeigt hat, und weil sie zweitens weder in der Lage dazu ist noch in der Lage dazu sein will, etwas zu ersetzen, von dem sie weiß, daß das nur in jedem Einzigen selbst liegt. 7.: „Die Notwendigkeit, auf den freien [leeren] Plätzen etwas Neues zu begründen“ mag zwar „weiter bestehen“, aber der Neuen Aufklärung Aufgabe ist es ist nur, mit gutem Beispiel voranzugehen und „die Plätze“ – sprich: sich selbst und nicht Bühnen von sich selbst – mit Gefühlen, Sinnlichkeit und Sinn aufzufüllen. Darin kann nur Kunerts „etwas Neues“ liegen – das ist die Neue Aufklärung. 8.: Die Neue Aufklärung kämpft nicht mit „Sinnlosigkeit und Langeweile“ und versucht sie nicht, mit Göttern und Schauspielern aller Art zu vertreiben, sondern läßt sie zu, fühlt sie und füllt damit die Leere auf – das ist zumindest der erste Schritt zur Neu- oder Wiederausfüllung. In diesem Zulassen wird tatsächlich eine „zweite Aufklärung geboren“, aber nicht „geboren werden“ – sie liegt nicht in einer „Ferne“ –, sondern sie findet im Hier und Jetzt oder gar nicht statt. 9.: Die Erste Aufklärung hat sich nur „diskreditiert“, weil sie inkonsequent war und nicht im „Affektiv-emotionalen operiert“ hat. Nicht in der Nichtberücksichtigung eines „Verlangens nach Irrationalität“, nicht in der Vernachlässigung eines angeblich existierenden „transzendenten Verlangens“ und nicht im Verfehlen eines „metaphysischen Bedürfnisses“ lag das Versagen und die Diskreditierung der Aufklärung, sondern in ihrer mangelnden Radikalität: Weder erkannte sie die realen – immanenten und physischen – Verlangen und Bedürfnisse und stufte diese als begründet und rational ein, noch sprach sie sich konsequent für deren Befriedigung aus (mit Ausnahme von L, S und R). Doch jetzt müssen wir die Thesenform verlassen und das hermeneutische Seziermesser der Text- und Psychoanalyse rausholen, denn der schlaue Kunert wird verrückt: „Vermutlich wird aus den Kämpfen der Sinnlosigkeit und Langeweile etwas geboren werden, das eine ferne zweite Aufklärung, da die erste sich diskreditiert hat, kaum mehr beseitigen könnte.“ Da Kunert fest von einem „irrationalen Verlangen“ (also einem nach Irrationalität), von einem „Verlangen nach Transzendenz“ und von einem „metaphysischen Bedürfnis“ ausgeht, die allesamt „gestillt“ werden müßten, liegt es auf der Hand, daß er eine neue Welle von Irrationalismus auf uns zukommen sieht. Diese wird wahrscheinlich schwer theokratische Züge annehmen, weil ja für eine volle Kulisse gesorgt und die „destruktive Arbeit“ der Aufklärer durch „konstruktive Arbeit“ wettgemacht, „ersetzt“ werden muß. Von daher ist ein „Sinken der Tötungshemmung“ zu erwarten und zu befürchten. Das wird also kein „Triumph der Aufklärung“, sondern einer der Gegenaufklärung sein; ob „der letzte“, mag dahingestellt sein, weil die Heteronomie nie Stabilität erreicht – erst recht nicht, wenn sie totalitär ist – und der Autonome (Stirners „Egoist“) immer wieder den Kopf erheben wird: „Idee folgte auf Idee, Prinzip auf Prinzip, System auf System, und keines wußte den Widerspruch des ‚weltlichen‘ Menschen, des sogenannten ‚Egoisten‘ auf die Dauer niederzuhalten.“84 Da Kunert aber als Gegner der kommunistischen Theokratie in der DDR, der er sich entzogen hat, bekannt ist, kann das nicht in seinem Interesse sein. Das, zusammen mit seiner durchaus nicht völlig unbegründeten Vorstellung von einem „ungestillten“, quasi unstillbaren Verlangen nach Irrationalität der Volksmassen, muß in Kunerts Kopf ein Dilemma, eine Aporie, eine „Sackgasse“ (Laska) ergeben, an denen er verrückt geworden ist. Dadurch, daß Kunert eine „Beseitigung“ einer zukünftigen, nachaufklärerischen Herrschaft der Irrationalität – wenn auch im zweifelnden Konjunktiv – durchaus in Aussicht stellt, muß er als Aufklärungsbefürworter und leicht optimistisch gelten. Er spricht ja auch, wenn auch ironisch-selbstdenunzierend, von „wir Selbst- und Ichsüchtigen“, schließt sich also in die Gruppe der Aufklärer ein. Da jenes „etwas“, das noch „geboren“ werden muß (die Art Theokratie), aber nur „kaum“ zu beseitigen ist, ist er gleichzeitig Pessimist. Aber vielleicht will er das ja sogar – wenigstens ein wenig mehr Irrationalität – denn er ist gleichzeitig Gegenaufklärungsbefürworter, weil er ja bei dem „Verlangen nach Transzendenz und Irrationalität“ von einer anthropologischen Konstante ausgeht. Es ist in seiner Anthropologie nicht vorgesehen, daß „aus den Kämpfen der Sinnlosigkeit und Langeweile“ etwas anderes entstehen könnte als eine Rückwendung zum Irrationalen und Transzendenten. Der Weg zu einer sich auf das Affektiv-emotionale ausweitenden Rationalität und zum Immanenten befindet sich außerhalb seines Blickfelds. Es könnte ja auch ein solcher Weg und kein gegenaufklärerischer „geboren“, d.h. gegangen werden – das könnte dann eine „ferne zweite Aufklärung“ sein. Aber da diese nicht im Blickfeld ist, wird stattdessen die Gegenaufklärung wenn nicht „geboren“, so doch fortgesetzt und wahrscheinlich intensiviert. Warum wird diese Gegenaufklärung nicht mehr von „einer fernen zweiten Aufklärung“ „beseitigt“ werden können? – „da die erste sich diskreditiert hat“. Damit hat Kunert nicht unrecht: Es lag an der Inkonsequenz, der fehlenden Radikalität der Ersten Aufklärung. Aber das meint ja Kunert gar nicht. Ihm geht es nicht um eine konsequente, radikale, zweite Aufklärung, sondern er meint, daß die erste Aufklärung sich dadurch diskreditiert hat, daß sie keine neuen Götter auf das Podest gestellt hat. Die Aufklärung hat sich also laut Kunert diskreditiert, indem sie nicht gegen sich selbst gehandelt hat und keine irrationale Aufklärung gewesen oder – nach ihrem „Scheitern“ – geworden ist, kurz: indem die Aufklärung keine Aufklärung war und ist. Es sieht jetzt erst einmal danach aus, daß eine solche Art von angeblicher „Diskreditierung“ – ich bin schuld daran, daß ich ich selbst bin – absurd ist und daß sich die Aufklärung nicht „deswegen anklagen lassen muß“. Es kann nicht sein, daß die Aufklärung, weil sie sie selbst ist, etwas „verabsäumt“ hat; nicht deswegen kann sie gezeigt haben, daß sie zu etwas „außerstande, nicht gewachsen, nicht fähig“ ist. Es muß einen anderen Diskreditierungs- und Versagensgrund geben. Die Absurdität kann Kunerts letztes Wort nicht gewesen sein; kann ich mich nicht doch noch mit ihm nicht etwa darüber einigen, daß die Aufklärung versagt hat – der Meinung sind wir beide –, sondern darüber, worin ihr Versagen eigentlich und tatsächlich gelegen hat? Denn wir liegen nicht so weit auseinander mit unseren Positionen: Eigentlich hat Kunert ja recht – aber nur malgré lui. In seinem Blickfeld gibt es zwar keine konsequente, radikale, nicht im kognitiv-rationalen Bereich steckenbleibende Aufklärung, aber jetzt scheint sich heimlich sein aufklärungsbefürwortender und leicht optimistischer Persönlichkeitsanteil zu melden: Die Aufklärung war nämlich tatsächlich nicht sie selbst, sie war keine Aufklärung! Denn streng genommen gibt es keine erste, alte, zweite und neue Aufklärung, sondern nur eine: wenn schon, denn schon; entweder, oder. Könnte Kunert diesen Gedankengang der konsequenten, ciskognitiven Aufklärung nachvollziehen – hätte er eine Radikale Aufklärung im Blickfeld –, würde das bedeuten, daß er über eine kognitive Konsonanz verfügt und nicht verrückt ist. Aber er ist verrückt: Er ist und bleibt beides: Aufklärer und Gegenaufklärer – der klassische Fall einer Persönlichkeitsspaltung. Was Kunert selbst zum Thema „Persönlichkeitsspaltung“ zu sagen hat, von der aber selbstverständlich nur andere betroffen sind – Laska macht es sich auf dieselbe Art leicht –, werden wir in Kapitel 2.8.1.1. Exkurs: die Persönlichkeitsspaltung in der Literatur sehen. Wenn wir einmal für gegeben halten, daß Laska ein Aufklärer im kunert’schen Sinne, ein „Selbst- und Ichsüchtiger“ sei, so wird sich aber spätestens im Kapitel 8.5. Selbst bei der philosophischen Herangehensweise zur Eigner-Stärkung kommt es bei großer Ich-Schwäche zu Schwierigkeiten. Laska vorbildlich in der prinzipiellen Herangehensweise – doch trifft dann auf nichts Eigenes zu unserer großen Überraschung herausstellen, daß Laska selbst eigentlich nur bedingt als Aufklärer im Sinne einer Neuen Aufklärung gelten kann. Er hat zwar „Gott von der Weltbühne vertrieben“ (Erste Aufklärung), aber Laska „entlarvt“ sich tatsächlich selbst als „Naturerscheinung“ und anerkennt sich fast als solche. Die Aufklärung hätte, so Kunert, alle Phänomene, die wir Selbst- und Ichsüchtigen immer auf uns bezogen, mittels Wissenschaftlichkeit also bloße Naturerscheinungen entlarvt. Genau das wird Laska in Kapitel 8.5. tun. Zumindest zweifelt Laska die „Phänomene“ als „auf sich als Selbstsüchtigen beziehend“ an. Es sind keine selbstigen, zu seinem Ich gehörigen, es sind nicht seine eigenen Phänomene. Er räumt ziemlich deutliche der Wissenschaft die Deutungshoheit über seine eigene Person ein: Er fragt nämlich, „ob das oft beschworene ‚Eigene‘ nicht sowieso nur – wie die ‚Gene‘ – eine einzigartige Mixtur aus ‚Fremden‘ ist.“85 Der Zusammenhang, in dem Laska diese Frage stellt, ist der einer anderen Frage, nämlich der, „ob man überhaupt [etwas Bestimmtes] ‚will‘“. Was ist dieses Bestimmte? – Die Antwort darauf findet sich in diesem Satz Laskas: „Sie werfen die Frage auf, wie man […] ‚das Fremde‘ aus sich wieder herausbekommt, um so nur ‚das Eigene‘ übrig zu behalten, ja, ob oder ggf. in welchem Maße man (bei sich) darüber verfügen kann“86. Es geht hier also präzise um die Frage, ob LSR – das ist in diesem Falle Laska selbst – tatsächlich überhaupt bereit ist, „im Affektiv-emotionalen zu operieren“ (Zweite Aufklärung), sprich: sich praktisch einem Verfahren der „Selbstermächtigung“ (Laska) zu unterziehen, oder ob er nicht er selbst und mit ihm die Alte Aufklärung „in eine Sackgasse geraten“ sei. Aber wir diskutieren diese Frage und Laskas Ich-Schwäche nicht hier, sondern im genannten Kapitel weiter. 2.2. Klärung des begrifflichen Durcheianders um „affektiv“, „emotional“, „rational“ und „kognitiv“ Die Aufklärung muß jedenfalls aus der Sackgasse heraus und als Neue Aufklärung wieder Fahrt aufnehmen – in unserem ur-eigenen Interesse, im Interesse von uns fühlenden Subjekten, die nicht an ihren Existenzen, nicht „an sich selbst verzweifeln“ (Laska87) wollen. Völlig zurecht schreibt Laska: „[Das Über-Ich] bleibt der Hort der Werthaltungen, die früh im Leben auf prä- und irrationale Weise erzeugt wurden und später durch die Ratio [besser: Cognitio – PT] nur noch sehr bedingt beeinflußbar sind. Das Über-Ich ist, obwohl vom Individuum für sein Ureigenstes gehalten, der Inbegriff der Heteronomie“88 – also der Entfremdung, der Verzweiflung und des existenziellen Nicht-Wissens. (Warum ich trotz Zustimmung aber das psychoanalytische Vokabular nicht übernehme, dazu auch später.) Was aber heißt „Operieren im affektiv-emotionalen Bereich“? Die sich gegenüberstehenden und sich ergänzenden Begriffe „kognitiv-rational“ und „affektiv-emotional“ sind unglücklich. Damit wird insinuiert, daß das Emotionale nicht rational sei. Und im Zusammenhang mit dem Kognitiven ist „rational“ ja eine Beschreibung und Wertung, wie das Kognitive agiert. Das Kognitive allein ist noch längst nicht die Gesamtheit des Rationalen, wie ja auch Wissenschaftlichkeit überhaupt nicht für Rationalität stehen kann. Laska widerspricht einem Korrespondenzpartner, der geschrieben hatte, die Wissenschaftlichkeit sei „das Entscheidende, was letztlich zählt“, kurz und knapp mit „Nein“. Es sei für ihn „evident“, daß „viele Empiriker – ausserhalb ihres speziellen Fachgebietes – […] nicht rational sind. Insofern bin ich der Auffassung, daß Rationalität einen umfassenderen Bereich darstellt als Wissenschaftlichkeit. […] ‚Wissenschaftlich‘ und ‚rational‘ sind nicht verschiedene Bereiche, aber der ‚rationale‘ Bereich umfaßt mehr als der in Ihrem Sinne ‚wissenschaftliche‘.“89 Das Kognitive gehört also an der Stelle, wo es um aufklärerische Operationen geht, nicht auf dieselbe terminologische Ebene wie das Rationale. Auf eine und dieselbe Kategorienebene gehören „kognitiv“, „emotional“ und – wie wir später sehen werden, wenn wir die zitierte laska’sche Zentralaussage erweitern werden – „korporell“ (die den drei wesentlichen Gehirnbereichen entsprechen). Sowohl das Kognitive als auch das Emotionale als auch das Korporelle können die Eigenschaft des Rationalen – oder Irrationalen – haben. Dieser Ausstattung ciskognitiver Bereiche mit Rationalität war Laska schon 1965 als Bauingenieurstudent auf der Spur. Er „wunderte“ sich nämlich zu dieser Zeit, warum „die Studenten von Naturwissenschaft und Technik nicht ‚die Rationalität, die sie in ihren Fächern anzuwenden gewohnt sind, auch auf die sonstigen Bereiche des Lebens anwenden‘.“90 – Hier dachte Laska wohl noch nicht an die Rationalität von Gefühlen selbst, sondern erst noch nur an eine kognitiv-rationale Einschätzung und Betrachtung von Bereichen, die mit Gefühlen zu tun haben. Aber das war ein erster Schritt. Bedürfnisse, die von Gefühlen signalisiert werden, sind in ihrer unzerstörten Form rational. Man kann sie mit Wilhelm Reich als „Funktionen“ bezeichnen: Sie sind Prozesse, die einen Ausgangspunkt – eine Art Leere oder Unterdruck – und einen End- oder Zielpunkt – die Befriedigung, die Erfüllung – haben. Dieser Prozeß wird vollständig, ablenkungsfrei und in Klarheit und Nachvollziehbarkeit vollzogen. Gefühle sind auch nicht „unbewußt“, nur weil sie sich nicht mit Wörtern und Begriffen ausdrücken – ich weiß sie trotzdem sehr wohl und nehme sie deutlich wahr. Wilhelm Reich dazu: „[Die verbale Sprache] ist keineswegs ein unverzichtbares Attribut der Lebenden, denn die Lebewesen funktionieren, lange bevor es eine verbale Sprache gibt.“91 Gefühle repräsentieren Bedürfnisse, die ich auf vorhersagbaren Wegen verfolge und befriedige. Irrational und chaotisch sind Gefühle erst dann, wenn sie eben nicht mehr bewußt sind, wenn die emotionalen Bedürfnisse verdrängt sind und nicht mehr einfach, direkt und zielgerecht verfolgt werden. (Die Bewertung der Gefühle, also auch der Lust, ist also eine positive; das hängt mit der fernandes‘schen „tugendhaften Lust“ zusammen.) Die verdrängten und unverdrängten Gefühle sind dann Grundlage verschiedener, sich widersprechender Persönlichkeitsanteile, die gleichzeitig in mir sind und für Chaos und Irrationalität sorgen. Und Gedanken sind nicht automatisch „rational“, nur weil sie kognitiv sind. Sie sind ebenfalls von Spaltung und Verdrängung betroffen. Das heißt überhaupt nicht, daß in einer Welt der Verdrängung sowohl Gefühle als auch Gedanken nicht irrational wären – ganz im Gegenteil: Dadurch, daß die Gefühle von Anfang an und auch in ihren Derivaten unterdrückt werden, schiebt sich ein riesiger Berg an irrationalen Gefühlen zusammen: ein Amazonien aus Gefühlsgestrüpp. Die Rationalität ist verloren gegangen: Das geht in den Bäuchen der Mütter los und endet am Roten Knopf zum Atomkrieg.
Gefühle verheddern sich in der „Panzerstruktur“ (Reich92).
2.3. Die Rückgewinnung der kognito-emotiven Pan-Rationalität Von jedem Endpunkt der Verzweigung – die die diversen Anteile der gespaltenen Persönlichkeit darstellen – muß zurück zum Kern gegangen werden. Jeder Stimme muß nachgegangen werden, um zum Eigner zu kommen. Was die Rückgewinnung der Rationalität, den Prozeß der Öffnung, des Übergangs vom Kognitiven ins Emotionale betrifft, bezeichne ich als „ciskognitiv“. Was die Neue, ciskogntive Aufklärung anbelangt, so ist neben „LSR – Essenz und Konsequenz“ ein weiteres Laska-Buch angekündigt worden – „Eine vakante Vision“ 93 –, in dem der „originäre Kern des stirner’schen Denkens genauer und ausführlicher dargestellt“ werden und ein „Umreißen der Eigner-Gestalt“ – also des nicht-zerstörten und kognito-affektiv integralen Selbstes – hätte stattfinden sollen94. Warum blieb das aus? Dazu schrieb Laska am 13. August 2023, eine Email aus dem Jahre 2012 zitierend, im LSR-Maschinenraum: „‚Eine vakante Vision‘ liegt auf Eis. Fraglich, ob ich mich dazu aufraffen werde. Schriftstellerisch wäre das sehr mühsam, mehr noch als bei http://www.lsr-projekt.de/mseigner.html, wo ich vom ‚Eigner‘ als ‚gestaltloser Gestalt‘ rede. Wenn schon die ‚Re(pulsions- und De)zeptionsgeschichte‘ so schwer zu vermitteln ist, wie dann erst so etwas ‚Inhaltliches‘?“95 Trotz allem oben besagten, engagierten Subtext unter allem Philosophiegeschichtlichen gibt es bei Laska immer diese Diskrepanz zwischen dem „Inhaltlichen“ und dem Philosophiegeschichtlichen. Ist dieses „Inhaltliche“ überhaupt „kognitiv“ darstellbar? Hat es überhaupt Sinn, das zu versuchen? Ist eine textliche Darstellung dieses „Inhaltlichen“ nicht nur „zu mühsam“, sondern ist der Text dafür nicht überhaupt ein ungeeignetes Medium? Ich denke, daß der eigentliche Inhalt einer Neuen Aufklärung ein ganz anderes Vorgehen, ganz andere Medien erfordert. Wenn nämlich die Neue Aufklärung das „Operieren im affektiv-emotionalen Bereich“ ist, dann muß auch tatsächlich in diesem Bereich operiert werden, sowohl auf der pädagogischen Ebene als auch im echten Leben. Das tut Laska, obwohl er von einer „‚Operationalisierung‘ des Stirnerschen Begriffs ‚Eigner‘“ spricht, die „Reich sozusagen geliefert“96 habe, eben nicht. Über die Gründe dafür kann nur spekuliert werden. Aber es könnte sein, daß er sich selbst nicht genug in diesem Bereich aufhält, daß er um diesen einen Bogen macht bzw. diesen repulsiert. Dem „Eigner eine Gestalt zu geben“, kann wohl nur auf post-philosophische Art vor sich gehen – nicht auf paraphilosophische –: ein Eigner zu sein bzw. ein solcher wieder oder überhaupt erst einmal zu werden. LSR ist die einsame Speerspitze einer neu-aufklärerischen Bewegung. Sie ist die intellektuelle Avantgarde. Aber es gibt natürlich auch Strömungen, die – das gleiche Ziel verfolgend – von einer ganz anderen Seite herkommen und sich eigentlich – vom „Inhalt“ her, und um den geht es ja – noch viel weiter vorn an der Front befinden. Das obige, bedeutende und programmatische Laska-Zitat – auch „Laskas neuaufklärerische Kognitiv-affektiv-Formel“ genannt – legt nahe, daß das „Operieren im affektiv-emotionalen Bereich“ eine Frage vorbehaltloser, einschränkungs- und repulsionsfreier intellektueller („rationaler“) Prüfung oder eines Kampfes unter Philosophen sei. Das aber wäre eben noch kein „Operieren im affektiv-emotionalen Bereich“. 2.4. Kann sich die Neue Aufklärung mit Prophylaxe begnügen? Oder sollte sie nicht dem bedürftigen Publikum ein aktuell-individuelles Angebot einer Eigner-Werdung unterbreiten? Ein solches Operieren finden wir bei dem Nicht-Philosophen von LSR, also bei Wilhelm Reich: Er war derjenige unter Freuds Schülern, der die kathartische Praxis des frühen Freuds (die eigentlich Josef Breuer zugeschrieben werden muß, dazu später mehr) fortführte und den Emotionen Raum gab. Aber trotz allem kam Reich selbst am Ende seines Lebens zu einer ernüchternden Einschätzung der Wirksamkeit dieses Operierens. (Ich komme später zu einigen Gründen für die Wirkungslosigkeit und zu den Mängeln des reich‘schen Operierens.) Laska scheint schon 1978 mit Reich darin übereinzustimmen, daß „das Neurosenproblem nicht durch Therapie zu lösen ist“, „daß alle Hoffnung […] nur auf dem Gebiet der Prophylaxe zu suchen sei“ und daß „nur noch die Möglichkeit eines sich über viele Generationen hinziehenden Wandels durch grundlegende Veränderungen der Erziehungspraxis“ 97 besteht. Im gleichen Jahr spricht Laska von der „Vergeblichkeit der Erwachsenentherapie“ und von der „Erziehung als Prophylaxe von Neurosen, Psychosen, Biopathien“98. Laska scheint ziemlich bald das Interesse an Reich als Therapeuten und an Therapie verloren und diese als sinnlos abgetan zu haben – kein Wunder, wo er als Reich-Forscher doch um Reichs eigene sehr pessimistische Einschätzung von Therapie wußte. Therapie sei eigentlich nie wirklich wichtig, „Reichs Hauptanliegen seit je die Prophylaxe“ gewesen. […] Therapie war für ihn“, so der frühe Laska, „hauptsächlich Grundlagenforschung, um fundierte Vorschläge für eine wirksame Prophylaxe machen zu können.“99 Im übrigen – wenn nicht zu Prophylaxe- bzw. Grundlagenforschungszwecken – habe Reich Therapie im Grunde genommen nur noch als Brotberuf zur Finanzierung seiner Orgonforschungen betrieben.100 Ich teile durchaus Laskas große Therapieskepsis, aber vom Standpunkt desjenigen aus, der viel Erfahrung hat. Meine Skepsis ist also noch tiefer und begründeter. Laska tut „Therapie“ sehr schnell, zu schnell beiseite. Nach Reichs und Laskas Desillusionierung – die ich durchaus teile oder sehr gut nachvollziehen kann – muß trotzdem ein neuer Anlauf genommen werden. Psychotherapie funktioniert nicht – jedenfalls nicht als Wiederaneignung des verlorenen Eigners –, oder sie funktioniert nur als Opium (alleine eine Diagnose kann Wunder wirken). Die Psychotherapie ist also Vergangenheit, und der ehemalige Patient wird nun in der Tiefenwahrheit zum Wahrsager. Damit ist der laska’schen Therapieskepsis Rechnung getragen, aber das Baby nicht mit dem Bade ausgekippt. Nach aller Kritik an der Psychotherapie geht es mit etwas anderem – zumindest erst einmal mit anderen Bemühungen – weiter, da das Bedürfnis nach Veränderung, Milderung des Leids, Hilfe bei der Lösung von inneren Konflikten usw. fortbesteht. Wie sehr auch immer Reich und Laska von der therapeutischen Wirksamkeit desillusioniert sind und sich auf eine zweifelhafte „Prophylaxe“ zurückziehen – an der Tatsache, daß sich viele Leute weiter und sowieso immer wieder von Neuem um eine irgendwie geartete Verbesserung ihres seelischen und damit körperlichen Zustandes Gedanken machen, führt nichts vorbei. Diese Bemühung kann nicht nur als Leerlauf von armen Irren, denen die Desillusionierung bevorsteht, abgetan werden. Doch ausgerechnet das LSR-Projekt beteiligt sich nicht daran – warum nicht? Die Masse – zu der auch ich gehöre – läßt sich in ihrer Not nicht von der verzweifelten Suche nach Verbesserungsverfahren abhalten, und sie hat ja auch Recht damit. Laskas „Normalmensch“ wird immer nach einem Vorgehen suchen, das ihn ausgeglichener, in einem nicht-normativen Sinne „natürlicher“, seinem jeweiligen Eigner näherkommen oder – um es mit Kierkegaard zu sagen – mit sich selbst mehr „ins Reine kommen“ läßt. Kierkegaard aber will seine „Bestimmung verstehen“ und „sehen, was Gott eigentlich will, das(s) ich tun soll“. Hier bringt Kierkegaard eine Kategorie oder Metaebene ins Spiel, die heteronom ist und gar nichts in der Reinheit verloren hat – die die Reinheit verschmutzt. Wenn es eine Bestimmung gibt, dann kommt sie nicht von Gott, sondern ich fühle sie in mir: Ich muß nur auf meine innere Stimme hören. „Rein sein“ heißt, nicht bestimmt zu werden, nicht die Stimme zugetragen zu bekommen. Ein auf Kierkegaard beruhendes Verfahren mußte also – weil heteronom – ungeeignet sein. Wo es Nachfrage gibt, gibt es auch Angebote; letztere unterscheiden sich stark in Qualität und überhaupt Zielsetzung. Da das Leid Ergebnis der Personenzerstörung (Eignerzerstörung) ist, sollte die Person (der Eigner) wiederaufgebaut werden. 2.5. Gefährliche Abwege bei Laskas Fixierung auf die „Prophylaxe“ Die Aufgabe der Therapie und die alleinige Hinwendung zu einer „Prophylaxe“ geschah im Namen der Einzelnen – zwar nur der zukünftigen Einzelnen, aber doch als Teil einer notwendigen und guten Praxis. Darin sollte sich ein gewisses Ethos ausdrücken, man wollte ja schließlich irgendwie „praktisch“ sein. Doch die guten Absichten führten auch hier stracks in Richtung Hölle. Absolut naive, aber ultra-gefährliche Weltverbesserei spricht aus diesen Sätzen Laskas aus dem Jahre 1981: „Ohne Brechung dieser Kontinuität [die Verleugnung der Einzigkeit aller volljährigen Menschen in allen bisherigen Gesellschaften], die im wesentlichen dem Abbau des Freudschen Über-Ichs gleichkäme, ist eine qualitative Neugestaltung der menschlichen Gesellschaft, wie sie seit der Aufklärung oft konzipiert wurde, nicht realisierbar. […] Die ‚Neue Geschichte‘ müsse bewußt mit der Tradition brechen; sie könne nicht geplant, sondern müsse von denen gestaltet werden, deren Erzieher den Erziehungszwang, der von ihrem eigenen Über-Ich ausgeht, erkannt und so weit gezügelt haben, daß sie die jahrtausendealte Kontinuität der Ich-Verstümmelung an den Nachkommen durchbrechen konnten.“101 Wenigstens verschont uns Stirner mit „Gestaltungen“. Der Rest liest sich nicht minder utopistisch und hochgradig bedrohlich, erinnert an irgendwelche schwer verpestete deutsche Grüne, die den Kindern gern auch mal ein böses „Über-Ich“ einredeten, wenn sie sich nicht bereitwillig sexuell ausbeuten und damit schwerst traumatisieren lassen wollten. Hier wird erschreckend deutlich, wie dicht man als LSR-Mann nicht an der grünen Pestilenz, aber am „Roten Faschismus“ vorbeischrammen kann. Der späte Wilhelm Reich hätte hier dringlich warnend ausgerufen: „Hände weg von dieser Pfuscherei! Das ist unverantwortliche Eigner-Krämerei! Sie haben keine Ahnung davon, was sie tun, und richten die Kinder endgültig zugrunde!“ Irre Phantasien von der großen, zukünftigen Welt – aber nichts im Kleinen bei sich selbst tun. Gefährliche Prophylaxe-Vorstellungen gehen mit der sträflichen Vernachlässigung und Beseitigung der Therapie einher und reden gefährlichen Perversen das Wort, die das autoritäre Über-Ich durch ein anti-autoritäres Über-Ich ersetzten, was eine Freisetzung und beträchtliche Steigerung der menschlichen Perversität darstellte. Die linken Pädagogen hatten keinen Kontakt zu den Kindern, sahen in diesen – wie Cohn-Bendit102 – Lustspender für sich selbst. Wissen Sie, wenn ein fünfjähriges Mädchen
anfängt, Sie auszuziehen – das ist fantastisch!“
Die anti-autoritäre Erziehung war für die Seelen der Kinder weitaus zerstörerischer als die autoritäre, weil in der Tiefe extrem verwirrend. (Inwiefern sogar Reichianer tatsächlich für die Pädo„philie“ mitverantwortlich gemacht werden müssen, darauf gehe ich später ein.) Doch auch noch 20 Jahre später gerät Laska in seiner Fixierung auf eine angeblich so wichtige und verdienstvolle Prophylaxe in eine gefährliche Nähe zur linken Neue-Mensch-Pestilenz. Immerhin fällt ihm das jetzt selbst auf und er biegt sogleich davon wieder ab: „Freuds Entdeckungen, meinten diese beiden seiner Schüler [Sándor Ferenczi und Otto Gross], ermöglichten erstmals in der Geschichte eine wirkliche, auch ‚innere‘ Revolution, die Evolution eines wirklich ‚neuen‘, d.h. freiheitsfähigen Menschen – wenn nämlich Wege gefunden würden, die Erkenntnisse der Psychoanalyse ‚massenprophylaktisch', also durch einen ‚radikalen Umsturz in der Pädagogik‘, in die Praxis umzusetzen. [...] Gemeint war sicher, daß [...] der wesentliche Bestandteil des später von Freud konzipierten Über-Ichs als Träger der ‚archistischen‘ Tradition, zu eliminieren sei – keine ‚negative Pädagogik‘ (Rousseau), keine anarchistische ‚Erziehung zur Freiheit‘ (Bakunin), keine ‚Anti-Pädagogik‘ (Braunmühl), eher eine Idee, die zuvor eigentlich nur bei La Mettrie und Stirner angelegt war.“103 Laska kriegt hier zwar noch die Kurve, aber die „Idee“ bleibt. Was LSR-Pädagogik und -Prophylaxe sein soll, wird nie präzisiert und konkretisiert oder gegen die Perversen abgehoben. 2.6. Das Märchen von der „Prophylaxe“ – nur Veränderungen in der Gegenwart können für die „Kinder der Zukunft“ (Reich) etwas bewirken Ich will nicht in Abrede stellen, daß es bei manchen Eltern aufgrund von Interventionen „im kognitiven Bereich“ tatsächlich gewisse Verhaltensveränderung in Richtung einer eigner-freundlicheren Erziehung geben kann, mit denen wenigstens der schlimmsten Entfremdung ihrer Kinder vorgebeugt wird. Aber generell greift das – wenn es um die Erhaltung der Lebendigkeit ihrer Kinder geht – zu kurz. Denn die Eltern müssen, wenn ihre Kinder Eigner bleiben sollen, selbst lebendig sein und fühlen können, um deren emotionale Bedürfnisse befriedigen zu können und um sie nicht zur Befriedigung ihrer („neurotischen“) Bedürfnisse zu mißbrauchen. Dafür ist aber wieder das „Operieren im affektiv-emotionalen Bereich“ – sprich: irgendeine Art von „Therapie“ – notwendig. Das ganze Konzept der Vorbeugung ist im Prinzip realitätsfern und abstrakt. Was scheren mich „viele Generationen“ und deren „Erziehungspraxis“, zumal es alle zwei oder drei Generationen zu Kriegen kommt, die sowieso alles wieder einreißen? Der Prophylaxe heftet eine gewisse Unglaubhaftigkeit oder ein Ersatzcharakter an. Es fehlt ihr der Egoismus. Sie ist eine Illusion, weil nichts ohne Egoismus geht. Vielleicht kann man Mitleid mit zukünftigen Kindern haben (Reichs „Kinder der Zukunft“), glaubhaft ist aber eigentlich nur das Konkret-aktuelle: die Betroffenheit eines einzelnen, der in Not ist und seine Lage verbessern will – und damit als Kollateralnutzen auch seinem Kind hilft. LSR hat nicht umsonst die Dialektik – hier die von Prophylaxe (Zukunft) und Therapie (Gegenwart) – hinter sich gelassen und mit Stirner den konkreten Einzelnen ins Zentrum gerückt, der ein Eigner sein sollte. Es geht weder um Vorbeugung und die Rettung der Welt noch um Therapie als Voraussetzung einer Vorbeugung, sondern eigentlich und tatsächlich nur um „Empörung“ (Stirner) und Wieder-an-eignung im jeweiligen Einzigenfall, für die Hilfe zur Selbsthilfe nötig sein kann. Alles andere wäre nur ein positiver Nebeneffekt. Die Lebens- und Eignerfeindlichkeit der Eltern wird durch theoretische Belehrung (Alte Aufklärung) eigentlich nur gewandelt, schleicht sich sofort wieder in neuem Gewand ein und bleibt grundsätzlich bestehen. Versuche der Emanzipation, der Befreiung, der „Empörung“ und Bemühungen, mehr man selbst und weniger entfremdet zu werden, sich schlechter, anti-subjektiver Einflüsse zu entledigen, wird es immer wieder geben. Das paraphilosophische LSR-Unternehmen gehört ja trotz seiner Skepsis bzw. Resignation zu diesen Bemühungen. Dieses Unternehmen muß fortgeführt, radikalisiert und in eine effizientere Praxis umgesetzt werden. Wir können uns nicht mit einer „Prophylaxe“ begnügen, die überdies gar nicht funktionieren kann. Die Gefühle eines Vaters, die früher zu Prügel geführt haben, werden jetzt, zeigt er sich einsichtig, nicht prügeln zu sollen, nur umgeleitet. Aus „autoritärer Erziehung bzw. Deprivation“ wird „antiautoritäre“ mit ähnlich verheerenden Folgen. Beider gemeinsamer Nenner ist die Negation des rationalen Ichs des Kindes: sein Aushungern durch Nichtbefriedigung. Es ist unmöglich, Gefühle durch „Aufklärung“, d.h. durch Alte Aufklärung aufzulösen. Das ist exakt die Stelle, wo die Alte Aufklärung zum Halt gekommen ist und durch eine Neue Aufklärung erweitert werden muß. Macht hier etwa auch die Neue Aufklärung Halt? Dann wäre sie keine. Eine Neue Aufklärung tut Not. Es wird keine Vorbeugung von Entfremdung geben, solange Mütter, die in eine Beratung gehen, nicht dort auch zumindest einen Teil ihrer Liebesfähigkeit wiederfinden, d.h. irgendeine Art „Therapie“ durchlaufen, die natürlich effizienter sein muß als Reichs Vegetotherapie, aus der er sich – das Desaster erkennend – in die Prophylaxe flüchtete. Das reiche, in den 1970er Jahren angesammelte Wissen um Geburtstraumata, das auch langfristig zur Vorbeugung gröbster Eigner-Zerstörungen hätte führen können, hat stagniert und geht sogar wieder zurück. Dazu schreibt Marianne Krüll: „Ich hatte damals [, als sehr viele Menschen erkannt haben, wie bedeutsam die ersten Jahre unseres Lebens vor und nach der Geburt für unser ganzes Leben sind, ] gehofft, dass sich die in unseren Gesellschaften dominierende Geburts-‚Un‘-Kultur, wie ich die High-Technology in der Geburtshilfe nannte, allmählich zurückbilden würde, weil immer mehr Frauen ihre Würde als Gebärende einfordern würden. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Gynäkologie und Geburtshilfe sind fest in Männerhand. 98 Prozent aller Entbindungen in Deutschland finden in Kliniken statt, die Kaiserschnittrate beträgt über 30 Prozent, mit steigender Tendenz. […] Nun erleben zu müssen, wie das Geburtsgeschehen immer mehr zu einem Krankheitsbild deformiert wird, erschreckt mich sehr. Die medizinisch-technischen ‚Fortschritte‘ der chirurgischen und medikamentösen Geburtshilfe, der pränatalen Diagnostik, der künstlichen Befruchtung bis hin zur ‚therapeutischen‘ Stammzellengewinnung und Genmanipulation lassen ein Klima entstehen, in dem all das gefährdet ist, was ein neues Menschenwesen für sein Wachsen und Gedeihen im Mutterleib und danach braucht – nämlich Geborgenheit, Sicherheit und vor allem Liebe.“104 Die übergroße Mehrzahl der Kinder kommt nach wie vor bereits als Nicht-Eigner zur Welt – sind solche sogar oft schon von der Befruchtung an. Nix da Rousseaus „frei geboren und dann in Ketten“! Laska spricht vom „Organismus des Neugeborenen als objektive Vorgabe des Menschseins“105 und vom „unbestreitbar wertautonomen geborenen Menschen“, dem offenbar erst nach der Geburt „die Wertautonomie zerstört“106 wird. Nix da! Das können wir getrost vergessen. Laska hatte den Fokus nur noch auf eine zweifelhafte Prophylaxe gerichtet, aber auf die Wiederherstellung der Gefühlskapazität verzichtet. Ab den 80er Jahren scheint er seine fundamentale Skepsis gegenüber Therapie aus den 70er Jahren dann aber auch noch auf die Prophylaxe auszuweiten und noch pessimistischer zu werden. Nach dem Verschwinden des Begriffs „Therapie“ aus Laskas Vokabular, wird nun auch der Begriff „Prophylaxe“ bei ihm rar (man könnte ihm aber darin zustimmen, daß seine Paraphilosophie Teil einer Prophylaxe ist107). Wahrscheinlich hatte er verstanden, daß Prophylaxe Unsinn oder nur eine Ausrede oder ein Ersatzziel ist, weil man ja ein Ziel haben muß. Aber noch 1995 schreibt Laska – wenngleich nur noch routinemäßig in einer aber immer seltener werdenden Wiederholung –: „Reich sah seine Arbeit deshalb hauptsächlich als Grundlagenforschung für eine Neurosenprophylaxe im Massenmaßstab, ein sich über Generationen erstreckendes Projekt.“108 Als R-Fan wird er sich zu dieser Zeit einem solchen Projekt immer noch etwas zugehörig gefühlt haben. Eine kognitive Prophylaxe führt aber kaum etwas herbei; es muß dafür sowieso auch immer eine Veränderung im Affektiv-Emotionalen geben – also können wir gleich dort ansetzen, indem wir etwa Videos zeigen, die Gefühle ansprechen. In diesen sieht man, daß schon ein riesiger Schritt mit einer ganz einfachen „präventiven Technik“ gegangen werden und enormem Leid schon durch einen einzigen Handgriff vorgebeugt werden kann: einfach nur das Neugeborene auf die Brust der Mutter legen!109 (Doch auch dort herrscht oft Kontaktlosigkeit.) Neugeborenes auf Mutterbrust, Kontakt Doch mit dergleichen konkreten Überlegungen als Konsequenz aus der Beschäftigung mit dieser Materie befaßte sich Laska nicht, sondern nun eigentlich nur noch damit, daß Philosophen die Erkenntnis von L, S und R nicht verstanden und, wenn ansatzweise doch, dann vor Schreck sofort verdrängt oder bekämpft haben. Diese Erkenntnis, der sich Laska anschließt, sei die für die Eigner-Werdung bzw. -Nicht-Zerstörung notwendige „Negation des irrationalen Über-Ichs“ gewesen. Die Erkenntnisse von Philosophen liegen zwar der pädagogischen Theorie zugrunde und können dann Eingang in die pädagogische Praxis finden; und die Verdrängung dieser Erkenntnisse wird die pädagogische Theorie und Praxis nicht verbessern. Aber das Resultat ist – im Falle der LSRL-Erkenntnisse, aber auch verwandter Strömungen, gemessen an der Zielsetzung (Ich) – äußerst bescheiden. Ich bin dafür, daß diese Erkenntnisse in Erinnerung gehalten werden und bin ein großer LSR-Fan, aber es sollte sich auch weiter um das „Abbauen des Über-Ichs“ – meinetwegen auch um das „Nicht-entstehen-lassen“ – gekümmert werden. Natürlich nicht in pädagogischen Großversuchen à la Pestilenzgrüne (die, zum Teil, als reichianische Pädagogen gern auch Pädokriminelle waren), sondern ernsthaft, präzise und geduldig mit sich selbst im Kleinen. Therapie und Prophylaxe spielten bei Laska bald keine Rolle mehr. Nur den Abonnenten seiner Wilhelm-Reich-Blätter zuliebe war er schon in den 1970er Jahren überhaupt auf nicht-philosophische Themen eingegangen.110 Ich habe ihm mal erzählt, daß ich ihn kaum wiedererkannt habe, als ich ihn später – nach Beendigung der WRB und Neuanfang mit LSR – wiederentdeckt habe, als er keine Rücksicht mehr auf die Körpertherapie- und Orgonfreaks mehr nahm. Die Konzentration auf das ausschließlich Philosophische brachte eine beträchtliche Anhebung des Niveaus – wenigstens das. Das schien er nicht so zu sehen, er staunte darüber. Laska hat sich also ganz und gar vom auch Prophylaktiker auf einzig den Philosophen zurückgezogen – und das ist ja auch gut so. Um den Rest kümmern wir uns. Laska hatte von einem „Neurosenproblem“, das „nicht durch Therapie zu lösen ist“, gesprochen. Abgesehen davon, daß es für mich kein „Neurosenproblem“ gibt, habe ich mich im Gegensatz zu Laska immer nur für „Therapie“ interessiert, nie für „Prophylaxe“. (Unter den Begriffen liegt etwas, das, im Sinne der Eigner-Zielsetzung, mit anderen Begriffen besser bezeichnet wird, doch dazu später mehr.) In Sachen Prophylaxe bin ich etwas ratlos und kann nicht viel dazu sagen; aber Laska ist auch nicht besonders behilflich. Natürlich begrüße ich sie, zweifle aber daran, daß es sie überhaupt geben kann, solange nicht auch „Therapie“ stattfindet. Laskas vollständiger Verzicht auf „Therapie“ und sein Therapie-Pessimismus schön und gut, aber das heißt, ein um Hilfe heischendes Publikum abzuweisen oder auf den Sankt-Nimmerleins-Tag zu vertrösten – aber vor allem, seinem eigenen Wunsch, weniger entfremdet zu sein, nicht nachzukommen. Das Publikum hat eine eben doch nicht ganz unbegründete Hoffnung; sein Leid treibt es immer wieder in Richtung einer „Therapie“. Jetzt besteht das Massenelend, jetzt muß etwas passieren – ohne natürlich die Augen vor den gemachten Erfahrungen und der schieren und eigentlichen Aussichtslosigkeit zu verschließen. Es gibt sowieso – wie in meinem Leben – einen dringenden Bedarf. Warum steht da ausgerechnet LSR passiv im Abseits? Auf die „aktuelle historische Situation“ (Laska) kommen wir gleich zurück. 2.7. Die Fortführung irgendeiner Art von „Therapie“ ist eine LSR-immanente Notwendigkeit und „Konsequenz“ Versuche der Emanzipation, der Befreiung, der stirner‘schen „Empörung“ und von Bemühungen, sich seiner Entfremdung zu entledigen und sich seiner Gefangenschaft in emotionalen Fallen zu entziehen, wird es, gleich, wie desaströs die bisherigen Erfahrungen damit sind, immer wieder geben. Die philosophischen und post-philosophischen Unternehmen unserer Protagonisten LSR gehören ja auch zu solchen Versuchen und Bemühungen; warum sollen ausgerechnet wir jetzt damit aufhören? Es gilt jetzt, diese Emanzipationsversuche und -erfahrungen mit dem Ziel einer weiteren Radikalisierung und Praktikabilisierung aufzugreifen. Die Beschäftigung mit sowohl „Empörung“ und Wieder-an-eignung der Person („Eigner“-Werdung) als auch einer wie auch immer gearteten Hilfe oder Selbsthilfe bringt es mit sich, nach einem „Verfahren“ Ausschau zu halten. (Laska ist das natürlich nicht entgangen; er hat auch einen Namen dafür: „Selbstermächtigung“, doch dazu später.) Das kann ein Einzelner für sich alleine versuchen zu bewerkstelligen, aber auch in einer Gruppe oder in Gegenwart und mit Hilfe eines „Therapeuten“ bzw. eines – wie es in der Tiefenwahrheit heißt – Wahrheitsbegleiters. Gruppen oder Assistenten können dank ihres Inputs und ihrer Dynamik, die schnell in den „affektiv-emotionalen Bereich“ führen, dabei von Vorteil sein. Ein solches Verfahren muß aber nicht sein, wonach es klingt: Technik. (Ja, es muß sogar von jeder, der Technik zugrundeliegenden, Wissenschaft frei sein, doch dazu später mehr.) Das Verfahren wird sich jedenfalls u.a. dadurch auszeichnen, daß es auch „im Affektiv-Emotionalen operiert“. Darin liegt ja die Notwendigkeit, das Merkmal von LS und der Unterschied zur Alten Aufklärung. Warum hält sich gerade LSR bedeckt, wo es ein riesiges und überaus bedürftiges Publikum gibt, das nach einem diesbezüglichen Angebot dürstet und in den diversen Krisen der Gegenwart auch reifgeschossen ist? Das Publikum sitzt zu Millionen in den Wartezimmern bei Psychotherapeuten – wenn es denn nach einem Jahr mal einen Termin bekommt – und denkt nicht darüber nach, warum Wilhelm Reich gescheitert ist, sondern ist schlicht in Not. Aber so gut wie alle Patienten und Therapeuten scheitern weiter – weil sie nicht ins Emotionale gehen oder wenn doch, dann nicht auf die richtige Weise, nämlich über das Kognitive: die Wahrheit, die dann im Emotionalen zur Tiefenwahrheit wird. Die Beobachtung, daß nach starken Emotionen anders gedacht wird oder daß das Denken dann mehr Konsequenzen hat, Entscheidungen leichter getroffen werden bzw. daß sich diese dann aufdrängen oder sogar von alleine fallen, ist eigentlich bekannt. Es kommt zu einer Stimmungsveränderung, die auch eine Veränderung des Denkens nach sich zieht, das dann meist ruhiger und weniger besessen wird. Das geschieht aber in den Psychotherapien nach wie vor – trotz scheinbarer Hinwendung zum Emotionalen – nicht wirklich oder nicht in ausreichendem Maße. Immerhin wird dem gescheiterten Publikum dann Opium verabreicht: Es darf ein „Verständnis“ seines Problems entwickeln und dieses „einordnen“. Auch liegt allein schon in einer „Diagnose“ wenigstens eine Anerkennung des Problems – das sollte nicht unterschätzt und muß gewürdigt werden, wie dürftig auch immer das aussehen mag. Aber das kann es doch nicht gewesen sein! Laska hat doch klar erkannt, daß L, S und R an dieser Stelle wie niemand sonst für den Ansatz zu einer echten Alternative stehen. Er schreibt, daß L, S und R „für die heutige verfahrene Situation, wenn nicht im üblichen Sinn die grösseren, so doch die bedeutsameren [Denker sind]“ als „massgebliche ‚klassische‘“ und „einflussreiche Denker.“111 Und hier ringt er sich sogar zur Feststellung nicht nur einer Triftigkeit, sondern auch einer Dringlichkeit durch: „Die Verminderung des irrationalen Anteils am Über-Ich zugunsten des rationalen halte ich für das Gebot der aktuellen historischen Situation.“112 (Auf das „rationale Über-Ich“ kommen wir später zurück.) Ja, aber wie geht so eine „Verminderung“ konkret vonstatten? Etwa immer noch durch „Prophylaxe“? Dazu äußert sich Laska nicht. Ich kritisiere Laska für sein Ausweichen vor diesem Bemühen bzw. vor der Weiterentwicklung und Verbesserung solcher Bemühungen. Ein Projekt LSR – die Paraphilosophie und die Einsicht in die Notwendigkeit eines „Operierens im affektiv-emotionalen Bereich“ – muß einen solchen praktischen Bestandteil haben. Ist das „Praktisch-Werden einer Philosophie“ nicht zwangsläufig etwas, was mit einer „Psychotherapie“ gewisse Ähnlichkeiten hat? Wird das Verlassen der Philosophie und das Hinwenden zum Leben eines Post-Philosophen nicht meistens mit Turbulenzen und Veränderungen in seinem Gefühlsleben begleitet? Ist es nicht notwendig so, daß der Post-Philosoph, wenn er unter den kognitiven Bereich geht, im emotionalen Bereich landet? Und genau das will ja Laska eigentlich auch. Verstehe ich Christian Fernandes richtig, wenn ich daraus ein Lob der Praxis höre?: „Reich, der Psychoanalytiker und Schüler Sigmund Freuds, hat mich zunächst gar nicht interessiert. Dabei wäre Reich der Schlüssel gewesen, um das LSR-Projekt besser zu verstehen.“113 Jedenfalls hat Fernandes in dem von ihm herausgegeben Laska-Buch „Max Stirner – Leben, Werk, Wirkung“ diesen Laska-Satz deutlich, nämlich auf dem Rückdeckel, herausgehoben: „Ohne bewußt betriebene praktische Bewältigung der darin liegenden Problematik [daß man den unbestreitbar wertautonom geborenen Menschen die Wertautonomie zerstört] wird man, was Stirner klar sah, den farcenhaften Liberalismus nicht historisch überwinden.“114 2.8. Der durch Stirner gegebene Ansatz eines Empörungs-, Souveränisierungs- und Wiederaneignungs-Verfahrens Den beginnenden Übergang von der „kognitiv-rationalen“ Philosophie in ein „Operieren im Affektiv-emotionalen“ markiert eine weitere „zentrale Aussage“, nämlich diese Stirners in „Der Einzige und sein Eigenthum“: So will er [der Kritiker] durch das Denken die Gedanken auflösen, Ich aber sage, nur die Gedankenlosigkeit rettet Mich wirklich vor den Gedanken. Nicht das Denken, sondern meine Gedankenlosigkeit oder Ich, der Undenkbare, Unbegreifliche befreie mich aus der Besessenheit. / Ein Ruck tut Mir die Dienste des sorglichsten Denkens, ein Recken der Glieder schüttelt die Qual der Gedanken ab, ein Aufspringen schleudert den Alp der religiösen Welt von der Brust, ein aufjauchzendes Juchhe wirft jahrelange Lasten ab. Aber die ungeheure Bedeutung des gedankenlosen Jauchzens konnte in der langen Nacht des Denkens und Glaubens nicht erkannt werden. / ‚Welche Plumpheit und Frivolität, durch ein Abbrechen die schwierigsten Probleme lösen, die umfassendsten Aufgaben erledigen zu wollen!‘“115 (Hahaha! Beim letzten Satz, dem fiktiven Zitat Stirners Gegner, muß ich laut lachen.) Wir kommen später auf diese Aussage Stirners zurück. Besonders in seiner Replik116 auf seine Kritiker nach Erscheinen des „Einzigen“ geht er noch einmal ausführlich darauf ein. Die genannte Quelle einer Unzufriedenheit (Besessenheit, Grübelei) mag sich nach einem Philosophen-Problem anhören, aber der Philosoph ist an der Stelle ein ganz normaler Irrer. Es sind seit damals, insbesondere dann seit Freud, ein Himalaja an Erfahrungen gemacht worden, in denen das „aufjauchzende Juchhe“ in alle möglichen Richtungen und Gefühlsschattierungen auszubauen versucht wurde, was auch durchaus manchmal gelang. Aber all das unter einem verhängnisvollen Vorzeichen, nach einem gewaltigen Konstruktionsfehler: nämlich unter der Ägide von Psychologen, also Wissenschaftlern, kurz gesagt: objekt-orientiert. (Siehe dazu meinen Aufsatz „Objekt-orientierte Ontologie und Entfremdung. Der verheerende Einfluß der Wissenschaft – insbesondere ihrer Disziplin Psychologie – als Objekt-Orientierung auf das Subjekt. Für die Subjekt-Orientierung und darüber hinaus das Ón!“, 2022117) Stirner dagegen war die Ausgeburt des Subjektiven; das machte ihn zum „bedeutsameren Denker“ (Laska), und deswegen ist er unser Leitstern. Wenn Stirner das Subjektive auf die radikal-möglichste Weise betonte, ist er aber noch lange kein „Individualist“, denn in sich als Subjekt fand er natürlich kein isoliertes Atom in einer anonymen Gesellschaft, sondern das, was er „meinen Verkehr“ nannte (was, so läßt sich das mit Laska zu Ende denken, den Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau als der Protoform des „Vereins“ beinhaltete118. Stirner schreibt, daß sich bei ihm „egoistisches Leben und Leben in der Liebe vollständig vertragen“119). Nasselstein schreibt dazu: „Der ‚Einzige‘ bedeutet demnach nicht Solipsismus der blinden Monade, sondern ganz im Gegenteil Wahrnehmung der Einzigartigkeit beim Gegenüber. Das ist die einzig sinnvolle Definition von Liebe. […] Stirner ist der Prophet nicht der Vereinzelung, sondern des Kontakts, der ‚Mitmenschlichkeit‘ (wenn man mir diesen denkbar un-Stirnerschen Begriff erlaubt).“120 Insofern war Stirner eben gerade kein „Ideologe der anonymen Gesellschaft“, als den ihn Hans Günter Helms hinstellte121. Helms‘ Kritik an der „anonymen Gesellschaft“, die Stirner angeblich verursacht hatte, war scheinheilig, rabulistisch und giftig. Helms mochte Stirner nur nicht, weil es ihm nicht paßte, daß Stirner seine eigene Gesellschaft im Auge hatte und nicht die des Juden, Adorniten und Umerziehers Helms, der emsig dazu beitrug, unsere Gesellschaft zu zerstören. Genauso wenig wie er „Individualist“ war, so wenig war Stirner ein „Egoist“. Er hat sich nur erlaubt herauszunehmen, daß er er selbst ist – er nannte das Selbst „Ego“ – und daß er gedenkt, sich selbst zu behaupten und seine eigenen Gedanken zu haben. „Dem Egoismus liegt das Interesse zu Grunde“122, mehr nicht – auch auch nicht weniger. Diese seine Gedanken wichen zwar von allen anderen ab – von den Reaktionären wie von den Progressiven, von den Linken wie von den Rechten, von den Theisten wie von den Atheisten –, doch das spricht nicht gegen seine prinzipielle Soziabilität. Im Gegenteil ist eine Gemeinschaft auf Grundlage von linken wie rechten Spinnereien und Wahngebilden, auf die sich keine zwei Menschen einigen können, sehr labil, was wir leider in der menschlichen Gesellschaft und Geschichte eigentlich überall und immer konstatieren müssen : Das soweit also zu „falschen, sehr oberflächlichen Stirner-Fans“ und den „allerlei Missverständnissen oder [zu der] fehlgeleiteten Faszination“, die von „erkenntnishemmenden Faktoren im ‚Einzigen‘“ (Fernandes123) verursacht worden waren. Ich glaube aber nicht, daß diese „Faktoren von Stirner“ nur „zur Irreleitung der Zensoren absichtlich eingebaut“ worden waren. Allein der positiv bewertete und etwas unglückliche Begriff „Egoist“ war sicherlich auch einer gewissen Trotzhaltung geschuldet, für die ich aber – zumal wenn man an die damalige Zeit und die breitestmögliche Phalanx seiner Gegner denkt – großes Verständnis habe. Die Bemühungen, (wieder) ganz man selbst (ein „Ego“, ein „Eigner“) zu werden – einheitlich, ungespalten, lebendig, positiv dem Leben zugewandt, lustvoll und unängstlich, souverän, lebens-bejahend und damit -tauglich –, muß nun der Objekt-orientierung, der Wissenschaft, der Maschinenreparaturmaschine, die diese Bemühung usurpiert, für ihre Zwecke mißbraucht hatte und die aus dem Problem Profit geschlagen hat124, entzogen werden. Der stirner’sche Gedanke war in die absolut falschen Hände geraten. Diese Bemühung muß allein dem noch bestehenden Restselbst selbst zugewiesen werden. Stirner äußert sich an einigen Stellen zu einem Verfahren der „Selbstermächtigung“ (Laska125) wie hier am Beispiel der „Keuschheit“, die eine Form von „Bedenken des Geistes“ ist. Diese „Bedenken“ – und damit in diesem Beispiel die Keuschheit – sollen als Verhinderer des Eigners ausgeräumt und beendet werden. Wie geht das nun? Dazu schreibt Stirner wieder einmal nichts vor und sagt nur, wie das die einen und die anderen anstellen: Dies Bedenken nun werfen die einen durch einen ‚Ruck‘, durch den Ausruf ‚dummes Zeug!‘ von sich, weil ihnen, so bedenklich oder religiös sie auch sonst sein mögen, hier ein Instinkt sagt, daß der Geist gegen den Naturtrieb ein griesgrämiger Despot sei, – während andere das Bedenken selbst durch weiteres Denken überwinden und sich auch theoretisch sicher stellen: jene schlagen die Bedenken nieder, diese lösen – vermöge ihrer Virtuosität im Denken (die ihnen das Denken zum Bedürfnis und interessant macht) – die Bedenken auf.“126 Man kann an der Ironie schon heraushören, daß Stirner der ersten Gruppe zuneigt, d.h. eine ciskognitive Vorgehensweise präferiert. Aber „niederschlagen der Bedenken“ hört sich nicht unbedingt nach einer Lösung des Problems an, „auflösen der Bedenken“ schon eher. Er verschmäht durchaus nicht das Denken und traut den Denkern einiges zu. Wichtig für uns ist aber, daß beide Herangehensweisen subjekt-orientiert sind. Es ist Sache der Betroffenen selbst, die auf und in sich schauen, und nicht die von Experten, die dir in die Sache hineinreden und dich letztlich wie eine Maschine behandeln. Die Betroffenen machen es so, wie sie es für richtig halten und wenden sich mit ihrem Problem nicht an einen Wissenschaftler. Stirner wird jetzt in seiner Präferenz der Ruck-Fraktion deutlicher: Es hat nur der Geist die Schwierigkeiten erhoben, die Bedenken geschaffen, woraus zu folgern scheint, daß sie nur geistig oder durchs Denken wieder weggeschafft werden können.“127 Wir gehen an dieser Stelle nicht auf die anthropologische Aussage Stirners ein, daß „der Geist die Schwierigkeiten erhoben“ hat. Meines anthropologischen Erachtens nach wird man dem Geschehen der Zerstörung des Eigners nicht gerecht, wenn man nur den geistigen Aspekt erwähnt. Aber die Anthropologie und Mutmaßungen, wie und wann die Zerstörung von statten geht, spielen – obwohl sie in diesem Buch auch Raum bekommen – eigentlich gar keine Rolle. Es geht nur um das Reagieren auf die Zerstörung. Mit einem Reagieren werden Störungen und Verstörungen sofort wiedergutgemacht. Wenn diese zu heftig und zu schmerzlich sind (Trauma), werden sie verdrängt; dadurch wird nicht mehr reagiert – worauf auch? Es ist weg. Jetzt liegt eine Zerstörung vor, bei der das Trauma und der Schmerz im Inneren bestehen bleiben und sich als diffuses Leid äußern. Wenn man dieses Leid fühlt, kann man die Zerstörung in eine Störung rückverwandeln – jetzt wird das Trauma wieder bewußt –, und schließlich, wenn man dem Leid immer weiter bis in den Schmerz hinein folgt, kann man sich wieder – wenigstens zum Teil – entstören und zum Eigner werden. Das ist aber schon wieder psychologische Anthropologie, die eigentlich unwichtig ist. Aufgabe des Institutes für Tiefenwahrheit ist es, diesen Vorgang von Eigner-Verlust und -Wiedergewinnung nicht aus anthropologischer, sondern aus phänomenologischer Sicht zu beschreiben und darzustellen. Wenn es so sein sollte, daß die Bedenken nur durchs Denken weggeschafft werden können, dann ist der Geist und sind die Denker klar im Vorteil, und „die armen Seelen, die sich jene Bedenken aufschwatzen lassen haben, wären übel dran“, da sie ja nicht „die Kraft des Denkens besitzen, durch welche sie der Bedenken Herr werden könnten“128. Stirner wird nun in seiner Ironie ein noch deutlicherer Ruck-Befürworter: „Wie übel, wenn sie darauf warten müßten, bis die reine Kritik ihnen die Freiheit wiedergibt.“ Da können die „armen Seelen“ nämlich lange drauf warten. Sie sind ja sowieso zu dumm, den objekt-orientierten Wissenschaftlern folgen zu können. Wir ahnen schon: Stirner hält es für gar nicht möglich, daß dir irgendwer „die Freiheit wiedergibt“. Doch siehe da, die armen Seelen sind gar nicht mal so blöde; jetzt passiert nämlich folgendes: [Die armen Seelen] helfen sich aber einstweilen durch einen gesunden, hausbackenen Leichtsinn, der für ihr Bedürfnis gerade so gut ist als für die reine Kritik das freie Denken, da der Kritiker als Virtuose im Denken einen unabweislichen Drang hat, durchs Denken die Bedenken zu überwinden.“129 Der Leser darf jetzt erst mal herzhaft lachen, so viel Zeit muß sein. Wir hören hier schon heraus, daß Stirner den „Leichtsinn“ der armen Seelen eben nicht für „gerade so gut“ hält wie die Virtuosität der Denker, sondern für „effizienter“, wie Laska sagen würde, der stets von der „Ineffizienz“ von Psychotherapie spricht. Aber Stirner lobt auch ausdrücklich „die reine Kritik“ und deren „freies Denken“, das „vor keinem absoluten Bedenken [keiner ‚fixen Idee‘] rastet“ und „mit egoistischer Ausdauer eine bedenkliche Heiligkeit nach der anderen entheiligt“ und sich somit „empört“, souveränisiert und selbstermächtigt. Dies allerdings unter einem stirner’schen Vorbehalt: Das Denken müsse nämlich dafür nicht nur „frei“, sondern auch „egoistisch“, d.h. streng subjektiv und stets subjekt-orientiert sein. Daran habe es nämlich bei den „reinen Kritikern“ schon einmal gemangelt – auch wenn Stirner ihnen hier überraschenderweise eine „egoistischer Ausdauer“ zugutehält –, ganz abgesehen davon, daß die „freien Denker“ nicht auf den Gedanken des Rucks bzw. auf den Ruck selbst der „armen Seelen“ kamen. Diese waren zwar eher von schlichtem Gemüt und nicht „frei“ und „kritisch“, dafür aber etwas praktischer; sie schienen zu einem Resultat zu kommen. Dumm fickt eben gut. Die reicheren Seelen würden zwar „egoistische Ausdauer“ an den Tag legen, aber die bezog sich nur auf das Denken: „Weil aber dieses freieste Denken nur egoistisches Denken, nur Denkfreiheit ist, so wird es selbst zu einer heiligen Macht des Denkens und verkündet das Evangelium, daß nur im Denken die Erlösung zu finden sei.“130 Im Denken wird also nun die Rettung gesucht – wie ich es als 14-jähriger mit meine Denken-Theorie getan hatte; dazu werden wir im Kapitel 3.1. Entwicklung erster Eigentheorie im Umgang mit existenzieller Problematik im Jugendalter (die Denken-Theorie), das den ersten Schritt in Richtung der Tiefenwahrheit darstellt, kommen. Das Denken wird ein Fetisch. Jetzt marterten, quälten und grübelten sich die problem- und bedenkenbehafteten Denker immer im Kreise herum. Es gab aber gar keine anderen „Denker“ – sie waren alle so. Die „armen Seelen“ dachte zwar auch auf ihre Art, aber sie waren deswegen noch keine Denker. 2.8.1. Exkurs: Richard Wagners Holzweg vom „Von-sich-schleudern mit einem einzigen Rucke“ des „willkürlichen Denkens“ und der „civilisierten Barbarei“ durch soziale und künstlerische „Revolution“ Weder Denker noch arme Seele war Richard Wagner, der einen anderen, nämlich ästhetisch-politischen Weg ging. Im Denken sah er jedenfalls nicht die Lösung: „Ich setze nämlich als die Bedingung für das Erscheinen des Kunstwerkes in allererster Stelle das Leben, und zwar nicht das im Denken willkürlich wiedergespiegelte des Philosophen und Historikers, sondern das allerrealste, sinnlichste Leben, den freien Quell der Unwillkürlichkeit.“131 Auch Wagner wollte das Problem mit einem „Ruck“ lösen: „Der von Rousseaus Naturphilosophie132 beeinflusste Wagner ist felsenfest überzeugt: Nur die Rückkehr des Menschen zur Natur könne jene verfehlte Kulturentwicklung ‚mit einem einzigen Rucke‘ von sich schleudern, und diese ‚ungeheure Kraft‘, die sich aufbauen lasse, um diesen Befreiungsschlag zu ermöglichen, sei die Revolution: ‚Aus dem Zustande civilisierter Barbarei kann die wahre Kunst sich nur auf den Schultern unserer großen sozialen Bewegung zu ihrer Würde erheben: sie hat mit ihr ein gemeinschaftliches Ziel, und beide können es nur erreichen, wenn sie es gemeinschaftlich erkennen. Dieses Ziel ist der starke und schöne Mensch: die Revolution gebe ihm die Stärke, die Kunst die Schönheit!‘“ (Udo Bermbach133) Ich habe den Eindruck, sowohl Bermbach als auch Wagner bedienen sich stirner’scher Vokabeln. Wagner stellte dem Denken das Leben gegenüber – aber eigentlich nur Kunst und Politik. Wie ich in meinem Aufsatz Töpfer: Wagner sage, hat Wagners Vorstellung etwas „Richtiges, wofür das Wort ‚mit einem einzigen Rucke‘ steht“, aber auch etwas „Falsches“ – und das sei die „soziale Bewegung“. Wager habe „seine eigenen Beschränkungen, seine inneren Widerstände vor dem Leben nach außen projiziert“134. Vor allem aber lag das Falsche darin, daß Wagner das, was er das „Unwillkürliche“ nannte und das ein zentraler Begriff bei ihm war, zwar umsetzen und freilegen wollte, dafür aber das falsche Verfahren wählte. Das „Unwillkürliche“ war wiederum verwandt mit dem, was Wagner das „Es“ nannte. Er schrieb in einem Brief an König Ludwig II. von Bayern, er sei der „alte Meister des Es‘‘135. Um dieses Es zu befreien (und es dem Eigner zur Verfügung stellen), griff er nun aber als Methode ausgerechnet zu Willkürlichkeit und Künstlichkeit! Jetzt wurde es total verrückt: Der dichtende Musiker der Zukunft wurde zum „absichtlichen Darsteller des Unwillkürlichen“; alles müsse den Anschein des „Unwillkürlichen“ haben. Es sollte so aussehen, als improvisierten die Sänger und Schauspieler, als seien sie spontan. Wagner studiert nun wie ein Wissenschaftler die lautlichen Äußerungen, die Sprache und die ersten Ansätze von Melodien, damit die Sänger so „unwillkürlich“ wie möglich seien: „Wagner untersucht getrennt die Entwicklungsgeschichte der Melodie und des Sprachverses. Der dichtende Musiker der Zukunft, der ‚absichtliche Darsteller des Unwillkürlichen‘, könne sich weder der herkömmlichen, ‚patriarchalischen‘ Melodie noch des strengen Verses mit Endreim und mechanischen Hebungen und Senkungen bedienen, wenn er sich mit einem natürlichen Gefühlsausdruck verständlich machen wolle. (…) Die Übermittlung eines auszudrückenden Inhalts, vom Tondichter über den Sängerdarsteller auf den zuhörenden Zuschauer, müsse so einfach sein wie Einatmen und Ausatmen.“136 Eine solche Kunst brauchte neue Ausdrucksmittel, die der Spontaneität abgeschaut wurden: Jetzt wurde gelacht, gegähnt, gebrüllt, geheult und gekreischt, und schließlich kommt es im „Parsifal“ auch zu künstlichen Urschreien. Richard Wagner drückt dort als Komponist und Dichter im Grunde seinen eigenen Urschmerz aus, der u.a. in den Leipziger Tagen der Völkerschlacht in ihn Einzug gehalten haben mag (siehe das Kapitel 10.2.1. Exkurs im Exkurs: Die Auswirkungen der äußeren Umstände in der frühen Kindheit auf die Integrität des Eigners am Beispiel Richard Wagners): „Keiner diese Qual ermißt, [...] die Wunde, ihrer Schmerzen Wut, gegen die Not, die Höllenpein [...] Erbarmen! Du Allerbarmer! Ach, Erbarmen! […] Die Wunde! – Die Wunde! – Sie brennt in meinem Herzen! – Oh –! Klage! Klage! Furchtbare Klage! Aus tiefstem Herzen schreit sie mir auf. Oh –! Oh –! Elender! Jammervollster! Die Wunde sah ich bluten, – nun blutet sie in mir –! Hier – hier! ... Nein! Nein! Nicht die Wunde ist es. Fließe ihr Blut in Strömen dahin! Hier! Hier im Herzen der Brand! Das Sehnen, das furchtbare Sehnen, das alle Sinne mir faßt und zwingt! Oh! – Qual der Liebe!“ Das klang schon fast nicht mehr verrückt, sondern schon ziemlich echt. Noch weniger verrückt war, wenn Wagner in sich selbst als Komponist und Dichter im schöpferischen Prozeß das „Unwillkürliche“ walten und wirken sah: „Der reflektierende Überbau muß seiner Auffassung nach erst entmachtet werden, damit der dichtende Musiker und Dramenschöpfer wieder unverstört aus dem Unbewußten schaffen kann, richtiger gesagt: aus dem ‚Unwillkürlichen‘, einem allgemeinen Willen und Trieb, der allem Leben zugrunde liegt und vom ‚Willkürlichen‘, Reflektierenden, überlagert und verdorben wird.“ (Martin Gregor-Dellin137) Wagner war etwas verspinnert – eben ein Künstler; aber durch den Naturalismus und – weil sich das „Ganze“ nicht nur auf den stimmlichen Ausdruck beschränkte, sondern auch die Existenz betreffende Geschichten umfaßte, die voller tragischen Inhalts waren – den Realismus sind seine Kunstwerke ansprechend, sprechen den Eigner an. Mit einem „spontanen und unwillkürlichen Ruck zur Befreiung von Es und Ich“ haben sie freilich nicht so viel zu tun. Wagner wollte im Grunde durch die Kunst leben, die Kunst sollte das Leben ersetzen. Dabei sollte die Kunst so realistisch wie möglich sein und das Leben selbst und in Gänze – quasi als ein System – dargestellt und „gelebt“ werden. Wagner war also ein Kunst-Hegelianer und ähnelt darin anderen totalitären Künstlern wie z.B. Arno Schmidt, Marcel Proust oder auch James Joyce. Letzter sah einen Sinn darin, einen ganzen Tag in einem Leben vollständig zu erfassen, anstatt seine tiefen Interessen gänzlich wahrzunehmen. Aber auch das Projekt „Tiefenwahrheit“ ähnelt solchen Œuvres. 2.8.1.1. Exkurs im Exkurs: die Persönlichkeitsspaltung in der Literatur Ich habe zu der Zeit nach der Entwicklung der Wahrheitstheorie – also als etwa 18jähriger – ultranaturalistische Prosastücke geschrieben, in denen auf vielen Seiten ein bestimmtes kurzzeitiges Geschehen – wie z.B. eine gescheiterte Verabredung oder ein gegenseitiges Verpassen – geschildert wurde. Dafür hatte ich eine Leidenschaft, die dem Kunsthegelianismus ähnelte. Der tiefere Sinn davon hatte wohl darin gelegen, daß ich eine gescheiterte Kommunikation gründlich analysieren und dadurch wieder „ganz machen“ wollte – im Sinne von „heilen“ –: Das schien der gemeinsame Nenner mit der hegel’schen Gänze gewesen zu sein. Ein zentraler Begriff in meinem Denken war der des „Mißverständnisses“. Im Erfassen der Gänze und der nachträglich-analysierenden Aufklärung von gescheiterten Kommunikationen scheint der Wille zu liegen, endlich alles zu sagen und das Mißverständnis aufzuklären und auszuräumen. Dieser symbolistisch-künstlerische Wille hat sich dann etwa zehn Jahre später in die Tiefenwahrheits-Praxis verwandelt. Wem das alles galt, was eigentlich darunterlag und welche Kommunikation wieder hergestellt werden sollte, wurde dann klar: die Liebe zur Mutter – und nicht so sehr dem Verpassen einer Verabredung mit meiner damaligen Freundin. Zwei Jahre zuvor symbolisierte ich als 16jähriger alles noch in einer Weise, die als „etwas verrückt“, zumindest „ungewöhnlich“ bezeichnet werden kann. Da hatte ich die verfehlte Mutterliebe noch nicht literarisch verarbeitet, sondern adressierte sie noch „direkt“, d.h. indirekt auf Übertragungen. Das extreme, aber völlig unbewußte Liebesbedürfnis suchte sich da noch Formen wie etwa, daß ich einem Lehrer im Unterricht Zettel mit mehr oder weniger kryptischen Botschaften nach vorn auf den Lehrerpult schob. Dieser Lehrer beim Namen Lüdke muß aber meine Not erkannt und ein Herz gehabt haben und lud mich für einen Abend zu sich und seiner Familie nach Oberschöneweide ein. Alles sagen wollte ich in meinem Isolationswahnsinn dann wieder als 18-Jähriger – allerdings auf symbolische Weise oder so gut ich halt konnte –auch einem Schriftsteller, mit dem ich mich – berechtigt und begründet oder nicht, stand in meinem riesigen Bedürfnis nach echter Kommunikation nicht zur Debatte – extrem identifizierte und dem ich keine Zettel, sondern einen langen Brief schickte, an dem ich eine Nacht hindurch geschrieben hatte. Dieser Schriftsteller – Günter Kunert, den wir bereits in Kapitel 2.1. Neun Thesen zur „Aufklärung II“ und eine gedankliche Zurechtrückung als gleichzeitig Aufklärer und Gegenaufklärer und also als spaltungsverrückt kennengelernt haben – ging auf diesen Brief ein und veröffentlichte seine daraus entstandene „Problemerkenntnis“ zwei Jahre später in einem Kurzessay „Doppelgänger“ als einem „verspäteten Monolog“138. Er schien die Tiefe des Problems wahrgenommen zu haben, spricht darin von „Entfremdung und Schizophrenie“ und daß „die Spaltung der Persönlichkeit in zwei einander opponierende Personen Erzählung wird“. – Die von ihm dafür angeführten literarischen Beispiele hätten aber nun nichts mit der „bürgerlichen Gesellschaft und ihrer doppelten Moral“ zu tun – wie er es bis zur Lektüre meines Briefes geglaubt hatte –, sondern „seien weitaus älter, als die allerletzte historisch-materialistische Schulweisheit träume. Der Bruch, das Auseinanderfallen des Menschen muß in einem historisch dunklen Zeitpunkt vorgegangen sein, unbemerkt, unauffällig, so daß er nicht gleich Kenntnis davon nahm.“ Kunert verortet den „Bruch“ dann – ein kleines bißchen weniger schulweis – am „Ausgang des späten Mittelalters“ (so, wie Iurie Ro?ca ebenfalls viel zu oberflächlich den Ursprung von Technokratie und Transhumanismus in Renaissance und Aufklärung sieht139). Meine Identifizierung mit Kunert muß mich wohl in meinem Brief von ihm als meinem „Doppelgänger“ sprechen lassen haben. Ich glaube nicht, daß ich damit zum Ausdruck bringen wollte, daß – wie in den literarischen Beispielen – einer von uns der Böse und der andere der Gute war; höchstens, daß ich ihn vielleicht um eine einigermaßen erfolgreiche Lebensbewältigung beneidete und er insofern der „Gute“ war, was aber sicher nicht bedeutete, daß ich mich deswegen als den Bösen betrachtete – höchstens als den, dem es schlecht ging, also den Leidenden, den Kommunikation und Hilfe Suchenden. Doch genau um die Spaltung in einen guten und in einen bösen Teil des Individuums drehen sich die dann doch ziemlich oberflächlichen Spekulationen Kunerts in seinem Kurzessay. Denen zufolge hätte ich ihn als meinen zweiten Teil in mich hineinphantasiert (und er wird, so vermute ich, sich bzw. die Phantasie, die ich aus ihm gemacht habe, als den Guten gesehen haben). Aber mir ging es vor allem darum, ein Identifikationsobjekt, ein „Ich-Ideal“ zu haben, bzw. darum, in eine Kommunikation zu treten, die mir helfen sollte, mich vor dem Irrsinn der Ichlosigkeit zu bewahren. Durch die Kontaktaufnahme wollte ich diese Ichlosigkeit gerade verringern. Worin liegt nun überhaupt der Zusammenhang von Spaltung und Doppelgängertum, der bei Kunert, der die Spaltung akzentuiert, verloren zu gehen scheint? – Ein Doppelgänger ist ja eine Person, die einer anderen sehr ähnelt, manchmal wie deckungsgleich erscheint – ein eineiiger Zwilling im Idealfall. Davon kann in einem der angeführten literarischen Beispiele – Stevensons „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ – schlecht die Rede sein, und der Zusammenhang scheint sich aufzulösen. Dr. Jekyll und Mr. Hyde sind nun gerade keine Doppelgänger, sondern scharf kontrastierend. Sie sind Derivate einer einzigen Person, sicher, aber sie sind sich eben nicht nur nicht ähnlich, sondern verhalten sich antagonistisch zueinander. Wenn die Person nicht so tief bei Stevenson gespalten ist, werden die entzweiten Persönlichkeitsanteile zu Doppelgängern, weil sie noch sichtlich einer Kernperson entstammen und somit eine gewisse Ähnlichkeit – eine ferne Identität – haben. Je nach Grad und Tiefe der Spaltung verlieren beide Anteile diese Ähnlichkeit; im schlimmsten Falle – wenn sie sich als „gut“ und „böse“ gegenüberstehen – bleiben sie unversöhnlich und vernichten sich gegenseitig. Dann trennen sich die Phänomene Spaltung und Doppelgängerschaft. In meiner Phantasie standen sich Kunert und ich nicht antagonistisch und nicht, wie er sagt, „opponierend“ gegenüber. Daß ich mich mit 16 Jahren als Kunerts Doppelgänger sah, war nicht einmal ganz unbegründet, da wir durchaus eine gewisse gemeinsame Schnittmenge hatten. Aber von einer Doppelgängerschaft konnte natürlich keine Rede sein. Mein Brief an ihn war vor allem mein Wunsch, so zu sein wie er bzw. die nicht ganz grundlagenlose Phantasie und das Angebot: Ich bin wie du, wir ticken ähnlich – eine gewisse Basis für eine Freundschaft. Noch mehr war es sicher der Wunsch, einen Intellektuellen – quasi meine Mutter in gut – auf meiner Seite zu haben. Das mag Grundlage dessen gewesen sein, was die Wissenschaftler „Autoskopie“ nennen. Das, die tiefe Spaltung in Nicht-Ich und Ich und das daraus folgende extreme Bedürfnis nach Ich-Ausfüllung durch Identifizierung mit ihm, hat Kunert richtig erkannt. Er hat aber den positiven Aspekt an der Sache – die tatsächliche Ähnlichkeit und damit die minimale Chance auf einen Zugang zu einer Bedürfnisbefriedigung – übersehen. In dem Kurzessay „Marx und Freud“140, der unmittelbar auf den Kurzessay „Doppelgänger“ folgt, stimmt die Wortwahl: „Abkömmlinge gleicher Gemeinschaft, des Judentums nämlich, und weniger gegensätzlich, als wir anzunehmen gewillt sind.“ Marx und Freud ähneln sich tatsächlich, und hier wäre der Begriff „Doppelgänger“ schon eher angebracht: „Worin die Schöpfer einander scheinbar ausschließender Theorien nahezu identisch sind“, so Kunert, „ist ihre psychische Prägung, die aus ihrer Herkunft stammt: sozial und seelisch sensibel, weil in der Minderheit seit Jahrhunderten Verfolgter, Benachteiligter, Diskriminierter geboren und sich dieses Umstandes unaufhörlich bewußt.“ – Den Rest der Judenpropaganda spare ich mir, er trägt auch nichts zum hiesigen Thema bei. Wichtig für uns ist hier, daß „Marx und Freud nahezu identisch sind“, was von Dr. Jekyll und Mr. Hyde eben nicht gesagt werden kann. Wieso aber spricht Kunert bei diesen von „Doppelgängern“, bei Marx und Freud aber nicht? In der Auseinandersetzung mit mir bzw. mit meinem Brief an ihn, für die er die Überschrift „Doppelgänger“ benutzt, kommt Kunert sofort auf „die Spaltung der Persönlichkeit in zwei opponierende Personen“ zu sprechen, die literarisch „Erzählung wird“. Er führt jetzt neben Dr. Jekyll und Mr. Hyde auch „Meyrinks ‚Golem‘, ‚William Willson‘ von Poe, Dorian Grey und Andersens ‚Schatten‘“ an, die er „schon früh mit Schaudern gelesen“ habe. Haben diese anderen Beispiele etwas mit Doppelgängerschaft oder mit Spaltung zu tun? Wie verhält es sich hier mit dem Zusammenhang von Spaltung und Doppelgängertum? Im „Golem“ haben wir es laut Wikipedia141 mit einer Bild-im-Bild-Geschichte zu tun: Das breitere Bild – die Rahmenhandlung – bildet der erste Ich-Erzähler, der im frühen 20. Jahrhundert lebt und auf eine zweite Geschichte – die des Athanasius Pernath, der in der Vergangenheit (Ende des 19. Jahrhunderts) lebt – zurücksieht. Dieser Athanasius Pernath, der ebenfalls in der Ich-Form spricht, steht im Zentrum, ist das tiefe, kindische Ich. Der Rahmenerzähler ist das erwachsene Ich, der die Traumata des kindischen Ichs und dabei seine eigene Kindlichkeit wiederentdeckt: Er kehrt in die Vergangenheit zurück und will dort Athanasiussens unerledigte Angelegenheiten erledigen. Der breitere Erzählrahmen legt sich über die Kernerzählung, und der Rahmenerzähler begegnet in seiner Phantasie Athanasius. Wir haben es mit einer Spaltung in Kind und Erwachsenen zu tun, die durch die Überlagerung der beiden Iche und ihrer Erzählebenen ansatzweise einer Unterwindung zugeführt wird. Der Rahmenerzähler – das erwachsene Ich – „will Zugang zu seiner eigenen Vergangenheit und seinen Weg zur Selbsterkenntnis gewinnen und ein neues Leben beginnen“. Die unerledigte Angelegenheit des Athanasius resultiert aus einem „Jugendliebe-Trauma mit Erinnerungsverlust“; er „leidet immer wieder an Bewusstseinsstörungen und seine Freunde verbergen vor ihm ihr Wissen um seine Vergangenheit: er ist nämlich aus Liebeskummer wahnsinnig geworden und verbrachte lange Zeit im Irrenhaus. Danach hat man ihn durch eine hypnotisch bewirkte Erinnerungsblockade von seinen Leiden befreit und ihm in einer neuen Umgebung eine Wohnung gesucht“. Ab jetzt hat Athanasius ein Identitätsproblem und begibt sich auf Identitätssuche „in einem von metaphysischen Kräften gelenkten Kosmos“. „Der Autor zeichne ‚seinen eigenen inneren Weg auf‘.“ Bei dieser Suche begegnet er einer Frau, die den „Erinnerungsschmerz auslöst“. „In dieser Phase der Selbstbesinnung“ erscheint dem Rahmenerzähler oder Athanasius – das ist nicht klar, das vermischt sich jetzt in der Spaltungsunterwindung – der Golem: die „Repräsentation der Seele des Menschen“. Das überrascht, ist der Golem doch eine erschaffene, eine künstliche Figur. Aber bei Meyrink steht sie für das Gegenteil, nämlich das Leben, und „bietet Athanasius die Entscheidung zwischen dem Todesweg und dem Lebensweg an“. Meyrinks Roman ist der einer Spaltung. Gleichzeitig aber haben wir es darin mit einer Doppelgängerschaft zu tun: Beide Erzähler sind offenbar identisch. Hier überlagern sich Spaltung und Doppelgängerschaft, und wir sehen deren Zusammenhang. Es geht im Roman also nicht nur um „die Spaltung der Persönlichkeit in zwei opponierende Personen“ (Kunert), sondern auch um deren Wiedervereinigung, indem Meyrink als Rahmenerzähler Athanasius begegnen läßt. (Wußte Kunert etwas von dieser nicht vollständigen Opposition?) Athanasius wiederum begegnet sich in der Kernerzählung selbst: Er „findet die Tarockkarte Pagat mit seinem Porträt, begegnet dadurch seinem Spiegelbild und ringt mit ihm um ‚das Leben, das [s]ein ist, weil, es nicht mehr [ihm] gehört‘. Seine Begegnungen mit dem Golem, der als Doppelgänger des Menschen auftritt, gipfeln im Wunsch und in der Hoffnung, ein erlöstes, unsterbliches Ich zu erlangen.“ (Hatte Kunert – in Aufklärer und Gegenaufklärer gespalten – einen solchen Wunsch? Hatte er eine Ahnung davon, daß eine solche Hoffnung bestand?) Der Doppelgänger ist bei Meyrink also das wahre, tiefe Ich, das, wenn man es sucht und findet, die Spaltung zum Verschwinden bringt. Das geschieht, indem das falsche, oberflächliche Ich zu dem emotionalen Ort geführt wird, wo es seine Tiefe (seinen „Eigner“) verloren hat. Meyrink, der außerhalb des Erzählrahmens in einem noch breiteren Bild stand, d.h. noch mehr Distanz zu sich selbst hatte, gelang das aber – wie gesagt – nur ansatzweise, eigentlich gar nicht. Er ist zu tief in Symbolik verstrickt und bleibt dadurch hoffnungslos in Konfusion verloren; er sah nur „metaphysische Kräfte“ keine „physischen“. Es ist kein Wunder, daß Meyrink ausgerechnet aus einer Kunstfigur den Inbegriff der Lebendigkeit machte: Physis und Metaphysis verkehren sich. Meyrink hatte in dieser gründlichen Konfusion riesige „Schwierigkeiten mit der Endredaktion des Textes, in dem er sich selbst nicht mehr zurechtfand“. Seine Person war ganz sicherlich in mehr als zwei Personen gespalten. Er mußte, um den „Golem“ abschließen zu können, einen Freund zurate ziehen. Dieser strich „das Personenaufgebot“ von „120 Namen“ auf 30. Ähnlich wie bei Meyrink scheint es sich bei Poes „William Willson“ (hier vor allem Selbsthaß), Wilds „Dorian Grey“ und Andersens „Schatten“ zu verhalten; wobei mal eher die Spaltung, mal eher die Ähnlichkeit der Anteile betont wird. Im letzteren Falle kann das ein Ansatz zu einer Unterwindung der Spaltung sein. Kunert hat aber in meinem Falle – im Falle des eines Morgens im Jahre 1977 in seinem Briefkasten liegenden Briefes – nur den Aspekt der Spaltung gesehen – obwohl er seinen Text mit „Doppelgänger“ betitelt. Diesen Begriff entnimmt er meinem Brief; der Inhalt des Begriffes bleibt ihm aber verschlossen; er ist ganz von der Spaltung eingenommen. Doch schließlich erfährt Kunerts Spekulation um die Spaltung in einen guten und in einen bösen Teil des Individuums dann in seinem Kurzessay noch eine gewisse Vertiefung, und er kommt zurück auf seine Kritik an der „allerletzten historisch-materialistischen Schulweisheit“. Er ahnt jetzt – nach der oberflächlich bleibenden „Erkenntnis“ des „Problems“ als eines der „doppelten Moral“ – doch noch die wahre Dimension des Problems: „Recht betrachtet, zeigt der Stoff wohl doch weniger eine kurzschlüssig gesellschaftsbedingte Dekomposition als ein urtümliches Wissen von dem entscheidenden Moment, da der Mensch aus der Natur heraustritt und sich selbst gegenübersteht, unbegreiflich, heimatlos, ein Rätsel für sich, das im Doppelgängertum zwar keine befriedigende Lösung, doch wenigstens eine vorerst erklärende Darstellung findet.“142 Da haben wir wieder die „Diagnose“ aus dem Kapitel 2.4., die etwas „erklären“ oder gütig als Opium verschleiern soll, doch immerhin das Problem als solches anerkennt. Aber Kunert läßt hier darüber hinaus schon mehr als eine Erklärung erahnen, denn wenn er schreibt: „das im Doppelgängertum zwar keine befriedigende Lösung findet“, dann meint er mit „Doppelgängertum“ natürlich die psychische Anstrengung des Subjekts – die sich in Literatur niederschlagen kann. Ich bin mit ihm einverstanden, daß die psychische Arbeit und die literarische Verarbeitung allein noch keine „befriedigende Lösung“ bieten kann. Aber die vertiefende Beschäftigung mit dem Phänomen der Spaltung – zumal, wenn sich die Spaltungsanteile noch genügend ähneln und die Zuhilfenahme eines symbolischen Doppelgängers noch möglich und hilfreich ist – unter Einbeziehung der Gefühle und des Leibes hat durchaus Aussicht auf Erfolg. Als Beispiel für eine solche vertiefende Beschäftigung mag die Stunde der Tiefenwahrheit vom 2. Dezember 2016, also 39 Jahre nach jenem Brief an Kunert, dienen.143 2.8.1.1.1. Exkurs im Exkurs im Exkurs: Das vom Materiellen losgelöste Bewußtsein bei traumatisierten Autoren (Peter Wessel Zapffe, Günter Kunert, Wilhelm Reich) Doch Kunert bedient sich hier in seiner Hilflosigkeit der Figur des sich in seinem „Bewußtsein“ selbst gegenüberstehenden, unbegreiflichen, rätselhaften Menschen. Dieser Figur werden wir später, im Kapitel 7.2.1.4.1. Die Herkunft Reichs Mechanismus in der Agrarwissenschaft 1.0, in Form von Wilhelm Reichs „Schock der Selbsterkenntnis“, gegen den der Mensch seinen ersten „Panzer“ habe bauen müssen, wiederbegegnen. Wir kennen diese Figur auch vom norwegischen Philosophen Peter Wessel Zapffe, dem zufolge „der Mensch mit einem überentwickelten Bewußtsein geboren wird, das nicht in den Plan der Natur paßt“144. Die Menschen „verbringen ihre Zeit damit, ihr Bewußtsein abzustumpfen, um der Last der existenziellen Reflexion zu entgehen“. Auf die Ideen, daß das Bewußtsein erstens bereits da sein kann, ohne daß es eine Last darstellt, und zweitens, daß es gar nicht unterdrückt werden bräuchte, wenn es keine Last darstellt, kommt Zapffe nicht. Für ihn stellt das Bewußtsein – das er sich nur als etwas Negatives vorstellen kann – ein primordiales Problem dar. Das Problembewußtsein ist zwar nicht etwas Primordiales und „nur“ Sekundäres, aber in der Tat etwas sehr Tiefes und sehr früh in der Persönlichkeitsentwicklung, und zwar vorgeburtlich und geburtlich Entstandenes. Es ist eben doch eine „gesellschaftsbedingte Dekomposition“ (Kunert) des Ichs – und nicht ein abstraktes, aus dem Himmel herabfallendes Problembewußtsein –, allerdings nicht als Folge eines Kampfes gesellschaftlicher Klassen, in dem das Ich über mehrere Transmissionsriemen zerrieben würde, sondern als Folge des gestörten Mikrosoziotops von Mutter und Kind – das freilich und letztlich durch makrosoziale Prozesse gestört wird. Die Zerstörung des Eigners schon und vor allem um die Geburt herum ist keine anthropologische These, sondern leider Empirie, auf die wir noch eingehen werden. An dieser Stelle hören im Grunde genommen das Leben und der Eigner zu existieren auf, und der Mensch hat jetzt nur noch das Anti-Leben, d.h. den Tod im Sinn und beschäftigt sich mit diesem: „Der Mensch ist also ein Paradoxon [aus Bewußtsein und gleichzeitig notwendig zu unterdrückendem Bewußtsein], da die Selbstreflexion eine der wichtigsten Eigenschaften des menschlichen Bewusstseins ist. Die Angst vor dem Tod ist ein wichtiger Teil dieser Reflexion.“ (Zapffe145) Allen dreien Autoren – Zapffe, Kunert und Reich – ist erstens gemein, daß sie von einem von der Restwirklichkeit abgelösten und über dieser stehenden „Bewußtsein“ ausgehen und insofern ganz offensichtlich selbst von schwerer Spaltung betroffen sind und daß sie mit dem Bewußtsein als solchem im Prinzip nichts anfangen können, ihm unverständlich gegenüberstehen. Zweitens aber ist ihnen eigen, daß sie überhaupt keine wirkliche Vorstellung – kein „Bewußtsein“ – vom Phänomen haben: An dieser Stelle fehlt komischerweise tatsächlich etwas, von dem an anderer Stelle angeblich zu viel da ist. Dieses angeblich zu große Bewußtsein, das angeblich Angst vor sich selbst hat, zeigt nur eins: daß der „Rest“ – die eigentliche Existenz – so gut wie nicht vorhanden ist. Das „Bewußtsein“ ist nur noch das, was vom Leben übriggeblieben ist; es ist das letzte Flackern des Lebens, das – entsymbolisiert und im wahrsten Sinne – „Pfeifen auf dem letzten Loche“, zu dem wir im II. Teil dieses Buches kommen. Das bewirkt diese eigentümlich-idealistische, von Materiellem losgelöste Figur dieser drei Autoren und läßt den irrealen Eindruck eines „Überentwickelt-seins“ des Bewußtseins entstehen, der sich aber nur im Kontrast mit dem Nichts bildet. Allen dreien gleich ist der idealistische Wahn, daß es ein im Außen des Subjekts existierendes Bewußtsein geben könnte, das dann, weil die Nachrichten keine guten sind, ein Zuviel darstellt. Allen dreien ist nicht nur eine völlig absurde, sondern obendrein sehr pessimistische Sichtweise eigen. Es ist zwar tatsächlich alles noch viel schlimmer, als es sich die „Schulweisheit“ – und unsere drei Autoren selbst – vorzustellen vermögen; wo aber Gefahr ist, wächst bekanntlich das Rettende auch – in Form von Tiefenwahrheit. (Ende Exkurs im Exkurs im Exkurs Bewußtsein) Die Spaltung ist schlechthin das Signum des zivilisierten, entfremdeten Menschen. Die ihm wie anderen Säugetieren eignenden großen Bedürfnisse über den langen Zeitraum der Kindheit hinweg werden nicht befriedigt. Er gibt sich selbst die Schuld dafür – Ursache der la-mettrie’schen „remords“ –, weil er die Mutter so sehr liebt und diese also nicht schuld sein kann. Nun bemüht er sich darum, seine Bedürfnisse zu leugnen – mit anderen Worten: jemand anders zu werden – und der Mutter somit gerecht zu werden. Einher geht das mit der Findung von Ersatzbedürfnissen und Teilbefriedigungen, die den Zivilisierten in seiner Zweitperson bestätigen. Die Erstperson mit ihren primären Bedürfnissen bleibt aber bestehen, kann sich selbst nicht vollständig vergessen, verdrängen, „repulsieren“ – die Spaltung als Grundmerkmal des Zivilisierten ist perfekt. Er kann nicht er selbst bleiben und wird gezwungen, jemand anders darzustellen. Nun gerät er „unters Rad“ (Hermann Hesse) und in Konfusion darüber, ob er nicht doch die Darstellung ist. In nichts anderem hat auch die Dialektik ihren Grund: Nichts bleibt unwidersprochen. Die Dialektiker haben zwar insofern recht, wenn sie der Spaltung gerecht werden und die verschiedenen Anteile zu Wort kommen lassen wollen, um alles zu berücksichtigen und so ihre Verrücktheit halbwegs in den Griff zu kriegen. Sie machen aber aus der Not eine Tugend und pflegen und perpetuieren auf diese Weise ihre Spaltung anstatt die undialektische Stimme ihres Eigners sprechen zu lassen – wie auch, wenn man keinen mehr hat. Sie wiegen sich in der Illusion, die Widersprüche „aufheben“, d.h. überwinden zu können, anstatt daß sie durch Akzeptanz der Spaltung auf der affektiven Ebene einen ersten Schritt zu deren Unterwindung gingen. Das Thema „Spaltung“ ist dann auch eines der am häufigsten vorkommenden Themen in – zumindest meiner – Tiefenwahrheit-Praxis, so in der bereits erwähnten Stunde der Tiefenwahrheit vom 2. Dezember 2016, wo ich mich in meiner Nor ausdrücklich mit den von Günter Kunert genannten literarischen Figuren Dr. Jekyll und Mr. Hyde identifiziere. Dabei ist Dr. Jekyll der nice guy – also die reich’sche Charakterfassade –, der nicht auf Beliebtheit verzichten kann, und Mr. Hyde der, der sich mittels „böser Gedanken“ am angetanen Schicksal bzw. an der Mutter dafür rächen will, daß sie ihn verrückt gemacht hat. Doch wo Stevenson bei der Darstellung der „Schizophrenie“ (Zwiespalt) bleibt, kommt bei mir ein dritter Spaltungsteil hinzu („Trizophrenie“): die „kleine Stimme“ – der Rest-Eigner –, die sich nach verschmerzendem Ausdruck der beiden ersten Teile vergrößern wird. Vom Eigner wußte Stevenson nichts. Zunächst wird durch Eliminierung Mr. Hydes die „Trizophrenie“ aufgehoben (mein gefühlter Schmerz läßt nicht mehr zu, daß ich meine Gedanken als „böse“ betrachte); anschließend wird die verbleibende Zwiespaltung ansatzweise auf den einheitlich-einzigen Personengrund zurückgeführt (indem der nice guy Dr. Jekyll überflüssig gemacht wird, weil sein übersteigertes Geliebtwerden-Bedürfnis verschmerzt wird). Das wahre, unverdrängte, kindliche Kind (im kindischen Erwachsenen) wird freigesetzt und anschließend der vom Kindischen befreite wahre Erwachsene (Eigner). Ich spalte das Video auf in eine langweilig-wissenschaftliche … Eine Spaltungs- und Wiedervereinheitlichungsdarstellung
in 4 Teilen, 22 Kapiteln und 84 Unterkapiteln (Inhaltszu-
sammenfassungen). Basierend auf der Stunde der Tiefen-
wahrheit vom 2. Dezember 2016.
und eine Kino-Fassung mit rasanten Kamerafahrten und vielen bunten Bildern: Der seltsame Fall des Mister Nice Guy (Dr. Jekyll),
des Rächers mittels böser Gedanken (Mr. Hyde) und
dem kleinen Eigner. Ein Schauermärchen in 4 Teilen,
22 Kapiteln und 84 Unterkapiteln
Günter Kunert bemängelte zurecht, daß das „Rätsel Mensch“ auf literarische Weise „im Doppelgängertum zwar keine befriedigende Lösung [findet]“, gab sich dann aber damit nicht ganz unzufrieden, daß das „Rätsel Mensch“ „doch wenigstens eine vorerst erklärende Darstellung findet“. Eine „Erklärung“ ist aber im Sinne der Alten Aufklärung nichts anderes, als dem Phänomen einen Namen zu verpassen – und damit, wie schon gesagt, dem Rezipientenhirn eine Brise Opium. Es gilt aber im Sinne der Neuen Aufklärung, unter eine „Darstellung“ zu kommen und die Spaltung bzw. die Anteile vollständig, d.h. auch affektiv auszudrücken und damit zu verschmerzen. Noch besser gelingt die Unterwindung der Spaltung knapp zwei Jahre später in der Stunde der Tiefenwahrheit vom 2. Juli 2018, die Grundlage des Videos „Wiedervereinigung von Geist & Gefühl in Aktion. Mit der Ballade von der Wiederzusammen= & WiederübereinStimmung zweyer Stimmen. Höchst-/tiefstmögliche Würdigung des Geistes und der großen Geister Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Martin Heidegger, Hermann Schmitz, Reinhold Oberlercher und Horst Mahler“ ist.146 Jetzt kommen wir einer „befriedigenden Lösung“ (Günter Kunert) schon ziemlich nahe. In diesem Video geht es präzise um jenes o. g. „letzte Flackern des Lebens“ in Form von reinem Geist, der das Subjekt wieder zurück in seinen Körper steuert. Der Geist repräsentiert die wahre Person (den Eigner), was überraschen mag. Die wahre Person wird nicht, wie man hätte erwarten können, vom Körper repräsentiert. Dieser liegt nur noch schlaff und tot da und wird wie ein Golem von einem Fünkchen übriggebliebenem Geist zum Leben erwacht. Die ultranaturalistischen Prosastücke habe ich – wie auch das Theaterstück „Er“147 – blöderweise vernichtet. Der Brief an Günter Kunert müßte in Kunerts Nachlaß liegen. (Ende Exkurs im Exkurs: Persönlichkeitsspaltung in der Literatur) Ich bin auf Wagner und dessen ansatzweise emanzipatorischen Kunst-Hegelianismus eingegangen, um ein Beispiel dafür zu geben, daß es zu Stirners Zeiten Bestrebungen gab, die mit Stirners – auch wenn sie nicht philosophisch waren – durchaus vergleichbar waren und sogar seiner ciskognitiven Programmatik – zumindest durch Kunst – nahe kamen („verfehlte Kulturentwicklung mit einem einzigen Rucke von sich schleudern“). Wagner muß von seinem Freund August Röckel und auf jeden Fall von Hans von Bülow etwas über Stirner gehört haben. Aber das konnte ihn nicht von seiner feuerbachianischen Lehre vom „Reinmenschlichen“ abbringen. Schließlich fand er in Schopenhauer einen Compagnon seiner Resignation. Am Ende sind wir alle
Eine Clique: des Todes Compagneros
heißt es in einem Gedicht von Günter Kunert auf klangspanisch.148 (Ende Exkurs: Richard Wagners Holzweg) Die Denker ihrerseits drückten sich nicht künstlerisch aus, benahmen sich aber anders totalitär: Sie wollten alles denken, kritisieren, dekonstruieren. Zwar hatten sie dabei vor nichts Heiligem gerastet und nahmen in ihrem weiteren Sturm auch kritisch und selbstkritisch wahr, daß sie sich in Gedanken drehten und daß sie aus dem Kreisel herauswollten, aber ihr Mittel dazu lautete immer wieder: durch noch mehr, noch freieres, noch kritischeres Denken. Sie kannten es einfach nicht anders und bildeten sich noch etwas auf ihre Denkstärke ein. Sie waren eben perfekte, verdinglichte Denker. Ihre Gefühle waren den Intellektuellen einfach komplett ausgetrieben worden. Sie waren keine „armen Seelen“, sondern ganz arme Schweine. Na gut, manche hörten auch erschöpft und resigniert mit dem Denken, dem Geist, dem Spirit und der Spiritualität auf, begaben sich in die seligen Arme des Sprittes und lösten ihre Probleme – aber damit sich selbst ebenfalls – in Alkohol auf. So nicht unser Stirner, der zwar den Junghegelianern – den kritischen Kritikern und der losen Verbindung der „Freien“ (die züchtig zechten, Stirner nicht) – entstammte, aber deutlich deren Defizite sah und diese ihnen in seinem Buch „Der Einzige und sein Eigenthum“ um die Ohren knallen würde. Die „Freien“ hatten schon mitbekommen, daß der freieste unter ihnen an einem großen Ding drehte. Man munkelte, was das denn sein könnte149, aber Stirner hielt dicht und platzte dann 1844 auf einem Schlag mit der Sensation los, daß den „Freien“ jetzt nur so die Ohren schlackerten. Manche waren begeistert, andere hielten es – so „frei“ kann doch niemand sein – für eine Satire … All das, all die verschiedenen Reaktionen auf Stirners Buch, können Sie sich, lieber Leser, aufs Vergnüglichste in Laskas großartigen Büchern150 genießend zu Gemüte führen. Ich habe immer, wenn man mich danach gefragt hat, gesagt, daß ich gern zu dieser Zeit gelebt hätte, aber wenn ich in der Stirner-Biographie von Mackay151 diese Zeit und die „Freien“ beschrieben bekomme, befällt mich regelrecht Sehnsucht danach, damals gelebt zu haben. Das muß so geil gewesen sein … Man hat den „Freien“ etwas Unrecht angetan, sie haben Stirner sehr wohl geholfen. Ohne die Diskussionen bei ihnen wäre der „Einzige“ wahrscheinlich nicht zustande gekommen, zumindest nicht so, wie wir ihn kennen. Stirner hat sich ordentlich an ihnen gewetzt, so wie James Joyce152 an seinem Bruder Stanislaus.153 Mackay sieht nicht den lustvollen Aspekt des Wetzens, aber er hat dennoch nicht unrecht: „Wie Stirner mit dem Jargon der nachhegelianischen Schule fertig geworden ist, und wie schwer es ihm nach seinem eigenen Geständnis geworden ist, wissen wir.“154 Ich habe leider nur in kleinen Ansätzen so eine großartige Kommunikation im Freundeskreis und im „Fengler“155 erlebt, der das war, was für die Freien die Bierwirtschaft „Zum Kronprinzen“, die „Alte Post“ und vor allem dann die „Hippel‘sche Weinstube“ waren. Ich hätte gern Stirner als Freund gehabt. Er hatte angeblich „keinen einzigen intimen Freund besessen“, wie Mackay schreibt.156 Stirner war jedenfalls der Meinung, daß das Bedenkenproblem und das Problem des Problembewußtseins durch Denken allein niemals gelöst werden könnte. Aber er deutete gleichzeitig und optimistisch eine Lösung an: „Könnten die Bedenken nur durch das Denken aufgelöst werden, so würden die Menschen niemals ‚reif‘ dazu, sie loszuwerden.“157 Es war aussichtslos, aber es schien trotzdem eine Lösung zu geben. Diese lag nicht zuletzt darin, daß würden die Menschen, wie ich weiter oben schrieb, in ihren Krisen „reifgeschossen“ waren. Später kamen all die Psychologen und Psychotherapeuten und bemühten sich auf ihre – wissenschaftliche, objekt-orientierte – Weise um eine Lösung. Sie alle begingen den Fehler, nicht an dem Punkt weiterzumachen, wo Stirner gewesen ist, dessen Lösungsvorschlag ein gänzlich anderer gewesen war. Den Wissenschaftlern aber war Stirner reichlich suspekt – weil Subjekt. Sie waren so von ihrer Objektivität eingenommen – die sie ja als Konstrukteure der Wissenschaft 1.0 wirklich haben mußten –, so daß ihnen das Subjektive überhaupt nicht in den Sinn kam. Sie waren von Stirners „Egoismus“ skandalisiert und verachteten ihn: „wenn man also die ‚bequeme‘ Unbedenklichkeit als ‚egoistische Arbeitsscheu der Masse‘ verachtet“158. Die Psychologen wollten zwar mit der Masse nicht viel zu tun haben, aber die Nachricht von der nicht ganz erfolglosen Praxis der „armen Seelen“ war am Ende doch an ihr Ohr gedrungen. Jetzt kamen sie auf den Trichter und äfften deren und Stirners „Ruck“ nach. Einige brachten es dabei zu Virtuosität, aber das Mal der Objektivität blieb immer an ihnen haften und war und war nicht loszukriegen. Stirners konsequente Subjektorientierung wurde niemals wiedererreicht – sie wurde nie wieder angestrebt. Die Frage von Denken und/oder Ruck, von Gedanken und/oder Gefühlen, von kognitiv und/oder emotional war zwar ultra-wichtig, aber gar nicht mal die entscheidende. Die entscheidende Frage war die des Subjektivismus oder Objektivismus, der Subjekt- oder der Objektorientierung: Im „Egoisten“ sei, so Stirner, der „Überwinder zu erkennen, gleichviel, ob er durchs Denken oder durch Unbedenklichkeit überwindet“. – Ob nun ruckartiger „Leichtsinn“ oder „freies Denken“ – beides muß aus dem Subjekt kommen (muß „egoistisch“ sein), sich selbst zum Ziel haben und sich an sich selbst orientieren. (Ich spreche 181 Jahre später vom „Unterwinder“, weil überwinden bedeutet, es, erfolglos, mit dem Geist und dem Höheren zu versuchen bzw., wie Stirner es sagt, „die Schwierigkeiten nur geistig wieder wegzuschaffen“. Stirner war ja sprachschöpferisch, aber aus dem Überwinder einen Unterwinder zu machen, daran hat er nicht gedacht.) Stirner sympathisiert zwar mit den „armen Seelen“ und hält sie für schlauer, aber: „Wird hierdurch etwa das Denken ‚verworfen‘? Nein, […] nur als Zweck oder Beruf wird es verneint; als Mittel wird es jedem überlassen, der dieses Mittels mächtig ist.“159 Damit – mit dem aktiven Willen, etwas zu unternehmen, und der Nennung der Mittel – hatte Stirner den Grundstein für ein Verfahren der Wiederaneignung des verlorengegangen Eigners gelegt. Wie auf diesem Grundstein weiter aufgebaut wird, das wird in diesem Buch und in anderen Publikationen des Instituts für Tiefenwahrheit gezeigt. Der Ausbau des stirner’schen Fundamentes heißt vor allem, den „Ruck“ und den „Leichtsinn“ zu intensivieren. Leichtsinn steht für Spontaneität. Gedanklich war Stirner fast zur Perfektion gelangt (das „fast“ wird später erörtert), aber mit der affektiven Komponente seiner „Empörung“ war er noch nicht vertraut genug. Generell hat sich Stirner noch nicht so sehr mit dem Verfahren des Rückgängigmachens der Entfremdung, sondern – zu seiner Zeit noch – mit der kritischen Beschreibung, vor allem aber mit der endgültigen Feststellung der ziemlich totalen Entfremdung befaßt. An einen wirklichen Ruck war noch lange nicht – besser gesagt: war eben doch erst mal nur – zu denken. Es war auch zu leichtsinnig, sich neben dem Ruck nur einen Leichtsinn als Methode vorzustellen. Prinzipiell war es richtig: Alles steht und fällt mit dem Spontanen. Aber spontan vertiefte sich, wenn man ihm nachging, der Leichtsinn. Der wahrhaftige Denken führt allzu oft zu Schmerzen und ist alles andere als leichtsinnig, gestaltet sich eher schwierig, ist nämlich gerade das Bejahen des Schwersinns – und die „Empörung“ nimmt die Form des Sich-beschwerens und Klagens an, mit dem man das Beschwerliche – wenn nicht „abschleudert“, so doch – abwirft oder besser: abfallen läßt. (Die Beschwerden wiederum konnte Wagner im „Parsifal“ und auch in „Tristan und Isolde“ recht gut ausdrücken.) 2.9. Die Ausweitung des Stirner'schen Ansatzes (über die Phänomenologie hin) zur Tiefenwahrheit Aber das alles ist nicht so schlimm, wir holen jetzt nach, was 181 Jahre lang versäumt wurde. Wir sind jetzt wieder mit dem Ansatz Stirners am Ball, der ein philosophisch-gedanklicher war, aber dennoch schon auch unter die Philosophie hindurch in den „Ruck“ und das „Abschleudern“ ging. Dieser Ansatz, der also ein zwiefacher ist, ist der alles entscheidende Dreh- und Angelpunkt. Auf ihn kommt es an, und von ihm hängt alles ab. Wir werden darauf gesondert im Kapitel 8. Die philosophische anstatt psychotherapeutische Herangehensweise: über autonome oder heteronome weitere Entwicklung entscheidend – Stirner anstatt Reich und Janov eingehen. Wir sagten weiter oben, daß wir die Bemühung, wieder ein Eigner zu werden, der Wissenschaft, sprich: der Psychologie, entreißen und der zumindest stirner’schen Philosophie und dem bestehenden Restselbst zuschanzen müssen – denn stirner’sche Philosophie ist mit bestehendem Restselbst identisch. Um nichts anderes geht es im Stirnerismus als um den Einzigen. Dieser ist mehr oder weniger lädiert und soll sich wieder seiner selbst bemächtigen. Wenn dieser lädierte Einzige und dieses Restselbst dabei hilflos ist, kommt ein Helfer in Betracht, der aber nichts anderes tut, als das Wiedererkennen des Selbstes und dessen Wiederaneignung zu unterstützen, oder – objekt-orientiert ausgedrückt – extrem vorsichtig zum Durchdringen des „Panzers“ (Reich) beiträgt. Subjekt-orientiert ausgedrückt heißt das: Assistenz, Bestätigung der Äußerungen von Wahrheit und Echtheit und die Ermutigung, damit fortzufahren. Ein solcher Helfer – in der Tiefenwahrheit „Wahrheitsbegleiter“ oder „Wahrheitsassistent“ genannt – hat nichts mit einem psycho-objekt-orientierten Therapeuten gemein, der dem „Patienten“ mehr oder weniger andauernd dazwischenquatscht, Deutungen abgibt – kurz: präskriptiv wirkt –, und somit den Patienten von sich selbst ablenkt und ihn nicht zu sich selbst kommen läßt. (Wohl aber kann er durch seine Hilfestellung zur Leinwand von Enttäuschungen, zur Angriffsfläche für Vorwürfe, zum Adressaten von Wut oder Liebe usw. werden – alles das, was die Psychotherapeuten als „Übertragung“ bezeichnen –, denn geholfen werden hätte den Patienten durch die Eltern sollen; daher die Resonanz mit dem späteren Helfer.) Zur Eignerfeindlichkeit der Psychotherapie und auch speziell zu der der „Körperpsychotherapie“ und wie diese präskribiert, d.h. wie dem Körper etwas vorgeschrieben, dieser umgeschrieben, „umstrukturiert“ und manipuliert wird, später mehr in den Kapiteln 5.1. Kritik der Fremdtheorien Wilhelm Reich und Arthur Janov (Teil 1) und 7.2.1. Kritik der Fremdtheorien Reichs und Janovs (Teil 2). Wilhelm Reich war ein enthemmter Anti-Subjektivist und bekannte sich – nicht einmal als Subjekt-Objekt-Dialektiker, sondern – als krasser Objektivist, der als Helfer bei einer Eignerwerdung im stirner‘schen Sinne von vornherein nicht in Frage kam: „Diese Fassung [Deutung] des Vorgangs [des charakteriellen „Nein“-Sagens] bedeutet natürlich nicht, daß wir zu den Subjektivisten übergegangen sind, die behaupten, daß wir ‚nichts anderes als unsere Empfindungen‘ wahrnehmen, daß diesen Empfindungen keine Realität entspreche.“160 – Natürlich nehmen wir „nichts anderes als unsere Empfindungen“ wahr! – Was denn sonst? Wozu das Wahrnehmen objektiviert werden muß und noch einen Mehrwert – etwas Objektives – erbringen muß und warum Reich besser in der Landwirtschaft und bei der Naturwissenschaft – wo er herkam – hätte bleiben sollen, anstatt einen helfenden Beruf zu ergreifen, dazu kommen wir im Kapitel 7.2.1.6. Wilhelm Reich als soma-mechanistischer Wissenschaftler 2.0. Wenn „Subjektivisten“ angeblich „behaupten, daß diesen Empfindungen keine Realität entspreche“, dann heißt das zum einen, daß Reich den „Subjektivisten“ unterstellt, sie würden ihre Empfindungen nicht als real empfinden. Aber schon der Gedanke, so etwas – die Irrealität von Empfindungen – könne es überhaupt geben, heißt wiederum, daß Reich selbst ich-schwach, in beträchtlichem Maße entfremdet und von großem Mißtrauen sich selbst gegenüber gewesen ist. Und zum anderen heißt das, daß Empfindungen für Reich nur dann real sind, wenn sie „objektiv“ existieren oder „objektivierbar“ sind – ein hanebüchener und mit einem stirner’schen Ansatz eines Empörungsverfahrens völlig inkompatibler Gedanke. Ich habe es nicht für möglich gehalten, aber man muß offenbar tatsächlich Reich nachträglich – und manchen Reichianern allen Ernstes heute – noch in Erinnerung rufen, was Salomo Friedlaender 1920 schrieb: „Glauben Sie denn, weil etwas ‚subjektiv‘ sei, sei es weniger wirklich?“161 Doch selbst Friedlaender zufolge gibt es immer noch so etwas wie „Objektives“, das noch wirklicher sei als das Subjektive. Es gibt aber nur Subjektives und Inter-Subjektives. Man komme mir jetzt bitte nicht mit „Dialektik“; die hatten wir schon hinter uns. Der Wahrheitsbegleiter hat keine andere Aufgabe, als dabei behilflich zu sein, daß der Wahrsager sich – von sich selbst ausgehend bzw. von dem, was von seinem Selbst noch übrig ist – (wieder) als Person ausweitet. Das Mittel dazu ist ausschließlich und selbstverständlich die subjektive und einzig-alleinige Wahrheit. Auf die Rolle des Wahrheitsbegleiters wird an anderem Ort noch näher eingegangen. Wir müssen vom wissenschaftlich-objektorientierten Gift weg und wieder zurück zu Stirner, müssen bei ihm ansetzen und nochmal ganz von vorne anfangen. Wir müssen die psychologische durch die philosophische Herangehensweise ersetzen. Der Ausgangspunkt für die Entwicklung eines LSR-inspirierten Neuen Verfahrens ist nicht der Psychiater Reich, sondern der Philosoph Stirner: radikale, strengste, absolute und phänomenologische Subjekt-Orientierung. Gegen Entfremdung und Eignerverlust hilft nur instantane und direkte Wiederaneignung. Wie kann es anders sein? Was Stirner geahnt, aber worüber er im „Einzigen“ noch nicht geschrieben hat, ist, daß es zu einer Wiederaneignung natürlich – das muß leider wiederholt werden – viel mehr an „Operationen im affektiv-emotionalen Bereich“ bedarf als eines „Rucks, Reckens der Glieder, Schüttelns, Aufspringens, Aufjauchzens“. Das ist zwar sehr schön, weil befreiend und ganz und gar positiv. Aber bei der Erörterung der Probleme stößt man auf viel mehr negative Gefühle. Da diese nun mal zum verbliebenen Selbst gehören – das beginnt mit dem Beklagen der Selbstlosigkeit –, müssen sie angenommen werden, um damit das Selbst zu vergrößern. Stirner wußte das: „Allerdings kann die Masse der in der Geschichte aufgehäuften und durch die Denkenden stets von neuem erweckten Bedenken nicht durch bloßes Juchhe gehoben werden.“162 Woran Stirner aber nicht dachte, ist, daß die „Bedenken“ nicht in der Phylo-, sondern in der Ontogenese „aufgehäuft“ werden und daß die „Bedenken“ nicht „durch die Denkenden stets von neuem erweckt“ werden, sondern durch sich reproduzierende Traumata. (Stirner hat das Phylogenetische sicherlich als Metapher für die Massivität der „Bedenken“ benutzt.) Aber ich will meinerseits als Chefanthropologe nicht vorschreiben; jeder, der Eigner werden möchte, geht seinen eigenen Weg. Und mit Stirners Problem – dem „Alp der religiösen Welt“ – stand er ganz am Anfang eines Prozesses, im Verlaufe dessen Religion und dergleichen Lappalien so was von überhaupt keine Rolle mehr gespielt hätten, wären ihm zwei Leben vergönnt gewesen. Bald werden in einem solchen Prozeß ganz andere Dinge „von der Brust geschleudert“ als Religion (und sei es eine liberal-humanistische). Und an dieser Stelle liegt der Unterschied in Vokabular, Thematik und Schwerpunktsetzung von LSR und Tiefenwahrheit, worauf ich später zurückkommen werde. Stirners „Ruck“ muß also auf der Grundlage (s)einer radikalen Subjektivität erweitert werden. Er hat ja „nur“ das Heteronome, Entfremdende und „Gespenstische“ und somit Falsche in diversen geistigen Manifestationen der Menschheitsgeschichte – besonders der Alten Aufklärung – gründlich und schonungslos entlarvt und intellektuell vernichtet. Aber zur Wiedererlangung der Autonomie hat er wenig gesagt. Stirners Ausgangspunkt – die radikale Bejahung des Subjekts und dessen Autonomie – ist der richtige. Nun müssen Mittel und Methoden zur Wiedererlangung des Eigners gefunden werden. Mein Vorschlag lautet: Wahrheit. Von verschiedenen Psychologen sind hier durchaus Ermutigungen gekommen, aber sie sind im Rahmen von Wissenschaftlichkeit und Objekt-Orientierung steckengeblieben. Wie wenig die Psychologen – auch die progressivsten – aus diesem Rahmen herausgetreten, ja sogar in diesem extrem verhaftet geblieben sind, wird später näher untersucht. Die Befreiung aus diesem Rahmen wird uns notwendigerweise zur stirner’schen radikalen Philosophie zurückbringen. 2.10. Zwei Arten von Wahrheit: die innere und die äußere: meine und die von objektiver Wissenschaft und Maschine, zu der ich werde, wenn meine Wahrheit stirbt Es nimmt angesichts der Heerscharen von Wahrheitskrämern nicht Wunder, daß die Wahrheit bei Stirner gehörig ihr Fett abkriegt. Aber er hätte meinen Vorschlag zur Wiedererlangung der Autonomie – sage, wie es ist! – und auch den phänomenologischen Ansatz auf dem weiteren, cisnihilistischen Weg begrüßt. Die von ihm denunzierte Wahrheit war ja nur die äußere, auf die Welt außer mir bezogene Wahrheit, die ermittelt wird, wenn „der Erdboden neu gestaltet und überall Menschenwerke errichtet“ werden (Wissenschaft 1.0). Gegen diese „zahllosen Wahrheiten“ hatte er ja auch gar nichts: „Wir wollen Uns gerne daran erfreuen.“163 Aber es ist nicht seine innere Wahrheit: die Wahrheit, die er zur Konstituierung seiner Person (seines „Eigners“) und zu seinem Verkehr braucht. Den „Menschenwerken“ und der „Erde“ als erster menschlicher Maschine liegt eine andere Art Wahrheit – eine äußere – zugrunde, die ja sehr verdienstvoll sein kann. Aber der Betrieb der Maschine – der „Produktionsprozeß“ – benötigte auch Menschen, die dadurch zu Teilen der Maschinerie und selbst zu Maschinen werden. Als solche wurde ihnen eine Wahrheit zugeschrieben, anhand derer sie funktionieren sollen und, wenn sie nicht mehr richtig funktionieren, repariert werden. Das Erste und Wichtigste nach der Geburt: Vermessen des Neugeborenen für Wissenschaft und Produktionsprozeß164 Die Wahrheit der Reparateure bezieht sich nur auf meine Funktionalität als Maschine in der Megamaschine. Eine solche „Wahrheit“, die mir irgendjemand erzählen will, weise ich von mir – „eine Wahrheit über Mir, eine Wahrheit, nach der Ich Mich richten müßte, kenne Ich nicht“ (Stirner165). Die „Maschine“ war damals zu Stirners Zeiten – wie heute die „künstliche Intelligenz“ – wohl der letzte Schrei des gerade aktuellen Great Resets und fügte, wie heute, den Entfremdungen noch weitere hinzu, so daß Stirner auf sie aktuell zu sprechen kommt: „Wie Ich Mich jedoch nicht dazu hergeben mag, eure neu entdeckten Maschinen maschinenmäßig zu bedienen, sondern sie nur zu meinem Nutzen in Gang setzen helfe, so will Ich auch eure Wahrheiten nur gebrauchen, ohne Mich für ihre Forderungen gebrauchen zu lassen.“166 Diese Art von Wahrheit – die äußere Wahrheit, die ihre Bedeutung in der Gestaltung des Äußeren (Maschinenbau, „Menschenwerke“) hat –, wird dann auch von der Maschinenreparaturwerksatt namens Medizin inkl. Psychiatrie auf den einzelnen Menschen angewandt. In der Pädagogik führt sie die Gestaltung des Äußeren im Inneren einzelner Menschen fort. Der Mensch soll das Wissen der Schaftler als sein eigenes übernehmen. Er soll sich von den Ingenieuren und dem Bild, das sie von ihm haben – also der technischen Zeichnung – steuern lassen. Aus der mir zugeschriebenen Wahrheit wird jetzt in der Reparatur die mir vorgeschriebene Wahrheit (Präskription). Die Psychologie hat sich nie von ihrer Herkunft als objekt-orientierte Wissenschaft und Maschinenreparaturwerkstatt lösen können. Wenn sie es tut, ist sie keine Psychologie mehr. Der Modephilosoph Jochen Kirchhoff bringt allen Ernstes La Mettrie mit der Maschine, wie sie von Stirner und mir verstanden wird, in Zusammenhang! Er hat wahrscheinlich nur den Titel jenes berühmten La-Mettrie-Buches „Der Mensch als Maschine“167 gelesen. (Eine ausführliche Kirchhoff-Kritik bezüglich La Mettrie gibt es in meinem Buch „Pan-Agnostik“168.) Stirner akzeptiert die Maschine – vielleicht eine Weile sogar sich selbst als Maschine –, wenn sie ihm nützt, er nicht von ihr beschädigt wird und sie im Außen bleibt. Aber „eure Wahrheiten“ – sprich: die, die Techniker vom „Menschen“ als Blaupause der Menschmaschine haben und die „Forderungen“169 an ihn enthalten –, lehnt Stirner entschieden ab. In seiner Behauptung als Subjekt und in Verteidigung gegen Übergriffigkeit haut er ganz schön auf den Putz, zeigt dabei eine Sicherheit, die er so vielleicht nicht gehabt hat: „Eine Wahrheit über mir kenne Ich nicht. […] Die Wahrheit ist Mir gewiß, und Ich brauche sie nicht zu ersehnen.“170 Aber prinzipiell hat er natürlich recht: Meine Wahrheit entsteht in mir, ich pflücke sie nur in mir ab, und dann weiß ich sie – ist sie mir „gewiß“. Manchmal muß ich sie, im Unterschied zu Stirner, der sie ja angeblich schon vollumfänglich hat, auch suchen – aber eben nur in mir, niemals im Äußeren (es sei denn, ich bin Ingenieur und will eine Maschine bauen). Und wenn ich sie in mir nicht finde oder in meiner Spaltung mehrere Wahrheiten habe und darüber verzweifle, dann kann ich sie manchmal sogar auch „ersehnen“ (ansonsten das Zeichen der vollkommenen Verblödung und Totalentfremdung). Aber Stirner meint hier nicht dieses „Ersehnen“, das eine diffuse Vorbewußtheit von dem ist, was ich schon ein kleines bißchen sehe; er meint nicht diese positive Ahnung, nicht den Widerhall aus der Tiefe, daß die Spaltung nicht der Primärzustand sein kann. Stirner meint mit der Wahrheit, nach der man sich angeblich „sehnt“, irgendeine höhere Wahrheit, die weitab von mir ist und nach der ich von vornherein nur im Außen suche – Politik, Geschichte, Wissenschaft, Philosophie –, anstatt daß ich „bei mir zu hause nachsehe“ (Otto Waalkes), oder die jetzt in mir ist, weil ich sie hereingenommen, die ich von außen übernommen habe („Über-Ich“). Vermeintlich streben ja derzeit so viele Menschen nach der „Wahrheit“. Die allermeisten suchen aber nur im Außen, weil ihre innere, verborgene Wahrheit potentiell so katastrophal schmerzlich ist. Sie wissen schlicht nicht, was „innere Wahrheit“ bedeutet. Die äußeren Wahrheiten bezüglich Politik und Gesellschaft – das, worauf ich mich mit anderen, die in ähnlichen Verhältnissen wie ich leben, als eine „objektive Wahrheit“ einige – sind natürlich auch wichtig. Sie sind aber meistens gegen uns gerichtete Instrumente des social engineerings. Ich kann auch eine – echte – Wissenschaft haben: Die bezieht sich entweder auf die Welt draußen tatsächlich als Objekt („Wissenschaft 1.0“ – siehe mein Buch „Pan-Agnostik“171). Stirner hatte wohl ebenfalls eine gute Meinung von dieser Wissenschaft 1.0: Von der „alten Kultur [scheint er] allein das Überleben ihres Stiefkinds, Mathematik und Naturwissenschaften, für wünschenswert gehalten zu haben.“ (Laska172) Oder „Wissenschaft“ bezieht sich als mein Wissen auf mein Inneres, meine Bedürfnisse ans Außen, und orientiert sich einzig an mir als dem Subjekt. (Das wird für gewöhnlich nicht als „Wissenschaft“ bezeichnet.) Wenn mir Psychologen aber etwas erzählen wollen und ich ihnen folge, bin ich Opfer der „Wissenschaft 2.0“, und das ist nicht gut. Psychologie ist als Wissenschaft das neue Heilige: etwas Höheres – nichts Gutes wie die Mathematik als Wissenschaft 1.0. Stirner weiter dazu: „Warum ist eine unumstößliche mathematische Wahrheit, die nach dem gewöhnlichen Wortverstande sogar eine ewige genannt werden könnte, keine – heilige? Weil sie keine geoffenbarte, oder nicht die Offenbarung eines höhern Wesens ist.“ 173 Jede Anthropologie aber kann ebenfalls, selbst wenn sie mit mathematischen Mitteln arbeitet, nur eine solche geoffenbarte Wahrheit sein, weswegen ich sie nicht mag. Ich werde also hier die Tiefenwahrheit mit Bezug auf den Philosophen Stirner und den Psychiater Reich darstellen (auch etwas mit Bezug auf La Mettrie, siehe bei diesem aber vor allem mein Buch „Pan-Agnostik“174). Der Schwerpunkt der Darstellung wird aber im II., veranschaulichenden Teil dieser Arbeit liegen, nämlich auf „der Sache selbst“, dem „Inhalt“ in Form einer textlichen und videografischen Wiedergabe einer Stunde der Tiefenwahrheit. Doch zunächst ein Blick zurück … 3. Zur Geschichte der Tiefenwahrheit 3.1. Entwicklung erster Eigentheorie im Umgang mit existenzieller Problematik im Jugendalter: die Denken-Theorie Warum hat die Wahrheit so einen großen Stellenwert für mich bekommen? Wie kam es, daß ich eine Theorie und Praxis der Tiefenwahrheit entwickelt habe? Ich wurde mit 15 Jahren aus meinem bisherigen Umfeld herausgerissen; meine Familie verließ unsere Heimatstadt Leipzig; mich verschlug es dabei nach Berlin in ein Internat. Das war der Auslöser für die Manifestierung größerer existenzieller Verunsicherung. Ich reagierte darauf mit der Entwicklung bestimmter Gedanken, Theorien. Mit diesen wollte ich wohl wieder eine gewisse Stabilität erwirken. Der Hauptgedanke lautete: Wenn ich unter irgendetwas leide – wenn zum Beispiel meine Mutter sterben sollte –, dann muß ich nur darüber nachdenken, dann muß ich mir das genau vorstellen und analysieren. Dann könne mir nichts passieren. Worin dieses Leiden bestand, was es ausmachte – obwohl das immer wieder angeführte Beispiel nicht ganz aus der Luft gegriffen sein konnte –, wußte ich nichts. „Das ließ ich erst gar nicht an mich heran“, wie es der Volksmund sagt. Das war mir verschlossen. Dieses Leid erst gar nicht zu fühlen – das war ja offensichtlich der Grund, warum ich meine Theorie entwickelte: mit dem Nachdenken und dem Analysieren wollte ich Erfolg darin haben, daß ich nicht so viel leide; ich wollte es wohl auf „Distanz halten“ – aber gleichzeitig hielt ich es ja präsent: ein eigenartiger Widerspruch. Es war tatsächlich seltsam: Einerseits wollte ich nicht unter etwas leiden. Aber gleichzeitig wollte ich mir dieses Leid in meinem Kopf vorführen, es mir vorstellen. Ich sprach immer zu mir von einem Leid, das mir widerfahren könnte. Daß ich es ja erst selbst heraufbeschwöre, das fiel mir nicht so richtig auf. Wenn etwas Schlimmes passieren sollte – dann mußt du so vorgehen, dann mußt du diese gedankliche Technik anwenden. Warum ich mir diese Gedanken machte, wo das Leid doch (noch) gar nicht da war – darüber dachte ich nicht nach. Ein Leid könnte geschehen, und wenn es käme, dann müßte ich auf die besagte Weise darauf reagieren. Es war sozusagen eine vorbeugende Technik; mit ihr bereitete ich mich auf etwas vor. Warum da etwas kommen könnte – natürlich ahnte ich den Grund dafür. Daß das Leid schon in der Gegenwart war, das nahm ich aber doch nicht so richtig wahr. Ich habe es eher als eine Möglichkeit – als etwas Drohendes – in die Zukunft projiziert. Ich stellte es in einem separierten Areal meines Kopfes ab, vor mich hin und auf Abstand. Diesen Bereich meines Kopfes nannte ich „Über-Ich“. Mein Ich war hier – aber das, wo dieses drohende Leid seinen Platz bekam, das war ein anderes Ich; das stand über meinem eigentlichen Ich, dort war die Bedrohung abgelagert, und irgendwie wachte es auch über mich als Mahnung, daß es passieren könnte. Meine Theorie war eine Leidverhinderungs- bzw. Verdrängungshilfe. Gleichzeitig aber kapselte sie die Ursache des Leids ein – ein Tod, der nicht nur zukünftig befürchtet wurde, sondern offenbar irgendwie auch schon erlebt worden war; das war eine ferne Ahnung. In der Theorie bewahrte ich dieses Leid auf. Ich war weit davon entfernt, irgendwelche Traumata zu verarbeiten, das Leid war dazu viel zu namenlos, aber ich hielt – unbewußt, nur im Nachgang so interpretiert – die Verarbeitung mit meiner Theorie und entsprechend angewandter Praxis im Bereich des Möglichen. Ich teilte meine Theorie auch meinen Internatskameraden mit, die ebenfalls nicht mehr zuhause wohnten. Ich hielt Vorträge und gab ihnen den Rat, es genauso zu tun wie ich. Ich merkte etwas später aber, daß meine „Analyse“- und Überwachungs-Technik mich nicht wirklich weiterführte; ich drehte mich irgendwie im Kreise. Alles immer nur „analysieren“, ständig auf einer Art Metaebene herumhängen, das war doch sehr seltsam; ich wollte da raus: Vielleicht gab es jemanden in mir, der irgendwie leben wollte; schwer vorstellbar, aber so muß es gewesen sein. Gleichzeitig hatte dieses „Analysieren“ (das natürlich gar keines war; es war nur ein Betrachten, ein Blicken auf eine Sache), etwas Lebendiges: der Geist in mir, meine Gedanken, die sich selbst zum Gegenstand hatten, die Bilder von Gedanken, dieses Denken über das Denken ... Aber irgendetwas in mir war nicht zufrieden; davon zeugt dieses Gedicht175: Der Egozentriker Ich
Bin der analysierende
Analytiker bin der
Spötter aller
Erfahrungen und Selbst
Verspötter

Durchschaue mich nicht
Nur im voraus
Denke nicht
Nur zu Ende
Weiß nicht
Nur daß mich das schon nicht mehr interessiert

Ergo stehe über allen wünsche ich
Gelungenes Lächeln das
Ich als Neid auslegen zwar werde
Wohl nicht dürfte denn

Ich
Der weiß daß es
Meiner einige gibt
Glaubte mal
Einer gewesen zu sein.
3.1.1. Exkurs: Denken als schöpferisch-lebendige Tätigkeit und sein Gegenteil Dieses panisch-vorauseilende Denken darüber, was alles sein könnte, d.h. was alles in mich einbrechen oder aus mir hervorbrechen könnte, ist typisch für schwersten intellektuellen „Widerstand“ (Reich) gegen katastrophale innere Gefühle. Es ist die permanente Flucht – per Denken – nach vorn. Wilhelm Reich schrieb dazu: „Ein Patient, bei dem die Charakteranalyse zunächst die charakterliche Höflichkeit und scheinbare Hingabe als Täuschung und Abwehr mächtiger Aggressionen entlarvt und beseitigt hatte, begann nunmehr folgende Abwehr zu entwickeln. Außerordentlich intelligent versuchte er alles zu erraten, was er an unbewußten Mechanismen in sich barg, und es gelang ihm in der Tat, die allermeisten Affektsituationen dadurch zu vernichten, daß er sie schon vorher erriet. Es war, als ob er von einem geheimen Versteck aus mit seinem Intellekt unausgesetzt alles ableuchtete und abtastete, um ja von nichts überrascht zu werden.“176 Und Peter Nasselstein: „Alles ‚Denken‘ des gepanzerten Menschen dient einzig und allein der ABWEHR.“177 Und jetzt schreibt Nasselstein etwas sehr wichtiges, das wiederzugeben ich mir für den übernächsten Absatz aufspare. Was Reich jetzt als Charakter- bzw. Widerstandsanalytiker tut, ähnelt dem „therapeutischen“ Verhalten des Wahrheitsbegleiters in Bezug auf das Geld im II. Teil dieses Buches, dem praktischen Beispiel für eine Stunde der Tiefenwahrheit, widerspricht ihm aber in der Praxis eigentlich fundamental. Reich: „Der Intellekt stand, das wurde immer deutlicher, im Dienste der Abwehr von Angst und war getrieben von schwerer Erwartungsfurcht. […] Die nächste Aufgabe war, dem Patienten diese Waffe unbrauchbar zu machen, und das konnte nur durch konsequente Zersetzung der Funktion erfolgen sowie durch äußerste Zurückhaltung in Mitteilungen.“178 – Der Wahrheitsbegleiter in der Tiefenwahrheit „zersetzt“ in der besagten Sitzung auch, aber ausnahms- und für einen Wahrheitsbegleiter paradoxerweise einmal nicht durch Zurückhaltung, sondern hier durch Geben von Realität bzw. Abgabe seiner Wahrheit. Das ist eigentlich nicht seine Arbeit; das Wahrsagen ist Sache des Wahrsagers, nicht die das Wahrheitsbegleiters. Aber solch einen notwendigen Wechsel vollzieht der Wahrheitsbegleiter spontan aus der speziellen Situation heraus. Dazu bedarf es keiner besonderen Ausbildung, nur der Eigner-Qualität – denken und fühlen zu können – des Wahrheitsbegleiters. Wir werden später auf all das näher eingehen. Die soeben angekündigte wichtige Fortführung des nasselstein’schen Zitates lautet: „Kein Gedanke wird jemals zu Ende gedacht! Warum? Weil korrektes, d.h. folgerichtiges Denken in die Tiefe führt, also genau dorthin, wovor der gepanzerte Mensch eine Todesangst hat: zu weltverändernden Einsichten, tiefen Gefühlen, wirklichem Kontakt – und ‚Kontrollverlust‘ (Stichwort ‚Orgasmusangst‘).“ Damit benennt Nasselstein den Unterschied von nicht nur reich’scher, sondern überhaupt psychotherapeutischer Vorgehensweise zu der der Tiefenwahrheit: In dieser geht es genau darum: die Gedanken zu Ende denken und sich selbst damit in die Tiefe – zu seinem Eigner – führen zu lassen. Wir werden das im II. Teil des Buches genau sehen. Es ist eben gerade nicht die reich’sche Vorgehensweise; diese hilft nicht dabei, Gedanken zu Ende zu denken, sondern „zersetzt“ im Gegenteil den Gedanken, hält ihn davon ab, in die Tiefe zu führen und trägt „durch äußerste Zurückhaltung in Mitteilungen“ nicht dazu bei, den Gedanken zu Ende zu denken. Reich hilft dem Gedanken nicht auf die Sprünge, geht nicht schöpferisch, d.h. lebendig mit dem Gedanken um, denunziert ihn im Gegenteil als bloße „Abwehr“. Eine solche ist der Gedanke zweifelsohne, aber es geht ja darum, die Abwehr aufzulösen, und das tut sich, indem man tatsächlich dem Gedanken weiter folgt, „zu Ende denkt“; erst dann „führt er in die Tiefe“, vorausgesetzt, daß er „folgerichtig“, d.h. kohärent und logisch ist. Die „äußerste Zurückhaltung in Mitteilungen“ ist bei Reich im Falle seines intellektuell widerständigen Patienten eine Ausnahme; in der Tiefenwahrheit ist es die Regel: Hier hat fast ausschließlich der Wahrsager das Wort, mit dem er in seine Tiefe gelangt. Diese Regel wird durch die Ausnahme, die wir im II. Teil sehen werden, bestätigt. (Ende Exkurs schöpferisch-unschöpferisches, lebendig-unlebendiges Denken) Aber von „intellektueller Abwehr“ hatte ich damals – zumal als Betroffener – überhaupt keine Ahnung. – Und das braucht und soll man ja auch nicht haben, sondern einfach seine Gedanken ausdrücken und Gedichte schreiben. Sagen wir so: Ich hatte damals als Jugendlicher von den katastrophalen Gefühlen keine Ahnung. In der eben erwähnten Stunde der Tiefenwahrheit (II. Teil dieses Buches) wird man sehen, wie heftig diese katastrophalen Gefühlen erst 40 Jahr später, 2017, endlich durchbrechen konnten. Dieses panisch-vorauseilende Denken hatte ich immer noch zu der Zeit, als ich mich vom Leistungssport löste und mich eigentlich frei fühlte (ich habe viel später diesen dramatischen, etliche Monate dauernden Loslösungsprozeß in mehreren Stunden der Tiefenwahrheit thematisiert179). Daran kann man sehen, was die „Freiheit“ wert war. Aber ich fühlte mich – es war jetzt 1977, ich war 16 Jahre alt – dennoch und vergleichsweise zu dem Zustand vorher als Leistungssportler – frei. Wenn Stirner von der Zeit zwischen 1839 und 1845 als den „besten Jahren seines Lebens“180 spricht, so hatte ich 1977 wenigstens ein paar – wenige – beste Monate meines Lebens. Das war der befreiende Effekt; ich hatte den gröbsten Scheiß abgeschüttelt; innerlich blieb ich gleichwohl total gefangen. Ich ging regelmäßig meinen Bruder besuchen, der auch in Berlin war, aber in einer eigenen Wohnung wohnte. Ich suchte den familiären Anschluß. Einmal war ich dort – er war nicht da – und hörte Musik. Es war „Heart of the Sunrise“ von Yes181. Ich zog – wie gewohnt – das oberste Schubfach der Kommode aus und imitierte darauf das Orgelspiel von Rick Wakeman. Dazu sang ich mit und steigerte mich in die Musik hinein. Dann brach ich in Tränen aus. 3.2. Beschäftigungen mit Fremdtheorien im Umgang mit existenzieller Problematik (Sigmund Freud, Wilhelm Reich) Ein anderes mal war mein Bruder da, und wir hörten gemeinsam Radio. – Oder war es so, daß er mir etwas erzählte, was er im Radio gehört hatte? Jedenfalls erfuhr ich plötzlich, daß es da so etwas gäbe wie „Psychoanalyse“. Ich horchte extrem auf, ich war sozusagen Feuer und Flamme. Da analysierten andere also auch ihre Psyche! Das hat mich fasziniert und aufgeregt. Davon wollte ich unbedingt mehr wissen. Kurze Zeit darauf hatte ich aus West-Berlin ein paar Fischer-Taschenbücher von Sigmund Freud: „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten“ – an die anderen kann ich mich nicht mehr erinnern, ich glaube es waren „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“, „Darstellung der Psychoanalyse“, „Das Ich und das Es“ und „Die Traumdeutung“. Ich las die Bücher auch in der Straßenbahn auf dem Weg in die Schule. Dort propagierte ich sie auch. Aber was ich davon verstand, weiß ich heute nicht mehr. Es gab bei Freud jedenfalls – Sensation! – auch ein Über-Ich! Ich hatte aber bald festgestellt, daß sein Über-Ich nichts mit meinem Über-Ich zu tun hatte, wovon ich etwas enttäuscht war. (Beide hatten aber irgendwie dieses Überwachende gemeinsam.) Trotzdem blieb ich psychoanalysemäßig am Ball, und bald erfuhr ich, daß es eine Art Verbindung oder Zusammenführung von Freud und Marx gab. Da ich (dissidenter Anti-SED-)„Marxist“182 war, hat mich das extrem neugierig gemacht, und ich mußte dringend mehr darüber in Erfahrung bringen. So hörte ich zum ersten mal den Namen „Wilhelm Reich“ und hatte natürlich bald so gut wie alle Fischer-Taschenbücher von ihm. Inzwischen verstand ich von der Materie auch mehr, konnte schon anderen – unter Laternen spazierend – etwas vordozieren. Etwas später studierte ich auch andere Freudo-Marxisten wie Fromm und die Kritische Theorie von Horkheimer über Marcuse bis Alfred Schmidt, aber das faszinierte mich nicht, das war mir irgendwie sowohl zu einfach (Fromm) als auch zu kompliziert. Wo ich als 17-jähriger von Reich „fasziniert“ war, war Laska 13 Jahre vorher – 1965 als 22-jähriger – von Reich „gepackt“ gewesen, aber im Unterschied zu mir vom „gravierenden Unterschied […] zwischen der Position, die Reich vertrat, und den Positionen der anderen Autoren, die ich damals studierte: zu Freud und Marx (obwohl Reich in jenen Schriften als ‚Freudo-Marxist‘ auftrat), zu Adorno, Horkheimer, Herbert Marcuse, Erich Fromm und anderen, die (wie Reich) aus Marx und Freud schöpften und die merkwürdig verfahrene europäische Aufklärung neu fassen, fortsetzen und aktualisieren wollten.“183 – Das hatte mich nicht interessiert. Ich versuchte, Reich für mich persönlich im Sinne meiner Existenzprobleme ohne jeden philosophiegeschichtlichen Zusammenhang zu verwerten – ganz weit weg von einer erst recht speziellen Fragestellung zur Aufklärung; mir ging es nur um meine eigene Aufklärung. Meine Lieblingsbücher waren Reichs intellektuelle Autobiographie „Die Entdeckung des Orgons“, die in zwei Bände aufgeteilt ist: „Die Funktion des Orgasmus“184 und „Der Krebs“, besonders der erste Band. Hatte es keinen Knalleffekt gegeben, als meine Über-Ich- auf Freuds Über-Ich-Theorie stieß, so näherten sich die Geraden meiner Theorie und der meines neuen Lehrers Reich jetzt durchaus etwas an. Ich wandte sie aber nicht auf meine Existenz und die oben geschilderten Probleme an, auch wenn das immer mitschwang; primär war es das intellektuelle Beschäftigen mit einer Theorie. Reichs Kritik des Finalismus hatte es mir angetan: „Die Harnblase kontrahiert sich nicht, ‚um die Funktion der Harnentleerung zu erfüllen‘ […]. Sie kontrahiert sich […], weil ihre mechanische Füllung eine Zuckung bewirkt. […] Man verkehrt nicht geschlechtlich, ‚um Kinder zu zeugen‘185, sondern weil Flüssigkeitsüberfüllung die Genitalorgane bioelektrisch auflädt und zur Entladung drängt.“186 „Die Amöbe bildet das Pseudopodium nicht, ‚um‘ zu einem Gegenstand zu gelangen, also nicht auf Grund eines ‚Zweckes‘ (finalistisch), sondern funktionell, da ein geeignetes Objekt durch Attraktion einen Streckungsimpuls des orgonotischen Plasmas hervorruft.“187 Warum war ich davon fasziniert? Ganz einfach: weil es der Wahrheit entsprach! Die Magnetosphäre „dient“ nicht als Schutzschild gegen den Sonnenwind, sie „schützt“ uns nicht, sondern wir sind nur innerhalb ihres Wirkens entstanden – so wird ein Schuh draus. Ein solches Wahrheits-Erlebnis sollte ich später – durch Vermittlung Laskas – bei Stirner wieder haben: z.B.: „Recht“? – Es gibt kein „Recht“ – eine ganz einfache Wahrheit. Peter Nasselstein nennt es „konsequentes Denken“188. Aber Wahrheits-Erlebnisse gab es auch im Zusammenhang mit dem historischen Revisionismus, ob es sich nun um die Gaskammern, die Mondlandung, 9/11 oder dergleichen handelte – das sind aber alles „Wahrheiten im Außen“, die eher im Politischen eine Rolle spielen, also im Bereich des kollektiven Eigners; die „Wahrheiten im Innen“ sind wichtiger und beziehen sich auf den individuellen Eigner. Wenn die Wissenschaftler 2.0 fast nur Unsinn labern – der Finalismus ist ihr größter. Sie haben, um es wissenschaftlich zu sagen, alles infiziert und verseucht. Auf die so dämlichen wie dreisten Lügen der Wissenschaftler habe ich mich eine ganze Weile eingeschossen.189 Sie zauberten einfach einen Gott herbei – den „Theo der Teleologie“ nannte ich ihn später –, mit dem die Wirklichkeit wohl einen Sinn bekommen sollte. Es war aber eigentlich die Rechtfertigung des mechanisierten Lebens. Die Abrichtung zur Maschine und damit die Zerstörung des Eigners ist etwas, das sich auf korporeller und emotionaler Ebene zwischen Eltern und Kind abspielt. Aber sie bedarf später ideologischer Festigung – darin spielen Finalismus und Teleologie die wichtigste Rolle. Stirner dagegen, so Ronald Hinner, habe „jegliche historische und anthropologische Teleologie hinter sich [gelassen und] sein ‚Sach‘ auf Nichts gestellt‘190.“191 Reich bezeichnete sein Denken und seine Sprache als „funktionell“ bzw. „funktionalistisch“. Aber es war für mich nichts anderes als Phänomenologie, wenn auch in wissenschaftlicher Sprache. Das faszinierte mich. Ich würde ihm heute nur Inkonsequenz vorwerfen: Man verkehrt geschlechtlich, weil man voneinander angezogen und es schön und geil ist. Das Subjekt – und um dieses, möglichst unentfremdet, geht es uns ja – mag zwar so etwas wie ein elektrisches Kribbeln verspüren, weiß von einer „Flüssigkeitsüberfüllung“ aber definitiv nichts (von „Druck“ schon eher). Wozu Reichs wissenschaftlicher und philosophischer Slang gut sein sollte – um so etwas machte ich mir damals noch keine Gedanken; ich zog nur das für mich Faszinierende heraus. Dazu gehörte auch keine „Funktion“, aber ich verstand irgendwie ungefähr, was Reich damit sagen wollte: die auf- und abbauenden Stufen um einen Gleichgewichtszustand herum oder was bei einer chemischen Austarierung oder beim Le-Chatelier-Prinzip wirkt. Christian Rudolph meint, daß Reich den Begriff als Synonym für Verschiedenes benutzte: Ablauf, Prozeß, Eigenschaft, Bedeutung, Rolle.192 Und für Armin Bechmann bedeutet „Funktion“ „Leistung für das Ganze“193, „‚tieferer Sinn‘“ und „sinnhafter Beitrag zu einem übergeordneten Ganzen“194. „Eine saubere Klärung dessen, was im jeweiligen Kontext Funktion bedeutet und wie diese Funktion auf ein Ganzes, in der heutigen Sprache: ‚auf ein übergeordnetes System‘ bezogen ist, fehlt bei [Reich].“195 Tatsächlich sagt Reich selbst nirgends so recht, was eine Funktion ist, obwohl „die ‚funktionelle Denkmethode‘ in den vergangenen 18 Jahren [zurückgerechnet ab 1951] in hinreichendem Maße ausgearbeitet [wurde]“.196 Die „Funktion“ war im Grunde etwas Hintergründiges, Metaphysisches. Im Vordergrund stand für mich, warum die Amöbe was tut und was sie sagen würde, würde man sie danach fragen – was sozusagen ihre Wahrheit ist. Ich ging also noch einen Schritt weiter als Reich: Der Baum würde sagen: „Mich dürstet nach Wasser.“ Er würde nicht sagen: „In den oben in mir liegenden Zellen meiner Äste und Blätter herrscht Unterdruck. Die trockenen Zellen haben die Funktion, das Wasser wie ein Schwamm aufzusaugen und nach oben zu ziehen.“ Aber ganz und gar nicht würde der Baum jedenfalls sagen: „Ich ziehe das Wasser nach oben, um meine Zellen zu versorgen, damit in meinen Blättern eine biochemische Reaktion stattfinden kann, die mich mit Energie versorgt.“ Und erst recht würden seine Wurzeln nicht sagen: „Ich schicke Wasser nach oben in die Krone, damit sie Blüten für die Reproduktion produzieren kann“, sondern: „Ich will das Wasser nach oben loswerden, weil es von unten nachdrückt“ oder so ähnlich. Was da oben dann damit passiert, ist der Wurzel egal. 3.3. Kein wirklicher Bezug der Fremdtheorien zu eigener Existenz Durch die Beschäftigung mit der reich’schen Fremdtheorie wollte ich mich aber eigentlich besser verstehen können und eine Antwort auf meine diffus wahrgenommene existenzielle Krise finden. Wenn ich Reich las, war ich folgsam – aber was hatte es eigentlich wirklich mit mir zu tun? Diese Frage habe mich mir damals aber noch nicht gestellt. Ich war von meinem „Analysieren“ und meinem „Über-Ich“ über Freud und Marx zu Reich gekommen. Das reichte nicht für ein echtes Übernehmen oder Aneignen seiner Gedanken. Es hat gute Ansätze gegeben, aber die ganze Wissenschaftlichkeit und die Naturforschung blieb mir, obwohl ich mich etwas dafür interessierte, eigentlich fremd. Wenn ich reich‘sche Literatur gelesen habe, war ich „gehorsam“ und lernbegierig; ich habe sie aufmerksam studiert. – Aber was hatte das eigentlich wirklich mit meiner Existenz zu tun? Ich hatte auch Existenzialisten gelesen, aber das sprach mich paradoxerweise überhaupt nicht an. Was das Psychisch-existenzielle anging – das Hauptsächliche, dessentwegen ich ja überhaupt neugierigerweise auf Freud und Reich gestoßen war, von denen ich mir ja irgendetwas versprochen hatte –, so habe ich zwar auch das alles gut studiert, was Reich dazu zu sagen hatte, aber eine Verbindung mit mir persönlich habe ich da eigentlich nirgends herstellen können, auch wenn ich viel darüber gerätselt habe, zu welcher Charakterkategorie ich wohl gehören könnte (ich tippte auf den „passiv-femininen Charakter“). Es hatte mit mir nichts zu tun – nur mit allen möglichen anderen Menschen. Ich muß aber auch sagen, daß ich tatsächlich auch in überhaupt kein Krankheitsbild hineinpaßte: Ich fühlte einfach so gut wie gar nichts, entsprechend äußerte sich auch nichts, was hätte als Charakter kategorisiert werden können (na gut, „passiv“ halt). Nichts von den Problemen, die andere hatten, hatte ich. Kurze Vorblende: Erst viel, viel später wurde ich wie die meisten anderen auch und begann etwas zu fühlen – siehe u.a. das Video „Tiefenwahrheit in Aktion Nr. 1: Auftauen aus Stumpfsinn“197, in dem eine Tiefenwahrheitsliegung aus dem Jahre 2011 gezeigt wird. 33 Jahre vorher, 1978, war mein Problem aber noch, daß ich kein Problem hatte – ein Phänomen, das noch lange anhielt: In den 1990er Jahren gab es noch etliche Stunden der Tiefenwahrheit, in denen ich regelrecht darum bettelte, auch mal bitte ein Problem haben zu dürfen – ein Problem als Signal, als Bestandteil eines echten Selbstes. Ich hatte sehr wohl ein großes Problem – meine Problem-, d.h. eigentlich: Selbstlosigkeit. Meine verrückte Mutter mit ihrer „bösen Stimme“ hat mir erfolgreich ausgeredet, daß ich ein Problem haben könnte, und mich in eine totale Konfusion gestürzt. Sie hat meine Probleme mittels feiner Suggestion zum Verschwinden gebracht, anstatt sie sich anzuhören. 3.3.1. Exkurs: Die Selbstlosigkeit als höhere Weisheit von Intellos Neulich stieß ich auf ein Video eines sehr schlauen Psychologen: „Was, wenn es gar kein Selbst gibt?“ (ich kann es leider nicht mehr finden). Solche Hochbegabten dürfen ja nie fehlen, wenn es um schwierige Probleme geht. Das sind dann die Paradoxie-Psychologen und Weisheits-Künstler à la „Anleitung zum Unglücklichsein“ und „Die erfundene Wirklichkeit“ (Paul Watzlawick), die dir dabei helfen, dein Problem mittel Rabulistik wegzuzaubern, bis du so verwirrt oder von der spirituellen Schläue so besoffen bist, daß du alles aufgibst und dich sicher im bestmöglichen Zustand wähnst. Ein anderer dieser Hochbegabten ist Heiner Müller: „Ich will nicht wissen, wer ich bin.“198 Goethe – das sagt jedenfalls Heiner Müller – gehört auch dazu: „Gott bewahre mich davor, mich selbst zu erkennen.“ Sie alle haben eine leise Ahnung davon, wie schlimm es ist, und setzen nun vor lauter Panik ihre Intelligenz dafür ein, aus der Not eine Tugend zu machen und sich und uns einzureden, es gäbe gar kein Selbst. Sie gehen genau in die entgegengesetzte Richtung von Stirner: „Mein eigen bin ich […], wenn Ich Mich zu haben verstehe.“199 Für Heiner Müller ist das sogar nachgewiesen: Er hat Brecht um Stirner bereinigt.200 Stirner hätte ihn ja auf sich und seine eigene Tragik bringen können. Aber er zog „wirklich tragische Konflikte“ wie den der Baader-Meinhof-Bande vor, die im Banne einer „zwingenden Verbindung von Demut und Töten“ standen und sich „sich zum Töten zwingen mußten.“ Müller hatte seinen eigenen lebendigen Kern – seinen Eigner – und dessen tragischen Verlust viel zu sehr verdrängt und symbolisierte ihn nur noch: „Töten, mit Demut, das ist der theologische Glutkern des Terrorismus.“201 Diese Hochbegabten haben niemanden, haben sich selbst nicht. Dermaßen emotional traumatisiert und gepanzert, bleibt ihnen nur noch die Flucht nach außen in fremde lebendig-tragische Biographien und mittels dieser die Selbst- und Realitätsverleugnung: „Die Verleugnung der eigenen ‚Einzigkeit‘ [ist] primär nicht ein kognitiver, sondern ein affektiver Sachverhalt.“ (Laska202) Laska macht nun den Fehler zu sagen, all diese Intellektuellen verdrängten und „repulsierten“ Stirner. Nein, sie „dezeptionieren“ natürlich sich selbst. Die Problem-Lage der totalen Selbst- und Problemlosigkeit fand man bei Reich nicht, wohl aber später bei Arthur Janov, zu dem wir gleich kommen werden. Immerhin war ich ein Fan oder Anhänger von etwas – von Reich –, „glaubte“ an etwas; das gab mir ja auch irgendwie etwas Ruhe, obwohl es keinen wirklichen existenziellen Bezug zu seinen Theorien gab; sicherlich gerade deshalb. 3.4. Scheitern der Denken-Eigentheorie und Entwicklung der Wahrheits-Eigentheorie Meine eigene Theorie brachte mich aber auch nicht wirklich weiter. Da entwickelte sich nichts mehr. Nachdem ich mich vom Leistungssport befreit hat, fühlte ich mich unglaublich – befreit. Aber diese Freiheit dauerte nicht lange, ich wurde im Zusammenhang mit einer Beziehung ziemlich schnell – Stück für Stück, „Schicht auf Schicht“, wie ich es damals an mir fast körperlich bemerkte – wieder sozusagen in emotional-innere Ketten gelegt. Dieses Modell von Schichten, unter denen ich begraben wurde und verschwand, war eine Eigenwahrnehmung, gehörte zu meiner Eigentheorie. Aber es entsprach auch der reich‘schen Fremdtheorie. Das war wohl das erste mal – aber auch der einzige Punkt –, wo Eigen- und die Fremdtheorie wirklich kompatibel wurden. War es anfangs irgendetwas Schlimmes – Traumatisches –, das mit meiner sterbenden Mutter zu tun hatte, so verwandelte sich mein Leid jetzt unter den Schichten in eine eher nebulöse und nervöse Unzufriedenheit, die sich aber später wiederum in eine regelrechte Not von Verlorenheit verwandelte. Die Vokabel, die damals oft – nicht nur von mir – gebraucht wurde, hieß: Abstumpfung. Meine Freiheit war jedenfalls schnell wieder flöten gegangen; ich fühlte mich in die Beziehung unentrinnbar verstrickt, stand dem komplett ratlos gegenüber. Das alles war mir vollkommen rätselhaft und unbegreiflich. Ich war unfähig zu reagieren, war wie paralysiert, habe meine Freiheit – meine Aktionsfreiheit – eigentlich total verloren. Ich habe mich dafür geschämt; ich konnte nicht am Leben teilnehmen, wie ich es mir eigentlich – aber nur undeutlich – wünschte. Ich wollte eigentlich weiter frei sein. Aber ich war absolut hilflos, mein Wille reichte überhaupt nicht aus; ich war gelähmt. Es war nicht daran zu denken, daß ich unter den Schichten hervorkroch. Meine eigene Theorie versagte an dieser Stelle ganz offensichtlich. Das „Darüber-nachdenken“ nutzte mir überhaupt nichts mehr. Das „analysierende“ Hin-und-her-Gewälze war lächerlich sinnlos geworden. Aber inzwischen war das drohend Schlimme – der Tod der Mutter – auch nicht mehr präsent, meine Denk-Theorie hatte quasi durch die Verdrängung ihren Gegenstand verloren. Das Schlimme, Traumatische war wohl nur durch Herausreißen meiner Familie und mir aus der Leipziger Heimat und durch die dadurch offen ausgebrochene Krise um den Leistungssport kurz aufgeploppt und schloß sich – auch durch die Freiheitserfahrung und die Gewöhnung an die neue Heimat – wieder. Ich konnte meine Theorie gar nicht mehr auf die neue, krisenhafte Situation anwenden. Das hätte bedeutet: „Ich bin gelähmt, fühle nichts so richtig außer der Gefangenschaft – jetzt denke darüber nach!“ – Das versuchte ich ja auch! Aber das Denken konnte gar nicht stattfinden. Ich kam nicht raus aus dem Gefängnis.

Verletzter Hund zieht sich in ein Gefängnis zurück203 Das Gefängnis, gegen das kein Denkkraut gewachsen war, hing – wie sich später herausstellen sollte – mit dem „Schlimmen“ meiner Denken-Theorie zusammen (befürchteter Tod der Mutter), das inzwischen wieder in den Hintergrund getreten war. Aber ohne das alles auch begleitend zu fühlen, also ohne eine richtige „Verarbeitung“, mußten diese Zusammenhänge natürlich völlig verdeckt bleiben. Die Fremdtheorien – die psychoanalytische und freudomarxistische –, die ich aufgrund der Mangelhaftigkeit der ersten Phase der eigenen Theorie gesucht und studiert, zu übernehmen und mir anzueignen versucht habe, nutzten mir aber, wie gerade gesehen, auch nichts. Eigen- und Fremdtheorien liefen immer – bis auf die Ausnahme mit den „Schichten“ – nebeneinander her. Meine Eigentheorie blieb unabhängig von den Fremdtheorien. Daß ich ersatzweise auf diese zurückgriff, lag an der großen Schwäche der Eigentheorie. Im Grunde waren die Fremdtheorien nur Umwege und Ablenkungen von mir und meinem Weg; letztlich haben sie mich nicht wirklich beeinflußt. Aber ihre Unterwindung geschah erst viel später – mit der Entwicklung der Eigentheorie von der Tiefenwahrheit –, als ich den notwendigen Teil der dann noch verbliebenen Fremdtheorie in meine Eigentheorie integrieren konnte und sich damit die Fremdtheorie endgültig und gänzlich erübrigte. Damals aber mußte ich also erst einmal auf eine weitere, auf eine neue eigene Theorie kommen. Eine zweite Phase der Eigentheorie – mit der Gefangenschaft und dem Begrabensein unter den Schichten als Gegenstand – mußte entstehen. Und so kam es dann tatsächlich. In dieser neuen Eigentheorie wurde jetzt „Denken“ und „Analysieren“ durch „Wahrheit“ ersetzt (diese wiederum rund 40 Jahre später durch „Tiefenwahrheit“). Ich sehe mich noch sehr gut 1977 oder 1978 mit einem Freund freudig die Schönhauser Allee hochstolzieren, ja gerade hochtänzeln – ganz in der Nähe hatte Max Stirners Mama mit „fixen Ideen“ (dieser Begriff kommt neben „Besessenheit“ sehr oft im „Einzigem“ vor) in einer Irrenanstalt gesessen. Ich dozierte also die Schönhauser Allee hinauf, am jüdischen Friedhof entlang: „Wenn du unter einem unlösbaren Konflikt leidest, mußt du nur immer die ganze Wahrheit aussprechen und dann danach handeln – und schon löst sich der Konflikt auf.“ In meiner Denken-Theorie hatte das noch – rückübersetzt – geheißen: „Wenn ich unter irgendetwas leide – wenn zum Beispiel meine Mutter sterben sollte –, dann muß ich nur darüber nachdenken, dann muß ich mir das genau vorstellen und analysieren. Dann könne mir nichts passieren.“ Der Philosoph Isaiah Berlin schreibt: „Wenn der Mensch seinen Idealen folgt, auf seine innere Stimme hört, dann kann ihm niemand etwas anhaben, dann ist er autonom.“204 (Hervorhebung von mir, PT) Auf dieses Zitat werde ich noch zurückkommen. Das antizipierte Leid in Form eines drohenden Todes der Mutter war jetzt – in der Kerker-, Ketten- und Abstumpfungserfahrung der Verstrickung – durch einen genauso hypothetischen Konflikt ersetzt worden: Ich sagte: „Wenn du leidest…“ – Daß ich mitten im Leiden war, spielte aber keine Rolle. Die „Unlösbarkeit“ schien aber genau damit zusammenzuhängen, daß alles nur theoretisch blieb und mit mir selbst nichts zu tun hatte. Schöne Eigentheorie! Also hatte nicht nur die Fremdtheorie, sondern auch die Eigentheorie mit mir selbst nichts zu tun! Und es schien auch einen Zusammenhang zwischen der Mutter aus der ersten Phase der Eigentheorie (die Denken-Theorie) und jener mich verstrickenden und lähmenden Beziehung aus der zweiten Phase der Eigentheorie (die Wahrheitstheorie) zu geben. Aber davon ahnte ich damals überhaupt noch nichts. Natürlich befand ich mich schon selbst mitten in einem solchen „unlösbaren Konflikt“ – den es in der Theorie allerdings nur auf einen Irgendjemand angewandt gab, etwa auf den Freund, mit dem ich die Schönhauser hochging. Ich projizierte auf die anderen – wie es Laska tut, aber dazu kommen wir später. Ich war meilenweit davon entfernt, jene neue Wahrheitstheorie auch auf mich selbst und meine innere Gefangenschaft anwenden zu können. Ich muß sagen, daß meine Theorie zwar (noch) nicht umsetzbar war, sich aber immer durch große Einfachheit und Überzeugungskraft auszeichnete. Ich kam eigentlich immer mit nur einem einzigen Theorem aus. Laska sagt von Stirner, er habe „im Grunde nur eine, allerdings fundamentale, empirische Aussage“ gemacht, „deren Wahrheit er in seinem Buch nachweisen will“205. – Mein Theorem nachzuweisen, brauchte ich 50 Jahre. Es war einfach – wie, laut Bertolt Brecht, einem weiteren großen, aber verkappten Stirner-Fan206, der Kommunismus: „das Einfache, das schwer zu machen ist“. Also blieb mir nichts anderes übrig, als erneut zurück zur Fremdtheorie zu oszillieren und mir wieder bei Reich Rat zu holen. Ich verstand Reich inzwischen recht gut – und konnte nun auch gut feststellen, daß auch das mir nicht weiterhalf. (Das bezieht sich alles auf die Theorie. Daß ich hätte bei einem Reichianer – Hans-Joachim Maaz in Halle – eine Therapie machen können, davon wußte ich damals nichts. Ein Freund von mir, dessen Vater Psychiater war und Maaz kannte, spielte tatsächlich eine Weile mit dem Gedanken, bei Maaz eine Therapie zu machen – aber auch das erfuhr ich erst dreißig Jahre später.) Ich blieb also auf dem Trockenen und bedürftig – sowohl eigen- als auch fremdtheoretisch. 3.5. Entdeckung der Fremdtheorie Arthur Janovs Eines Tages – es war 1978 oder 79 – fand ein, ich möchte nicht sagen Aha-Effekt, aber doch ein Quantensprung der Begeisterung für eine Fremdtheorie statt, als ich nämlich von Arthur Janov erfuhr und dessen „Urschrei“ las. Eine Freundin – Marie-Hélène aus Dijon –, die von meiner Reichophilie wußte, hatte mir dringend Janov empfohlen. Ich war sehr reserviert und skeptisch – hatte ich doch eigentlich meinen Glauben gefunden –, ließ mich dann aber doch von ihrem Insistieren weichklopfen. Janov hatte viel mehr Pepp, er hatte die sprudelnde Leichtigkeit und Unbekümmertheit der 60er Jahre, wandelte in den Gruppen spielerisch zwischen den sich am Boden im Urschmerz wälzenden Patienten herum. Zu dieser Zeit verharrte der Reichianismus nach Reichs Tod im tragischen Dunkel der Unproduktivität und feierte dann in einerseits Mystizismus und andererseits Szientismus und Mechanismus fröhliche Urständ, als ob es Reich nie gegeben hätte. Laska war davon nicht betroffen, aber den interessierte die Praxis nicht. Ich blieb aber trotz der echt neuen Dimension und staunend-begeisterten Lektüre des „Urschreis“ auch noch Reichianer. Ich war da nicht dogmatisch. Je mehr ich aber in die Theorien anderer eintauchte, desto mehr verschwand meine eigene Theorie. Die Fremdtheorien konnten gut die Dürftigkeit der Eigentheorie kaschieren. In meinem Kopf änderten sich die Dinge. Die Aktivität meines Kopfes stieg an, aber er wurde jetzt mehr von außen aufgefüllt. So verläuft wohl der Lernprozeß eines jungen Menschen: Sein Hirn saugt auf; er will wohl von anderen lernen, hat selbst nicht genug in sich bzw. hirnanatomische Leerstellen. Das ist sicher richtig so, wenn es um ein Handwerk und generell das Außen geht, aber für das innere Verständnis ist es nicht so gut, da sollte sich das eigentlich von Innen her entwickeln. Doch wenn das Innen von Schmerz überschwemmt ist, geht das nicht; dann will man sich lieber von außen steuern lassen. Daß sich meine neue Eigentheorie – die Wahrheits-Theorie – wieder in den Hintergrund schob und den Fremdtheorien das Feld überließ, lag natürlich hauptsächlich daran, daß die Wahrheitstheorie zwar durchaus zu stimmen schien, aber nicht auf mich selbst anwendbar war: Die Gefangenschaft hatte nämlich präzise etwas mit jenem Schmerz zu tun. Aber wahrgenommen habe ich davon nichts – höchstens eine riesige Angst davor, meiner eigenen Theorie zu folgen. 3.6. Abonnent von Laskas Wilhelm-Reich-Blätter Mein Interesse an Wilhelm Reich blieb bestehen. In den Reich-Taschenbüchern war eine Reklame für Bernd A. Laskas Wilhelm-Reich-Blätter (WRB)207. Ich kann mich nicht daran erinnern, ob ich schon zu DDR-Zeiten Abonnent wurde oder erst jetzt, 1980, nachdem ich in den Westen nach Frankreich gegangen war; sehr wahrscheinlich letzteres. Ich war auch Abonnent von emotion208, die Zeitschrift des Reichianers Bernd Senf, der in den 2010er Jahren als Finanzsystemkritiker in Oppositionskreisen ziemlich populär werden sollte. (Da war Senf dann so eine Art Gesellianer und forderte eine „Monetative“. 1976 hatte er noch als Marxist gegen Laska gewettert, der damals schon Gesell in den Blättern featurte209 und Gesell 1982 dann eine Stirner-Verträglichkeit bescheinigte: „Gesells Wirtschaftstheorie […] könnte […] Stirners Philosophie sinnvoll ergänzen.“210) Ich hatte auch die Offshoots of Orgonomy von Lois Wyvells abonniert und eine französische Zeitschrift, die in ihrem Namen etwas mit Orgonomie und einen Windhund als Logo hatte. Im Laufe der nächsten Jahre habe ich mir – trotz des Janov-Erlebnisses – auch noch alle mögliche reichianische Literatur von Lowen über Pierrakos bis Keleman gekauft, aber auch alles von Fritz Perls. Die WRB gab es bis 1982; danach hatte ich eine Laska-Latenzperiode, da Laska vom Radar verschwand – bis zur Gründung seines LSR-Verlages drei Jahre später. Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann und wie, in welchen Umständen, ich zum ersten mal etwas von LSR gehört habe und dann die LSR-Bücher gekauft habe. Hatte Laska seine alten WRB-Abonnenten mit einer LSR-Werbung angeschrieben? Damals gab es kein Internet – wie habe ich denn von LSR erfahren? … Ich kann mich übrigens auch nicht daran erinnern, wann und wie ich zum ersten mal etwas von Stirner gehört habe. Laska hatte in Heft 3,4/79 der WRB Helms‘ „Die Ideologie der anonymen Gesellschaft“ rezensiert.211 Ich werde mir wohl alle WRB-Ausgaben nachliefern lassen haben, dann auf die Rezension und Stirner gestoßen sein und mir dann wohl den „Einzigen“ gekauft haben. Aber auch daran habe ich keine Erinnerung. Aber daß es ein schönes Erlebnis war, wenn die blauen DIN-A-5-Hefte der WRB per Post ankamen, daran erinnere ich mich jetzt, wo ich darüber schreibe. Jedenfalls hatte ich seit den WRB-Zeiten an Laska einen Narren gefressen, hielt ihn für sehr interessant und ihm für die nächsten LSR-Jahrzehnte die Treue, auch wenn ich jetzt eher Janovianer war. 3.7. Ungenügende Janov-Rezeption des Reichianers Laska In reichianischen Kreisen wurde Janov mißliebig beäugt. Ich war aber nicht der einzige Reichianer gewesen, der in der janov‘schen Theorie und Praxis einen Fortschritt gegenüber Reich gesehen hatte. Meine Gründe dafür habe ich schon an verschiedenen Stellen ausgeführt. Es ist für mich kein Zufall, daß der letzte Aufsatz in der letzten Ausgabe von Laskas Wilhelm-Reich-Blätter Janov und dem Vergleich von Vegeto- und Primärtherapie gewidmet war.212 Ich hätte diesen Aufsatz von Matthias Sprengler jetzt gern nach 43 Jahren noch einmal nachgelesen, aber leider ist der Artikel – im Gegensatz zu den anderen dieser WRB -Ausgabe – von Laska nicht online hinterlegt worden, und ich habe meine WRB-Sammlung leider nicht mehr. Wenn ein Leser mir vom Sprengler-Artikel eine Kopie senden könnte, wäre ich sehr dankbar. Eine typische reichianische Kritik an Janov lautete damals so: In der Primärtherapie werde „die Energie zu sehr über den Mund abgeführt“ und die „Abfuhr über den restlichen Körper vernachlässigt“. Die Reichianer waren unverbesserliche, dogmatische und wirklich vulgäre Mechanisten, absolut schrecklich. So vulgär hat aber Laska garantiert nicht argumentiert. Als ich das mit dem Zufall Laska einmal sagte, konnte er das nicht nachvollziehen – er kannte Janov einfach nicht genug bzw. war erheblich negativ voreingenommen. Für mich dagegen war das WRB-Nachfolgeprojekt gut als LSRJ vorstellbar. Wie weit Laska bezüglich Janov von den Tatsachen entfernt ist, zeigt er in einem kurzen WRB-Artikel aus dem Jahre 1981 über Hans Krieger213. Den lobt er für seine „hervorragende“ journalistische Arbeit über Wilhelm Reich in Die Zeit von 1969, die „wohltuend“ von anderen „abstach“. Krieger sei „sicherlich der Journalist, der hierzulande am meisten dafür getan hat, dass Reichs Werk einem breiten Publikum bekannt wurde“. Aber dann wirft er Krieger vor, ab 1975 „überraschenderweise einen neuen und anderen Ton anzuschlagen“. Krieger scheint sich – wie ich – etwas weiterentwickelt zu haben, was Laska als eine „geschickt getarnte, vielleicht auch noch nicht eindeutig festgelegte Reich-Feindschaft“ interpretiert (dieses Paranoid-sektenhafte hatte Laska in den nächsten Jahren gottseidank – aber nicht vollständig – verloren). Doch schließlich erscheint in diesem Jahr 1981 ein weiterer, zum Teil auch wieder Reich gewidmeter Krieger-Artikel in Die Zeit, nach dessen Lektüre Laska Krieger vollends als Reich-Mitkämpfer (oder Sektenmitglied) verloren gab: Dieser habe „inzwischen gründlich seine Abkehr von bzw. Wendung gegen Reich vollzogen“214. Laskas Krieger-Kritik in Hinblick auf die chronologischen Prioritäten bezüglich Reich, Alice Miller und Janov ist richtig. Aber daß Krieger als Reich-Abtrünniger jetzt Janov über den grünen Klee lobte und diesen gar als „Aussenseiter und Ketzer, der von der Analytikerzunft als Scharlatan verachtet“ bezeichnet, läßt Laska förmlich ausrasten. Krieger sagt von Janov exakt das, was Laska bis dahin unablässig von Reich gesagt hatte und was offenbar Reich vorbehalten zu bleiben hatte. Laska als beleidigte Leberwurst mit dem sarkastischen Neid des treu in der Sekte Verbleibenden: „Jetzt aber nimmt der mutige Krieger einen neuen Verstossenen unter seine Obhut.“ (Laska kritisiert Krieger für dessen Sektenhaftigkeit!) – Das geht ja nun mal gar nicht! „Von Neill und Reich kein Wort mehr! Dabei hat Reich, was dem intimen Kenner Krieger zweifellos bekannt ist, in einem Artikel mit dem sehr treffenden Titel ‚Eltern als Erzieher – Der Erziehungszwang und seine Ursachen‘ die Hauptgedanken, die sich bei Miller und Janov zu diesem Thema finden, schon im Jahre 1926 formuliert, also erstmals vor mehr als einem halben Jahrhundert!“, womit Laska, wie schon gesagt, sachlich recht hatte. Doch mich interessieren hier weder die Prioritätenfrage noch die Frage, wer von den allen vieren der größte Ketzer ist. Mir sind die Urteile der „Analytikerzunft“ völlig egal, ich habe mit diesen Streitereien überhaupt nichts am Hut. Mich interessieren Reich und Janov nur in der Sache selbst, nämlich als Leute, die gewisse Beiträge auf dem Weg einer Ermöglichung der Eignerwerdung geleistet haben – als Vorläufer der Tiefenwahrheit als dem LSR-Verfahren –, und nicht, ob sie Ketzer waren. (Bei der Prioritätsfrage bin ich schon etwas eigner; so hat z.B. Laska den Begriff „Tertiärverdrängung“ von mir.) Und in dieser Sache ist interessant, was Laska über Krieger sagt. Dabei kommen einige für unser hiesiges Thema interessante Dinge zur Sprache. Laska „mutmaßt“ nämlich darüber, welche „tieferen Ursachen seine [Kriegers] ‚Amnesie‘ [in bezug auf Reichs Priorität]“ haben könnte (also welche – das sage ich jetzt, PT – „Repulsion und Dezeption“ im Falle Krieger vorliegt). „Möglich wäre“, so Laska, „dass er bei einer reich‘schen Therapie, der sich zu unterziehen er als Münchner eine bequeme Möglichkeit gehabt hat [Walter Hoppe], in seinen Erwartungen enttäuscht wurde, durch eine janov‘sche Therapie dann aber das fand, was er sich gewünscht hat.“ Das könnte so gewesen sein, und das wäre ja auch gut so gewesen, wie Klaus Wowereit sagen würde. Angesicht der Tatsache, daß Hoppe ein Orgon-Spinner war, nähme es überhaupt nicht Wunder, wenn Krieger ihn als Therapeuten dankend abgelehnt hätte. Es wäre ganz und gar nicht überraschend gewesen, wenn Krieger, nachdem er sich weiterentwickelt hatte, mit Hoppe nichts mehr anfangen konnte. Und auch Laska als generellen Therapieskeptiker dürfte das eigentlich nicht überraschen. Falls Krieger also tatsächlich eine janov‘sche Therapie gefunden und gemacht haben sollte, mit der er zufrieden gewesen ist, dann wäre das nur ein Grund zur Freude. Wie tief diese Zufriedenheit gewesen wäre, geht nur Krieger was an, aber ich kann mich ja mal zum Objektivisten machen: Daß er sich mit Opium zufriedengegeben hätte, ist möglich, aber seine Intelligenz und Vertrautheit mit der Materie spricht eher dagegen. Ja, Krieger könnte, so spekuliere ich, in einer janov‘schen Therapie – wie Laska verächtlich-sarkastisch sagt – tatsächlich genau das gefunden haben, was er sich gewünscht hat und wonach er, relativ mündig und ziemlich gut informiert, bei dem reichianischen Startherapeuten Walter Hoppe erst gar nicht gesucht hat.Falls dies so gewesen wäre“ fährt nun Laska seinerseits in seiner Spekulation fort (daß Krieger „durch eine janov‘sche Therapie dann aber das fand, was er sich gewünscht hat“), „kann ich nur hinzufügen, dass m. E. für die Reich‘sche Therapie in weit grösserem Masse das zutrifft, was Freud einmal über die Psychoanalyse gesagt hat: ‚...ich glaube nicht, dass unsere Heilerfolge es mit denen von Lourdes aufnehmen können.‘“ Freud macht in diesem Satz zweierlei: Er gibt zu verstehen, daß die Psychoanalyse nur mäßig erfolgreich ist, und wertet die Psychoanalyse dann gleichzeitig aber in einer Weise wieder auf, die angesichts des mäßigen Erfolges gänzlich unangebracht ist, indem er nämlich sagt, daß, wenn es überhaupt Erfolge anderer gäbe, diese sowieso nur eingebildet seien. So etwas halte auch ich – obwohl es mich eigentlich nichts angeht – sehr oft für den Fall, aber hier will Freud damit nur von seiner schlechten Psychoanalyse ablenken. Um von der Sinnlosigkeit des analpsycholytischen Geschwätzes abzulenken, versteckt er die ausbleibenden, gar nicht entstehen könnenden Erfolge in Witzischkeit, und wendet dafür eine Technik an, die er in seinem, hier bereits angeführten Buch „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten“ erklärt hat: die Unifizierung. (Die ist mir aus der Zeit meiner Freud-Studien vor 48 Jahren noch gut erinnerlich.) Im so hergestellten beißenden Sarkasmus wird die Einsicht des Mißerfolgs ertränkt: Durch das Kleinmachen der anderen macht er sich zwar nicht groß, rettet sich und seine erfolglose Methode aber. Jetzt kann er weiterhin zynisch Patienten annehmen und diese sinnlos „behandeln“ – entgegen seines eigentlich besseren Wissens und gegen riesige Honorare. Reich macht das – wie wir später sehen werden – genauso, hat aber dafür wenigstens einen absolut triftigen Zweck – einen „höheren und heiligen“, würde Stirner sagen –: Geld für den Krieg gegen die Außerirdischen zu generieren. Welcher Zweck das bei Freud gewesen sein könnte, weiß ich nicht; vielleicht war es reine vorsätzlich-betrügerische Ausbeutung ohne im Gegenzug erbrachten Unterhaltungswert, ohne Sensationbespaßung des Publikums. Nun zu Laskas Satz zurück (in dem jener Freuds steckt): Das „in weit grösserem Masse“ heißt nicht etwa, daß die „Reich‘sche Therapie“ noch erfolgloser ist als die Psychoanalyse, sondern ganz im Gegenteil: daß sie von höherer Qualität als diese ist. Er wertet sie also noch mehr auf als Freud die Psychoanalyse: eine doppelte Aufwertung. Die reichianische Therapie hebt sich also noch mehr vom Pseudoerfolg und der Autosuggestion der Lourdes-Pilger ab: Wir armen Opfer des Großen Irrationalismus der Deppen dieser Welt sind wahrlich die einzig Seriösen. Auch die Witzischkeit verdoppelt sich: Freuds und Laskas zusammen in einem Satz: eine geballte sarkastische Kraft. Laska ist noch mehr als Freud das, was beißend sarkastisch sein will – weil auch der Sarkasmus hier „in weit grösserem Masse“ erscheint –, und zwar mit dem einzigen Zweck, die janov‘sche Therapie noch mehr fertigzumachen als es Freud mit seinen lachhaften Mitbewerbern tut, und sie richtig zu disqualifizieren. Jetzt fällt der Vernichtungshammer doppelt so schwer sowohl auf Krieger als auch auf die janov‘sche Therapie herab. Beide Abtrünnigen werden vernichtet und zermalmt, wie man das von Marxens überaus witzischer Behandlung Stirners kennt. Es ist nun absolut ausgeschlossen, daß es auch nur einen Hauch von Positivem sowohl bei Krieger als auch bei Janov gibt. Krieger, von dem es gerade noch hieß, er hätte „hervorragende“ Leistungen und „Wohltaten“ vollbracht, stellt sich jetzt plötzlich als absoluter Dummi heraus – nur noch vergleichbar mit Lourdes-Pilgern. Dieser tiefe Fall Kriegers – ist er tatsächlich nur mit „Repulsion und Dezeption“ der reich‘schen Wunderlehre zu erklären? Hat auch Krieger zu viel von Reichs aufklärendem Licht und von genital-orgastischen Orgonstrahlen abbekommen, die er nun nicht „tolerieren“ kann, und wehrt sich nun verzweifelt dagegen? Laska macht es sich in seiner Reich-Idolatrie ganz schön leicht. Doch das Freud-Zitat war noch nicht zu Ende; Laska zitiert weiter: „‚Die Psychoanalyse begann als eine Therapie, aber nicht als Therapie wollte ich sie Ihrem Interesse empfehlen, sondern wegen ihres Wahrheitsgehaltes.‘215“ Das Zitat scheint also aus einem Brief oder aus einer Ansprache in einem Buch zu stammen. Es gibt da wohl eine Person, die – da in Freuds Augen satisfaktions-, d.h. kommunikationsfähig – dafür erkoren wurde, nicht ausgebeutet zu werden. Diese Person soll keine Therapie machen, soll sich nicht einmal dafür interessieren. Die Zeiten, wo die Psychoanalyse eine Therapie war, so der scheinselbstkritische Freud, sind längst vorbei; Freud wischt diese mit einem Handschlag weg. Was an der Psychoanalyse aber noch von Wert sei und worin sie überhaupt noch ihre Existenzberechtigung habe, das sei nichts Praktisches, sondern etwas rein Theoretisches. (Das Eingeständnis eines totalen Scheiterns; die Psychoanalyse ist für Linkshegelianer, die praktisch werden wollen, wertlos.) Seine Theorie hätte nämlich, sagt Freud, einen „Wahrheitsgehalt“. Wenn die Psychoanalyse als Praxis ausscheidet, kann dieser Gehalt an Wahrheit aber nicht sonderlich groß sein. Vielleicht hätte die Psychoanalyse es noch zu etwas bringen können, wenn sich ihr „Wahrheitsgehalt“ noch etwas vermehrt hätte? Auf jeden Fall scheint Freud davon auszugehen, daß seine Psychoanalyse zumindest als Theorie etwas Wahres habe, in einem gewissen Maße wahr sei. Auf die Idee, den „Wahrheitsgehalt“ als etwas Praktisches zu sehen, nämlich daß der Patient sein antrainiertes psychoanalytisches Kauderwelsch fallen und strikt und simpel seine eigene Wahrheit jenseits allem Theoretischem sprechen lassen könnte, kam Freud nicht. Was für uns hier aber bemerkenswert ist, ist, daß Freud die Psychoanalyse – im Zusammenhang mit ihrem praktischen Scheitern –, in Verbindung mit Wahrheit bringt bzw. in dem Moment auf die Wahrheit zu sprechen kommt. Er scheint da einem großen Ding auf der Spur gewesen zu sein. Vielleicht ließe sich ja eines Tages doch noch einmal auf die Praxis zurückkommen? Vielleicht ließe sich ja der „Wahrheitsgehalt“ auch noch steigern, wenn man vielleicht etwa der subjektiven Wahrheit des Patienten einen größeren Raum ließe und eine größere Bedeutung beimäße? Was für eine Theorie gilt – je wahrer, desto richtiger –, das könnte ja auch in einem Therapieverfahren gelten. Wenn die Wahrheit einmal zur Debatte steht – warum dann eigentlich nicht auch in bezug auf den Patienten? – Nicht nur, daß die Psychoanalyse als Theorie wahr wäre – zu einem Teil jedenfalls –, sondern daß die Wahrheit bis nach unten zum Patienten in die Praxis durchgereicht würde. Ich glaube aber nicht, daß Freud in diese Richtung dachte. Vielmehr wird er an solche Dinge wie „Ödipuskomplex“, „Todestrieb“ und andere sehr schlaue Ontologien als „Wahrem“ gedacht haben. Eine solche Vergrößerung des „Wahrheitsgehalts“ wird dann wohl wenigstens und zweifellos die reich‘sche Weiterentwicklung der Psychoanalyse zur Charakteranalyse gewesen sein. Sie hatte nicht nur ein wahreres „Menschenbild“ – die bis dahin nicht beachtete Bedeutung der alles überstrahlenden Grundeinstellung eines Menschen –, was für sich genommen uninteressant wäre, sondern: Reichs Patienten konnten sich nun praktisch dem Analytiker mehr in ihrer Wahrheit zeigen und dadurch ihr Selbstgefühl erweitern. Reich legte das Augenmerk nicht mehr auf das Was, sondern auf das Wie. Dieses Wie zeigt in viel größerem Maße als das Was sowohl auf das Existenzielle als auch auf das Subverbale und geht sofort in die Tiefe, wo allein die Chance auf Verschmerzung besteht. Reichs Charakteranalyse ist ein großer Schritt in Richtung Tiefenwahrheit. In der Tiefenwahrheit freilich spielt auch das Wie keine Rolle mehr, weil von vornherein das Existenzielle das Sagen hat. Kein Therapeut muß mehr Wege – weder über das Was noch über das Wie – in die Tiefe eines Patienten suchen; den schlägt jeder selbst und alleine ein. Die Weiterentwicklung zur Vegetotherapie und erst recht danach zur Orgontherapie stellen aber krasse Rückschritte in dieser Hinsicht dar. Die Patienten beschwerten sich zurecht, daß sie so gut wie gar nichts mehr sagen durften: „Reich half mir hauptsächlich im Umgang mit meinem Körperpanzer, weit weniger mit meinen psychologischen Problemen. Er schien nicht besonders daran interessiert zu sein, meine Beziehungen zu Leuten wie Grethe oder meiner Mutter im einzelnen durchzugehen“, sagt Reichs Schüler und Patient Myron Sharaf.216 Reich war mit seiner Charakteranalyse wohl in ein zu heißes Fahrwasser geraten und hatte darauf den Rückzug bzw. die Flucht in den Mechanismus und das kosmische Ingenieurswesen angetreten. Wenn Laska mit „Reich‘scher Therapie“ die Charakteranalyse gemeint hat, so wäre des Therapieskeptikers Lob und Bevorzugung gegenüber der „janov‘schen Therapie“ in der Diskussion mit Krieger einigermaßen rational. Laska scheint zwar etwas mehr Schimmer von Janov gehabt zu haben als der Populärphilosoph Jochen Kirchhoff von La Mettrie, aber er war zu sehr Sektenmitglied und durfte sich ganz sicher nicht eingehender mit Janov beschäftigen, sonst hätte er leicht erkannt, daß Janov eine größere Nähe zu Stirner hatte als Reich, oder sagen wir besser – Laska hat ja erst nach der letzten Ausgabe der Wilhelm-Reich-Blätter richtig Stirner für sich entdeckt –, daß Janovs Entfremdungskritik eindeutig radikaler war als die Reichs. 3.8. Janov viel eher Stirnerianer als Reich Wir wollen auch nicht vergessen, daß Laska sein kurzes Janov-Bashing 1981 geschrieben hat – zu einer Zeit, wo er sowieso schon kein Interesse mehr an Therapie hatte und diesbezüglich desillusioniert und fast zynisch war. Wahrscheinlich hätte er, wenn er aufgeschlossen gewesen wäre, dann sogar – neugierig und ermutigend – Krieger recht gegeben, wenn dieser Ausschau nach einem anderen, vielleicht effizienteren Verfahren, als es – das wußte Laska – das reich’sche und reichianische war, gehalten hat (falls die obige Spekulation überhaupt zutrifft). Ich betrachte ja auch – wie wir in diesem Text bald sehen werden – die janov‘sche Therapie äußerst kritisch und die von ihm behaupteten Erfolge seiner Therapie mit großer Skepsis. Ich war, wenn überhaupt, nur kurze Zeit Mitglied der Kirche des Urschreis. Viele „Erfolge“ waren tatsächlich opium- bzw. lourdes-induziert; von schweren Mißerfolgen weiß ich jedenfalls aus persönlicher Erfahrung, aber darauf kommen wir später zu sprechen. Aber erstens könnte es tatsächlich Erfolge gegeben haben, zu denen Krieger ja möglicherweise gehört hat (das ist ja, ganz unabhängig vom rein Faktischen, ob er eine solche Therapie angetreten hat, sehr schwierig festzustellen und geht uns ja eigentlich auch nichts an; diese Feststellung muß letztlich allein und gänzlich dem Subjekt überlassen werden. Ich selbst habe zumindest einen Patienten von Janov kennengelernt, bei dem die Therapie offensichtlich ein Erfolg gewesen war). Und zweitens ist es für mich sowieso klar, daß die Orgontherapie aus den hier im weiteren Text genannten Gründen zum Teil tatsächlich Lourdes-Niveau hat, jedenfalls von vornherein überhaupt keinen wirklichen Erfolg im Sinne einer Eigner-Werdung zeitigen kann. Wovon Laska aufgrund von Repulsion Janovs wegen drohender seriöser Kritik am Sektenführer Reich nichts wissen konnte, ist, daß Janov allein schon insofern ein erster Schritt aus der Therapeutenzunft heraus in Richtung Stirner war, als es bei ihm nicht mehr um Körper und Geist ging (weder als Dialektik noch als „Gemeinsames Funktionsprinzip“ – common functioning principle CFP). Der Anarchist Janov217 hatte zwar auch eine meta- und erkenntnistheoretische Seite (ebenfalls marxistisch inspiriert, nicht zum Funktionalismus vordringend), aber die trat angesichts des von ihm dargestellten Erfahrungsmäßig-lebendigem völlig in den Hintergrund, hatte keinerlei Bedeutung. 3.9. Janov als faszinierende, stirneristische Fremdtheorie. Erste Tendenz zur Verschmelzung mit Eigentheorie Wenn Janov ins Philosophieren kam, konnte ich, von Reich kommend, nur müde lächeln. Aber das Philosophische spielte mit einem mal überhaupt keine Rolle mehr. Janov war malgré lui zum Post-Philosophen geworden. Janov sprach zwar wie Reich tatsächlich noch von Körper und Geist, aber das überging man angesichts des Inhaltes, den er präsentierte. Und da gab es keinen Körper und keinen Geist mehr, sondern nur noch eins: das Ich. Ich abstrahierte einfach in meiner Janov-Lektüre davon, wenn er glaubte, auf körperliche und geistige Abwehrformen und dergleichen Schnickschnack aufmerksam machen zu müssen. Ich habe Angst, ich verdränge usw. – nicht mein Körper oder mein Geist. Das war für mich die wichtige Botschaft. Das war wie bei Stirner, aber ich kannte Stirner da auch noch nicht. Als ich Stirner kennenlernte, sprang mir die große Verwandtschaft der beiden ins Auge. Janov hatte aber den Vorteil, daß er ein Praktiker war – wie effizient im Sinne Stirners und des Eigners auch immer. Aber ein nach Reich weiterer, ein großer Schritt in Richtung einer Stirner-Praxis war getan. Ich formuliere es noch mal in meiner damaligen Sprache und in bezug auf meine Eigentheorie, die sich jetzt langsam mit einer Fremdtheorie zu vereinigen begann: Bei Janov konnte man sich selbst in seiner Wahrheit sprechen lassen. Peter Nasselstein irrt, wenn der den reich‘schen „Funktionalismus“ als „das ungepanzerte, ‚wilde‘ Denken“ bezeichnet218. Ein Wilder – ein Eigner – sagt sich nicht: „Mein Geist hat Angst, und mein Körper hat Angst – sie sind funktionell identisch“, genauso wenig, wie er davon sprechen würde, daß es eine „Dialektik zwischen seinem Geist und seinem Körper“ gäbe, wenn er Angst hat. Eine Theorie, eine Meta- oder Erkenntnistheorie brauche ich als Wilder nicht. Wild – eigen – ist, zu sagen: Ich habe Angst, nicht mein Körper, nicht mein Geist. Ok, das dazu. Aber wovor habe ich eigentlich Angst? Auch hier machte Janov große Fortschritte. Bei den Reichianern heißt es: vor Bestrafung: „Panzerung wird durch die Angst vor Strafe und durch Schuldgefühle hervorgerufen, die dem Kind eingeflößt werden (du darfst das schmutzige Ding nicht anfassen).“219 Aber das stimmt nicht. Was hat denn eine Bestrafung an sich, daß man sich gegen sie abpanzert? Wenn man bestraft wird – was bewirken dann die physischen oder seelischen Schläge? – Es ist etwas höchst Unangenehmes, es ist – ganz einfach – Schmerz! Das nicht zu sagen, ist ein krasser Verstoß gegen die nötige Subjekt-Orientierung und gegen die Phänomenologie! (Aber Phänomenologie kann nur subjektiv sein, also wird jeder Einzige selbst sagen, wovor er Angst hat.) Ich habe also Angst vor dem, was unter der Bestrafung liegt: dem Schmerz. Das gleiche gilt generell für die Nichtbefriedigung von Bedürfnissen oder für Verletzungen: Sie erzeugen Leid und Schmerz. Janov markiert also auch insofern einen Fortschritt gegenüber Reich, als Reich ja nirgends klipp und klar sagt, warum überhaupt ein Panzer aufgebaut wird (nämlich, weil etwas weh tut) und wogegen man sich schützt (nämlich gegen den Schmerz). Er läßt diese entscheidende Empfindung einfach weg! In keinem einzigen Register eines Reich-Buches kommt der Begriff „Schmerz“ vor! Auch nicht in den Büchern seiner Schüler, von denen ich aber nur gerade drei da habe: Baker220, Boadella221, Sharaf222. Das kann doch nicht wahr sein! Ich hatte bei Janov wieder einmal das Gefühl, daß mir etwas wie Schuppen von den Augen gefallen ist – daß ich wieder mal etwas Wahres entdeckt hatte, das ich in meine Eigentheorie aufnehmen konnte, die dadurch an Inhalt gewann – so wie es der Fall gewesen war, als ich Reichs Kritik der Teleologie gelesen hatte. Es stimmte einfach! Diesen Effekt hatte ich sechzehn Jahre später nochmal auf einem gänzlich anderen, nämlich historisch-politischen Gebiet, als auf dem der äußeren Wahrheiten. Ein Freund hatte mich auf Kriegspropaganda aufmerksam gemacht, die nach dem Krieg unkritisch Eingang in die Historiographie gefunden hatte bzw. von dieser ungeprüft übernommen worden war. Lügen hatte ich somit für etwas Wahres gehalten; sie fielen jetzt weg, und irgendwie war das auch in einer gewissen Weise schmerzlich, „traumatisierend“; ich entwickelte jedenfalls in dem Moment ein Magengeschwür. Auch ich hatte mich gründlich verarschen lassen, aber ich war selbst schuld – wie hatte ich Idiot auch davon ausgehen können, daß es keine Kriegspropaganda gegeben hatte bzw. daß diese nicht nach dem Kriege – unsere Niederlage war vollständig – weiterwirkte und unser Leben weiter beeinflußte? Doch zurück dem viel tiefer sitzenden Schmerz: Bei Janov dagegen kommt „Schmerz“ nicht nur vor, sondern ist es der absolut prominente Begriff. Aber noch zentraler, weil noch wichtiger, ist der von ihm eingeführte Begriff „Urschmerz“, weil es der Urschmerz erst – über den integrier-, also aushaltbaren Schmerz hinaus – ist, der das Abschalten, das Verdrängen, die Verpanzerung, also die Vernichtung des Eigners bewirkt. Schmerz kommt von einer Verletzung; Urschmerz von einem Trauma. Wo man definitiv abschaltet und sich entfremdet, dafür gibt es – über die Verletzung hinaus – zurecht einen eigenen Begriff: „Trauma“. Irgendwann gibt das Kind auf, verhärtet sich innerlich oder tötet sich anders ab und hört auf zu schreien; der Schrei verwandelt sich in einen nicht mehr erfolgten Urschrei; dem Kind bleibt dann sozusagen der Urschrei in der Kehle stecken. Der kommt erst dann raus, wenn das Subjekt wieder eins und ein Eigner werden will und dabei auf die Momente stößt, in denen es sich als Eigner aufgeben mußte.223 Der Verlust des Eigners hat seine tiefste Ursache im Urschmerz. Eigentlich ist es tatsächlich die einzige Ursache, denn nur dieser Urschmerz hat die Kraft, mich selbst zu verdrängen, mich von mir selbst abzuspalten – ein Nicht-Eigner zu werden. An dieser Stelle darf ich den Leser kurz darauf hinweisen, daß ich hier meine intellektuelle Entwicklung schildere und daß ich unter einem Einfluß damals so dachte (mit rückwirkender Hilfe von stirner’schen Begriffen, die ich damals noch nicht kannte). Heute sehe ich Schmerz in einem anderen Kontext: nicht als wissenschaftliches Phänomen, als das ich es hier von meiner damaligen Warte aus darstelle, sondern als etwas, das einfach vorkommt – also was auch dann entstehen kann, wenn man sich öffnet und die Wahrheit ausspricht. Woher dieses Etwas stammt, ist zunächst von keinem Interesse; dieses Woher bekommt vielleicht eine Bedeutung, nachdem man den Schmerz gefühlt hat. Schmerz als Mittel zur Erlangung von Eignerschaft lehne ich als wissenschaftliches, d.h. mechanistisches Überbleibsel bzw. als Vorgabe oder Präskription ab. Eine Präskription kann niemals eignerfreundlich sein. (Doch auch der stirner’sche Begriff „Eigner“ gehört nicht mehr zu meinem Vokabular – das sage ich hier nur der Vollständigkeit halbe, weil wir gerade von Entwicklung und Einflüssen sprechen. Dazu später mehr.) Ich war damals an Wissenschaft als Fremdtheorie interessiert, weil meine Eigentheorie ungenügend war. Von Janovs „Urschrei“ war ich damals jedenfalls völlig hingerissen. Hatte es also doch noch etwas gegeben, was mich alten Psycho-Hasen verblüffen und überrumpeln konnte! Von Janovs Buch ging ein neuer, revolutionärer Schwung aus, ihm war ein echter Aufbruch anzumerken. Janov schien – also in der Theorie – im Vergleich zu Reich, Perls und anderen „humanistischen Therapeuten“ das Subjekt auf absolut subjektive und ungestörte Weise völlig in sich selbst sinken und dort die Gefühle auf absolut erschöpfende Weise bis auf den absoluten Boden fühlen zu lassen. (Das sollte aber nur gelten, wenn der Einstieg an der Stelle der Oberfläche erfolgt, der auch nur vom Subjekt bestimmt wird, d.h. authentisch ist – und das betrifft meine Kritik an Janov, aber dazu werden wir später kommen.) Danke, Marie-Hélène! Ich bin aber trotzdem, nachdem ich Janov entdeckt hatte, noch viele Jahre auch Reichianer geblieben, was mich heute wundert. Ich habe weiter fleißig Reichs Theorien studiert. Davon zeugen diese Aufzeichnungen, die ich gerade gefunden habe, als ich für das vorliegende Buch in einem Reich-Buch recherchierte, und die aus einer Zeit nach meiner Janov-Entdeckung stammen:
Techniken und Grundlagen
für Studierende und prakti-
zierende Analytiker“ (Wien 1933)
Ja, ich blieb noch lange Reichianer. Ich erinnere mich daran, wie bei einem Urlaub mit einem Freund auf Formentera symbolische Sprünge mit unterschiedlichem Angstfaktor von Klippen gemacht wurden, die, je nach Absprunghöhe, verschiedene radikale Methoden repräsentierten: 7,50 m für Gestalt, für Charakteranalyse 10 m, der Urschrei war ganz oben bei 15 m. Vorher, 1981 auf Korsika, habe ich an Leuten vegetotherapeutische und orgonomische Experimente veranstaltet. Das hatte aber auch immer einen humoristischen, einen Sensations- oder Jahrmarkts-Aspekt – ich habe mich wieder mal selbst verarscht: Ich war dort Schwimmmeister am Strand, in der germanischen Blüte meines Mannesalters stehend; die vielen hübschen Frauen mit ihren Avancen ließ ich natürlich links liegen. Zwei Diskrepanzen begannen jedenfalls seit meiner Janov-Lektüre zu schmelzen: die aus (Fremd)theorie und eigenem Erleben (daß ich mich nicht in der Literatur wiederfand) und die zwischen Fremd- und Eigentheorie. Die oben genannten Geraden von Fremd- und Eigentheorie näherten sich jetzt noch mehr an. (Später werde ich gezwungen sein, zugunsten der Eigentheorie die Fremdtheorie, also auch die janov‘sche, ganz über Bord zu werfen.) Die sich jetzt noch mehr bildende Kongruenz aus Eigen- und Fremdtheorie war aber eigentlich gar keine theoretische; vielmehr hat mich Janov bei den Gefühlen gepackt. Ich hatte mich in einigen seine Beschreibungen von Fällen wiedererkannt, die unter irgendeiner Art diffuser, aber großer Entfremdung litten. Janov sprach zwar in seinem Szientolekt auch noch von „Symptomen“, „Neurose“ und dergleichen, aber das war – wie „Geist“ und „Körper“ – völlig nachrangig bzw. uninteressant: quantité négligeable. Im sogenannten Leben wußte ich derweil nach wie vor nicht wirklich etwas mit mir selbst anzufangen, aber wenigstens loderte das Feuer der Emanzipation nun mit Janov neu auf. Ich wollte jetzt, da ich inzwischen im Westen war, endlich praktisch zur Sache kommen. Für mich hat Theorie ohne Praxis überhaupt keinen Sinn (darauf kommen wir im Kapitel 8.5.11. Laskas Ausweichen in die Theorie – seine Kontroverse mit Fritz-Erik Hoevels um die „Praxis“ zurück). Es gibt nur weniges, worauf ich stolz bin, aber daß ich – wie es viele andere tun – etwas lesen und mich damit intensiv beschäftigen würde, ohne das praktisch umzusetzen zu versuchen, kam für mich nie in Frage. Das gilt auch für andere Bereiche, etwa die politische Publizistik, wo ich mich ebenfalls praktisch eingemischt habe. Nur auf einem Gebiet – dem aller-, eigentlich einzig-wichtigem – ließ die Praxis stark zu wünschen übrig … Ich war zwar inzwischen der weiter oben erwähnten emotionalen Falle – der Verstrickung – irgendwie entkommen (habe mich wohl davongestehlt – dieses Stehlen wird später noch oft eine Rolle spielen: sich etwas erstehlen, weil einem das eigentlich frei zugängliche und kostenlose Leben verboten wird). Dafür aber war ich schwer vereinsamt. Ich habe mich nun auf gar keine Beziehung mehr eingelassen – und das für viele, viele Jahre. Was nun besser ist – Falle oder Einsamkeit –, mit dieser Frage bin ich noch heute beschäftigt. Ich tendiere dahin, daß es besser ist, „frei“ zu sein, auch wenn man dann gar nichts mehr hat. Aber das ist so was wie Regen und Traufe, Skylla und Charybdis. Ich stehe lieber im Regen, als daß ich an der Traufe hinge. („Du denkst, du hast ihn drinne; da hängt er in der Regenrinne“, fällt mir da ein.) Aber der Regen ist ein schlechtes Bild, denn die Vereinsamung fühlt sich sehr trocken an. Es ist ja nicht mal ein Regen. Ich stand im Trockenen und litt. Seit der geschilderten Zeit, wo ich es mit einem gewissen Leid zu tun gehabt hatte – das ich aber in meinen Hinterkopf verschoben hatte, von wo aus es mir nur drohte –, waren ein paar Jahre vergangen. Damals hatte ich das nur angedeutet Bedrohliche gedacht, „analysiert“, in einer Sonderzone meines Hirns gehalten (Mutter könnte sterben), aber es mit jenem – nicht-psychoanalytischem – „Über-Ich“ in Schach gehalten. Das war die Zeit der ersten Phase meiner Eigentheorie (Denken-Theorie). Das funktionierte jetzt schon lange und endgültig nicht mehr; an eine intellektuelle Abwehr à la „Denken“ war überhaupt nicht mehr zu denken, während sich aber das diffuse, namenlose Leid immer mehr manifestierte. Aber auch die zweite theoretische Phase – die mit der Wahrheitstheorie – war total utopisch: Nie im Leben würde ich in der Wahrheit leben können! Ich würde in ein riesiges Durcheinander, eine abartige Waschmaschine, einen Malstrom der Gefühle geraten (das Wirbeln der Orgon-Energie!), wenn ich meiner Wahrheit folgen würde. Davor hatte ich eine viel zu große Angst. Das Ding aber ist, daß ich zu der damaligen Zeit von dieser Waschmaschine eigentlich noch gar nichts wußte! Ich hatte nur diese, eigentlich nur vorbewußte Angst, war quasi von der Angst vor der Angst paralysiert. Die Verdrängtheit dieser Angst kommt darin zum Ausdruck, daß ich erst viel, viel später auf den Urschmerz kam, vor dem ich Angst hatte, der hinter dem „riesigen Durcheinander“ steckte.224 Also blieb ich im Nicht-Leben. Daraus folgte, daß ich weiterhin eigentlich gar keine Ahnung hatte, was mit mir im richtigen, cistheoretischen Leben los war. Ich wußte nur, daß irgendetwas nicht so ist, wie es sein sollte. Mein seit jeher gehabtes Gefühl oder meine Erkenntnis, daß mit mir etwas prinzipiell überhaupt nicht stimmte – mein kapitaler Dachschaden –, wurde nun immer deutlicher und virulenter. Ich war mit meinen beiden Eigentheorien gescheitert, jetzt mußte ich mich aber nicht abermals einer fremden Theorie zuwenden – die glaubte ich ohnehin in der janov‘schen als richtiger gefunden zu haben –, sondern jetzt stürzte ich mich verzweifelt in die Praxis. 4. Praktische Erfahrungen mit Psychotherapien – Desaster 4.1. Steckengebliebene Versuche mit Reichianern – nicht der Rede wert Ich hatte wohl in Paris, wo ich seit 1980 lebte, keinen janov‘schen Therapeuten (Primärtherapeuten) ausfindig machen können; ich begann jedenfalls schließlich mit einer reichianischen Therapeutin. Diese war eine Schülerin des damals in Frankreich recht bekannten Psychoanalytikers Roger Gentis225, der mit seinem Buch „Lektionen des Körpers“226, das ich damals besaß, gerade frisch zum Reichianer geworden war (dann aber wohl wieder von Reich abgekommen ist – Krieger von oben läßt grüßen). Das muß so 1981 gewesen sein. Warum ich nur einmal bei dieser Therapeutin war, weiß ich nicht mehr. Ich hatte wohl Angst vor negativen Gefühlen ihr gegenüber („Negativübertragung“). Man muß wirklich ein Grundvertrauen in jemanden und in dessen Strapazierfähigkeit haben, um diese negativen Gefühle adressieren zu können, sprich: um die Wahrheit sagen zu können. Oder man muß selbstbewußt genug und nicht mehr so ängstlich sein. Aber das war ich alles nicht. Die große Klappe habe ich immer gehabt; aber im Grunde war ich, wenn es darauf ankam, ein elendes Häufchen Unsicherheit und ein Mega-Angsthase. Erst viel später habe ich meine riesige Angst nicht mehr wie einen fernen großen Stern auf mich wirken lassen – Angst vor der Angst –, sondern mich ihr – zuerst zögerlich – wie einem nackten König genähert und sie dann genau angeschaut – andere würden sagen: „sie angenommen“.227 Dann hörte ich etwas von einem Bioenergetiker in Deutschland, Wolf Büntig. Ich verließ Paris und hielt mich monatelang im Münchner Vorort Grünwald auf, wo ich einen Job als Hotelboy und Reinigungskraft hatte und auf eine Vorsprache bei Herrn Büntig in München wartete. (Von Walter Hoppe, der wohl zu dieser Zeit vielleicht nicht mehr in München praktizierte, habe ich bei meinen Recherchen nichts mitgekriegt.) Mit meinen wiederholten Anrufen wegen eines Termins für ein Erstgespräch muß ich Büntig auf die Nerven gegangen sein, und er brach den Kontakt ab. Aber die schönen Spaziergänge entlang der Isar mit „Shot of Love“ von Bob Dylan im Walkman sind mir in guter Erinnerung geblieben. 4.2. Bei einer Primärtherapeutin: ein schon etwas ernsthafterer Versuch – zumindest von der leeren Dauer her Wieder zurück in Paris erfuhr ich von der Existenz eines primärtherapeutischen Instituts dortselbst: das INDIP (Institut pour le Développement et l’Intégration de la Personne) unter der Leitung von Claude Allais. Dieser hatte ein Buch „Primäranalyse“228 geschrieben. Es gab dort ausschließlich Gruppensitzungen, bis man reif für jene drei – nach Janov typisch primärtherapeutischen – intensiven und individuellen Isolationswochen war und anschließend wieder in die Gruppe zurückkam. Unsere Gruppentherapeutin hieß Lydia Georgiev. Ich trug mich regelmäßig brav und diszipliniert zu den Gruppensitzungen, die sich über ein ganzes Wochenende hinzogen, aber es passierte nichts. Ich konnte mich nicht beteiligen, mich – bis auf einige Signale meinerseits – nicht „einbringen“ und saß eigentlich nur herum. Die Signale beschränkten sich auf solche Sachen wie, daß ich mich wie ein Rockstar benahm und mit den aktuell modischsten Klamotten in den Sitzungen auftauchte – cooler „New-Wave“-Look war damals in Paris angesagt229 –, während die restliche Belegschaft lose Freizeitbekleidung trug, in denen es sich leichter „fühlen“ und „Gefühle ausdrücken“ ließ. Vor allem blieb ich in den Warm-ups am Anfang einer jeden Gruppensitzung regungs- und beteiligungslos an der Wand gehockt sitzen, während die anderen umher- und an mir vorbeisprangen. Das waren, wie ich viel später erfuhr, „dynamische Meditationen“, bei denen die Teilnehmer wie wild im Kreise herumliefen, alle möglichen unkoordinierten Bewegungen ausführten und tierartige Laute ausstießen. Das sollte wahrscheinlich so etwas wie das stirner’sche Rucken, Recken der Glieder, Schütteln, Aufspringen, Abschleudern des Alps, gedankenloses Juchhe-Schreien und Jauchzen sein. Diese „dynamische Meditation“ stammte aus der Praxis im „Aschram“ von Bhagwan (oder Osho). Ich war wohl in einer Bhagwan-Sekte gelandet. (Später erfuhr ich, daß Primärtherapie bei den „Sannyasin“ schwer angesagt war und daß wohl auch Sloterdijk sie in Oshos Aschram versucht haben mußte.) Tatsächlich rannte Lydia nur in roten Klamotten rum (keiner der Teilnehmer aber), bis sie eines Tages mein Signal erwiderte und plötzlich auch modisch adrett und geschminkt erschien und nur noch ihre Lippen rot waren. Ich habe wohl mit meiner Art von Kommunikation zu ihrer Emanzipation beigetragen. Aber davon hatte ich ja nichts – außer etwas Geschmeichelt-sein. Wir alle bewunderten Pascal, der seine drei Isowochen schon hinter sich hatte und oft gottserbärmlich wie ein Baby weinte. Lydia kümmerte sich vor allem um ihn in der Gruppe. So weit fortgeschritten wollten wir auch mal werden. (Am Ende kriegte ich mit, daß Pascal trotz aller Fortschritte selbst sehr pessimistisch war, was seinen Zustand anging.) Ich war viel zu verklemmt für diese Art Aktivität (aber über meine Verklemmung einfach hinwegzugehen und nur so zu tun, als sei ich nicht verklemmt, war mir auch zu blöde). Ich war froh, wenn die Aufwärmphase endlich vorbei war. Dann gingen die Teilnehmer – entweder im Kreis am Boden sitzend oder zu Paaren – zum Austausch von Gefühlen über. Aber ich blieb genau so cool wie vorher. Was habe ich nur gemacht, wenn jemand – Mann oder Frau – mir gegenübersaß und wir uns irgendwie unsere jetzt entstehenden Gedanken und Gefühle mitteilen sollten? Ich weiß es nicht mehr. Wahrscheinlich hatte ich wieder viel zu viel Angst davor, jemandem sagen zu müssen, daß ich sie häßlich finde oder ihn für ein französisches Spatzenhirn halte. Jetzt fällt mir ein, wie ich auf die Frage, was eigentlich mein Problem sei, antwortete: „Mein Problem ist, daß ich ein Intellektueller bin“, woraufhin Gelächter losbrach. Ich war etwas geschmeichelt, aber beruhigen konnte mich das auch nicht. Ich hatte das ja sehr ernst gemeint (Abgehobenheit, Verarscht-zu-werden-lassen, ein kleiner Spinner zu sein im Vergleich mit den „rielen Viehchern“, die im Leben standen usw. – „real“, ein janov‘scher Ausdruck, war in meinem Freundeskreis zum größten Lob geworden; Stirner benutzte „wirklich“ und „unwirklich“ im gleichen Sinne230). Non, Pietärr, du brauchst keine Angst zu haben, du bist kein Intellektüellär!“ Wenigstens schien ich wohl kein richtiger Intellektueller zu sein. Auf die zentrale Frage, warum man eigentlich eine Therapie beginnt, gehe ich u.a. später im Zusammenhang mit Laskas Behandlung dieser Frage ein (Kapitel 7.2. Die Tiefenwahrheit als Fortsetzung der Psychotherapie und stirneristisches Verfahren der Wiederaneignung (Selbstermächtigung), 8.5. Laskas Überlegungen, sich praktisch einem Verfahren der „Selbstermächtigung“ zu unterziehen und 8.5.9. Laskas Ich-Schwäche treibt ihn zur Negation des irrationalen Über-Ichs der „anderen“ noch weiter in die Pseudosozialität und weg von der Individualität in die philosophische Anthropologie anstatt in die phänomenologische Philosophie). Obwohl ansonsten nichts passierte, blieb ich trotzdem tapfer für ein paar Monate dabei, delegierte meinen Körper brav weiter regelmäßig dort hin, dachte oder hoffte, daß ich doch noch wundersamerweise meine Hemmungen verlieren oder anders eine Eindeutigkeit in meinen Gefühlen und dann auch meinem Handeln finden würde, aber Lydia nahm mich dafür nicht bei der Hand. Das hätte eigentlich in der dreiwöchigen Intensivphase, in der es ausschließlich Einzelsitzungen gibt, passieren können und müssen. Aber so weit kam es nicht: Ich wurde wohl nicht für genug „offen“ dafür befunden. Auf die Idee, daß ich gerade die Einzelsitzungen brauchte, um mich öffnen zu können, kam offenbar niemand. Und ich selbst war wohl zu schüchtern, das vorzuschlagen oder zu fordern. Ich hielt mich wohl für einen schlechten Patienten, jedenfalls für einen, der „noch nicht so weit“ war. Wir zogen aus mit bunten Wimpeln – und kehrten heim mit wunden Pimpeln. 4.3. „Therapie“ bei Janov: die große Enttäuschung Das war es also erst mal wieder mit meiner Therapie-Praxis, bis …, ja, bis eines Tages im Jahre 1982 Arthur Janov höchstpersönlich in Paris aufschlug und dort sein Institut Primal Européen (IPE) gründete, nachdem er vorher ab 1968 Primärinstitute in Los Angeles bzw., ab 1977, auch in Manhattan231 betrieben hatte. Ich bin offenbar nicht gleich 1982 zu Janov gewechselt. Vielleicht war ich zu dieser Zeit noch am INDIP; vielleicht hatte ich es nicht so eilig, zu Janov zu gehen; vielleicht dachte ich auch überhaupt nicht daran, bei ihm Patient zu werden. Vielleicht hatte ich auch – nach der ernüchternden Erfahrung bei Lydia – einfach nur die Schnauze voll von Therapie. – Ich weiß es nicht mehr. Da Janov das Institut Primal Européen 1985 schon wieder geschlossen hat und ich – wie wir gleich sehen werden – ja nur sehr kurz bei ihm war, kann ich also jedenfalls erst 1984 sein Kunde geworden sein. Wie dem auch so, ich fing also irgendwann bei Janov an. Ich maß der Sache eine extrem große Wichtigkeit bei. Mich müssen Gedanken bewegt haben, daß ich hier die letzte Chance habe, überhaupt ein Leben leben, überhaupt in die Welt treten und da sein zu können. Ich kann mich noch heute sehr gut an das Gefühl der Bedeutung erinnern, sehe bestimmte Details im physischen Umfeld des Instituts noch plastisch vor mir, sehe mich auf dem grünen Mittelstreifen der Avenue Foch und dann ins Institut gehen…, alles im Institut, jedes Bild an der Wand war von Bedeutung. Bei dem Meister schlechthin müßte es doch nun endlich richtig losgehen mit der Therapie, die mich von der ganzen Sinnlosigkeit befreien sollte. Also kratzte ich den nötigen Geldbetrag zusammen. Bei der Erlösung spielt ja Geld keine Rolle, also kann ich mich auch nicht mehr an das Honorar erinnern; es wird aber ziemlich hoch gewesen sein. Außerdem kann ich mich nicht daran erinnern, weil es nur zum Teil mein eigenes Geld gewesen ist. Ich hatte mir Geld von meiner Ex-Frau geborgt, das ich – das muß ich zu meiner großen Schande und Traurigkeit gestehen – nie zurückgezahlt habe (sie lebt nicht mehr). Ich füllte meinen Bewerbungsfragebogen aus, aus dem wohl mein „Charakter“ oder Persönlichkeitstyp hervorgehen sollte zwecks optimaler Zuordnung zu dem am besten geeigneten Therapeuten des staffs232, und trat dann die dreiwöchige „Intensivphase“ an. Die wurde bei Janov – im Unterschied zum INDIP – an den Anfang der Therapie gelegt. Für diese Zeit mußte man sich ein Hotel buchen, da man aus seinen gewohnten Verhältnissen herausgerissen werden sollte, um schneller und effektiver den „Widerstand eingerissen“ zu bekommen. In der Tiefenwahrheit gibt gibt es Intensivphasen immer mal wieder, wo man jeden Tag Liegungen nimmt, die dann auch noch bis zu drei Stunden dauern können. Aber das richtet sich nur nach den Bedürfnissen des Wahrsagers. Es ist also idiotische Dogmatik, wenn man Intensivphasen an den Anfang oder in die Mitte einer „Therapie“ legt. Die gesamte Aktion an Janovs Institut war ein kompletter Flop: zigtausend Franken für nichts und wieder nichts. Es ist schlichtweg nichts – rein gar nichts – in dieser „Therapie“ passiert – eine Therapie, die ja immer und überall als – und zwar nur bei Janov und keinem anderen Primärtherapeuten! – so gut wie garantiert erfolgreich und besonders spektakulär und ereignisreich angepriesen wurde! Aber das Verplempern des Geldes war natürlich nicht das Problem – auch wenn ich es wirklich alles selbst bezahlt hätte. Ich habe nach der „Intensivphase“ noch an einer einzigen Gruppensitzung teilgenommen, fürderhin darauf aber verzichtet. Das war aber keine eigentliche Gruppensitzung, sondern eine Art Informationsabend, bei dem Janov u.a. die Episode mit der Popgruppe „Tears for Fears“ erzählte und uns deren Brief an ihn vorlas. Die Musiker waren begeisterte Janovianer, bedankten sich in dem Brief für die Inspiration – ihre erste Platte hieß „The Hurting“ –, aber wollten das inzwischen durch die Musik extra dafür erworbene Geld nun doch nicht mehr für eine Therapie ausgeben, weil es ihnen inzwischen durch den musikalischen Erfolg und das viele Geld gut ging. (In meinem Buch „Pan-Agnostik“ gehe ich noch mehr darauf ein.) Ich habe dieses ganze „Abenteuer“ meines Therapieversuches schon an anderen Stellen beschrieben und kommentiert233 und gehe hier später noch näher kritisch auf die Primärtherapie ein. Das Institut, das ich für meinen Teil als Kunde inzwischen schon verlassen hatte, schloß, wie schon gesagt, jedenfalls 1985 wieder. Das führte zu erheblicher Mißstimmung und zu Protesten seitens der Patienten – deren Therapien wurden ja durch die Schließung unterbrochen. Janov gab sich zwar Mühe, für alle Patienten eine Fortsetzung bei Therapeuten, die in Europa blieben oder irgendwohin in die Welt gingen, zu ermöglichen, aber in wievielen Fällen das geklappt haben wird, weiß ich nicht; die Patienten kamen ja aus aller Herren Länder. Mir war es egal, ich hatte damit abgeschlossen. Janov hat seinen „lieben Patienten und Freunden“ zur Erklärung der Institutsschließung einen Brief geschrieben. Le Monde berichtete damals darüber; ich kann mich nicht daran erinnern. In diesem hieß es: „Ich habe seit 1949 Patienten gesehen, lange bevor die meisten von Euch geboren wurden. Es wird mir immer klarer, daß ich nicht mehr inmitten von Schmerz und Elend leben kann. (...) Ich hoffe, dass Sie verstehen, daß es nach fünfunddreißig Jahren, in denen ich Patienten betreut habe, für mich an der Zeit ist, mein eigenes Leben zu leben. Das ist es, was ich mir auch für Euch alle wünsche, und ich hoffe, daß Ihr das auch mir wünscht. Love.“234 Das war aber – wieder einmal, wie wir noch sehen werden – nicht die Wahrheit, sondern eine Ausrede für das wahre Motiv der Institutsschließung, denn er hat ja bis zu seinem Tod noch sein Primal Center in Los Angeles weiterbetrieben, auch wenn er dort vielleicht nicht mehr so viel mit „Schmerz und Elend“ direkt zu tun hatte und das seinen angestellten Therapeuten überließ. Aber es ist ja absolut klar, daß er nach Paris noch viele Jahre selbst mit Patienten beschäftigt war. Was das wahre Motiv für die Institutsschließung war, kann ich nicht wissen. Vielleicht hatte Janov nach Los Angeles Heimweh. Vielleicht mußte er aber auch ganz einfach nur nach Paris kommen, um dort die Immobilie an der Avenue Foch Nummer 17 im luxuriösen 16. Arrondissement mitnehmen zu können, die ein dankbarer Patient ihm unter der möglichen Bedingung geschenkt hatte, daß er in dem edlen Haus ein Primär-Institut einrichtet – eine vielleicht gewagte Vermutung, aber irgendwie resoniert so etwas in mir. Eine Schenkung eines Ex-Patienten war es jedenfalls tatsächlich. Die Patienten waren nicht nur enttäuscht, sondern auch in Rage, und gründeten zur Wahrung ihrer Interessen eine Patientenvereinigung, die freilich nicht viel gebracht haben dürfte (aber ich kann mir gut vorstellen, daß manche sich, juristisch gut beraten, einen Teil des Honorars zurückgeholt haben). Wieder einmal nicht die Wahrheit“ bezieht sich darauf: Janov legte, wie ich schon sagte, über die Jahrzehnte hinweg auf allen öffentlichen Kanälen den größten Wert auf die Bekanntmachung, daß nur an seinen Instituten echte und hochwertige Primärtherapie mit langjährig von ihm therapierten, ausgebildeten, zertifizierten und autorisierten Therapeuten stattfindet, so daß an seinen Instituten ein Mißerfolg – wie er überall sonst, wo „Pseudo-Primärtherapie“ von Scharlatanen, Möchtegerntherapeuten und Quacksalbern angeboten werde, die Regel sei235 – schlichtweg nicht vorkommen kann. Therapeuten, die seine Institute verließen, verloren, auch wenn sie bei Janov eine abgeschlossene Ausbildung erhalten und bis dahin tadellos an seinen Instituten gearbeitet hatten, damit ihre Autorisierung und waren plötzlich keine Primärtherapeuten mehr. (Eine Ausnahme war wohl seine erste Frau Vivian, mit der er zuerst zusammengearbeitet hatte – zu der Zeit, als John Lennon ihr Patient wurde236 –, und der Janov wohl den Titel „Primärtherapeutin“ nicht streitig machte.) Es gab zwar kein copyright oder trademark auf den Begriff „Primärtherapeut“, trotzdem büßten diese Therapeuten, auch wenn sie sich im Guten von Janov getrennt hatten, einen sehr werbewirksamen Status ein. Die Leute strömten aus der ganzen Welt vor allem zu ihm, Janov, weil der es ihnen in all seinen Büchern so eingeschärft hatte. Wegen der allgemeinen riesigen Nachfrage nach Psychotherapie – und damals, nachdem Janovs Bücher zu Millionen-Sellern geworden waren, besonders nach Primärtherapie – ging aber kein Primärtherapeut leer aus. Viele Jahre später gab mir Janov in einer Email vom 23. August 2016 zu, daß der Therapeut E., der mir von ihm für die anfängliche „Intensivphase“ zugewiesen worden war, „nicht kompetent“ gewesen und bald vom Institut entlassen worden sei. Gibt es einen krasseren und vielsagenderen Widerspruch? Wie ich auf diese damals an Janovs Institut gemachte Erfahrung reagiert habe, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich war ich sehr enttäuscht und traurig. 4.4. Fazit aller gemachten Therapie-Erfahrungen Das Fazit dieser geschilderten Therapie-Versuche lautet: Nichts hat auch nur im entferntesten irgendetwas gebracht, eine praktische Erfahrung mit Psychotherapien, wie es im Titel dieses Kapitels heißt, hat es eigentlich gar nicht gegeben – aber darin lag ja auch eine Erfahrung… Ich hätte etwas ganz anderes machen müssen. Tiefenwahrheit gab es ja damals noch nicht, aber es gab bestimmt z.B. gute, einfühlsame und intelligente Gesprächstherapeuten. Andere sog. humanistische Verfahren wären aber auch viel zu „dynamisch“, also zu grob für mich gewesen. Ich bezweifle, daß ich mich bei diesen hätte öffnen und meinem Eigner eine Chance geben können. Aber es hängt ja immer davon ab, auf wen man trifft; vielleicht hätte mir auch ein guter Gestalt-Therapeut helfen können – oder sogar ein Verhaltenstherapeut! Die Ausrichtungen spielen am Ende nicht die große Rolle, sondern der einzelne Therapeut. Aber wer weiß, was es noch für Hilfen bei existenziellen Problemen ganz außerhalb des Therapiebereichs geben kann, wo vordergründig gar nicht auf eine Veränderung abgezielt wird. Ich habe es immer bedauert, daß ich z.B. nie eine Tiefenwahrheitsliegung bei einer Hure genommen habe. Sicher schon aus Verzweiflung, aber wohl eher aus Neugier heraus ohne wirkliche Hoffnung bin ich etwa 1987 – ich war inzwischen wieder zurück in (West-)Berlin –, nochmal zu einem Bioenergetiker gegangen – für eine einzige Sitzung: Der hat mich nur Gymnastik machen lassen. Ich hätte mich besser gleich meiner Verzweiflung direkt stellen sollen – aber dazu konnte es erst 32 Jahre später kommen237: Jetzt könnte man ja sagen, daß ich selbst nur daran schuld gewesen sei und daß die großartige Psychotherapie ja gar nichts ausrichten konnte gegen so einen eigensinnigen, unkooperativen, störrischen Menschen wie mich. Ich hätte mich mehr anstrengen sollen, die Psychotherapie kann so einem sturen Kameraden nicht helfen. – Dem ist absolut zuzustimmen – deswegen biete ich ja jetzt auch eine Alternative an. Die Psychotherapie hat ja behauptet, etwas von Widerständen und Abwehrverhalten zu wissen und damit umgehen zu können – sie hat das ja jahrzehntelang als ihr größtes Hobby betrieben. Bei der Tiefenwahrheit kommen nicht einmal die Begriffe Widerstand und Abwehr vor!, aber sie tut etwas, damit der Eigner sich wieder schüchtern blicken läßt. Außerdem stimmt es einfach wirklich nicht, daß die Psychotherapie eine Antwort auf große Ich-Schwäche hat. Allerspätestens an dieser Stelle muß etwas anderes her – aber natürlich kein zynischer zen-buddhistischer Verdrängungsdreck als Verlegenheitslösung –, damit auch Leuten geholfen werden kann, die nicht die Spur einer Ahnung von ihrem „Ego“ (Stirner) haben, die so gut wie keine Existenz haben und eigentlich kein wirkliches Subjekt mehr sind. 5. Zurück zur eigenen Theorie – Wahrheitstheorie – und Weiterentwicklung zur Tiefenwahrheits-Theorie Da sich an meinem schlechten seelischen Zustand bei all den Therapieversuchen ja nichts geändert hatte – weil sich ja auch gar nichts ändern konnte, da in der Praxis ja nichts passiert ist –, ich aber weiter das Bedürfnis nach Hilfe in meinen existenziellen Schwierigkeiten hatte, kam ich nun wieder auf meine eigene Theorie der Wahrheit, die ich als Jugendlicher entwickelt hatte, zurück. Diese drängte sich jetzt geradezu wieder auf, und ich hatte noch eine Rechnung mit ihr offen, denn sie war ja prinzipiell richtig: Die Wahrheit sollte für eine bessere Orientierung und die Lösung von inneren Problemen sorgen. Jegliche unangenehme Spannung sei dadurch aufzulösen, daß man immer schön bei der Wahrheit bleibt bzw. zur Wahrheit kommt – die Wahrheit erst mal entstehen läßt. Sie sollte dann innerlich etwas ausgleichen – eine Art Homöostase, wie es die Physiologen sagen – und mich auch in eine veränderte Situation bringen. Das, was in eine Art Stau und in ein Wirrwarr geraten war – durch eine Art Unwahrheit, die irgendwie entstanden war –, sollte sich wieder in einer entspannenden Art neu ordnen. Das war immer noch die gültige, unbestrittene Theorie. Meine Wahrheitstheorie aus dem Jahre 1977 war aber naiv insofern gewesen, als sie überhaupt nicht praktikabel war: Sie war zwar so absolut einfach wie absolut überzeugend. Aber die Wahrheit, die das Genannte leisten sollte, war, wenn man daran gehen wollte, sie auszusprechen, schwierig erkennbar und eigentlich unbekannt. Ich war mit meiner Wahrheit rein konzeptionell, abstrakt und theoretisch geblieben; sie war bar eines konkreten seelisch-emotionalen Inhalts.238 Bei den Fremdtheoretikern aber ging es um diesen Inhalt. Sie sagten, wie dieser Inhalt, wenn er durch Wahrheit entsteht, alles entspannen, lösen und neuordnen konnte. Sie sagten, wie das praktisch zu vollziehen sei. Wegen meiner absoluten Abstraktheit und Inhaltslosigkeit hatte 1984 eine praktische Hilfe von außen hergemußt – deren Ergebnis wir gesehen haben. Es gab keine Wahrheit, die hätte wirken können. Ich bekam nicht die Gelegenheit dazu. Ich wußte das aber weder 1984 noch jetzt, 1987, aus echter Erfahrung noch gar nicht wirklich. Aber zur Schwierigkeit mit der Wahrheit kam hinzu, daß, wenn mal etwas als wahr empfunden wurde, sofort andere, ganz gegensätzliche Wahrheiten aufploppten. Und was ich auch erst in den Jahren ab 1987 durch Erfahrung mitbekommen sollte, war, daß, wenn sich dann endlich eine Wahrheit halbwegs durchsetzte, sie zu erdrückend, überwältigend und brutal war, um angenommen werden und wirken zu können, so daß es – alle Schwierigkeiten mit der Wahrheit zusammengenommen – kein Wunder nimmt, daß das ganze Projekt 1984 bei Janov überhaupt keine Aussicht auf Erfolg haben konnte. Es war also nicht nur 1978 als Jugendlicher überhaupt an eine Umsetzung der Theorie zu denken – eine Art Selbst- oder Alleinversuch war absolut unmöglich! –, es hatte sich später, 1984, auch unter Zuhilfenahme eines Therapeuten, ebenfalls als unmöglich erwiesen. Und das, obwohl ich mir ja extra eine Fremdtheorie und -praxis ausgesucht hatte, die gerade dieses Erdrückende, Überwältigende und Brutale thematisierte – dessen Ursache der alles zunichtemachende Urschmerz war. Ich hatte gewußt und war irgendwie darauf eingestellt und dafür bereit, daß, wenn ich die Wahrheit im Sinne meiner Theorie wirken lassen wollte, ich es mit Dingen zu tun bekommen würde, die die Fremdtheorie beschrieb. Diese Fremdtheorie sagte ja auch etwas darüber, wie man diesem Überwältigenden, das dich von der Wahrheit abhielt, eben doch die Kraft nehmen und der Wahrheit eine Chance geben konnte. Aber das alles hatte ja in einem gigantischen Rohrkrepierer geendet, obwohl der Fremdtheoretiker Janov ja so eindrücklich und ausführlich von jenem überwältigenden Inhalt – und wie der praktisch doch in Gang und freigesetzt werden kann – gesprochen hatte. Später sollte ich begreifen, daß man nicht nur das Überwältigende nicht loswerden, nicht umgehen, nicht austricksen konnte, sondern daß es selbst die entscheidende Wahrheit war: Man mußte sich überwältigen, erdrücken und resignieren lassen. Das sollte dann der Moment sein, von dem ab sich die Wahrheitstheorie zur Tiefenwahrheitstheorie weiterentwickelte. Das Überwältigende und Unaussprechliche kann und soll dir niemand – als „Widerstand“ – wegnehmen, gar „einreißen“. Du mußt es selbst einfach zulassen, höchstens dich dazu ermutigen lassen. Und dann kommt auch der Inhalt, von dem die Fremdtheoretiker sprachen, in Gang und verscheucht die Abstraktheit. Die Tiefenwahrheitstheorie bekam aber ihren Namen erst viel später. Sogar noch im Jahre des Erscheinens meines Buches „Die Wahrheit. Sie sagen und in ihr leben“, 2006, spreche ich zwar oft von der „tieferen Wahrheit“, aber noch nicht von der „Tiefenwahrheit“. Eigentlich wußte Janov auch das – daß man sich resignieren und sich von der oberflächlichsten Wahrheit hinab zu den tieferen, lebensverändernden Wahrheiten herunterfallen lassen muß. Trotzdem hatte die Therapie an seinem Institut nicht einmal ansatzweise funktioniert! Warum nicht? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir noch weit vor die hier schon angedeutete Kritik zurückgehen und die Fremdtheorie noch einmal prinzipiell und von Anfang an einer radikal kritischen Untersuchung unterziehen. Dabei läßt sich nicht ganz vermeiden, daß wir noch einmal auf das in Kapitel 2.8. Der durch Stirner gegebene Ansatz eines Empörungs-, Souveränisierungs- und Aneignungs-Verfahrens Gesagte zurückkommen. Aber wir müssen das, Stirner ist tatsächlich das Kontrastprogramm und die Alternative – zumindest der richtige alternative Ansatz – zu den kritikwürdigen Theorien und Praxen von Reich und Janov. Die Eigentheorie stimmte – zumindest abstrakt. Was stimmte aber konkret an der inhaltlich konkret gewordenen Fremdtheorie und Fremdpraxis nicht? Ließ sich vielleicht doch noch ein Verfahren zur Wiederaneignung des Eigners finden? 5.1. Kritik der Fremdtheorien von Wilhelm Reich und Arthur Janov (Teil 1) Ich mußte jetzt, nach der negativen Erfahrung bei Janov, meine Theorie wieder herbeiziehen – doch diesmal zwingend in der Perspektive ihrer wirklichen praktischen Umsetzung! Ich durfte mich jetzt auf keinen Fall mehr abspeisen lassen. Die Fremdtheorie und -praxis hatte mich schwer im Stich gelassen! Die Fremdtheoretiker hatten versucht, den Inhalt so umfänglich wie möglich zu beschreiben. Das füllte zwar ein Manko bei mir auf. Aber darum ging es ja eigentlich gar nicht. Das hatte nur daher gerührt, daß sie es so als Wissenschaftler, deren Ziel es ist, die Realität zu erfassen und zu beschreiben, gelernt hatten. Aus dieser Erfassung und Beschreibung in Form einer technischen Zeichnung wurden dann Verfahren entwickelt, die genau den Inhalt an der Stelle dessen, was die technische Zeichnung wiederzugeben bemüht war, lösen und in Bewegung bringen sollte, der irgendwie zum Stillstand oder in eine Starre gekommen war. Aber daß man wissen wollte und zu wissen vorgab, welcher Inhalt an welcher Stelle in die Starre gekommen war, war ganz unerheblich, von gar keiner Bedeutung. Worum es nur geht, ist, daß dieser Inhalt sich frei macht, sich löst, hervortritt, aus mir heraustritt, ins Fließen gerät. Wenn es diesen Inhalt gibt, ja dann wird er sich auch manifestieren – wenn man sich nur dafür öffnet. Es geht also um die Öffnung. Und darin sahen diese fremdtheoretischen Autoren auch das größte Problem. Sie hatten es glänzend an mir vorexerziert und bewiesen: daß dieser Inhalt sich eben nicht frei gemacht hat, daß rein gar nichts passiert ist und ich nicht einmal die geringste Chance gehabt hatte, ins Fließen zu kommen. Das größte Problem nannten sie „Widerstand“ oder „Abwehr“. Ganz sicher hatte es also an meiner „Abwehr“ gelegen, an der sie sich so heldenhaft die Zähne ausgebissen haben. Wie widerspenstig ich doch gewesen war! Schauen wir uns an, warum sie so schändlich und kläglich an meiner Abwehr gescheitert waren, aber kommen wir etwas von meinem Fall weg, sehen wir es uns allgemein an: Was war prinzipiell und vom Anfang der Psychotherapie an schiefgelaufen? Die Wissenschaftler machten den Fehler, die Tatsache des Widerstandes – die Angst vor der Öffnung – mit dem Inhalt in Verbindung zu bringen: Es sollte eine spezifische Öffnung gefunden werden und stattfinden. Jetzt sagten sie: Wenn dieser bestimmte Inhalt gelöst werden muß, damit er sich spontan neu ordnen kann, dann muß an einer bestimmten Stelle etwas getan werden, dann muß mit dem Patienten etwas ganz Bestimmtes geschehen, dann müssen wir diesen Patienten zu etwas Bestimmten bringen. Um herauszufinden, an welcher Stelle auf welche Art ein Schräubchen gedreht werden mußte, wurden jetzt unglaublich komplizierte technische Zeichnungen sowohl vom Menschen an sich als auch, davon ableitend, vom einzelnen konkreten Patienten angefertigt, die sehr beachtlich waren und sich wirklich sehen lassen konnten. Der eine Autor, Reich, zerlegte den Körper in Segmente und die Seele in Charaktereigenschaften. Beide – Körper und Seele – seien an jenem Widerstand beteiligt; beide formten einen Gesamt-Charakter, der teils so hart und öffnungsresistent war, daß er „Panzer“ genannt wurde. („Panzer“, weil diesem Autoren am Körper die Muskeln aufgefallen waren, die sich im Widerstand gegen das seelische Material verhärteten.) An beiden Aspekten dieses Panzers müsse nun interveniert werden, durch ihn hindurch müsse Inhalt freigelegt werden; der Panzer müsse erweicht und aufgelöst werden. (Wenn ein Patient mit einem schlappen Tonus kam, war die Sache schon komplizierter.) Dazu zog dieser Autor, Reich, auch das Nervensystem herbei, das sich in der Zeichnung in den Vagus (Parasympathikus) und den Sympathikus teilte. Dieses System sei zum Verständnis des Patienten – also theoretisch: zur Verfeinerung der technischen Zeichnung über das Muskuläre hinaus – und zu seiner effektiveren Manipulation zwecks Beseitigung des Widerstandes – also praktisch – sehr wichtig. Das Nervliche spielte auch bei unserem zweiten Autor, Janov, eine Rolle. Er zerlegte seinerseits das „Abwehrsystem“ in Abteilungen wie „willkürliche und unwillkürliche Abwehrmechanismen“, von welch letzteren es wiederum zwei Unterabteilungen gab, die das Energetische betrafen: „Spannung auf- und Spannung abbauende“239, usw. usf. Das Gehirn hatte beim ersten Autoren, Reich, nur – wie gewohnt – eine „energetische Funktion“. Es konnte aber auch eine Art muskulär-nervliche, jedenfalls „kontraktionelle“ Bedeutung haben: „Ich wagte nun die vorläufige Annahme, daß das Wegtreten in den Augen die Folge einer lokalen Kontraktion des Nervensystems an der Basis des Gehirns ist. Demgemäß hatte die Kontraktion die gleiche Funktion wie jede andere biopathische Kontraktion: zu starke körperliche Strömungen und Empfindungen zu verhindern.“240 Wenn Reich von der Schizophrenie als einer „Krankheit des Gehirns“ sprach, so meinte er das rein materiell, nicht informationell. Diese sei ein „‚Hirnschaden‘ […] in der Form einer Panzerung als ‚lokale Kontraktion des Gehirns, verursacht durch schwere Angst‘.“241 In der Mustermenschenversion des zweiten Autoren, Janov, bekam das Gehirn eine viel größere, weit über das Energetische und Physische (was man ja sowieso nicht ernstnehmen konnte) hinausgehende Bedeutung. Janov erweiterte das Nervensystem, das auch bei ihm als parasympathisch-sympathisches System eine große Rolle spielte242, um dessen Zentrale, verstand diese aber, im Gegensatz zu Reich, informativ: Hier, wo bei Reich nur „Energie“ und Materie war, lagen die Gedanken, Gefühle und Instinkte. Janov verteilte Nervensystem und Gehirn auf drei große Ebenen: die kognitive, die affektive und die somatosensorische.243 Abb. aus: Janov: Primal Man, S. 199 In „Die Anatomie der Neurose“ gibt es diese vier wichtigen Gehirnareale: Thalamus, Hypothalamus, Limbisches System, Formatio reticularis.244 Soweit ich das aber verstanden habe, ist das Gehirn aber laut Janov in diese drei wichtigsten Areale unterteilt: das kognitive, das emotionale und das viszerale oder Salamander-Gehirn.245 Janov konnte genau sagen, welcher Inhalt in welchem Gehirnareal aktiv sei und wie die Abteilungen über „Schleusen“ miteinander kommunizierten – oder eben nicht. Abb. aus: Janov:
Primal Man,
S. 221
Janovs Gehirnkartografierung wurde immer perfekter, er konnte alle Regungen der Seele mit der entsprechenden Stelle im Hirn koppeln und unterschied dann die Patientenschaft danach. Er nannte die entsprechenden Muster nicht, wie Reich, „Charaktere“, sondern „Verhaltensweisen“ und „Persönlichkeitstypen“: Wo, auf welcher Gehirnebene waren die Patienten hauptsächlich „abgewehrt“? Das sollte ihm im therapeutischen Umgang mit den Patienten helfen. Er verzichtete aber darauf, die Persönlichkeitstypen so systematisch zu erfassen, wie es der erste Autor, Reich, auf muskulärem Gebiet getan hatte. Janov ließ – als Faustregel – alle seine Patienten, solange sie „abgewehrt“ waren, sowieso immer genau das Gegenteil von dem tun, was sie gerade taten, denn das, was sie taten, sei nur „Ausagieren“. – Und das traf auf alle Persönlichkeitstypen zu. Damit kam er der Tiefenwahrheit als der Antisystematik schon näher, nur werden in der Tiefenwahrheit alle Kunden im Gegenteil nur darin bestärkt, genau das weiter zu tun, was sie gerade taten, und fleißig „auszuagieren“246 – nun erst recht und nur konsequenter, die Sache intensivierend –, denn darin lag ihre aktuelle Wahrheit.247 Wir kommen an dieser Stelle zum schöpferisch-lebendigen Denken und dem nasselstein’schen „Zu-Ende-denken“ von weiter oben zurück, das „in die Tiefe führt“. Wenn mein Therapeut doch wenigstens einmal mein „Ausagieren“ versucht hätte umzudrehen! Ich schwieg, sagte gar nichts – eine einfache Aufforderung „Peter, sag was, sag, was mit dir los ist!“ hätte ein Wunder bewirkt. Da galt aber plötzlich die Umkehrung des Ausagierens nicht mehr. Doch dazu hatte er vielleicht vier Semester zu wenig studiert. Es gibt eben keine Faustregel, sondern in jeder Situation muß eigens darauf eingegangen werden, wo die Lebendigkeit und der Resteigner stecken. Und so hat mein Wahrheitsbegleiter mich – wie wir im II. Teil sehen werden – nicht etwa nur passiv meine Wahrheit sagen lassen, sondern hat mit seiner Wahrheit dagegen gehalten. Er hat hier ausnahms-, aber eben richtigerweise mein „Ausagieren“ einem Ende zugeführt, aber nicht, indem er es mir meine Wahrheit verboten hätte, sondern indem er im Gegenteil auf diese geduldig eingegangen ist und sie mit „korrektem, d.h. folgerichtigem Denken“ (Nasselstein) korrigiert hat, woraufhin ich in „tiefe Gefühle, wirklichem Kontakt [mit mir selbst und meiner Mutter bzw. Großmutter] und ‚Kontrollverlust‘“ (Nasselstein) geraten bin (allerdings nicht in „Orgasmusangst“, eher Erstickungsangst). Auch für die weitere Arbeit mit dem Patienten, wenn er einmal weniger abgewehrt war, war Janovs gehirnanatomisches und -informatorisches Wissen und die Einordnung des Patienten von Bedeutung. Es sollte dabei helfen, daß der Therapeut den Patienten an der richtigen Stelle berühren und genau das Richtige und Plangemäße beim Patienten auslösen konnte, auf daß dieser sich besser weiter gehen lassen konnte. Also mußte herausgefunden werden, in welche Gruppe von Verdrängung ein Patient gehörte. Ich sage nicht, daß Janov als Hirninformatiker besser sei als der Energetiker Reich. Ich bin hier nur der Berichterstatter, der sich gar nicht auf den wissenschaftlichen Streit und Unsinn einläßt. Es sei auch hier schon darauf verwiesen, daß es in der Tiefenwahrheit als Theorie nicht im geringsten um Kategorisierungen, transpersonale Gruppierungen von Wahrheiten, Extrapolierungen, Induktionen auf übergeordnete Wahrheiten, Systematisierungen, Benennungen, Übersichten über alle Arten von Entfremdungen und Lebenslügen geht. Es geht in der Tiefenwahrheit um nichts anderes als das Fließen der sog. subjektiven Wahrheit im Hier und Jetzt der Einzigartigkeit eines Einzigen. Es ist extrem einfach. Natürlich gewöhnen sich sowohl Wahrsager als auch Wahrheitsbegleiter an bestimmte Themen, die ständig auf verschiedenen Ebenen wiederkehren („Gefühlskette“, „Gefühlsspirale“, „Traumazug“). Das sind dann gut bekannte Grundmuster, die aber keinerlei Systematik benötigen. Wenn der Wahrheitsbegleiter fünf bis zehn Kunden hat, kennt er sie alle sehr schnell aus dem Effeff. Wenn es am Institut für Tiefenwahrheit Darstellungen von Stunden der Wahrheit gibt, dann nur um zu zeigen, wie die Wahrhaftigkeit prinzipiell wirkt und wie sich die Wahrheit gegen Widerstände durchsetzt, ganz gleich, welcher Art und wogegen diese speziell sind. Die Wahrheit bringt alle Widerstände zum Erliegen und jeden entfremdeten Menschen zu mehr Selbstbewußtsein und Eignerschaft. Aber an einer ganz kleinen, simplen Wahrheit war mein Therapeut an Janovs Institut nicht interessiert. Er rätselte wahrscheinlich die drei Wochen „Intensivphase“ darüber, welchen „Trigger“ er nun laut Lehrbuch zu benutzen hatte. Es ist egal, wie tief eine Wahrheit, auf welcher Bewußtseinsebene bzw. in welchem Hirnareal sie angesiedelt ist: ob im frontalen Kortex, im Neokortex, im Hirnstamm, im Thalamus, im Hypothalamus, im Kleinhirn, im limbischen System, im Hippocampus, in der formatio reticulares, in der rechten oder linken Hirnhemisphäre, in der „Körperpsyche, der Überlebenspsyche, der fühlenden oder der denkenden Psyche“ (Janov248) und wo noch überall. Irgendwo steckt der Übeltäter (das „Hamersche Symptom“, wie die von der Neuen Germanischen Medizin es nach ihrem Chefingenieur Geerd Ryke Hamer bezeichnen249), aber es ist ganz gleich, wo. Es zählt nur die Wahrhaftigkeit, die sich eben nur auf verschiedene Weise gemäß der Bewußtseinsebenen äußert: mal als Sprache, mal als Weinen und Schreien, mal als Ersticken, und die mit einer Präzision genau zum Übeltäter hinführt, von der die Ingenieure nur träumen können. Die Wahrheit führt uns hinunter bis auf die somatosensorische bzw. viszerale Bewußtseinsebene und macht auch diese wieder rational: Das Viszerale folgt dann wieder seinen eigenen Zielen: Es ist der Tiefeneigner. Daß das Emotionale in unzerstörter Form rational ist, haben wir schon in Kapitel 2.2. Klärung des begrifflichen Durcheianders um „affektiv“, „emotional“, „rational“ und „kognitiv“ besprochen. Gleiches trifft auch auf das Viszerale zu. Weil unsere Autoren sich nicht auf die Wahrheit des Patienten konzentrierten und dadurch nicht die schlafwandlerische Sicherheit der Tiefenwahrheit hatten, weiteten sie nun ihre technischen Zeichnungen als Hilfsmittel auf das Physiologische aus. Auch dieses spielte fortan im Widerstands- bzw. Abwehrsystem eine wichtige Rolle. Der eine legte dabei mehr Wert auf Calzium und Kalium250 – die wohl auch Sympathikus und Vagus251 entsprachen, mit diesen „funktional identisch“ waren –, der andere mehr auf die Hormone252. Je nach dem, was der Patient jetzt an körperlichen und seelischen Charaktereigenschaften aufwies, wurde er nun von unserem ersten Autoren, Reich, anhand und entsprechend seiner Kategorie behandelt, das heißt manipuliert. Warst du ein analer Charakter, wurdest du auf deine entsprechenden heimlichen Vorlieben angesprochen, oder der Therapeut machte Witzchen über deine übertriebene Sauberkeit. Warst du ein phallischer Charakter, hatte der Therapeut etwas anderes für dich in seiner Werkzeugkiste. (Das erinnert an die Volks- und Lebensweisheiten, Geflügelten Worte, Sprichwörter und Sinnsprüche, die die neugermanischen Mediziner herauskramen, mit denen die Patienten auf ihren „biologischen Konflikt“ gestoßen werden sollen, auf daß der „Hamer’sche Herd“ im Gehirn und damit das Symptom im Körper verschwindet.253) Hattest du einen niedrigen Blutdruck, so wußte der andere Autor, Janov, sofort, wo er dich abholen mußte usw. usf. Das Physische sollte eine Übersetzung aus dem Existenziell-seelischen sein. So beeindruckend und bewundernswert die technischen Zeichnungen und die Handlungsanweisungen zur Bearbeitung des Widerstandes bzw. der Abwehr durch unsere beiden Autoren waren, lag darin eine riesige Hybris. Die Totalität eines Abwehrsystems kann man sowieso nie erfassen, die technische Zeichnung wird immer unzureichend bleiben. Selbst wenn man die Zeichnungen der beiden Autoren übereinanderlegen würde – und zusätzlich noch die von weiteren Autoren – und die Abbildung dann der ganzen Realität immer näherkommt, wird es jämmerlich unvollständig bleiben. Der Kaiser konnte sich massenhaft Kleider einbilden – er war doch nur nackt. Das praktische Vorgehen in einer Therapiestunde würde sich auch mit einer perfekten, in zehn Jahren Ausbildung eingebläuten und auf den einzelnen Patienten angewandten Zeichnung nicht ändern. Die Therapeuten würden trotzdem eigentlich weiter nur frei nach Schnauze vorgehen. (Das machte mein relativ junger Therapeut leider nicht; wahrscheinlich hatte er Angst, nicht wissenschaftlich genug vorzugehen.) Welche Anmaßung darin liegt, dieses dann entstehende riesige Wissen irgendwie anwenden zu können! Die Techniker bilden sich ein zu wissen, zu welcher Zeit welche Schrauben wie gestellt werden können, damit Körper und Geist mehr einer „Gesundheit“ entsprechen. In Wirklichkeit stöberten sie in ihren Werkzeugkisten herum, improvisierten sie, oder betrachteten die ganze Sache als „Kunst“. Aber es war eigentlich keine Hybris, mich mittels Wissenschaft dazu zu bringen, den Mund aufzumachen; es war keine Hybris, die Patienten „gesund“ machen zu wollen oder zu können, sondern reine Dummheit – es gab gar keine „Gesundheit“! Diese entstammt der Theorie von Mechanikern in der Maschinenreparaturwerkstatt. Die „Gesundheit“ – daß mein Auto fährt – hatte als Ziel der Wissenschaftler 1.0 ihren absoluten und notwendigen Sinn, aber doch nicht beim Menschen! Oh, was hätte Stirner zu diesem Begriff „Gesundheit“ alles gesagt, wenn der zu seinen Zeiten schon so en vogue gewesen wäre… So aber ging er nur an einer Stelle im „Einzigen“ auf die „Gesundheit“ ein – das aber richtig (bevor er sich gleich wieder das „Recht“ vornahm). Laska geht auf diese Stelle ein, ist hier aber von einer seltsamen Zurückhaltung: „Obwohl Stirner mit Nachdruck versichert, daß er ernsthaft ‚fast die ganze Menschenwelt für veritable Narren‘ hält, für ‚Besessene‘, präsentiert er den Eigner, den Nicht-Narren bzw. Nicht-Besessenen also, nicht als den ‚gesunden Menschen‘.254 […] Stirners Skepsis wäre auch heute noch berechtigt. Die Gesundheitskonzepte der zahlreichen Ich-Psycho(patho)logien, die seither entwickelt wurden – ihre Therapieform mag ‚direktiv‘ heißen oder ‚nicht-direktiv‘ –, orientieren sich letztlich an einem Wertesystem, gegen das die prinzipiell gleichen Einwände gelten gemacht werden können wie gegen das Feuerbachs und Bauers. Der einzige konsequente Versuch, ‚psychische Gesundheit‘ unabhängig von einem Wertesystem zu bestimmen, stammt von Wilhelm Reich.“255 (Zu diesem ad nauseam wiederholten angeblich „einzigen“, und dann auch noch „konsequenten Versuch“ Reichs kommen wir später noch genug. Spoiler alert: Es ist ein Witz.) Was heißt hier „Skepsis“? – „Gesundheit“ ist ganz eindeutig genauso ein heteronomer Sparren wie „Gott“, „Recht“ oder „Mensch“! Sie wurde von Stirner genauso radikal dekonstruiert (wenn eben auch im „Einzigen“ nur an dieser einen Stelle). Es wundert aber nicht, wenn Laska hier nur eine „Skepsis“ bei Stirner sieht, scheint er sich doch mit Zweite-Wahl-Autonomie zufriedenzugeben: Er akzeptiert nämlich offenbar die Norm „psychische Gesundheit“, auch wenn er sie kritisch-zweifelnd in Gänsefüßchen setzt – er ist tatsächlich nur „skeptisch“ (nicht Stirner!). Aber dann begrüßt er ja ganz eindeutig die „Bestimmung“ (die Präskription, die Normierung) durch Reich! Daß diese angeblich „unabhängig von einem Wertesystem“ erfolgt – damit will Laska den Gesundheits-Präskriptor Reich retten. Aber Reich und Laska konnten diesbezüglich auch helle Momente haben: „Das Gesundheitskonzept, das Reich über Jahrzehnte hinweg ausarbeitete, ist das des ‚selbstregulierten Menschen‘.“256 Wenn ich selbstreguliert bin, brauche ich aber kein Bild „Gesundheit“. Und entsprechend darf ich gar nicht erst mit „Gesundheit“ anfangen, wenn ich wieder selbstreguliert werden will. Und warum Reich dann aber – ebenfalls „über Jahrzehnte hinweg“ – ein „Gesundheitskriterium ‚orgastische Potenz‘“257 errichtete und bei seinen Patienten zu erfüllen versuchte, darin sehen wohl nur Reichianer keinen Widerspruch. Reichs Normativismus ist eklatant. Reichs Therapieform sollte vielleicht eine „nicht-direktive“ sein und sowieso ein ganz anderes „Gesundheitskonzept“ als alle sich auf Feuerbach- und Bauer-Niveau befindlichen Psychologen zur Grundlage gehabt haben, aber das stimmt einfach nicht. Reich ist andauernd am Dirigieren seiner Patienten! Er hat sehr wohl „nach einem System gewertet“ (in Teil 2 der Janov- und Reich-Kritik werden wir noch näher auf dieses „Gesundheits-Kriterium“ und auf das üble, freche Dirigieren eingehen). Und jetzt gibt Laska offen zu, daß Reich ein regelrechter Gesundheitsapostel ist und feiert das auch noch: „Die Fragen, was psychische Gesundheit ist, wodurch sie geschädigt wird, ob und ggf. wie sie wieder hergestellt werden kann, haben vorrangige Bedeutung in Reichs Werk.“258 (hervorgehoben von mir, PT) Stirner hätte Reich und Laska die Leviten gelesen! Aber das war noch ein relativ früher Laska (1981), das sei zur Entschuldigung gesagt. Stirner stellt die „Heilung“ auf denselben Rang wie die „Bestrafung“: Beide zielen auf das reibungslose Funktionieren der Maschine ab. Weitling und die Kommunisten würden, so Stirner prophetisch, Dissidenten mit beiden einnorden, zur Räson bringen und sie wieder zu braven Maschinen machen – wie es dann ja auch im Kommunismus (aber auch im Liberalismus259) genau so passiert ist: Gefängnis und Psychiatrie für „Gedankenverbrecher“ und „Geisteskranke“. (Daß Heil und Strafe „parallel laufen“ 260, hat Laska immerhin mit Stirner klar erkannt und gewürdigt.) Doch was im grob-sozialen Maßstab gilt, das gilt erst recht im fein-individuellen. Was jenen „einzigen konsequenten Versuch, ‚psychische Gesundheit‘ unabhängig von einem Wertesystem zu bestimmen“ angeht, so ist das totaler Nonsens – es gibt keine „psychische Gesundheit“! Das grenzt schon in seiner Rabulistik an psychopathische Manipulation. Da nützt es auch nichts, die „psychische Gesundheit“ in Gänsefüßchen zu setzen. Den gesundheits-affirmativen Text hat Laska relativ früh, vor 1982 für seine Rowohlt-Stirner-Monografie geschrieben.261 Später, 1998, ist er bedeutend kritischer Reich gegenüber geworden. Er kritisiert dann Reich und dessen Wissenschaftlichkeit sehr und sieht Reich unter den drei Helden als denjenigen, der am schwierigsten mit dem Kern von LSR zu vereinbaren ist: „Weil aber Reich seine zur Verwirklichung drängende Idee der ‚charakterlichen Selbststeuerung des Menschen‘, durch Zeit- und Lebensumstände bedingt, über bestehende ‚wissenschaftliche Weltanschauungen‘ auf den Weg bringen wollte, gleicht sein Werkt einem Palimpsest, dessen originärer Teil durch vielerlei Übermalungen nur noch schwer kenntlich ist.“262 Dem kann ich nur zustimmen. In seiner Einleitung zu Wilhelm Reichs „Christusmord“ hatte Laska 1978 geschrieben: „Hier [im ‚Christusmord‘] jedoch bemüht sich Reich nicht mehr um ‚Wissenschaftlichkeit‘, wohl wissend, wie wenig es nützt, mit einer ‚wissenschaftlichen‘ Sicht und mit ‚Vernunft‘ gegen den allesdurchdringenden Irrationalismus anzutreten.“263 Das war aber noch nicht anti-normativ gemeint, sondern resultierte – bei Reich und bei Laska – daraus, daß die anderen nur zu doof sind, Reichs hehre Wissenschaft zu verstehen. Die Wissenschaft mag ja noch so viel „Wahres“, „Richtiges“ „Objektives“ herausgefunden haben, das dann zum Bau und zum Erhalt von Maschinen sehr nützlich ist. Aber auf unsere Existenz bezogen gibt es so etwas nicht. Was bei der Maschine das Gut-funktionierende ist, das soll beim Menschen das „Gesunde“ sein. (Es ist kein Zufall, daß Reich andauernd von „Funktion“ spricht; er war durch und durch Mechanist.) „Gesundheit“ ist nur eine Norm, die ihren Sinn als technische Zeichnung hat, und das Ergebnis einer Konstruktion oder einer Reparatur vorgibt. Ich kann eine Maschine reparieren, das ja; die kann heile („gesund“) gemacht werden. Aber auf den Menschen angewendet, bedeutet das Heteronomie. Damit sich ein Mensch weniger entfremdet fühlt und allgemein unter seinem Zustand weniger leidet, weil er sich dann einheitlich selbst reguliert und autonom ist – in dieser Situation mit irgendeiner Art Technik vorzugehen, die auf Wissenschaft basiert, ist absolut fehl am Platz. Reich und seine Schüler waren nicht an den erlebten Existenzen, sondern am Zirkulieren einer Energie interessiert, und schauten nach, wo die Energie am freien Zirkulieren gehindert wird. Dort müsse sie wieder freigelegt, von Blockierungen befreit und zum Fließen gebracht werden. Im Mittelpunkt des Interesses muß aber das Subjekt als Existenz und mit seinen wirklichen Gedanken stehen; dann fließt eine „Energie“ von ganz alleine. In meinem Buch „Pan-Agnostik“ spreche ich von Wissenschaft 1.0 (Maschinenwissenschaft, materielle Konstruktion), Wissenschaft 2.0 (Anwendung von Wissenschaft 1.0 auf den Menschen). Ich spreche dort übrigens auch von der Wissenschaft 3.0: Wenn diese zu ihrem Ziel der Selbstabschaffung des Menschen gekommen ist, gibt es so gut wie keine Wahl zwischen Autonomie und Heteronomie mehr – aber selbst dann gibt es sie noch. Die von uns Radikalen Aufklärern aufgeworfene Frage von Fremd- oder Selbstregulierung wird sogar dann noch triftig sein – wir werden ihr wohl nie entkommen. Und im Vergleich mit den Yanomami- oder Yequana-Indianern264 nehmen wir uns ja heute schon wie Roboter aus – und müssen uns trotzdem zwischen Auto- und Heteronomie entscheiden, welche Problematik den Yequana wahrscheinlich nicht – oder zumindest auf einem niedrigeren Niveau – einfallen würde. Das Faustische und Promethische, die seit „Jahrtausenden bestrebt waren, die gegebene Natur durch eine ‚höhere‘ zu ersetzen“, wollen nun endlich den Sack zumachen. „Dabei spielt die patriarchalisierte Alchemie mit ihren Schöpfungsfantasien eine Schlüsselrolle, die von der frühen Antike bis zur modernen Naturwissenschaft und ihren technischen ‚Errungenschaften‘ reichen, proklamiert als ‚Fortschritt‘ und ‚Verbesserung‘.“ (Claudia von Werlhof: Väter des Nichts: Zum Wahn einer Neuschöpfung der Welt. Band 1) „Band 2 führt die Zuspitzung des patriarchalen Fortschrittswahns vor Augen, welcher inzwischen alle Bereiche des Lebens umfasst. Deutlich wird das etwa am rasanten Aufbau der Megamaschine, an Künstlicher Intelligenz, Nanotechnologie oder Geoengineering. Mit dem Transhumanismus steuert die Menschheit auf den Untergang zu, in die totale Zerstörung der Welt, ins Nichts. Noch aber wäre Zeit zur Umkehr, sagt Claudia von Werlhof. Am Ende setzt sie ihrer Dystopie einen Hoffnungsschimmer entgegen: Ein Erkennen der wahren Motive hinter dem ‚Alchemistischen Kriegssystem‘ könnte eine Überwindung desselben in Gang setzen.“265 Eine „Überwindung“ wird aber nur die nächste „höhere“ Natur erschaffen. Frau von Werlhof weiß leider nichts von Unterwindung. Wie alle feministischen MatristInnen – noch krasser Heide Göttner-Abendroth – imitiert sie die maskuline Intellektualität. Nein, mit der Wissenschaft 3.0 flüchten die Menschen nun auch noch aus dem Kognitiven – der Voraussetzung für das „Zu-Ende-denken“ (Nasselstein) – als dem verbleibenden Lebendigen in den eingebauten Chip. Wir halten das Denken und Fühlen als letztem Innenposten der „Natur“ mit den letzten „Plasmazuckungen“ entgegen. Eine eigenartige Entwicklung der Menschheit: erst die Sumerer, die den Geist eingehaucht bekommen – und schließlich die totale Vergeistigung … (Dazu mehr in „Pan-Agnostik“.) Die Flüchtenden empfinden die mangelnde Autonomie – wie wir – als unzureichend für die Steuerung. Sie flüchten aber – im Unterschied zu uns – nach oben in die transkognitive Cloud vor sich selbst, während wir unser Heil im Ciskognitiven suchen. Die Wissenschaftler 3.0 nennen das Transkognitive (die „künstliche Intelligenz“) freilich ausgerechnet „Emotionally Aware AI“ – sie wissen eigentlich, daß es um das Emotionale als zuverlässiger Steuerung geht und wollen das Emotionale nun auch emulieren: „Die KI versteht uns viel besser, als das Mitmenschen tun würden, und hört uns immer mit voller Aufmerksamkeit zu“, sagt Yuval Harari.266 Auch mit dem „Attention Is All You Need“267 soll die emotionale Komponente in die KI einziehen. Henry Kissinger, Eric Schmidt, Craig Mundie sagen jetzt, daß „die Maschinen menschlicher gemacht“ werden sollten, „anstatt die Menschen mehr wie Maschinen zu gestalten“268. Aber das Emotionale kann nicht durch die technische Hintertür eingeführt werden, es wird schließlich doch abgeschafft; dessen Ersetzung durch etwas Unlebendiges bleibt. Die Tiefenwahrheit geht genau den entgegengesetzten Weg nach unten ins Ciskognitive als Infolieferant. Vielleicht funzt das mit der KI ja auch nicht oder läuft sowieso aus dem Ruder, und aus irgendwelchen Gründen muß, nachdem wir Old-Schooler deutlich ins Hintertreffen geraten sein werden, auf die Gefühle zurückgegriffen werden. Das kann ich mir aber ehrlich gesagt nicht vorstellen: Zu den Gefühlen gehören zwangsläufig auch unangenehme Gefühle, und denen gehen wir aus dem Weg. Doch kommen wir auf die gute alte Wissenschaft 2.0 zurück: Das kann man machen – diese Anwendung der Maschinenwissenschaft 1.0 auf uns –, aber dann wird es halt Scheiße. Dann kann der Mensch sich sicher besser anpassen, aber das ändert nichts an seiner inneren Qual oder Verlorenheit. Er mag dann daran glauben, daß er davon etwas hat – aber das ist ja seine Sache, da mische ich mich nicht ein. Ich jedenfalls begnüge mich nicht mit Glauben oder Opiaten. Viele sind ja auch damit zufrieden, daß sie dank der opiumspendenden Wissenschaft 2.0 als Maschine besser funktionieren, und darin liegt ja tatsächlich auch etwas Beruhigendes. Welcome to the Machine!269 Aber wir haben ja den Anspruch, die Entfremdung zu mindern und den Kindern das Schicksal von Zombies ersparen wollen. Sie sollen froh, lebendig und sie selbst sein, sich selbst steuern können. Wenn wir uns nicht selbst fremd bleiben wollen und uns kennen wollen, kann es nur einen Schritt geben: sofort Bewußtsein zu bilden und uns selbst damit sofort wieder anzueignen. Das geht über das Gespür und den Sinn für das Echte, Wahre. Wenn wir sofort den Mund nicht aufmachen können, dann muß uns der Wahrheitsbegleiter halt einfühlsam Zettel und Bleistift zuschieben. Wenn ein psychotherapeutischer Techniker von irgendeine Art Hilfe bei der instantanen Bewußtseinsbildung ist – und das kann er wirklich –, dann ist das sehr löblich. Dazu braucht er aber sein gesamtes technisches Wissen nicht (wie die Seele und der Körper funktionieren). Das braucht niemand, der den obigen Anspruch hat. Dann wird dieser Psychotherapeut einfach nur Echtheitsunterstützer (oder Wahrheitsbegleiter, wie ich es nenne). Außer einem guten Gespür für das Echte braucht dieser Helfer nichts. Er muß auch ein Gespür für die Dosierung von Wahrheit haben, wenn überhaupt eine Intervention angebracht ist. Er muß das vor allem seinem Kunden überlassen. Er muß sich genau auf die Situation seines Kunden einstellen. Aber seine ganze Wissenschaft kann er komplett vergessen. Mit welchem Muskel der Kunde die Wahrheit zurückhält oder mit der Ausschüttung welchen Hormons, ist völlig uninteressant. Der Psychotherapeut glaubt, etwas forcieren zu müssen, indem er auf einen Muskel drückt oder indem er ein Verhalten seines Kunden imitiert. Aber das ist alles viel zu grob und kontraproduktiv. Je ausgebildeter die Therapeuten waren, desto gröber gingen sie vor. Wie mechanisch bis brutal all die auf Wilhelm Reich fußenden Vorstellungen von einer Änderung in Richtung von mehr Eignerschaft sind, davon zeugt Bernd A. Laskas Sprache aus dem Jahre 1978: Da ist die Rede von „bestens ausgebildete[n] Psychotherapeuten und Psychiater[n], von denen etliche noch von Reich selbst charakterlich umstrukturiert […] wurden“ und die „zu ihm zur Umstrukturierung und Erlernung seiner therapeutischen Techniken gekommen“ 270 seien. Diese Sprache hatte Laska von Reich, dessen ein Buchtitel aus dem Jahre 1936 gelautet hatte: „Die Sexualität im Kulturkampf. Zur sozialistischen Umstrukturierung des Menschen“271. Nach seiner Reise in die Sowjetunion schwärmte Reich: „[Die russo-jüdische kommunistische Psychoanalytikerin] Vera Schmidt272 war zweifellos die erste Pädagogin, die rein intuitiv sowohl die Notwendigkeit wie das Wesen der sozialistischen Umstrukturierung des Menschen praktisch erfaßt hatte.“273 Es mag sehr lange dauern, bis sich der Kunde langsam und ein bißchen öffnet – aber dann öffnet er sich wenigstens tatsächlich und beginnt, sich wieder anzueignen. Aber die, denen die Muskeln gedrückt wurden oder denen spektakulär der Spiegel vorgehalten wurde oder die auf sonst eine Art forciert wurden, sind derweil längst wieder im traurigen Alltag des Maschinenlebens angekommen. Als Ruhigstellung und als Glaube kann die Psychotherapie etwas nützen – als Eignerstärkung nur in seltenen Fällen. Eine Prophylaxe via individuelle Änderungen wird es kaum geben, sowie ja auch die Geburtspraxis sich nicht ändern wird: Die meisten Mütter delegieren sich in den Kreißsaal wie Patienten in die Psychotherapie – unter Auf- und Abgabe ihrer Person: Die Mehrheit will nicht lebendig und sie selbst sein, geschweige denn, das Leben zu genießen und voll auszuschöpfen. Die Erlebnislust und -fähigkeit nimmt immer mehr ab. Immer mehr Frauen verzichten gar auf eigene Kinder, wollen nicht mehr echten, intensiven menschlichen Kontakt und die Wonne – den „oralen Orgasmus“ (Elsworth F. Baker) – ihrer Babys erleben.274 Stattdessen boomt das Geschäft mit hyperrealistischen Silikon-Babypuppen.275 Da nützt es auch nichts, wenn man sich auf „Erschaffe-dein-Baby“-Messen ein maßgeschneidertes Baby zusammenstellen kann und sogar die Nabelschnur mit Silikon nachgebildet wird. Das Forcieren, das Zwingen zum Leben, kann es jedenfalls nicht sein. Und ich wollte auch etwas mehr als nur an die Psychotherapie zu glauben : So in etwa lauteten meine kritischen Gedanken zur Psychotherapie oder hatte ich mir das damals gedacht bzw. das geahnt, als ich von der Psychotherapie maßlos enttäuscht worden war. Die Gedanken waren natürlich noch nicht so ausgereift, sonst hätte ich ja, nur drei Jahre zuvor, in Paris auch ein bißchen Rabatz gemacht – entweder in den Sitzungen oder in Janovs Büro. Aber trotz meiner radikalen Kritik hatte ich ja von der Wahrheit immer noch nichts Konkretes – als Inhalt – erfahren. Da waren die von mir kritisierten Autoren mir um Lichtjahre voraus. Bei aller prinzipiell falschen – nämlich wissenschaftlichen – Herangehensweise hatten sie doch aber Wut, Angst, Schmerz, Traurigkeit usw. konkret gesehen, auch an sich selbst gefühlt und konnten damit umgehen. Und ich konnte doch nicht das, was mich an meinen Lehrern begeistert hatte, jetzt mit dem Bade ausschütten! Das – „Fremdtheorie“ hin und her – entsprach doch etwas mir Ureigenem, hatte mich doch tief in meiner Seele angesprochen. Es mußte doch noch weitergehen, ich mußte noch einen Versuch starten! Und an dieser Stelle – mit meiner radikalen Kritik und dem Entsinnen auf meine begründete Begeisterung – schloß sich der Kreis aus Eigen- und Fremdtheorie, kam das Abstrakte (die Wahrheit) jetzt mit dem Konkreten (die Wahrheit, welche Gefühle bedeutet) zusammen. Um das bloße Wahrheitsprinzip in Realität umsetzen und mit Realität ausfüllen zu können, brauchte ich die Erfahrung, die Sicherheit und die Empathie eines anderen, mit dem ich im Bereich dessen kommunizieren konnte, was die Wahrheit so alles mit sich bringen würde (also auch im „affektiv-emotionalen Bereich operieren“, wie Laska das ausdrückt). Diese Wahrheit wäre dann eine tiefe Wahrheit – und meine Wahrheits-Theorie sollte sich endgültig zur Tiefenwahrheitstheorie ausweiten bzw. verwandeln. Ich hatte also das Bedürfnis nicht nach einem Psychotherapeuten – die hatten schwer versagt und auf immer verschissen –, sondern nach einem „Wahrheitsbegleiter“. 6. Beginn der Tiefenwahrheits-Praxis Zu einem solchen Wahrheitsbegleiter wollte ich nun einen Primärtherapeuten, den ich von Janovs Pariser Institut her kannte – der aber leider dort nicht mein Therapeut gewesen war und mit dem der dortige Therapieversuch nicht so kläglich ausgegangen wäre –, umwidmen. (Es kann – je nach den Bedürfnissen des Wahrsagers – in der Tiefenwahrheit zu weiteren, spezifischen Umwidmungen kommen: etwa zum Sterbebegleiter bei tiefster Resignation usw. In der Stunde der Tiefenwahrheit vom 2. Dezember 2016 diskutiere ich mit dem zum Ko-Theoretiker und Theoriediskutanten umgewidmeten Wahrheitsbegleiter.276) Ich ging also zu ihm und fragte ihn, ob er damit einverstanden sei. Ich sagte ihm: „Ich will keine Primärtherapie machen, sondern: Ich will einfach nur die ganze Wahrheit aussprechen. Wenn dabei Gefühle entstehen, gehe ich davon aus, daß ich bei dir nicht an der falschen Adresse bin.“ Erst ein paar Jahre später nannte ich eine derart ausgesprochene, aber um die emotionale Komponente erweiterte Wahrheit „Tiefenwahrheit“. Streng genommen müßte hier also noch – in der Anfangszeit dieser Praxis – von „Wahrheitspraxis“ gesprochen werden. Sehr traurig gewesen war ich und viel geweint habe ich aber von Anfang an – das ist bis heute, trotz Badewannen voller Tränen, so geblieben. Nur den Begriff „Tiefenwahrheit“ gab es noch nicht. Ein Primärtherapeut war für diese Rolle eines Wahrheitsbegleiters deswegen am ehesten prädestiniert, weil für ihn die vollständige Äußerung sämtlicher Gefühle gang und gäbe ist und er diese ermutigt und unterstützt. Diese Vollständigkeit, das sog. Erschöpfende – das Gehen bis ans Ende und auf den tiefsten Grund ohne jegliche Rücksicht auf Zeit – kann gar nicht genug betont werden. Nur mußte klargestellt werden, daß der Zugang zu diesen Emotionen ausschließlich über mich und meine Wahrheit zu geschehen hat und nicht über seine „Vorschläge“, d.h. über Vorgaben, Vorschriften oder therapeutische Interventionen. In der Praxis war ich dann aber nicht mehr so dogmatisch und ließ durchaus mir gewinnbringende Äußerungen von ihm zu. Das war immer von der Stimmung abhängig. Der Primärtherapeut – im folgenden „Wahrheitsbegleiter“ genannt – war damit einverstanden. Es sei für ihn selbstverständlich, daß die Wahrheit gesagt würde; das entspräche ganz seinem Verständnis von Primärtherapie, und unter dieser Bedingung würde er gern mit mir zusammenarbeiten. Ich konnte also an dem Teil der Primärtheorie und potentiellen -praxis festhalten, der mich zuvor so sehr angesprochen hatte (der Inhalt, an dem es mir ermangelte) und der jetzt Bestandteil einer neuen – bzw. überhaupt erst einer – Praxis werden sollte. Diese mußte nur vom Kopf auf die Füße gestellt werden bzw. ein anderes Vorzeichen bekommen: rigoroseste phänomenologische subjektive Wahrheit, kompletteste Ausrottung jeglichsten wissenschaftlichen Ansatzes. In die LSR-Sprache übersetzt lautete meine Bedingung: absolute Abwesenheit jeglicher theorie- und ideologiebedingter Präskription. Nichts als die nackte Wahrheit würde gesagt und diese dann wirken gelassen werden. Ich war in dem Gespräch mit diesem Therapeuten sofort davon überzeugt, daß er genau verstand, worum es mir ging. Seine Verwandlung vom Psychotherapeuten zum Wahrheitsbegleiter war vollzogen, das bestätigte sich in der Praxis von der ersten Sitzung an. Jetzt konnten die ganzen Vorteile genossen werden, die die Primärtherapie im optimalen Falle mit sich brachten und die ich voll ausreizen würde: die vollständige Störungsfreiheit bei der Bemühung, die Wahrheit auszuheben und auszudrücken, d.h. längst fällige Reaktionen ausgiebigst zuzulassen. Jetzt konnte endlich das beginnen, wovon ich noch zehn Jahre zuvor nur träumen konnte, als ich dieses Gedicht277 schrieb: Locker lassen Was kommt, wird kommen.
Das sind die hochschnellenden Boxen,
Unter denen die Selbste
Zur Verwirklichung davonpreschen.
Egal, wieviel Mio auf der Strecke bleiben.
So ist es.
Wenn die Sache ihrem Ende zugeht,
Tut sie das.
Ich laß die Zügel locker.
Jetzt hatten Inhaltsverachtung und Formfetischismus278 ihr Ende gefunden, konnte endlich nach einem langen Stau der Inhalt losbrechen. Eine mögliche Störung ist das ungefragte Sprechen, das Hineinquatschen – das unangebrachte Intervenieren. Gleichzeitig muß der Wahrheitsbegleiter aber in anderen Momenten dem Bedürfnis nach Bestätigung nachkommen können: Dann will ich ihn und seine Meinung hören. Das kann ein ständiges Hin und Her sein, was der Wahrheitsbegleiter stets mit Bravour bewältigt hat – völlig unangestrengt, absolut gelassen und spontan. Dazu braucht man aber kein Studium. Was es auf gar keinen Fall geben darf, sind Beschwichtigungen, Ausreden („es ist doch nicht so schlimm!“), Deutungen und u. dergl. Aber auch beispielsweise das Beenden einer Sitzung nach Plan muß vollständig ausfallen. Der zeitliche Faktor der besagten Vollständigkeit ist absolut wichtig. In der Primärtherapie gibt es von vornherein ausschließlich „Open-end“-Sitzungen. Allein das Ende einer Sitzung dauert manchmal eine halbe Stunde. Die Sitzungen, die insgesamt manchmal zweieinhalb Stunden oder länger dauern, klingen langsam aus. (Eine Sitzung kann aber aus den verschiedensten Gründen auch schon nach zehn Minuten wieder abgebrochen werden. Auf den geschäftlichen Aspekt gehe ich hier nicht ein. Aber genauso gut kann ein Kunde sich nur kurz ein Gefühl abholen und nach einer Viertelstunde wieder verschwinden – alles nach Bedürfnis.) Es gibt nicht den geringsten Druck, weder zeitlich noch erst recht, was Interventionen angeht; es gibt kein „Pushen“ oder sonstiges Forcieren, erst recht keine zen-buddhistischen Tricks. Der Wahrheitsbegleiter hat kein Programm abzuarbeiten, das ihm ein Bauplan oder eine Technik vorschreibt. Er geht einfach nur empathisch mit dem Wahrsager mit, ist immer bei der Sache, verfolgt den Wahrsager in die allerkleinsten Details und geistigen Verästelungen und emotionalen Wirrnisse. Die in der „Panzerstruktur“ (Reich in „Charakteranalyse“279) verwirrten Gefühle werden systematisch entwirrt – unter alleiniger Führung des Wahrsagers. Dazu kann auch hohe Intelligenz erforderlich sein. Im Unterschied zum reich’schen Schema aus Kapitel 2. Operiert LSR im „Affektiv-emotionalen“? wenden sich die Gefühlsabkömmlinge hier zurück gegen ihre primäre, sekundäre, tertiäre usw. Erscheinungsweise. Im janvo’schen Schema verheddern und verästeln sich nicht nur Gefühle, sondern auch Gedanken und Leibesmanifestationen, und das nicht nur auf ihren jeweiligen Ebenen, sondern perfektionieren das Chaos noch dadurch, daß sie alle noch zusätzlich in „Schleusenaktionen zwischen den Bewußtseinsebenen“ kommunizieren – oder eben nicht im Falle der Verdrängung. (Siehe in Teil III: Reflektion der Aktion und 2.: Zusammenfassung der Aktion (Stunde der Tiefenwahrheit vom 26. Januar 2017) Manchmal sagt der Wahrheitsbegleiter eine Stunde lang überhaupt nichts und muß manchmal darauf aufpassen, daß er nicht das geringste Geräusch von sich gibt, das störend sein könnte, verfolgt aber dabei aufmerksam das Geschehen und kann jederzeit in dieses aktiv zurückgerufen werden. Es kann zu fast schon absurden Situationen kommen: Am Anfang meiner „Therapie“ mußte der Wahrheitsbegleiter z.B. den Raum verlassen. Ich habe nicht die geringste Nähe, nicht die bloße Präsenz ertragen. Vor allem muß der Wahrheitsbegleiter mit den katastrophalsten Gefühlen umgehen und diese ungestört geschehen lassen, ja, sogar deren vollständigen Ausdruck unterstützen können. Wichtig ist, daß in den Sitzungen Kritik geübt wird. Ob die berechtigt oder unberechtigt ist, spielt dabei keine Rolle. Kritik kann ihren Ursprung in Gefühlen haben („Übertragung“), kann aber auch sachlich-rational sein. Im ersten Fall darf sie nicht gebremst werden, im zweiten Fall trägt sie zur Qualitätssteigerung bei, auf daß noch ungebremster emotional die Wahrheit gesagt werden kann. Mit diesen Ansprüchen und dem feinsten Gespür für auch nur den geringsten Ansatz von Fremdsteuerung bin ich also in diese Zusammenarbeit gegangen und wurde nie enttäuscht. So viel Pech ich in Paris mit dem „nicht kompetenten“ Therapeuten gehabt hatte, so viel Glück hatte ich nun. So wenig in den bisherigen Therapien passiert war – nämlich nichts –, so viel sollte nun passieren! Jetzt nahm eine äußerst intensive – extrem inhaltsreiche – Praxis der Tiefenwahrheit ihren Anfang, die – mit Unterbrechungen – von 1987 bis 2022 ausgeübt wurde. Zum Ende dieser Praxis werde ich mich gesondert äußern. Durch die Einzelsitzungen war ich nun auch weniger gehemmt und konnte an einer primärtherapeutischen Selbsthilfegruppe teilnehmen, die in Volker Knapp-Diederichs‘ Ströme-Institut280 in der Neuköllner Hermannstraße stattfand. Dort sah ich in der Bibliothek alte Ausgaben der reichianischen Zeitschrift Emotion und entdeckte darin Leserbriefe von mir. Daß das Verfahren wirkte, bemerkte ich auch daran, daß ich mich plötzlich für meine Nahrung zu interessieren und diese zu genießen begann oder mich mit Pflanzen umgab; das alles war vorher für mich unwichtig. 7. Das Projekt Tiefenwahrheit 7.1. Die Tiefenwahrheit als literarisch-postphilosophisches Unternehmen Tiefenwahrheit ist eine Praxis, aber auch eine Theorie, deren Entwicklung mit der Wahrheitstheorie aus meiner Jugend ihren Anfang genommen hat (eigentlich auch schon mit der Denk-und-Analyse-Theorie – denn dort wurde der Inhalt eingekapselt und für das spätere Herausholen bewahrt). Tiefenwahrheit ist aber auch ein postphilosophisch-literarisch Unternehmen. Seit Kindeszeiten an bin ich an Theorie und Literatur – auch philosophischer und psychologischer – interessiert, ohne deswegen aber je zu einem Philosophen oder Psychologen geworden zu sein – Gott sei Dank! Im Mittelpunkt meiner Aktivitäten stand stets das literarische Experiment.281 Im Jahre 2011 kam ich auf die Idee, sämtliche Tiefenwahrheits-Sitzungen (oder „Liegungen“) aufzuzeichnen, um sie später für literarische Arbeiten benutzen zu können. Die Idee war mir eigentlich schon eher gekommen, vielleicht durch die Tatsache inspiriert, daß mein Wahrheitsbegleiter anfangs die Sitzungen aufzeichnete. (Ich vermute, das hat er getan, um bei eventuellen Streitigkeiten Beweismaterial zu haben. Ich hatte jedenfalls nichts dagegen. Vielleicht war es mit anderen Patienten zum Streit gekommen. Als er sah, daß das mit mir nicht so ist, verzichtete er wieder darauf. Es kann aber auch aus Gründen der Gütekontrolle oder für eine Supervision gewesen sein; ich habe ihn nicht danach gefragt.) Die Idee der Aufzeichnungen in die Tat umzusetzen, dauerte etwas; bestimmt, weil mich das Aufnehmen noch gestört oder abgelenkt hätte; vielleicht auch, weil das unüblich und ungewöhnlich gewesen wäre. Ab dem 10. Mai 2011 habe ich mir jedenfalls die Freiheit genommen, sämtliche dieser Stunden der Wahrheit mit Mikrofon, meistens auch mit Kamera aufzuzeichnen. Ich wollte neue literarische Wege gehen, auf denen das Rohmaterial aber auf keinen Fall verkünstelt werden sollte. Ziemlich gekünstelt ist letztlich Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, aber es kann als ferner Vorläufer meines Projekts gesehen und am ehesten noch mit diesem verglichen werden. In der Ungekünsteltheit sollte ja gerade der Knüller liegen. Wie die Fiktion, so können ja auch nackte Fakten schöngeistige Literatur sein. Nicht umsonst bezieht diese Geistesdisziplin ihre Bezeichnung lediglich von den Lettern, ohne daß eine Aussage getroffen wäre, was die Buchstaben bezeichnen – etwas Fiktives oder Faktisches. Walter Kempowskis halbfiktive und halbdokumentarische „Deutsche Chronik“ gilt z.B. zurecht als schöngeistige Literatur, nicht als Geschichtsschreibung. Vielleicht können viele belletristischen Autoren (aus mehreren Gründen) ja auch gar nicht anders, als fiktiv zu schreiben. In ihrer Symbol- und Ersatzhaftigkeit sind vielleicht all die Fiktionen nur Manifestationen der Hilflosigkeit und nur eine Vorstufe zur finalen Faktizität282. Mein starker Hang zu literarischem Formalismus sollte jetzt komplett in sein Gegenteil verkehrt werden und einem inhaltlichen Exzeß der Sonderklasse, einem radikalen Anti-Symbolismus weichen.283 Hier vermischen sich Literatur und gänzlich unverstellte, ziemlich natürliche Äußerungen, bzw. werden diese nur literarisch aufgearbeitet. Und dabei gehe ich neue literarische Wege und experimentiere mit für Philosophie ungewöhnlichen Medien. 7.1.1. Die neue philosophische Form Bei Christian Fernandes heißt es: „Philosophie ist der Versuch, sich in einer als problematisch wahrgenommenen Gegenwart zu orientieren. So haben es […] die beiden Denker [Bernd A. Laska und Hermann Schmitz] gesehen [...].“284 Für mich ist Philosophie nur Nachdenken und Nachsinnen über mich und meine Lage. Gibt es eine bestimmte Form, in der dieses „Nachdenken und Nachsinnen“ stattzufinden hat? – Nein, es kann die verschiedensten – für die konventionelle Philosophie ungewöhnliche, von ihr nicht anerkannte – Formen annehmen: leise, stumm, laut, kopfsprachlich, mundsprachlich, körpersprachlich usw. Gibt es ein bestimmtes Medium, mit dem das „Orientieren in einer als problematisch wahrgenommenen Gegenwart“ transportiert werden muß? Muß dieses Medium geschriebener Text sein? – Nein, natürlich nicht. Der Einfachheit halber zitiere ich nun aus der schriftlichen Vorrede zu meiner Video-Reihe „Sören Kierkegaard, Post-Existenzphilosophie und Tiefenwahrheit“285:Das Medium der Philosophie ist die Sprache, die gesprochene und geschriebene Sprache. Aber warum sollen nicht andere Medien in Frage kommen? Warum soll sich das Medium nicht ändern und erweitern? Mit dem Inhalt – Gefühle und Gedanken anstatt nur Gedanken – ändert sich gleichzeitig das Medium. So wie Gedanken dargestellt werden mit Sprache, so lassen sich auch Gefühle darstellen – nur anders, auf ihre Weise. [Natürlich können sich Gefühle auch textlich transportieren lassen.]Die Post-Philosophie schlägt neue mediale Wege ein, hat aber mit der Philosophie den gleichen Ursprung: das wahrhaftige Nachdenken, das möglichst uneingeschränkte Sinnieren. Schopenhauer, der ganz sicher ein fühlender Mensch war, setzte sich nach Spaziergängen an seinen Schreibtisch und schrieb. Wo aber steht geschrieben, daß es damit seine Bewandtnis haben soll? Warum soll im Medium der Schrift verblieben werden?Das Ergebnis von Nachdenken kann auch in Audios und Videos gezeigt, das Nachdenken selbst kann in Audios und Videos erfolgen und festgehalten werden, und zwar unter Hinzuziehung von Gefühlen. Schopenhauer war voller Mitleid mit der menschlichen und tierischen Kreatur; für ihn waren Mensch und menschliche Gesellschaft und Geschichte ein einziges Jammertal (wobei er freilich unbewußt von sich auf andere schloß und falsch verallgemeinerte). Es ist nicht einzusehen, warum angesichts dessen nicht gejammert und der Philosoph nicht im Tal gezeigt werden sollte. Schopenhauer hätte sich schon sehr gut aus dem Nur-Denken herausentwickeln können – das blieb jedoch der Post-Philosophie vorbehalten. [Schopenhauer wird das Jammern, so knöchern, wie er war, nicht zugelassen haben – und wäre damit kein Freund der Wahrheit ist, als der er sich aufspielt286; damit könne sie tatsächlich ‚warten‘.] Der Inhalt der Philosophie sind Gedanken; die Medien zu deren Darstellung sind gesprochene und geschriebene Sprache. Inhalt der Post-Philosophie sind Gedanken und Gefühle und körperliche Äußerungen. Die Medien zu deren Darstellung sind gesprochene und geschriebene Sprache plus Gefühle und Körpersprache. In den postphilosophischen Medien (Text, Audio und Video) werden nicht nur Gedanken, sondern auch Gefühle transportiert. Eine doppelte Veränderung und Erweiterung – inhaltlich und medial – findet statt. Der Begriff ‚Medium‘ wird in post-philosophischer Nonchalance etwas strapaziert: Er steht sowohl für den Inhalt – a) Sprache der Philosophie und b) Sprache plus Gefühl der Post-Philosophie – als auch für das Transportmittel: dieses ändert sich zur Non-Verbalität.Die Tiefenwahrheit steht aber, trotz Mediumwechsels, in direkter Tradition zum Schreiben. Es wird in andere Bereiche vorgestoßen, aber es hängt ideengeschichtlich mit dem zusammen, was früher Bücher waren. Das Subjekt in einer Tiefenwahrheits-Sitzung denkt über sich nach wie beim Schreiben und fühlt darüber hinaus – besser gesagt: darunter hinein. Es muß dabei kein Video entstehen, so, wie Milliarden Menschen philosophiert haben, ohne ein Buch geschrieben zu haben. Videos des Instituts für Tiefenwahrheit ähneln Büchern, die im 19. Jahrhundert geschrieben wurden. Was der Philosoph mit seinen Büchern gemacht hat, macht der Post-Philosoph mit seinen Videos und Audios. Der Post-Philosoph hat zwar auch ein Buch geschrieben [‚Die Wahrheit – sie sagen und in ihr leben‘287 und ist dabei, ein weiteres zu schreiben] – das stellte aber nur einen Schritt in die Post-Philosophie und in die Post-Psychologie dar. Das eigentliche Medium des Post-Philosophen ist das Video (bzw. das Audio), in denen der Post-Philosoph Selbstversuchs-Subjekt und -objekt ist. [Ich habe auch – als weiteres Medium – Stunden der Tiefenwahrheit vertont und diese musikalischen Inszenierungen von Stunden der Wahrheit ‚Post-Passionen‘288 genannt und unter meinem damaligen Musiker-Pseudonym Peter Post289 veröffentlicht.]“ Ich ergänze: Selbstverständlich drücken sich Philosophen schon lange in Audios und Videos aus. Neu ist, daß ein Post-Philosoph sich mit diesen Medien ausdrückt – also unter Einbeziehung von Gefühlen, mit denen er unter die bloße Sprache der Philosophen geht. Auch in der mündlichen Vorrede zum 1. Teil der Kierkegaard-Videoreihe gehe ich auf den Gegenstand der wechselnden Medialität von Philosophie ein.290 Die Tiefenwahrheit ist die Fortsetzung der Philosophie mit anderen Mitteln. 7.1.2. Der neue philosophische Inhalt Aber auch inhaltlich geht die Tiefenwahrheit als Philosophie neue Wege. Ich habe in der Tat einen langen Weg hinter mir … Dieser Weg kommt – philosophie-phylogenetisch gesprochen – von den Linkshegelianern und – philosophie-ontogenetisch gesprochen – von meiner eigenen „Besessenheit“ und führt in die Post-Philosophie. Der berühmten stirner’schen „Juchhe- und Ruck“-Stelle im „Einzigen“ geht dieser Satz voraus: „Die Kritik ist der Kampf des Besessenen gegen die Besessenheit als solche, gegen alle Besessenheit, ein Kampf, der in dem Bewußtsein begründet ist, daß überall Besessenheit oder, wie es der Kritiker nennt, religiöses und theologisches Verhältnis vorhanden ist. Er weiß, daß man nicht bloß gegen Gott, sondern ebenso gegen andere Ideen, wie Recht, Staat, Gesetz usw. sich religiös oder gläubig verhält, d.h. er erkennt die Besessenheit allerorten.“291 Dagegen fiele dem Kritiker aber, so Stirner, nur – die Kritik ein. Auf den Gedanken, der Besessenheit mit einem „Aufspringen“, einem „Recken der Glieder“ zu begegnen, den Knoten mit dem „Abschütteln der Qual der Gedanken“, mit einem „Ruck“, einem „aufjauchzenden Juchhe“ zu zerhauen, kam der Kritiker nicht. Die Linkshegelianer schmissen jetzt mit Bruno Bauer die „reine Kritik“ in den Kampf, der nie zur Ruhe kam, und Marx und Engels setzten dem ganzen – sicherlich selbstironisch, doch trotzdem in der Kritik steckenbleibend – mit ihrer „Kritik der kritischen Kritik“292 das I-Tüpfelchen auf. Das ist am Ende nur noch das Bild im Bild des Bildes … – sich ewig reflektierende Spiegel. Es ist im Prinzip Inhaltslosigkeit, von der ich noch lange in einem Rausch des rein Formalen fasziniert blieb, der ich aber schließlich doch noch den Vorhang wegzog („Vorhang auf!“293), worauf sich ein inhaltlicher Schwall ergießen sollte…294 (der, ich weiß, fließen soll, aber im Rahmen des Tiefenwahrheits-Projektes für das Publikum drastisch dosiert und kulinarisch verpackt werden muß; daran muß ich noch arbeiten). Ich war als 16-Jähriger solch ein Besessener, deutete aber das Inhaltliche in diesem Gedicht295 wenigstens schon an: Er Schade
Sprach man über ihn
(Daß er so früh begann zu denken)
Denn schon seine Gedanken verwarf er
Kaum hatte er sie erfaßt
Dachte er weiter und
Lachte über sie.

So haben wir kein Zeugnis
Aus seiner einzigmöglichen Zeit
Und wäre er nicht er
Nicht einmal dieses Gedicht.
Von „Problemen“ wußte ich, wie schon gesagt, damals nichts – außer einem einzigen gewaltigen Problem, das ich aber nur sehr diffus wahrnahm: daß mit mir irgendetwas gewaltig nicht stimmte. Die Problemlosigkeit blieb noch lange mein Problem. Aber inzwischen war es ja – seit Beginn der Tiefenwahrheitspraxis – eindeutig und reichlich um Probleme („Identitätsprobleme“) gegangen – deren etliche mit „Abschütteln“ gelöst worden sind. Aus viel – inhaltsleerer, sich im Kreise drehender – Philosophie wurde wenig Philosophie; aus einem riesigen Phantom-, besser gesagt: Fatamorgana-Problem (denn es war ja da, spiegelte nur in geistigen Höhen herum) wurden viele echte Probleme, die zum größten Teil „weggejauchzt“, besser gesagt: weggejammert wurden. Ist Philosophie für mich jetzt nur noch primitives Erörtern, Nachdenken und Nachsinnen über mich und meine Lage, so fallen für mich eine Vielzahl von philosophischen Topoi, die bei Stirner zentral sind, weg. Das mag, angesichts der Bedeutung von LSR für mich, vielleicht überraschen, aber man kann gut die Verwandtschaft meiner und der LSR-Topoi aufzeigen. Die Sparren-, Geister-, Spuk- und Gespenster-Kritik Stirners gibt es bei mir nicht mehr. Sie ist bei Stirner Ausdruck des Willens zur Autonomie, der sich bei mir anders äußert. So laufen bei mir Ideen und „Werte“, die ich übernommen habe und in schwierigen inneren K(r)ämpfen loswerden will, z.B. unter dem Begriff „die Große Verarschung“. Sie betreffen nicht die großen Themen von Religion und Philosophie wie z.B. „Gott“, sondern konkretere, alltäglichere, erlebnismäßigere Sachen wie beispielsweise die von der Mutter eingepflanzte Idee, etwas Besseres sein und nichts Irdisches nötig haben zu müssen. Das frühere „Über-Ich“ – bei Laska so ultra-prominent, ob nun „rational“ oder „irrational“ – wandelt sich entsprechend auch in die direkt präsenten, nach und nach deutlicher werdenden, von mir verinnerlichten und leider mich beherrschenden konkreten „Stimmen“. Aus Über-Ich wurde „die böse Stimme“, die mich in verzweifelte Verwirrung treibt. Günter Kunert nennt einen Kurzessay „Stimmen“296, in dem es um „Sätze und Worte“ geht, die ihm wie „mit Meißeln in Granit [ein]geprägt“ sind. „Findest du das etwa schön?“, fragt ihn seine Mutter, als sie ein „Aktmagazin“ bei ihm entdeckt. Dieser Satz – diese Stimme – sei ihm „eingedrückt, als bestünde man tatsächlich aus frischem Lehm oder Ton, den einem alle Schöpfungsmythologien als Urstoff zuschreiben“. Kunert schreibt nun, daß der Satz „in den Über-Ich-Fundus [eingegangen]“ sei, aber das ist überflüssig. Man sieht: Der Unterschied in der Sprache zwischen LSR und Tiefenwahrheit rührt daher, daß in der Tiefenwahrheit eine Metapsychologie wegfällt. „Das Über-Ich ist, obwohl vom Individuum für sein Ureigenstes gehalten, der Inbegriff der Heteronomie.“ (Laska297) – Dergleichen Vokabular als Adressat der Rebellion, als Ausdruck des Autonomie-Willens sind nicht mehr nötig. Das vormalige Über-Ich überlebt nur noch als dessen direkte und gefühlsmäßig wahrgenommene Auswirkung auf das Subjekt: Entfremdung, Verzweiflung und existenzielles Nicht-Wissen, nicht mehr als Konstruktion von Psychologie oder psychologische Kategorie. Wenn Laska von der „Verminderung des irrationalen Anteils am Über-Ich zugunsten des rationalen“298 schreibt, so ist das mehr oder weniger mit dem identisch, wenn ich schreibe, daß ich mich selbst gegen die „böse Stimme“ in mir durchsetzen will. Und natürlich verallgemeinere ich meine Entfremdung nicht auf andere, wenn ich die Objektorientierung kritisiere. Die Überwindung der Religion“ – von der es bei Laska heißt, „mancher moralisierende Atheist“ habe sie „relativ schlecht gelöst“299 – oder „Atheismus“ spielen keine Rolle mehr. Natürlich auch kein Glaube an „den Menschen“ oder das Akzeptieren der aus diesem Glauben entstehende Normativismen. Das sind alles längst abgehakte Sachen. Das, was früher an Eignerzerstörungen und -einschränkungen in diesen Gewändern daherkam, macht heute ganz konkreten Stimmen in mir Platz: den bildlich-emotionalen Entfremdungsagenzien, auf denen die großen Themen von früher nur aufsetzten und durch die sie ideologisch symbolisiert wurden. Der „Eigner“ heißt: ich selbst. Daß Stirner vom „Eigner“ sprach, war seine theoretische Ur-Sünde (ein kleine Sünde war die Verwendung der Begriffe „Egoist“ und „egoistisch“). Er hätte durchgängig „Ich“ oder „Ich selbst“ sagen und sein Buch, wie geplant, auch „Ich“ nennen sollen300, anstatt sich von Verleger Otto Wigand zum „Einzigen“ als Titel überreden zu lassen. Das war inkonsequent und eine unnötige Konzession an den Objektivismus. Sein Buch mit dem Titel „Ich“ – das hätte richtig gefetzt! Das erinnert mich nicht nur an mein eben zitiertes Gedicht „Er“, sondern auch an das gleichnamige verschollene Theaterstück301: Man weicht eben gern mal, sich objektivierend, in die dritte Person aus; der Abstand kann manchmal auch ganz nützlich sein. Stirner rettet sich aus der theoretischen Kalamität, indem er in der Replik auf seine Kritiker schreibt: „Der Einzige hingegen [dem ‚Menschen‘ gegenüber] hat gar keinen Inhalt, ist die Bestimmungslosigkeit selber; Inhalt und Bestimmung wird ihm erst durch dich. […] Der Einzige ist die aufrichtige, unleugbare, offenbare – Phrase; er ist der Schlußstein unserer Phrasenwelt, dieser Welt, in deren ‚Anfang das Wort war.‘“302 Ich hätte mir gewünscht, daß er diese Phrase schon nicht mehr benutzt und diesen Schlußstein schon übergeht, aber ich kenne mich damit aus, verstanden werden zu wollen und sich dafür einer Sprache zu befleißigen, die für die Verbildeten verständlich ist. Stirner wußte davon ein Lied zu singen, diesmal bei dem Begriff „Recht“, den er auch sich genötigt sah zu benutzen, den er aber am Ende dennoch als genichtet klarstellen mußte: „Zum Schlusse muß Ich nun noch die halbe Ausdrucksweise zurücknehmen, von der Ich nur so lange Gebrauch machen wollte, als Ich noch in den Eingeweiden des Rechtes wühlte, und das Wort wenigstens bestehen ließ. […] Was ich ‚mein Recht‘ nannte, das ist gar nicht mehr ‚Recht‘, weil Recht nur von einem Geist erteilt werden kann. […] Was Ich ohne einen berechtigenden Geist habe, das habe Ich ohne Recht, habe es einzig und allein durch meine Macht. […] Recht – ist ein Sparren, erteilt von einem Spuk.“303 Herrlich, ich muß laut lachen! Stirners „Jenseits in uns“, das laut Laska „mit Freuds Über-Ich identisch“ ist, gibt es dann schon eher noch in meiner Sprache, da ich ja permanent vom Diesseits als meinem Sehnsuchtsort von Nicht-Verarschung und Nicht-Abgehobenheit spreche (weswegen ich auch „cisnihilistisch“ dem laska’schen „transnihilistisch“ bevorzuge). Aber das hat rein gar nichts mehr mit jenem „Jenseits in uns“ zu tun, um das es in diesem laska’schen LSR-Kernsatz geht: „Stirner kritisierte an den radikalen Aufklärern seiner Zeit, daß sie nur ‚Gott getötet‘, das ‚Jenseits AUSSER uns‘ beseitigt hatten; das sie, die ‚frommen Atheisten‘, jedoch den Grund der religiösen Ethik, das ‚Jenseits In uns‘, bewahrt und diese nur in eine säkulare Form gebracht hätten. Die wirkliche Befreiung von den jahrtausendealten Fesseln sei jedoch erst vollbracht, wenn es auch dieses ‚Jenseits‘ nicht mehr gebe.“304 Das sind alles nur Gedanken; mein Diesseits sind die Früchte vor meiner Nase.Es gibt unter Reichianern“, so Laska 1976, „einige Probleme, die ungeklärt an sich offen zutage liegen, trotzdem aber kaum diskutiert werden.“ Dazu zählt „die Größe dieser reich‘schen Entdeckung, die man als Einzelentdeckung und in ihrer möglichen Auswirkung auf das Leben der Menschen als unübertroffen in der Menschheitsgeschichte ansehen könnte“305: „Die moralische Regulierung des Trieblebens schafft gerade das, was sie bändigen zu können vorgibt: das asoziale Triebleben.“306 Aber seltsamerweise interessiert mich diese Fragestellung überhaupt nicht. Hat Laska ein Problem damit, als asozial gelten zu können? Es ist mir vollkommen egal, ob meine Gefühle sozial oder asozial sind oder ob wir primär „tugendhaft“ sind. Eine Diskussion darüber ist völlig sinnlos. Ich passe einfach darauf auf, daß ich mich einigermaßen sozial verträglich verhalte oder nicht mit dem Gesetz in Konflikt gerate, wenn ein Kampf aussichtslos ist oder sich nicht lohnt. Eine Gefahr besteht hier aber nur bezüglich des köstlichen, durch und durch liberalen Sondergesetz-Paragraphen 130 StGB, wo man zwar nicht asozial werden kann, sondern sich nur die Zunge verbrennt und bis zu fünf Jahre in den Knast wandert wegen Verstoßes gegen die Wahrheit. – Hier haben wir es mit dem „Heiligen“ unserer Tage zu tun. Unsere Waschlappenstirneristen sehen überall das Heilige, nur dort nicht, wo es ins Auge springt und ins echte Leben eingreift. Jetzt sagen sie zu ihrer Verteidigung: Uns geht es ja nur um das innere Heilige, das „Jenseits in uns“. Während das äußere, politisch-juristische Heilige ein ganzes Land moralisch in die Knie zwingt, bleiben sie ganz gelassen im Lehnstuhl ihrer Bücherstube sitzen. Der Eigner hat natürlich gar nichts mit Politik zu tun, nein, natürlich nicht. Wir sind für das höhere Heilige zuständig, das richtige, das „Heilige in uns“, nicht für ein solch niederes Interesse, nicht mehr Phantastillarden an Israel zahlen zu müssen. Na gut, jetzt verstehe ich es: Es ist natürlich gefährlich, als asozial zu gelten. Aber ich bin dermaßen daran gewöhnt, ein extrem böses Schmuddelkind zu sein, mit dem sich höchstens noch andere extrem böse Schmuddelkinder abgeben. Aber denen bin ich dann auch wieder als Post-Linkshegelianer zu böse und zu schmuddelig. Also kann ich es gleich sein lassen, mich für die Gefahren des Ausgestoßenseins zu interessieren. Generell fallen alle Maläsen anderer komplett weg. Ich mache mir 0,0 Gedanken um z.B. die „Besessenheit“ anderer, um die es Stirner noch so intensiv ging. Die Zeiten, wo man sich noch um die Verirrungen anderer gekümmert hat, sind vorbei. Es gibt heute auch noch einen, der sich um „die anderen“ kümmert, doch dazu später. Was ist mit Stirners „Ehrfurcht“? Auch diese spielt für mich keine Rolle. Ehrfurcht sei, „daß man etwas außer sich für mächtiger, größer, berechtigter, besser usw. hält, d.h., daß man die Macht eines Fremden anerkennt. […] Hier spukt die ganze Gespensterschar der ‚christlichen Tugenden‘.“307 Es hat nichts damit zu tun, daß ich nie mit Christlichem in Berührung gekommen bin. Ich weiß, daß ich das trotzdem in meine agnostische Seele säkularisiert und hineinhumanisiert bekommen haben könnte – aber dann wäre es eben auch schon keine „Ehrfurcht“ mehr. Die „Macht eines Fremden“, das, was „mächtiger und größer“ ist als ich – was mich nicht zu mir kommen läßt –, kenne ich leider sehr wohl. Aber das ist ganz konkret meine Mutter („die böse Stimme“) oder mein Vater, der mich in meiner kindlichen Schwäche zum Leistungssport gezwungen hat. Ich würde mein Gefühl ihnen gegenüber nicht als „Ehrfurcht“, sondern eher als „tiefste Enttäuschung“, „verzweifelte Traurigkeit“, „erzwungene Unterwerfung“, „Ausgeliefertheit“, „Chancenlosigkeit“ usw. bezeichnen. Das sind die „Gefühle“ die mir „eingegeben“ und „aufgedrungen“308 worden sind und in denen ich zurückgeblieben bin (Stirner sagt: Ich „[setze meine] kindischen, in der Kindheit empfangenen Gefühle fort“309.) Dieses „Eingeben der Gefühle“ verläßt den Rahmen von „Erziehung“. Man muß ein sehr gedehntes Verständnis von Erziehung haben, um erst recht bei der Einflußnahme auf das Ich eines Kleinkindes auf der korporellen Ebene von „Erziehung“ zu sprechen. Die Zerstörung des Ichs spielt sich auf einer ganz anderen, wortlosen Ebene statt. Es geht um viel mehr als um „Erziehung“. „Der moralische Einfluß“, laut Stirner „das Hauptingredienz unserer Erziehung“310, ist – wenn man „Moral“ ebenfalls sehr gedehnt versteht – mit Sicherheit eine Ursache, aber mitnichten die Hauptursache der Eigner-Zerstörung. Die entscheidenden Angriffe auf die Autonomie spielen sich im intimsten, leiblich-gefühlsmäßigen Verhältnis von Mutter und Kind ab. Bei manchen – zumal damals zu Stirners Zeiten – konnte sich ihr Verhalten, wenn sie zerstört worden sind, durch „Demut, Gottesfurcht, Ehrfurcht, Ehrerbietung, Untertänigkeit“311 ausgedrückt haben oder so beschrieben worden sein. Bei mir tut es das nicht. Ich fühle mich einfach nur verzweifelt verrückt gemacht. So ganz neu war dieser Inhalt nicht. Schon für Stirner war die theistische Religion als Eigner-Feind unwichtig geworden und weggefallen (und nur die atheistische Religion als solcher geblieben). Ich weiß nicht, warum Laska immer noch von „Atheismus“ usw. erzählt. „Die Mythen der christlichen Kirche sind dem Schicksal verfallen, wie die heidnischen. Feindschaft gegen die Kirche sollte es nicht mehr geben. Sie ist uns völlig gleichgültig geworden; gegen überwundene Standpunkte kämpft man nicht mehr.“ (Stirner312) Stirners „Heiliges“ ist längst auf ganz andere Gebiete übergegangen. Theismus ist als Religion völlig out, heute ist alles mögliche Gott. Ich begegne all dem agnostisch – pan-agnostisch.313 Die feuerbach’sche Menschreligion ist nach wie vor, sogar stärker denn je im Gutmenschentum präsent, aber bei mir persönlich natürlich kein bißchen, fällt als Thema völlig weg. So sehr ich mich meiner Mutter verstrickt und ausgeliefert fühle – auf keinen Fall „anerkenne“ ich ihre „Macht“. Wie diese „fremde Macht“ bei mir wirkt – nämlich ohne jede „Ehrfurcht“ und ohne irgendein „christliches Gespenst“, dafür aber durch eine enorm starke, verinnerlichte „böse Stimme“ –, kann man z.B. in dem Video/Text „Der Sportplatz: Teil 2: Verarschung und Selbstverarschung“314 sehen. Es liegt kein Grund vor, diese „böse Stimme“ als „heilig“ zu bezeichnen, auch wenn niemand besser als ich weiß, welche Macht sie über mich hat. Aber ich weiß, daß eine solche Macht als „heilig“ zu bezeichnen, zu Stirners Zeiten berechtigt war. Diese Macht übersteigt die von allen Arten von Religion. Man wendet vielleicht ein, „Anerkennung“ und „Macht“ seien nur die übergeordneten Bilder. Ja, aber ich habe sie nicht. Das „Heilige“, das bei Stirner noch das „subjektlos Interessante“ und demzufolge „das in der Tat absolut Uninteressante“ ist, gibt es in meinem Vokabular an etlichen Stellen sehr wohl, doch spielt es dann eine ausgeprägt positive Rolle: Manchmal ist es noch das Lebendigste an mir, transportiert es etwas sehr Wertvolles – für mich selbst bzw. für den Rest meines Eigners: Kleinodien und Symbole, deren Original – wie man objektivierend sagen könnte – ich nun mal nicht fühlen kann. Ich fühle bei den Symbolen aber eine Menge. Es ist für mich nicht „absolut“, aber doch sehr „interessant“ – es bedeutet mir sehr viel. Ich habe drei Teile meiner 7-teiligen Video-Reihe „Rekonstitution und Radikalisierung des nihilisierten Subjekts. Das Entstehen von Zugehörigkeit – die Entdeckung der Heimat (Dugin Heimat)“ dem Heiligen gewidmet: Das Heilige (1) Entweihung315; Das Intime (Heilige 2) – Problemhaftigkeit und Problemlosigkeit316; Das Intime (Heilige 3) – Verortung in Vergangenheit und Gegenwart317. Es verwundert etwas, die scharfzüngig-schonungslosen, ultraradikal-nihilistischen Kritiker des „Heiligen“ mucksmäuschenstill zu sehen, wenn es – abgesehen von meinem, d.h. positiv-autonomen Heiligen – um das heutige, negativ-heteronome Heilige geht: alles, was mit den Juden zu tun hat. Sie trauen sich vor lauter Angst oder Ehrfurcht nicht einmal, das Heiligtum in den Mund zu nehmen und das Wort „Jude“ auszusprechen. Warum wohl hat La Mettrie „Täuschungsmanöver veranstaltet, die schon vielen Schriftstellern zum Schutz vor unseren Juden und ihren Synoden gedient haben“318? Warum wohl hat er sich vor dem ultimativen Vorwurf, ein „Erzfeind der Gesellschaft“319 zu sein, nur weil er ein Problem für die Juden darstellte, verteidigt? Ja, glaubt Ihr denn im Ernst, daß damals weniger Angst vor den Juden geherrscht hat? Aber La Mettrie hat sie beim Namen genannt (und niemand sollte sich L-Fan nennen, der nicht diesen Mut aufbringt) – vielleicht war das sein Todesurteil. Auch „Erlösung“ sehe ich überhaupt nicht negativ. Bei Laska heißt es dazu: „Diese Ausweglosigkeit [die Freiheitsunfähigkeit des Freiheitssüchtigen] sieht Stirner nur für den Wunsch nach ‚Erlösung‘, nach ‚Befreiung von oben‘, für Freiheit via Religion oder Politik: Selbstbefreiung, die egoistische ‚Empörung‘, […] ‚Befreiung von unten‘ hält er für den einzig möglichen Weg.“320 – Und genau das wäre für mich eine – Erlösung. Wie soll man denn das Aufhören von Qualen sonst bezeichnen? Aber wer die Qualen nicht fühlt, der glaubt auch, sich gegen Freiheitsunfähigkeit erfolgreich „empören“ zu können. Aber hier hilft kein „Empören“ mehr. Davon hatte Stirner noch keine Ahnung. Stundenlanges tiefes Weinen und Betrauern der Freiheitsunfähigkeit hatte nichts mehr mit „Empörung“ zu tun. Wenn man damit durch war, konnte man sich nur noch von den Qualen – vorerst, halbwegs – erlöst fühlen. Erlösung kommt bei mir andauernd vor, z.B. im Video „Tod – Leben: Trauer – Abfließen – Sterben – Erlösung“321. Daß Stirner aber sehr wohl doch eine Ahnung von dem elendigen, unermeßlichen Abgrund hatte und sich einen Ausweg aus diesem sehr wohl – anders geht das ja gar nicht – als Erlösung vorstellte und als eine solche empfand, zeigt, wenn man eines Beweises bedarf, ganz eindeutig diese Stelle in der Replik auf seine Kritiker, wo er von sich selbst spricht: „Stirner läßt nur die ‚Erlösung der Welt‘ nicht mehr in der Hand der Denkenden und Bedenklichen.“322 Also gibt es sie doch, die Erlösung. Stirner läßt sie jetzt nur in der Hand der Fühlenden: derer, die, wie sich das damals noch für ihn darstellte, „jauchzen“ und „juchhe!“ rufen – was sich dann später als Urschrei entpuppen sollte.323 Laska spricht im Anschluß an seinen hier in Kapitel 2. Operiert LSR im „Affektiv-emotionalen“? als dem am wichtigsten herausgehobenen Neue-Aufklärung-Affektiv-Emotional-Kernsatz davon, „die Bastionen des ‚Heiligen‘ in den Individuen zu schleifen“. – All das ist der Tiefenwahrheit völlig fremd. Hier wird nichts „geschliffen“ – ganz im Gegenteil –; wofür es kein Bedürfnis mehr gibt, das fällt einfach weg. „Die Bastionen des ‚Heiligen‘ schleifen“, hört sich an, wie mit einem Luftdruckhammer auf jemanden loszugehen. Wenn man dem laska’schen Kernsatz von der Erweiterung der Aufklärung ins Affektive folgt, dann ändert sich auch das philosophische Vokabular der Neuen Aufklärung selbst. Wenn man der laska’schen Forderung entspricht, dann bedeutet das sofort eine Änderung in der Begrifflichkeit. Wenn man sich diese aber dann anschaut, sieht man, daß das bereits die stirner’sche gewesen war, nämlich die einer radikalen Subjektorientierung. Wahrscheinlich aus Gründen der Rechtfertigung von Stirner oder des Schutzes vor Angriffen gegen Stirner bedienen sich viele Stirnerianer einer vorstirnerischen Sprache oder gleiten in die Anthropologie ab, um die es bei Stirner gar nicht geht. Zu meiner großen Verwunderung glauben diese Stirnerianer die stirner’scher Sprache übersetzen zu müssen. Darin sehe ich Kleingeistigkeit und Verrat. Allenthalben in der reich‘schen und reichianischen Literatur geht es in der Zielstellung darum, die Energie in sich auszuhalten und zuzulassen. Es hört sich wie ein Tolerierungs- oder Gewöhnungswettbewerb an – als ob das Orgon eine Strafe wäre und man Angst vor ihm haben müßte. Reich schreibt (alle Hervorhebungen von ihm): „Der homo normalis kämpft aus dem gleichen Grund gegen die Orgonbiophysik, aus dem er Tausende von Hexen verbrannte und Millionen von Patienten ‚schockte‘: dem Schrecken vor den Lebenskräften im menschlichen Tier, den zu fühlen er nicht imstande ist. Wenn wir nicht den Mut aufbringen, diese Einsicht aufrechtzuerhalten, werden wir als Psychiater, Ärzte und Erzieher versagen. Zum erstenmal in der Geschichte der Medizin hat die emotionale Pest, die auf der Angst vor den Organempfindungen aufbaut und von dieser aufrechterhalten wird, ihren medizinischen Gegner gefunden. Das ist unsere große Verpflichtung: DAS MENSCHLICHE TIER IN DIE LAGE ZU VERSETZEN, DIE NATUR IN SICH ZU AKZEPTIEREN, NICHT MEHR DAVOR WEGZULAUFEN UND SICH DESSEN ZU ERFREUEN, WAS ER JETZT SO FÜRCHTET.“324 In der Tiefenwahrheit geht es von vornherein nur darum, man selbst zu sein und sich dann endlich an sich und der Welt erfreuen zu können. Wenn man auf diese Weise an sich selbst herangeht, gibt es überhaupt gar keine „Energie“, vor der ich einen Schrecken haben sollte. Sie kommt ja erst dann in mein Bewußtsein, wenn sie „integriert“ werden kann. Dieses Orgon ist eindeutig ein Fremdkörper. Das heißt mitnichten, daß ich keine Angst hätte – ganz im Gegenteil: mehr Angst als ich und du stirbst. Was die Reichianer als „Orgonströme“ bezeichnen, ist im normalen Leben Lebensfreude – und zwar eine solche, die nicht etwa nur zu mir gehört, sondern die ich bin, die aber gleichzeitig immer konkret mit jemand oder etwas anderem kommuniziert und resoniert. Das kann bis zur Ichlosigkeit gehen: „Hierüber vergißt du dich selbst in süßer Selbstvergessenheit.“ (Stirner325) Die „Orgonströme“ aber sind isolierte, von mir abgetrennte Binnenerscheinungen. Reich hat uns schrecklich objektiviert. Das ist Gift gegen den Eigner. An keiner Stelle sagt Reich, warum der „homo normalis“ überhaupt Angst hat, warum er sich selbst nicht akzeptieren kann und warum er vor sich wegläuft. Er wird immer nur zum „Tolerieren“ konditioniert. Natürlich kann es Momente geben, wo intensive Lebendigkeit Angst auslöst, weil sie plötzlich hereinbricht – quasi unvorbereitet und „nicht-integrierbar“. Dann hat es aber mit Sicherheit im Vorfeld ein Abweichen von der Wahrheit gegeben. Durch Wahrheit erobertes Terrain – automatisch zur rechten Zeit – löst bei Entdeckung immer Lust aus, niemals Angst. Man hat bei den Reichianern immer den Eindruck, der „homo normalis“ werde einem Gewöhnungsprogramm, einer Konditionierung unterzogen: jedesmal ein bißchen mehr Orgon – geht’s noch? Hältst du’s aus? Erst in der Brust, dann im Becken… – Das ist das „In-die-Lage-versetzen“. Energie“ und „Energie tolerieren“ gehören definitiv nicht mehr zum Vokabular der Tiefenwahrheit. Dieses ist strikt phänomenologisch. Und als solches kann natürlich „ich habe keine Energie“ vorkommen. Die la-mettrie’schen „remords“ (Schuldgefühle) haben zum Teil noch Aktualität; sie gehören auch nicht zu den Metaphilosophemen und sind tatsächlich akuter seelischer Inhalt. Nur muß an dieser Stelle schon dem übernächsten Kapitel 7.2. Die Tiefenwahrheit als Fortsetzung der Psychotherapie und stirneristisches Verfahren der Wiederaneignung (Laska: „Selbstermächtigung“) vorgegriffen werden: Bei Christian Fernandes heißt es: „Auf die Pariser Freigeister muss es wie ein Schock gewirkt haben, als ihr Vorreiter dann im [la-mettrie‘schen] ‚Discours‘ zum moralischen Relativisten wurde und die Destruktion der Schuldgefühle forderte.“ 326 Destruktion der Schuldgefühle“ – welche Vorstellung, wie eine solche „Destruktion“ konkret und effizient vor sich geht, wird La Mettrie davon gehabt haben? Wirklich nur durch „vernünftige Philosophie“327? Er wird, schätze ich, Glück und gottseidank nicht allzu viel von diesen Schuldgefühlen gehabt haben. Falls doch nicht: Wie hat er es angestellt, die zu vielen loszuwerden? Und welche Vorstellung hat Christian Fernandes davon? Wovor genau hatten die Freigeister Angst? Worin wird jener „Schock“ gelegen haben? Was genau ist da in Körper und Geist der Freigeister vor sich gegangen? Ich komme auf diese Fragen im II. und III. Teil dieses Buches zurück, wo es um mein eigenes schlechtes Gewissen und darum geht, wie ich es verliere: Seine „Destruktion“ ist nur ein Kollateralnutzen von Tiefenwahrheit. So viel an Neuer Philosophie gibt es also nicht. Sie verdünnt sich eben auf ihrem Weg in die Post-Philosophie. 7.1.3. Fazit der Neuigkeiten Form und Inhalt des Philosophierens sind neu; dieses wird auf ein neues Niveau gehoben bzw. – besser gesagt –: herabgesunken; der Übergang von Philosophie zu Postphilosophie wird markiert. Die Inhalte der Tiefenwahrheit als literarisch-postphilosophischem Unternehmen sind natürlich absolut subjektiv bezogen auf mich als dessen Betreiber. Sie dürfen nicht mit Inhalten anderer Subjekte in der Tiefenwahrheit (Wahrsagerei) vermengt oder gar verallgemeinert werden. Das literarische Projekt kommt zwar als – wie es die Wissenschaftler nennen – eine Art „Selbstversuch“ mit dem gleichnamigen post-therapeutischen Verfahren in Berührung, weil es als Exemplifizierung dient. Aber es weicht inhaltlich selbstverständlich von anderen sog. Wahrsagern in der Tiefenwahrheit ab. Jeder hat seine eigenen Schwerpunkte und Begrifflichkeiten. Nur wenn sich jemand in manchen Aspekten des im Rahmen des literarischen Projekts Dargestellten wiedererkennt, hätte das als Inspiration oder Resonanz zusätzlich einen Sinn. Man sollte vom Inhalt meines literarischen Projekts abstrahieren und die Wahrheit schlechthin sehen. Was auch abstrakt gesehen werden kann, ist das zerstörte Selbst – wovon so gut wie jeder betroffen ist – und die Wahrheit als Mittel des Wiederaufbaus. Ein Kollateralnutzen eines möglichen Vorbildes des literarisch-postphilosophischen Unternehmen „Tiefenwahrheit“ könnte im Aufzeigen der mehr oder minder qualvollen Öffnung zu einer Wahrheit hin bestehen – das, was Reich das „Schmelzen des Charakterpanzers“ und Janov das „Brechen des Widerstandes gegen den Urschmerz“ nennen. In der Tiefenwahrheit gibt es aber weder das eine noch das andere bzw. wird dieser Vorgang schlicht „Aussprechen einer Wahrheit“ genannt. Diese Öffnung und lediglich der Charakter von Wahrheit – und nicht etwa eine besondere Wahrheit – könnten im Rezipienten eine Resonanz auslösen, die sie möglicherweise zu eigener Verwahrheitung animieren oder inspirieren könnte. Nur die wahrhaftige Art, nicht der spezifische Inhalt könnte als Vorbild dienen. Natürlich geht das nicht ohne eine Mindestresonanz im Inhaltlichen. Ein Schwerpunkt bei mir ist die Schwere, sind Last und Entlastung, das Be- und Entschweren. Stellen wie diese bei Reich kann ich sehr gut nachempfinden: „Am darauffolgenden Tag jedoch wurde sie von einer großen Leere und Müdigkeit befallen. In ihr war ein ‚Nichts‘; sie hatte das Bedürfnis gefühlt, ruhig in einer Ecke zu sitzen ‚und sich überhaupt nicht zu bewegen‘. ‚Jede Bewegung war eine so große Anstrengung.‘ Sie wollte alleine sein.“328 Sicherlich ist die Depression extrem weit verbreitet, so daß ich möglicherweise manchen im Umgang mit ihren Beschwerden auch per inhaltlicher Identifikation helfen kann. Aber auch Manischen, Sanguinikern, Hysterikern, Epileptikern, Schizoiden, Sadisten, Normopathen, Liberalen usw. könnte bei ihrem Versuch, ihrer je ganz einzigartigen emotionalen Falle zu entkommen, geholfen werden, indem sie sehen, daß man die ganze und nackte Wahrheit schlechthin aussprechen kann – egal, welche –, was auch bei diesen zumindest zu einer Erleichterung führt. Man muß unbedingt meinen philosophischen Inhalt innerhalb eines literarisch-postphilosophischen Unternehmens streng von dem unterscheiden, der von anderen in die Tiefenwahrheit als einem post-therapeutischen Verfahren gebracht wird. Das literarische Unternehmen kommt dort mit dem Verfahren in Berührung, wo ich exemplarisch zeige, was und daß alles möglich ist. 7.2. Die Tiefenwahrheit als Fortsetzung der Psychotherapie und stirneristisches Verfahren der Wiederaneignung (Laska: „Selbstermächtigung“) Neben dem literarisch-postphilosophischen Unternehmen ist Tiefenwahrheit eine Theorie und Praxis, die die Aufgabe dessen übernommen hat, was früher Psychotherapie war (in Analogie zur Fortsetzung der Philosophie mit der Post-Philosophie). Mit beiden wird in etwa dasselbe bezweckt: daß ich mich in meiner Lage verbessere, mich besser fühle. Der Zweck kann auch spezifischer sein: Ich könnte z.B. etwas loswerden wollen, oder ich könnte das Bedürfnis haben, mich gründlich auszusprechen. Die Tiefenwahrheit argumentiert aber damit, daß sie gar keinen Zweck haben darf, wenn sie einem Zweck dienen soll. Darin liegt keine fernöstliche oder altgermanische Weisheit, sondern damit soll nur auf den bedingungslosen und unbedingten Wahrheitswillen verwiesen und gesagt werden, daß man den Zweck ausblenden soll und das Sagen der Wahrheit als Selbstzweck betrachten soll, welche Konsequenzen daraus auch zu befürchten oder zu begrüßen wären.329 Das ist natürlich Quatsch, denn alles hat einen Zweck. Und dieser Zweck sollte am besten immer der Ausgangspunkt sein: Was ist der Grund dafür, daß ich eine Stunde der Tiefenwahrheit nehmen will? Darin läge schon mal ein sehr guter Einstieg. Ich werde später in den Kapiteln 8.5. Selbst bei der philosophischen Herangehensweise zur Eigner-Stärkung kommt es bei großer Ich-Schwäche zu Schwierigkeiten. Laska vorbildlich in der prinzipiellen Herangehensweise – doch trifft dann auf nichts Eigenes. Laskas Überlegungen, sich praktisch einem Verfahren der „Selbstermächtigung“ zu unterziehen und 8.5.9. Laskas Ich-Schwäche treibt ihn zur Negation des irrationalen Über-Ichs der „anderen“ noch weiter in die Pseudosozialität und weg von der Individualität in die philosophische Anthropologie anstatt in die phänomenologische Philosophie. Die philosophische Herangehensweise an Selbstermächtigung läuft jetzt unter „ferner liefen“, ist mit Laskas Mitteln endgültig gescheitert darauf eingehen, wie sich Laska dieser Frage nähert, dabei aber keinen Einstieg findet, sondern einen Ausstieg (eine Flucht) ins Soziale. Der Begriff „Tiefenwahrheit“ muß vor 2011 entstanden sein, als sich das Projekt „Tiefenwahrheit“ – allerdings noch ohne diesen Begriff – zu konkretisieren begann und ich mit den Videoaufzeichnungen anfing. Ich habe mir dann kurz überlegt, welchen Titel ich dem Projekt gebe. Ich wollte in der Kontinuität meiner zweiten Eigentheorie aus der Jugendzeit bleiben – die „Wahrheitstheorie“ als Nachfolgerin der „Denken-Theorie“ – , mußte aber dem Einfluß von Fremdtheorie und -praxis Rechnung tragen, die die Emotionen beinhalteten. Ich holte mir die Emotionen jetzt theoretisch und praktisch zu meiner bis dahin abstrakt gebliebenen und rein kognitiv verstandenen, im Prinzip inhaltsleeren Wahrheit hinzu. Es war also eine erweiterte Neuauflage der Theorie, die ich als 16-jähriger gehabt hatte und die ich nun im Verlaufe meiner zu Wahrheitsstunden umgewidmeten und inhaltlich-emotional funktionierenden „Primärtherapie“ entwickelt habe. So hat sich der Begriff „Tiefenwahrheit“ ergeben – als eine um die Gefühle erweiterte Wahrheit. Spätestens ab 2017, als ich mit der Internetseite www.tiefenwahrheit.de begann, stand der Projekttitel „Tiefenwahrheit“ fest. Der Hauptunterschied von Tiefenwahrheit und Psychotherapie liegt nun in der Grundeinstellung: in der Weise, mit der ich an die Sache herangehe und mich dem Verfahren stelle. Auf diese Herangehensweise als das Entscheidende – spoiler alert: es ist eine philosophische – gehen wir näher ein, nachdem wir zunächst weiteres Kritisches zur Psychotherapie im Rahmen meiner intellektuellen Biographie sagen. 7.2.1. Kritik der Fremdtheorien von Wilhelm Reich und Arthur Janov (Teil 2) – Würdigung Fritz Perls‘ In der Psychotherapie ist es so, wie ich es im Kapitel 5. Zurück zur eigenen Theorie – Wahrheitstheorie – und Weiterentwicklung zur Tiefenwahrheits-Theorie beschrieben habe. Dort habe ich die Psychotherapie radikal kritisiert und sie als ein ungeeignetes Verfahren dargestellt, wenn es um die Beseitigung von Entfremdung und um die Wiederaneignung der wahren Person (des „Eigners“) geht. Wir wollen mal zu ihrem Gunsten annehmen, daß die Psychotherapie dies überhaupt zum Ziel hat. Das hat sie nämlich nur – wenn überhaupt – in einigen, nämlich den sog. humanistischen Versionen, insbesondere deren – mir bekannten – radikalsten Vertretern: Wilhelm Reich, Fritz Perls und Arthur Janov. Alle anderen Psychotherapien sind Maschinenreparaturbetriebe, die Sie von vornherein nur zum guten Funktionieren in der Maschine Gesellschaft bringen wollen und sollen. Dort sind und bleiben Sie entfremdet und nicht Sie selbst. Wenn Ihnen das ausreicht, ist alles gut. Das hat ja auch was Gutes. (Und wenn wir eine Maschine sein wollen und z.B. sehr viel und schnell etwas lernen wollen, kann uns die Verhaltenstherapie tatsächlich nützlich sein.) Und selbst im Verlaufe der Tiefenwahrheit gibt es Momente, wo zu verhaltenstherapeutischen Techniken gegriffen wird. Man muß ja irgendwie tatsächlich funktionieren; es muß ja – „auch in der größten Niedrigkeit“ (Bach, Johannespassion) – „irgendwie weitergehen“. (Siehe Kapitel 11.1. LSR-relevante Themen bei zukünftigen Arbeiten zur Darstellung von Tiefenwahrheit, Abschnitt Kindisch, wo ich „mit Verhaltenstherapie Trennungs-Schmerz beiseitelegen muß“.) Ich kritisiere Janov und Reich so, wie Stirner Feuerbach und Bauer kritisiert hatte: Sie waren die Avantgarde – aber noch immer nicht weit genug vorn. Da kommen Konservative natürlich überhaupt nicht mehr hinterher. Der Witz des Jahrhunderts ist aber der, daß einige von denen Stirner-Fans sind! Von Rechten höre ich hin und wieder Lob für meine Kritik an „linken“, alternativen Methoden, so z.B. meine Kritik an der Germanischen Heilkunde nach Hamer.330 Und so werden sie mir auch zustimmen, wenn ich Reich und Janov kritisiere. Aber entscheidend ist doch, aus welcher Perspektive die Kritik erfolgt. Das fällt ihnen in ihrer Oberflächlichkeit überhaupt nicht auf. Und so werden sie es auch mit meiner Reich-Kritik machen. Die Bezeichnung „humanistische Psychologie“ ist ja nicht ganz falsch: Mit „menschlich“ wollte man eigentlich den Eigner ausdrücken – aber eben nur eigentlich… – Stirner hatte so gut nachgewiesen: So lange vom „Menschlichen“ die Rede ist, bleibst du selbst, in ein Muster verpackt, letztlich auf der Strecke. Und selbst Reich und Janov gaben immer noch aus ihrer Anthropologie heraus derlei Muster vor und verhinderten somit die Eigner-Werdung. Die humanistischen Psychologen haben zu viel dem Human, zu wenig dir geholfen. 7.2.1.1. Exkurs: Die Frage der Anthropologie und des „Menschenbildes“ Eine grundsätzliche Bemerkung zum Thema „Anthropologie“: Jeder – oder so ziemlich jeder – hat eine Anthropologie. Und dagegen ist ja auch erst einmal nichts einzuwenden. Auch ich habe eine Anthropologie, und in diesem Buch gibt es einiges davon. Das gebe ich unumwunden zu. Diese mitzuteilen, ist eine Ausnahme, die sich nur aus der Kommunikation mit Psychologen ergibt. Das meiste davon ist bei mir aber tatsächlich gefühlte Erfahrung, also nichts wirklich Anthropologisches; das weise ich videographisch nach. Es wird Leute geben, die gar keine Anthropologie haben oder vollständige Post-Anthropologen sind. In meiner Anthropologie hat der Eigner keine Anthropologie. Er könnte von den Menschen, mit denen er verkehrt, gewisse Muster gewinnen; darauf beschränkt sich sein „Menschenbild“. Das Problem ist nur, wenn aus dem Anthropos das Human wird und mit dem Humanismus der Wissenschaft 2.0 Normativismen und Präskriptionen entstehen. Eine Anthropologie hat grundsätzlich nichts in einem praktischen Verfahren verloren, in dem es um die „Selbstermächtigung“ (Laska) bzw. die Wiederaneignung geht. Der Selbstermächtigungs- bzw. Wahrheitsbegleiter kann und wird eine Anthropologie haben, aber diese darf sich nicht in die Kommunikation mit dem Selbstermächtiger bzw. dem Wahrsager einschleichen oder diese beeinflussen. Der Wahrsager ist weder Anthropos noch Human, sondern Einziger – zumindest müssen wir instantan damit beginnen, ihn als einen solchen zu sehen. Ein Wahrheitsbegleiter hat nur die Anteile des Einzigen bzw. des Eigners in seinem Kunden wahrzunehmen und dann äußerst sparsam diese Anteile durch behutsame, manchmal vielleicht auch deutlichere Ermutigung zu unterstützen. Diese Ermutigungen dürfen aber nie die Leere des Wahrsagers ausfüllen, müssen sich immer auf seinen lebendigen Kern beziehen, aber diesen nicht zu ersetzen versuchen. Im Kapitel 2. Erfüllt LSR den Anspruch, zu einer Neuen Aufklärung beizutragen? Operiert LSR im „Affektiv-emotionalen“? warfen wir die Frage der Rationalität und Irrationalität von Gefühlen und Gedanken auf und stellten dabei eine anthropologische Behauptung auf, die erst einmal nichts mehr als das und entsprechend unwichtig war. Ob Gefühle und Gedanken „verdrängt“ sein können, ob „Gefühle von Anfang an und auch in ihren Derivaten unterdrückt werden“, ob es „sich widersprechende Persönlichkeitsanteile“ gibt, die für „Irrationalität“ sorgen, ob es einen „riesigen Berg an irrationalen Gefühlen“ mit „Verzweigungen“ und vieles mehr gibt – derlei anthropologische Gedanken spielen in der Tiefenwahrheit keine Rolle. Es ist auch eine anthropologische Sicht der Dinge, von „Endpunkten der Verzweigung, die die diversen Anteile der gespaltenen Persönlichkeit darstellen“ zu sprechen, von denen „zurück“ zu einem „Kern“ gegangen werden „muß“. In der Tiefenwahrheit herrscht nur die Wahrheit, die vertieft wird, mehr nicht. Wenn der Wahrsager diese Wahrheit im Rahmen seiner Anthropologie besprechen oder interpretieren möchte, so ist er frei, das zu tun. Er kann auch den Wahrheitsbegleiter zu einem Diskutanten in Sachen Anthropologie umwidmen. Aber die Hauptaufgabe des Wahrheitsbegleiters ist nur, dem Wahrsager beim Sagen der Wahrheit zu unterstützen. Der Wahrheitsbegleiter kann ihm auch bei der Interpretation von gemachten emotionalen Erfahrungen behilflich zu sein, so ihn der Wahrsager darum bittet. Jeder Stimme muß nachgegangen werden, um zum Eigner zu kommen“, hieß es in besagtem Kapitel, doch das stimmt eigentlich nicht. Es muß der Stimme nachgegangen werden, die aktuell ist. Ob sie eine unter vielen ist, spielt keine Rolle. Natürlich kann es die Wahrheit des Wahrsagers sein, daß er unter mehreren Stimmen leidet. In einer ersten Vertiefung dieser Wahrheit klagt er über seine Verwirrung und Ver-Zweiflung. Dieses Klagen ist dann die aktuell vortretende Stimme und könnte dazu führen, daß sich eine weitere Stimme oder Wahrheit als die dann momentan stärkste herausstellt, der er dann folgt. Diese aktuelle Wahrheit ist die des Eigners oder ist der Eigner. Sie ist vielleicht nur ein Ansatz zu einem Eigner, aber uns interessiert nur dieser Ansatz und dessen authentisches Gefühl der Eigenheit – wir behandeln diesen „Ansatz“ als den Eigner. Daß das ein „Ansatz“ ist, ist bereits Anthropologie – der nicht zu interessieren hat. Zu interessieren hat nur das authentische Gefühl. Wenn der Kunde den Wahrheitsbegleiter zum Diskutanten umwidmet, können auch Anthropologeme fallen. Aber immer verweist der Wahrheitsbegleiter auf die einzigartige Situation des Kunden und den Zusammenhang seines Anthropologems mit dessen Situation – oder er bringt sein Anthropologisches mit seinen eigenen und einzigen Erfahrungen in Verbindung. Die Anthropologeme können sogar hilfreich sein – „alle Menschen brauchen Liebe“ –; das kann den Kunden zur Wahrnehmung seiner Bedürfnisse inspirieren oder sein Selbst bestärken: „Wenn es anderen auch so geht wie mir…“ Dann sind aber diese anderen immer nur jeweils Einzige, die mehr oder weniger zufällig mit ähnlichen oder gleichen Problemen zu tun haben wie der Kunde, der sich dann dafür interessieren könnte, wie sie mit ihren Problemen umgegangen und möglicherweise – hoffentlich – fertiggeworden sind. Dann werden Resonanzen zwischen anderen und dem Wahrsager hergestellt, die ihm helfen können. Anthropologisches hat eigentlich auch nichts in einer Darstellung der Tiefenwahrheit zu suchen, weil in dieser tatsächlich so etwas nicht vorkommt (außer wie gerade beschrieben; aber die anthropologischen Ansichten des Wahrheitsbegleiters brauchen deswegen nicht in eine eigentliche Theorie der Tiefenwahrheit einfließen; eine solche kommt gänzlich ohne Anthropologie aus). Aber dieses Buch ist keine Darstellung der Tiefenwahrheit, sondern eine Darstellung des Kontextes, in dem sie entstanden ist, und dient der Kommunikation mit diesem Kontext. 7.2.1.2. Die Gestalttherapie: Ansatz zu einem auf Stirner basierenden Selbstermächtigungsverfahren Fritz Perls, der selbst Schüler und Patient von Reich und anfangs begeistert von diesem war331, muß hier von der Kritik etwas ausgenommen werden. Mit seinem unbedingten Beharren auf dem Hier und Jetzt war er an sich eignerfreundlich; seine Gestalttherapie kann als proto-stirneristisches Selbstermächtigungsverfahren angesehen werden. Perls machte den riesigen, von der Psychoanalyse ausgehenden Blödsinn nicht mit und schickt seine Patienten nie in die Vergangenheit. Wenn sich dann aber die unerledigte Vergangenheit äußert, gibt er ihr nicht genug Raum. Es wird inzwischen gute Gestalttherapeuten geben, die der Tiefenwahrheit nahekommen, wenngleich ich mir sicher bin, daß sie nach wie vor zu interventionistisch sind. Das stammt aus Perls’ Zeiten, als erstens die Landung im Hier und Jetzt zu drängend erfolgte, ja, zu brutal; man legt zu viel Wert auf Spektakel und Sensation (vergleichbar mit der Germanischen Medizin, aber auch mit Freud; dazu später mehr) – die Folge waren Bruchlandungen. Es wurde auf dem „heißen Stuhl“ einfach zu heiß, wenn Perls einheizte und sich in der Bewunderung der restlichen Teilnehmer sonnte, die sich schon voller Angst darauf vorbereiteten, auf den „Stuhl“ zu müssen. Wenn sie dort nicht das nach Perls „Richtige“ taten, wurden sie herunterkommandiert – dazu werden wir gleich noch kommen. Für das Eintauchen ins Hier und Jetzt muß der Kunde aber selbst sorgen – mit manchmal sehr sparsamer und vorsichtiger Unterstützung durch den Wahrheitsbegleiter. Die Gestalttherapeuten arbeiteten nicht mit Vorgaben und verwiesen ihre Patienten auf die leiblichen Wahrnehmungen, aber sie störten mit ihrem Drängen und Intervenieren die Eigner-Werdung. Und zweitens überließen die Gestalttherapeuten die Patienten, wenn sie tatsächlich im Hier und Jetzt ihren Widerstand gegen den Eigner aufgaben, nicht sich selbst in ihren Tiefen, wenn das Hier und Jetzt verlassen wird und Unerledigtes aus der Vergangenheit erledigt wird – die Patienten bekamen nicht Gelegenheit und genügend Zeit, ganz in sich selbst einzutauchen. Stattdessen wurde die Aktion von den Therapeuten viel zu früh abgebrochen, meist mit der Begründung, der Patient könne nun etwas mehr Verantwortung für sein Leben übernehmen. Doch daran war noch gar nicht zu denken. Eine Eignerhaftigkeit wurde ihm also eingeredet und er zu Pseudo-Eignertum konditioniert, das nur Erwachsenheit vorspielte; das Vorgespielte wurde dann mit Glauben an die heilige Psychotherapie zementiert. Auch Janov befaßt sich mit der Gestalttherapie; seine Kritik ähnelt meiner sehr: „Wie verhält es sich mit der Gestalttherapie? Bei der Gestalttherapie ist die Konfrontation oft eine zentrale Technik, vor allem bei gestalttherapeutischen Gruppensitzungen. Die Menschen werden dort ermutigt, sich untereinander ungehemmt auszudrücken; sie rotieren und agitieren unter der Maske ihrer wahren Gefühle. Aber da hört es dann fast immer auf. [hervorgehoben von mir, PT] Der eigentliche Ursprung ihrer Wut, Angst etc., wird nicht erreicht. Der Patient wird nicht – zeitlich gesehen – zu den Ursachen seiner Gefühle zurückgebracht; so kommt es nur zu einer Katharsis, nicht zum Feeling332. Er hat ein nicht verknüpftes Erlebnis, in dem alte Gefühle auf die unmittelbare Gegenwart verschoben werden. Kurz gesagt, er wird ermutigt, zu agieren, und normalerweise wird sich mit seinem Verhalten (selbst wenn er in ein Primal [„Urerlebnis“ mit Urschmerz] gerät) auseinandergesetzt. Sein Verhalten wird von den anderen Gruppenmitgliedern entweder interpretiert oder es löst Gegenreaktionen aus. Dem Patienten wird nicht die Möglichkeit gegeben, voll in seine eigenen Gefühle hineinzufallen. […] Konfrontation ändert in und für sich selbst nichts; Neurose ist eine innerliche Angelegenheit, keine zwischenmenschliche [hervorgehoben von Janov]. Konfrontation ist nur insofern sinnvoll, als daß man dadurch in Kontakt zu alten [dito] Gefühlen geraten kann.“333 Das „ungehemmte Ausdrücken“ würde ich nicht als „Rotieren und Agitieren“ denunzieren. Die „Maske“ verdeckt nicht nur die „wahren Gefühle“, sie enthält diese schon und ist zu begrüßen. („Es gibt keine Lüge“ heißt ein Kapitel in meinem Buch „Die Wahrheit – sie sagen und in ihr leben“.334) Es mag richtig sein, daß die „Konfrontation selbst nichts ändert“, aber sie kann eine sehr wichtige Etappe zu einer Veränderung sein. Hier wird an der Oberfläche operiert, und wir werden in den Kapiteln 7.2.1.8. Des Reichianers Elsworth F. Baker theoretisches Wirrwarr und 7.2.1.9. Des Reichianers Myron Sharaf Therapie bei Reich und generelle Kritik an Reichs katastrophaler Tätigkeit als Therapeut sehen, wie wichtig das ist. Der Patient“ soll gar nicht „zu den Ursachen seiner Gefühle zurückgebracht werden“ – das macht er, falls sich das authentisch ergibt, ganz von allein und braucht kein „Zurückbringen“ seitens eines Therapeuten („geh‘ zurück an die Stelle, als deine Mama dich geschlagen hat, und sage ihr, daß sie dir weh tut!“). Hier macht es der Primärtherapeut dem Gestalttherapeuten gleich: Er, wenn auch an anderer Stelle, interveniert. Auch hierin folge ich Janov nicht: „Also auch hier wieder die Frage: Warum sollte man bei der Primärtherapie Gestalttherapie betreiben, wenn Gestalttherapie nicht weiterhilft? Gewiß, es kann bei Gestalttherapie geschehen, daß ein Patient ein Primal hat, aber das sind zufällige und nicht gezielte Ergebnisse der Therapie.“ Gestalttherapie kann durchaus „weiterhelfen“, und zwar, wenn es darum geht, daß der Patient auf sich selbst verwiesen und ermuntert wird, sein Selbst, meist seinen Leib, wahrzunehmen, anstatt daß er, wie in der Primärtherapie, von dort weg- und zu falschen Narrativen hingerissen wird. Wenn über die Oberfläche der unmittelbaren Wahrnehmung gegangen wird, ist ein „Primal“, sind jedenfalls tiefere Gefühle durchaus und überhaupt nicht „zufällig“, sondern eine sich direkt aus dem Hier und Jetzt ergebende Konsequenz. Das Problem mit der Primärtherapie ist ja gerade, daß sie „gezielt“ vorgeht: Das „Ergebnis“ steht schon fest, ist eine Präskription. Sollten Gestalt- (wie auch Primär)therapeuten inzwischen dazugelernt haben, dann willkommen im Klub der Wahrheitsbegleiter! : Soweit mein Eindruck von der Gestalttherapie, wie ich sie aus Büchern und Videos, aber nicht aus eigener Erfahrung, kennengelernt habe. Wie sie sich weiterentwickelt hat, davon kriegen wir etwas aus einem aktuellen Diskussionsbeitrag mit, den ich ausführlich rezipieren werde. 7.2.1.2.1. Fritz Perls und Max Stirner Wir wollen uns jetzt mit der Frage beschäftigen, inwiefern Fritz Perls von Max Stirner beeinflußt war und seine Gestalttherapie einem auf Stirner basierendem nicht-psychotherapeutischen Selbstermächtigungsverfahren nahekommt. Dabei stütze ich mich auf eine Arbeit von Hilarion G. Petzold (Kurztitel: Perspektiven und Spuren von Max Stirner bei F. S. Perls, 2006335), in der auch Laska rezipiert wird. Sämtliche Zitate in diesem Kapitel sind, bis auf anders angegeben, von Petzold. Wir schauen uns zunächst an, ob es eine geistesgeschichtliche Verbindung zwischen Perls und Stirner bestand, aber das ist zweitrangig, denn selbstverständlich kann eine Psychotherapie Ähnlichkeiten mit der Tiefenwahrheit als einem stirnergemäßen Verfahren aufweisen, ohne daß ihr Urheber bzw. der Therapeut auch nur etwas von Stirner gehört hat. Aber im Falle Perls‘ ist es klar, daß er Stirner und dessen Gedankenwelt ziemlich gut kannte. Petzolds Untersuchung spielt sich im Rahmen einer „allgemeinen Theorie[bildung] der Psychotherapie“ ab und geht dieser Frage nach: „Wie ist es um die epistemologischen und anthropologischen Grundlagen in den Psychotherapieschulen bestellt und wie geht man in ihnen – hier am Beispiel der Gestalttherapie aufgezeigt – mit philosophischen Quellen um? Es muss in diese Bereiche der Theorieforschung investiert werden, wie es auch […] zum Thema ‚Max Stirner und Fritz Perls‘ deutlich wird.“336 Der Literat Salomo Friedlaender wird von Perls als sein „Guru“ genannt, der für ihn und auch für die Entstehung und Entwicklung der Gestalttherapie von „immenser Bedeutung“ war. Perls habe sich vor Friedlaender „ehrerbietig verneigt“. Perls‘ Aussagen über Friedlaender seien „so stark, dass man Friedlaender bei einer Betrachtung von Fritz Perls und seinem Werk nicht übergehen kann“337. Friedlaender war begeisterter Stirnerianer und gründete 1919 zusammen mit Ernst Samuel, der sich als Autor und Publizist Anselm Ruest nannte, in Berlin den Stirner-Bund und die nach Stirners Hauptwerk „Der Einzige und sein Eigentum“ benannte Zeitschrift Der Einzige.338 Zu dieser Zeit hat Perls Friedlaender für sich entdeckt.339 In Der Einzige erschien 1919340 ein pädagogischer Artikel unter Bezug auf Stirners pädagogische Texte341, von dem „anzunehmen ist, daß Perls [ihn] gesehen oder gelesen hat“342. In dem 1918 erschienenen Buch „Schöpferische Indifferenz“ nimmt Friedlaender „verschiedentlich auf Stirner Bezug“; Perls hat das Buch „offenbar gelesen“343. „Vieles hat Perls [von Friedlaender] vielleicht auch nur in Diskussionen und Café-Gesprächen aufgenommen.“344 Persönlich hat Perls Friedlaender 1922 kennengelernt, aber „der Kontakt währte offenbar nicht sehr lange“345. Inwiefern Perls tatsächlich – zumindest via Friedlaender – von Stirner beeinflußt war und „wie genau er Stirner rezipiert hat, ist nicht zu eruieren. Perls hat insgesamt ja eher aphoristisch seine Ideen zusammengesammelt, und es ist schwierig, ihn einzuordnen.“346. „Perls zitiert Stirner nie. […] Es gibt nur Denkfiguren, verwandte Ideen. Was er und wie gründlich er etwas gelesen hat, bleibt offen.“ Aber „warum“, fährt Petzold fort, „sollten nicht auch bei Perls, dessen Lehranalytiker Reich war, Stirners Ideen zum Tragen kommen? Im Berliner Milieu des jungen Perls wurde Nietzsche und Stirner ja durchaus diskutiert, zumal in anarchistischen und künstlerischen Kreisen, in denen Perls verkehrte. John Henry Mackay [und dessen Stirner-Biografie347] wurde beachtet. Anselm Ruest [Ernst Samuel] veröffentlichte 1906 in Berlin eine Stirner-Biographie.“348 Doch „diese Stirner-Einflüsse hatten – wie auch Friedlaender selbst – in der Gestalttherapieszene keine Beachtung gefunden“. Das soll sich nun mit Petzold ändern. Petzold sieht diese Einflüsse sehr deutlich – doch wertet sie ambivalent, wie wir später sehen werden. „Interessanter Weise findet sich in der gesamten gestalttherapeutischen Literatur fast kein Hinweis auf Max Stirner.“349 Die Wahrscheinlichkeit, daß Stirner in Perls‘ Eigentheorie in größerem Maße eingedrungen ist, ist schon von daher nicht hoch, als daß Perls selbst kein Philosoph, sondern Arzt war. „Überhaupt sprechen Perls‘ kursorischen Bemerkungen auf zwei Seiten350 zur Philosophie, zu Freud und Philosophie, zu Kant, Hegel und Marx von einer solchen Oberflächlichkeit der Sicht und geringen Philosophiekenntnis, die er ja selbst einräumt, daß man mit der Unterstellung philosophischer Fundierungen vorsichtig sein sollte. […] Perls war kein ‚man of letters‘, wie [Paul] Goodman351 sich selbst nannte.“ Perls schien nicht übermäßig an philosophischer und psychologischer Theorie interessiert gewesen zu sein; er war wohl eher ein genialer Dilettant. „[Man kann Perls] im Umgang mit Philosophie wirklich keinen Fundus unterstellen. Das verstellt die Sicht auf die Faktizitäten des Perlsschen Konvoluts an Konzepten und den darin zum Tragen kommenden Leitideen.“352 Nicht einmal an Gestaltpsychologie hatte Perls ein sonderliches Interesse. Zwischen dieser und seiner Gestalttherapie kann dann auch kaum noch eine Verbindung hergestellt werden. „Perls räumt immer wieder [nur] oberflächliche Kenntnisse ein etwa mit Bezug auf die Gestaltpsychologie, von der er wenig las.“353 „Die amerikanischen Gestaltpsychologen Rudolf Arnheim, Mary Henle, Michael Wertheimer und andere standen dieser Verwandtschaft [zur Gestaltpsychologie] kritisch gegenüber.354 Perls’ Interesse für den Charakter des Menschen im Unterschied zu seinen Symptomen ist in erster Linie Wilhelm Reich zu verdanken.“ (Wikipedia355) „Gestalt“ stand dann für „‚Wesen‘ wie Charakter, Habitus, Gefühlswert“356. Ich dagegen meine, daß Perls die aktuelle Lage, die Augenblicksaufnahme, die ganz besondere Form, die ein „Organismus“ in einem bestimmten Hier und Jetzt annimmt, mit „Gestalt“ bezeichnet hat. Diese ändert sich permanent. (Das entspräche dem, was ich „momentane Stimme“ oder „aktuelle Wahrheit“ nenne.) So versuchte Perls, auf das Hier und Jetzt den Akzent zu legen. Aber ich kann mich irren. Wikipedia scheint mich aber zu bestätigen: „Der Primat des Phänomenalen: Die Erlebniswelt des Menschen, wie sie sich darbietet, als einzige unmittelbar gegebene Wirklichkeit anzuerkennen und ernst zu nehmen, ist eine Grundaussage der Gestalttheorie.“357Perls stilisiert sich eigentlich nie als den universal Gebildeten, den großen Psychologen und Philosophen.“ Auch „in den Dadaismus war Perls nicht so tief eingetaucht, […] und Perls zur ‚Gestalt Dada‘ zu stilisieren, wie Bocian358 das versucht, scheint mir eine zu starke Interpretation.“359 Man sieht an Perls‘ Interesse an Dada – auch Friedlaender war großer Dada-Fan – das Spielerisch-Spontane und Nicht-Wissenschaftliche an ihm. Perls machte sich eher seine eigenen Gedanken, auch wenn er mit vielem fremden Gedankengut in Berührung kam. Und dabei ließ er sich sicher auch durch Stirner inspirieren, das aber eher über Friedlaender. Friedlaender hat sich zwar „immer wieder auf Max Stirner bezogen“, aber „mit einer gewissen Distanz, er hat ja seinen Ich-Begriff in einer ganz anderen Tiefe entwickelt, wenngleich sich Ausgangspunkte mit Stirner finden“360. Petzold faßt Friedlaenders, Stirners und Perls‘ Position als „Ich-Zentriertheit“ zusammen. Zur gedanklichen Übereinstimmung von Perls und Stirner kommen Petzold „da ‚der Eigner‘ […] und das Perlssche Konzept des ‚reownings‘ [Wiederaneignung] abgespaltener, entfremdeter Persönlichkeitsanteile sofort in den Sinn“. Auch Perls‘ „Idee der Assimilation ‚introjizierter‘ Fremdkörper“ sei eine „Brücke“ zu Stirner. Dann folgt ein Loblied auf Stirner als einem „Psychologen“, das schon Laska angestimmt hat, worauf ich im Kapitel 8.5.3. Laskas „rationales Über-Ich“ als Rationalisierung des Über-Ichs und aus mangelnder Praxis entstandenes Theorem kommen werde, und dem ich mich sowohl wertend als auch in der Faktizität nicht anschließe. Petzolds Nachweis der stirner’schen Psychologie und der Antizipation großer psychologischer Leistungen ist mit dem Laskas identisch: „Wir finden hier bei Stirner schon eine veritable Theorie der ‚Introjektion‘ (sensu Freud und Perls361), wenn Stirner nämlich schreibt, ‚dass unsere ganze Erziehung darauf ausgeht, Gefühle in Uns zu erzeugen, d.h. sie Uns einzugeben, statt die Erzeugung derselben Uns zu überlassen, wie sie auch ausfallen mögen‘362. Nur solche Gefühle nämlich wären wirklich meine eigenen, Gefühle, deren ‚Eigner‘ ich wahrhaftig bin. Ansonsten werden die von uns aufgenommenen Gefühle fremde Kräfte. Sie wären dann Eigner meiner selbst, als ob ich von ihnen ‚besessen‘ sei.“ Auch der Philosoph Ronald Hinner stößt in dieses Horn: „Der ‚Nihilismus‘ Stirners nimmt damit den methodischen Ansatz der radikalen Psychoanalyse vorweg, nämlich die konsequente Reduktion der vorreflexiven Orientierung des menschlichen Handelns auf die instinktive Grundlage des tierischen Daseins.“363 Petzold: „Bei Stirner wird gleichfalls [wie bei Perls] so ein grundsätzliches Eigenes angenommen, zu dem man durch das ‚Herausarbeiten Meiner aus dem Bestehenden‘364 kommt. Der Blick auf Stirner wirft durchaus Licht auf Positionen in Perls‘ Leben und in den Orientierungen seiner Gestalttherapie. […] Es ist schwer, [bei Perls] ein zentrales Prinzip auszumachen, das durchgängig vom Frühwerk bis in die letzten Schriften durchgehalten wird. […], aber ein Konzept gibt es: der ‚sich selbst regulierende Organismus‘, dessen ‚wisdom of the organism‘ man folgen muss, […].“ Darin könne wohl eine oder die „zum Tragen kommenden Leitidee“ gesehen werden. Aber genau hier liegt ja eine Differenz von Perls zu Stirner vor, nämlich von Perls‘ „Organismus“ zu Stirners „Ich“. Perls nimmt die Philosophie nicht allzu ernst und hat ungefähr das philosophische Niveau des Laien-Philosophen Janov. Petzold dazu: „Hegel und Marx hält [Perls] zum Idealismus-Materialismus- bzw. Leib-Seele-Problem schlicht entgegen ‚We are organisms‘365. Orientierung ist eine Funktion dieses Organismus mit seinen Sinnen. That’s it zum Thema Philosophie. ‚To philosophize is an extreme example of our intellectual games‘366, und von denen hielt Perls bekanntlich nichts.“ Dem Gegensatz von Leib und Seele liegt also – als „gemeinsames Funktionsprinzip“ (Reich) – bei Perls nicht das Ich zugrunde, wie das bei Stirner, Janov und mir der Fall ist (subjekt-orientiert), auch nicht die „Energie“, wie das bei Reich der Fall ist (objekt-orientiert), sondern der „Organismus“ (ebenfalls objekt-orientiert). Petzold erkennt das gut: „Perls hat damit keine Subjekt-Theorie. Eine solche Gestalttherapie könnte damit nicht als eine Form ‚Humanistischer Psychologie‘ gelten, und Perls rechnete sich auch nicht dieser Bewegung zu. Nicht mehr das ‚Ich‘, sondern der Organismus ist für den Perls das Eigentliche.“ Man muß aber Perls zugutehalten, daß der „Organismus“ für ihn etwas „Transpersonales“ (besser gesagt: Cispersonales) ist. Das meint Perls aber nicht mystisch; es ist etwas dem Ich Zugrundeliegendes, das Es sozusagen, nichts wirklich Subjekt-Feindliches. Für Perls ist das Ich wiederum eine Art „Ego“ – nicht im stirner’schen Sinne, sondern im Sinne eines falschen, aufgesetzten Ichs. Das Echte läge unter dem Ich – im „Organismus“. Das ist zwar nicht die feine englische Art, aber das lasse ich nochmal als quasi-subjektiv gelten. (Petzold dagegen wirkt hier überstreng und so, als freue er sich, bei Perls eine Schwachstelle gefunden zu haben.) Petzold schreibt in einem anderen Zusammenhang dazu – aber das trifft die Sache –: „Das, was von Erziehungsmaßnahmen schon in uns eingedrungen ist, Stirners ‚Jenseits in uns‘ oder das ‚Heilige‘ – Freud nennt es später Über-Ich –, müsse ‚sterben, um im Tode wieder aufzublühen als Wille‘, damit ‚freie Personen, souveräne Charaktere‘ entstehen können, so Max Stirner in ‚Das unwahre Prinzip unserer Erziehung‘367. Und damit wird dann der kryptische und handschriftlich hervorgehobene Satz von Perls deutlich: ‚To suffer one’s death and to be reborn is not easy‘368. Er hat nichts mit Buddhismus und Reinkarnationslehre zu tun.“ – Das Ego muß sterben, damit mein tiefes, wahres Ich (Eigner) zum Vorschein kommt. Petzold nimmt also die obige harte, eigentlich bösartige, zumindest nicht ganz korrekte Kritik (am „Nicht-Humanisten“ Perls) hier wieder zurück. Perls hatte keine konsequente „Subjekt-Theorie“, aber er wirkte dennoch mehr im Sinne und zum Nutzen der Subjekte als Petzold, wie wir gleich sehen werden. Und Petzold verschweigt auch die entscheidende Differenz der stirner’schen Position gegenüber der „‚humanistischen‘“. Daß Petzold die „humanistische Psychologie“ so positiv bewertet, zeugt davon, daß er Stirner nicht verstanden hat oder daß er nicht bereit ist, die Konsequenz eines Stirners aufzubringen. Wenn Petzold Perls nicht zur „humanistischen Psychologie“ rechnet, erweist er ihm unbeabsichtigt die Ehre; umso besser, wenn sich Perls „auch nicht dieser Bewegung zu rechnete“. Doch wenn Petzold scheibt: „Nicht mehr das ‚Ich‘, sondern der Organismus ist für den Perls das Eigentliche“, dann hat das den Geschmack, daß er Perls unredlich in ein schlechtes Licht rücken will – in dem er selbst viel mehr steht als Perls, wie wir gleich sehen werden. In der in meiner Jugend entwickelten Wahrheits-Theorie (siehe Kapitel 3.4. Scheitern der Denken-Eigentheorie und Entwicklung der Wahrheits-Eigentheorie) hatte es geheißen: „Wenn du unter einem unlösbaren Konflikt leidest, mußt du nur immer die ganze Wahrheit aussprechen und dann danach handeln – und schon löst sich der Konflikt auf.“ Und in meiner Denken-Theorie, die der Wahrheits-Theorie vorausgegangen war, hatte es geheißen: „Wenn ich unter irgendetwas leide – wenn zum Beispiel meine Mutter sterben sollte –, dann muß ich nur darüber nachdenken, dann muß ich mir das genau vorstellen und analysieren. Dann könne mir nichts passieren.“ Damit in Zusammenhang habe ich im selben Kapitel ein bei Petzold gefundenes Zitat von Isaiah Berlin angebracht, das ich jetzt wiederholen möchte, nämlich (Hervorhebung von mir, PT): „Wenn der Mensch seinen Idealen folgt, auf seine innere Stimme hört, dann kann ihm niemand etwas anhaben, dann ist er autonom.“369 Ich hätte damals als jugendlicher Theoretiker nicht gesagt, daß ich „autonom“ sei oder würde, wenn ich die Wahrheit ausspräche und in ihr lebte, sondern nur, daß ich dann spannungsfrei sei oder daß ich scheinbar unlösbare Konflikte lösen könne. Ich hätte auch nicht gesagt, daß ich „Idealen folgen“ sollte; ich hätte die Wahrheit nicht als ein „Ideal“ hingestellt, wenngleich man, in der Wahrheit zu leben, durchaus auch als eine ideale oder eine optimale Seinsweise bezeichnen kann. Aber das hatte nichts mit einem über mir stehenden Ideal zu tun, dem ich nacheifern müßte („Sei ein guter Mensch!“, „Die Wahrheit macht euch frei!“ oder „Du sollst nicht lügen!“); die Wahrheit war in meiner Theorie etwas, das man nur zuzulassen bräuchte. Aber Petzold übergeht die erlaubte doppelte Deutung des Berlin‘schen „Ideals“ und die mögliche Überschneidung von Ideal (Optimum) und etwas, das einem Zulassen oder Gehenlassen entspringt (etwas „Organisches“ würde Perls sagen). Petzold deutet „Ideal“ rein heteronom: „Damit sind Fragen nach dem Herkommen der Ideale unabwendbar aufgeworfen und nach der Fundiertheit des Autonomieideals. Stirner hat vor dem Herkommen dieser Stimme gewarnt, mit der Frage: Wer spricht aus dem ‚Jenseitigen in uns?‘, und er hat die Autonomie zu radikalisieren versucht, um jeden Fremdeinfluß abzuwenden.“ Ich sage nicht, daß der wieder philosophisch strenge Petzold mit dieser Deutung des Berlin’schen Satzes ganz falsch liegt; dieser zeugt tatsächlich von einer gewissen Ambiguität. Aber daß das Ideal nur für das „Jenseitige in uns“ steht, halte ich für überstreng. Er übergeht eine zum Teil ebenfalls mögliche Deutung, nach der nämlich das „Herkommen der Ideale“ auch im Personenkern verortet werden und das Autonomieideal sehr wohl im Eigner fundiert sein kann, zumal Petzold ja ausdrücklich hier von Autonomie spricht. Wenn Berlin ambigu ist, dann ist es Petzold aber auch. Und der Grund für Petzolds Überstrenge ist letztlich, daß er eine Radikalität vorgeben will – die er nicht oder nur zum Teil verkörpert –, um nicht mehr von wirklich Radikalen angreifbar zu sein. Petzold teilt das – positiv gemeinte – Berlin’sche Ideal nicht wirklich. Deswegen denunziert er es auf pseudoradikale Weise. Petzold schlüpft nur zum Schein in die radikale Haltung Stirners, die er nicht durchhält. Hier liegt wieder einmal eine Vermengung der Ebenen vor (siehe Kapitel 8.5.3.2. Exkurs: methodologische Probleme mit Abstraktionsebenen): Das Ideal wird von der ersten auf die dritte Ebene hin und herbewegt. Sicher ist in Petzolds Anthropologie nicht vorgesehen, daß sich das Ideal als Optimum im Kern befindet; auch er leidet unter Eignerskepsis, unter fehlendem Vertrauen in das „Organische“ (Perls) und in die Selbstregulation. Wenn er so streng auftritt, tut er nur so, als würde er den Kern freilegen wollen. Stirner hätte nicht nur ausschließlich „vor dem Herkommen dieser Stimme [des heteronomen Ideals] gewarnt“, er hätte das Ideal – seine autonomen Anteile würdigend – in seine Nuancen dekonstruiert; Stirner hätte Berlins Ambiguität säuberlich seziert, dann das Heteronome an Berlins Ideal vom Tisch gespült und ihm die Aufnahme in die Volksgemeinschaft der Eigner angeboten. Berlin war ein weiterer Jude, dessen Eltern sich „kulturell nach Deutschland orientierten“, die „vorwiegende Umgangssprache im Elternhaus war [zwar] Russisch; aber es wurde auch Deutsch gesprochen“370 (Vgl. Kapitel 7.2.1.15.1. Reichs Heimatverlust als Verletzung) Unabhängig davon ist dieser Isaiah Berlin für uns, die wir an einer Neuen Aufklärung arbeiten, tatsächlich nicht uninteressant: Er scheint zu den Entwicklern einer Neuen Aufklärung zu zählen – nicht nur, was das Individuelle („Ideal“), sondern auch, was das Kollektive betrifft: „Berlin beschäftigte sich eingehend mit den häufig romantisch beeinflussten Gegnern der Aufklärung. […] Er – sich selbst eher zu den Aufklärern zählend – schätzte sie als wichtige Kritiker von Schwachpunkten der Aufklärungsdoktrin. […] Berlin, der selbst einem gemäßigten Zionismus zuneigte, erkannte Nationalismus und nationale Identifikation als wichtige und notwendige Mittel der Politik an. Für ihn hatten in der praktischen Politik Emotionen Vorrang vor Ideen, da erstere wesentlich handlungswirksamer seien. Während er die potenziell zerstörerische Kraft des Nationalismus sah, gehörte dieser für ihn zum Erbe der Aufklärung, das in der Praxis die Menschen zum kollektiven und gemeinwohlorientierten Handeln anleitete. Berlins Haltung zur Gegenaufklärung ist dabei ambivalent. Er selbst sieht sich klar auf der Seite der Aufklärer, die wichtige menschliche Entwicklungen gebracht haben. Andererseits betont er an fast vergessenen Denkern der Romantik und Gegenaufklärung ihre berechtigte Kritik an der Aufklärung und ihre Hinweise auf die späteren Fehlentwicklungen, die diese mit sich brachte.“ (Wikipedia371) Zurück zu Petzold: Es ging um die Frage nach dem Herkommen des Berlin‘schen „Ideals“, das darin bestand, daß einem Menschen dann „niemand etwas anhaben kann, wenn er auf seine innere Stimme hört“. Kam das „Ideal“ aus dem Über-Ich oder aus dem Ich bzw. dem Es? Da das „Ideal“ mit der „inneren Stimme“ verbunden ist, tendierte ich – im Gegensatz zu Petzold – dahin, es eher im Sinne der Autonomie zu interpretieren. Petzold führt nun zu dieser Frage weiter aus: „Perls hat diese schwierige Frage, die eine veritable ‚Archäologie‘372 erfordern würde, in gewohnter Schlichtheit beantwortet, indem er uns auf die ‚wisdom of the organism‘ verweist.373 Der wisse schon für sich zu sorgen in autonomer Selbstregulation.“ – Perls hatte offenbar etwas mehr Vertrauen in sich selbst als Petzold. So viel muß man dafür nun auch wieder nicht im Sand rumbuddeln. Petzold: „Dabei hat er weder die subtilen Überlegungen von Friedlaender mit seinem höchst komplexen ‚Ich-Begriff‘, als transzendentalem Heliozentrum aufgenommen, noch Stirners Herausforderung, einen theoretisch begründeten ‚Egoismus‘ (Laska 1991, 1996) als Therapiekonzeption auszuarbeiten.“ – Ich kenne mich bei Friedlaender nicht aus, aber so sehr komplex ist das Ich – wenn man fühlen kann – dann auch wieder nicht; und bei „transzendentalem Heliozentrum“ höre ich dann doch sehr deutlich eine vergeistigende Abgehobenheit, die das Ich in der Tat unnötig verkompliziert bzw. vernebelt und zerstört. Gut, daß Perls das nicht von Friedlaender „aufgenommen“ hat. Für uns bemerkenswert aber ist, daß Petzold – soweit ich sehe als einziger – ausdrücklich von einem auf Stirner basierendem Verfahren zur „Selbstermächtigung“ (Laska) spricht; er nennt es: „Egoismus als Therapie“. Petzold bezieht sich zwar in diesem Zusammenhang auf eine laska’sche „theoretisch Begründung“ des Egoismus, aber so weit wie Petzold geht Laska nirgends und spräche von einem möglichen „Selbstermächtigungsverfahren“, obwohl Laska ja Stirnern Psychologie unterstellt. Dazu war Laska zu therapieskeptisch, kam aber nicht auf die Idee, daß es etwas anderes geben könnte als Therapie. Angeblich hat Perls wiederum, so Petzold, aber auch „Stirners Herausforderung, einen theoretisch begründeten ‚Egoismus‘ als Therapiekonzeption auszuarbeiten“ nicht „aufgenommen“. Die stirner’sche Position ist konträr zur friedlaender’schen – beide liegen wohl der petzold’schen Ambiguität zugrunde. Es scheint mir ganz im Gegenteil der Fall zu sein, daß sich Perls von Stirner hat inspirieren lassen bzw. daß Perls‘ Therapie sehr nahe an Stirner „konzipiert“ ist und seine Gestalttherapie einem „Selbstermächtigungsverfahren“ nahekommt. Es stimmt, daß in der „Ausarbeitung“ einer solchen „Therapiekonzeption“ im Nachgang zu Stirner eine „Herausforderung“ liegt, daß eine solche quasi in der Luft lag oder „an der Zeit“ war, wie Laska sagen würde – einer Herausforderung, die Laska seinerseits aber alles andere als angenommen hat. Perls dagegen hat – falls er sich als Eigentheoretiker, der er war, tatsächlich überhaupt dazu „herausgefordert“ gefühlt hat – sehr wohl in zu würdigendem Maße die einer emanzipatorischen Logik folgenden Entwicklung hin zu einem eignerverstärkenden oder „selbstermächtigenden“ (Laska) Verfahren „aufgenommen“. Das ist Petzold ziemlich klar: „Die Gestalttherapie von Perls hat als eines ihrer Kernkonzepte die Praxis, zu authentischen Gefühlen zu kommen – ‚genuine anger, grief, joy‘374. Um Selbstaneignung geht es bei Stirner, und zwar auf allen Ebenen. ‚Wie die Welt als Eigentum zu einem Material geworden ist, mit welchem Ich anfange, was Ich will, so muss auch der Geist als Eigentum zu einem Material herabsinken, vor dem Ich keine heilige Scheu mehr trage.‘375 Dann nämlich könne ein Mensch sich als der verwirklichen, der er wirklich ist.“376 Perls hatte schon eine sehr stirneristische Richtung eingeschlagen – ob nun unter Stirners Einfluß stehend oder nicht. Was dabei herauskommt, ist aber keine „Therapie“ mehr, die großartig „konzipiert“ werden müßte. – Genau das scheint Petzold eher zu mißfallen; Schlichtheit liegt Petzolden nicht so sehr. Andererseits erkennt Petzold deutlich das Hauptsächliche und die besondere, stirneristische Qualität Perls‘, wobei er den Stirnerismus vorbildlich um die Phänomenologie als angewandten Stirnerismus erweitert: „[Perls] hat mit diesen Richtungsgebungen Anfänge gesetzt, die in seinem Verfahren von der zweiten und dritten Generation seiner NachfolgerInnen hätten vertieft und ausgearbeitet werden müssen, was verwunderlicher Weise nicht oder kaum geschah. Das phänomenologische Moment war bei Perls in einer unspezifischen naturalistischen Position ausgebildet.“377 Perls‘ Stirnerismus sei, so Petzold, den Gestaltexperten völlig entgangen (haben sie ihn „repulsiert“?): „Stirner wurde von den amerikanischen und deutschen GestaltkollegInnen nicht als Hintergrund bzw. Untergrund Fritz Perlsscher Theorienbildung ausgeleuchtet, aber Stirners ‚Gestalt des Eigners‘ (Laska 1997) kann durchaus zu der ‚meaningful Gestalt‘, die sich Perls als Ergebnis seines Lebens wünscht, in Bezug gebracht werden.“ Petzold kennt sich in der stirnerianischen Diskussion sehr gut aus und fügt in einer Fußnote hinzu: „Bernd Kast378 hat die zentrale Bedeutung dieser ‚Gestalt des Eigners‘ in seiner materialreichen Monographie zum Thema dennoch nicht erfasst, hier stimme ich Laska379 zu.“ Ich kann meinerseits jetzt nicht prüfen, ob das zutreffend ist. Und wie Kast möglicherweise am Eigner vorbeigeschossen hat, so haben die Perlsianer auch nicht die „der Gestalttherapie zugeschriebene phänomenologische Orientierung“ der Gestalttherapie genug gewürdigt und weiter ausgebaut, weil sie wohl „weder von Fritz noch von Lore Perls klar ausformuliert wurde“380. „Paul Tholey spricht“, so Petzold, zwar „von einem ‚seminaiven Phänomenologismus‘381 der Gestalttherapie. Ihren neueren und gegenwärtigen Entwicklungen fehlt indes jeder Konnex zu den vielfältigen Fortschritten in der Phänomenologie (von Ricœur, zu Henry, Rombach, oder Waldenfels, allenfalls ein paar Erwähnungen von Hermann Schmitz finden sich). […] Richard Price, dessen sanfter, phänomenologischer und zugleich tiefgründiger Stil einer ‚Gestaltarbeit‘ zu meinen besten Erfahrungen mit der Gestalttherapie gehört, war die andere große Persönlichkeit, die sich in eine gestaltistische Richtung entwickelt hatte.“382 Petzold, fazitmäßig: „Erstaunlich sind diese Übereinstimmungen mit Stirnerschen Positionen und eigentlich überzufällig. Ja, Perls lebte ein ‚Mir geht nichts über Mich‘ oder ‚Ich hab’ Mein’ Sach’ auf Nichts gestellt‘. Ein solches ‚autarkistisches‘ Autonomiedenken, wie wir es bei Perls sehen, trägt die Stirnerschen Züge, wie sie in ‚Der Einzige und sein Eigentum‘ entfaltet wurden.“ – Wir kommen gleich zur petzold’schen Fehlinterpretation Stirners. Das komme, so Petzold, in Perls‘ „berühmt-berüchtigten ‚Gestaltgebet‘383 zum Ausdruck, welches völlig im Kontrast zum Buberschen Ich-und-Du-Denken steht, das Perls als ein Kernkonzept seiner Gestalttherapie angedichtet wird384:I do my thing, and you do your thing.
I am not in this world to live up to your expectations …
You are you and I am I,
And if by chance we find each other, it’s beautiful.
If not, it can’t be helped.‘
so die schnodderige Message des ‚Gebets‘, das Perls zuweilen in seinen Workshops von den Gruppen rezitieren ließ.“ – Also doch nicht ganz „angedichtet“. Petzold: „[Perls] lebte und lehrte eine Art stirner’scher ‚autotherapeutischer‘ Befreiung als einem radikalen ‚zu sich selber finden‘.“ – Das wollen wir doch mal hoffen, wenngleich zu befürchten ist, daß das des Lobes zu viel ist. Aber Perls war auf einem sehr guten Wege. Petzold zitiert – seine Ambiguität schlägt wieder in die andere Richtung aus –, diesen Weg zu beschreiben, wieder ausführlich Perls: „Änderungen finden von selbst statt. Wenn man tiefer in sich hineingeht, in das, was man ist, wenn man sich annimmt, was da vorhanden ist, dann ereignet sich der Wandel von selbst.“ – Der letzte Halbsatz ist nur innerhalb des Psychotherapeutisch-wissenschaftlich-reparaturmäßigen zu verstehen: Er heißt: Der Patient müsse „heilen“, „gesund werden“, ein Symptom müsse verschwinden. Hier haben wir es nun wiederum mit der Ambiguität Perls zu tun. Denn dem schwante das „Unorganische“ und Heteronome. Deswegen schickt er, sich selbst ertappend, gleich hinterher: „Solange man ein Symptom bekämpft, wird es schlimmer.“ Doch dann fällt er gänzlich in seine Medizinersprache zurück: „Wenn man Verantwortung übernimmt für das, was man sich selbst antut, dafür, wie man seine Symptome hervorbringt, wie man seine Krankheit hervorbringt, wie man sein ganzes Dasein hervorbringt – in dem Augenblick, in dem man mit sich selbst in Berührung kommt, beginnt das Wachstum, beginnt die Integration, die Sammlung.“385 7.2.1.2.2. Hilarion G. Petzolds „Integrative Therapie“ als Rücktritt von Perls‘ Ansatz Petzold kommt insgesamt zu einem Ergebnis, das in seiner Klarheit eine Affirmation Perls‘ und Stirners erkennen läßt. Doch zugleich schreckt er vor irgendetwas zurück und rettet sich in die Komplexität. Seine Kritik an Perls’ „Schlichtheit“ läuft aber auf etwas ganz anderes hinaus, nämlich auf seine Angst, wohin ein „selbstermächtigendes Verfahren“ und die Wiederaneignung des Selbstes – Perls‘ reowning – führen könnte. Jetzt kommen wir auf Petzolds Steckenpferd zu sprechen, auf dem er vom Therapeutischen in die Sozialmoral davonprescht: Perls, der „persönliche Autonomie“ (Anführungszeichen von Petzold) wolle, „beantwortet uns die Frage nicht, wo wir hinkämen, wenn jeder seinem nomos, seinem eigenen Gesetz folgen würde“386. – Daher weht also der Wind. Jetzt ist wieder der bremsende Teil der petzold’schen Ambiguität dran. Und an dieser Stelle wird der große Unterschied von der perls’schen Gestalttherapie und Petzolds eigener „Integrativen Therapie“ sichtbar, den Petzold jetzt herausarbeitet. Die Integrative Therapie hat ein paar Punkte für sich, aber zeugt letztlich von einer Repulsion Perls‘ und Stirners, zumindest von starker Ambiguität. Zuerst hat Petzolds Kritik an Perls‘ und Stirners einen konstruktiven Charakter, und man nimmt eine Treue zur deren Radikalität und eine schöpferische Weiterentwicklung wahr: „[Perls] ist auch der erste, der einen konsequenten, phänomenologischen Zugang in seiner Form der Psychotherapie als Arbeitsbasis gewählt hat: Arbeit aus der ‚awareness‘. Er war ein wichtiger Protagonist der ‚Erlebnisaktivierung‘. […] Die radikale Subjektivität des Phänomenerlebens und die Möglichkeit kreativer Weltgestaltung, ein zentrales Thema unserer Arbeit387, erhielt durch Friedlaenders Idee des ‚Schöpfers‘388 […] für uns einen wichtigen Impetus. […] Für unsere damalige erwachsenenbildnerische Kreativitätsorientierung und unsere kreativitätstherapeutische Förderung des multisensorischen Erlebens und multiexpressiven Kommunizierens, wie wir es in unserer vom perzeptiven, expressiven und reflexiven Leibe ausgehenden ‚Anthropologie des schöpferischen Menschen‘389 vertreten, erhielten wir […] durch F/M [Friedlaender alias Mynona, Pseudonym für den Literaten Friedlaender] einen weiteren wichtigen Impuls. […] [Wir müssen] z.B. in der Integrativen Therapie ‚den PatientInnen erlebniskonkret ihre Alltagsaktivitäten in der Feinstruktur zu erschließen suchen‘390 und dabei ihre Erlebnismöglichkeiten und Erfahrungsmöglichkeiten systematisch erweitern. Eine ‚Goldsteinsche Therapeutik‘391 findet man weder bei Perls, noch in den Arbeiten von GestalttherapeutInnen, d.h. in der aktuellen Gestalttherapie392.“393 Petzold, der ein großer Fan des französischen Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty394 ist, lobt Detlef Thiel395 dafür, daß dieser es „unternommen“ habe, die „ganze fruchtbare Diskussion der modernen Phänomenologie in die Diskurse der aktuellen Community der PhilosophInnen einzubeziehen. […] Als PhilosophInnen sind wir396 [...] auf die neuere Phänomenologie [...] orientiert. […] [Perls] ist ‚seine‘ Gestalttherapie im ‚schöpferischen Sammeln‘ von Fundstücken entstanden in intuitiven Integrationen. Vielleicht war seine Lesart von Friedlaender – richtig oder falsch – als ‚differentielles Denken‘397 und sein Verständnis von Phänomenologie als sensorische Phänomenwahrnehmung – Husserl-konform oder nicht – für ihn eine Strukturierungsbasis, um zu seinen Synthesen zu kommen. Im therapeutischen Geschehen, im Vollzug seiner Praxis ‚dramatisierender Therapiesitzungen‘ der Esalen-Zeit, war das sicher eine hinreichende Grundlage. Seine Sitzungen gingen ja von einer phänomenologischen Awareness-Basis aus, in der der Klient in differenzierender Selbst- und Fremdwahrnehmung und im emotionalen Durchleben von Passagen seines Lebensdramas eine ‚narrative Wahrheit‘ findet und Lebensprozesse schöpferisch neu zu gestalten beginnt. Derartige im Kontext therapeutischer Bezogenheit initiierte und durchlebte dramatistischen Prozesse des Einsichtsgewinns, der emotionalen Regulation, Verhaltenssteuerung und – daraus folgend – der Neuorientierung des Lebens, wie wir sie für dramatische Therapieformen als kennzeichnend herausgearbeitet haben 398 zu untersuchen, wird – so denken wir – die Gestalttherapie heute voranbringen. Sie hat dabei, da sind wir sicher, an Fritz Perls noch viel zu entdecken.“ Zu loben ist Petzold dafür, daß bei ihm dieses perls’sche Spektakulär-Sensationelle komplett wegfällt und er und sein Kunde sich subtil auf die inneren Sensationen konzentrieren. Doch dann schlägt Petzolds Ambiguität bzw. seine Subjektskepsis wieder zu, und seine Kritik an Stirner und Perls stellt einen Rückzug in die Heteronomie dar: „In dieser Ich-Zentriertheit bei Friedlaender, Stirner und Perls findet sich eine fundamentale Differenz zur Integrativen Therapie, die sich damit auch von der ego-zentrischen Form der Gestalttherapie des Fritz Perls und der Epigonen dieses Ansatzes abgrenzt.“ Petzold fantasiert sich jetzt eine „einseitig individualisierende, subjektivistische Orientierung“ herbei, die „aus dem ‚romantischen Geist‘ des grandiosen Individualismus, mythisch überhöht des Genies und des Helden [sic], wie ihn Isaiah Berlin399 in seinen kulturtheoretischen Analysen als eine bedeutende Seite der Romantik herausgearbeitet hat (vgl. auch Safranski400), in die Psychotherapie eingewandert401 [ist] – zu Freud, zu Jung, zu Perls –, und sich im Individualismus ihrer Epigonen fortgeschrieben hat“402. Ja, aber Isaiah Berlin hat die Romantik durchaus auch positiv gesehen, wie wir gerade gesehen haben; das unterschlägt Petzold, das will er nicht hören. Jetzt bringt er sogar Stirner mit dem Faschismus in Verbindung, wie es Hans Günter Helms getan hat, der in Stirner einen „Eiterherd“ und in „Stirnerianismus und Nationalsozialismus Variationsformen desselben faschistischen Ungeists“ gesehen hat, der „in der BRD fortlebe“, weswegen er zu dessen Bekämpfung sein Buch403 geschrieben“ habe.404 Petzold: „In der deutschen Geschichte ist dieser heldische Egoismus, der immer auf Kosten Anderer geht, in grausamer Weise entgleist.405 Der fatale Ruf, ‚denn selbst muss der Freie sich schaffen‘ (Zwiegespräch Wotan, Brunhilde, Die Walküre, 2. Aufzug, R. Wagner) – über jede Rücksicht hinaus –, ist in der Psychotherapie des ‚Ich bin Ich‘ noch nicht hinreichend dekonstruiert worden.“ – Ich gehe jetzt mal davon aus, daß darin etwas Wahres steckt. Nicht umsonst habe ich ja in der nationalen Szene propagiert – im Rahmen einer „Gefühlsguerilla (Emotiopol)“406 –, man solle Psychotherapiegruppen unterwandern, weil dort durch eine tiefe und echte Vertrauensbildung auch politische Inhalte transportiert werden können, und zwar auf eine höchst und unschlagbar effektive Art. Das war aber kein Entrismus, weil die politischen Aktivisten sich hätten selbst in Frage stellen, sich von den anderen Teilnehmern inspirieren lassen und auch zu eigenen Veränderungen bereit sein müssen. Leider ist mein Vorschlag nur ansatzweise angenommen worden, denn die Nationalisten hatten nicht den Zusammenhang bzw. die funktionale Identität von „Ich bin Ich“ und „Mia san mia“ verstanden. Doch so, wie ich in der nationalen Szene, blieb auch Petzold in der Gestaltszene unverstanden: Der „heldische Egoismus“, so Petzold, sei nicht nur nicht „dekonstruiert worden“ – er sei nicht einmal „erkannt worden – meine vielfachen Hinweise auf die Probleme des Individualismus, des Holismus, der gestaltpsychologischen Ganzheitsmythen407 blieben in der Gestaltszene unbeachtet (obwohl auch in der gestalttherapeutischen Verbandszeitschrift publiziert408).“ – Wie ja auch die Verweise auf Stirner, ließe sich hier hinzufügen. Das Problem besteht bei Petzold und im Zusammenhang mit den eigentlichen Themen dieses Buches aber nicht in etwas Politischem, sondern darin, daß Petzold die „Psychotherapie des ‚Ich bin Ich‘“ denunziert und das Ziel einer Herstellung des Eigners nicht nur in Frage stellt und verwässert, sondern regelrecht fallen läßt. Ihm steht es natürlich frei, das aus politischen Erwägungen und Ängsten heraus zu tun, nur ist er an dieser Stelle keine positiv-inspirierende und bereichernde Stimme mehr, wenn es um Vorschläge zu einem „selbstermächtigenden“ Verfahren geht. Wenn die tiefe Wahrheit des Einzelnen Faschismus und Judenausrottung bedeutet, dann muß natürlich die Unterstützung des Einzelnen, seine tiefen Wahrheiten anzunehmen, eingestellt werden: „Seit den Anfängen der tiefenpsychologischen und humanistischen Psychotherapie klingt diese prekäre Stimme des romantischen Geistes in ihren Theoremen und in ihrer individualisierenden Praxeologie nach – kaum hörbar, aber wirksam. Man solle seinen ‚Gefühlen‘ trauen, ist die gängige Position – die Nationalisten 1870/71 haben das getan und die von 1914/18 auch und natürlich die, die ihrem Führer ins Desaster folgten.“409 Jetzt kommen wir zum heißen Eisen, ob wir Vertrauen in die „Natur“ haben können oder nicht; ob eine konsequente Aufklärung zu Mord und Totschlag führt oder nicht. Petzold: „Kant hatte aufgewiesen, den Gefühlen gegenüber wachsam, ja skeptisch zu sein.“ Das stimmt. Deswegen muß ja jetzt auch eine Zweite, eine Neue Aufklärung her. Denn Kant meinte eben nicht jene Gefühle, die der mittleren Persönlichkeitsebene Reichs entstammen – der asozialen, der „polymorph-perversen“, wie Freud sagte, der keine „mittlere Persönlichkeitsebene“ und keinen Kern der Persönlichkeit kannte (den Eigner) –; Kant meinte nicht die Gefühle, die Stirner die „kindischen, in der Kindheit empfangenen Gefühle“410 nannte und die Janov die „alten Gefühle“ nennt: symbolische Reaktionen auf das, was einem angetan wurde. – Aber das sind jetzt wieder einmal anthropologische bzw. Glaubensfragen, denen wir ja an anderer Stelle weiter nachgehen können, die aber hier, wo es um Wiederaneignung und Verschmerzung geht, eigentlich nichts zu suchen haben. In der Praxis der Tiefenwahrheit kümmern wir uns ganz einfach nicht um philosophische, anthropologische und eschatologische Probleme. Die Tiefenwahrheit ist einfach für ihre Kunden da; mögen sich andere darum den Kopf zerbrechen, ob „der Mensch“ „böse“ oder „gut“ sei. Petzold: „Friedlaender und sein Mentor Ernst Marcus haben diese [Kant’sche] Warnung beachtet und in subtiler Theoriearbeit eine Theorie des vernünftigen Ichs erarbeitet.411 – Aha, das Ich muß also „vernünftig“ werden – ich hatte es schon geahnt. Das „vernünftige Ich“ erinnert aber auch ein bißchen an das „rationale Über-Ich“ Laskas (siehe Kapitel 8.5.3. Laskas „rationales Über-Ich“ als Rationalisierung des Über-Ichs und aus mangelnder Praxis entstandenes Theorem). Kann es sein, daß die Juden Friedlaender und Marcus uns Deutsche nur nicht „zu Uns selbst kommen lassen“ wollen, weil sie von jener besagten funktionalen Identität von Ich und Wir wußten, die sie störte und von der sie lieber nicht sprachen, es sei denn, es bezog sich auf ihre, sich von unseren apartierenden kollektiven Interessen? Der Jude Perls war da wohl anders; Petzold schreibt vorwurfsvoll: „Perls hat davon [daß das Ich vernünftig sein soll] nichts mitbekommen.“ – Warum muß das Ich vernünftig werden? – Damit es nicht die Juden in die Gaskammer schickt – darauf läuft es ja hinaus. Doch jetzt greift Petzold sofort im Anschluß zu einem Trick à la inversion accusatoire und bringt Perls‘ positiv-vertrauensvolle Anthropologie auf schon fast satanische, jedenfalls rabulistische Art ausgerechnet mit einer angeblichen ungenügenden Eignerfreundlichkeit Perls in Verbindung. Petzold ist wieder einmal scheinradikal: „[Perls] hat auch die Herausforderung Stirners nicht aufgenommen, sich mit dem ‚Jenseitigen‘, dem interiorisierten ‚Heiligen‘ in uns – Freuds Über-Ich –, auseinanderzusetzen. Er hat es einfach ‚eingespart‘ (oder ausgespart, wenn man so will).“412 – Das muß man erst mal schaffen! Ich denke aber, daß Petzold kein Satanist, sondern nur ein armer Kerl ist. Petzolds Mißtrauen führt ihn dazu, daß der Einzelne nicht er selbst werden soll, sondern: „Ja, wir sind davon überzeugt, wir brauchen ‚säkulares geistiges Leben‘, humanitäres, altruistisches, ästhetisches, ethisches413… [die drei Punkte sind von Petzold] Zu seiner Ausgestaltung sollten Menschen ermutigt werden.“ – Das klingt fast schon nach einer „Umstrukturierung“, wie wir sie von Reich her kennen, nur daß sie hier nicht kommunistisch, sondern liberalistisch und FDGO-mäßig motiviert ist (FDGO = freiheitlich-demokratische Grundordnung414). Tatsächlich bringt Petzold seine Psychotherapie mit dem Grundgesetz der BRD und dem Pluralismus à la LGTB+ in Zusammenhang: „Nur Säkularität als grundrechtliche Basis gewährleistet die unerlässliche Vielfalt (auch für die believer) und die Freiheit, sich den Gruppen zuzugesellen, bei denen man sich ‚richtig‘ fühlt.“ Das Kollektive ist nicht mehr das Regionale, Nationale, Natürliche – Eignerische – (Gemeinschaft), sondern das von besonders Gläubigen (Gesellschaft). Doch dann geht es nicht mehr nur um den Glauben der Einzelnen, mit denen sie sich einer Gruppe zugesellen können, sondern sogar um den Glauben an das gesamte System, das der Einzelne eingebläut bekommen soll – und der sogar „mystisch“ ist! –, weil eine Gesellschaft ohne Indoktrination nicht halbwegs funktionieren kann: „Wenn ich von einem ‚säkularen, geistigen Leben‘415 oder gar einer ‚säkularen Mystik‘416 spreche, dann meine ich durchaus die Realisierung einer persönlichen Lebensphilosophie, die allerdings immer einer ethischen Lebenspraxis verpflichtet sein wird – als Selbstverpflichtung gegenüber der Gemeinschaft.“ – Das ist aber keine Gemeinschaft („Verein“, Stirner), in der keine „Verpflichtung“ benötigt wird, weil die authentischen Interessen von Individuum und Kollektiv übereinstimmen, und die sich von selbst ergibt („organisch“, Perls), sondern eine auf Ethik basierende Gesellschaft. Eine solche kosmopolitisch-globalistisch gemeinte Gesellschaft, die auf Durchzug aller möglichen Gruppierungen eingestellt ist und am Ende nicht mehr von anderen unterscheidbar sein und eine Weltgesellschaft bilden wird, kann mit authentischen Interessen von einzelnen nichts zu tun haben. Diese können nur in einem Kollektiv der kulturell Gleichen sie selbst sein und sich wohl fühlen, beheimatet sein417. Individuen sind Einzige, aber Kollektive auch. Kann man sich einen antiglobalistischeren Autoren vorstellen als Stirner? Die ganze petzold’sche positiv zu bewertende ziselierende Feinarbeit von oben um „sensorische Phänomenwahrnehmung, differentielles Denken, Achtsamkeit“ usw. wird hier durch Sozialmoral wieder eingerissen. In einem ethisch fundierten und zusammengewürfelten Zwangskollektiv stören nur Eigner und Freiheitliche: „Viele Formen moderner Psychotherapie haben die Freiheit des Individuums auf ihre Fahnen geschrieben, aber wenige haben etwas über seine Pflichten, Grenzen, seine Verantwortung erarbeitet wie etwa Ruth Cohn418 oder der Integrative Ansatz419.“ – An dieser Stelle wird Petzolds „Integrative Psychotherapie“ (was sich ja zunächst gut anhört) in der Tat zu einer liberalistischen „Umstrukturierung“, zu einem social engineering – zu einer Integration der Deutschen in eine multikulturelle Weltgesellschaft. Petzold sieht den Zusammenhang von Individuum und Kollektiv, hat aber keine Ahnung von Eigner und Verein (Gemeinschaft). Und er baut auch nicht etwa eine falsche Dichotomie zwischen Individuum und Kollektiv auf – sein Kollektiv ist nur nicht das von wirklich eigensinnigen, eigenwilligen und eigenständigen Individuen. Petzold erscheint im Vorteil gegenüber Individualisten – die er aber nur als Strohmänner hinstellt. Er treibt ein perfides und rabulistisch wirkendes, globalistisch-propagandistisches Spiel: Er scheint Recht zu haben, wenn er vermeintlichen „Egoismus“ als asozial betrachtet und gegen angeblichen perls’schen und stirner’schen „Individualismus“ und Atomismus angeht. Doch er selbst beteiligt sich an der Zerstörung authentischer und nicht-subjektfeindlicher Kollektive und verhindert deren Entstehung. Nicht nur der Einzelne soll sich jetzt nicht mehr selbstbemächtigen, auch sein Kollektiv soll das nicht mehr – und das alles im Namen einer Kollektivität. Die auf den ersten Blick neuaufklärerisch wirkenden Gedanken Petzolds (die Berücksichtigung des Kollektiven) erweisen sich als altaufklärerisch, d.h. tatsächlich atomistisch. Dennoch halte ich Petzold natürlich nicht für einen generell perfiden Menschen. Petzold: „Wenn Stirnersche radikale ‚autarkistische Autonomie-ideen‘ unerkannt und scheinbar abgemildert in moderne Psychotherapien hineinfiltern, wie uns das bei Perls […] der Fall zu sein scheint […], wird es problematisch und steht dem Diskurs der Integrativen Therapie entgegen. Hier scheiden sich die Geister. Solche Autarkie ist – so unsere Position – weder möglich noch wünschenswert.“ – Abermals baut Petzold einen Strohmann auf: Wer sagt denn, daß Stirner und Perls „Autarkisten“ sind? – Das behauptet nur er selbst von Stirnern und Perls. Diese selbst sind garantiert nicht und nirgendwo in ihrer Anthropologie so blöde, einen Einzelnen für autark zu erklären, und haben niemandem gewünscht, daß er zu einem Atom oder einem Einzelgänger wird. Sie sprachen sich nur für eigene Kollektive aus, in denen es sich unentfremdet leben läßt. Aber gut, mögen sich hier „die Geister scheiden“. Petzold: „Menschen, weil sie nicht autark und nur bedingt autonom sind, brauchen den Anderen zu ihrem Menschsein, ihrer Entwicklung, zu Hilfe in der Not, die immer wieder eintreten kann. Und dann ist es wichtig, dass sie danach fragen können und Hilfe anzunehmen vermögen, wenn die notwendig wird. Viele unserer PatientInnen haben viel zu spät um Hilfe angefragt. Wir sehen das immer wieder. Perls aber meint: ‚Helfer sind Betrüger‘ (conmen), ‚beware the helpers‘ 420, sie verhindern Selbstständigkeit und Wachstum.“ – Zuerst trägt Petzold wieder Eulen nach Athen. Und dann wirkt seine Kritik an Perls auf den ersten Blick wieder rational. Aber Petzold bringt hier erneut ganz verschiedene Dinge und Ebenen durcheinander: Perls hat sich meines Wissens nicht gegen authentische Kollektive ausgesprochen. Er hätte – wie Stirner – nichts dagegen gehabt, wenn sich die Einzelnen aus freien Stücken und aus ihren Interessen heraus zu Kollektiven konstituieren. Aber eine solche Konstituierung war nicht seine Aufgabe, wenn sich Leute an ihn um Hilfe wandten. Petzold vermengt hier unstatthaft das Individuelle mit dem Kollektiven bzw. Sozialen. Perls wurde konsultiert, wenn es um individuelle Probleme ging. Damit ist nicht gesagt, daß der Therapeut auch nicht zur Konstitution von Kollektiven beitragen kann – das sowieso generell, indem er dem Patienten dabei hilft, er selbst zu werden und seine wahre Zugehörigkeit in sich selbst zu entdecken (mein Berliner Therapeut half mir als Sachsen z.B. dabei, zum Hertha-BSC-Fan zu werden421), aber durchaus möglicherweise auch in einem direkten und ganz speziellen kollektiv-konstituierenden Sinne: Perls hat genau das dann tatsächlich auch getan und Gemeinschaften gegründet, die er „Gestalt-Kibbuzim“ nannte. Ich vermute, sie waren nicht – wie B’nai B’rith – Juden vorbehalten, wohl aber unter jüdischer Steuerung. An dieser Stelle des sich berührenden Individuellen und Sozialen kommen wir auch zu dem, was ich das „Umwidmen“ dessen, dessen Hilfe man benötigt, nenne. Ich sagte bereits in Kapitel 6. Beginn der Tiefenwahrheits-Praxis, daß ich meinen Psychotherapeuten nicht nur in einen Wahrsagebegleiter umgewidmet habe, sondern auch in verschiedene andere Rollen – je nach meinen Bedürfnissen. Wenn Sie Glück haben, kann Ihnen Ihr Therapeut oder Wahrsagebegleiter auf Gebieten hilfreich sein, wo Sie es gar nicht erwarten. Eignen Sie sich diese Hilfe an! „Fragen Sie danach! Nehmen Sie die Hilfe an, wenn die notwendig wird!“ (Petzold) Unterwerfen Sie sich keiner Verdinglichung von „Patient“ und „Therapeut“! Nicht nur „Sterbehelfer“ oder „Paartherapeut“ oder „Coach“ konnte mein Primärtherapeut bzw. Wahrsagebegleiter sein, er hatte auch von allen möglichen anderen Dingen Ahnung – bis hin zu Computerprogrammen – und war mir nicht selten abseits von meiner Selbstermächtigung – seine Hauptaufgabe bzw. wichtigste Widmung – von großer Hilfe. Und so kann ein Therapeut auch zum Sozialtheoretiker oder -arbeiter umgewidmet werden, wie es Petzold mit sich selbst tut. Die Frage ist nur, ob der Kunde damit einverstanden ist und daß er das, obwohl eigentlich nicht gewollt, in seiner Unmündigkeit und Bedürftigkeit hinnimmt. Und wenn Petzold Perls zitiert, wonach „Helfer Betrüger sind“, so ist das erneut eine böswillige Unterstellung Petzolds. Ganz im Gegenteil hat Perls sicherlich vielen geholfen, falsche Helfer zu erkennen oder Hilfebietenden gegenüber skeptisch zu sein. Dazu bestand und besteht aller Anlaß! Petzold zitiert Perls mit einer weiteren, ähnlich rigorosen und generalisierenden Aussage: „Perls affirmiert ja: ‚Ich habe kein einziges frühkindliches Trauma gesehen, das nicht eine Lüge war.‘422 Das ist nicht nur im Lichte der Traumaforschung ignorant, das ist zynisch!“ – Ich verstehe, was Perls hier sagt: Die Patienten sind dermaßen mit psychologischer Literatur verseucht und stehen unter dem Bann von psychotherapeutischen Vorgaben und Aufforderungen, daß sie im vorauseilenden Gehorsam das produzieren, was der Therapeut hören will. Perls wollte als Therapeut nicht in so eine Ecke geschoben werden. Fast alle Patienten betrachten sich als Objekt, als eine Gestalt oder ein Gespenst aus ihrer Vergangenheit; sie haben keine Ahnung, was Hier und Jetzt bedeutet und was sie wirklich fühlen. Aber allein schon, daß es nur einen einzigen Patienten geben könnte, der nicht so ist und nichts produziert, rechtfertigt tatsächlich, diese perls’sche Aussage zu kritisieren. Ich würde also Petzold hier zustimmen. Aber wenn er von „zynisch“ herumschreit, dann zeigt mir das, daß er doch zu jenen Therapeuten gehört, deren einer Perls nicht sein wollte. Und Perls wollte eben auch keiner von diesen falschen Helfern sein und hatte auch hier völlig recht. Viele Hilfesuchende liefern sich in ihrer riesigen Bedürftigkeit Scharlatanen aus; sie sind unfähig, den (vermeintlichen oder echten) Helfer kritisch zu prüfen. Viele vermeintliche Helfer sind auch insofern Betrüger, als sie wissen, daß ihre Dienste nichts bringen und sie diese trotzdem anbieten – das war bei Wilhelm Reich und vielen Orgonomen der Fall, wie wir das u.a. in Kapitel 7.2.1.9. Des Reichianers Myron Sharaf Therapie bei Reich und generelle Kritik an Reichs katastrophaler Tätigkeit als Therapeut noch sehen werden. Das meinte Perls! Vor solchen „Helfern“ hat er gewarnt! Und selbst in seiner Generalisierung wird er noch recht gehabt haben, so schlimm schaut es nämlich aus mit den „Helfern“. Wahrscheinlich hätte Perls auch vor Petzold als einem Therapeuten gewarnt, der dir eben nicht bei deinem reowning helfen will, weil er das von vornherein für unmöglich hält – Petzold verhindert so gesehen „Selbstständigkeit und Wachstum“ –, und der dich in dir fremde Kollektive hineinsozialmoralisieren will. Petzold sagt es ja ganz offen: „Perls wendet sich rigoros gegen jeglichen Über-Ich-Druck, etwa das Annehmen von Verpflichtungen. Er nimmt deshalb dieses Konzept des Über-Ichs – ggf. um Problematisches bereinigt – nicht als ein konstruktives Moment einer Persönlichkeitstheorie auf.“ – Voilà!: Das Über-Ich ist gut. (Laska meint das ja auch, obgleich er es „um Problematisches bereinigt“ und dann „rational“ nennt, doch dazu später.) Ich, dein Psychotherapeut, bin dazu da, dich an das „Annehmen von Verpflichtungen“ zu erinnern. Ja, selbst das ist ja gar nicht ausgeschlossen und kann wirklich mein Bedürfnis als Patient sein, aber das entscheide dann ich selbst, darum bitte ich meinen Wahrheitsbegleiter, wenn ich ihn zu meinem sozialen Erzieher oder Ingenieur umwidme. Aber ganz bestimmt wird das nicht seine Hauptaufgabe sein – eine Hauptaufgabe, die Petzold vor lauter Sozialmoral nicht mehr richtig zu sehen scheint. Perls schien dieser seiner Hauptaufgabe vorbildlich nachzukommen, wenn er die schon besagte „Art Stirner’scher ‚autotherapeutischer‘ Befreiung als einem radikalen ‚zu sich selber finden‘ lebte und lehrte. Diese Befreiungslehre wird“, so Petzold, „mit dem sogenannten ‚Paradoxon der Veränderung‘ als eine der wichtigsten Kernaussagen der Gestalttherapie von Arnold R. Beisser423 auf den Punkt gebracht: ‚Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist, nicht wenn er versucht, etwas zu werden, das er nicht ist.‘“ Ich habe oben schon das Teleologische und Maschinenreparaturmäßige dieser Kernaussage in Perls eigener Variante kritisiert und möchte sie umformulieren: „Laß dich den sein, der du eigentlich bist!“ Ich denke, Arnold R. Beisser und Perls wären mit dieser Umformulierung einverstanden. Petzold aber sieht genau darin „eine der falschesten Annahmen der Gestalttherapie, weil in ihr verkannt wird, dass der Mensch nur durch Mitsubjekte zum Subjekt wird, nämlich durch Enkulturations- und Sozialisationseinflüsse und seit der Adoleszenz durch seine Auseinandersetzung mit diesen Einflüssen in der Gestaltung der eigenen Identität424.“425 Ich kann dem nicht widersprechen, weiß aber nicht, worin sich das Gesagte mit der Kernaussage Perls‘ beißen soll. Was hat das damit zu tun, daß ich mich richtig aussprechen, mich reagieren und gehen lassen möchte und mich in dieser Erfahrung mehr wahrnehmen, kennenlernen möchte – selbstverständlich auch in Bezug auf meine Mitsubjekte. Es geht ja fast nur um diese. Wenn ich mich besser und tiefer wahrnehme, kann ich darüber entscheiden, welche Enkulturations- und Sozialisationseinflüsse ich behalten möchte und welche nicht. Petzold: „Stirner, Nietzsche, Friedländer und in ihrer Folge Perls verkennen mit ihren egologischen, egozentrischen, [auf] Ich-Autonomie fokussierenden Ansätzen, dass ‚Sein Mit-Sein ist‘426 und Subjektivität, Personalität und Identität nur in Intersubjektivität gewonnen werden können, in einem ‚Du, Wir, Ich/Wir, Du, Ich in Kontext und Kontinuum‘, aus Sozialisations- und Enkulturationsprozessen427, in denen durch Interiorisierung von Anderen ein eigenes Selbst hervorgeht – anders ist das evolutionstheoretisch und entwicklungspsychobiologisch überhaupt nicht möglich428.“ – Das mag alles so sein, aber was hat Petzold dagegen, wenn das jeder für sich selbst entdeckt und wenn jeder für sich selbst entscheidet, was er interiorisiert und was er wieder exteriorisiert? Seit wann interessiert es mich, was ein Evolutionstheoretiker und ein Entwicklungspsychobiologe dazu zu sagen haben? Petzold: „Der Mensch, hervorgegangen aus kosmischem ‚Sternenstaub’, aus der Symbiose/Endosymbiose von Prokaryoten, hat sich im evolutionären Zusammenleben von Säugetieren, Primaten, Hominiden entwickelt. Er entstand aus den permanenten ‚Wechselbeziehungen des Lebendigen’, ist ‚Sein aus Mitsein’ und ‚Mensch als Mitmensch’. Er ist unabtrennbarer Teil einer Gemeinschaft wachsend selbst-bewußter, ko-reflexiver Menschenwesen in einer Welt des Lebendigen. Durch die transversale geistige Arbeit solcher Menschen mit komplexer Bewusstheit hat die Evolution, ja der Kosmos begonnen, über sich selbst nachzudenken.“429 – Vortrefflich gesagt! Ein wahrer Wissenschaftler, dieser Herr Petzold! Blabla. Wenn das alles meine „Natur“ sein soll, dann werde ich mich schon entsprechend aus mir selbst heraus so verhalten. Petzold: „Hier liegt ein grundsätzlicher Dissenz zur Perlsschen Gestalttherapie des ‚Ich bin Ich‘, eines Ich, das seine organismische Realität (will meinen: Personhaftigkeit) gleichsam parthenogenetisch aus sich selbst hervorbringt. Die Aporie von Stirner und Perls liegt im Verkennen des Faktums, dass Menschen phylogenetisch aus Polyladen und Polylogen hervorgegangen sind und in jeder Ontogenese aus solchen Strukturen und Prozessen hervorgehen, in denen Überlebenswissen weitergegeben wird, wie die verbale und nonverbale Sprache430.“ – Ja, und? Das ist alles nur Blabla dafür, wie uns die Wissenschaftler als Transmissionsriemen in der herrschenden Maschinerie haben möchten. Nach ihrem Bild wollen sie uns formen, damit wir „geheilt“ werden. Petzold: „Hier zeigt sich die fundamentale entwicklungspsychobiologische Defizienz der Gestalttherapie und ihre anthropologische Fehlkonzeption in der Idee des sich autonom homöostatisch regulierenden Organismus in der Umwelt.“ – Autonom heißt nicht autark oder atomistisch, sondern nur, daß ich weiß, welche Bedürfnisse ich habe, damit ich mich von ihnen steuern lassen kann – wie oft denn nun noch? Daß diese Bedürfnisse etwas mit meiner Umwelt zu tun hat und in dieser befriedigt werden – das glaubt mir ein Professor sagen zu müssen? Ich möchte nicht für die Gestalttherapie sprechen, aber die Tiefenwahrheit kann keine „anthropologische Fehlkonzeption“ haben, weil sie überhaupt keine anthropologische Konzeption hat. Es ist uninteressant, welche Anthropologie ich als Wahrheitsbegleiter privat habe. Ich habe zweifellos eine, aber wenn ich aufmerksam meinem Kunden in seine Wahrheit folge – fast immer passiv –, dann wüßte ich nicht, welchen Einfluß ich mit meiner Anthropologie auf diesen nehmen sollte. Eine mitfühlende, vorsichtige Ermutigung, weiter der Wahrheit zu folgen und sich in sie gehen zu lassen – wenn das manchmal angebracht sein sollte –, ist keine Manipulation, die einer Anthropologie entstammen könnte. Und wenn mich der Kunde zum Ratgeber umwidmen sollte und mich in irgendeiner Sache um meine Meinung fragt, dann sage ich sie ihm, falls ich zu der Sache überhaupt eine habe. Was er dann damit anfängt und ob er sich davon inspirieren läßt, dafür ist nur er selbst verantwortlich – das weiß er und das will er auch gar nicht anders. Ich hoffe doch, daß sich mein Kunde eine Schlaumeierei à la „so ist der Mensch“ („und deswegen solltest du so sein“) verbittet – aber von mir wird nicht so eine Dummheit kommen. Ich bin ja kein Wissenschaftler. So wie Herr Petzold: „Dagegen steht in der Integrativen Therapie eine elaborierte interaktionale entwicklungpsychobiologische Konzeption431 und mit Habermas, Marcel, Merleau-Ponty und Ricœur eine grundsätzliche anthropologische Fundierung im Gedanken der Zwischenleiblichkeit, Intersubjektivität, der Ko-respondenz und Konvivialität432, die die gesamte Theorie und Praxeologie durchdringen433.“ Bravo! Die Wissenschaftler wollen wieder mal „die Wirklichkeit erfassen“ – möglichst umfassend, möglichst vollständig und „ganzheitlich“. *Gähn*. Petzold: „Im Integrativen Ansatz denken wir eine ‚Selbstständigkeit in Bezogenheit‘, und das ist keine völlige Autonomie, sondern eine ‚Souveränität als Ausgehandelte‘, denn Menschen leben in Angrenzungen und Beziehungen erfordern [sic, hier muß doch irgendwo ein Komma rein!] ein ‚Aushandeln von Grenzen und Positionen‘.“ – Besser hätte ich es nicht sagen können. In einer guten Gestalttherapie oder Primärtherapie oder in der Tiefenwahrheit lernt der Einzelne seine tiefen und wahren Bedürfnisse kennen. Danach geht er hinaus in die Welt und versucht, diese zu befriedigen. Wenn er dabei noch weitere Hilfe benötigt, kann es sein, daß er sich an einen „Coach“ o. drgl. wendet, der dann unser Herr Petzold mit seiner hohen Sozial- und Moralkompetenz sein könnte. Petzold: „Wir betonen gegen abgrenzende Autonomie und vorgebliche Selbstgenügsamkeit die Wichtigkeit von Angrenzung, Affiation [sic – sicherlich Affiliation], Verbundenheit, Zugehörigkeit, Konvivialität. Nochmals: Wo kämen wir hin, wenn jeder seinem Nomos folgen würde und sich jeder Verpflichtung entziehen zu können glaubt.“ – Es tut mir leid, ich kann nur mit dem Kopf schütteln und mich fragen, ob Petzold wirklich so dumm ist. Ich stimme ihm in seiner Anthropologie durchaus in vielem zu, mit deren Banalität er an sich bei mir eine offene Tür einrennt. Nur wenn es an Banalem zu viel wird, muß ich leider zumachen. Was soll denn mein Nomos dagegen haben? Im Gegenteil: Ich will mich angrenzen, mich verbinden, will dazu gehören, will konvivial, d.h. ein lustiger Geselle sein – verdammt noch mal, ja! Selbstverständlich will ich mich dem nicht „entziehen“ – warum denn? Bin ich irre? Ich würde es vielleicht inspirierend finden und Petzolden sogar auch darein folgen, wenn er mir eine „Verpflichtung“ nennt. Es kann ja sein, daß ich etwas übersehen habe. Das Problem liegt aber woanders, nämlich im Ton des Herrn Petzolds: „… wenn jeder seinem Nomos folgen würde und sich jeder Verpflichtung entziehen zu können glaubt.“ Das ist ganz klar eine Drohung. Schön hiergeblieben! Nix da „sich der ‚Verpflichtung‘ entziehen“! Und ich, Petzold, bin es, der sie dir nennt. Petzold ist ohne Zweifel ein sehr aufmerksamer Polizist. Aber wenn ich einen Polizisten brauche, gehe ich zur Polizei, nicht zu einem Psychotherapeuten. Selbstermächtigung – falls Petzold überhaupt noch etwas damit zu tun haben will – ist keine moralische Lehr- und Verbesserungsanstalt, kein Umstrukturierungsgulag. Für wen hält sich diese Type überhaupt? Im Verlaufe der Subjektivierung mit einem guten Therapeuten kommt es automatisch zu Einsichten, die meine Relationen betreffen. Wozu brauche ich dazu einen Polizisten? Warum sollte ich mir in so einem Ton kommen lassen?! Die „Selbstständigkeit in Bezogenheit“ ist eine Lüge, weil die Bezogenheit vom wissenschaftlichen Polizisten Petzold vorgegeben wird. Er weiß, welche Art Beziehung ich brauche. Das hat dann aber mit einer „Selbstständigkeit“ nichts zu tun. Die „Bezogenheit“ ist eine „Souveränität als Ausgehandelte“ – hier bin ich mit Petzolden einverstanden: Ich sehe zu, wie ich meine Bedürfnisse befriedige, und wenn ich ein Brot kaufen will, weil ich Hunger habe, kann es sein, wenn ich knapp bei Kasse bin, daß ich mit dem Bäckermeister anfange zu verhandeln. Das ist aber wieder absolut banal. Für mich bedeutet Souveränität nicht, dem Bäckermeister auf die Schnauze zu hauen, wenn er mit meinem Preisangebot nicht zufrieden ist. Ich weiß gar nicht, ob ich das im Ausnahmezustand machen würde; dann wäre ich nach Carl Schmitt nicht mehr souverän. Aber da der Ausnahmezustand nur ausnahmsweise eintritt, zahle ich lieber brav dem Bäckermeister die drei Groschen, die er haben will, um nicht zu verhungern. Was meint Petzold mit diesem schlecht geschriebenen Satz?: „… denn Menschen leben in Angrenzungen und Beziehungen erfordern ein ‚Aushandeln von Grenzen und Positionen‘“? Ah, er hat das Komma nach „Angrenzungen“ vergessen, jetzt verstehe ich: „Beziehungen erfordern ein ‚Aushandeln von Grenzen und Positionen‘“, sagt der soziale Coach. – Ich stimme Petzold in der nächsten Banalität zu. Wenn er so weitermacht, brauche ich ihn nicht als sozialen Coach; da gehe ich lieber in eine Handelsschule. Das [das ‚Aushandeln von Grenzen und Positionen‘] gab es bei Perls nicht. Man musste seinen Regeln folgen, sonst wurde man vom ‚Hot seat‘ geworfen434.“ – Wenn Perls so etwas getan hat, dann, weil er in diesem Moment ein schlechter Gestalttherapeut war. Soziale Kompetenz oder Didaktik sieht auch anders aus. Ob er auch ein schlechter Händler war, weiß ich nicht – hat er dem Kunden dafür etwas berechnet, daß er kurz auf dem Heißen Stuhl saß und wieder runtergeschmissen wurde? Was sahen die Geschäftsbedingungen für so eine Situation vor? „Wenn ich dich vom Heißen Stuhl schmeiße, mußt du …, brauchst du nicht …“? Petzold oszilliert wieder zwischen den Ebenen hin und her. Auf dem Heißen Stuhl kann jemand Perls danach gefragt haben, wie er sich ethisch richtig oder sozial verträglich verhalten soll; das könnte vorgekommen sein. Ich glaube es aber nicht. Jeder Kunde sollte einigermaßen gewußt haben, was er bei Perls erwarten konnte, nämlich: sich durch Aufmerksamkeit und Achtsamkeit selbst kennenzulernen, wobei – weil man ja als normales Mitglied unserer entfremdeten und entfremdenden Gesellschaft dabei Schwierigkeiten hat – man vom Gestalttherapeuten Interventionen wünscht, mit denen mein Bewußtsein auf die Sprünge geholfen werden soll. Deswegen sucht der Kunde den Therapeuten auf. Diese Aufgabe sollte ein Gestalttherapeut erfüllen können. Wenn der Therapeut seine Umwidmung zum sozialen Coach wegen Inkompetenz auf diesem Gebiet ablehnt, und der Kunde aber darauf besteht, dann sollte das Vertragsverhältnis an dieser Stelle beendet werden. Daß das nicht mit einem Rauswurf oder einer brüsken und unhöflichen Aufforderung, den Heißen Stuhl zu verlassen, geschehen sollte, versteht sich von selbst, man ist ja spontan sozial genug. An dieser Stelle ist Kritik an Perls angebracht. Wie ich schon am Anfang dieses Kapitels sagte, finde ich ihn nicht selten zu rabiat, zu interventionistisch, zu chaotisch oder einfach nur ein Arschloch, dem ich keinen Heller hinterherschmeißen würde. Und damit kommen wir noch einmal zur – im Sinne des Eigners – konstruktiven Kritik Petzolds an Perls‘ Gestalttherapie zurück: Wenn Petzold schreibt, daß er die „Therapie als Geschehen in einem solchen ‚gastlichen Raum‘ (Derrida) und den Therapeuten/die Therapeutin als einen Menschen, bei dem man sich gerne niederläßt“, sieht, dann kann ich das zwar angesichts seiner Polizisten- und Moralistenhaltung kaum glauben und muß eine Falle und eine Heuchelei vermuten, aber finde das erst mal gut – gerade in Kontrast zu dem manchmal skandalösen und inakzeptablen Gebaren Perls‘. Wenn der tattrige und sabbernde Alte seine PatientInnen befummelt hat, hätte man tatsächlich mal nach der Sitte rufen können. Der nächste Jude mit „exzessiver Sexbesessenheit“435. Petzold weiter: „Das ist überhaupt die Qualität eines ‚angenehmen Menschen‘, der eine offene Bereitschaft hat, den anderen offenherzig und freundlich zu empfangen und mit ihm zu sein, in einem ‚warmherzigen … [Ambiente? – Der Satz bricht bei Petzold ab]. Das ‚Hot seat-Setting‘ ist sicher kein solcher Ort436. Menschen sind von Säuglingszeiten an auf ‚friendly companionship‘437 gerichtet.“ – Dem kann ich nur zustimmen. Man muß nur aufpassen, daß man sich aber auch nicht in klebrigem Zuckersirup verliert, wo die Wahrheit nicht rauskommen kann. Zu dieser „Freundlichkeit, Offen- und Warmherzigkeit“ des Therapeuten bzw. Wahrheitsbegleiters („Menschlichkeit“) werde ich ein gesondertes Video machen, denn das scheint mir von ganz besonderer Bedeutung. Petzold wirft „vielen Formen moderner Psychotherapie“ vor, daß sie „allem Freiheitsgerede zum Trotz die Unterwerfung unter die Bedingungen der jeweiligen Therapiesettings“ verlangen. Darin liegt tatsächlich ein eklatanter Widerspruch, und ich stimme ihm zu. Es darf eigentlich gar kein Setting geben – bis auf den äußeren, organisatorischen Rahmen. Aber ich finde die Beispiele, die Petzold in diesem Zusammenhang bringt, verdächtig ungeeignet: „die Freudsche ‚Grundregel‘ rückhaltloser Selbstoffenbarung oder die Perlssche ‚Grundregel‘ radikalen Hier-und-Jetzt-Gewahrseins“. Natürlich darf nichts zwanghaft, steif oder dogmatisch sein, aber man kann die „Grundregeln“ nicht nur als Regeln oder als Pflichten sehen, sondern als Einladung und große Chance, sich komplett aussprechen und gehenlassen zu können. Petzold scheint mir etwas dagegen zu haben und kommt schon wieder mit seiner sozialmoralisch-anthropologischen Litanei um die Ecke, wonach „der Mensch nicht losgelöst von seinem sozialen und ökologischen Kontext erfasst werden kann. [Wir] vertreten die ‚persönliche Souveränität des Subjektes, die in der Intersubjektivität verwurzelt ist und immer wieder ko-respondierend mit Menschen des relevanten Kontextes/Kontinuums ausgehandelt werden muß‘, weil die ‚Sorge um sich‘438 immer zugleich die ‚Sorge um die Anderen‘439 implizieren muß440.“ – Aha, „muß“. Das riecht mir doch stark danach, daß der „Andere“ der Therapeut ist, um den sich der Patient zu „sorgen“ und den er zu schonen hat (siehe Teil II dieses Buches). Der Verdacht drängt sich auf, daß sich Petzold mit seiner die Freud’schen und perls’schen „Grundregeln“ ablehnenden Haltung vor dem Kunden schützen will. Es kann aber nicht sein, daß der Patient sich um den Therapeuten sorgen muß. Und nichts anderes heißt das, was Petzold hier sagt: Patient und Therapeut sind gleich und müssen sich gegenseitig aufeinander einstellen. Und in diesem Sinne zitiert er auch Perls‘ Sohn: „Ich glaube nicht, daß er [Perls Vater] es verstand, anderen auf gleicher Ebene zu begegnen.“441 – Das hat im Zusammenhang mit der Zusammenarbeit von Therapeut und Patient gar nichts zu suchen. Privat mag der Sohn seine Gründe gehabt zu haben, vom Alten mehr beachtet zu werden. Aber ein Therapeut hat nicht solche Ansprüche an seinen Klienten zu stellen. Wie sich Petzold das Verhältnis mit seinen Kunden vorstellt, daraus spricht mal wieder diese typische arrogante Haltung der Experten und „Wissenden“ gegenüber dem dummen Patienten. Nein, Kunde und Therapeut haben ganz verschiedene Rollen in ihrem Verhältnis; natürlich ist es in „Intersubjektivität verwurzelt“ und „ko-respondieren“ beide, aber die Responsabilitäten sind klar verteilt: auf der eine gar keine, außer das Honorar zu bezahlen, auf der anderen Seite eine hohe professionelle. Es ist absolut klar, daß der Kunde König ist und der Therapeut ihm dient. Dafür wird er bezahlt. Der Dienstleister stellt dem Kunden gewisse Bedingungen, etwa, daß der ihn nicht bespucken darf usw. Aber erfüllt der Kunde diese Bedingungen, kann er ansonsten machen, was er will, muß er sich null „Sorge um den Anderen“ machen. Monsieur aber „selbstermächtigt“ sich in seiner Eigenschaft als Psychoprofessor zu mehr, schanzt sich rotzefrech Rechte im Verhalten des Kunden und diesem gar „Verpflichtungen“ zu, denn die „Sorge um die Anderen“ „muß“ ja „impliziert“ sein. Na, dem würde ich was husten. Diese Experten sind dermaßen von den riesigen Bedürfnissen ihrer Patienten verwöhnt, daß sie sich alles glauben leisten zu können. Selbstverständlich darf und soll sich der Patient ausschließlich um sich selbst sorgen – das ist ja der Grund dafür, warum er in Therapie oder in die Wahrsagerei geht. Und zu diesem Genuß – der ihm ganz und gar gegönnt sei – ist er behutsam zu ermutigen (er soll sich ja eigentlich von selbst empören). Wenn der Kunde in einer „Übertragung“ glaubt, sich um den Therapeuten kümmern zu müssen, wie wir das in der zweiten Abteilung dieses Buches sehen werden, darf und soll er auch das wieder völlig ungehindert tun. Da wird nichts zwischen Wahrsager und Wahrheitsbegleiter „ausgehandelt“, die gesamte Aufmerksamkeit dient ausschließlich dem Kunden. Nur das Geschäftliche wird ausgehandelt. Dieses Geschäftliche darf und soll wiederum innerhalb der Sitzung dann bis zur Neige unter Einschluß der Emotionen erörtert, ausgesprochen oder auch ausdiskutiert werden: Dabei kommt es zu den besten „Verhandlungen“ der Welt, tiefer kann man ein Geschäft nicht „aushandeln“ und abschließen. Hier sehen wir zwei Eigner im Verkehr miteinander. Daß so viele Emotionen im Raum sind und die „Verhandlungen“ sich durch die nötige Ausräumung endlos hinziehen können, ist wegen unserer „Panzerung“ nicht weiter verwunderlich. Je gründlicher wir das aber von Anfang an machen, desto kürzer fallen die nächsten „Verhandlungen“ aus, und irgendwann sind wir Eigner und unser Verkehr findet blitzschnell und völlig von „alten Gefühlen“ ungehindert statt. Auch wenn Petzold mit meinen Gedanken prinzipiell einverstanden sein sollte – aus seinem letzten Zitat spricht auf jeden Fall wieder der Schulmeister, der dem Patienten sagen will, wo es lang geht. Es ist Zeit, daß aus dem „Patienten in der Psychotherapie“ der „wahrsagende Kunde in der Wahrsagerei“ wird. Dann entscheidet der Markt über das weitere Schicksal des Herrn Professors; dann wird er von seinem hohen Roß runterkommen, damit er noch Brot vom Bäcker bekommt. Aber er hätte dann ja noch sein Einkommen als Professor, es sei denn, etwas in der Art eines „Hundert-Tage-Programms der Nationalen Notstandsregierung in Deutschland“442 von Reinhold Oberlercher träte noch einmal in Kraft, dessen 95. Programmpunkt lautet: „Abwicklung reiner Ideologie-Institute wie jener für Politologie, Soziologie oder Psychoanalyse“. Bleibt nur zu befürchten, daß der Hegelianer Oberlercher, zur Macht gekommen, auch das Institut für Tiefenwahrheit abwickeln würde. Warum war nun für mich die Fremdtheorie von Reich wichtiger geworden als die von Perls, obwohl ich alle Perls-Bücher hatte? Das ist eigenartig. Vielleicht repulsierte ich Perls wegen zu viel Wahrheit und hielt Reich lieber die Treue, wo man sich vor seinen Ängsten weg in Maschinelles flüchten konnte. Ich war etwas geschockt, wie Perls Reich kritisierte und sagte, Reich sei in den späten 40er Jahren fett geworden. Inzwischen habe ich auch eine Wampe. Rückblickend kann ich es nur bedauern, Reich anstatt Perls gefolgt zu sein und entsprechend natürlich auch keine praktischen Erfahrungen mit Gestalttherapie gemacht zu haben. Ein „gastlicher“, gastfreundlicher, freundlicher und „konvivialer“ Gestalttherapeut hätte mir garantiert besser getan als die Reichianer und Janovianer (mit Ausnahme meines späteren Wahrheitsbegleiters), mit denen ich es zu tun gehabt habe. Warum habe ich nicht nach so einem gesucht? Ich habe das repulsiert, ich bin dem Kontakt zum Existenziellen – zu mir selbst –, den es zwangsläufig bei einem guten Gestalttherapeuten gegeben hätte, konsequent ausgewichen und habe mich stattdessen in reich‘sche Wissenschaft und Mystik geflüchtet. Gestalttherapie war mir schon in der Theorie zu heiß, lange bevor ich auf einem Heißen Stuhl gelandet wäre. Ja, ich habe die Möglichkeit einer gestalttherapeutischen Praxis – obwohl ich ja die Theorie gut kannte – regelrecht ausgeblendet und überhaupt nicht einmal in Erwägung gezogen. Ich war nur aus der Ferne fasziniert davon. Ich habe es einfach nicht für möglich gehalten, daß es für mich als wirklicher, aber zerstörter Person tatsächlich Hilfe geben könnte. Ich hatte einfach kein Recht darauf, wieder ich selbst zu werden. 7.2.1.3. Reichianer als Repulsierer Perls‘ und zu oberflächlich Die Frage, wer von den Psychos mehr an stirner’schem Gedankengut aufnahm und weitertransportierte, fällt eindeutig zu Perls‘ Gunsten aus. Nicht nur, daß Reich nicht „der einzige konstruktive Fortentwickler des stirner’schen Konzepts – vom ‚Eigner‘ – war“ (Laska443) – er war wirklich auch nicht der beste Fortentwickler. Laskas Fixierung auf Reich ist phänomenal. Das hat wirklich etwas Religiöses. In Reich den „einzigen konstruktiven Fortentwickler des stirner’schen Konzepts“ ist doch reichlich verwegen – eine eigentlich lächerliche Behauptung – und zeugt sowohl von Ahnungslosigkeit als auch religiöser Versteifung. Außerdem ist es rein sachlich falsch: Reich war nicht der, für den Laska ihn ausgeben will. Es gab andere, die mindestens ebenso viel – nämlich wenig – wie Reich getan hatten. Aber Laska hatte null Interesse daran, das wahrzunehmen; im Gegenteil waren sie alle „Repulsierer oder Plagiatoren“ von Reich. Die Perlsianer waren den Reichianern, die immer noch von „Über-Ich“ und anderen Psychologismen sprachen, überlegen. Laska sieht immer noch in diesem „Über-Ich“ – in seiner „irrationalen“ Variante – den Hauptfeind. Perls gelang es durch das konsequente Hier und Jetzt schon, die Eigenverantwortung des Patienten für seine Entfremdung herzustellen. Die Reichianer agierten derweil noch im Abstrakten und legten den Schwerpunkt auf eine moralische Fremdbestimmung. Das ist aber eine viel zu enge Betrachtungsweise und erfaßt die wirkliche Entfremdung – den Selbstverlust – nicht. In meinem Überlebenskampf im Trauma übernehme ich alle möglichen Lehren; mein Verhalten friert sich (im „Panzer“) ein, weil es für mein Überleben gesorgt hat und ich seither das „Erfolgsrezept“ befolge. – Das ist viel mehr als alles, was mir an Moral usw. eingepflanzt worden ist. Ich lehne den Begriff „Über-Ich“ aufgrund seiner Oberflächlichkeit ab. Die Perlsianer hatten immerhin die Chance, unter die Oberfläche zu stoßen – aber sie stießen zu heftig zu und am entscheidenden, sensiblen Punkt vorbei. Die Fremdbestimmung resultiert leider – und dieses Wissen hatten die Perlsianer den Reichianern voraus – an allerwichtigster Stelle gar nicht von etwas oder jemandem Fremden, sondern aus meiner eigenen traumatischen Erfahrung – die mir sicher von außen, aus der Fremde, zugestoßen ist. Die Erfahrung ist natürlich nichts eigentlich Eigenes; sie hätte nicht stattfinden dürfen. Ihre Ursache hängt natürlich mit anderen Personen zusammen. Aber der Aspekt des Selbst-Hineinnehmens des Fremden und die Übernahme der Fremdbestimmung muß größere Beachtung finden. Und natürlich kann das Trauma ein Religionslehrer sein, der mir mit dem Lineal den Glauben einprügeln will, welch Glauben ich dann übernehme im Überlebenskampf. Oder es können viel subtilere Mechanismen sein, die mir Glauben und Moral eintrichtern und dadurch zu meiner Entfremdung beitragen. Aber diese Art von Entfremdung ist – nicht nur wegen der Säkularisierung – die geringste und am leichtesten zu lösende. Die eigentliche Entfremdung ist viel mehr, sie findet weit unterhalb aller Ideen und Ideologien oder rabiater Verhaltensweisen von Autoritäten statt. Laska insistiert immer auf mechanische und oberflächliche Weise auf den moralischen Aspekt der Entfremdung. Aber hier sieht man, daß er es eigentlich besser wußte: „Es liegt auf der Hand, dass es bei dem Prozess der Enkulturation zunächst gar nicht um die Einpflanzung von bestimmten, konkreten Wertvorstellungen geht; es geht um die psycho-physiologische Modifikation des Organismus (‚eingeprägt wie ein Petschaft in weiches Wachs‘), um die Zurichtung und ‚Beugung der Seele‘ zwecks Einpassung in die bestehende Kultur, die wahrer Wollust (s.u.) ebenso feindselig gegenüber steht wie wahrer Vernunft444.“445 Am Ende kommt er aber wieder auf seine fixen Ideen, die mit dem Verlust des Eigners nicht so viel zu tun haben. „Psycho-physiologische Modifikationen des Organismus“ sind eine Sache von leiblichen Liebes- und Bindungsbedürfnissen und den entsprechenden abgründigen Enttäuschungen, wenn sie nicht befriedigt werden. Den Vorwurf der Oberflächlichkeit an die Adresse der Avantgarde-Psychotherapie werden die meisten empört zurückweisen und einwenden: „Das mag alles mal so gewesen sein, aber heute, da arbeiten wir doch ganz anders.“ Nein, es geht immer noch alles viel zu grob, zu mechanisch zu. 7.2.1.4. Die Oberflächlichkeit der Psychotherapeuten und die Grobheit der Geburtshelfer Schlechte Hebammen und Geburtshelfer sind so grob, wie die Psychotherapeuten oberflächlich sind. Was auch immer die Kinder schon im Mutterleib erlebt haben – alle möglichen Arten von Streß –, aber irgendwie waren sie ja doch dort auch geborgen und geschützt. Der Austritt in Luft, Licht und Trockenheit steht zwar im „biologischen Programm“ des Neugeborenen – er will raus –, aber da muß man doch ganz besonders aufpassen und sehr vorsichtig vorgehen! Eine normale, grobe Geburt in der Zivilisation; die Kinder werden dem Kontakt mit ihrer Mutter entrissen.446
Alternative Geburt zu hause: Mutter nimmt ihr Baby selbst in Empfang.447
Arme Neugeborene in der zivilisierten Welt448 Neugeborene, deren Eigner bei und nach der Geburt nicht zerstört wurde.449 Außerdem stehen die Psychotherapeuten unter Erfolgsdruck, so daß alles auch viel zu schnell geht. Ganz abgesehen von ihrer inneren Unfreiheit, mangelnder Empathie und Intelligenz, haben die Psychotherapeuten nämlich gar nicht genug Zeit für ihre Kunden. Wenn man von einem „Panzer“ spricht, den es „einzureißen“ gilt, geht man automatisch mit Gewalt vor. Eine echte Beseitigung der „Abwehr“ geht viel subtiler, präziser und vor allem überhaupt nicht mit dem Gegenteil von Abwehr – Angriff – vor sich, sondern nur mit der Öffnung des Subjekts aus seinem eigenen konkreten Bedürfnis heraus, indem es seine Unzufriedenheit mit sich selbst artikuliert. (Soweit ging Janov, obwohl er sich im Laufe seiner Entwicklung erheblich korrigierte, nie.) Die Tiefenwahrheit geht immer von den authentischen Überbleibseln des Selbstes aus und setzt an diese an, läßt das Subjekt sich dann aber – im Unterschied zu ähnlich ansetzenden psychotherapeutischen Verfahren – in absolut schrankenloser Weise ausdrücken – was sie von Janov gelernt hat –, wodurch das Selbst vertieft und verstärkt wird. Aber das ist oft so schwierig und benötigt extrem viel Zeit und Konzentration, so daß der Patient doch lieber dem Therapeuten und dessen Weisheiten folgt. Er hofft lieber auf ein Wissenschaftswunder – an das er glauben kann („meine Psychotherapie hat mir sehr geholfen“). Die gute alte Volksweisheit, man könne sich nur selbst heilen, die gilt nämlich tatsächlich – im Sinne meiner Jugend-Theorie von der Wahrheit. Aber daran hält sich ja keiner der Volksweisen – wie ich auch nicht als Jugendlicher. Man braucht ja doch Hilfe; alleine kann man es nicht schaffen; man ist zu verloren. Die erste wirkliche Hilfe ist aber, wenn man zum Fühlen der Verlorenheit ermutigt wird. Wenn Sie also eine Psychotherapie antreten, dann will nicht nur Ihr Therapeut Sie davon heilen, was die Maschine stört, und Sie wieder „in den Arbeitsprozeß“ bringen – dann wollen Sie das im Grunde auch. Dann sind Sie selbst eine Maschine – etwas, das Sie eigentlich gar nicht sind; dann sind Sie sich selbst fremd. Als Maschine wollen Sie etwa von bestimmten „Symptomen“ befreit werden, anstatt dankbar zu sein, daß es diese gibt, weil Sie die Einstiegsluke zur Anti-Maschine, Ihrem Eigner, sind. Die Symptome haben einen Sinn; es gibt sie ja nicht ohne einen Grund. Und der Eigner zeichnet sich u.a. dadurch aus, daß sein Leben sinnvoll, weil sinnlich ist. Wenn Sie das Symptom weghaben wollen, steht es schon mal schlecht um den Sinn Ihres Lebens. Doch auch jene „humanistischen“ Schulen der Psychotherapie hatten sich, wie oben schon gesagt, nicht von ihrer Herkunft aus der Wissenschaft 2.0 lösen können. 2.0 war die Wissenschaft, die die Wissenschaft als Basis des Maschinenbaus (1.0) auf den Menschen anwenden sollte. Die genannten Ausnahmen von der an sich schädlichen Psychotherapie und die guten Ansätze in einigen Psychotherapie rechtfertigen nicht, an der Psychotherapie festzuhalten und sie womöglich zu verbessern oder zu retten. Ein Einwand könnte lauten, die Psychotherapie habe sich inzwischen über Reich und Janov hinweg sehr viel weiterentwickelt. Das könnte punktuell so sein. Meine Kritik an der Psychotherapie ist aber fundamental, stellt sie gänzlich in Frage. Wenn sie sich dahin weiterentwickelt und das erfüllt, was ich mit Tiefenwahrheit bezeichne, dann hört sie tatsächlich auf, Psychotherapie zu sein oder sie firmiert nur noch als eine solche. Dann hätte ich nichts gegen sie. 7.2.1.5. Exkurs: Zur Frage der hierarchisierenden Kategorisierung von „Psychotherapie“ und „Tiefenwahrheit“ Man mag jetzt kritisieren, daß die Tiefenwahrheit gar nicht auf eine begriffliche Ebene mit der Psychotherapie gehört und daß sie höchstens Teil der Psychotherapie, ein Mittel oder eine weitere Technik innerhalb der Psychotherapie sein kann. Die Tiefenwahrheit stünde also in einer korrekten Kategorienhierarchie unterhalb der Psychotherapie. Und entsprechend könne die Psychotherapie also gar nicht von der Tiefenwahrheit abgelöst werden. Dann müßte es aber einen Begriff oberhalb von Tiefenwahrheit und Psychotherapie geben, unter dem beide rangieren. Es gibt aber keinen Oberbegriff. Tiefenwahrheit ist etwas anderes als Psychotherapie. Man könnte sich mit einem übergeordneten Begriff wie „Psychohygiene“ behelfen, unter den beides – und auch andere Domänen wie etwa die religiöse Seelsorge – subsumiert werden könnte. Aber „Hygiene“ heißt ja „Gesundheit“. Ich dachte, es hieße „Sauberkeit“; dann wäre es vielleicht berechtigt gewesen (im Sinne Kierkegaards: „Was mir eigentlich fehlt, ist, ins Reine mit mir selbst zu kommen darüber, was ich tun soll, nicht was ich erkennen soll.“) Dann wären Psychotherapie und Tiefenwahrheit auf derselben Begriffsebene zwei konkurrierende Verfahren des Reinemachens gewesen. Wenn die Psychotherapie ausschließlich das Mittel der Wahrheit – als wiederum ausschließlich die subjektive Wahrheit des Patienten – anwendet, benötigt sie ihren Namen Psychotherapie nicht mehr, weil es dann weder um eine Psyche noch um eine Therapie geht. Dann ist aus ihr Tiefenwahrheit geworden. Dann mag meinetwegen die Wahrheit ein Mittel zu irgendeinem Zweck („Gesundheit“) sein, das hat dann faktisch keine Bedeutung mehr. (Ende Exkurs Kategorienhierarchisierung) LSR und die Neue Aufklärung brauchen ein Neues Verfahren. Das aber unterscheidet sich massiv von dem von R vorgeschlagenen, ist eher von J – Arthur Janov – inspiriert; am wichtigsten ist aber der Ansatz dieses Neuen Verfahrens, und der kommt von Stirner. Dieser Ansatz ist entscheidend, auf den muß sich alles weitere aufbauen, wozu Stirner noch nicht kommen konnte. Ich habe mich in meiner Therapiekritik auf meine Lehrer Reich und Janov bezogen. Viele werden sagen: „Na ja, die taugen ja auch nichts. Aber meine Therapie, die fetzt voll!“ – Bitte zeigen Sie sie mir, ich werde sie – zumindest von einem stirner‘schen Standpunkt aus – auseinandernehmen. Ein nicht-psychotherapeutisches Paradigma ist wegen der unausrottbaren Maschinenhaftigkeit der Psychotherapie angezeigt, logisch zwingend geboten. Ich habe dem an manchen Stationen auf dem Weg von der Psychotherapie zur Tiefenwahrheit mit verschiedenen Angeboten und Diensten450 praktisch Rechnung getragen: mit dem Zuhördienst451, der Wahrsagerei452 und der Abnahmestelle für seelisch belastendes Material453. Die alle waren bereits keine Psychotherapie mehr. In der Tiefenwahrheit geht es ausschließlich um deine Wahrheit, keine „objektive“, keine „Wahrheit“, der man sich, wie Stirner sagt, „unterwerfen“454 müsse. Es geht natürlich schon gar nicht um eine, wie Stirner weiter sagt, „ewige Vernunft“455, die als „Vernünftigkeit“ („sei doch vernünftig!“) daherkommt und gegen die sich aufgelehnt gehört. Es geht nur um deine persönliche, eigene Vernunft, doch „die ‚Privatvernunft‘ hat kein Recht gegen die allgemeine und ewige Vernunft.“456 Stirner apostrophiert die Privatvernunft, weil diese von den Pseudo-Vernünftigen als „bloß persönlich“ denunziert wird. Es mag eine Vernunft der guten alten Wissenschaft 1.0 geben, der jeder folgen kann mittels logischer Denkfähigkeit, die aber nur, wenn sie in der Zusammenarbeit mit anderen effizient sein soll, seiner intakten Privatvernunft entspringen kann. Für jedermanns Existenz aber gibt es tatsächlich nur eine einzige Vernunft – deine eigene Rationalität (vgl. Kapitel 2.3. Pan-Rationalität). Hier hat die Wissenschaft 2.0 auf verheerende Weise in die Seelen der armen Hilfesuchenden mit einer dünnen Maschinenrationalität hineingepfuscht, der diese sich – wie ich – aufgrund ihrer schwachen Privatvernunft ausgeliefert haben. 7.2.1.6. Wilhelm Reich als soma-mechanistischer Wissenschaftler 2.0 Es ist augenfällig, wie sehr Reich Maschinist und Mechaniker war, mal am okularen Segment, dann am Plexus solaris, dann mal wieder am Zwerchfell herumschraubte, bevor er daran ging, „das Becken zu mobilisieren“. Ja, ich weiß: Ein guter Orgontherapeut schafft das. Oder auch nicht – dazu kommen wir gleich. Wie brachial es bei den Orgontherapeuten zuging, davon erzählt die Patientin Sally, die Janov in seiner Kritik der Orgontherapie anführt: „Jeden Morgen sollte ich mich, indem ich mir den Finger in den Hals stecke, zum Brechen reizen.“457 Myron Sharaf bestätigt das: „Ein Eimer wurde Bestandteil von Reichs therapeutischer Ausrüstung.“458 Inwiefern dieser Eimer dann aber auch in Janovs Primärtherapie eine Rolle spielt, dazu kommen wir später im Kapitel 7.2.1.14. Arthur Janov als Fortschritt gegenüber Reich, doch seinerseits nun mental-mechanistischer Wissenschaftler 2.0. Warum aber sollte der Brechreiz überhaupt ausgelöst werden? – Jetzt kommen wir regelrecht in die Autoreparaturwerkstatt: „Das dritte Segment zentriert sich in den tiefen Nackenmuskulatur und dem oberen Rücken. Bei der Arbeit mit dem zweiten und dritten Segment war Reich mit einem Problem konfrontiert: [jetzt Slapstick!] Der Therapeut kann seine Hand nicht auf die Kehle drücken.“ (Myron Sharaf459) Wahrscheinlich hat der Therapeut es einmal versucht … – Aber Reich fand Abhilfe: „Hier nutzte Reich eine einfache Technik …“ – die Kotztechnik –, „… die aber recht wirkungsvoll ist. Er bat den Patienten, einfach seinen Finger in den Hals zu stecken und ein Würgen auszulösen. Diese Technik nutzte er, um der antrainierten Neigung des Patienten zu begegnen, Gefühle wie Zorn und Sorge ‚hinunterzuschlucken‘.“ Der Slapstick geht jetzt weiter: „Mit erfolgreichem Würgen, was Reich ‚den Würgereflex auslösen‘ nannte, werden die hinuntergeschluckten Emotionen ‚aufgestoßen‘, oft verbunden mit realem Erbrechen.“ 460 – Überraschung! Die zu Maschinen gewordenen Menschen glauben an die Wissenschaft und befolgen dann so etwas. An der Stelle muß ich den Witz vom Guru erzählen: Lahmer und Hasenscharte kommen zum Guru, sich heilen zu lassen. „Ok“, sagt der Guru, „ihr geht jetzt da hinter die spanische Wand, und wenn ich rufe: ‚Lahmer, schmeiß‘ die Krücke weg! Hasenscharte, sprich!‘, tut ihr das.“ Gesagt, getan, die beiden verschwinden hinter die spanische Wand. Man hört den Guru eine ganze Weile brabbeln und angestrengt „meditieren“. Dann plötzlich brüllt er: „Lahmer, schmeiß‘ die Krücke weg! Hasenscharte, sprich!“ Die Krücke kommt über die spanische Wand geflogen – es schäppert schrecklich hinter der Wand. Die gehfähige Hasenscharte tritt hinter der Wand hervor und spricht (in seiner gewohnten, behinderten Sprechweise): „Der Lahme is hingeflogen!“ Selbstverständlich heißt es andauernd – die geistlose Mechanik konnte den Therapeuten ja nicht ganz entgehen –, daß „Reich dennoch nie mechanisch vorging. Er arbeitete am gesamten körperlichen Ausdruck und konzentrierte sich jeweils auf verschiedene Segmente.“ 461 – Was denn nun von beiden? In seiner Bearbeitung der Panzerringe war Reich nicht an einem mechanischen Aufweichen der Muskulatur interessiert. Er war immer bemüht, die falsche Ansicht zu korrigieren, daß die psychiatrische Orgontherapie irgendetwas mit Massage zu tun habe.“462 Ich sag‘ mal so: Eine ordentliche Massage bringt mehr als ein „nicht-mechanisches Aufweichen“. Wenn schon, denn schon. Die Orgontherapie ist weder Fisch noch Fleisch.Wieder und wieder betonte Reich: ‚Therapie besteht nicht darin, an Spannungen oder Muskeln an sich zu arbeiten, sondern sie besteht in der Arbeit an den Emotionen – am Ausdruck der Emotionen.‘“463 – Immer wieder wird das so betont – warum wohl? Das „okulare Segment“ sollte z.B. u.a. dadurch befreit werden, indem „der Kranke, Angst imitierend, die Augenlider weit aufreißt.“464 – In der Tiefenwahrheit „imitiert“ niemand etwas, sondern fühlt die Angst, wobei er möglicherweise dann die Augen spontan aufreißt. Aber dieses Aufreißen ist nur etwas Sekundäres; es geht primär um das Wahrnehmen der Angst als Wahrheit mit der möglichen Folge einer Unterwindung. „Manchmal stellte Reich direkten Augenkontakt her und bat mich, die Augen wie in Furcht weit aufzureißen, wenn er einen drohenden Blick oder eine entsprechende Geste machte. Gelegentlich kamen daraufhin Kindheitserinnerungen hoch, etwa meine Furcht, gekidnapped zu werden […].“465 – In der Tiefenwahrheit kann der Kunde, wenn ihm danach ist, ausführlich und authentisch davon sprechen, wie ängstlich er ist und darunter leidet. Dann kann es sein, daß er sich an eine bestimmte Furcht aus seiner Kindheit erinnert. Das geschieht aber nicht „gelegentlich“, sondern sowohl immer als auch nur dann, wenn ihm danach ist, bzw. wenn es sich spontan gemäß der aktuellen Wahrheit ergibt. Grimassenschneidereien seitens des Wahrheitsbegleiters gibt es nicht. Es könnte theoretisch natürlich sein, daß der Wahrsager das so möchte; dann würde der Wahrheitsbegleiter versuchen, das so gut wie möglich zu spielen. Apropos „spielen“: Der Theaterregisseur Wsewolod Meyerhold ließ seine Schauspieler rein körperlich bestimmte Posen einnehmen; die Gefühle sollten dann von ganz allein folgen.466 Die guten Orgontherapeuten schafften es eben nicht. Immerhin begriffen sie es schließlich selbst: „Reich schenkte [in der ‚psychiatrischen Orgontherapie‘] den Charaktereigenschaften weiterhin beträchtliche Aufmerksamkeit, aber der Verknüpfung mit der frühen Kindheitsgeschichte und unbewußten Erinnerungen geschah oft nur in oberflächlicher Weise.“ (Sharaf467) Janov legte auf diese authentischen und spontanen Verknüpfungen den allergrößten Wert; das sei der entscheidende Moment. Aber selbst Janov war in Technik und Mechanik gefangen – wenn auch nicht in körperlicher, sondern in mentaler – und forcierte die Verknüpfung. Sie stellt sich – oder auch nicht – von ganz alleine her, wenn der Kunde seiner Wahrheit folgt. Wenn es überhaupt keine „Verknüpfung“ gibt, ist es auch gut. Manche Orgonomen waren selbstkritisch, wenn sie mit ihrem Latein am Ende waren. Um das heillose und hochgradig pessimistische orgonomische Durcheinander zu illustrieren, sei mir gestattet, eine etwas längere Passage bei Peter Nasselstein zu zitieren468, in der die hochqualifizierten Orgonomen Elsworth F. Baker, Robert A. Dew, Morton Herskowitz, Arthur Nelson und Myron Sharaf zu Wort kommen. Diese Passage des Orgonomie-Experten und -Anhängers Nasselstein liest sich in ihrer Selbstkritik und in ihrem geradezu lustvollen Aufzeigen und Eingestehen von Mißerfolgen wie blanker Masochismus: Überhaupt kann es von Anfang an ratsam sein, gar nicht erst bis zum Beckensegment vorzudringen. Reich sagte seinen Studenten, daß ‚das Persistieren einer Blockierung, die einfach nicht weichen will, Grund genug ist, die Therapie zu beenden‘ (Elsworth F. Baker469). Über diese Blockierungen, die Reich auch als ‚Haken‘ bezeichnet hat, schreibt Robert A. Dew: ‚Ebenso, wie bestimmte (Charakter-)Strukturen vielleicht nicht imstande sind, die Therapie zu tolerieren, ist es genauso wahrscheinlich, daß einige der (somatischen) Biopathien ‚hakenartige‘ Eigenschaften haben. Mit anderen Worten könnte für einige Patienten die Auflösung von Panzerung einen nicht tragbaren medizinischen Zustand auslösen.‘470Morton Herskowitz weist ausdrücklich auf den Schaden hin, den ‚Reichianische Therapeuten‘ verursacht haben, die das Becken vorschnell von Panzerung befreit haben, wodurch in den oberen Segmenten eine starke Panzerung hervorgerufen wird, ‚die therapeutischen Bemühungen nicht mehr zugänglich ist‘.471 [Von daher also auch die reichianische Kritik an Janov: daß dieser seine Patienten „anhalten“ würde, „die Energie aus dem Mund abzuleiten“. – Wahrscheinlich war das viel zu viel Energie – Becken-Energie! –, die durch den armen Mund als viel zu kleinem Ventil hätte austreten müssen, was beim Patienten zwangsläufig einen „nicht tragbaren medizinischen Zustand“ verursachen mußte.]Wie eine Fallgeschichte zeigt, die der Orgonom Arthur Nelson aus seiner Praxis beschreibt, kann es selbst bei voll ausgebildeten, voll qualifizierten medizinischen Orgonomen zu derartigen Fehlern kommen, die die Heilungschancen des Patienten praktisch vernichten.472Etwa 1949 fragte Reich eine kleine Gruppe von Orgonomen, wie viele von zehn ihrer Patienten die Genitalität erlangen würden. Die Aussagen reichten von sieben bis zu zwei. Wozu Reich anmerkte: ‚Das ist doppelt so gut wie bei mir. Bei mir schafft es einer‘473. Für Myron Sharaf zeigt diese Anekdote dreierlei auf: Reich bestand darauf, daß orgastische Potenz das wirkliche Ziel der Therapie war, er hielt dieses Ziel auch gegen alle Widerstände und ständigen Enttäuschungen im Auge und er machte sich über die Wirksamkeit der Therapie keinerlei Illusionen.“ (Ende Zitat Nasselstein474) Hauptsache, schön mit dem Holzhammer und dem Kopf durch die Wand die orgastische Potenz herstellen und sich dann noch besonders radikal vorkommen – der reinen Lehre ergeben und dem Guru treu! Ob es aber nicht vielleicht doch einen Zusammenhang vom rabiaten „gegen alle Widerstände“ und dem resignativen „keinerlei Illusionen“ geben könnte? Ich hoffe, Peter Nasselstein fällt der Widerspruch bzw. der Nonsens in seinem letzten Satz auf.Therapie beenden“, „Heilungschancen praktisch vernichtet“, „therapeutischen Bemühungen nicht mehr zugänglich“ – schuld waren natürlich immer die Patienten, die – ich sagte es bereits weiter oben – „nicht imstande sind, die Therapie zu tolerieren“. Lächerlich. Aber das hat die Orgonomen nicht davon abgehalten, mit Reich reich zu werden. Das Publikum hat in seiner Heilserwartung und Erlösungssehnsucht alles mitgemacht – ich bin das beste Beispiel (wenn auch auf den Mentalmechaniker Janov bezogen). Die Orgonomie war also in den 1940er und 50er Jahren längst in eine Stagnation geraten. Wo bleibt die Weiterentwicklung der Orgonomie?“, fragt Peter Nasselstein.475 Er sieht eine solche Weiterentwicklung in einer „‚Orgonomie‘ des Kleinen Mannes“ und geht damit in die Richtung der einfachen, bodenständigen und primitiven Tiefenwahrheit. Nasselstein setzt Orgonomie in Anführungszeichen, weil er weiß, daß es keine Orgonomie mehr sein wird, wenn der primitive Kleine Mann das Kommando übernimmt. Dennoch zieht Nasselstein nie die Notwendigkeit der Wissenschaft und des Objektivismus in Zweifel. Eine Ablösung der Psychotherapie kommt für ihn nicht in Frage; er bleibt also beim nicht-einfachen, komplex-vornehmen Großen Mann. Ich verhalte mich zur Orgonomie, wenn sie jenseits des Einzelnen und seines Befindens, also als Naturwissenschaft und Technik operiert, agnostisch-indifferent. Ich vermag nicht zu sagen, ob sie als faustisch-prometheisches Unternehmen gefährlich oder segensreich ist. Ich bin sehr skeptisch gegenüber der Technik und der Alchemie. Aber dort liegt gar nicht der Punkt des Interesses. Dieser liegt allein in der Frage von Autonomie und Heteronomie, von Eignerschaft und Entfremdung, von Lebensglück und Leid. Unter welchen zivilisatorischen Umständen und bei welchem Stand der Technik diese Frage zugunsten der Eigner zu lösen ist, ist nachrangig. Daß zu einem guten Leben auch ein gewisses Maß an Technik gehört, leuchtet mir ein. Aber die Technik darf nicht im Mittelpunkt des Interesses stehen. Dort steht für mich nur das Befinden der Einzigen im Spannungsfeld von Selbst- und Fremdbestimmung bzw. -regulierung. Um dieses Feld zu entspannen, bedarf es keiner Orgonomie. Wenn das geklärt ist, mögen die Orgonomen ausschwärmen und uns das optimale Wetter zaubern, uns mit „freier Energie“ versorgen oder uns gegen Außerirdische schützen, wenn diese uns feindlich sind. Die Orgonomen haben ja nicht unbedingt unrecht: Es geht um die Energie. Aber sie haben unrecht, wenn es darum geht, die Energien zu mobilisieren. Das geschieht nicht durch Orgontherapie (Hantieren wie an einer Holzpuppe), Orgonakkus (Energiemechanismus und gleichzeitig animistisch-magischer Mystizismus) usw., sondern durch Tiefenwahrheit. Die Tiefenwahrheit löst sofort Gefühle und Lebendigkeit aus – und bringt damit die Energie. Tiefenwahrheit soll bei guten Orgontherapeuten vorkommen. 7.2.1.6.1. Die Herkunft Reichs Mechanismus aus der Agrarwissenschaft 1.0 Reichs Mechanismus ist früh in seiner Kindheit angelegt. Seine spätere Laufbahn als Psychiater und Psychotherapeut stand von Anfang an unter einem schlechten Stern: dem der Wissenschaft. Reich war faustisch. Wilhelm Reich schreibt 1953 über sich: „WRs Interesse an Biologie und Naturwissenschaften wurde sehr früh geweckt durch das Leben auf dem Bauernhof, den Ackerbau, die Viehzucht usw., wo er jeden Sommer zur Ernte mitarbeitete. Schon seit dem 8. Lebensjahr unterhielt er eine eigene Sammlung sowie ein Zuchtlabor für alle möglichen Insekten- und Pflanzenarten unter der Anleitung eines Privatlehrers. Die meisten Lebensfunktionen, einschließlich der sexuellen, waren ihm vertraut, […]. Dies hat sicherlich seinen weiteren Lebensweg und seine Neigungen mitbestimmt – vom Biopsychiater hin zur physikalischen Entdeckung im medizinischen und biologischen Bereich und auch bis hin zu Erziehungsfragen.“476 Der unselige Zusammenhang von im Objektiven und Äußeren operierender Wissenschaft und seiner späteren Domäne – dem Menschen –, in der eigentlich im Subjektiven und Inneren operiert werden sollte, ist offensichtlich. Die bei Reich sehr früh angelegte Leidenschaft für die Bio-Wissenschaft färbte sehr und denkbar ungünstig auf Reichs spätere Psycho-Aktivitäten ab: „‚Die Frage Was ist Leben? Stand hinter jedem neuen Wissenserwerb‘, schreibt Reich später über seinen Studienbeginn.“477 Die Frage, was Leben sei, ist sicherlich beim Züchten und Verwerten von Tieren und Pflanzen von Bedeutung. Aber sie ist für einen Menschen, der mitten im Leben steht – oder stehen sollte – uninteressant. Der ist mit dem Leben selbst beschäftigt – oder sollte das sein – und grübelt nicht über metaphysische Fragen. Als Züchter ist die Frage aber tatsächlich für mich angebracht: Ich will ja das Leben – das Kotelett – vergrößern; das hängt sehr wohl mit der Urform des Koteletts – die lebendige Materie – zusammen. Natürlich gibt es viele Menschen, die sich selbst als eine Maschine betrachten und wie eine solche behandeln: Die wollen sich augmenten und bio-hacken, sich neuerdings sogar mit Hilfe der Wissenschaft 3.0 regelrecht in Maschinen selbst verwandeln; ein ganzer Industriezweig lebt heute schon davon. Das Grübeln wird hier auf eine Weise abgeschafft. Aber es gibt ja auch noch Menschen, die ihr Grübeln auf eine andere Weise loswerden wollen, nämlich unter Beibehaltung ihres Ichs, die schlicht sie selbst sein und sich nicht in Maschinen verwandeln wollen. Für deren Zwecke sind – obschon im Existenziellen, aber eben wissenschaftlich und objektorientiert operierende – Verfahren wie Psychotherapie nicht geeignet. Fragen und Grübeleien bezüglich dessen, was hinter dem Leben wirkt, was das Leben antreibt, gehören notwendigerweise auch dazu, wenn man in der Landwirtschaft höhere Erträge erzielen möchte. Entsprechend war logischerweise Reichs „Hauptinteresse von Anfang an immer der Begriff der Energie.“ (Ilse Ollendorf478) Aber für eine existenzielle Standortbestimmung und harmonische Einordnung in die Welt ist auch das Befassen mit Energie von keinem Interesse. Sie zu haben aber sehr wohl. Nur wie kann man sie mobilisieren? Mit dem Orgonakkumalator in der „physikalischen Orgontherapie“? Mit Muskelmanipulationen in der „psychiatrischen Orgontherapie“? Der Reich-Experte Armin Bechmann schreibt zu diesem Irrweg: „Das Modell der Orgonenergie, wie Reich es zeichnet, mutet über weite Strecken sehr mechanistisch an. […] Lebende Systeme werden in ihrem Fühlen, Handeln und Denken recht mechanistisch durch die ihn ihnen ausgelösten oder induzierten Energiezustände gedeutet.“479 Den Wirkungsgrad von Maschinen kann und soll man durch Wissenschaft 1.0 verbessern. Wir aber sind keine Maschinen. 7.2.1.7. Die reich’sch-reichianische scientomystisch-idealistische These zum Entstehen der Urpanzerung Das zeitliche Verhältnis von Wissenschaft 1.0 und Wissenschaft 2.0 sieht Elsworth F. Baker genau andersrum als ich: Zuerst sei ganz kurz die Wissenschaft 2.0 dagewesen. Sie habe den Menschen aber Angst gemacht, weswegen sie erst einmal Wissenschaft 1.0 betrieben hätten, bevor sie, als Wilhelm Reich und die Orgonomen kamen, mit frischem Mut die Wissenschaft 1.0 wieder auf den Menschen anwandten, d.h. die Wissenschaft 2.0 wieder aufnahmen: „Die Selbstuntersuchung hat [dem Menschen] so große Angst gemacht, daß er zunächst die Welt um sich her untersucht hat, bevor er es wagte, in seinen eigenen Körper hineinzuschauen.“480 Das ist genauso idealistisch wie Reich, wenn er sagt, der Mensch habe sich abzupanzern begonnen, weil ihm die Selbsterkenntnis geschockt habe: Der Moment des Wahrnehmens – daß das Wahrnehmen als solches überhaupt möglich sei! – habe ihn dermaßen überrascht und erschreckt, daß er sich vor sich selbst zurückziehen mußte. Eine materialistische Korrektur: Es muß mit dem Inhalt des Wahrgenommenen zu tun gehabt haben. Nach Peter Nasselstein gibt es zur Erklärung des Ursprungs der Panzerung „zwei Gruppen von [orgonomischen] Theorien, wie die Menschheit sich gepanzert hat: die ‚exogenen‘ Theorien (insbesondere James DeMeos direkt auf Reich zurückgehende Saharasia-Theorie481) und die ‚endogenen‘ Theorien (wie Reich sie im Schlußkapitel von ‚Die kosmische Überlagerung‘ vorgezeichnet hat). […] Privatim vertreten, drittens, manche Orgonomen die Meinung, es handele sich um ein Scheinproblem, d.h. um eine natürliche Anpassung, und schon Tiere könnten gepanzert sein“482. Nasselsteins „exogene Theorie“ entspricht meiner „materialistischen“ und geht auf einen anderen Reich zurück als die „endogene“, die dem entspricht, was ich „Idealismus“ nenne, und von einem späteren Reich inspiriert ist. Der italienische Reichianer Luigi DeMarchi greift diesen sich aus dem Leben entfernenden, idealistich-endogenen Ball von Reich nur zu dankbar auf: „In seinem Buch ‚Der Urschock‘483 stellt er die These auf, daß alles menschliche Elend auf den ‚existentiellen Schock‘ zurückzuführen ist, der dem ‚menschlichen Affen‘ widerfuhr, als dieser seiner Sterblichkeit und der letztendlichen Vergeblichkeit von allem gewahr wurde. […] Für DeMarchi liegt der Ursprung der Panzerung im ‚existentiellen Urschock‘, den die ersten Menschen (offenbar dekadente ‚Existentialisten‘!) erfuhren, als sie sich ihrer eigenen Sterblichkeit bewußt wurden.“ (Nasselstein484) Was ist nur aus dem Reichianismus für ein Blödsinn geworden … Sogar der Wolkenspinner James DeMeo geht hier noch als geerdet durch. (DeMeos Meisterleistung war aber, wie er das Kunststück fertigbrachte, den folgenreichsten aller Wüstenstürme, den jüdischen, einfach wegzulassen.) Doch das Spekulativ-idealistische und Horror-historische zur Panzerung wieder beiseite: Reich hat eigentlich nur aufgrund seines Interesses an der Sexualität einen Umweg über die relativ subjektorientierte Psychoanalyse genommen und ging sofort daran, diese zu vernaturwissenschaftlichen, „der Libido eine biologisch-physikalische Basis zu geben“ usw. Dieser reduktionistische Mechanismus bereitete das Bett für den späteren idealistisch-mystischen Unsinn. Reich hätte gleich bei seinem Leisten als Naturwissenschaftler 1.0 bleiben sollen. 7.2.1.8. Des Reichianers Elsworth F. Baker theoretisches Wirrwarr Der an sich kluge, sympathische und bodenständig wirkende Reich-Nachfolger Elsworth F. Baker – Autor des orgonomischen Lehrbruchs „Der Mensch in der Falle“485 –, hat zwar versucht, den extremen Energiemechanismus aus Reichs letzter Phase zu korrigieren, die Reste an Subjektorientierung zu retten und die Körperlastigkeit wieder ins Lot zu rücken; er ließ seine Patienten wieder sprechen und kehrte zur Charakteranalyse, zumindest zur Vegetotherapie zurück. Baker ging aber nun in eine ganz eigene, nämlich theoretische „Falle“, anstatt nur praktisch an und mit den Charakteren der Patienten, d.h. mit ihren aktuellen Äußerungen ihrer Grundeinstellung zu arbeiten. Er stellte ein System her – bzw. entwickelte das reich‘sche weiter –, in das er seine Patienten hineinpreßte. Baker verhedderte sich dabei in zweierlei Gestrüppen, die miteinander zusammenhingen: einmal dem Gestrüpp der verschiedenen Charaktere (und ihren Mischformen, das darf man ja nicht vergessen) und dann dem Gestrüpp der „psychosexuellen Entwicklungsstadien“ (Kapitel auf S. 45 seines Buches) bzw. der „emotionalen Entwicklung: erogene Zonen und die Stadien der Libido“ (Kapitel auf S. 53). Diese Gestrüppe, in die den Patienten einzuordnen die Reichianer sich große Mühe gaben – Reich spricht auch von der „Verschachtelung der Triebabwehr“486 –, ließen das Naheliegende, nämlich den konkreten Charakter des jeweiligen Patienten vor Ort außer Acht geraten, den man – wohlgemerkt: falls man das überhaupt muß – viel besser ganz ohne Charaktersystematik hätte erfassen können, die nur den guten Blick im Hier und Jetzt verstellt. Als Reich bei der Verfolgung der Verästelungen mit seinem Latein am Ende war und nicht mehr mit dem an allen Enden aufreißenden Chaos fertigwurde, kam er auf den schlauen Gedanken, dem Symptom die Energie zu entziehen. Das Gestrüpp ist ein Chaos – wie das wissenschaftliche Chaos überhaupt –, vergleichbar mit dem unlösbaren Chaos der Menschenwelt, in das wir unrettbar verstrickt sind: unendlich kompliziert. Es ist eine Hybris, dieses Chaos überhaupt erfassen, systematisieren und kategorisieren zu wollen. Vor allem aber war es völlig unnötig und kontraproduktiv. Bakers „psychosexuelle Entwicklung des Menschen [hat] drei [hervorgehoben von mir, PT] Höhepunkte sexueller Aktivität: das Säuglingsalter, die erste Pubertät im Alter von fünf Jahren und die Pubertät“487. Das Säuglingsalter sei oral, die erste Pubertät genital bestimmt, in der Pubertät „nehmen genitale Funktionen deutlich zu“. Handelt es sich bei der ersten Pubertät um eine Art asexuelle, sozusagen rein nervale Genitalität, oder sind da schon Sexualhormone im Spiel? Tatsächlich scheint wohl eine „im Vergleich zum Lebensabschnitt der Geschlechtsreifung geringfügige Produktion von Sexualhormonen stattzufinden“, sagt Wikipedia, und das „schon lange vor der Pubertät“488. Wozu dieses „Geringfügige“ Anlaß gegeben habe konnte, werden wir später im Kapitel 7.2.1.12.2. Bekannt gewordene pervers-schwerstkriminelle Reich-Schüler: Michael M. Silvert, Albert Duvall und Felicia Saxe sehen. Bakers „emotionale Entwicklung: Erogene Zonen und die Stadien der Libido“ hat „vier wichtige erogene Zonen, von denen jede in einem Stadium der emotionalen Entwicklung bedeutsam ist: die Augen, den Mund, das After und die Geschlechtsteile“489. Nur zwei davon können „die Orgasmuskonvulsion einleiten: der Mund im Säuglingsalter, das Genitale später. […] Die Entwicklungsperioden der anderen drei [?] Zonen nennt man daher die prägenitalen Stadien. Etwa während der ersten vier Lebensjahre durchläuft das Kind die vier prägenitalen Stadien bis zur Genitalität oder zum Primat der Genitalität“, wobei das „orale Stadium die einzige natürliche prägenitale Libidostufe [ist]“490. Was wäre am „okularen Stadium“ unnatürlich? Daß es keine „Orgasmuskonvulsion einleiten“ kann, doch wohl nicht. (Das Wegtreten in den Augen hat doch etwas Orgastisches – aber das findet ja in der Wonne des oralen Orgasmus statt, stimmt.) Baker: „Eine erogene Zone wird dadurch wichtig, daß sie in der Entwicklung ganz oder teilweise in bezug auf die erotische Erregung an die Stelle des Genitales treten kann. Die orale Zone tut dies normalerweise im Säuglingsalter.“491 Hat es Sinn, von Ersatz oder Stellvertretung zu sprechen, solange es das Genitale noch gar nicht gibt? Dann spricht Baker plötzlich – wir sind nach wie vor im Kapitel der „erogenen Zonen“ – von der „vierten Phase, die phallische“, die gerade noch eine „Zone“ war und jetzt offenbar mit einer „psychosexuellen Entwicklungsstufe“ identisch ist. Bei der „psychosexuellen Entwicklung“ gab es aber drei Höhepunkte. Welche „Phase“ hat jetzt keine Übereinstimmung (oder „funktionelle Identität“) mit einer „Zone“? Weiter heißt es im Kapitel „emotionale Entwicklung“: „Man unterscheidet das okulare, orale, anale, phallische und genitale Entwicklungsstadium.“ Das sind jetzt aber fünf! (Na gut, die „phallische Phase ist in Wirklichkeit eine Frühphase der Genitalität“492 – Baker hätte also gleich von fünf Stadien sprechen müssen.) Welche Phase (oder Zone?) „unnatürlich“ und „natürlich“ ist, weiß auch Baker nicht: „Niemand weiß bis jetzt genau, welcher Art das gesunde Sexualverhalten des Menschen in der Zeit zwischen dem Kleinkindalter und der Pubertät wäre.“493 Heißt es hier: „In der normalen Entwicklung erfüllt jedes Stadium [der fünf Stadien] seinen vorübergehenden Zweck, bleibt untraumatisiert und spielt im späteren Leben seine spezifische Rolle als Lustspender“494, so heißt es eine Seite vorher: „Die anderen [Stadien außer dem oralen und genitalen Stadium] sind Kunstprodukte unserer Kultur.“495 Ob das vielleicht mit dem theoretischen Durcheinander und vor allem mit der Frage der „infantilen Sexualität“ zu tun hat? Baker: „Eine sexuelle Entladung ist vielleicht nicht so dringlich wie nach der Pubertät, wenn die Reifung des Systems der inneren Sekretion eine starke Erregung der organismischen Energie und ein größeres Bedürfnis nach regelmäßiger Abfuhr hervorruft.“496 Die „orgastische Konvulsivität“ spielt also schon mal nicht die große Rolle in der „ersten Pubertät“. Bevor Baker aber noch die heilige „infantile Sexualität“ in Frage stellt, schickt er ganz schnell hinterher: „Die Kindheit ist jedoch gewiß nicht als asexuelle Periode anzusehen.“497 Hoffentlich gibt es überhaupt wirklich die o. g. „geringfügige“ „Sekretion“, damit Freudianismus und Reichianismus gerettet werden können. Man kann diese ganze Systematik erlernen in sechs Jahren Psychiatrie- und zusätzlichen vier Jahren Orgonomie-Studium. Man kann das Chaos mit Kauderwelsch versuchen zu sezieren: „Jedes Stadium überschneidet sich mit dem darauf folgenden, und oft besteht keine scharfe Trennung zwischen beiden. Tatsächlich kann z.B. die Analzone im oralen Stadium betont sein und anale Merkmale hervorbringen.“498 Aber selbst wenn die Systematik nicht in sich widersprüchliche wäre – wozu das alles? Es könnte sogar auch hilfreich sein – aber wie oft? Einmal unter zehntausend? An dieser Stelle reicht es mit dem theoretischen Chaos – vom Chaos in der Praxis (Bakers Buch Teil III „Charakterbehandlung: Die Beseitigung der Panzerung“) will ich erst gar nicht anfangen zu sprechen. Besser ein paar Jahre Tiefenwahrheit genommen und genug irrationale Gefühle weggeräumt, um frei und einfühlsam (ohne „Gegenübertragung“) dem Wahrsager immer an dessen jeweiliger Oberfläche – und nicht im Gestrüpp seines „Charakters“ – assistieren zu können. Es schadet nichts, den Wahrsager zu kennen – welchen „Charakter“ er hat –, aber das kriege ich als Wahrheitsbegleiter ziemlich schnell mit; ich nenne den „Charakter“ dann nur „Grundproblem“, „Grundgesetz“ oder „immer wiederkehrende Problematik“. Apropos „Oberfläche“: Die Orgonomen waren eigentlich auf der richtigen Spur: Eine Grundregel, die sie sich verordnet haben, um sich in dem ganzen Chaos zurechtzufinden, lautet, das Chaos erst einmal beiseitezulassen, wenn „das Ziel der Therapie“ in Angriff genommen wird: „Um die Situation zu bessern, ist es nötig, den Panzerungsprozeß durch Auflösung des Panzers, durch Freisetzung und Ableitung der verdrängten Gefühle Schicht für Schicht, von den letzten bis zu den frühesten Blockierungen, umzukehren, bis die einheitlichen Funktionen wiederhergestellt sind und eine natürliche Sexualität erreicht wird.“499 Man soll also immer oben – räumlich-körperlich am obersten „Segment“, den Augen, aber auch zeitlich-entwicklungsmäßig, beim Erwachsenen, dann dem Pubertären, dann dem Analen (oder Phallischen?) – anfangen. Bei Janov liest sich das übrigens an sehr vielen Stellen identisch: Ich muß also immer an der Oberfläche ansetzen. Ich verstehe das und beobachte das in etwa auch so in der Tiefenwahrheit: Es scheint einer spontanen Ordnung zu entsprechen. Aber es kann doch nicht sein, daß das ein – zumal von außen übergestülptes – Dogma wird. Die Wahrheit des Wahrsagers – seine subjektive Wahrheit des Moments – kann selbstverständlich auch mal von der – von wem vorgeschriebenen? – Chronologie abweichen. Vielleicht weicht sie ja auch tatsächlich gar nicht ab und es gibt eine Art Pilzwurzelsystem, das mal hier, mal da nach oben an die Oberfläche austreibt, und wir können den Zeitstrahl gar nicht sehen? Aber selbst wenn das Dogma keins wäre und die Therapeuten dank ihrer vorzüglichen Ausbildung immer das richtige tun würden – diese ganze Chronologie und auch die räumliche Aufteilung in Segmente und deren zu befolgende Reihenfolge kann und muß uns egal sein. Nur Subjektivität und Wahrheit hat uns zu interessieren, ob dabei nun etwas Chronologisches herauskommt oder nicht. Es wird schon exakt die richtige – weil vom Rest-Eigner vorgeschriebene – Reihenfolge sein. Die Herangehensweise von der Oberfläche her ist jedenfalls etwas an sich sehr Löbliches (wie überhaupt, wenn nicht im Chaos herumgestochert wird) – das entspricht der subjektiv-aktuellen Wahrheit des Patienten. Wenn ich das tue, brauche ich aber keinen Fahrplan ins Innere des Bergwerkes, sondern stelle mich als Therapeut bzw. Wahrheitsbegleiter ganz auf das Hier und Jetzt des Patienten ein und helfe ihm, indem ich ihn an nichts als seine Wahrheit und seine Spontaneität (das gute alte „freie Assoziieren“) gemahne. Manchmal fungiere ich als sanfter Geburtshelfer einer kleinen aktuellen Wahrheit. Was dann alles in der Folge auftauchen kann und wohin das führt, braucht mich im Moment nichts anzugehen; das überlasse ich der Zukunft. 7.2.1.9. Des Reichianers Myron Sharaf Therapie bei Reich und generelle Kritik an Reichs katastrophaler Tätigkeit als Therapeut Auch Myron Sharaf betont dieses an sich löbliche Prinzip des langsamen Abstieges von der Oberfläche des Patienten her hinab zu dessen Eigner: „[Reich] arbeitete in der Charakteranalyse von der Oberfläche aus in die Tiefe, von den oberflächlichen Charaktermerkmalen (z.B. Höflichkeit) zu den tieferen Emotionen (Wut, Liebe). […] Genauso, wie Reich den therapeutischen Prozeß um die geordnete Auflösung der Segmente organisierte, organisierte er die Therapie auch um den geordneten Ausdruck von Emotionen. Eine seiner entscheidenden diagnostischen Fragen war: Welche Emotion ist der Oberfläche am nächsten? […] Es wäre seines Erachtens ein Kardinalfehler des Therapeuten, Weinen herauspressen zu wollen, wenn an der Oberfläche tatsächlich eher Ärger war. In Reichs Bemühungen um einen geordneten therapeutischen Prozeß unterscheidet sich seine Arbeit wesentlich von diversen neo-reichianischen Methoden des Encounter-Typs, die in chaotischer Weise das ‚Gefühle-Herauslassen‘ forcieren.“500 Vielleicht hat aber die geringe Erfolgsquote der Paleo-Reichianer ja etwas damit zu tun, daß Reich der Spontaneität mißtraute. Kann eine „geordnete Auflösung“ nicht eher spontan als „organisiert“ passieren? Wer waren denn Reich und seine Schüler, als daß sie eine „Ordnung“ aufstellen und so etwas „organisieren“ könnten? Götter? Das ist doch Irrsinn! Doch selbst, wenn sie Götter („in weiß“) waren – wozu nutzte das dem Patienten? Von den Göttern bekam er nur etwas erzählt, präskribiert und gedeutet – lag das aber in seinem Interesse? Einen Stirnerianer muß man das nicht fragen. Konnte der Patient auf diese Weise Autonomer werden? Ein Schuß Anarchismus hätte der Orgonomie gutgetan. Da fällt mir natürlich dieser Spruch von Antonin Artaud ein: „Der Anarchist ist kein Feind der Ordnung; er liebt die Ordnung so sehr, daß er ihre Karikatur nicht erträgt.“ Die Ordnung der Reichianer ist eine Karikatur des Lebens. Ein Kunde in der Tiefenwahrheit, der die Wahrheit im Hier und Jetzt sagt, kann gar nicht anders, als – völlig automatisch und „organisch“ – von der „Oberfläche“ auszugehen. Baker wußte es eigentlich besser; er wußte, was das Gegenstück zur Panzerung war: „Zuletzt geht [im Verlaufe der Entfremdung, der Abrichtung, der Abtötung] die Spontaneität verloren.“501 – Gegen diesen Verlust hilft vor allem eins: Spontaneität. Auf einer Massageliege zu liegen, an sich herumquetschen zu lassen und dabei zu stöhnen oder auch aufgefordert zu werden, mit einem Tennisschläger auf die Matratze einzuprügeln – ist das spontan? Ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob die „Neo-Reichianer“ mit ihren Encountern einen Rückschritt gegenüber den Paleos gemacht hatten. Ein Encounter mag „chaotisch“ erscheinen, aber, wenn er ehrlich verläuft, kann er sehr wohl hübsch und geordnet von der Oberfläche in die Tiefe hinabführen. Reich aber entschied sich dafür, eine Vorstellung zu entwickeln, einen großen Plan zu erstellen, anhand dessen er dann in der Praxis an bestimmten Stellen operierte und dann den Patienten zwang, „spontan“ zu sein; das waren dann z.B. „Aua!“-Rufe. Das erinnert uns an Richard Wagners künstlich-künstlerische Unwillkürlichkeit aus Kapitel 2.8.1. Sharaf: „Reichs therapeutisches Konzept beruhte hauptsächlich auf der Vorstellung der ‚segmentiellen Anordnung der Panzerung‘.“502 Jetzt hatten wir es mit „Ringen“, „rechtem Winkel zum Rückgrat“, „Strömungen“, „körperlichen Erregungen“, „Fluß der Orgonenergie senkrecht entlang der Körperachse“ und dergleichen technischen Sachen zu tun. Reich suchte nach einem zentralen ‚Gesetz‘ für die Auflösung des Muskelpanzers.“ (Sharaf503) Das hat er im theoretischen und praktischen Wirrwarr nie gefunden. Das soll nicht heißen, daß es dann besser gewesen wäre, wenn er das „Gesetz“ gefunden hätte. Wie Sharaf das Bearbeiten der „Segmente“ erlebt hat, beschreibt er so: „Manchmal drückte [Reich] auf bestimmte Stellen meines Körpers, besonders die Brust. Einige Male löste dies ein tiefes Seufzen aus, eine Art Weinkrampf, den ich vorher nicht gekannt hatte. […] Erzählte ich ihm voller Sehnsucht, wie ich mir immer vorgestellt hatte, daß er mir bei der einsamen Arbeit in meinem Zimmer zugesehen habe, antwortete er freundlich: ‚Sie waren in mich verliebt. Geben Sie Ihre Genitalität Ihrer Frau und Ihrer Arbeit dem Orgon-Institut.‘“504 Was Reich hier getan hat, ist absoluter Bullshit. An dieser Stelle – Sharaf muß dafür gelobt werden, daß er sich so geöffnet hat – setzt, falls der Wahrsager ins Stocken geraten sollte, ein Wahrheitsbegleiter ganz sachte nach, um die Öffnung aufrechtzuerhalten und einen Schritt weiter in Richtung Eigner zu gehen. Was Reich aber stattdessen hier macht, ist unter aller Kanone. Sharaf war hier an etwas „Heiligem“ dran (im positiven, nicht stirner’schen Sinne), näherte sich seinem Eigner. Wenn Reich so etwas nicht hören – geschweige dazu ermutigen – kann, dann ist es ja kein Wunder, daß er, anstatt den Patienten sprechen zu lassen, er diesem auf der Brust herumdrückt. Er wollte ihm allen Ernstes etwas „herauspressen“, was er von sich aus ja gesagt hat – was Reich nur nicht hören wollte oder konnte. Das konnte nur in einer Verwirrung enden. Nicht nur, daß das Drücken völlig sinnlos ist – Sharaf hat sich geöffnet und hätte sich noch mehr öffnen wollen –, es ist vor allem absolut destruktiv, weil es Sharaf daran hinderte, seine wichtigen, geheimen Gedanken in aller Ausführlichkeit und unter Einbeziehung der Gefühle zu äußern. – All das hat Reich mit seinem dämlichen Spruch bravourös verhindert. Aber das Drücken ist generell kontraproduktiv, weil man auf diese Weise eben nicht geordnet vorgeht und dem Patienten etwas entlockt, wozu dieser im Moment gar nicht in der Lage ist, es zu fühlen. Und wenn er es fühlt, dann nimmt er das Gefühlte nur als etwas Überraschendes bis Rätselhaftes, nicht wirklich zu ihm Gehörendes wahr. Sehr schön beschreiben das ehemalige Patienten von reichianischen Therapeuten, die Janov in seinen Büchern „Der Urschrei“ und besonders „Anatomie der Neurose“ zur Wort kommen läßt. Die Reichianer waren mit diesem Phänomen und Problem eigentlich gut vertraut; Baker führte in seinem Glossar „Parästhesien“ auf: „Verzerrte Empfindungen, die durch die Blockierung des Energieflusses in einem Körperteil erzeugt werden. Sie treten als Prickeln, Kribbeln oder Schaudern auf.“505 Die Reichianer hinterfragten das aber nicht weiter. Sie nahmen es als gegeben hin. Die Patienten sollten das als „Strömen der Lebensenergie“ interpretieren und aushalten lernen – der klassische Fall von Objektorientierung: Nicht ich soll mich fühlen, sondern ich soll das Orgon fühlen. Das Negative, Subjekt-feindliche wurde sogar noch verstärkt: Das mußt du „tolerieren“! Wenn sie dann sogar noch den Patienten auffordern, das zu „genießen“, spreche ich von Verrücktmachen. Die Reichianer stießen mit ihren Manipulationen weiter fröhlich und mit bestem therapeutischen Gewissen unter die Oberfläche, anstatt etwas an der Oberfläche zu tun – etwa freundlich zu fragen: „Na, wie geht‘s uns denn heute?“, notfalls auch: „Sie sehen mich heute so seltsam an ... – ?“ Ein guter Orgonom weiß, wann er wo drücken muß“, höre ich die Orgonfans unerschütterlich sagen. Gewiß. Dann war zwar Reich schon mal ein schlechter Orgonom. Aber die ganze Drückerei ist von vornherein nur ein Alibi und ein schlechter, destruktiver Ersatz dafür, daß man gar nicht zuhören und den kleinen Eigner des Patienten gar nicht ertragen kann. Was bei Janov die „falschen und gespielten Gefühle“ als das von ihm selbst eingeräumte Hauptproblem in seiner Therapie waren, das war bei Reich die – viel zögerlicher selbstkritisch eingeräumte – Muskelmechanik. Janov forcierte verbal mit Aufforderungen („Sag es Mutti!“), Reich mit der nonverbal-muskulären Brechstange. In beiden Fällen zeugt dieses Forcieren nur davon, daß man den Patienten überhaupt nicht zu sich kommen lassen kann oder will. Weil der Patient bei Janov nicht auf seine eigene Weise sprechen darf und bei Reich so gut wie gar nicht und also zu stagnieren scheint, fängt der Therapeut an, die Stagnation – für die er verantwortlich ist – mit Gewalt beenden und den Panzer einreißen zu wollen: verbal oder muskulär. Was wir hier in der Sharaf‘schen Schilderung der reich‘schen Drückerei gesehen haben, ist eine ganz, ganz schlechte Vorstellung von Herrn Reich. Das Resultat ist hochgradig verwirrend, weil der Patient merkt, daß etwas passiert, das aber gleichzeitig als nicht wirklich zu ihm gehörig empfindet: „Einige Male löste dies ein tiefes Seufzen aus, eine Art Weinkrampf, den ich vorher nicht gekannt hatte.“ (Sharaf506) („Seufzen“ / „Weinkrampf“ – ich habe den Eindruck, der Reichianer Sharaf weiß nicht so recht, was Emotionen sind507, aber vielleicht liegt es an der Übersetzung.) Zunächst hört es sich nach einem großartigen, sensationellen, spektakulären Erfolgt an, der aber nur dem Narzissten, dem Ego im nicht-stirner’schen Sinne etwas nützt und das Ego im stirner’schen Sinne mit Opium einnebelt: „Was mich an der Therapie echt verblüffte, waren die Erfahrungen, die Reich […] ‚orgonotische Ströme‘ nannte. Sie waren besonders stark nach jenem oben beschriebenen intensiven Weinen. Ich lag dann da, atmete sehr leicht und fühlte diese herrlichen, weichen und warmen Empfindungen von Lust in Genitalien und Beinen.“ Aber wie geht das weiter? Der ganze Zauber bricht ja irgendwann wieder in sich zusammen. – Sharaf: „Mein Problem blieb es, daß die Empfindungen der vegetativen Ströme nicht sehr lange anhielten.“ 508 Sharafs Kritik ähnelte der der frustrierten Orgonpatienten, die Janov in seinen Büchern sprechen läßt, bis aufs Haar – das ist ja auch logisch, wenn man mal drüber nachdenkt. Nachgedacht hat Sharaf aber damals noch nicht konsequent. „Aus heutiger Sicht ist mir dies jedoch viel einleuchtender. Ich kann verstehen, warum Reich gegenüber der Therapie immer ungeduldiger wurde. Sie ist zu schwierig, die Menschen leben zu kompliziert. Er hatte mir ja auch während eines unserer ersten Treffen vom Beruf des Therapeuten abgeraten: ‚Da wird man in das Leben der Leute verwickelt und verfängt sich darin. Ein verwachsener Baum wird schwerlich wieder gerade.‘“ (Sharaf509) Ach, jetzt waren wieder die Menschen dran schuld, wenn sich der Herr Therapeut im Gestrüpp seiner Theorien und seiner eigenen chaotischen Gefühle verhedderte! Und Sharaf bringt dafür auch noch Verständnis auf! Es ist aber kein Stockholm-Syndrom, sondern: Er ist genauso korrupt: Auch er nimmt Patienten an, die ihm „zu kompliziert“ sind und in deren „Leben man verwickelt“ wird, weil er Geld machen und als Psychotherapeut und Lehrstuhlinhaber für Psychotherapie was hermachen will, wissend, daß „ein verwachsener Baum schwerlich wieder gerade wird“. In der Tiefenwahrheit (oder jeder guten Primärtherapie) wird andauernd intensiv geweint – nicht nur als als peak-Erlebnis –, und es treten dann auch Sensationen der Lebendigkeit in Bauch und Beinen auf, ohne daß irgendjemand irgendwo auf mir herumdrückt. Sharaf hat sich von Reich eine Menge Bullshit bieten lassen, glaubte aber immer weiter an Reich („Reich half mir hauptsächlich im Umgang mit meinem Körperpanzer“510). Ein völlig falsches und fehlplaciertes Verständnis entwickelte Sharaf auch für Reich und unterwarf sich damit der Heteronomie, wenn er schreibt: „Ich war wütend auf seine Wutausbrüche in der Therapie. Nun endlich explodierte die ganze ‚Negativübertragung‘, ein wesentlicher Begriff für Reich.“511 – So sehr die Reichianer für das ultra-wichtige Konzept der „Negativübertragung“ („Feindlichkeit“, bei mir „böse Gedanken“) zu loben sind, so liegt hier gar keine solche vor! Daß Sharaf als Psychologieprofessor das nicht erkennt oder sich seine völlig rationale und tatsächlich Reich direkt geltende Wut als eine „Übertragung“ einreden und abqualifizieren läßt, ist schon erstaunlich! Was haben die „Wutausbrüche“ des Therapeuten Reich in einer Therapie zu suchen? Da würde ich ja meine Dienstwaffe entsichern, das ist ja haarsträubend! Doch Sharaf bleibt in seiner Kritik ganz der Diplomat: „Der gefährlichste Aspekt dieser [reich’schen therapiehistorischen] Bewegung weg von der Analyse war seine Neigung, sich manchmal zu weit von den weisen Aspekten des analytischen Prinzips der ‚Neutralität‘ abzuwenden.“512 Ach nee, das ärztliche Einmaleins sollte gar für Gott Reich gelten?! – Frechheit. Doch lange nach dem Tode Reichs dämmert es Sharaf doch noch: „Heute ist die Zeit gekommen für ein ‚Großreinemachen‘ […] und im Rahmen von Reichs revolutionärem Paradigma für einen umfassenderen und wohlüberlegteren Gebrauch von Gesprächstechniken Platz zu schaffen, als Reich dies in seinen späteren Jahren vorsah.“513 – Warum aber in „Reichs Paradigma“? Was blieb denn noch von diesem übrig? Was für eine elende Halbkritik und Schmeichelei („revolutionär“)! Weniger empörend als Reichs wütende „Gegenübertragung“ und Sharafs angebliche irrational-wütende „Negativübertragung“, aber auch ein Verrat an den Patienten, ist, wie Sharaf deren Sprechbedürfnis – das er ja selber sehr gut kannte! – und das Bedürfnis nach wirklicher, tiefer Verarbeitung in vorauseilendem Gehorsam als Masochismus denunziert: „Viele Patienten schienen geradezu Lust an der vertieften Durchlebung ihres Leidens und weniger an dessen Aufhebung in der Therapie zu haben.“514 Diese Verarbeitung ist, wenn sie wirklich stattfindet, immer auch ein Auskosten bis ins letzte und kleinste Detail. Dazu muß der Patient alle Zeit und Ruhe der Welt bekommen. Das macht ja erst einmal die Eigner-Wiedereroberung aus. Und natürlich hat das – sein ganzes Leid einmal wirklich und gründlich auszusprechen und loszuwerden – etwas Lustvolles! Das wollen wir doch gerade so! Erst, wenn das so geschieht, kann doch eine „Aufhebung“ erwartet werden. An dieser Stelle trägt nun auch La Mettrie etwas zum Selbstermächtigungsverfahren bei (die Klammer ist von ihm): „Doch weine nur, unglücklicher Schäfer! (Warum soll man nicht weinen, wenn es einem gut tut?) Ein liebendes Herz weiß auch dem eigenen Leid etwas abzugewinnen. Es schätzt seine Melancholie, die ihn besser entschädigt als rauschende Vergnügungen. Warum soll man sich ihr nicht hingeben, wenn sie tatsächlich eine Freude ist, und zudem die einzige, die ein betrübtes Herz in selbstgewählter Einsamkeit genießen kann?“515 – Hier ermutigt La Mettrie uns zum Operieren im Affektiven und zur Wahrheit, wenn sie melancholisch ist. Aber die Schuldgefühle, dieses „überflüssige Geäst“ – Haupthindernis bei der Selbstermächtigung – „zu entfernen“, sei, so sagt er an anderer Stelle, Aufgabe einer „vernünftigen Philosophie“516. – Hier bleibt er im „kognitiv-rationalen Bereich“. La Mettrie ist eine sehr „schöne“ und tragische, von Laska aufbereitete Erzählung und Lektüre, aber für das Programm einer Selbstermächtigung eigentlich nicht nötig. Bei der forcierten „Aufhebung des Leidens in der Therapie“, der sich die Patienten mit ihrer „Lust an der vertieften Durchlebung ihres Leidens“ widersetzten, haben wir es wieder mit jener reich‘sch-reichianischen Ungeduld zu tun, die ihre Ursache im Unvermögen der Reichianer hat: Sie wollen über die schwierigen Stellen schnell hinweggehen. In der Geduld liegt aber auch ein echtes Genießen, ein wahrer Luxus. Seit wann hat ein Reichianer etwas gegen Lust? Reich hat doch ellenlange Studien zum Masochismus betrieben und immer nach dem Grund (der „Funktion“) masochistischen Verhaltens gesucht. Aber darauf – auf diese Art Lust beim Sich-wieder-aneignen und daß das nichts mit Masochismus zu tun hatte – ist er nie gekommen. Alles, was er gesehen hat, war eine mechanische „Blase, die zum Platzen gebracht werden will“517. Am Ende zog Sharaf aber wenigstens halbwegs die richtige Lehre aus dem Kuddelmuddel und schmiß den ganzen mechanischen Scheiß über Bord: „Mein Interesse an Reich war und ist in erster Linie auf seine Arbeit mit dem Menschen gerichtet. Ich habe nie systematisch Studien seiner naturwissenschaftlichen Arbeit betrieben, da ich weder Biologe noch Physiker bin.“518 (Wie er sich aber devot herausredet!) „Ich beschäftigte mich auch mit analytisch orientierter Psychotherapie, also der verbalen Seite, die Reich sehr unterbewertete.“519 „Aus meiner Sicht minderte Reichs Ungeduld gegenüber Gesprächstechniken seine Effizienz als praktizierender Therapeut. Patienten müssen genauso die Gelegenheit haben, über ihr vergangenes und gegenwärtiges Leben zu reden, wie sie sich durch ihre Panzersegmente hindurcharbeiten müssen.“520 (Wie unterwürfig er aber wieder vor dem heiligen Wilhelm kniet! Er weiß, daß das mit den „Panzersegmenten“ Bullshit ist.) Hier haben wir einmal einen direkten Hinweis darauf, wie die geringe „Effizienz“ der Therapie, die Laska moniert, gesteigert werden kann – die Steigerung führt übers „Reden“. Was aber gar nicht geht, was ein absolutes no-go521 ist, was Reich aber trotzdem verzapft: „Sam war in Behandlung bei einem Orgon-Therapeuten, den Reich eines Tages anwies, die Behandlung abzubrechen. Als ich um Erklärung fragte, war die Antwort: ‚Er hat an einer Aktion gegen die Hamilton School teilgenommen, obwohl wir das ausdrücklich mißbilligten. Wir wollten ihn nicht mehr, und das ist unser Privileg. […] Da gab es bestimmte Themen, die nicht angerührt werden durften.“ (Sharaf522) – Hier stellt sich Reich vollends als totaler Versager heraus. So etwas ist bei Janov unvorstellbar, jeder konnte – sollte! – sich auch absolut „feindlich“ äußern. Reich erzählte zwar tagein tagaus vom „guten Kern“, der unter der „mittleren, perversen Schicht“ läge, aber sonderlich Vertrauen hat er in diesen Kern nicht gehabt. Dieses theoretische, anthropologische, physikalisch sein sollende, aber eigentlich doch moralphilosophische Modell von den „drei Schichten“ (siehe Kapitel 8.5.3.1. Exkurs: Eine rationale und eine irrationale Moral?) hat aber überhaupt keine Rolle zu spielen, wenn es darum geht, jemanden als Patienten anzunehmen und mit diesem zu arbeiten. Dieser Patient hat selbstverständlich innerhalb der Therapie solange feindlich sein zu dürfen, wie er das will. Er ist dabei zu ermutigen! Was er außerhalb der Therapie macht, hat mich als Therapeuten überhaupt nichts anzugehen; das interessiert mich schlichtweg gar nicht; darum kümmere ich mich überhaupt nicht. Daß Janov – zu spät – einen Therapeuten entließ, weil er diesen für inkompetent hielt – was er war –, ist damit gar nicht vergleichbar (siehe meine Erfahrung bei Janov in Kapitel 4. Praktische Erfahrungen mit Psychotherapien – Desaster). Es ist zwar alles andere als ein Ruhmesblatt für Janov, einen (?) inkompetenten Therapeuten auf seine Kunden losgelassen zu haben bei ständiger Versicherung, daß es ausschließlich bei ihm kompetente Therapeuten und nur solche gäbe. Es war aber keine doppelte Lüge. Es war „nur“ eine große Klappe. Janov ist zurecht dafür kritisiert worden, daß er durch die Schließung seines Instituts in Paris die Therapie vieler Kunden abge-, zumindest unterbrochen hat (die Umzüge seiner Institute von Los Angeles nach New York werden ähnlich abgelaufen sein). Aber „Gründe lagen vor“, wie der Jurist sagen würde; dafür kann man ein gewisses Verständnis haben, wenn er sich um die Weiterführung der Therapie bei anderen Therapeuten gekümmert hat (was er offenbar getan hat). Bei Reichs „Mißbilligung“ der Aktivitäten seines Patienten Sam kommen wir aber in der Sekte an. Es gibt natürlich einen Riesenunterschied zwischen Reich und Ron L. Hubbard, aber ihre Theorien und Praktiken haben dennoch eine gewisse Ähnlichkeit. Der Unterschied: Hubbard glaubte wenigstens an seine Theorie. Denn jetzt kommt die Krönung der reich‘schen Korruptheit und die moralische Katastrophe: Reich wußte, daß seine ganze Fummelei am Körper samt gleichzeitiger verbaler Destruktion zu nichts – außer Schaden – führte: Er hat nicht nur einmal gesagt: „Ein verwachsener Baum wird schwerlich wieder gerade. Was wirklich zählt, ist die Vorsorge.“523 Bullshit! Die „Vorsorge“ ist wieder nur eine Rationalisierung des eigenen Unvermögens. Wenn er es nicht kann und weiß, daß er es nicht kann und es nichts bringt, dann hat er gefälligst keine Patienten anzunehmen! Aber nein, die waren ja dazu da, ihm für seinen kosmischen Unsinn das nötige Geld zu liefern: „Reichs psychiatrische Arbeit war weiterhin die Haupteinnahmequelle für seine Forschungen. Fast alle […] waren an Therapie interessiert oder wollten seine Techniken lernen.“ (Sharaf524) Es gibt einen riesigen Bedarf an notlindernden und ich-fördernden Verfahren, den man prima ausbeuten kann. Es gibt aber auch einen Bedarf, „Techniken zu lernen“, um ebenfalls damit – wie der Meister – andere arglistig ausbeuten zu können. Therapie als krumme Geldbeschaffungsmaßnahme, als „Geschäftsmodell“. Vor allem soll das noch ein moralisches Lob sein: daß er das ergaunerte Geld für seine edlen und menschheitsbeglückenden „Forschungen“ verwendete. Reich selbst gestattete es sich, aber andere sollten das Geschäftsmodell nicht anwenden. Mit derlei wollte er sich wohl sein Gewissen erleichtern: „Reich bedauerte nach wie vor die soziale Ineffizienz von Therapie. Tatsächlich ärgerte er sich über die Tatsache, daß die Therapeuten, die er ausgebildet hatte, fast ausschließlich daran interessiert waren, eine private Praxis zu führen und nur wenig für Ausbildung oder Forschung übrig hatten. Als einmal ein Erzieher darüber nachdachte, Therapeut zu werden, antwortete Reich scharf: ‚Nein, wenn Sie das tun, werden Sie nur viel Geld machen, aber keine Arbeit leisten.‘“ (Sharaf525) – Nix da! Die sollten schön für ihn im Laboratorium schuften. Das tat er ja wohl schließlich auch – natürlich für unser aller Sach‘, für die der ganzen Menschheit:Reich arbeitete zusätzlich zu all seinen Aktivitäten bis zu sechs Stunden täglich in seiner psychiatrischen Praxis. [Der arme, sich aufopfernde Reich!] Dies wurde von den finanziellen Erfordernissen seiner Forschungen diktiert. […] 1948 berechnete er 50 Dollar.“ (Sharaf526) – Reich ging es nicht darum, einen helfenden Beruf auszuüben, Menschen in Not und auf einem Weg zu sich selbst zu helfen und sich dafür bezahlen zu lassen, sondern der Grund für seine „psychiatrische“ Arbeit war das Geld für seine „Forschungen“, ohne daß seine Patienten irgendetwas davon gehabt hätten. Pfui! Dabei langte er ordentlich hin: 50 Dollar pro Dreiviertelstunde im Jahre 1948 – das entspricht heute einem unhonorigen Honorar von 650 Dollar pro Dreiviertelstunde! Reich störte sich immer daran, daß er vom Schreiben und Forschen auf die Therapie von Patienten umschalten mußte.“527 – Der arme Reich aber auch! Das hätten Sie in einem ehrlich-anständigen Beruf wie Rinderzüchter oder Milchhändler nicht müssen, Herr Reich. Wenn Sie schon so viel Geld für sinnlose Spinnereien gebraucht haben, dann hätten Sie besser Ihre Wissenschaft 1.0 mal weiter als Landwirt zum Einsatz bringen sollen. Da hätten Sie sich nicht so viel ins „Leben der Leute verwickeln und verfangen“, nicht zum bewußten Betrüger und Ausbeuter dieser Leute werden und nicht Ihr schlechtes Gewissen entlasten brauchen. Die Wissenschaft 1.0 stimmte in Bezug auf die Tiere – in Bezug auf Menschen stimmte sie nicht. Das war Wissenschaft 2.0. Hat die Wissenschaft 2.0 gar etwas mit den Gojim (den Tieren) zu tun? Ich beziehe mich hier natürlich immer nur auf das Seeleningenieurswesen, bei Unfallchirurgie sieht es anders aus, das ist Wissenschaft 1.0, auch wenn sie am Menschen zum Einsatz kommt. Und bezüglich des „verwachsenen Baums“ stimmte Ihre Wissenschaft 1.0 tatsächlich auch, Herr Reich. Wir Menschen sind aber keine Bäume. Wir stellen tatsächlich – vielleicht bedauerlicherweise – einen, wie eigentlich Sie selbst wissen, „hohen Entwicklungsstand“528 dar. Unsere „biologische Ausdrucksform“ sollte sehr wohl eine emotionale sein, aber „die verbale Sprache“ und das Kognitive darf nicht fehlen. Es ist gerade – man mag sich darüber wundern oder es für ein Wunder halten – das Kognitive, mit dem wir entscheiden, in das Vegetative hinabzusteigen und uns dort wieder geradezumachen, zu empören. (Siehe dazu Hölderlin, Post-Philosophie und Tiefenwahrheit 4/7: Wiedervereinigung von Geist & Gefühl in Aktion. Mit der Ballade von der Wiederzusammen= & WiederübereinStimmung zweyer Stimmen529) 7.2.1.10. Reich’scher Energiemechanismus und Normativismus Autoren, die Reich durchaus gewogen sind, sehen den maschinellen Charakter der Orgonomie ähnlich kritisch, z.B. Armin Bechmann (aufgrund seiner Bedeutung sei es mir gestattet, das Zitat zu wiederholen): „Das Modell der Orgonenergie, wie Reich es zeichnet, mutet über weite Strecken sehr mechanistisch an. […] Lebende Systeme werden in ihrem Fühlen, Handeln und Denken recht mechanistisch durch die ihn ihnen ausgelösten oder induzierten Energiezustände gedeutet.“530 – In der Tat eine eigenartige mechanistische Vorstellung: Der Heiler führt den Patienten nicht auf den Grund der Beschwerde, sondern glaubt, daß er diese zum Verschwinden bringen kann, indem er ihr einfach die Energie entzieht – was für eine eingestandene Hilflosigkeit seitens des Heilers. Es hat auch etwas von einer Chuzpah, von einem Erstehlen: Wozu ich nicht auf strukturell-systematische Art in der Lage bin, dem ziehe ich – so gebe ich jedenfalls vor, es zu glauben – einfach den Stecker aus der Dose und hoffe und gebe vor, damit die ganze Struktur – das komplizierte, „überflüssige Geäst“ – zum Einsturz zu bringen. So etwas ist Hühnerdieberei. Jetzt ist der reichianische Heiler krampfhaft darum bemüht, daß der Patient so viel wie möglich Energie in sein Genital schickt, um dem weit zurück in der Kindheit nicht-sexuell verursachten Symptom die Energie zu entziehen. Hier wird überdeutlich, daß Reich die Menschen wirklich für Maschinen gehalten hat. Um es Reich in seiner Sprache zu sagen: Das Lebendige ist von klein auf gestört; aus Angst vor Schmerzen und aufgrund traumabedingter Lernprozesse wird das Gesamtsystem in seinem Funktionieren verunmöglicht. Das betrifft zwingend sekundär auch die Sexualität, für die jetzt weniger Energie verbraucht wird. Die Energie flösse aber, wenn ich den Patienten durch Wahrsagen von alleine spontan und nicht-normativ auf den Grund der Beschwerde kommen lasse, gar nicht mehr in das Symptom. Das Symptom fällt weg und braucht keine Energie mehr – der ganze reich‘sche Energieumlenkungsaufwand und die Fixierung auf die sexuelle Norm „orgastische Potenz“ ist umsonst. Im Zusammenhang mit „Beurteilung emotionaler und damit orgonomischer Wahrnehmungsfähigkeit“ schreibt Bechmann von „sehr stark normativen Aspekten“ 531. Wo kam denn der ganze Orgon-Mystizismus her? Reich selbst hat doch die „funktionelle Identität“ von Mechanismus und Mystizismus beschrieben. Aber die meisten Reichianer halten Reich eben weder für das eine, noch für das andere … Ich bin selbst immer noch irgendwie Reichianer, aber man muß doch mal endlich die Kirche im Dorf lassen und das ganze sinnlose Brimborium erkennen. Als Märchen ist das alles vielleicht faszinierend, und ich bewundere Peter Nasselstein dafür, wie er an der Orgonomie festhält.532 Aber man muß doch mal wieder aus dem Traum erwachen. Nasselstein kritisiert doch andere, im konkreten Falle Heiko Lassek, für deren unerträgliche Orgonmystik533 – hat aber selbst einen Balken im Auge. Nasselstein findet kein Ende, das Leben mit der Orgonomie zu verwechseln.534 Meine Kritik am Maschinismus trifft ein wenig die falschen, nämlich die Humanisten; er sollte vielmehr und erst recht die Dirigisten à la Verhaltenstherapie oder Neurolinguistisches Programmieren treffen. Und Laska hat natürlich nicht ganz unrecht, wenn er Reich zugutehält: „dass dies nicht die Zurichtung des Patienten auf ein gutes Funktionieren unter den gegebenen Lebensbedingungen [bedeutet]“. – Der Widerspruch kommt aber sofort: Denn was aber ist dieses „dies“? – „dass es Reich darum geht, dass die Kernfrage der Psychoanalyse, jedenfalls eine Kernfrage, die nach den Kriterien der Heilung bzw. nach dem Therapieziel ist.“535 – Diesen eklatanten Widerspruch und daß das nichts mit einem Eigner zu tun haben kann, übersieht Laska bei Reich: „Heilungskriterium“ und „Therapieziel“ sind – zumal wenn in ihnen die „Kernfrage“ liegt! – Normativismus und Präskription zur Maschine par excellence. Aus dieser reich’schen Not macht Laska sogar noch eine Tugend: Reich sei Freud, der „Heilungskriterium“ und „Therapieziel“ aufgegeben habe, zu treu geblieben, weswegen dieser ihn verstoßen habe. Daß Freuds Position antiaufklärerisch und eignerfeindlich war, ist klar, aber Reich ist das – sicherlich weniger als Freud – mit seinem Normativismus auch. Aber nicht nur an den Humanisten ist was Gutes dran – auch die von vornherein nur reparierenden Menschmaschinen-Psychologen möchte ich nicht geringschätzen: Sie können ja nicht nur dressieren und ruhigstellen, sondern auch mittels Krankschreibung für einen geordneten Rückzug aus der Maschine sorgen. Aber das wollen wir, die Neuen Aufklärer, ja nicht. Wir wollen ja das soziale Selbst als einziger Sinnquelle am Leben halten. Der Behaviourismus scheidet dabei von Anfang an aus (entspricht bei Stirner der Religion: Wissenschaft 1.0 als Fortsetzung der Religion); es muß aber auch der Humanismus ausscheiden (entspricht bei Stirner den Atheisten: Fortsetzung der Wissenschaft 1.0 mit Wissenschaft 2.0). 7.2.1.11. Das „Gesundheitskriterium“ der Reichianer Laska, Peter Nasselstein und Bernd Senf Und so müssen wir auch des Humanisten und Wissenschaftlers Reich „Gesundheitskriterium“ ablehnen. Zu diesem lesen wir bei Peter Nasselstein: „Bereits im gleichen Jahr, 1924, legte Reich sein eigenes spezifisches Heilungskriterium vor: ‚Und nicht früher kann eine Analyse als beendet gelten, als bis der Patient seine Genitalität vom Schuldgefühl befreit und vom Inzestobjekt abgezogen sowie seine prägenitalen Organisationsstufen endgültig überwunden hat.‘536 […] Reich geht es nicht primär um die Beseitigung neurotischer Symptome, sondern um Charakterveränderung, bzw. ‚die Umstellung der Gesamtpersönlichkeit auf das genitale Primat‘537, deren aktive Betätigung vor dem Rückfall in die Neurose schützt und persistierende Symptome früher oder später verschwinden läßt.“538 – Da haben wir wieder, diesmal gepaart mit der „Gesundheit“, die Symptom-Trockenlegungs- und Energie-Entzugserscheinung. Bei Laska lesen wir zum „Gesundheitskriterium“: „[Reich entwickelte] auf der Basis der Freud'schen Lehre von der sexuellen Ätiologie der Neurosen ein Gesundheitskriterium, das nicht [...] beliebig, sondern an der psychophysischen Organisation des Menschen orientiert war: die sog. orgastische Potenz. Der nach diesem Kriterium Gesunde wäre [...] zugleich der wahrhaft freie bzw. freiheitsfähige, sich selbst steuernde Mensch.“539 – Et voilà!: der Mensch! Die „psychophysische Organisation des Menschen“: Die Mensch-Maschine! Reich weiß, wie die zu organisieren ist. Und die alte Frage, der Laska so oft ausgewichen ist, weil sie ihm zu schwierig war, nämlich die danach, was den Eigner, also den sich selbst steuernden Menschen, ausmacht540, wird hier glasklar beantwortet: die Gesundheit. Der Eigner ist der Gesunde, und Laska stellt Kriterien für den Eigner auf. Da fängt unser Stirner in seinem Ehrengrab des Landes Berlin auf dem II. Sophien-Friedhof in Berlin-Mitte zu rotieren an. Immerhin drückt Laska mit „wäre“ einen Vorbehalt aus. Der Reichianer Bernd Senf sagt 1976 in den Wilhelm-Reich-Blättern: „Die Diskussion des […] ‚Gesundheitsbegriffs der Orgonomie‘ scheint mir in der Tat wesentlich zu sein, weil hiermit der Gesundheits- bzw. Krankheitsbegriff der herrschenden Medizin und Psychiatrie radikal in Frage gestellt wird.“541 – Es geht aber nicht darum, irgendeinen Krankheitsbegriff „in Frage zu stellen“ – der Begriff ist überhaupt sinnlos, ein heteronomistischer „Sparren, erteilt von einem Spuk“. Die Linkshegelianer kritisierten tapfer die Religion – das entspricht dem „Gesundheitsbegriff der herrschenden Medizin“. Dann ersetzten sie die Gottesreligion brav mit der Menschenreligion – das entspricht dem „Gesundheitsbegriffs der Orgonomie“. – Daß den Reichianern das nicht auffiel?! (Na gut, Senf war kein Stirnerianer.) Aber Arthur Janov kann mit Wilhelm Reich in puncto Maschinentheorie locker mithalten. Auch er spricht von „Krankheit“ und „Gesundheit“: Abb. aus Reich: Orgasmus, S. 140 Abb. aus Janov: Primal Man, S. 322 Natürlich hat es schon lange vor mir Kritiker des Krankheits-Begriffs gegeben. Aber die haben mit „Krankheit“ auch das Baby der realen Betroffenheit des Einzigen ausgekippt oder sind dem Unwohlsein („Krankheit“) nicht mehr nachgegangen, haben es wie Paul Watzlawick wegrabulisiert. Laska roch den Braten und war immerhin auch noch nie so wissenschaftlich drauf wie die Reichianer, mit denen er es anfangs noch zu tun hatte. Als er ihnen – den Abonnenten der Wilhelm-Reich-Blätter – 1978 ein paar „Vorschläge für Studienprojekte“ unterbreitete, wunderte er sich darüber, daß „[das] geringste Interesse merkwürdigerweise für die Biographie Reichs und die philosophischen Aspekte seines Werkes vorhanden [ist]“.542 – Die Reichianer waren hoffnungslos in der Wissenschaft 2.0 verloren – wenn nicht damals sogar auch schon im Mystizismus. Beide Holzwege gehen aber auf Reich selbst zurück. Laska schloß damals noch einen faulen Kompromiß: „Ich werde mich bemühen, den Inhalt der WR-Blätter so zusammenzustellen, dass er den geäußerten Interessen möglichst weitgehend entspricht.“543 7.2.1.12. „Prägenitale Sexualität“ Neben der Kritik an der Gesundheitsnorm ist hier vielleicht auch mal die Gelegenheit, auf einen weiteren Fortschritt von Janov gegenüber Reich einzugehen (der erstgenannte Fortschritt war der der Würdigung des Schmerzes als eigentlicher Ursache von Verdrängung und Eigner-Verlust in Kapitel 3.8. Janov viel eher Stirnerianer als Reich): Janov ließ in seiner technischen Zeichnung wenigstens den ganzen irreführenden Jargon von der „prägenitalen Sexualität“ weg. Kinder haben – papperlapapp „geringfügige Produktion von Sexualhormonen“ – keine funktionierenden Sexualdrüsen. Mutter und Kind lieben sich tatsächlich, aber das ist keine Sexualität. Die Liebe zwischen Mutter und Kind ist kein „Inzest“; es ist dabei egal, ob das Kind ein Mädchen oder ein Junge ist; es gibt keinen primären Ödipuskomplex.544 Der größte Unsinn der Freudianer – und Reichianer – bestand darin, daß z.B. das „Orale“ als etwas Sexuelles angesehen wurde. Sex heißt aber Geschlecht. Oral hat sicher etwas Lustvolles, aber nichts Geschlechtliches.545 Die Psychoanalytiker haben ganz offenbar Sex mit Lust verwechselt. Freud spricht von den „erogenen Zonen der infantilen Sexualität“ auch als „Lustzentren“. Das hört sich schon mal besser an, denn Lust ist eben nicht nur Sex, so einfach ist das. Es gibt keinen Grund, orale Lust zu sexualisieren. Warum das dennoch geschah und welche Auswirkungen das hatte, dazu kommen wir später. Bereits zu Freuds Zeiten gab es gegen die Sexualisierung kindlicher Bedürfnisse Widerstand – sogar aus dem Kreise Freuds eigner Patienten heraus. Die Patientin Emma Eckstein hat deshalb – nachdem sie über Jahre von Freud malträtiert worden war546, darauf kommen wir zurück – nicht nur die Therapie bei Freud, sondern auch gänzlich den Kontakt zu ihm abgebrochen (die Ecksteins hatten eine enge freundschaftlich-familiäre Verbindung mit den Freuds).547 Emma Eckstein hat erkannt, daß in der Reizung der noch nicht ausgereiften, aber bereits mit lustproduzierenden Nerven ausgestatteten Genitalien ein Mangel an Liebe wettzumachen versucht und ausagiert wird: „Motiv solcher kindlicher Selbstbefriedigung sei die Entschädigung für entzogene Liebe, der Mangel elterlicher Zuwendung.“ 548 Ihre Lehre daraus wirkt freilich hilflos: „Sie empfiehlt die Verbündung des Erziehers mit dem gesunden Willen des Kindes mit dem Ziel, die Verachtung des Kindes für solche Regungen zu bestärken.“549 Hat Emma wirklich nicht daran gedacht, einfach nur dem Kind die „entzogene Liebe“ wiederzugeben? Janov schreibt dazu (Hervorhebungen von ihm): „Kinder erforschen Lustzonen, die nach Meinung von Erwachsenen ‚sexuell‘ sind. […] Ein Kind, das seine Genitalien berührt, empfindet ein lustvolles Gefühl. Um sich wohl zu fühlen, muß es sich nicht zwanghaft und immer wieder berühren, solange es sich nicht beständig unglücklich fühlt, weil lieblose Eltern nicht dafür sorgen, daß es sich wohl fühlt. Seine zwanghafte Masturbation ist kein sexueller Akt. Es ist ein Versuch, Spannungen zu lösen. […] Neurotische Eltern geraten in Aufregung über ein solches Verhalten (anstatt sich Sorge über die offensichtlichen Ängste des Kindes zu machen) und ächten gleichsam bestimmte Körperzonen. […] So kann geschehen, daß ein Kind, das ständig getadelt wird, weil es sich selbst berührt, sich als innerlich gespalten und schließlich seinen Körper als etwas Fremdes, von ihm Abgetrenntes erlebt.550 […] Die normale Entwicklung der Sexualfunktionen ist mithin keine Frage sexueller Erziehung. Sie ist vielmehr eine Frage von Erziehung im weitesten Sinne des Wortes – von Erziehung, die deutlich macht, daß Gefühle wünschenswert sind. Ein so erzogenes Kind wird bei Eintritt in die Pubertät ein fühlender Mensch sein, der unter dem Eindruck sexueller Aktivierung, die mit der Pubertät einhergeht, obendrein sexuelle Gefühle hat. Sexualerziehung heißt, daß Eltern ihren Kindern die Möglichkeit geben, ausdrucks- und reaktionsfreudige Menschenwesen zu werden [zu sein – schlechte Übersetzung], die später auch in der Lage sind, in ihrem Sexualverhalten ausdrucks- und reaktionsfreudig zu sein. Sexualerziehung heißt ferner, daß den Kindern gestattet wird, sich ohne Einschränkung körperlich zu entfalten, ständig ihre Bewegungsmöglichkeiten voll auszuschöpfen, daß ihnen nicht fortwährend vorgehalten wird: ‚Sitz endlich still!‘; nur so können sie in ihrem späteren Sexualleben den Körper ungehemmt und frei einsetzen. Schließlich heißt Sexualerziehung, daß das Kind nicht gezwungen wird, irgendein entscheidendes Gefühl zu verdrängen, denn durch diese Verdrängung wesentlicher Persönlichkeitsanteile wird das Kind daran gehindert, ein Mensch mit Gefühlen zu werden.“551 Ich frage mich nur, was daran „Sexualerziehung“ (oder überhaupt „Erziehung“) sein soll. Janov hat wieder mal Schwierigkeiten mit der Theorie und vermengt die Ebenen, wie er es auch bei der Moral tut. Darauf werden wir gleich in den Kapiteln 8.5.3.1. Exkurs: Eine rationale und eine irrationale Moral? und 8.5.3.2. Exkurs: methodologische Probleme mit Abstraktionsebenen kommen. Auch Laska vermengt begrifflich die Ebenen. Auf dessen theoretische Schwächen kommen wir im Kapitel 8.5.3. Laskas „rationales Über-Ich“ als Rationalisierung des Über-Ichs und aus mangelnder Praxis entstandenes Theorem zurück. Janov kriegt aber – im Gegensatz zu Laska – sowohl in den gleich zu rezipierenden Stellen als auch hier immer noch halbwegs die Kurve: „Im Grund genommen, das heißt im eigentlichen Sinne des Wortes, gibt es keine Sexualerziehung. Es kann lediglich darum gehen, einem Kind zu erlauben, es selbst zu sein, so daß es sich zu einem Menschen mit sexuellen Empfindungen entwickeln kann.“552 Jetzt kommt Janov zur praktischen Implikation: Die entstandene Eigner-Vernichtung gilt es, rückgängig zu machen: „Um sexuelle Freiheit zu erlangen, muß man die frühen nicht-sexuellen Szenen wiedererleben und sie innerlich bewältigen, indem man die richtigen Reaktionen darauf fühlt.“ (Janov553) – Leider hat Janov das in sehr vielen Fällen selbst erfolgreich verhindert, indem er viele seiner Patienten mit Vorgaben drangsalierte. Es ist falsch zu sagen: „Man muß die frühen nicht-sexuellen Szenen wiedererleben.“ Man muß gar nichts! – außer wahr zu sein: Dann ergibt sich das von selbst. Leider sind zu viele arme, bedauerliche Patienten nicht in diesen Genuß gekommen, weil sie sich bemüht haben, Janov „in die Kindheit“ zu folgen, anstatt nur wahr zu sein. Aber es gab auch positive Ausnahmen: Zu einer solchen erfolgreichen Rückgängigmachung der Eigner-Vernichtung in seiner Praxis läßt Janov die Patienten Nancy – der es besser geht als der Patientin Emma Eckstein – zu Wort kommen: „Wenn ich versuche, mit meinem Mann Verkehr zu haben, dann steht meine [böse, PT] Mutter hinter mir und sagt [ich höre ihre böse Stimme in mir, PT]: ‚Welch ein erniedrigendes Schauspiel deiner tierischen Natur!‘ […] Und so verkrampfte sich mein Körper immer wieder, wurde starr, gefror zu Eis. [… – sie schildert weiter ausführlich, wie auch ihr Vater ihren Körper, offenbar aus Angst vor sexueller Übergriffigkeit, komplett negierte und so tat, als sei Nancy nicht da.] Nachdem ich diesen Zusammenhang erkannt hatte, geschah alles so schnell, daß ich es kaum behalten konnte. Meine Beine fuhren plötzlich in die Höhe. Ich fing an, sie zu berühren und zu reiben, so heftig ich konnte. SIE SCHMERZTEN NICHT! Zuvor hatte meine Haut bei der leichtesten Berührung entsetzlich geschmerzt. [… – sie schildert weiter ausführlich die sinnliche Erkundung und Wiederentdeckung ihres Körpers.] Ich fühlte, wie meine Genitalien vor Erregung zu zittern anfingen. […] Ich, die gute frigide Nancy! Sie waren weich und warm, naß und schlüpfrig. Ich schlief ein, mit vollständig ausgebreitetem Körper – die Beine gespreizt, die Arme sorglos über dem Kopf verschränkt – mein Gott! Ich kann es immer noch nicht glauben. Vorher mußte ich immer zusammengekrümmt wie eine Kugel schlafen. Jetzt leuchteten Farben vor mir auf, als hätte ein grauer Nebelschleier sich verzogen. Meine Oberschenkel kribbelten, als würden sie zum ersten mal von Blut durchströmt. […] Nach einem meiner Geburtsprimals spürte ich einen Ruck [da ist er, der Stirner’sche „Ruck“!], als hätten sich meine Beine plötzlich von Tausenden von Stricken befreit.“ – Sehr gut, daß Nancy, nachdem sie den sexuellen Fluch der Mutter beschrieben hat, hier noch einmal auf die prä-sexuellen Traumata zurückkommt: Die Eigner-Zerstörung hat auch etwas damit zu tun, daß vorpubertäre genitale Lustempfindungen – im Sinne dessen, was Janov gerade das „Erforschen“ nannte – moralisch verurteilt werden, aber viel mehr mit den prä-sexuellen Bedürfnissen der Kinder. Diese riesige Dimension – die nichts mit „Moral“ zu tun hat – lassen die Reichianer so gut wie vollständig ausfallen; sie ist ihnen im Grunde unbekannt. Ich hoffe, den Reichianern fällt hier auch der Unterschied zwischen einer Primärtherapie und reich‘scher Therapie auf. Das komplette und erschöpfende Gehenlassen in die Gefühle – und zwar stets streng subjektorientiert, immer von der Wahrheit und der Authentizität des Patienten ausgehend – hat die sexuelle Befreiung nur als Kollateralnutzen. Woran Reichianer nur stümperhaft herumschrauben, geschieht hier von alleine. Die Reichianer wollen uns etwas von Sex und sexueller Befreiung erzählen? – Daß ich nicht lache! Armselige, ahnungslose objekt-orientierte Mechanisten! Und ja, ich halte den Patientenbericht von Nancy für echt und keine Erfindung von Janov. Selbstverständlich hat die janov‘sche Psychotherapie auch manchmal funktioniert. Und vor allem hat sie dann in ihrer Weiterentwicklung zur Tiefenwahrheit funktioniert: Auch ich habe in Stunden der Tiefenwahrheit das Zittern der Sexualität in den Oberschenkeln wiederentdeckt. Es lag also ein riesiger Fortschritt Janovs gegenüber Reich und Freud darin, daß er das Einfachste der Welt zur Kenntnis nahm: daß Kinder keine funktionierenden Sexualdrüsen, wohl aber riesige prä-sexuelle Bedürfnisse haben. Dadurch wurde der Weg frei in die ungeheuerlich tiefe Dimension der Liebesstörung zwischen Mutter und Kind und deren katastrophale Folgen. Diese Störung und die schreckliche Frustration des Kindes waren das eigentlich Verheerende. Dadurch wurde der Eigner – oder der „Normale“, wie Janov ihn nannte – zerstört, nicht durch Sexuelles. Und durch diese Zerstörung kam das Kind schon zerstört in der Pubertät an. Die Eigner-Zerstörung kann in der Pubertät noch verstärkt werden. Aber es ist schwer vorstellbar, daß eine Mutter, die ihr Kind total geliebt hat, dieses ihr Kind, wenn es in die Pubertät kommt, plötzlich zu traumatisieren anfängt. Dadurch wurde der Weg frei“ bedeutet nicht ein Ergebnis von wissenschaftlichen Forschungen und deren entsprechende Weitergabe an die Patienten als Vorgaben, sondern schlicht das Ermöglichen und Geschehen-lassen dessen, was die Patienten dann erlebten, wenn sie sich gehen ließen. Janov nervte seine Patienten ganz einfach nicht mit Sexuellem – wie es die Reichianer tun –, wo es gar nicht um solches ging. Sexuelle Störungen fußen auf den frühkindlichen. Es ist haarsträubend, wie die sexuelle von den Reichianern als die primäre Störung betrachtet werden konnte. Wenn aber ein Wahrsager in einer Stunde der Wahrheit sagt, daß er am meisten unter der antisexuellen Einstellung seiner Eltern gelitten hat, so ist er in dieser seiner Sicht zu unterstützen und dazu zu ermutigen, sich dagegen zu empören. Der Kunde ist König. Wir reden ihm nach dem Mund und schieben ihn damit sanft und vorsichtig in seine Tiefe und zu seinem Eigner, anstatt ihn am „Ausagieren“ zu hindern. Er redet nicht nach unserem Mund. 7.2.1.12.1. Ist Wilhelm Reich für das Grassieren der Pädokriminalität mitverantwortlich? Die Folgen des Geredes von der „infantilen Sexualität“ Ich möchte jetzt auf die Frage eingehen, ob Freuds und Reichs Behauptung einer „infantilen Sexualiät“ mit Pädokriminalität (sexuelle Ausbeutung und dadurch Schwersttraumatisierung von Kindern) in Zusammenhang gebracht werden kann und, wenn ja, welcher Art dieser Zusammenhang gewesen sein könnte. Der Begriff „Pädokriminalität“ ist ungenügend; ich meine mit ihm sexuelle Ausbeutung und dadurch Schwersttraumatisierung von Kindern. Wir können dieses große Thema im Rahmen dieses Buches natürlich nicht erschöpfend behandeln. Hatten Freud und Reich eine Mitschuld an der Verbreitung dieser verbrecherischen Erscheinung in der 68er Bewegung („sexuelle Revolution“) und ganz besonders in der Post-68er Bewegung (Alternative Liste, Partei Die Grünen, bei denen es von Reichianern wimmelte)? Wenn ja, würde das Reichs Gegenwart in einem dem intakten Individuum gewidmeten Projekt LSR schwer in Frage stellen. Ein Teil der Wissenschaftsgemeinde scheint, wie ich es in Kapitel 7.2.1.8. Des Reichianers Elsworth F. Baker theoretisches Wirrwarr angeführt habe, eine „geringfügige Produktion von Sexualhormonen“554 für real zu halten; das scheint aber kein Beleg für eine ausgeprägte Sexualität bei vorpubertären Kindern zu sein. Das hatten Freud und Reich anders gesehen; sie sprachen den Kindern eindeutig eine vorpubertäre Sexualität zu; diese nahm sogar eine zentrale Rolle in ihren Theorien ein. Pädokriminelle rechtfertigen ihre Verbrechen oft mit der Existenz einer infantilen Sexualität und können sich dabei auch auf die Psychoanalyse als moderner Autorität berufen. Das vereinfacht zumindest ihr gedankliches Herangehen an die kriminellen Handlungen und schwächt ihre Hemmungen. Die Pädokriminellen können sich tatsächlich in gewisser Weise auf psychoanalytische Autoren stützen und sich von ihnen in ihren Taten ermutigt fühlen. Diese Autoren sagten zwar nicht, daß es, nur weil die Kinder sexuell seien, zu sexuellen Kontakten mit Erwachsenen kommen sollte, und sie trifft keine direkte Schuld. Aber den Pädokriminellen war mit der Behauptung einer bloßen Existenz kindlicher Sexualität schon geholfen; sie konnten nun schon mal damit argumentieren, daß die Kinder generell Sex wollten. Von nun an war es nur noch ein kleiner Schritt dahin, daß die Gefährten eines „sexuellen Spiels“ auch Erwachsene sein können, ja, daß die Kinder sogar Erwachsene bräuchten, die ihnen z.B. beim „Kennenlernen ihrer erogenen Zonen“ behilflich sein würden. Es solle nur „einvernehmlich und gewaltfrei“ stattfinden. Noch 1986 sagte die Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Berliner Abgeordnetenhauses und spätere Bundesministerin Renate Künast auf absolut skandalöse und unverfroren-kriminelle Weise: „Komma, wenn keine Gewalt im Spiel ist!“555 Oft wird fälschlicherweise behauptet, Reich habe der Frankfurter Schule angehört. Ist der noch viel schwerwiegendere Vorwurf, Reich habe etwas mit Pädo„philie“ zu tun, aber genauso falsch? Es gibt ja tatsächlich Überschneidungen mit der Frankfurter Schule, wenngleich Reich mit der effektiven Umerziehung der Deutschen nach dem Krieg, wie sie, mit den „Frankfurtern“ an der Spitze, organisiert wurde, nichts zu tun hatte. Könnte es nun auch Überschneidungen mit der Pädo„philie“ geben? Könnte es sein, daß Reichianer – weit über die einfache wissenschaftliche Behauptung von „geringfügiger Produktion von Sexualhormonen“ und „infantiler Sexualität“ hinaus – selbst Pädokriminelle waren? Immerhin hatten Freud und Reich erfolgreich die „Lustzonen“ zu sexuellen Zonen umdeklariert, also Nichtsexuelles sexualisiert. Das war ein erster Schritt in Richtung Pädokriminalität. Das Genitale wird, so argumentierten Reichianer wie Elsworth F. Baker, erst nur „geringfügig“ mit Sexualhormonen beschickt und ausgefüllt. Später – „nach der Pubertät, wenn die Reifung des Systems der inneren Sekretion eine starke Erregung der organismischen Energie und ein größeres Bedürfnis nach regelmäßiger Abfuhr hervorruft“ (Baker556) – wird im genitalen Bereich „eine sexuelle Entladung dringlicher“ empfunden, als sie – „vielleicht“ – vor der Pubertät empfunden wird. Das Genitale färbt, so die Freudianer und Reichianer, sozusagen mit ihrer anfänglich „geringfügigen“, später „dringlichen“ hormonellen Sexualität nicht nur auf die nicht-genitalen „Lustzonen“ ab, sondern diese werden einfach – in einer Art falschem Umkehrschluß – zu „sexuellen Zonen“ erklärt, d.h. sexualisiert, ohne daß im okularen, oralen oder analen Bereich Sexualhormone beteiligt wären. Das Genitale bzw. wirklich Sexuelle wird auf rabulistische Art auf das Okulare, Orale und Anale ausgedehnt bzw. zurückdatiert. (Warum überhaupt diese Rabulistik? Warum diese ganze „theoretische“ Anstrengung? – Siehe dazu Kapitel 7.2.1.16. Mögliche Ursachen für die Entstehung Sigmund Freuds Theorie von der „infantilen Sexualität“.) Später, in der Therapie, verwandeln sich diese „sexuellen Zonen“ am Reparaturschraubstock in „Segmente“ bzw. – fonctionalisme oblige – „Entwicklungsstadien“. Wenn die „Sexualität“ nun in allen Segmenten und Stadien bejaht und aktiv unterstützt werden soll, dann muß an den „Segmenten“ herummanipuliert werden, dann müssen sie „befreit“ und „funktionstüchtig“ gemacht werden. Dann muß die „orgastische Konvulsivität“ im oralen Bereich hergestellt werden („Gesundheitskriterium“ „oraler Orgasmus“ 557 bzw. „orale orgastische Potenz“). 7.2.1.12.2. Bekannt gewordene pervers-schwerstkriminelle Reich-Schüler: Michael M. Silvert, Albert Duvall und Felicia Saxe Zu gütig, daß die „sexuelle“ (die Orgonomen meinen hier die genitale) „orgastische Potenz“ noch nicht im Genitalen forciert wird, weil dort in der „ersten Pubertät“ noch keine „Abfuhr hervorgerufen“ (Baker558) werden kann. Aber nein, das schien nur so. Auch dieser Becher ging nicht an den Kindern vorbei. Denn da „die Kindheit jedoch gewiß nicht als asexuelle Periode anzusehen [ist]“ (Baker559) und das Sexuelle befreit werden muß, um aus dem Kind ein selbstreguliertes und glückliches zu machen, mußte die glückserzwingende Manipulation auch auf die „geringfügig“ sexuelle Genitalität der „ersten Pubertät“ angewandt werden. Daß die Idee eines gewaltsamen Quetschens des Genitals bis zur dann doch nicht stattfindenden „Abfuhr“ nicht so ganz aus der Luft gegriffen ist, werden wir gleich sehen. Es blieb – wie wir leider gleich sehen werden – auch dieser sehnlichste Wunschtraum eines Kindes nach Unversehrtheit in „therapeutischer“ Praxis und Aktion unerfüllt: „Growing Up In The Orgone Box: Secrets Of A Reichian Childhood“ (Malcolm J. Brenner), „Get Me Out of Here: A Memoir“ (Jeremy Steig) und „The All Souls' Waiting Room: A Black Comedy about Karma and Killing Yourself“ (Paki S. Wright ) heißen drei Bücher, in denen ehemalige Kinderpatienten, die von Reich-Schülern „behandelt“ wurden, ihre Qualen schilderten. Reich und die Reichianer standen – analog zur Umerziehung der Deutschen nach dem Krieg, wo die Frankfurter Schule an der Spitze stand, mit der sie nur gemeinsame Schnittstellen hatten – auf dem Gebiet der Pädokriminalität vielleicht nicht an der Spitze und betrieben z.B. keine nicht-therapeutischen pädokriminellen Netzwerke. Auch wenn sie keine 0815-Pädokriminellen und als Kriminelle etwas Besseres waren – aber das nützte ja Malcolm, Jeremy und der kleinen Paki nichts –, so ist wohl Reichs Verbleib in der illustren Runde der Radikalen Aufklärer neben Stirner und La Mettrie allein aufgrund der Überschneidungen mit der normalen, wissenschaftlich unapologisierten Pädokriminalität kompromittiert. Es ist – zumal nach der definitiven Enttarnung Reichs als ich-feindlicher Mechanist und dessen Therapie als „ineffizient“ (Laska) – endgültig „an der Zeit“ (Laska), Reich durch Janov und LSR durch LSJ oder am besten gleich durch LST zu ersetzen. Wenn La Mettrie von den „glücklichen Kindern der Wollust“560 spricht, so meint er damit die „Unschuld“ von Jugendlichen, die sich der erwachten Sexualität hingeben. Bei Onkel-Doktor-Spielen gibt es keine Wollust. Und dabei hätte ich mir bis vor kurzem noch nicht vorstellen können, daß Reich und die Reichianer überhaupt irgendetwas mit Pädokriminalität zu tun haben könnten. Ich habe Reich immer wieder in Schutz genommen, wenn man ihn mit Alfred Charles Kinsey und ähnlichen Pestbeulen verwechselt hat – wie ich dachte.561 Aber das kann ich mir wohl jetzt vollständig abschminken, nachdem ich Peter Nasselsteins Besprechung562 des Romans „The All Souls' Waiting Room“563 von Paki S. Wright564 gelesen habe. Zumindest traf die Pestbeuligkeit sehr wohl auf einen großen Teil des direkten Umfelds von Reich und seiner Schüler zu. Das ist eigentlich – wenn die „Sexualität der Kinder aktiv unterstützt werden muß“ – auch keine allzu große Überraschung. Darauf hätte ich eigentlich selbst und eher kommen können. Schande über mich. Peter Nasselstein ist ein äußerst profunder, wenn nicht sogar einer der weltweit profundesten Kenner der Orgonomie und selbst Anhänger Reichs. Er schreibt, daß man, wenn man sich der hier zu erörternden Fragestellung nähern will, „zunächst wissen [muß], daß es neben Reich nur drei weitere Orgonomen gab, also nicht bloße Orgontherapeuten, sondern umfassende Vertreter der Orgonomie: Elsworth F. Baker, Chester M. Raphael und Michael M. Silvert.“565 Der letztere – Silvert – heißt im genannten Roman „Daniel Pahlser“. Sich selbst nennt die Autorin im Buch „Johnnine“. Das Verrückte ist“, fährt Nasselstein fort, „daß Silvert (‚Daniel Pahlser‘) in vieler Hinsicht Reichs wichtigster, engagiertester und talentiertester Mitarbeiter war, nicht zuletzt im OIRC [Orgonomic Infant Research Center – Orgonomisches Säuglingsforschungszentrum], gleichzeitig aber ein pestilenter Charakter: ‚[Johnnine] hatte Pahlser nie gemocht. Er war mürrisch und humorlos, herablassend und zerstreut.‘ Andererseits hatte er sich so sehr um sie bemüht, hatte versucht, ihr eine Art Ersatzvater zu sein und ihre Liebe zu gewinnen. ‚Ihre Mutter hatte Pahlser wegen seiner therapeutischen Fähigkeiten verehrt, die Eltern der Kinder, die er entbunden hatte, beteten ihn geradezu an. Warum, wenn er so wunderbar war, zog sich Johnnines Inneres immer noch zusammen, wenn sie an ihn dachte?‘566.“567 Silvert nahm die Neunjährige mit nach Orgonon, wo sie die Cloudbuster-Versuche und andere verstörende Verrücktheiten Reichs und seiner orgonomischen Kollegen miterlebte. Doch schon ein paar Jahre vorher hatte Silvert sie auch „therapiert“. Die orgonomischen Ströme gab es ja nicht nur im Himmel, sondern wirbelten und kreiselten ja auch im Körper eines Menschen und auch eines Kindes, und so mußte, wenn die „Energie blockiert“ war, auch hier ein Buster zum Einsatz kommen – es gibt tatsächlich Orgon-Stäbe, Orgon-Chakra-Stäbe, Orgonit-Massagestäbe, Stäbe zur Orgon-Akupunktur usw.568. Nasselstein schreibt: „Johnnine, 4 Jahre, kommt nach Hause und findet ihre Mutter weinend und völlig aufgelöst im Wohnzimmer vor. Das Kind solle ins Schlafzimmer gehen, wo ihr Quasi-Stiefvater (und Orgontherapeut ihrer Mutter) auf sie warte. Der nackte und halberigierte Silvert fordert das Mädchen auf, sich auszuziehen und den Geschlechtsverkehr mit ihm auszuüben. Sie solle ihn streicheln, er kann mit seinem ‚riesigen Penis‘ nicht in sie eindringen, Ejakulation. Sie reagierte wie jedes kindliche Opfer derartiger sexueller Übergriffe reagiert: ‚Ich weiß noch, daß ich damals wußte, daß meine Mutter mich hassen mußte, daß sie mich bestrafen wollte. Die einzige Möglichkeit weiterzuleben, bestand darin, mein Herz zu versteinern, so zu tun, als wäre es mir egal, als wäre ich nicht in dem Zimmer mit [Silvert], als wäre ich in Wirklichkeit ganz woanders, eine Million Kilometer weit weg‘569.“570 Doch das war nicht alles, was das kleine Mädchen auf seinem Kalvarienweg, bei seinem „Christusmord“571, zu erleiden hatte. Es hatte sich nämlich zu der gleichen Zeit ein weiterer „Orgontherapeut“ ebenfalls an ihr vergangen. Nasselstein schreibt darüber: „Der Orgontherapeut ‚Ernesto Febrillo‘ [betritt] das Horrorkabinett. Während der Orgontherapie von Johnnine zieht Dr. Febrillo unvermittelt einen kleinen Dildo (sic!) aus einer Tasche seines Kittels, fragt Johnnine, was das ist, und fordert die Vierjährige auf, den Dildo kräftig zu beißen, um ihre Wut rauszulassen. Wer war ‚Ernesto Febrillo‘? Trotz aller Verfremdung habe ich eine Idee angesichts der Erinnerungen eines weiteren der damaligen ‚Kinder der Zukunft‘“572, das – es ist Malcolm J. Brenner – ebenfalls ein Buch geschrieben hat: „Growing Up in the Orgone Box“573, worin ein „sadistischer Orgontherapeut“ vorkommt. Nasselseins „Idee“ ist: Es muß sich – denn Brenner nennt den Klarnamen, Frau Wright hat dafür heute noch zu viel Angst – um Dr. Albert Duvall handeln. Die erwachsene Autorin Paki S. Wright schreibt in der Rückschau auf ihre Kindheit: „Es war nicht einfach, in Greenwich Village in einer Gruppe radikaler Bohemiens aufzuwachsen – als eine Art psychiatrisches Versuchskaninchen.“574 – Sie ist dermaßen traumatisiert, daß sie immer noch nicht begreift, daß sie kein „Versuchskaninchen“ war. Ihre Vergewaltigungen sind nicht in einem Kabinett geschehen, sondern von Schwerverbrechern begangen worden. Frau Wright spielt ihr Trauma herunter, verniedlicht ihre Peiniger als „Psychiater“ und zieht ihren eigenen Leidensweg als „Black Comedy“ ins gewollt Komische. Wieviel wirkliche Psychiater – die zwar Scharlatane, aber wenigstens keine Verbrecher waren – es im Umfeld von Reich gegeben hat, weiß ich nicht. Nasselstein schreibt dazu, daß es sich bei dem Orgonomen-Kreis um Michael M. Silvert, dem Dr. Albert Duvall offenbar angehörte, um „eine der drei Fraktionen der orthodoxen (!) Orgonomie“575 handelte. In den beiden anderen Orgonomen-Kreisen – die um Elsworth F. Baker und um Chester M. Raphael – hatte es wohl, so zumindest Nasselstein, keine Pädokriminalität gegeben. Ich tue mich schwer, das zu glauben. Wenn die „infantile Sexualität aktiv unterstützt werden muß“ – und das mußten alle „Orgonomen“ aller Fraktionen, wenn sie nicht exkommuniziert werden wollten –, muß es überall in der Orgonomie zu pädokriminellen Handlungen gekommen sein. Mit dem „(!)“ will Nasselstein jedenfalls ausdrücken, daß es sich bei dem Silvert-Kreis um Reich sehr nahestehende, von ihm selbst ausgebildete und mit ihm in engem Kontakt stehende „Psychiater“ handelte und daß diese die offizielle Orgonomie genauso vertraten wie die Psychiater um Baker und Raphael. Silvert & Co. konnten beanspruchen, im Geiste Wilhelm Reichs zu arbeiten und waren keine eben mal dahergelaufene und selbsternannte Orgontherapeuten, bei solchen Nasselstein wohl schon weniger von Mißbräuchen überrascht geworden wäre. Inzwischen scheint Nasselstein aber auch bezüglich der „orthodoxen“, also der unmittelbar von Reich autorisierten Orgonomie desillusioniert zu sein. Er glaubt einerseits immer noch an das Gute in der Orgonomie: „Andererseits wachsen die eigenen Kinder der Orgonomen unter denkbar optimalen Bedingungen auf, doch“, so fährt Nasselstein andererseits fort, „immer wieder gibt es dort neurotische Wracks, Schizophrene, Perverse – und kein Mensch weiß, was passiert ist.“576 : Das schrieb Nasselstein am 1. August 2024 – da hatte er zwei Monate zuvor schon seine Rezension des ihn erschütternden Buches von Paki S. Wright geschrieben! Da „wußte“ er also schon längst, „was passiert ist“. Man kann aber Nasselstein überhaupt nicht vorwerfen, die Augen vor diesen Verbrechen verschlossen zu haben. Einerseits ist das das mindeste und selbstverständlichste, aber andererseits rechne ich ihm als Orgonomen das trotzdem hoch an, weil ich weiß, was ihm die Orgonomie bedeutet. Aber hier hören der Spaß und die Bedenken wegen „Nestbeschmutzung“ allerspätestens wirklich auf. Das ist Nasselstein absolut klar; dafür will er sicherlich keinen Orden. Wofür ich ihn eigentlich lobe, ist, wie schonungslos und ausführlich er hier die Orgonomie im Grunde auseinandernimmt und zerstört. Bei Laska habe ich noch nie eine Andeutung darüber gelesen. Ist Laska das alles vollständig entgangen? Die Bücher von Paki S. Wright und Malcolm J. Brenner sind zwar erst 2002 bzw. 2015 veröffentlicht worden, doch bis zum 14.02.15 hat Laska noch an den Webseiten des LSR-Projektes gearbeitet.577 Im Jahre 2002 ist immerhin noch etliches an Aktivität auf der Seite feststellbar, aber nichts wird davon erwähnt. Sollte Laska wirklich nichts von „The All Souls' Waiting Room“ mitbekommen haben? Oder war ihm – einem der am meisten an Reich Interessierten der Welt – dieses bedeutende Buch keinen kleinen Text wert? Laska hätte doch auch noch nach dem Februar 2015 zur Feder greifen müssen, um das andere Buch – das von Brenner – irgendwie zu erwähnen, so bedeutend für die Reich-Thematik ist auch dieses. Doch unabhängig von diesen beiden Autoren muß Laska – nicht so ein vergleichsweise eher oberflächlicher Reich-Interessent wie ich – doch mal etwas zu Ohren gekommen sein. – Ist er nie entsprechenden Hinweisen nachgegangen? Selbst Gerüchte, wenn sie solch schwere Anschuldigungen vortrugen, sollte man doch als sonst so überaus akribischer Reich-Forscher ernst nehmen und prüfen – ganz zu schweigen davon, daß auch er – wie ich – darauf hätte kommen können, daß in einer „aktiven Unterstützung der Sexualität von Kindern“ nicht nur etwa eine riesige Gefahr lag, sondern bereits eindeutig kriminelles Handeln. Reich und seine Mitstreiter sind seit jeher angegriffen worden, doch scheint diese „Munition“ von den Kritikern eigenartigerweise nicht verwendet worden zu sein. Aber ich kenne mich in dieser Materie nicht gut genug aus. Vielleicht hatten die Erzfeinde Otto Fenichel und Paul Federn ja tatsächlich entsprechend belastendes Material vorgebracht – das mußte aber nur halb und zurückhaltend sein, waren sie doch selbst alle Anhänger der „infantilen Sexualität“. Weiter schreibt Paki S. Wright rückschauend in der Präsentation ihres Buches: „Meine persönliche Geschichte und meine Depressionen in der Pubertät wurden durch den McCarthyismus und die staatliche Verfolgung von Wilhelm Reich beeinflusst, einem brillanten, vorausschauenden Psychoanalytiker, der in Europa auf der Todesliste der Nazis stand und nach Amerika kam, um [vor der Verfolgung] zu fliehen. Aber es hat nicht funktioniert.“578 (Sie meint damit: In den USA wurde Reich weiterverfolgt.) Frau Wright trennt eigenartigerweise ihre „persönliche Geschichte“ von ihren „Depressionen in der Pubertät“ ab. Und sie scheint Wilhelm Reich von ihren Vorwürfen auszunehmen und ihn zu schonen. Nasselstein scheint an dieser Stelle von irgendetwas entlastet zu werden, da Frau Wright Reich nicht belastet. Er jubelt fast erleichtert mit einem Ausrufezeichen los: „Es sollte erwähnt sein, daß die Autorin Reich bis heute keinerlei Vorwürfe macht!“ Und dann nimmt Nasselstein Reich von aller Kritik aus, indem er ihn zum Opfer macht: „Meines Erachtens war Reich Opfer zweier Dynamiken: Erstens stand er vorbehaltlos für eine sexualpositive Einstellung, was schnell entgleiten kann.“579 Das ist jetzt aber mal für uns sehr wichtig: Nasselstein lobt Reichs fortwährend-konsequenten Einsatz für die freie Sexualität. Das mag ja gut und schön und soweit harmlos sein (ich halte das, wie in diesem Buch schon oft gesagt, für einen Spleen, für eine Besessenheit), aber es hat in dem Kontext überhaupt nichts zu suchen! – es sei denn, man ist Reichianer und glaubt an die „infantile Sexualität“. – Nasselstein lobt, das wird hier klar, sogar auch diese noch (consequent enough). Mit dem Lobenswerten (die vorbehaltlose, sexualpositive Einstellung) wird das Vergehen gemildert; dadurch kann man sich sogar ein Verständnis für das Vergehen leisten („was schnell entgleiten kann“). In der Tat: Wenn ich das Kind frühsexualisiere, komme ich schneller in Versuchung, es in meine sexuellen Handlungen einzubeziehen. Doch Nasselstein ist uns noch die „zweite Dynamik“ schuldig, der der arme Reich zum Opfer gefallen sei. Er fährt also unmittelbar mit folgendem fort: „Beispielsweise bin ich vorbehaltlos für den privaten Waffenbesitz, da das unveräußerliche Recht auf Leben, Unversehrtheit und Eigentum das grundlegende Menschenrecht ist, wenn ‚Menschenrechte‘ überhaupt irgendeinen Sinn haben sollen“, und man fragt sich, worin jetzt der Zusammenhang mit der „ersten Dynamik“ – dem „schnellen Entgleiten“ – liegen soll und was das jetzt überhaupt mit dem Gegenstand seiner Besprechung – dem Buch und dem Schicksal von Frau Wright – zu tun haben soll. Wir lesen weiter, werden es bestimmt noch erfahren: „Über die Gegenwahrheit zum privaten Waffenbesitz brauchen wir nicht zu diskutieren…“ – Ach so, jetzt hab‘ ich’s: die Entglittenen im Volkszorn füsilieren. Nasselstein: „Zweitens [jetzt erst die ‚zweite Dynamik‘]: nehmen wir das Beispiel der Hare Krishna-Sekte. Als deren stockbürgerlicher Begründer im fortgeschrittenen Alter und einem Leben mit Beruf und Ehefrau nach seinem Mönchsgelübde nach Amerika kam und von einem süßen kleinen kuhäugigen Jungen namens ‚Krishna‘ schwärmte, konnte er sich nicht im Entferntesten ausmalen, daß er damit vor allem heimliche Homosexuelle und Päderasten anzog und daß der Horror, den Kinder später in dieser Sekte durchmachten, damit unausweichlich vorprogrammiert war. Ähnlich bei Reich. Wie soll man als einigermaßen gesunder Mensch die von Steig und Wright und anderen beschriebenen Abgründe und schiere IDIOTIE auch nur ansatzweise antizipieren! Es ist weit außerhalb jedes Horizonts!“ – Guru Reich wird von Nasselstein dem Hare-Krishna-Guru gleichgesetzt, der – ebenfalls (vielleicht sogar wirklich) die Unschuld vom Lande – von den Fehlenden, von den bösen, undankbaren Jüngern abgehoben wird wie Reich von den seinen. Anstatt der Waffe, zückt Nasselstein hier den Lorbeerkranz und verharmlost das Verbrechen zur „Idiotie“. Das waren aber auch wirklich Idioten, Silvert und Duvall! Aber immerhin nicht solche, daß sie sich hätten erwischen lassen. Doch auch Frau Wright selbst betreibt Verharmlosung – doch sie hat wahrlich einen Grund dafür ... Ich werde meine Einschätzung darüber geben, ob beide, Nasselstein und Wright, Reich zurecht entlasten, oder ob dieser doch nicht auch eine gewisse Verantwortung in der Sache hat. Eins kann ich jetzt schon sagen: Einen Heiligenschein kriegt Reich schon mal garantiert nicht von mir verpaßt. Der Rest von einem solchen bröckelt spätestens jetzt weg. Frau Wright scheint von Reich (dem „brillanten, vorausschauenden Psychoanalytiker, der in Europa auf der Todesliste der Nazis stand“) sehr große Stücke zu halten. Sie weiß aber eigentlich genau, wer der Chef und die überragende Autorität der Kindervergewaltiger Silvert und Duvall gewesen war und wer diese beiden Strolche in weiß ausgebildet hatte. Konnte es denn sein, daß hier keinerlei Zusammenhang bestand? Frau Wright muß Reich nichts vorwerfen – er hatte ihr nichts getan –, aber muß sie ihn immer noch so idealisieren, wo ihr nicht entgangen sein konnte, daß zwischen Reich und seinen Schülern ein unmittelbarer Zusammenhang bestand? Wie konnten Herrgottsakrament Reich-Schüler so etwas getan haben?! Wenn Reich so ein guter Mensch war, dann war eine so teuflische Tat doch eigentlich nicht möglich. Kann Reich hier als bloßer „Schreibtischtäter“ ausgenommen werden? Ich kann mir nicht helfen, aber ich sehe hier ein Ausblenden und wahrscheinlich ein Zeichen von Stockholm-Syndrom. Vielleicht gehört ja die Viktimisierung der Anführer zu diesem Syndrom. Wenn Frau Wright schreibt, „meine persönliche Geschichte und meine Depressionen in der Pubertät wurden durch den McCarthyismus und die staatliche Verfolgung von Wilhelm Reich beeinflußt“580, dann spricht daraus vielleicht doch wenigstens eine unbewußte, sehr zaghafte Empörung. Denn sie muß einen Zusammenhang von ihrer Depression und den schrecklichen Vergewaltigungen durch die Reich-Schüler wenige Jahre zuvor wenigstens für möglich gehalten haben. Aber das Stockholm-Syndrom scheint das zu verhindern – stattdessen bezeichnet sie den „McCarthyismus“ und die „staatliche Verfolgung von Wilhelm Reich“ als „depressive Beeinflussungen“. Wenn ich nicht ihr Schicksal kennen würde, würde ich sie jetzt dafür verspotten. Das Opfer Frau Wright sieht in Reich nur das Opfer! Das kommt einer Identifizierung mit dem Täter ziemlich nahe. Sie denkt also allen Ernstes, die weitere staatliche Verfolgung Reichs – jetzt in den USA – hätte etwas mit ihrer Depression zu tun, hätte sie zumindest in diese Richtung „beeinflußt“. Ich höre da aber eine sehr leise Anschuldigung heraus – gegen alle starken Kräfte des Stockholm-Syndroms. Ihr Bewußtes spricht Silvert und Duvall schuldig, wenngleich sie diese als „radikale Bohemiens“ verniedlicht und ihre Erfahrung mit diesen als nur „nicht einfach“ herunterspielt, aber ihr Unbewußtes greift auch Reich an, macht Reich an ihrem schlimmen Schicksal mitverantwortlich. Peter Nasselstein schreibt weiter: „Weil sie durch eine entscheidende Prüfung am College durchgefallen ist, verübt Johnnine mit 18 einen Selbstmordversuch, um den diese ‚Novelle‘ [dieser Roman] kreist. In diesem Zusammenhang fällt eine Bemerkung, die mich zusätzlich innerlich aufgewühlt hat: ‚Du hast einen großen Teil deiner Seele aus deinem Körper verbannt, den Teil, der sich verängstigt, verraten, ungeliebt und ungeschützt fühlte. Selbstmord ist manchmal ein letzter Versuch, sich wieder mit den verbannten Teilen der Seele zu vereinen.‘581“582 Das löst bei mir Schmerz aus. Aber immer noch – oder gerade deswegen – spielt „Johnnine“ ihre Erfahrungen und ihren Bericht herunter: Sie habe ihr Buch geschrieben, um ihre „Erfahrungen zu verarbeiten und herauszufinden, ob es irgendwelche Weisheiten gibt, die anderen Teenagern, die wie ich in Schwierigkeiten waren, helfen könnten, und außerdem, um eine erstaunliche Geschichte zu erzählen.“583 – „in Schwierigkeiten“, „erstaunliche Geschichte“, „irgendwelche Weisheiten“ ... Ich als nicht Betroffener hätte da ein paar andere Vokabeln auf Lager. Dann geht sie auf ihre weitere Entwicklung ein und wird dabei schon ernster, ihrem zerstörten Leben angemessener: „Ich wurde vor etwa 20 Jahren Buddhist, um den Irrsinn unserer jämmerlichen Welt zu sortieren [um den ganzen Irrsinn – wie man heute sagt – „einordnen“ zu können]. Ich gebe jetzt eine Online-Zeitschrift namens Bohemian Buddhist Review heraus: Buddhistische Weisheit trifft auf zeitgenössische Kultur – schauen Sie mal rein ...“ – Was fällt hier – neben dem schmerztötenden, Gleichgültigkeit und Nichtbetroffenheit repräsentierenden Buddhismus – auf? – Die (radikalen) Bohemiens aus der Boheme von Greenwich Village kehren zurück … – die „zu Monstern mutierten Idole der Orgonomie“, wie es der Diskutant O. unter Nasselsteins Rezension sagt : Soweit zu den unmittelbaren Reich-Mitstreitern Silvert und Duvall, die ohne jede Frage als Schwerstverbrecher bezeichnet werden müssen. Wir versuchen weiter zu klären, inwiefern die kriminelle Orgonenergie der Reichianer auf Reich abfärbt. Dabei stützen wir uns weiter auf die hervorragende Arbeit Peter Nasselsteins zu diesem Thema: In einem sehr spannenden und interessanten Text über den Jazz-Flötisten Jeremy Steig584 – Sohn des in der Orgon-Saga eine große Rolle spielenden William Steig (Neffe von Margaret Mead) – und dessen Buch „Get Me Out of Here: A Memoir“585 führt Nasselstein nach Silvert und Duvall den nächsten perversen „Orgontherapeuten“ ein: diesmal eine Frau: Felicia Saxe. Nasselstein schreibt dazu: „[Jeremy Steig erwähnt], was Kinder bis zum heutigen Tag immer wieder beklagen: daß die Orgontherapeuten Sadisten sind, die Kinder mit ihrer schmerzhaften Behandlung (Druck auf spastische Muskeln) quälen und traumatisieren.“ Von jener Felicia Saxe – Nasselstein schreibt, etwas entschuldigend: „eine frühe ‚Orgontherapeutin‘“ – berichtet Jeremy Steig, daß sie „sexuell übergriffig war, Kinder masturbierte und [ihnen] ihre Brüste und Vulva ins Gesicht drückte“. Nasselstein bezeichnet sie als „eine wirklich ekelerregende Person, die Reich bald rausschmiß“ (deswegen ist sie auch nur in Gänsefüßchen eine Orgontherapeutin. Nasselstein verharmlost die kriminelle Sekte leider weiter und verteidigt den – „wenn das der Führer wüßte!“ – ehrlich-edlen Ritter von der Weltraumkanone. Für Frau Wrights Stockholmsyndrom habe ich Verständnis, für Peter Nasselstein Verharmlosung nicht wirklich). Nasselstein weiter, jetzt schon weitaus weniger apologetisch (Klammer von ihm): „(Ein entsprechender Artikel von Susanna Steig, Jeremys Cousine, ist im Buch vollständig abgedruckt.) Und nicht zuletzt wird beschrieben, wie Kinder als Versuchsobjekte betrachtet wurden, deren Sexualität neugierig verfolgt wurde. Bei Jeremy kam hinzu, daß sein Vater sich nach der frühen Trennung von seiner Mutter kaum um seinen Sohn kümmerte und wenn er ihn besuchen durfte, mit immer neuen Geliebten seines Vaters konfrontiert war. Die vermeintlichen ‚Kinder der Zukunft‘ störten, und kaum eines wurde zu einem glücklichen Erwachsenen. […] Jeremy Steig imponiert auch nicht gerade als ‚Kind der Zukunft‘. Er führte ein zielloses (und kinderloses) Leben, war zeitlebens ständig bekifft, driftete mit Meskalin, LSD und anderen Psychedelika ab […] und er starb schließlich an Krebs. […] Das Buch, an dem Steig bis kurz vor seinem Tod arbeitete, selbst ist bar jeder tieferen Einsicht ins Leben: 40 Jahre als bekiffter Messie in einer New Yorker Sozialwohnung. Fünf Kurzehen und zahllose sexuelle Eskapaden ohne jede tiefere emotionale Bindung (bis auf die letzte Ehe mit einer Japanerin).“586 Was es mit diesen „Kindern der Zukunft“ auf sich hat, kann ein nicht in die Reich-Religion Eingeweihter nicht ansatzweise verstehen. Diese armen „Kindern der Zukunft“ haben einen extrem hohen Stellenwert in der reich‘sch-reichianischen Ideologie, sind sie doch die Nutznießer und Früchte nicht nur der Kindertherapie, sondern auch jener ewig gepriesenen „Prophylaxe“ und damit der Lohn für die aufopferungsvolle Tätigkeit der Orgonomen. Das Konzept der „Kinder der Zukunft“ gab es in den 1920er Jahren zu Zeiten Reichs erster Ehe noch nicht. Das ersparte aber seiner Tochter Lore trotzdem keine „schöne“ Kindheit. Sie schreibt in ihrem Buch „Erinnerungen an eine chaotische Welt“: „Die Scheidung der Eltern und die distanzierte Mutter hinterließen bei ihr ein Gefühl der Vernachlässigung, während die andauernden Wutausbrüche ihres Vaters sie aus ihrem Leben katapultieren. Zusammen führten diese Ereignisse zu einer emotionalen Entfremdung und tiefgreifenden Isolation.“587 Alles, was die messianische Zukunft, in der alles besser sein würde, betraf, war „Prophylaxe“, aber Kindertherapie lief auch unter „Prophylaxe“, war also doppelt veredelt, weil die Kinder als glückliche Menschen in der Zukunft ankommen würden, wenn sie jetzt im Aller Seelen Wartezimmer (Paki S. Wright588) saßen und sich gleich zur Brechung der muskulären Abwehr und zur Vergewaltigung tapfer auf die Couch legen würden, so daß ihre Kinder dermaleinst „frei von Panzerung“ sein würden. Therapie – sonst nur völlig sinn- und aussichtslos – verwandelte sich ausgerechnet bei den Schutzlosen, die, um sich selbst regulieren zu können, nicht mal mehr die Zukunft abwarten brauchten, in „Prophylaxe“. Falls Sie es, lieber Leser, vergessen haben sollten: Therapie – und Gegenwart – ist völlig sinnlos; es geht nur um Zukunft – um „Prophylaxe“! Ich kotze im Strahl!! Nasselstein äußert sich immer schockierter, je mehr er vom weiteren Werdegang dieser „Kinder der Zukunft“ erfährt. Er ist nicht nur total angewidert, sondern muß wohl auch nur noch völlig desillusioniert von diesem kosmisch hehren reich‘schen „Prophylaxe“-Programm sein. Welch‘ astronomische Schande, ich könnte schreien vor Schmerz und Enttäuschung!! Lieber Leser, Sie erinnern sich doch gut an Myron Sharaf, den ich weiter vorn im Buch sehr viel rezipiert habe und den ich auch noch später zitieren werde. Auch dessen Sohn – ein weiteres „Kind der Zukunft“ – ist Opfer der „Prophylaxe“ geworden. Dieser Sohn des Schülers und engen Mitarbeiters von Wilhelm Reich hat das Höchsthonorar für die Prophylaxe bezahlt: Anders als bei Frau Wright war sein Selbstmordversuch „erfolgreich“: „Steig erwähnt beispielsweise den Sohn von Reichs Assistenten Myron Sharaf und Grethe Hoff, der späteren kurzzeitigen Gefährtin Reichs: Er beging als Teenager Selbstmord.“ (Nasselstein589) Der Teenager war also nur ein „Beispiel“ für die Opfer der orgon-kriminellen Therapie-Prophylaxe. Wie viele gab es noch außer Susanna Steig und Paki S. Wright? Was werden Sharaf, Hoff und wohl auch Reich in des kleinen Sharaf-Sohnes Leben herumgepfuscht haben? Was werden sie sadistisch auf „spastischen Muskeln“ herumgedrückt haben? Was werden die „Kinder der Zukunft“ sich masturbiert und sich Brüste und Fotzen in ihre Gesichter drücken haben lassen müssen? Wie wird ihre junge Sexualität neugierig lüstern und pervers beäugt worden sein? Eine Schande! Und Reich hatte mit all dem nichts zu tun? Des heiligen Reichs ganze „Sexualität“ war schmutzig: In einer Diskussion zu Nasselsteins Rezension590 des Buches „Adventures in the Orgasmatron“ von Christopher Turner591 sagt der Diskutant O. zurecht: „Blättert man in der psychoanalytischen Zeitschrift (von Freud oder Jones ca. 1929 herausgegeben592) wird man (für mich) abstoßende Beschreibungen über Jugendbandenrituale lesen, die Geschlechtsbetrachtungen und übergriffige Handlungen bis ins Detail hervorheben, um daraus die Organisation von Kinder-/Jugendbanden zu erklären. – Ähnlich ist Reichs Beschreibung seiner sexuellen Aktivität in frühster Pubertät oder gar Kindheit, die einen Menschen aus heutiger Sicht eher erschrecken mag als neugierig stimmen. Möchte Reich sich hier selbst mit geschwollener Brust darstellen und seine ‚Genitalität‘ hieraus erklären? Möchte er an die sexuelle Aktivität in der Kindheit erinnern? – Wen interessiert es, wann er wen und wo in welchem Alter schon besteigen durfte? Mich nicht. Für mich hat Reich seine unumstößliche ‚Sexualtheorie‘ zur Entwicklung der Psyche mit solchen voyeuristischen Schilderungen beschädigt.“593 Hier fallen einem natürlich auch die Opfer anderer pestilenten, höchst lobenswerten Einrichtungen ein, etwa die der Odenwald-Schule, wo die Lehrer und Internatsbetreuer – sicherlich auch im Namen der „freien Liebe“ – ihre anvertrauten Schüler vergewaltigten und für den Rest ihres Lebens ruinierten. Nasselsteins Waffe… Ich denke jetzt auch an die Kinder, die in der DDR im Milieu der kultigen Künstler vergewaltigt wurden – das gehörte einfach dazu, das war normal, alle wußten es, alle schwiegen. Der arme Peter Nasselstein scheint endgültig die Schnauze voll zu haben von der Orgonomie, die „von Anfang an von schlichtweg ‚verrückten Leuten‘ durchsetzt war.“594 „Am Ende bleibt ein Gefühl tiefer Beunruhigung und Verletzung. Es sind so viele, in wirklich jedweder Beziehung bizarre und ‚unmögliche‘ Dinge im Umfeld Reichs geschehen, die kein menschliches Wesen verkraften kann… Peter Reich [Reichs Sohn, geb. 1945] beschreibt das Gefühl in seinen Kindheitserinnerungen ‚Der Traumvater‘595. Er sieht im Kino den Horror-Science-Fiction-Film ‚Die Fliege‘ (1958) und denkt sich beim Verlassen: ‚Keiner dieser Leute ahnt, daß mit meiner Person zwischen ihnen jemand gesessen hat, der sowas vor kurzem tatsächlich erlebt hat.‘ Es ist kein Zufall, daß Peter Reich und Paki Wright ihre Erinnerungen nur als ‚Träume‘ bzw. ‚Jenseitserfahrungen‘ niederschreiben konnten.“596 – Es sind Zeichen der gespaltenen Persönlichkeit, Resultate schwerster Traumata. Die naiv-ahnungslose Kate Bush hat das Geschehen unsagbar romantisiert.597 Reich hat zwar auch Kinder „therapiert“ und – ich will es nicht glauben! – möglicherweise auch an Muskeln herumgedrückt, die relevant für „infantile Sexualität“ und deren „Befreiung“ waren, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß er wie Silvert, Duvall und Saxe Kinder vergewaltigt hat. Waren Freud und Reich aber nun für die Pädo„philie“ -Katastrophe mitverantwortlich? Ich denke schon. 7.2.1.12.3. Laska und die „infantile Sexualität“ Laska hat sich 1981 explizit in die Diskussion über die „infantile Sexualität“ eingemischt. Wenn jemand – in diesem Falle Hansjörg Hemminger, dem wir später noch einmal in Zusammenhang mit Janov begegnen werden – die Frage „Sexualität beim Kind: ja oder nein?“ mit „nein“ beantwortet, wird er von Laska lächerlich gemacht – „Hemminger glaubt dies entweder selbst“ –, oder Hemmingers Leser werden zu Idioten gemacht: „oder er setzt auf die Unwissenheit seines akademischen Fachpublikums“598. Hemminger begründet sein Nein so: „Die Sexualität entsteht [...] erst bei der Geschlechtsreife, also in der menschlichen Pubertät.“ (Ich vermute, daß die Hervorhebung von Laska ist; sie kann aber auch von Hemminger sein; Laska sagt dazu nichts.) In seiner Erwiderung vermischt Laska aber ausweichend und in die Irre führend die Frage der „infantilen Sexualität“ mit der Frage der Zusammengehörigkeit bzw. der notwendigen oder gewünschten Entkoppelung von Sexualität und Reproduktion: Laska zitiert aus dem „dtv-Atlas“ den Biologen Max Hartmann mit „eine[r] Erkenntnis“, die „klipp und klar so formuliert ist: ‚Fortpflanzung und Sexualität sind zwei grundsätzlich voneinander unabhängige Erscheinungen. [Sexualität] ist eine Eigenschaft aller Lebewesen‘“ und führt Hartmanns Satz dann so zu Ende: „ – also wohl auch vorpubertärer Menschen.“ Ich weiß nicht, welche Position Hartmann in der Frage hatte, aber sein hiesiger Satz kann auch so interpretiert werden, daß Fortpflanzung und Sexualität bei Erwachsenen völlig voneinander losgelöste Dinge sind. Es geht hier eindeutig um diese Nichtverknüpftheit von Sex und Reproduktion, die für „alle Lebewesen“ zuträfe. Es können hier von Hartmann nicht Kinder gemeint gewesen sein, weil er als Biologe gewußt haben dürfte, daß Kinder nichts mit Fortpflanzung zu tun haben können. Aus diesem „alle“ in „alle Lebewesen“ macht Laska nicht etwa eine Ausweitung über erwachsene Menschen hinaus auf die Tiere als Mitlebewesen, sondern eine Ausweitung über die Erwachsenen hinaus auf – die menschlichen und tierischen Kinder, also auch auf Säuglinge, denn auch Säuglinge sind ja „Lebewesen“. Triumphator Laska dünkt sich hier rabulistisch trickreich. Zuerst denkt man, wenn man Laska auf seinem Gedankengang zu folgen versucht, man müsse die Rabulistik großartig aufdröseln und daß wir wahrscheinlich erst mal – mit Minister Spahn – „zweimal um die Ecke denken müssen“599. Aber nein, es ist eigentlich ganz einfach. Es kann sehr wohl sein, daß Hartmann auch der Meinung war, daß Säuglinge über eine Sexualität verfügen, aber darum geht es an dieser Stelle ja nicht. Hier geht es nur um die angeblich „grundsätzlich voneinander unabhängigen Erscheinungen Fortpflanzung und Sexualität“. Laska bleibt aber auf dem einmal eingeschlagenen rabulistischen Weg, der die „infantile Sexualität“ en passant mit Unterstützung eines Wissenschaftlers beweisen soll, und sagt, Hartmann habe aber nur eine „Hypothese“ des visionären Reich „experimentell untermauert“, die dieser – und damit seine ganze „Sexualforschung“ – schon längst „aufgrund eigener klinischer Befunde gestützt“ habe. Reich ist wieder einmal der Überflieger. Aber das nur ganz am Rande : Bis dahin erst einmal zur Frage der „infantilen Sexualität“. Ich gehe nun kurz auf die Frage ein, ob es einen Zusammenhang von Sexualität und Reproduktion gibt. Danach gehe ich mit einem Exkurs auf die Frage ein, wie eine Entkoppelung von Sexualität und Reproduktion realistischerweise – praktisch und nicht durch eine simple magische Deklaration – erfolgen kann. Laska zwingt uns diesen Exkurs ab, weil er ein richtiges Ziel – die Eignerschaft von Mann und Frau und die Aufhebung des Widerspruchs zwischen Biologischem und Sozialem – mit einem falschen Mittel – deklaratorische Magie – zu erreichen versucht. Warum Laska die beiden Fragen – „infantile Sexualität“ und Sex-Reproduktions-Verkoppelung – vermischt, haben wir schon durchschaut: Es ist der billige „Alle-Lebewesen-auch-vorpubertäre-Menschen“-Trick, mit dem er die „infantile Sexualität“, eine folgenreiche Spinnerei seiner Helden Freud und Reich, retten will. Nun kurz zur Frage der Zusammengehörigkeit von Fortpflanzung und Sexualität: Diese ist eigentlich keine Frage, denn Reproduktion und Sex sind tatsächlich alles andere als „zwei grundsätzlich voneinander unabhängige Erscheinungen“. Das zu wissen, reicht ein Intelligenzquotient von 20 aus. Daß Sex und Reproduktion miteinander verkoppelt sind und zusammengehören, ist absolut evident. Es gibt zwar heutzutage künstliche Befruchtung, aber eine befruchtete Eizelle in das einzupflanzen, was bei einem vorpubertären Mädchen später die Gebärmutter wird, führt zu keinem Ergebnis. Es gibt keine Fortpflanzung ohne Geschlechtsreife. Geschlechtsreife heißt auch Bedingung und Voraussetzung von Gestation. Man muß schon Reichianer sein, um sich so etwas sagen lassen zu müssen. 7.2.1.12.3.1. Exkurs: Das inkonsequente Ausweichen der Reichianer vor der sozialen Frage und dem Matriarchat Warum nun aber legen die Reichianer so einen großen Wert darauf, eine Dummheit auf Biegen und Brechen durchzudrücken? – Eine Verknüpfung beider „Erscheinungen“ steht mit der Eignerschaft von Männern und Frauen im Widerspruch und gehört von daher notwendigerweise und gewünschtermaßen aufgelöst; das ist klar. Aber die Versuche der Reichianer, Sexualität und Reproduktion zu entkoppeln, sind kindisch und magisch. Und sie befördern nicht nur das Interesse von Eignern nicht, sondern sie sind eignerfeindlich und – für Reichianer und Stirnerianer sehr beschämend – inkonsequent. Ich verstehe sehr gut das Problem und die Absicht der Reichianer: Sex sollte auf keinen Fall mit der Übernahme einer sozialen Rolle in Verbindung gebracht werden, und damit bin ich aber so was von einverstanden. Aber deshalb fange ich doch nicht an, mir Augenklappen zu verpassen und den evidenten Zusammenhang von Sexualität und Reproduktion zu leugnen oder wegzudeklarieren, sondern ich setze mich dafür ein, daß sexualfeindliche Gesetze wie das der Zwangsalimentation von Frauen durch Männer, die nur ihren Spaß haben und deswegen noch lange kein Familienvater werden wollen, verschwinden. 7.2.1.12.3.1.1. Exkurs im Exkurs: zwiefach-zynische Zivilisationisten Darin, daß Sex von einer sozialen Rolle auf unverantwortliche Weise losgekoppelt werden soll, ähneln die Reichianer übrigens autonomiefeindlichen Konservativen, denen es – wie z.B. Elon Musk – darum geht, so viel wie möglich Kinder zu „zeugen“, egal, was dann geschieht. Die Reichianer wollen ja nur ihren Spaß; sie wollen nur nicht die Konsequenzen tragen; ihnen ist egal, ob beim Sex Kinder entstehen. Bei unseren ultranaturskeptischen Zivilisationsbegeisterten ist das aber anders: Sie wollen, daß dabei Kinder entstehen, ohne daß aber daraus für sie etwas folgt (es sei denn, sie haben, wie der überzivilisatorisch-transhumanistische Technofreak Musk, Geld und überweisen etwas davon). Dafür berufen sie sich jetzt mit einemmal auf eine „Natur“! – Diese wolle es doch so, das sei nun einmal der Gang der Dinge. Bei diesen Zivilisationisten kommt – im Vergleich und im Gegensatz mit und zu unseren spielerischen Reichianern – ein Schuß purer Zynismus hinzu: Meine von der Natur (oder Gott, das ist gleich, Hauptsache heteronom) zugeteilte „Aufgabe“ ist die, Kinder zu zeugen; was dann mit und aus diesen Kindern wird, ist mir vollständig Latte. Und auf gar keinen Fall heißt das für mich, daß ich mit der Mutter dieses Kindes die Ehe eingehe. Ich muß ja schließlich ungestört weiter meiner Aufgabe nachkommen! Diese Zivilisationisten wissen genau, daß zwischen Sex und Fortpflanzung ein Zusammenhang besteht, aber sie schließen nicht einmal ihre Augen davor. Die Reichianer tun das – nicht auf eine zynische, nur auf eine kichernde Art; sie wollen sich nur aus der für sie mißlichen und bedrohlichen Lage stehlen. Ich kenne einen dieser Ultraheteronomisten, für den „Natur“ im Sinne von Eignerschaft völliger Blödsinn ist (wir müssen nur auf Erziehung, Kultivierung, Enkulturation und Zivilisierung setzen). Dann nimmt er sich aber durchaus die Eignerschaft heraus und entscheidet völlig autonom („dezisionistisch“!), daß ein Heteronom, nämlich die Natur, es so will, daß er so viel wie möglich Kinder macht, ganz gleich, was mit ihnen geschieht; er jedenfalls kann sich nicht darum kümmern. Wer ihnen das Essen mit Messer und Gabel – was das Wichtigste im Leben eines Menschen sei – dann beibringt, ist ihm egal. Die Gleichgültigkeit der Reichianer ist zwar zu kritisieren, aber nachvollziehbar, nur dumm; sie ist kein Zynismus, und sie wollen die Kinder wenigstens auch nicht noch zu Maschinenpuppen abrichten. Aber unser Zivilisationsfanatiker verbindet mit dem Zynismus noch einen weiteren Zynismus: Wir befinden uns in einem demografischen Krieg, Kinder müssen also als demografische Waffe und Kanonenfutter eingesetzt werden. Es fällt mir angesichts dieses Totalmißbrauchs etwas schwer, darin einen „rationalen Kern“ zu sehen, doch wir Reichianer schauen uns ja immer auch die „Gegenwahrheit“ an. Diese ist aber, in rationaler Art, bereits bekannt; eine Integration ist nicht nötig. Das Quäntchen Rationalität im Wust von Irrationalität und Verrücktheit zurechtzurücken, ist leicht, würde aber hier den Rahmen sprengen. (Ende Exkurs im Exkurs zwiefach-zynische Zivilisationisten) Normale Männer und Frauen wissen, weil sie ja keine dummen, aber vergleichsweise harmlosen Reichianer sind, was bei Sex entsteht: Das Leben reproduziert sich. Die Frau weiß: In ihr entsteht ein Lebewesen, mit dem sie verwachsen ist und noch Jahre nach Zeugung und Geburt – im Idealfalle – eine innige Verbindung haben wird. Es wäre nun zu einfach zu sagen, die Frau hätte die alleinige Verantwortung dafür. Denn erstens ist der Sexualtrieb einfach stärker als alle Überlegungen – das ist ja der Grund für die Forderung nach einer Entkoppelung von der Reproduktion: Daß der Sex stärker als alles andere ist, soll ja so sein; Überlegungen sollen dem Orgasmus nicht in die Quere kommen. Die Eigner von Mann und Frau sollen über sich herfallen, ohne zu überlegen, was die Folge ihres Tuns ist. Es ist die offensichtlichste Hirnverbranntheit, den astronomischen Widerspruch zwischen einerseits dem schönsten und unwiderstehlichstem Trieb und andererseits der Tatsache, daß dieser Trieb gar nicht in unser soziales Modell paßt, daß dieser Trieb andauernd auf übervorsichtiges Verhalten stoßen muß, weil er im patristischen Modell nun einmal diese dramatisch-problematischen, im matristischen Modell aber begrüßte, bejahte und gefeierte Konsequenzen hat, zu übersehen. Daß da etwas überhaupt nicht stimmen kann – daß da etwas überhaupt nicht zusammenpaßt –, im Matriarchat aber gar kein Problem darstellt – im Gegenteil –, das nicht sehen zu können, stellt für mich die größte Dummheit der Menschheit dar. Es ist der denkbar größte Elefant im Raum. Jeder weiß, was „übereinander herfallen“ bedeutet und wie intensiv schön das Erlebnis der Sexualität ist. Jeder weiß auch, daß dieses Erlebnis zu sofortiger Schwangerschaft führt und dann aber die erheblichsten Folgen hat – also doppelt life changing ist –; und trotzdem hält es niemand für nötig oder angebracht, am patristischen Modell einen leisen Zweifel anzumelden. Völlig gaga, diese Welt. Der Sexualtrieb muß in eine soziale Struktur eingebettet sein, mit der er nicht im Widerspruch steht. Und zweitens haben aber Frau und – weniger dringlich, weil er den Alimenten entkommen kann, die Frau aber nicht ihrem Schicksal als Mutter – Mann in den Umständen, die in unserer Zivilisation herrschen, durchaus auch recht, wenn sie sich davon abhalten lassen, auf die Stimme ihrer Eigner zu hören und Sex miteinander zu haben: Sie verzichten dann auf den ultimativen Genuß des Lebens und damit auf den Sinn des Lebens wegen der Konsequenzen, die sich aus der in unserer Zivilisation bestehenden Verkoppelung von Sexualität und Reproduktion ergeben. (Es ist die Zwangsverkuppelung von Mann und Frau über den Spaß hinaus aus ökonomischen Gründen.) Auch die Abtreibung ist keine Lösung und eignerfeindlich: einmal gegenüber dem Bäuchlings-Eigner, und gegen die Frauen-Eignerin, die sich nicht nur von der Liebe einer Mutter-Kind-Beziehung depriviert, sondern darüber hinaus noch eine entsetzliche Spaltung durchmacht und sich selbst und dem Kind gegenüber das entwickelt, was man euphemistisch „Schuldgefühle“ nennt. Die Selbstmordrate unter Frauen, die abgetrieben haben, ist entsprechend erschreckend hoch. Diese Sinn-des-Lebens-losigkeit kann nur abgeschafft werden, wenn man die Umstände verändert. Es ist also eine soziale Frage, und zwar keine kleine: Es ist die Umstellung von Patriarchat auf Matriarchat. Die Reichianer nun schlagen – bei angeblichem Wissen über das Matriarchat – vor, das Problem der tatsächlich widernatürlichen und eignerfeindlichen Verkoppelung von Sexualität und Reproduktion durch die Antibabypille oder durch kindisches Wegzaubern der Verbindung von Sexualität und Reproduktion zu lösen. Stur bestehen sie darauf: „Sex ist Sex, das hat nichts mit Fortpflanzung zu tun!“ Und wenn Sex etwas mit Fortpflanzung zu tun hat, dann sind das zwei verschiedene Dinge, die sozusagen parallel laufen. Die Reichianer treiben aber nur eine Eignerfeindlichkeit mit der nächsten und dann mit einer weiteren aus: Die Pille ist genauso eignerfeindlich: Die Frau will Kinder haben, es sollen Kinder durch Sex entstehen, das ist „natürlich“, das erwartet das Es, der Tiefeneigner der Frau, ihr ganzer Körper. Das sieht man förmlich einer schwangeren Frau an, wenn man nicht blind oder gefühllos ist. Der Tiefeneigner der Frau will Mutter sein und Kleinkinder hätscheln und tätscheln, d.h. lieben – genauso, wie Kleinkinder von ihrer Mutter gehätschelt und getätschelt werden wollen („Love is Touch“, John Lennon600); auch deren Tiefeneigner erwarten diese Liebe und dieses bonding601. Die Mutter-Kind-Beziehung ist genauso ein Protoexemplar des stirner’schen „Vereins“, wie es die sexuelle Verbindung von Mann und Frau ist (Laska602). Als die Welt noch viertelwegs in Ordnung war – also bis zu der Zeit, als ich ein Kind war –, da rissen sich Frauen um Babys. Jede wollte den Kinderwagen schieben und dem Baby mit spuckebefeuchteten Taschentüchern angeblichen Schmutz in der Latichte wegwischen. Die Freude an Babys war da noch riesengroß. Der Wille zum Baby war noch nicht negiert, es mußte eins her, egal wie. Nicht nur bei Affen kann man das manchmal beobachten – auch bei kinderlosen Frauen, die sich Kinder stehlen. (Hier ploppt das Thema „Erstehlen“ wieder auf: Es gibt viele Situationen, wo wir Nichteigner etwas, das uns eigentlich und selbstverständlich zugesteht, mit nichteignerischen Mitteln, also verdeckt, aneignen wollen.) Es geht nur die Frauen selbst etwas an, wenn sie in Situationen kommen, daß sie selbst keine Kinder haben wollen (es sei denn, eignerlose Männer wollen unbedingt „Vater“ werden und sich reproduzieren, weil sie an die wissenschaftlichen Theologeme finis und telos glauben; solche Männer können manchmal darauf bestehen und ein Problem für ihre Frauen darstellen). Dann essen sie automatisch bestimmte Pflanzen, die eine Befruchtung verhindern o. drgl., oder sie lassen nur noch entsprechenden Sex zu. Daß das ihre Sache und einzig ihre Verantwortung ist, gehört zu einer stirneristischen Entkoppelung von Sex und Reproduktion. Diese Verantwortung ganz für sich selbst zu übernehmen, ist im Patriarchat aber unmöglich. Im Patriarchat ist die Frau entweder auf einen Ehemann oder auf Alimentation angewiesen. Eine Vereignerung der Frau wird es also ohne eine Revolutionierung der Umstände – also eine sukzessive Einführung des Matriarchats – nicht gehen. Eine erste Maßnahme könnte z.B. die Enterbung aller männlichen Nachkommen sein. Der Frau muß in einem ersten Schritt in Richtung Re-Matriarchisierung ein erstes Element einer materiellen Basis gegeben werden, damit Sex von der Ökonomie und von der Reproduktion entkoppelt werden kann. Die anfänglich gesetzliche Lösung wird nach den sichtlichen Erfolgen wegfallen und einer neuen Sitte und Gewohnheit Platz machen, denn mit der sukzessiven Einführung des Matriarchats geht auch die Vereignerung des Mannes einher und schreitet voran: Er wird von der Reproduktion, also der Folge von Sex, und den bislang bestehenden ökonomischen Folgen komplett entkoppelt und befreit. Wenn die neue Sitte sich etabliert, ist es die anarche Gesellschaft bzw. die konkrete Sippe, die die Frau und Matriarchin ökonomisch und militärisch schützt: die weiblichen und männlichen Nachkommen der Urmatriarchin. Dann verschwindet die Verkoppelung von „Fortpflanzung und Sexualität“ und macht einem sehr großen Stück „Natürlichkeit“ und Eignertum Platz. Dann sind diese „zwei Erscheinungen“, die „grundsätzlich voneinander unabhängig“ sein sollen – welch Wille und Vorstellung bei den inkonsequenten Reichianer aber nur zu einem magischen Wunschdenken gereicht hat –, das wirklich. Dann verschwindet überhaupt das Wissen von einem Zusammenhang von Sex und Fortpflanzung, weil es im Matriarchat nicht gebraucht wird. Dann wird es real überflüssig gemacht, und der Storch liefert wieder die Kinder. Das ist genauso wie mit der Erde: Wenn die Eigner wieder erstehen und das dem Patriarchat so eigne und teure Promethisch-faustische wegfällt, wird sie wieder so, wie wir sie mit unseren Sinnen wahrnehmen: flach.603 Im Matriarchat sind Sex, Ökonomie und Reproduktion effektiv und materiell voneinander entkoppelt. Es gibt keinen Verkoppelungs- und Verkuppelungszwang. Ich habe diesen aber nicht weggezaubert oder wegdeklariert, sondern real verüberflüssigt. Schade, daß Stirner nicht auf diese Art kindisch-magische Wirksamkeit des Geistes eingegangen ist, obwohl es ihm, da bin ich mir sicher, in der Seele brannte. Auch er war inkonsequent und hat Marie Dähnhardt, die ganz sicher ein Kind haben wollte, geheiratet. Mackay schreibt dazu: „Die Ehe blieb kinderlos. Sie war jedenfalls auch in dieser Beziehung eine große Enttäuschung für die junge Frau, die in der – auch in diesem Punkte mannigfach mißdeuteten – eigentümlichen Zurückhaltung, die Stirners ganzes Wesen charakterisiert, nicht die erhoffte Befriedigung fand.“604 Die „eigentümlichen Zurückhaltung“ hat – das kann gar nicht anders sein – etwas damit zu tun, daß Stirner das eignerfeindliche patristisch-familiale Paradigma eigentlich durchschaut hat. Kierkegaard, der neben Stirner bei Hegel auf der Bank saß, war da schon konsequenter und hat sich gar nicht erst mit Regine eingelassen. Man hat zwar mit Bauer und anderen Freien herumgeulkt, sich selbst und die Hochzeit auf die Schippe genommen – Bauer zog irgendwelche Blechringe hervor und steckte sie auf die Finger der Vermählten605 – und den armen Pfarrer mit Spott verscheucht (was für ein Kunststück!). Aber das Lachen sollte Stirner im Hals stecken bleiben (der aber sicher nur geschmunzelt hat). An dieser Stelle hatte Stirner ganz eindeutig ein „Jenseits in sich“, das sich nicht verscheuchen, sondern nur neuaufklärerisch-affektiv unterwinden läßt. Ich freue mich ja darüber, daß Hartmann und Laska bereits heute „rückverdummt“ (Karl Nagel) sind und das Matriarchat erst gar nicht abwarten, um Sex und Reproduktion zu entkoppeln. Aber das scheint nur so. Sie tun nur so, als gäbe es diese Verkoppelung in unserer Zivilisation, in der wir nun einmal leider leben, nicht. Sie stellen sich blind. Diese Verkoppelung gibt es sehr wohl. Und leider wissen wir heute auch davon und können nur so tun, als hätten wir – nach dem Motto „einmal dumm gestellt, reicht für den ganzen Tag“ – nur einen IQ von 20. Hartmann und Laska stehlen sich nur aus diesem Wissen. Und sie stehlen sich aus der Verantwortung, das Problem wirklich zu lösen. Es löst sich nicht, indem mit einem Zauberstab herumgefuchtelt wird. Damit bringt man das Problem nicht zum Verschwinden. Daß das wirklich gesagt werden muß … Man kann zwar Sex und Fortpflanzung mit einem Dekret voneinander trennen – das würden pestilente Reichianer so tun –, aber das liefe auf eine definitive Enteignerung der Menschheit hinaus. Das Vergnügen des Mannes würde ohne eine soziale Veränderung den Massenkonsum von Verhütungsmitteln und die Kinderlosigkeit der Frauen bedeuten. Nun könnten wir Männer ja sagen: Das ist uns doch egal, das ist doch nicht unser Problem, das ist ihr Problem, das Problem der Frauen; und wir hätten nicht unrecht damit. Dann wären Aussagen wie die von Hartmann und Laska tatsächlich männeregoistisch, also im stirner’schen Sinne richtig und vorbildlich. Dann würde das Problem wirklich an den Frauen hängenbleiben, und jetzt sehe ich auch den Zusammenhang von Matriarchat und Feminismus. Diesen Zusammenhang habe ich bisher nicht beachtet. Bisher habe ich immer nur die Einführung des Matriarchats aus egoistisch-maskulinistischer Sicht gefordert: Wir sind die größten Nutznießer des Matriarchats, weil wir uns keine Gedanken beim Sex machen, weil wir keine „Bedenken“ (Stirner) dabei haben und keine soziale Rolle spielen, kein Phantom darstellen müssen. Ich habe mich bereits in zahlreichen Aufsätzen dazu geäußert.606 Aber mit der hartmann’sch-laska’schen pseudoturbomaskulinistischen Scheinradikalisierung des Problems und der Einführung des Matriarchats per Hokuspokus werden die Frauen ihrerseits zu einem Turbofeminismus gezwungen. Die Frauen würden sagen: „Wenn wir als EignerInnen Kinder haben wollen – und das wollen wir definitiv –, aber Hartmann und Laska entkoppeln Sex und Reproduktion ohne eine soziale Veränderung, na gut, dann müssen wir für die Einführung des Matriarchats und eine wirkliche Entkoppelung sorgen.“ Dann wäre tatsächlich das Interesse der Frauen am Matriarchat noch größer als unseres. Deswegen also matristischer Feminismus, ah ok. Zweimal um die Ecke gedacht und schon verstanden. Das alles konnten die Reichianer wissen und hätten es wissen müssen. Ihr Guru Reich hat genau darüber geschrieben („Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral“607) und alles theoretisch erklärt. Aber im gleichen Maße, wie Reich sich nicht selbst an seine Theorie gehalten hat und mehr oder weniger fröhlich das Patriarchat perpetuiert und sich bewußt-bejahend reproduziert hat, so waren die Reichianer total verblödet und glaubten, das Problem der eignerfeindlichen Verkoppelung von Sex und Reproduktion mit der Antibabypille und dem billigsten Wegreden des offenkundigen Zusammenhangs von Sex und Reproduktion lösen zu können. Bei diesem Problem haben wir es mit dem Beispiel par excellence des Zusammenhangs von Individuellem und Sozialem bei der Selbstermächtigung bzw. der Vereignerung zu tun. Die stirner’sche „Empörung“ muß letztlich eine soziale Empörung – vor allem der Frauen, wie wir gesehen haben – sein. (Denn „der Eigner bzw. die EignerIn ist auch Mädelsache“, ließe sich mit einem nationalrevolutionären Slogan sagen. Daran haben wir ja noch gar nicht gedacht.) Die Frage des Widerspruchs von Eignertum und den miteinander verkoppelten Sex und Reproduktion kann nicht individuell gelöst werden. Da hätten wir doch mal eine sinnvolle Art von überindividueller „Prophylaxe“, bei der als Kollateralnutzen auch die Zwangsmoral wegfiele, was Laska als Antimoralapostel sehr gefiele. Aber der reichianische Prophylaktiker Laska entschied sich dafür, die Frage durch Wegschauen und Leugnen des Unleugbaren zu „lösen“. (Ende Exkurs Matriarchat) Die Frage der „infantilen Sexualität“ versucht Laska dadurch zu „lösen“, indem er sie mit der gerade besprochenen Frage vermischt. Er nimmt eine Unifizierung vor, klatscht dann aber an beiden Fliegen vorbei. Wie aber genau bringt nun Laska überhaupt „Fortpflanzung und Sexualität“ als „grundsätzlich voneinander unabhängige Erscheinungen“ (LOL) mit dem eigentlichen Thema – „infantile Sexualität“ – zusammen? Wie kommt er überhaupt darauf, hier einen Zusammenhang herzustellen? Die Frage, der Hemminger nachging, lautete doch: „Sexualität beim Kind: ja oder nein?“ Hemminger hatte sich nicht die Frage gestellt, ob Sexualität und Reproduktion zusammenhängen, denn es ist – auch wenn es von Laska hanebüchenerweise bestritten wird – ja sowieso klar, daß dieser Zusammenhang besteht. Auf so eine dämliche Frage käme der solide Wissenschaftler der alten Schule Hemminger gar nicht. Laska segelt also – absichtlich, denn darin besteht ja sein „Trick“, sein genialer Schachzug – an Hemmingers Frage vorbei. Diese zwei Fragen nach einerseits „infantilem Sex“ und andererseits nach dem Zusammenhang von Sex und Reproduktion sind voneinander völlig losgelöst und werden normalerweise einmal eindeutig verneinend und einmal eindeutig bejahend gelöst. Oder will Laska uns tatsächlich sagen, daß der Zusammenhang darin bestünde, daß „infantile Sexualität“ für Reproduktion sorgen könne? Das wäre aber offensichtlicher Nonsens. Kein Infant kann sich reproduzieren. Das kann Laska also nicht meinen. Laska vermischt völlig unzulässig diese beiden Fragen. Wie sollen die aber nun, laut Laska, trotzdem zusammenhängen? Nur Laska sieht einen Zusammenhang, wo keiner ist; also müssen wir uns in Laskas „Logik“ hineinversetzen. Zunächst sucht Laska, der sich seiner komischen Sache ganz sicher ist, nur nach einen Schuldigen dafür, daß heute (1981) immer noch nicht erkannt werde, daß es keinen Zusammenhang zwischen Sex und Reproduktion gibt: Es sind die Wissenschaftler, die das trotz vieler Forschungen immer noch nicht erkennen und die den hartmann’schen Vorstoß von 1931 – nachdem Reich aber vorausgestoßen war, diese ganz besondere Ehre wollen wir Reich nicht nehmen – immer noch nicht aufgegriffen haben. Das „sollte nachdenklich stimmen“, sagt Laska. Gut, dann denken wir mal darüber nach: Warum wird das wohl so sein, daß die allermeisten Wissenschaftler einen IQ von 20 haben? Warum zählen die Wissenschaftler 1 und 1 zusammen? Bzw. warum zählen sie, laut Laska, 1 und 1 nicht zusammen? Warum wohl? Hm…, nachdenk, nachdenk… – Ich hab’s!: Repulsion! In der laska’schen „Logik“ ist es nämlich so: Für ihn gibt es ja keinen Zusammenhang zwischen Sex und Reproduktion. Sex ist etwas Losgelöstes, für sich Existierendes; beim Sex entsteht kein neues Leben, nein. Wenn man das Gegenteil – also das offensichtlich Richtige – behauptet, dann muß man laut Laska völlig meschugga sein. Und was ist das meschuggaste, was sich ein Reichianer überhaupt vorstellen kann? – Das Repulsieren des Sex. Allein darin kann also der Grund dafür liegen, daß man „irrational“ ist und das laut Laska Offensichtliche – das kein Zusammenhang zwischen Sex und Reproduktion besteht – nicht erkennen kann. Habe ich richtig nachgedacht? – Ich bin selbst nicht zufrieden damit, wie ich Laskas Gedankengang nachvollziehe. Das kann so nicht sein. Aber wie denkt Laska dann? Doch selbst wenn ich diesen laska’schen Gedanken richtig nachvollziehen könnte – wonach es nicht nachvollziehbar sei, wenn Wissenschaftler Sex und Reproduktion in einen Zusammenhang bringen –, dann wüßte ich ja immer noch nicht, was jetzt das Sex-Repulsieren von Wissenschaftlern mit der „infantilen Sexualität“ zu tun haben soll. Laska bringt dann noch ein weiteres Beispiel von wissenschaftlicher Verblendung, das uns „auch nachdenklich stimmen sollte“ und deren Ursache wieder in der Repulsion läge. Die Wissenschaftler wollen und wollen einfach nicht begreifen! Sie sind einfach nur absolut verklemmte Nerds und Neurotiker! Doch schauen wir uns dieses weitere Beispiel ruhig auch noch etwas näher an; es ist interessant und wird uns dabei helfen, Laska zu verstehen. Was uns also „auch nachdenklich stimmen sollte“, so Laska, ist,was z.B. der Berner Physiologe Sandro Bürgi über die Sexualitätsforschung in seinem Fachbereich zu sagen hat: ‚… dass die meisten Arbeiten (etwa 10‘000 pro Jahr) zwar mit äusserst raffinierter Technik spezielle Aspekte des hormonalen Geschehens erforschen, ... die Rolle des vegetativen Nervensystems [das Kraus/Zondek‘sche Vegetativum, das das vegetative Nervensystem mit umfasst, bildete eine der Grundlagen der Reich‘schen Psychosomatik, Anm. Laska] jedoch kaum beobachtet, im allgemeinen nicht einmal erwähnt, geschweige denn erforscht wird‘ – dass man also weitgehend im Dunkeln tappt (allerdings offenbar unbesorgt, solange man gut honoriert wird: vgl. auch ‚Die Krebsmafia‘ in diesem Heft) […]“608 Es geht aus dem Bürgi-Zitat – wie aus dem Hartmann’schen weiter oben – nicht hervor, daß Bürgi von „infantiler Sexualität“ spricht. Ich gehe mal davon aus, er spricht einfach von Sexualität, also einem erwachsenen Verhalten. Wenn diese Sexualität nicht richtig erforscht wird, dann soll mir das egal sein, aber das wäre dann tatsächlich seltsam, lassen die Wissenschaftler doch sonst nichts unerforscht (They leave no stone unturned, Dylan609). Aber „tappt man im Dunkeln“, wenn man keine Ahnung vom „hormonalen Geschehen“ des Sex‘ hat, „die Rolle des vegetativen Nervensystems [beim Sex] kaum beobachtet“ usw.? Wandelt etwa nur ein Perverser wie Alfred Kinsey im Hellen? Hat Kinsey große Verdienste an der Aufklärung? Ist er gar ein Erleuchteter, weil er „äusserst raffinierte Techniken“ angewandt hat, um die Sexualität zu erforschen? War Reich ein leuchtender Stern der Wissenschaft, wenn er, wie Laska lobend zu berichten weiß, das „Kraus/Zondek‘sche Vegetativum“ zur „Grundlage“ seiner „Psychosomatik“ nahm und bei seiner „Sexualforschung“ ähnlich raffinierte elektrische Apparate wie Kinsey benutzt hat, ohne freilich dessen Grad an Perversität zu erreichen? – Ganz bestimmt war Reich eine solch Leuchte! Was wäre nur, wenn wir unsere wissenschaftlichen Aufklärer nicht hätten! Doch warum sollte mich das „nachdenklich stimmen“, wenn ein Wissenschaftler das Sexualleben von erwachsenen Menschen nicht korrekt erforscht? Soll er doch, oder soll er doch nicht – mir doch vollkommen Latte. Aber Laska legt Wert auf Korrektheit, er läßt die Wissenschaftler nicht so leicht davonkommen, irgendetwas unterstellt er diesen unkorrekten Wissenschaftlern: Sie tappen nämlich nicht einfach so, sondern „offenbar unbesorgt“ im Dunkeln – „solange“ sie nämlich „gut honoriert“ werden. Damit will Laska sagen, daß die Unkorrektheit der Wissenschaftler nur scheinbar eine solche ist, daß die Wissenschaftler absichtlich unkorrekt sind, gegen ihre eigenen wissenschaftlichen Ergebnisse aussagen und also korrupt sind. Recht hat er! Das ist nicht ok so! Sie sollen gefälligst wenigstens „erwähnen“, was sie an ihren elektrischen Apparaten ablesen! Das geht ja nun mal gar nicht, uns über die elektrischen Ströme beim Sex nicht zu informieren! Wofür hat sich denn Herbert Frahm in den 1930ern in Reichs Labor als Versuchskaninchen geopfert? Jetzt kann Laska nicht mal mehr genießen, daß die blöden Wissenschaftler „im Dunkeln tappen“ und nicht die wissenschaftlichen Höhen der Lichtgestalt Wilhelm Reich erreichen – sie tun in ihrer Bestechlichkeit ja nur so, als tappten sie im Dunkeln! Doch jetzt wird es richtig lustig: Der Physiologe Sandro Bürgi „hat“ nämlich nicht nur „zu sagen“, daß seine Kollegen alle Flachzangen sind (was Laska bestreitet; ihm zufolge sind sie nur korrupt) – „[Bürgi] stellt“ jetzt auch noch „die Frage, ob die Geschlechtsorgane nur der Reproduktion dienen, wie das zumeist stillschweigend angenommen wird [...], den Philosophen und Psychologen überlassen werden [muss].‘610“ Ich bitte den Leser, das Holprige nicht mir zuzuscheiben. Der sonst so brillant schreibende Laska ist es, der sich hier in einen Möchtegern-Thomas-Mann-Satz so hineinverhaspelt. Ich bitte Sie, den Satz im Original zu lesen, den ich hier dem Sinne gemäß etwas verändert habe, bzw. dem ich einen – ich denke, den laska’schen – Sinn gegeben habe. Dieser Physiologe Sandro Bürgi scheint ja nun eine ganz eigene Armleuchte bzw. besonders korrupte Flasche zu sein. Er weiß ganz genau, was los ist: daß in den „Geschlechtsorganen“ auch Lust generiert wird und sie „nicht nur der Reproduktion dienen“. Na schau mal einer an! Aber das darf er angeblich nicht sagen; damit verstößt er gegen den Konsens von 10‘000 Wissenschaftlern. So weit darf er sich nicht aus dem Fenster lehnen! Das wäre ja ungeheuerlich, wenn ein seriöser Wissenschaftler einräumen würde, daß die „Geschlechtsorgane“ auch der Lust „dienen“. Aber genau das tut jetzt unser Held: Er löckt im inneren Widerstand tapfer den Stachel wider das Diktat der seelen- und lustlosen und der nackten Reproduktion huldigenden Übermacht von Wissenschaftlern (den „meisten“), die aber eigentlich auch nur wieder aus Karrieregründen nicht ihre wahre wissenschaftliche Meinung sagen – sie „nehmen“ es ja nur „stillschweigend an“ –, und schiebt aber in seiner Heldenhaftigkeit jetzt den schwarzen Peter der „Lust“ (Gegenspieler der Reproduktion) denjenigen zu, die von Wissenschaft keine Ahnung haben: den „Philosophen und Psychologen“. Die können es sich ja – weil fachfremd und Narrenfreiheit genießend – erlauben. Die dürfen spinnen und brauchen keine wissenschaftliche Aussage treffen. Denen „überläßt“ er dann doch vorsichtshalber die Entscheidung. Dabei merkt der Held gar nicht mal, daß er mit seiner „Lust“ einen Schwarm Eulen nach Athen schleppt: Die Lust an den Geschlechtsorganen war 1974 längst schon auch unter Wissenschaftlern Mode und mußte sich nicht mehr hinter „Philosophen und Psychologen“ verstecken. Anders war es 48 Jahre später, als die Virologen, Immunologen und Epidemiologen vom Robert-Koch-Institut, Paul-Ehrlich-Institut et al. in der Corona-Plandemie niemanden hatten, hinter dem sie sich verstecken konnten und sich dem Diktat „der Politik“ unterwerfen mußten, um weiter Karriere machen zu können. Bürgi aber weiß genau, wo Bartel den Most holt und wer hier „die Politik“ macht – nämlich die jüdischen „Philosophen und Psychologen“. Er „überläßt“ es mal lieber denen, wenn etwas heikel wird. Aber etwas läßt mich jetzt stutzig werden…: Wieso versteckt sich Bürgi überhaupt so hinter den „Philosophen und Psychologen“, wo er doch mit der lustvollen und nicht nur der Reproduktion dienenden Sexualität voll im Hauptstrom schwimmt? Was soll hier überhaupt „heikel“ sein? Hier muß ich auf die Frage vom Anfang unserer Untersuchung der bürgi’sch-laska’schen Überlegungen zurückkommen: nämlich, ob Bürgi von „infantiler Sexualität“ oder schlicht von Sexualität spricht. – Ich war bisher davon ausgegangen, daß Bürgi von Sexualität, also einem erwachsenen Verhalten, spricht. Aber jetzt habe ich meine Zweifel. Denn warum benimmt sich Bürgi so, als verstoße er gegen eine Art Tabu, während er doch, wenn es wirklich um erwachsene Sexualität gehen sollte, alle offenen Türen einrennt und von einer Notwendigkeit, es „Philosophen und Psychologen zu überlassen“, gar nicht die Rede sein kann? Daß erwachsener Sex auch lustvoll ist, muß niemand „Philosophen und Psychologen“ zu sagen „überlassen“, das ist kein Geheimnis. Was aber muß Bürgi dann diesen „Philosophen und Psychologen überlassen“? Kann es sein, daß Bürgi ein wirklicher, aber wirklich finsterer Held ist, der etwas Verbotenes, Anstößig-Unerlaubtes salonfähig machen will und sich deswegen hinter „Philosophen und Psychologen“ versteckt? Mein Verdacht ist jetzt, daß er doch die ganze Zeit von „allgemeiner“ – erwachsener und auch „infantiler“ – Sexualität, „also wohl auch vorpubertärer Menschen“ (Laska) spricht. Haben wir es gar bei den „Philosophen und Psychologen“ mit solchen Herrschaften wie Horkheimer, Fromm (siehe Kapitel 7.2.1.16.4.3.1. Exkurs: Frankfurter Schule, jüdischer Messianismus und das deutsche Über-Wir), Freud und Reich zu tun, die ganz offen und ungeniert von „infantiler Sexualität“ sprechen und die nicht nur die Macht haben, das ungestraft zu tun, sondern diese These ganz aggressiv vertreten? Versteckt sich Bürgi deshalb hinter ihnen? Sind Freud und Reich sein – wie es in der Mafiasprache heißt – „Rücken“? Segelt Bürgi in Freuds und Reichs Schatten, weil er es selbst nicht sagen kann und es lieber ihnen „überläßt“? Deutet Bürgi hier an, daß die „Geschlechtsorgane“ der Kinder nicht „nur der Reproduktion“, sondern auch der sexuellen Lust „dienen“? – Es sieht jetzt ganz danach aus. Es ist nicht ersichtlich, welchen anderen Grund als die Angst, als Pädokrimineller verdächtigt zu werden, es gehabt haben könnte, den „Philosophen und Psychologen“ zu „überlassen“, das zu sagen. Erwachsener lustvoller Sex war 1974 kein Tabu mehr, da mußte man keine Angst mehr haben. Niemand mußte sich mehr fortpflanzen, um Sex haben zu dürfen. Die Antibabypille war schon im KL Auschwitz entwickelt, 1960 in den USA und 1961 in Deutschland zugelassen worden. (Die faustisch-idiotischen deutschen Wissenschaftler – neben Carl Clauberg war das Ludwig Haberlandt611 – haben wieder mal ganze Vorarbeit geleistet, bevor sie ein Jude – in diesem Falle Carl Djerassi – nach dem Krieg über den großen Teich brachte und dort abzugrasen begann.) Die Trennung von Lust und Reproduktion war also – durch eine riesige Propagandawelle der „sexuellen Revolution“ beschleunigend herbeiagitiert – 13 Jahre nach Einführung der „Pille“ längst schon in Sack und Türen. Nein, ich denke jetzt, Bürgi meint tatsächlich doch „infantile Sexualität“. Führt ihn Laska deshalb als seinen wissenschaftlichen Gewährsmann an? Ist es, was uns laut Laska „auch nachdenklich stimmen sollte“, daß die „meisten Arbeiten (etwa 10‘000 pro Jahr)“ der verklemmt-repulsierenden Sexualitätsforscher nicht das infantile „hormonale Geschehen erforschen“, weil sie dann das entdecken würden, was Wilhelm Reich schon vorher „befunden“ habe? Und ist es, was uns „nachdenklich stimmen sollte“, daß dieser Ausnahmewissenschaftler Bürgi – dieser mutige Alleingänger unter zehntausend Versagern, die nicht erkennen können, daß ein vorpubertäres Mädchen kein Kind bekommen kann – uns nun die Wahrheit nicht sagt, aber andeutet, indem er sie zu sagen „Philosophen und Psychologen überläßt“? Laska und Bürgi verlangen von all diesen Wissenschaftlern, worauf nicht einmal ein Mediziner wie der SS-Arzt und „Vater der Antibabypille“ Carl Clauberg in Auschwitz gekommen ist: nämlich bei Kindern „mit äusserst raffinierter Technik spezielle Aspekte des [sexual]hormonalen Geschehens zu erforschen“. Doch Laska schreibt jetzt: Ob diese modernen Pfaffen aber die Frage besser lösen als ihre Vorgänger, muss ernstlich bezweifelt werden.“ Laska ist auf einer ganz anderen Piste. Ich dachte zuerst, er meint mit den „modernen Pfaffen“ die Wissenschaftler; dachte, er sieht, wie ich, in der Wissenschaft die neue Religion.612 Nein, er meint mit den „modernen Pfaffen“ die „Philosophen und Psychologen“. Mit den „Vorgängern“ meint er die der Sexualität eine rein reproduktive Funktion zuschreibenden Wissenschaftler. Die „Philosophen und Psychologen“ sind also auf keinen Fall Adorno, Fromm, Freud und Reich, denn bei diesen stünde ja nicht zu befürchten, daß sie den Sex nicht auch als Lust sehen. Bei Laskas „Frage“, die hoffentlich „besser zu lösen“ ist, handelt es sich um die Frage, ob die unterschiedlichen zwei Sexualitäten – die der Lust und die der Reproduktion – tatsächlich nichts miteinander zu tun haben (wohinter die Forderung steht, die lustvolle von der reproduktiven Sexualität abzukoppeln). – Da das eine Nonsens-Frage ist, gibt es hier auch nichts zu „lösen“. Für Laska ist sie zwar zu lösen (siehe Antibabypille und Entkoppelungs-Deklaration). Aber er ist eher pessimistisch: Die „Philosophen und Psychologen“, d.h. die lustfeindlichen Pfaffen, werden nicht dafür sorgen, daß der Sex von der Reproduktion abgelöst wird und daß genug Antibabypillen unters Volk gebracht werden. Vielleicht merkt ja Laska, wie gewaltig er sich da getäuscht hat. Denn nicht die lustfeindlichen Pfaffen-Philosophen und -Psychologen haben obsiegt, sondern Freud und Reich. Ich verstehe Laskas Pessimismus nicht. Denn Freud und Reich haben Lust und Reproduktion tatsächlich – wenngleich innerhalb des Patriarchats – voneinander gelöst. Laska wird jetzt erwidern: „Ja, aber die ‚sexuelle Revolution‘ war keine richtige; sie hat nicht die orgastische Potenz gebracht.“ Das mag so sein; aber ich habe ja nur gesagt, daß Freud und Reich die Lust von der Reproduktion entkoppelt haben. Und das stimmt. Laskas Satz hat auf den ersten Blick nichts mit „infantiler Sexualität“ zu tun, und ich scheine wohl auf dem Holzweg zu sein und Bürgi und Laska etwas zu unterstellen. Da man aber weiß, daß für Laska „also wohl auch vorpubertäre Menschen“ sexuell sind, muß gefolgert werden, daß auch für die Kinder die Frage der Abkoppelung von Reproduktion und Lust besteht und es gilt, sie zu lösen. Das hört sich zwar absurd an – wir denken an das vorpubertäre Mädchen mit einer angeblich voll funktionierenden Gebärmutter –, ist aber Laskas „Logik“. Auf die Reproduktion geschissen – es bleibt auf jeden Fall aber die sexuelle Lust des vorpubertären Mädchen. Der abschließende Satz Laskas hat also doch etwas mit „infantiler Sexualität“ zu tun. Wenn zu Laskas Enttäuschung „ernstlich bezweifelt werden muß“, daß die „modernen Pfaffen die Frage besser lösen als ihre Vorgänger“, können wir aber im Gegensatz zu Laska darüber nur froh sein und uns beglückwünschen: ein paar weniger vergewaltigte Kinder. Hemminger wird es gleich so ausdrücken: Es sei tröstlich, „dass [Freud und Reich] ihre Ziele nicht erreichen werden.“ Doch gehen wir vorher noch einmal ein paar Sätze in Laskas Kurzaufsatz zu Hemmings Artikel in der Zeitung Ärztliche Praxis zurück: Wenn es den Zusammenhang von Sex und Reproduktion wirklich nicht gäbe, wie Laska behauptet, und jemand streitet das ab – würde also einen Zusammenhang herstellen, wo keiner wäre –, warum würde daraus zwangsläufig folgern, daß er sexverklemmt ist? Im Gegenteil wäre es doch logisch, daß man demjenigen, der die beiden Dinge fein säuberlich voneinander abgrenzt, unterstellen könnte, ein analer Meister Proper zu sein. Da ich wiederum das Laska nicht unterstelle, gehe ich davon aus, daß er nur vögeln will, ohne an Reproduktion denken zu müssen. Die Reproduktion weist er von sich, er will nur Spaß haben. Das kann ich verstehen, ich stimme ihm hierin zu. Aber deswegen muß man doch nicht einen Zusammenhang abstreiten, der ganz offensichtlich besteht! Das verstehe ich nicht. Das ist doch wie jemand, der etwas geklaut hat, es aber bis zuletzt abstreitet, obwohl er erwischt worden ist und die Videoaufnahme es beweist, und der dann trotz klarer Überführung darauf besteht, das Geklaute selbstverständlich behalten zu dürfen. Genauso irre, wie dieser Dieb es abstreitet, ein Dieb zu sein, genauso leugnet Laska wahrhaft fanatisch den Zusammenhang von Sex und Reproduktion und versteift sich verbissen darauf, daß derjenige, der diesen Zusammenhang zu sehen partout nicht aufgeben will, seine sexuellen Triebe repulsiere. Wieso repulsiert ein Wissenschaftler, der das Offensichtliche sagt, überhaupt etwas? Dann müssen die Gründe für die angebliche Repulsion des Kritikers dieser angeblich schlechten Wissenschaftler reine Phantasie sein. – Aber das ist jetzt meine Logik, nicht die Laskas. Entschuldigung, ich bin kurz vom Nachvollziehen Laskas Logik abgekommen. Es stimmt ihn „nachdenklich“ – d.h., Detektiv Laska geht einem Verdacht nach –, wenn in den „meisten Arbeiten der Sexualitätsforschung im Dunkeln getappt“ wird. Die Forscher hätten fast ausnahmslos keine Ahnung von (erwachsenem?) Sex und repulsierten die lustvolle (erwachsene?) Sexualität zugunsten der reproduktiven. Darin könnte ja etwas Wahrheit liegen. Das soll aber in „10‘000 Arbeiten pro Jahr“ so gewesen sein? – Und das mitten in der sexuellen Revolution? Diese Forscher mögen ja trotzdem noch sehr verklemmt gewesen sein, aber daß sie in ihren wissenschaftlichen Arbeiten, die ihre Frauen nicht zu Gesicht bekamen, dermaßen verschämt nur reproduktiven Sex festgestellt hätten, das halte ich für ein Gerücht. Wenn die Forscher angeblich die Lust dermaßen ausblendeten und 1974 das Tabu in bezug auf erwachsenen Sex aber nicht mehr in dem Maße bestehen konnte, daß nicht wenigstens in 1 % der Arbeiten, also „100 Arbeiten pro Jahr“, nichtreproduktiver Sex erkannt wird, dann muß Laska – bewußt oder halbbewußt – die Vermutung haben, daß diese Forscher eine andere als die erwachsene Sexualität ausblenden. Meint Laska, die Repulsierer repulsierten nachträglich den Sex, den sie als Kinder gehabt haben? Können sie es partout nicht ertragen, daß sie als Kinder sexuell aktiv sein wollten? Haben sie Schuldgefühle? Meint Laska, diese Erwachsenen sollen sich im Zuge ihrer „Selbstermächtigung“, ihrer „Zerstörung des irrationalen Über-Ichs“ von diesen Schuldgefühlen befreien, anstatt weiter zu repulsieren? Anders kann man das nicht verstehen. Das liefe darauf hinaus, daß aktuelle und wirkliche Kinder ebenfalls – um sie selbst und „Eigner“ sein und unentfremdet bleiben zu können – von „sexuellen Schuldgefühlen“ frei sein oder befreit werden sollten. Sie sollten ihre „Sexualität“ annehmen und bejahen, und die Erwachsenen sollten das, weil sie es ja gut mit den Kindern meinen, ermutigen und aktiv unterstützen. Das hätte ja eine Logik: „Wenn du kleines Kind sexuelle Triebe hast, dann solltest du diese auch ausleben.“ Diese Logik kann ich nachvollziehen – wenn auch nicht teilen. Doch kommen wir noch einmal zu Laskas Fanatismus zurück. Ich kann durchaus tatsächlich recht haben mit meiner Vermutung, daß er auf Teufel komm raus den Erwachsenen einreden will, daß sie als Kinder sexuelle Gefühle gehabt hätten. Ich werde jetzt die beiden Schlußabsätze aus Laskas Kurzaufsatz über Hemminger und die Frage, ob es „Sexualität beim Kind: ja oder nein?“ gäbe, zitieren. Aber zuvor zitiere ich noch den ersten Satz des Kurzaufsatzes, damit wirklich klar ist, worum es geht: nämlich um die „infantile Sexualität“ und nicht um den Zusammenhang von Sex und Reproduktion: Hansjörg Hemminger, Dr. rer. nat., zur Zeit tätig in einer ‚Arbeitsgruppe Biologische Anthropologie‘ am Institut für Biologie der Universität Freiburg, behandelte kürzlich in einem Leitartikel der Zeitung Ärztliche Praxis613 die Frage ‚Sexualität beim Kind: ja oder nein?‘“ Ich hoffe, das ist klar genug. Das Thema des angeblich nicht vorhandenen Zusammenhangs von Sex und Reproduktion wird von Laska ins Spiel gebracht. Warum bringt er diesen Zusammenhang ins Spiel, wenn nicht, um, wie gerade aufgezeigt, den Erwachsenen Schuldgefühle einzureden, die sie gar nicht haben und hatten, und um die Erwachsenen dafür reifzuschießen, ebenfalls in Kindern sexuelle Wesen zu sehen und auch diesen einzureden, sich doch von „Schuldgefühlen“ zu befreien und sich für eine „Sexualität“ zu öffnen und diese zu bejahen? Die Eltern sollen ihre Kinder freimachen bzw. -geben, sollen den „Eigner“ der Kinder unterstützen, der angeblich sexuell ist. Wie sonst soll man Laskas Fanatismus verstehen, der aus den letzten beiden Absätzen seines Kurzaufsatzes spricht? Laska ist eindeutig der Robin Hood der „sexuell unterdrückten vorpubertären Menschen“. Ich weise schon vorab darauf hin, daß alle Hervorhebungen von Laska sind. Sie sind im Original fett gedruckt. Das macht sie besonders fanatisch. Aber der Fairness halber sei gesagt, daß Laska in den Wilhelm-Reich-Blättern kein Kursiv zur Verfügung stand. Die Schlußabsätze lauten:Wie aber kommt es, dass trotz dieser Situation der wissenschaftlichen Unsicherheit Hemminger als Fachmann in einem Fachblatt vor Fachleuten gänzlich ungeniert fachlichen Nonsens behaupten kann, offenbar, ohne dabei um seinen Ruf bangen zu müssen? Mir scheint der nächstliegende Grund darin zu liegen, dass er den eigenen Horror vor der Sexualität ohne weiteres auch in seinem Publikum, sei es nun prüde oder pornobegeistert, voraussetzen kann. Er begründet denn auch sein publizistisches Engagement gegen die beiden ‚unwissenschaftlichen Ideologen‘ Freud und Reich, d.h. gegen jene, die noch heute ihren überholten Lehren anhängen, wie folgt: ‚Es ist nur ein geringer Trost, dass sie ihre Ziele nicht erreichen werden, denn der Schaden in anderer Richtung kann beträchtlich sein.‘ Was er wohl damit andeuten wollte?“ Es kann und wird bestimmt so sein, daß Hemminger und sein Publikum sexophob sind. Aber was Hemminger als an dieser Stelle einigermaßen normaler Mensch nicht etwa „andeuten wollte“, sondern ziemlich klar sagte, ist: Freud und Reich werden mit ihrer „infantilen Sexualität“ nicht durchkommen; es gibt noch genug halbwegs normale Menschen, die sich und ihren Kindern so etwas nicht einreden und nicht durchgehen lassen. Denn nach dem Einreden folgt logischerweise – wie gezeigt – die Tat: eine Tat im Namen des Glückes, der Unentfremdetheit und des unversehrten „Eigners“ der Kinder. Robin Hood ist der Gute. Also ist der, der Robin Hood aufhält, der Böse. Und der muß mit Lächerlich-machen vernichtet werden. Wir haben schon gesehen, daß reichianische Therapeuten genau dieser „Logik des Guten“ gefolgt und zur Tat geschritten sind und – Hemminger drückt sich euphemistisch aus – Kindern „beträchtlichen Schaden“ zugefügt haben. Die Frage Laskas: „Was er wohl damit andeuten wollte?“ klingt so, als ob Hemminger etwas Freud und Reich (und weiteren, den freud’schen und reich‘schen „Lehren anhängenden“ Psychotherapeuten) unterstellen würde, was Hemminger ihnen gar nicht unterstellen kann, sondern was er aufgrund der Logik feststellen muß. Hemminger sagt unmißverständlich: Bejaht man die Frage, ob Kinder sexuell seien, und will man das Beste für die Kinder und daß sie sie selbst und lebendig – also „sexuell“ – seien und bleiben, ist Tür und Tor geöffnet für „Mißbrauch“, „Übergriffigkeit“, ich sage: für Vergewaltigung und nicht mehr rückgängig zu machende Eignerzerstörung, d.h. abgrundtiefes Leid der Kinder. Die betroffenen Kinder martern sich fast alle permanent mit Selbstmordgedanken; die Qual ist zu groß, um damit leben zu können. Laska beweist mit seiner flapsigen Frage: „Was er wohl damit andeuten wollte?“, daß er keine Ahnung vom Ernst der Lage hat. Das wäre aber wenigstens „harmlos“, wie Frau Krüll sagen würde. Ebenfalls der Fairness halber sei gesagt, daß ich den hemminger’schen Satz nicht ganz verstehe und daß ich Laskas Frage: „Was er wohl damit andeuten wollte?“ streng genommen auch nicht interpretieren dürfte. Hemminger: „Es ist nur ein geringer Trost, dass sie ihre Ziele nicht erreichen werden, denn der Schaden in anderer Richtung kann beträchtlich sein.“ – „… dass sie ihre Ziele nicht erreichen werden“ bezieht sich auf Freud, Reich usw. Das beruhigt Hemminger, es ist ihm ein „Trost“. Aber warum ist es ein „geringer Trost“, wenn er sich doch sicher zu sein scheint, daß Freud, Reich usw. „nicht ihre Ziele erreichen werden“? Meint er vielleicht, zu viele Freudianer und Reichianer würden doch durchkommen und ihr Ziel erreichen, wodurch sich sein Trost verringern würde? „… der Schaden in anderer Richtung“ heißt: Wenn sie ihr Ziel erreichen, entsteht „Schaden“; dieser „kann beträchtlich sein“ – das ist verständlich. Hemminger hat aber, wenn er sich so zaghaft und euphemistisch ausdrückt, nur etwas mehr Ahnung vom Ernst der Lage als Laska. Hemminger ist noch einer der Oldschool-Wissenschaftler, einer derjenigen, die sich nicht von verrückten und perversen Psychologen und Philosophen verblenden oder etwas erzählen lassen. Diese Wissenschaftler von der halbwegs guten Art, die noch wußten, daß es ohne Sexualhormone keine Sexualität existiert, und die sich nicht von perversen Philosophen einschüchtern und mundtot machen lassen haben, gibt es heute nicht mehr; Laska und Co. haben ganze Arbeit geleistet. Und noch einmal der Fairness halber muß ich sagen, daß Laska diesen Kurzaufsatz im Jahre 1981 geschrieben hat. Ich will mal zu seinen Gunsten davon ausgehen, daß er das später nicht mehr so geschrieben hätte. Obwohl… – Er ist ein Überzeugungstäter und dies bis heute geblieben: Er glaubt tief an die „infantile Sexualität“ und will diese „befreien“. Auch wenn er den Neuaufklärer Reich nur unter einem „Palimpsest“ liegen sieht und eigentlich gar nicht mehr richtig für voll nimmt – in der „konsequenten“ reich’schen These von der „infantilen Sexualität“ und in der unverbrüchlichen Treue zur „orgastischen Potenz“ liegt für Laska ja gerade der neuaufklärerische Kern Reichs. Gleich zu Anfang seines 2024 erschienenen Buches „Das LSR-Projekt. Die Negation des irrationalen Über-Ichs. Eine Anthologie“ stellt er „zur Einführung“ klar – hier wird also quintessenzmäßig zusammengefaßt, warum Reich ein Neuaufklärer sei –: „Der nach diesem Kriterium [die orgastische Potenz] Gesunde wäre […] zugleich der wahrhaft freie bzw. freiheitsfähige, sich selbst steuernde Mensch.“614 (Hervorhebung und Auslassung von Laska) „ – also wohl auch [der] vorpubertäre[r] Mensch[en]“, um es mit Laskas Worten zu sagen. Ich will nicht abstreiten, daß Reich Beiträge zur Selbststeuerung des Menschen – worin ich den Neuaufklärer in ihm sehe – geleistet hat. – Das mit dem „Gesundheitskriterium“ gehört aber schon mal nicht dazu. Aber erst recht ganz und gar nicht gehört die These von der „Sexualität vorpubertärer Menschen“ dazu, weil sie nicht nur Schwachsinn ist – das allein wäre die harmlose Spinnerei eines Verrückten –, sondern weil sie kriminell ist und im Zuge der Umerziehung eine enorme Wirkmächtigkeit gehabt hat und hat. Das Ziel (die orgastische Potenz), fährt Laska in seiner quintessenziellen Einführung fort, sei, so R, durch „Prophylaxe“ zu erreichen. Das heißt nichts anderes als die ekelhafteste und verbrecherischste Propaganda, die tatsächlich heutzutage fanatisch bis in die Kindergärten hineingezwungen wird und schon längst keine bloße Propaganda mehr ist. Eine Beteiligung Laskas, wie aller Reichianer, daran kann und darf – bei allen guten Leistungen Laskas – nicht weggewischt werden. Abschließend muß zu diesem Thema gesagt werden, daß in der Tiefenwahrheit selbstverständlich jeder seine infantile Sexualität als seine Wahrheit betrachten soll, solange es sich auf ihn selbst bezieht und kein Kind davon berührt wird. Ich gebe zu, daß ich ein gewisses anthropologisches Bild habe, und selbstredend stehe ich dazu, daß alles gegen Traumatisierungen von Kindern getan werden muß, und seien es auch nur die geringsten Ermunterungen durch anthropogische Theorien, denn sie geben den Weg zu den Traumatisierungen frei. Aber auf die Praxis der Tiefenwahrheit hat das keinen Einfluß: Hier zählt nur jedermanns eigene Wahrheit. Ich denke sogar auch, daß es unter den Kämpfern gegen die Pädokriminalität auch z.B. redliche und ehrliche Psychoanalytiker gibt, die von der Existenz einer „infantilen Sexualität“ ausgehen, ganz zu schweigen davon, daß ich sie direkt für Pädokriminalität verantwortlich machen würde. Ich sage nur, daß ihre Theorie den Pädokriminellen hilft, indem sie die gesamte Kultur verseucht. Und ein Pädophiler könnte sich ja auch auf die Existenz von nicht-sexuellen „Lustzonen“ oder die „geringfügige Produktion von Sexualhormonen“615 berufen. Daß sich Pädokriminelle auf was auch immer berufen können, ist aber natürlich weder die Hauptursache für dieses Verbrechen – diese liegt in deren eigener Vergewaltigung in der frühen Kindheit –, noch ist die Bekämpfung der rechtfertigenden Theorien die Hauptwaffe gegen das Verbrechen; das kann nur die effektive materielle Verhinderung sein. Ob solche Verbrechen „prophylaktisch“ verhindert werden können, wage ich zu bezweifeln; es sollte aber nichts unversucht bleiben, und ich begrüße natürlich solche Initiativen wie das „Präventionsprojekt“ an der Berliner Charité „Kein Täter werden“616. Mir ist bloß nicht klar, worin der Unterschied von „Pädophilie und sexuellem Kindesmissbrauch“ liegen soll. Auch der Werbeslogan für das Projekt „Lieben sie Kinder mehr, als ihnen lieb ist?“ ist eigentlich auch schon kriminell. 7.2.1.13. Der rationale Kern im Reichianismus und dessen Übersetzung ins Nicht-Normative Mein Kritik bezieht sich auf die „infantile Sexualität“, nicht auf die erwachsene Sexualität. Ich persönlich glaube auch, daß nur in der tiefen sexuellen Liebe zwischen Mann und Frau und in Schönheit der Sinn des Lebens liegt, und daß, um es in reichianischer Maschinensprache zu sagen, darin – in der „orgastischen Potenz“ – die „Gesundheit“ liegt. Aber allein schon diese Wortwahl! Überhaupt das Gerede darum im Rahmen von Therapie und das Proklamieren eines Ziels lenkt das Subjekt nur von sich selbst ab, ermutigt – um es ausnahmsweise noch einmal auf psychotherapeutisch zu sagen – in der Übertragung das Subjekt zum Agieren, zum Darstellen einer „Gesundheit“. Die Schädigung der Liebesfähigkeit [führt] zu unstillbarer Liebessehnsucht.“ (Laska/Stirner617) – Das sehe ich genauso. Aber die tiefe Liebe zwischen Mann und Frau kann niemals ein Programm sein. Damit kann der Nicht-Eigner überhaupt nichts anfangen. Warum ihm das sagen? Das muß jeder für sich auf dem Wege der Zulassung seiner Tiefenwahrheit entdecken oder auch nicht. In der Tiefenwahrheit fällt alles Programmatische, Normative und Präskripitive weg. Für Laska war aber das Radikal-Nichtnormative 1978 noch unbekannt und also noch nicht erstrebenswert: „Auch das Therapieziel ‚orgastische Potenz‘ taucht nur noch vereinzelt auf, ohne dass jedoch ein anderes genannt würde, was klar definiert wäre.“618 Er kritisierte vehement das Wegfallen einer Norm, anstatt das zu begrüßen (aber er war ja damals noch kein Stirner-Fan). Und Laska verlangte – wenn der Reichianer Kelley das (oder überhaupt ein – darüber gibt Laska dort keine Auskunft) Therapieziel kritisierte –, daß doch bitte eine neue Norm (ein neues Therapieziel) aufgestellt werde. Immerhin sprach Laska damals von einem „sicher nicht unproblematischen Thema“. Doch noch 1978 kommt bei Laska der Begriff eines „falschen Menschenbilds“ vor619. Laska als Wahrheitsminister? Ganz abgesehen von ihrer Mitverantwortung für die Pädokriminalität, glaubten Freud und Reich in der Sexualität die Endursache und die nicht zu unterschreitende Tiefe menschlicher Probleme gefunden zu haben. Freud hatte keine, Reich nur wenig Ahnung vom Urschmerz der nicht erwiderten Mutterliebe und Bindungsverweigerung. Es gibt eine riesige, nicht-sexuelle Liebe zwischen Mutter und Kind (zumindest die Erwartung des Kindes danach – die Mütter sind ja meistens liebesgestört bzw. -zerstört und fühlen diese Liebe nicht mehr). Sie steht in der Entwicklung des Kindes weit vor allem Sexuellen und hat nichts Inzestuöses. Diese Liebe wird später um die sexuelle Liebe ergänzt und überträgt sich auf den heterosexuellen Partner. Diese asexuelle Bindung verliert zwar an Bedeutung, bleibt aber wichtig. Nasselstein hat das – daß es keinen Sex ohne Liebe gibt – neulich schön beschrieben.620 7.2.1.14. Arthur Janov als Fortschritt gegenüber Reich, doch seinerseits nun mental-mechanistischer Wissenschaftler 2.0 Etwas mit den orgontherapeutischen Verbrechen Vergleichbares ist aus dem primärtherapeutischen Milieu nicht bekannt geworden. Es mag auch hier sehr viele „Verrücktheiten“ (Nasselstein) und genug „Irrsinn“ (Paki S. Wright) gegeben haben. Mir fällt jetzt ein, daß ein Primärtherapeut einen Patienten in einen Teppich eingewickelt hat, damit der sein „Geburtstrauma“ „wiedererlebt“ – nun, es war sein Todestrauma. Mir fallen die vielen Selbstmorde von Primärpatienten ein. Aber das waren wenigstens keine Kinder (und die wesentliche Ursache und Verantwortung dafür lag sowieso bei den Patienten selbst, wie hart das auch sein mag). Das war das Verdienst von Janov, der nichts von „infantiler Sexualität“ hielt. Janov therapierte keine Kinder. Er sprach davon und ermutigte dazu, daß sich „Familien therapierten“621. Dort sollten Kinder ihren Eltern gegenüber möglichst vollständig ihre Deprivationen ausdrücken, und das ist ja auch richtig so. Es war also alles Sache von Müttern und Vätern, die selbst in Therapie waren, jetzt mehr und mehr fühlten und also die Kinder nicht mehr traumatisieren konnten, und keine Sache zwischen Kindern und Therapeuten. Die Erfahrungen der „Therapie in den Familien“ wurden in Gruppen von mehreren Eltern offen und kritisch besprochen. Es fanden „Seminare für primärtherapeutisch behandelte Eltern“ statt. Das Seminar vom 3. Februar 1971 wird im Buch „Das Befreite Kind. Grundsätze einer primärtherapeutischen Erziehung“ vollständig wiedergegeben, was 63 Seiten des Buches einnimmt.622 Es verbietet sich eigentlich zu sagen, daß das selbstverständlich rein gar nichts mit „orgontherapeutischer Kindertherapie“ zu tun hatte. Zur Erinnerung, was Malcolm J. Brenner über seine „Therapie“ als Kind sagt: „Nackt und allein, ohne Möglichkeit, sich vor einem sadistischen Psychiater zu verstecken! Wilhelm Reich war der verrückteste Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Als fünfjähriges Kind wird Malcolm zu Dr. Albert Duvall geschickt, einem ‚Orgon-Therapeuten‘ und einem der engsten Mitarbeiter von Reich. Weder Reich noch Malcolms Eltern ahnen, was sich hinter der verschlossenen Tür von Duvalls schalldichtem Büro abspielt...“623 Janov war nicht nur kein Krimineller, er war einfach tatsächlich unvergleichlich sensibler als Reich, und ihm war das Sprechen-lassen, das Verschmerzen-lassen und das Trösten des Kindes – das nannte er „Therapie in Familie“ – zuzutrauen. Es soll aber nicht verschwiegen werden, daß es inzwischen auch reichianische Therapeuten wie z.B. den italienischen Psychiater Dr. Alberto Foglia gibt, die ganz offenbar eine sehr gute Arbeit machen wie hier624 z.B. im Falle von Eigner-Zerstörungen durch permissiv-antiautoritäre Erziehung. Aber alles, was gut daran ist – ob bei einem guten Orgontherapeuten oder bei einem guten Primärtherapeuten –, ist, daß die Kinder und Eltern sich geschützt und absolut wahrhaftig ausdrücken und dabei äußerst bewegende Gefühle zulassen können. (Es ist natürlich streng darauf zu achten, daß die Kinder nicht mit „alten Gefühlen“ der Eltern, die sie nichts angehen, belastet werden.) Aus diesen guten Therapeuten werden Wahrheitsbegleiter. Sie müssen keine medizinischen oder psychologischen Kenntnisse haben; es reicht aus, wenn ihnen nichts Lebendiges fremd ist und sie alles dank Empathie und Intelligenz nachvollziehen können, um glaubhaft ermutigend sein zu können. Bei allem Lob muß aber noch einiges Kritisches zu Janov angemerkt werden, obwohl ich mich schon an vielen anderen Stellen kritisch mit Janov auseinandergesetzt habe, u.a. in meinem Buch „Die Wahrheit – sie sagen und in ihr leben“625 aus dem Jahre 2006, in meinem letzten Buch „Pan-Agnostik“626 aus dem Jahre 2023 und in meinem Video „Von der Primärtherapie zur Tiefenwahrheit“627 aus dem Jahre 2018. Janov war ein exzessiver Wissenschaftler. Dabei verließ er aber nicht die Hauptstromwissenschaft und begab sich nicht in ein parawissenschaftliches Paradigma, wie das Reich getan hatte. Ich interessiere mich zwar nicht sonderlich für Wissenschaft, aber einen Grund für das Verlassen der konventionellen Wissenschaft hatte es ja offenbar auch nicht gegeben. Selbst Reich gewogene Autoren wie Armin Bechmann628 sehen für ein solches Verlassen keine Notwendigkeit. Ganz so, wie Laska es mit seinen philosophischen Kollegen tut, hat Janov sein Leben lang um die Anerkennung durch seine wissenschaftlichen Kollegen gerungen. Ob er diese verdient hat oder ein schlechter Wissenschaftler war, wie es der uns bereits bekannte Verhaltensbiologe Hansjörg Hemminger sagt629, davon habe ich nicht die geringste Ahnung – für mich ist sowieso jede Wissenschaft 2.0 schlecht ist, so wie Schulphilosophie ja auch überflüssig ist. Janov behauptet – wie z.B. im Kapitel „Die Messung von Krankheit und Gesundheit“ des Buches „Gefangen im Schmerz“ 630 –, an bestimmten Vitalwerten (Blutdruck, Puls usw.) zu erkennen, wo sich der Patient befindet – auf welchen Bewußtseinsebenen, in welchen Gehirnarealen er gerade aktiv ist –, was gerade genau mit ihm los ist, was er verdrängt und mit welchen Interventionen man seine Abwehr einreißen und ihn schließlich der „Normalität“ ein Stück näherbringen könne. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sollen also dabei behilflich sein, daß der Patient zu seinem wahren Selbst findet. Der Primärtherapeut will den Patienten auf selbstkonstituierende Inhalte hinlenken, die verdrängt in ihm liegen. Der Primärtherapeut glaubt also, im Gehirn des Patienten herumschrauben zu können wie der Orgontherapeut an den Muskeln. Sie tun es ja auch andauernd und fleißig – aber zum Guten des Eigners? Janov läßt eine Patientin sprechen, die bestätigt, daß sich bei ihr durch die orgontherapeutischen Techniken Dinge geändert hatten, Änderungen in der Primärtherapie ihr aber „nicht rätselhaft und mysteriös“631 vorkommen. Das resultiert daraus, daß die Primärtherapie dem Patienten immerhin etwas mehr Zugang zum Existenziell-Erlebnismäßigen läßt und nicht komplett von Wissenschaft und Mechanik überdeckt wird. In seinen Büchern „Der Urschrei“ und „Anatomie der Neurose“ würdigt Janov kritisch die Orgontherapie. Er wirft ihr vor, nach der richtigen Einbeziehung und Betonung des Körpers nun „in die entgegengesetzte Richtung geraten“ zu sein und jetzt „Denkprozesse [zu] vernachlässigen“.632 Janovs Verfahren ist tatsächlich etwas eignerfreundlicher, weil erlebnis- und existenzbezogen. Die Reichianer werden es vehement bestreiten, aber Janov hat recht, wenn er schreibt: „Der Körper wird [bei den Orgontherapeuten] behandelt, als wäre er ein von der Seele getrenntes Gebilde.“633 Die Orgontherapie kommt einem im Vergleich zur Primärtherapie634 wie eine lächerliche Holzhammermethode vor – gemessen am Gegenstand der Sache: die menschliche Existenz. Die Orgontherapie zeugt von einer dramatischen Ignoranz dieser Existenz. Orgonomiefans werden sagen, daß das nur schlechte Orgontherapeuten sind; gute seien solche, bei denen die Charakteranalyse Bestandteil der Orgontherapie ist. Sie werden dagegen protestieren, wenn Janov den Hauptunterschied zwischen Orgon- und Primärtherapie in der „äußerlich-physischen“ (Reich) und „innerlich-psychophysischen“ (Janov) Methode ausmacht635. Aber Reich hätte gar nicht erst weggehen sollen von der Charakteranalyse und diese auf immer phänomenologisch-erlebnisbezogenere Weise weiterentwickeln müssen. Aber dazu war er viel zu sehr Wissenschaftler und Ingenieur. Wie kann man sich alleine nur einbilden, einen anderen reparieren zu können? – Ja, das könnte möglich sein – wenn er eine Maschine wäre. Aber Arthur Janov konnte locker mit Wilhelm Reich in puncto Maschinentheorie und -praxis mithalten. Auch er hatte ein „Gesundheitskriterium“ – die normalen Vitalwerte –, das im Namen von Aufhebung der Entfremdung und Retablierung der Autonomie abgelehnt werden muß. Sein „Normaler“ ähnelt einer anthropologischen Behauptung ohne empirische Bestätigung. Janov schreibt von seiner eigenen Reparaturtechnik: „Das Verfahren, mit Hilfe dessen diese Panzerung beseitigt werden kann, besteht in angestrengter Suche nach solchen wichtigen [traumatisierenden] Ereignissen; und nicht, sozusagen in umgekehrtem Vorgehen, in dem Bemühen, Gefühle durch ein Erweichen des Muskelpanzers zu befreien.“636 – Er hat prinzipiell nicht unrecht, aber sein Fortschritt ist noch längst nicht die Lösung, denn das Problem ist Janovs „angestrengte Suche“. Das war seine hektische Holzhämmerei. – Der Patient muß sich selbst und in seinem Rhythmus öffnen. Nun werden Janov-Anhänger sicher sagen, daß das so nicht korrekt sei; und tatsächlich stimmt das in manchen – vielleicht sogar etlichen – Fällen nicht. Aber in diesen hatten die Patienten schon genug Selbstbewußtsein, das aus ihrem bereits bestehenden Zugang zu tiefen Gefühlen stammte, und haben ihre eigene Vernunft sprechen lassen. Den Anfängern aber hat Janov diesen Luxus nicht gestattet. Die bekamen erst mal alles vorgeschrieben („Sage es Mutti!“), bis sie angeblich auf die richtige, nämlich „egoistische“, wie Stirner sagen würde, Bahn kamen. – Das passierte, wenn einmal der falsche Weg eingeschlagen war, aber nicht mehr. Dann war der Zug abgefahren, und die Patienten quälten sich vergeblich über Jahrzehnte in der Therapiepraxis weiter. Warum hat Janov es mit der präskriptiven Holzhammermethode versucht? – Weil es in den meisten Fällen extrem schwierig ist, dem Patienten dabei zu helfen, sich zu öffnen. Aber an dieser Stelle, wo Janov und andere die Flinte ins Korn warfen und zum Holzhammer griffen, hat nur eine Hilfe zur Selbsthilfe einen Sinn, indem man den Patienten allein darin unterstützt, seine aktuelle Wahrheit auszusprechen: warum er z.B. überhaupt eine Primärtherapie-Sitzung machen will, was er auf dem Herzen hat usw. Ganz am Anfang einer Primärtherapie kann in manchen Fällen nicht einmal eine solche Frage – „Was versprichst du dir von einer Primärtherapie?“ – einen Sinn haben. Das Leiden ist dann total diffus; der Kunde braucht einfach nur eine Art von Hilfe und weiß eigentlich nicht, worin die bestehen soll. Hier muß man erst mal nur Vertrauen schaffen und eine menschliche Atmosphäre schaffen. Man muß hier, am Anfang eines solchen Prozesses der Eigner-Werdung, extrem geduldig sein und dem Patienten extrem viel Zeit einräumen. Und man muß großes Vertrauen in den Rest an authentischem Subjekt haben. Das haben die meisten der Therapeuten nicht. Aber eine solche Frage des „Menschenbildes“ stellt sich hier erst gar nicht. Die Therapeuten haben schlichtweg gar nicht die nötige Zeit. Es muß schnell gehen, sie müssen Ergebnisse vorweisen und „abrechnen“. Wenn sich dann doch ihr eigentliches Ziel noch einmal in ihnen melden sollte – so sie ein solches überhaupt haben –, greifen sie zu Techniken, mit denen ihre mangelnde Geduld kompensiert werden soll. Natürlich bestätigen sehr wenige Ausnahmen die Regel. Janov wußte es eigentlich besser: „Diese Arbeit am Körper bedeutet wieder den Versuch, Probleme von außen her zu lösen, obgleich sie im Inneren existieren. Einer der Gründe, warum […] versucht wird, Probleme von außen her zu lösen, ist der, daß Therapeuten denken, sie könnten die Probleme irgendeines anderen lösen, und daß die Menschen einen ‚Experten‘ brauchen, der an ihnen Magie und anderen Zauber vollbringt, obgleich alles, was diese Menschen brauchen, sie selber und die Erfahrung dieses Selbstes sind.“637 Leider hat er sich selbst nicht daran gehalten. – Im Gegenteil hat er dem Experten Reich sogar noch recht gegeben: „Ich bin sicher, daß bestimmte körperliche Manipulationen bei gewissen Patienten in der Primärtherapie – zum rechten Zeitpunkt angewandt – eine Hilfe bedeuten können. Ein Patient ist vielleicht bereit, in bestimmte frühe Erfahrungen einzutauchen, aber sein Körper ist so gefesselt, daß er nicht mitarbeiten kann. […] Das Bearbeiten der Muskelhülle an Brust, Schultern und Nacken kann sehr wohl den Zugang zu Gefühlen erleichtern. Für die Primärtherapeuten ist die Kenntnis von den Schlüsselmuskeln innerhalb des Muskelsystems genauso wichtig wie die Kenntnis von den Arbeitsweisen der [psychischen] Abwehrmechanismen.“638 In der Tiefenwahrheit gibt es nicht nur keine Experten, die so tun, als seien sie persönlich nicht betroffen, Maschinen oder „austherapiert“ – sie zeigen sich im Gegenteil gerade in ihrer Wahrheit, sollte das der Wahrsager wollen. (Die Theorie besteht sogar fast ausschließlich aus Exemplarität, die völlig unwissenschaftlich und – falls das gewünscht ist – für jeden nachvollziehbar ist.) Wahrheitsbegleiter sind Experten in emotionaler Intelligenz und wissen, wie sie dabei dosieren müssen, um den Wahrsager nicht von sich selbst abzulenken. Bei Reich – ganz der Doktor – gibt es das gar nicht – mit Ausnahme seines im Arkanum gelandeten Selbstanalyseversuchs639. Janov zeigt dagegen schon ziemlich deutlich, wie er von seinen Eltern traumatisiert worden ist. Ich weiß, Janov hat später solche Manipulationen, die er von Reich übernommen hat, zum Glück wieder sein gelassen. Er hat aber weiter seine Patienten am technischen Verfahren „mitarbeiten“, d.h. diese sich selbst als Objekt betrachten lassen. Ganz grausam wird es ja, wenn die Patienten das Verfahren erklärt bekommen und es verstehen sollen. Das ist dann schon Indoktrination oder Gehirnwäsche, die bei ganz braven Patienten prompt zum „Erfolg“ führt: Dann wirkt das Opium der Therapiereligion. Wilhelm Reich hat sich übrigens immer vehement gegen den Vorwurf der seelenlosen Mechanik verteidigt – aber wenig überzeugend. Er hat sich ertappt gefühlt. Dann nützt es auch nichts, in Großbuchstaben zu brüllen: „Um sie auf ihren genitalen Durchbruch vorzubereiten, konzentriere ich mich auf ihre unbewegliche Stirn und Augen. Ich ließ sie die Stirnhaut bewegen, die Augen nach allen Seiten rollen, Ärger und Furcht, Neugier und Wachsamkeit ausdrücken. DAS IST KEINE MANIPULATION UND HAT ÜBERHAUPT NICHTS MIT IRGENDEINER ART VON MANIPULATION ZU TUN. Wir manipulieren nicht mechanisch, wir induzieren Emotionen beim Patienten, indem wir ihn willentlich diesen oder jenen emotionalen Ausdruck imitieren lassen.“640 Janov behauptet: „In der Primärtherapie gibt es keine Ideologie, die man erlernen müßte, keine Fachsprache mit Termini wie ‚Kastrationsangst‘, ‚Es‘ und ‚Über-Ich‘.“641 – Und warum quatschen dann alle Primärpatienten den ganzen Tag lang, sich selbst fragend und rätselratend, davon, daß sie „bestimmt ausagieren“642, wenn sie von sich selbst sprechen, davon, daß sie „nicht in Gefühle kommen“ usw. Natürlich gibt es eine Primärideologie! Und warum hat Janov so auf seine „Vitalwerte“ gesetzt? – Weil er einerseits den „subjektiven“ Aussagen der Patienten gegenüber skeptisch war und ihnen tatsächlich zu einem Mehr an Eignerschaft verhelfen wollte, wenn die sich einbildeten, am Ziel angekommen und „real“ zu sein. Er hat – berechtigterweise gewissermaßen – den Aussagen der Patienten mißtraut. (Wir kennen dieses objektive Prüfen vom Lügendetektor her, aber auch von anderen, noch viel mehr objekt-orientierten Psychoverfahren wie z.B. in der Scientology.) Andererseits wollte er mit Wissenschaft wettmachen, was er selbst erst mit Wissenschaft angerichtet hat, indem er den Patienten eine wissenschaftliche Ideologie gegeben hat, an die sie glauben konnten und die sie zu Objekten ihrer selbst werden ließ. Er war also selbst verantwortlich für das, dem gegenüber er mißtrauisch war. Echte
Gefühle, Abb. aus:
Janov:
Primal Man, S. 280
Die Patienten hatten die von Janov technisch gezeichnete Maschine vor sich und versuchten ihr zu entsprechen. Jetzt entstanden die falschen Gefühle: Die Patienten wollten der Maschine entsprechen und das tun, was sie „gesund“ machen würde, und schließlich wollten sie „gesund“ wirken, damit das ganze Tun einen Sinn bekam. Dem wollte Janov ein objektives Prüfkriterium entgegenstellen. Das ist zwar – wenn man es in seinem Paradigma sieht – löblich. Aber er hätte sich die medizinischen Apparaturen und seine Sorge um die Echtheit und die tatsächlichen Fortschritte seiner Patienten sparen können, wenn er sie lediglich konsequent aufgefordert hätte, ehrlich zu sein. Das muß für einen Wissenschaftler harter Tobak sein: sich ganz auf Subjektivität zu verlassen, ganz auf diese angewiesen zu sein und sich dieser auszuliefern; das kam einem Sturz aus Wolken gleich. Und so sehr ich das nachvollziehen kann und Mitleid mit den armen Wissenschaftlern habe – es ist das einzige, was wirklich zählt. Es gibt nun mal nichts anderes, so sehr unbefriedigend das für einen Wissenschaftler auch ist. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als auf die Subjektivität zu setzen. Es geht ja darum, zu einem souveränen Subjekt zu werden – also müssen wir gleich damit anfangen, ausschließlich subjektiv zu sein, und müssen dem Subjekt die Freiheit und Verantwortung geben. Alles, was wir tun können, ist, gerade anti-objektiv zu sein und den Kunden zu seiner Wahrheit zu ermahnen und ihn daran zu erinnern, daß er sich selbst keinen Gefallen tut, wenn er nicht bei der Wahrheit bleibt. Wir können ihn höchstens fragen, ob er selbst wirklich mit den Resultaten von Therapiesitzungen bzw. Stunden der Wahrheit zufrieden ist. Wir müssen ihn auffordern, selbst direkt einzuschätzen, was es ihm gebracht hat. Wir können ihn immer wieder nur auf seine eigene Verantwortung verweisen: Nur er ist letztlich dafür verantwortlich, wie es ihm als Erwachsenem geht. Tust du dir mit Therapie bzw. mit Tiefenwahrheit wirklich einen Gefallen oder nicht? Wills du überhaupt wirklich für dich selbst eine Tiefenwahrheitsliegung nehmen? (Siehe Teil II dieses Buches.) Hast du etwas davon? Kannst du irgendeine Art Verbesserung deines Zustandes feststellen? Mehr kann ein guter Therapeut oder Wahrheitsbegleiter nicht tun. Damit kommt ein Wissenschaftler nicht klar, das fällt ihm sehr schwer. Er will den armen Patienten nicht in diesen ungewissen Abgrund der Subjektivität fallen lassen. Er hat Angst davor, den Patienten so fallen zu sehen, und er will seiner beruflichen Verantwortung als Heiler nachkommen – dazu paßt es nicht, seinen Patienten so fallen zu sehen. Er will sich an der Objektivität festhalten. Aber lassen wir uns auf das objektivistisch-wissenschaftliche Paradigma ruhig einmal ein und tun wir mal so, als ob sich der Eigner tatsächlich durch gewisse Vitalwerte auszeichnet (was ja auch so sein wird!): Was sagten denn Janovs Vitalwerte? – All zu oft stimmten die eben nicht mit der „Gesundheit“ überein. Deswegen testete er sie ja überhaupt erst: weil der Verdacht bestand, daß der Patient nicht in seiner Wahrheit war und daß der Therapeut ihn noch nicht mit gutem professionellen Gewissen entlassen konnte. Falsche Gefühle, Abb. aus: Janov: Primal Man, S. 281 Jetzt, wo die Vitalwerte nicht die richtigen waren, fing alles wieder von vorne an: Entweder peitschte man den Patienten weiter durch die Präskriptionen („Sage Mutti, daß sie dich leben soll!“), oder aber – wenn das wieder nicht half und der Patient umsonst Mutti anrief und die Vitalwerte wieder Scheiße waren – man ließ den Therapeuten mal sein und setzte sich ganz ruhig zum Patienten und sagte ihm: „So. Wir wollen jetzt mal ganz ehrlich sein.“ An der Stelle wurde aus dem Psychotherapeuten ein Wahrheitsbegleiter. Das hätte er aber gleich sein können. Warum denn erst mal anders anfangen? Ich bin fest davon überzeugt, daß die Vitalwerte eines Eigners tatsächlich in einem gewissen Rahmen liegen, daß der Blutdruck eines Eigners z.B. nicht einen gewissen Wert übersteigt. Es ist mir absolut klar, daß es eine gewisse „Natürlichkeit“ gibt, daß wir zu einer Natur gehören und eigentlich gar nicht anders sein können als eben ein Teil von ihr. Wir werden „krank“, wenn wir nicht unserer natürlichen Anlage entsprechen. (Ich spreche jetzt bewußt einmal so organizistisch und naturnormativ! Bitte nicht mißverstehen – ich denke sonst nicht so!) Der Eigner stimmt mit einer gegebenen Natur, aus der er stammt, überein. Aber in dieser Übereinstimmung liegt ja gerade seine Eignerschaft – seine Subjektivität. Erst, wenn er sich aufgibt und ganz natürliches Objekt ist, ist er wirkliches Subjekt. Das ist natürlich Humbug. Der Eigner ist gleich und nur Subjekt (auch wenn dieses sich dadurch auszeichnet, daß es innerlich mit nichts im Widerstreit liegt und sozusagen ausgeglichen und „natürlich“ ist; daß es auch von außen betrachtet so aussieht, als sei alles in Ordnung; daß zufällig auch die Vitalwerte stimmen usw.), wir brauchen nicht den Umweg über die Objektivität gehen. Ich habe ja gesagt: Wir lassen uns nur ausnahmsweise mal auf das objektivistisch-wissenschaftliche Paradigma ein. Selbst das sagt uns, daß wir mit ihm auf dem Holzweg sind! Aber auch für die Patienten habe ich Verständnis: Ich kann verstehen, daß sie vor sich selbst flüchten und nicht wirklich ganz die Verantwortung für sich selbst übernehmen wollen. Sie würden dann tatsächlich aus allen Wolken fallen. Aber jemand, der nicht vor sich flüchten will, der tatsächlich er selbst sein oder werden will, war bei Janov und anderen Wissenschaftlern nicht gut aufgehoben. Ich komme auf das Janov-Zitat von oben zurück, mit dem er den Orgonomen beipflichtet (das war aber am Anfang; später hat er das nicht mehr getan; er hat sich zwar gebessert, aber dann war er anders Wissenschaftler): Ich bin sicher, daß bestimmte körperliche Manipulationen bei gewissen Patienten in der Primärtherapie – zum rechten Zeitpunkt angewandt – eine Hilfe bedeuten können. Ein Patient ist vielleicht bereit, in bestimmte frühe Erfahrungen einzutauchen, aber sein Körper ist so gefesselt, daß er nicht mitarbeiten kann. […] Das Bearbeiten der Muskelhülle an Brust, Schultern und Nacken kann sehr wohl den Zugang zu Gefühlen erleichtern. Für die Primärtherapeuten ist die Kenntnis von den Schlüsselmuskeln innerhalb des Muskelsystems genauso wichtig wie die Kenntnis von den Arbeitsweisen der Abwehrmechanismen.“643 Es geht überhaupt nicht darum, in „bestimmte frühe Erfahrungen einzutauchen“! Es geht nur darum, in dich selbst „einzutauchen“ – du selbst zu sein. Sofort. Diese „frühe Erfahrungen“ – das ist doch schon eine Vorgabe! Da geht’s doch schon mal los! Da geht’s doch schon mal weiter mit der Entfremdung. Das bringt dich schon mal weg von dir, wenn du auch glaubst, daß es deine „frühen Erfahrungen“ sind. Du hast es in deiner Not und deiner Sehnsucht nach Heil übernommen, daß dein Unwohl mit „frühe Erfahrungen“ zu tun hat. Du hattest gar keinen wirklichen Kontakt zu deinen „frühen Erfahrungen“; dein psychologischer Lieblingsautor hat sie schon mal angedeutet, damit es dir einfach gemacht wird, damit du in der Therapie erfolgreich sein kannst und endlich Erlösung findest. Du hast dich gefreut, daß du jetzt endlich den richtigen Weg gefunden hast. Wenn du „gesund“ werden willst, dann bitte, gehe weiter diesen Weg. Wenn du aber zu dir selbst kommen willst – ein „Eigner“ werden willst –, dann höre auf Stirner und nicht auf die Wissenschaftler: „Die Eigenheit aber ruft Euch zu Euch selbst zurück, sie spricht: ‚Komm zu Dir!‘“ 644 – Komme sofort und nur zu dir – oder zu dem, was von dir noch übrig ist –, aber zu nichts anderem. Das hört sich vielleicht banal an, aber es kann ziemlich schwierig, muß nicht, wie Janov behauptet, „das einfachste der Welt“ sein. Dann kann es zu Erinnerungen kommen – es wird höchstwahrscheinlich, denn hier ist es wieder so wie vorhin mit den Vitalwerten: Die Wissenschaftler hatten ja nicht total unrecht. Sie haben dich nur dazu gebracht, falsch, d.h. über etwas anderes zu dir zu kommen zu wollen (deine „frühen Erfahrungen“). Es ist alles nur eine Frage, wie du zu dir kommst: direkt über dich oder über Maßgaben, Vorgaben oder Aufforderung eines Psychotherapeuten. Dazu im Kapitel 8. Die philosophische anstatt psychotherapeutische Herangehensweise: über autonome oder heteronome weitere Entwicklung entscheidend – Stirner anstatt Reich und Janov mehr. Kommt es tatsächlich zu Erinnerungen, wenn du auf die richtige Weise zu dir kommst, dann sind diese Erinnerungen authentische Manifestationen deines Selbstes – dann fällt auch gleich der zu hohe Blutdruck. Die Psychologen werden dir sagen: Deine Erinnerungen sind genauer gesagt Manifestationen deines zurückgebliebenen und verdrängten Selbstes. Dieses wird nicht etwa vom aktuellen Selbst integriert, sondern eine bislang nicht stattgefundene, unerledigte und unterdrückte Reaktion findet dann statt. Das ist auch wieder nicht falsch – aber das braucht dich nicht zu interessieren. Du sollst nur du selbst sein. Und wenn du das nicht kannst, wenn du nicht weißt, was das ist, dann passe einfach nur auf das auf, was du wahrnimmst. Irgendetwas nimmst du immer wahr – und sei es das Nichts. Wenn du dich erinnerst und auf etwas in der Vergangenheit reagierst, wird auf diese Weise ein durch die Erfahrung eingeschliffenes und den Eigner einschränkendes Verhaltensmuster abgestellt, erklären es dir die Psychologen. Nur gehen sie falsch vor und drängen sie den armen Patienten dazu, in „frühe Erfahrungen einzutauchen“. Eine viele Jahre unterdrückte Reaktion kann nur wirklich stattfinden, wenn sie der Patient auf absolut authentische Weise und strikt vom Hier und Jetzt kommend aus seinem Unterbewußten hochholt. Nur das als Unerledigtes in der Gegenwart eingekapselte Vergangene interessiert. Zeit scheint auch ein „Sparren“ zu sein. Eine Eigenschaft des Eigners ist die Zeitlosigkeit – es sei denn, er will pünktlich sein. Daß die Geschichte eine Auswirkung auf die Gegenwart hat, ist sowohl richtig als auch banal – und damit überflüssig. Aber auch die Geschichtsschreibung hat einen Einfluß auf die Gegenwart – einen anderen als die Geschichte selbst. Wenn die Psychotherapeuten sagen, du mußt in die Geschichte gehen, dann ist immer auch ihre Geschichtsschreibung im Spiel, und die ist entfremdend. Am besten also ganz die Geschichte vergessen und nur in der Gegenwart reagieren: ob das nun aus der Geschichte kommt oder nicht. Janov hätte mal nicht so viel von Willy Reich, sondern besser etwas von Fritze Perls übernehmen sollen. Janov hatte proklamiert, daß es das Ziel und Zweck seiner Behandlung ist, daß jemand er selbst wird. Dafür hat er seine Patienten dazu animiert, etwas auszudrücken, was sie möglicherweise – oder sogar wahrscheinlich – in sich tragen, im Hier und Jetzt aber gar nicht fühlen. An etlichen Stellen behauptet Janov, nur der Patient kann seine Wahrheit kennen. Aber das steht im krassen Widerspruch zu seinem ganz offensichtlichen „Behandeln“ des Patienten durch Vorgaben. Daß all die „Kenntnisse“ aller „Mechanismen“, von denen Janov spricht, wissenschaftliche Hybris sind, die – selbst wenn sie umfassend, also gottgleich erworben und angewandt werden –, bezogen auf eine Eignerwerdung völlig sinnlos sind, habe ich schon gesagt. Janov hat seine Patienten mit Verheißungen von sich weg und in angeblich rettendes therapeutisches Verhalten gelockt. Ich kann mich z.B. daran erinnern, daß alle Primärpatienten andauernd am Würgen waren; es stand stets ein Kotzeimer herum. Janov hatte leicht die Orgontherapeuten wegen ihrer Brachialität zu kritisieren, wie wir in Kapitel 7.2.1.6. Wilhelm Reich als soma-mechanistischer Wissenschaftler 2.0 am Beispiel der Patientin Sally gesehen haben, aber dieses ständige Würgen und Kotzen gab es nun komischerweise auch in der Primärtherapie – wenn auch nicht strikt verordnet, sondern in Form eines ideologieinduzierten Verhaltens, wie es in Sekten vorkommt. Manchmal fand die Henne im Heuhaufen der Mechanik ein Korn: Bei einigen Patienten, deren biografische Situation es mit sich brachte, daß ihr Verhalten mit jenen vorgeschriebenen Verhalten („Sag‘ Mutti, daß sie dich liebhaben soll!“) übereinstimmte, waren Janovs Vorgaben – nicht ganz zufälligerweise – sinnvoll und trafen ins Schwarze. Diese Patienten sind dann authentisch und ungebremst in emotionale Tiefen gegangen und haben dort ihren Eigner wiederentdeckt, wie das bis dato unvorstellbar war. Das hat Janov immerhin manchmal – ich befürchte: sehr selten – ermöglicht. Ich kann deshalb aber die Primärtherapie nicht empfehlen, weil das Glück, auf einen guten Therapeuten zu stoßen, extrem groß sein muß (wie es dann endlich bei mir der Fall war). Was ich an Primärtherapie im Netz sehe, ist entweder für einen halbwegs intelligenten Menschen sowieso indiskutabel, sonst aber für den Eigner pures Gift. Wenn Janov, wie schon weiter oben gesagt, von Möchtegern- und Pseudo-Primärtherapeuten, von gefährlichen Scharlatanen und Quacksalbern spricht, dann trifft das sicher in den allermeisten Fällen zu. Was unter der Bezeichnung „Primärtherapie“ stattfindet, ist meist absolut hanebüchener Unsinn.645 Aber – wie wir gesehen haben – hat es auch unter seiner eigenen Verantwortung schlechte Primärtherapeuten gegeben – zumindest einen, wie ich an Leib, Seele und Portemonnaie erfahren mußte. Es gibt eine riesige Amplitude in der Qualität von Primärtherapie: von etlichen Selbstmorden bis hin zu wahren Wundern. Janov hat versucht, seine Therapie hin zur einfachen Wahrheit zu wenden. Die „falschen Gefühle“ seien, so hat er sich wieder und wieder geäußert, die größte Schwierigkeit in seiner Therapie. Er hat aber mit seiner Heilspropaganda, die besonders wirksam Präskriptionen induzierte, selbst für diese „gespielten Gefühle“ gesorgt. – Diese Geisel ist er nie wieder losgeworden. Es gibt ein paar gute Ansätze verschiedenster psychologischer Schulen. Deren Schnittmenge ist die Wahrheit, die ihre Kunden in ihren Praxen äußern können. Deswegen können wir uns also gleich auf die Tiefenwahrheit als dem gemeinsamen Nenner aller dieser Verfahren, wenn sie etwas Sinnvolles bewirken, einigen. Nur Tiefenwahrheit ist das Verfahren der Entfremdungsaufhebung und Eignerstärkung. Wenn der Eigner auch in der Tiefenwahrheit nicht mehr vollständig wiederhergestellt werden kann, d.h. wenn die tiefsten und schlimmsten Traumata auch in der Tiefenwahrheit nicht oder nicht vollständig verschmerzt werden können, so liegt das an einer Sache, mit der Reich und Janov es schon beide zu tun gehabt hatten. Janov schreibt dazu, Reich lobend und würdigend, im „Urschrei“ – nachdem er ihn wegen seiner „bizarren sexuellen Konzeption“ kritisiert –: „Aber wenn wir von diesem ausgeprägten sexuellen Aspekt einmal absehen, zeigt sich, daß Reich der primärtheoretischen Auffassung nahekommt [Janov zitiert jetzt Reich]: ‚Wir denken dabei an das ‚Erkalten‘ der Kinder, die erste und wichtigste Erscheinung bei der endgültigen Sexualunterdrückung im 4. bis 5. Lebensjahr. Dieses Erkalten wird im Beginn immer als ein ‚Todwerden‘ [sic] oder ‚Eingepanzert-‘, ‚Eingemauertwerden‘ erlebt. Später mag in dem einen oder anderen Fall das Gefühl des ‚Gestorben-‘ oder ‚Totseins‘ durch überdeckende psychische Funktionen zum Teil kompensiert sein, etwa durch oberflächliche Heiterkeit oder kontaktlose Geselligkeit.‘646 Ich glaube [fährt Janov fort], daß Reich von den Anfängen der Neurose spricht. Das ‚Totsein‘, das Überdecken mit einer Abwehr usw. ist das, was ich der Primärszene zuschreibe. Selbst das Alter des Beginns ist ähnlich.“647 Janov hätte hier auch aus Reichs „Charakteranalyse“ zitieren können, wo es – wenngleich auf nicht ganz so tiefer Ebene – um das „NEIN-NEIN“ und die „Unfähigkeit des Organismus, JA zu sagen“ geht.648 In der Psychiatrie ist das Phänomen
des„Arc de cercle“ bekannt.649
Für Reich liegt in diesem der Ausdruck die
Lebensverneinung schlechthin650.
Noch nach langer Zeit in der Therapie, wenn es diese „oberflächliche Heiterkeit oder kontaktlose Geselligkeit“ schon lange nicht mehr gibt, kommt dieses Totsein immer noch vor. Reich hatte es tatsächlich mit der Oberfläche zu tun. Dennoch denke ich, daß Reich und Baker auch schon in Tiefen gestoßen waren, wenn sie vom „Haken“ sprachen. Es steht meist mit dem verlorengegangenen Kontakt zur Mutter (Major-Tom-Syndrom) in Verbindung; das führt zum Absterben und kann wohl nie wieder vollständig verschmerzt werden. Das führt dann dazu, daß man – auf einer noch oberflächlicheren Ebene, aber die Analogie sei trotzdem erlaubt – wie Ernst Jünger auf dem Sterbebett eben doch noch zum katholischen Glauben zurückfindet: Der Haken hält dich fest, du wirst zurückgezogen. Auf einer tieferen Ebene heißt das: Du kannst dich nie wirklich von einer Frau lösen, mit der du die Erfahrung einer Bindung gehabt hast. Vielleicht symbolisierte Jünger seine Mutter mit der Jungfrau Maria. Janov kann es natürlich als Wissenschaftler nicht lassen, auch noch im Zusammenhang mit einem solch dramatischen existenziellen Geschehen wie dem Sterben am lebendigen Leibe von „Neurose“ zu sprechen. Was „das Alter des Beginns“ anbelangt, hat Janov aber in der weiteren Arbeit mit seinen Patienten bald nach dem „Urschrei“ (1970) erfahren, daß dieses Erkalten, Abstellen, Absterben meistens weit vor dem „4. bis 5. Lebensjahr“ stattfindet. Es ist übrigens kurios, daß Reich ausgerechnet an seiner „sexuellen Konzeption“ stur festgehalten und immer darauf geachtet hat, daß sie, die er für den wesentlichen Teil seiner Theorie hielt, von seinen Schülern nicht verwässert wird. Ein Bauchgefühl und pure Spekulation läßt mich hier einen Zusammenhang mit seiner jüdischen Herkunft vermuten. (Siehe Kapitel 7.2.1.16. Mögliche Ursachen für die Entstehung Sigmund Freuds Theorie von der „infantilen Sexualität“.) Aber Janov, der ja auch Jude und mit Freuds Sexualtheorie ausgebildet war, hat diese ja in den 1960ern ganz leicht fallengelassen. Dieses sture Festhalten haben eigentlich alle Reichianer übernommen, es ist ihr Lackmustest des Nicht-Verrats am Propheten; sie alle beeilen sich zu schwören, die Lehre weiter reinhalten zu wollen. Das trifft auf Nasselstein in dem Moment nicht zu, wo er von der „reich‘schen Orgasmustheorie, also [dem] Wesentlichen, [dem] einzig wirklich Originellen an Reichs Werk“651 spricht. Diese Theorie halte ich auch nicht für falsch – in der Tiefe der menschlichen Kommunikation liegt der wahre Sinn des Lebens –, nur glaube ich nicht, daß Orgontherapie „orgastische Potenz herstellen“ kann (siehe Kapitel 7.2.1.10. Reich’scher Energiemechanismus und Normativismus). Garantiert AOC-débloquiert652 Auch die oberen Segmente sind wichtig!653 Für mich ist aber bei Reich „das Wesentliche“, was bei Nasselstein nur als „zweiter zentraler Aspekt“ rangiert: die Selbstregulation. Aus der Selbstregulation folgt auch „orgastische Potenz“ – und nicht umgekehrt, wie das Reich eben auf seine mechanistische Art erzwingen wollte. Warum hat nun Reich mit seinem Propheten Freud solch einen Wert daraufgelegt, die Lustgefühle von Kleinkindern zu sexualisieren, also z.B. Oralität als Ausdruck von etwas Geschlechtlichem zu verstehen? Es könnte im Zusammenhang mit einem traumatischen Ereignis im Leben Wilhelm Reichs stehen. 7.2.1.15. Wilhelm Reichs unverschmerztes Trauma. Zusammenhang mit Sex-Besessenheit, Theorie einer „infantilen Sexualität“ und Kapitulation als Therapeut Jenes Ereignis bestand darin, daß Reichs Mutter, zu der eine liebevolle Verbindung bestand, eine sexuelle Affäre mit Reichs Hauslehrer hatte, die er – das steht für seine spätere Frau Ilse Ollendorf fest – an seinen tyrannischen und eifersüchtigen Vater verriet, worauf sich die Mutter das Leben nahm654 und einen qualvollen Tod starb – worauf sich dann wiederum auch noch der Vater das Leben nahm.655 Ich stütze mich auf die Ereignisdarstellung des Reich-Schülers, -Patienten und -Biographen Myron Sharaf656 und einen dort von Sharaf zitierten selbstanalytischen Text Reichs657, in dem sich Reich als „Patienten“ und „20-jährigen Technikstudenten“658 bezeichnet. Sharaf ist der Meinung, daß „[…] der Vater über den Ehebruch der Mutter“ auf diese Wiese „erfahren hatte: [Reich] selbst sei es gewesen, der den Vater in Kenntnis gesetzt habe. Die wahrscheinlichste Version ist die, daß er gegenüber dem Vater Andeutungen gemacht hat. In einem strengen Verhör gelang es diesem dann wohl, die volle Wahrheit aus dem Sohn herauszupressen. Danach konfrontierte er ihn direkt mit der Mutter.“659 Daß der 12-, eigentlich aber 13-jährige660 Reich eine große Rolle in der Sache gespielt hat, ist wohl erwiesen; die These vom „strengen Verhör“ wird von Reichs Ehefrauen Eva Lindenberg und Ilse Ollendorf bestritten; vielleicht wollte Sharaf Reich entlasten, führt aber selbst dieses Bestreiten in einer Fußnote an. 661 Reich war nach dem Geschehen der Meinung, daß er die Tragödie hätte verhindern können, was „zu unser aller Unglück“ aber „ausblieb“. Und zwar sei es nur er allein gewesen, so dachte er, der die Tragödie noch hätte abwenden können: Sein ausgebliebenes Intervenieren sei die „einzig mögliche Rettung!“662 gewesen. Darin mag er recht gehabt haben, aber die Tragödie selbst ist nicht von ihm in Gang gesetzt worden. Sharaf resümierte alles so: „Die Art, wie Reich seine Eltern verloren hatte, war […] eine tragische Kette von Ereignissen, in denen der Sohn eine tragende Rolle spielte und an deren Ende der Selbstmord beider Eltern stand.“663 Besagter selbstanalytischer Text Reichs lautet wie folgt (Hervorhebungen von Reich):Über die Anfänge des werdenden Verhältnisses [zwischen der Mutter und dem Hauslehrer] bin ich nicht genau orientiert, da mir nichts aufgefallen war. Aufzumerken und die Angelegenheit zu verfolgen, begann ich erst, als ich die Mutter eines Nachmittages, als der Vater schlief, in sein [des Lehrers] Zimmer gehen sah. Teils neugierig erotische, teils von Furcht erfüllte Gedanken (der Vater könnte aufwachen, weiter dachte ich nicht) erfüllten mich in dem Moment. Und von dem Tage an spielte ich fortwährend Aufpasser und Verfolger, auch aber Verteidiger zu gleicher Zeit gegen etwaige Überraschungen von Vaters Seite. Den Grund dieses meines Handelns kann ich mir nicht erklären. Entweder war es der unbewußte Haß gegen den Vater oder der sexuelle Kitzel, Mitwisser eines so schaurigen Geheimnisses zu sein, der mich Vater gegenüber schweigen ließ. Ich glaube, daß beide Momente an diesem Verhalten gleichmäßig beteiligt waren. […] Als dann Mutter (oh, welchen Beiklang erhält jetzt dieses Wort!) aus dem Zimmer trat […] mit geröteten Wangen und irrem, unsteten Blick, da wußte ich: jetzt war es geschehen […]. Ich wollte weinend, wie ich in der Ecke, von einem Schrank geschützt, dastand, auf die Mutter stürzen, doch auch das blieb aus, zu unser aller Unglück, denn ich trage die Überzeugung in mir, daß mein Anblick knapp nach der Tat sie zur Besinnung gebracht hätte. Dies war die einzig mögliche Rettung. Was mich damals zurückhielt, ich vermag es nicht zu sagen, doch im selben Moment keimte in mir Mitleid mit dem Vater auf und mit verbissenen Zähnen schlich ich von dannen. (Ich zählte 11 ½ bis 12 Jahre). Kurz nach Weihnachten verreiste Vater auf drei Wochen, und da erlebte ich das Schrecklichste, das Widerwärtigste, das sich tief in mein Fühlen und Denken eingrub. […] Gleich in der ersten Nacht (ich hatte gespannt kein Auge geschlossen) hörte ich Mutter vom Bette steigen und – der Ekel schnürt mir die Kehle!! – durch unser Zimmer nur mit dem Schlafgewand bekleidet, auf Fußspitzen schlüpfen. […] Ich sprang vom Bett und schlich nach; frierend und zähneklappernd vor Angst, Schreck und Kälte schlich ich mich bis an die Türe heran, die nur angelehnt war, und lauschte. Oh gräßliche Erinnerung, die mir das Andenken an die Mutter in den Staub zerrt, ihr in mir ruhendes Bild immer von neuem mit Dreck und Unflat beschmutzt! Muß ich denn alles sagen? Die Feder sträubt sich, nein, mein Ich, mit ganzer Kraft dagegen, und doch, ich will und muß es tun! […] Ich hörte Küsse, Flüstern, die fürchterlichsten Geräusche des Bettes, und darin lag meine Mutter. Und drei Meter dahinter stand ihr Kind und hörte ihre Schande. Plötzlich Ruhe, offenbar hatte ich in meiner Aufregung Geräusche gemacht, dann beruhigende Worte seinerseits und dann, dann wieder, oh! ([der Analytiker und Aufsatz-Schreiber Reich über den Text des „Patienten“:] Letzterer Absatz, besonders letzte Worte, scheinen in höchster Aufregung geschrieben, wirr, mit dicken Federstrichten.)Nur Ruhe, Ruhe, dieser nervenaufpeitschenden Tragödie gegenüber. Übermenschliches leisten! Nur objektiv urteilen, welcher Hohn! Solch ein Vorsatz!! Ich erinnere mich aus jener katastrophalen Nacht nur so viel, daß ich zuerst ins Zimmer stürzen wollte, doch vom Gedanken zurückgehalten wurde: sie könnten dich töten! Hatte ich es doch gelesen, daß der Liebhaber jeden Störenden dahinmache, und mit wilden Phantasien im Hirn schlich ich in mein Bett zurück, an Frohsinn geschädigt, im Innersten zerrissen für mein ganzes Leben! So ging’s nächtlich, stets schlich ich nach und wartete bis gegen Morgen. Allmählich gewöhnte (!!!) ich mich daran, der Schrecken schwand, und die erotischen Gefühle gewannen die Oberhand. So beschäftigte mich einmal der Gedanke, hineinzustürzen und von der Mutter (Pfui!) den Koitus zu verlangen mit der Drohung, ich würde es dem Vater erzählen.“664 (Ende des Reich- bzw. des „Patienten“-Textes) Kurze Zwischenbemerkung von mir, PT: Die „Drohung“ wäre eher eine Erpressung gewesen. Ich, PT, zitiere jetzt Sharaf: „Reich faßt den Patientenbericht zu den Auswirkungen der Affäre so zusammen: ‚Dann erfolgte ein ausführlicher Bericht über den Tod der Mutter, die sich unter tragischen Verhältnissen nach Entdeckung des Verhältnisses durch den Vater vergiftete.‘“ 665 (Kursiv wieder von Reich) Zum Selbstmord der Mutter schreibt Sharaf: „Robert [Reichs Bruder] fragte sich später oft, warum seine Mutter sich mit einem einfach Haushaltsreiniger, so etwas wie Lysol, vergiftet hatte, wo doch viel wirksamere Mittel zur Hand waren. Er vermutete, daß sie Leon [den Vater] lediglich erschrecken wollte, damit er aufhörte, sie zu quälen.“666 Aus dem angedachten Schrecken wurde aber Entsetzen: „Cecilia [die Mutter] starb unter tagelangen, qualvollsten Schmerzen unter den Augen der hinzugeeilten [Groß-]Mutter. Was Willy dabei durchmachte, können wir nur ahnen.“667 Sharaf schreibt jetzt weiter über Reichs Patientenbericht bzw. Selbstanalyse: „[Reich] geht nicht weiter auf die unmittelbare Wirkung des Selbstmordes auf den Patienten ein, außer mit der Bemerkung: ‚Nach dem Tod der Mutter hat sich sein Verhältnis zum Vater zusehends gebessert.‘ Der Analytiker zitiert den Patienten, der schreibt, daß er nunmehr seines Vaters ‚bester Freund und Berater‘ geworden sei.“668 Der Vater hat das Geschehen – natürlich! – nie verwinden und verschmerzen können und hat sich, wie zuvor die Mutter, auch umgebracht. Sharaf schreibt dazu: „Als Reich etwa 17 Jahre alt war, zog sich der Vater eine Lungenentzündung zu. Beide Söhne waren der einhelligen Überzeugung, daß sie absichtlich provoziert war. Nachdem er eine hohe Lebensversicherung abgeschlossen hatte, setze er sich stundenlang ungeschützt der eiskalten Witterung aus, wobei er zu fischen vorgab, um so an einer Krankheit zu sterben, da bei einem offensichtlichen Selbstmord den Söhnen die Versicherungssumme vorenthalten worden wäre.“669 – Endlos traurig… (Sharaf: „Aus mir unbekannten Gründen wurde die Versicherung allerdings dennoch nicht ausbezahlt.“) Der Leser wird jetzt eine gute Vorstellung davon haben, wie brutal das alles die Seele des 13-jährigen Wilhelm Reichs durcheinandergebracht und verletzt hat und was das für ihn bedeutet haben mag. Das ist aber natürlich nicht vorstell- und darstellbar. Doch es dürfte feststehen, daß diese Tragödie eine weitreichende Wirkung auf Reichs weiteres Leben gehabt hat. Sharaf dazu: „Eine so tragische Episode konnte sehr wohl den Stimulus für eine Entwicklung enthalten, die der Psychoanalytiker Erik Erikson unter dem Begriff faßt: ‚eine Rechnung, die niemals beglichen werden kann und bis ans Ende des Lebens eine existentielle Schuld bleibt‘.“670 Inwiefern die Episode speziell und konkret mit Reichs Sexualität und mit der Rolle, die die Sexualität in seinem Werk gespielt hat, zu tun hat, weiß ich nicht; es könnte aber sein. Für mich ist nur eines absolut klar: Obwohl Reich schon 12 bzw. 13 war, handelt es sich hier um ein Trauma – also eine kaum, zumindest sehr schwer zu verschmerzende Verletzung –, das ihn auseinandergerissen und gespalten hat. Reich verfügte in diesem Alter schon über einige kognitive Verarbeitungsfähigkeiten, aber das konnte ihm auch nicht viel helfen, da das eigentliche, nämlich emotionale Verarbeiten ja nicht stattfinden konnte. (Als Hilfsperson hätte die herbeigeeilte Großmutter mütterlicherseits fungieren können; wir wissen nicht, wie lange sie sich nach dem Ereignis noch auf dem reich‘schen Gut aufgehalten hat. Ob es dann zu einer Verschmerzung gekommen sein könnte, ist zweifelhaft). Gleichzeit aber bestand in diesem fortgeschrittenen kognitiven Entwicklungsstand auch die Anlage dafür, daß er das Kognitive nicht nur nicht für die Verarbeitung, sondern im Gegenteil für die unmittelbare Verdrängung und spätere damit zusammenhängende intellektuelle Symbolisierung eingesetzt hat. (Wenn Reich zum Zeitpunkt des Traumas jünger gewesen wäre, hätte er mehr körperlich verdrängt.) Insofern kann es mit der späteren Falscheinschätzung der Sexualität möglicherweise doch in Verbindung stehen. Zu diesem möglichen geistigen „Ausagieren“ scheint aber auch noch ein körperliches gekommen zu sein: „Wahrscheinlich trat der Hautausschlag erst nach dem Tod der Mutter zu ersten Mal auf. […] Er litt unter diesen Hautausschlägen sein Leben lang.“ (Sharaf671) Womit das Trauma aber mit Gewißheit in Verbindung steht, ist, wie gesagt, die Spaltung. Sharaf schreibt dazu: „In der Fallgeschichte schreibt Reich, wie der ‚Patient‘ mit zwei gegensätzlichen Impulsen zu kämpfen hat: einerseits mit dem Wunsch, alles dem Vater zu erzählen, um Mutter und Lehrer zu treffen, auf der anderen Seite mit dem Wunsch, seine Mutter vor der Rache des Vaters zu schützen. Die bloße ‚Andeutung‘ gegenüber dem Vater ist der Kompromiß. Das Ergebnis ist vernichtend und läßt das Ausmaß der Schuldgefühle und Gewissensbisse ahnen, die das Kind und den Heranwachsenden gequält haben mögen. Noch in den 1930er Jahren wachte Reich manchmal nachts auf, überwältigt von dem Gedanken, seine Mutter ‚ermordet‘ zu haben.“672 Die „Impulse“ waren aber nicht nur „gegensätzlich“, sondern gingen wahrscheinlich kreuz der Quere: „Es spricht manches dafür, […] daß es sich [bei dem zum Liebhaber gewordenen Hauslehrer nämlich ausgerechnet] um jenen bei den Kindern so beliebten Lehrer handelte.“ (Sharaf673) Besonders bei Wilhelm war er sehr beliebt, und Wilhelm nahm alles begierig von ihm auf. (Vor allem vermittelte dieser Lehrer dem jungen Reich die Begeisterung für die Naturwissenschaften.) Das würde alles noch zusätzlich erschwert und verkompliziert haben. „Somit hätte das Kind eine entscheidende Rolle beim Verlust zweier äußerst wichtiger Personen in seinem Leben gespielt.“674 Sharaf meint hier Mutter und Lehrer – den Vater vergißt er an der Stelle. Es wäre eine außerordentliche Zusammenballung intellektueller und emotioneller Ereignisse“, fährt Sharaf fort, „wenn Reich die Sexualfunktionen bei Tieren und Menschen von dem Mann gelehrt bekommen hätte, der mit seiner Mutter diese Affäre hatte.“675 Diese „Zusammenballung intellektueller und emotioneller Ereignisse“ meinte ich gerade, als ich von der „kognitiven und emotionalen Verarbeitungsfähigkeit“, vor allem aber – da die Verarbeitung nicht stattfand – von der „Verdrängung und später damit zusammenhängenden intellektuellen Symbolisierung“ sprach. Dazu weiter Sharaf, vielsagend: „Das Studium der Sexualfunktionen über den Hauslehrer war [nach der ganzen tragischen Affäre] beendet, Reich nahm es aber wenige Jahre später wieder auf, ohne jemals wieder davon loszulassen.“676 – Damit scheint Sharaf meinen Verdacht zu bestätigen, die ganze Tragödie könnte mit Reichs großem Interesse an der Sexualität zusammenhängen, dieses Interesse jedenfalls zusätzlich befeuert haben. Es sei aber ausdrücklich auf Reichs großes Interesse an Sexuellem schon vor der Tragödie hingewiesen. Ob dieses Interesse im autonom Individuellen begründet war – Reich war stets (narzistisch?) stolz auf dieses Interesse, interpretierte es (korrekt?) als Merkmal seiner Gesundheit – oder im (jüdischen, wie ich spekulierte) heteronom Kulturellen, kann ich nicht sagen. Wenn Reichs ideologische Sexbesessenheit vielleicht auch nicht tragödien- und traumabedingt war, so war dieses Sexuelle jedenfalls – nicht naturwissenschaftlich, sondern – existenziell von großer Bedeutung und hat auf jeden Fall zumindest in großem Maße zur Spaltung beigetragen. Dazu noch einmal Sharaf in psychoanalytischer, nichtsdestotrotz sachlich einwandfreier Manier, wobei er das Reich‘sche ??? ???? (tohuwabohu) auf sage und schreibe vier verschiedene Ebenen verteilt beschreibt: „Oberflächlich betrachtet, gehörte die Mutter als Ehefrau Leon [dem Ehemann]. Auf einer anderen Ebene mag sie Willy durchaus zu verstehen gegeben haben, daß sie ihn seinem brutalen Vater vorzog. Aber wieder auf einer anderen Ebene suchte sie Leon und nicht Willy auf, wenn sie Sexualität wollte. Und dann – als die größte, die intime, erregende und erschreckende Diskrepanz – hatte sie eine Affäre mit dem Hauslehrer und stieß damit sowohl den machtvollen Vater als auch den sie anbetenden Sohn von sich. Dies waren sehr schwierige emotionelle und verstandesmäßige Puzzles für einen kleinen Jungen.“677 Aber die Mutmaßungen über einen ideologisch-obsessionellen Zusammenhang können nur dann zutreffend sein, wenn Reich als 13-jähriger tatsächlich schon kein „kleiner Junge“ mehr war und über nicht mehr nur „geringfüge“ Maße an Sexualhormonen verfügte. Das ist aber ziemlich wahrscheinlich. Andernfalls könnte aber auch eine Amalgamierung von sexueller und präsexueller Lustgewinnung vorliegen, da die entsprechenden Gehirnareale benachbart sind. Reich als Analytiker, der er war, ist der Sache selbstverständlich auch selbst nachgegangen. Daran ändert die Tatsache nichts, daß er die „dramaturgisch bis zur Unkenntlichkeit verschleierte öffentliche Darstellung“678 auch privat fast geheim hielt und den bereits erwähnten Selbstanalyse-Artikel in einem „etwas obskuren sexologischen Journal“ veröffentlichte, „während die anderen frühen Arbeiten allesamt in psychoanalytischen Fachzeitschriften publiziert worden waren“, so Sharaf, und weiter: „Reichs Verschleierung verfehlte ihre Wirkung nicht. Außer seiner Tochter [Eva] wußte niemand von all den Leuten, mit denen ich gesprochen habe, daß es sich um eine autobiographische Selbstanalyse handelt. Die meisten kannten den Artikel nicht einmal.679 […] Reich listete zwar den Aufsatz getreulich in seiner Bibliographie, bezog sich aber in späteren Schriften nie darauf, noch erwähnte er ihn meines Wissens je mündlich – ganz im Gegensatz zu seinen anderen Frühschriften, die er durchweg häufig erwähnte oder zitierte.“680 Hier scheint doch eine gewisse Repulsion vorgelegen zu haben, von der aber Laska nie etwas erwähnt. Laska zitiert zwar in seiner Reich-Rororo-Bildmonographie aus Reichs Selbstanalyse-Artikel, es könne aber „hier nicht weiter darauf eingegangen werden“681 – ein schwerer Fehler angesichts der riesigen Bedeutung des dort geschilderten Sachverhaltes. Ganz abgesehen davon, daß Laska offenbar nicht an Reichs Heldenstatus kratzen will, ist er als intellektueller Kriminalkommissar aber generell sowieso eher mit ideellen als in der emotionalen Sache liegenden Repulsionen beschäftigt. Es ist auf dem intellektuellen und ideengeschichtlichen Schlachtfeld, daß Laska die Repulsionen wittert, aufspürt und glänzend dekonstruiert, nicht im „affektiv-emotionalen Bereich“. So nicht Reich, der also jedenfalls trotz aller Verheimlichung selbst, als er „22 oder 23 Jahre alt und schon praktizierender Therapeut war“682, tatsächlich als Analytiker seine traumatische Erfahrung thematisierte. Er tat dies in dem genannten Selbstanalyse-Artikel. Ob er es auch in den therapeutischen Sitzungen im Rahmen seiner beiden begonnenen Analysen getan hat, wissen wir nicht, aber es spricht nicht viel dafür. Dagegen spricht die kurze Dauer dieser nach wenigen Wochen schnell wieder abgebrochenen Therapien mit den Analytikern Isidor Sadger und – später – Paul Federn. Und es spricht auch die geringe Wahrscheinlichkeit, daß sich Reich gleich am Anfang der Analysen einem solchen Trauma geöffnet haben könnte, dagegen. Und noch weniger spricht für eine wirkliche, also auch emotionale Verarbeitung, denn die Zeiten der Katharsis in der Analyse – die „heroischen Zeiten der Psychoanalyse“ (Adorno) – waren längst vorbei; es herrschte das Verbale. Sharaf: „Wir wissen nicht, warum die Analysen so schnell beendet wurden. Vielleicht hatte er – wie auch der Patient in der Selbstanalyse – abgebrochen, weil er Schwierigkeiten hatte, das Trauma anzurühren, und sei es auch nur verbal.“683 Tatsächlich „bricht“ in Reichs autobiographischem Analysebericht der „Patient nach vier Wochen die Analyse ab“ (der er sich „[unterzogen hat], weil er an depressiven Zuständen leidet und zum Grübeln neigt“684), und zwar „als der Punkt erreicht ist, wo er notwendigerweise bestimmte schmerzliche [hervorgehoben von mir, PT] Ereignisse aus seiner Pubertätszeit hätte verbalisieren müssen“ (Sharaf685) – vor allem aber fühlen müssen. Reich und seine Therapeuten hätten es hier – falls die tragische Episode Gegenstand einer Therapie geworden wäre – sicherlich mit einem sog. Haken zu tun bekommen haben. Unüberwindliche Hemmungen hat also offenbar nicht nur der „Patient“, sondern – das sollte niemanden verwundern – tatsächlich auch Reich selbst gehabt. In seinem Bericht über die abgebrochene Analyse läßt Reich den „Patienten“ [also sich selbst] „in einem langen Brief an den Analytiker schreiben, was er persönlich [in der Analyse] nicht zu sagen gewagt hätte“ (Sharaf686) und was zum Analyse-Abbruch des fiktiven „Patienten“ und wohl auch des faktischen Reichs geführt hat. Daß das bei Reich selbst ziemlich deckungsgleich gewesen ist, verdanken wir seinem Bericht, der natürlich von Reichs Fähigkeit zur Selbstkritik, von seiner professionellen Seriosität und Strenge und dem zumindest rudimentären Bewußtsein von der ganzen Sache zeugt. Aber Reich konnte nur so ehrlich sein und die Wahrheit sagen, wie ihm das sein emotionaler Panzer gestattete. Die Bedingungen damals waren nicht leicht; die Tiefenwahrheit gab es noch nicht. Auch eine Primärtherapie hätte angesichts der furchtbaren Konstellation selbst bei günstigsten Voraussetzungen scheitern können. Ob nun die Psychoanalyse damals es wenigstens erlaubte, daß Reich seinem Analytiker Isidor Sadger (oder später Paul Federn) tatsächlich solch einen Brief hätte schreiben können, wie er es sich selbst als „Patient“ im Bericht tun läßt, weiß ich nicht; ich vermute: nein. Eher wird der Umstand, daß Reich nicht ein solches, für ein Öffnen notwendiges Vertrauen zu seinen Analytikern herstellen konnte, ein Grund für den Abbruch der Analyse gewesen sein. Ilse Ollendorf schreibt dazu: „Der Grund für den Fehlschlag aller Versuche Reichs, eine persönliche Analyse bis zum Ende durchzuführen, muß, wenn überhaupt, erst in der Zukunft entdeckt werden, und dann von jemandem, der in Tiefenpsychologie ausgebildet ist.“687 – Ich komme zwar nur von der Tiefenwahrheit, aber aus der Zukunft; vielleicht steuere ich etwas zur Entdeckung bei. Ich glaube es nicht, aber vielleicht hätte eine Chance zu einer Verschmerzung der Tragödie bestanden, wenn sich Sigmund Freud seiner angenommen hätte. Reich hat jedenfalls intensiv versucht, Freud als Analytiker zu gewinnen, und von Freud erwartet, daß dieser seinem Wunsch entspricht. Er muß – vielleicht zurecht – gedacht haben, daß nur Freud ihm helfen könnte. Aber Freud hat niemanden aus seinem unmittelbaren Umfeld zur Analyse angenommen. Reich war davon so enttäuscht, daß Freuds Weigerung wohl zu Reichs Bruch mit Freud beigetragen habe könnte. Seine Ehefrauen Ilse Ollendorf und Annie Reich würden das bestätigen: „Annie Reich behauptet, daß Freuds Weigerung, Reich in persönliche Analyse zu nehmen, der Grund für den ernsthaften Bruch war. […] [Ich] neige dazu, Annie Reichs Version des Konflikts zu akzeptieren. […] Freud war für Reich ein Vaterersatz geworden. Die Zurückweisung, als welche Reich sie empfand, war für ihn unerträglich. Reich reagierte auf diese Zurückweisung mit einer schweren Depression. Fast zur gleichen Zeit erkrankte Reich an einer Lungentuberkulose und mußte mehrere Monate in einem Schweizer Sanatorium in Davos zubringen.“ (Ollendorf 688) Weil er also zu der damaligen Zeit niemanden finden konnte, an den er sich mit seinem großen Problem hätte wenden können, schreibt Reich tatsächlich als „Patient“ wenigstens fiktiv in jenem Brief an des „Patienten“ Analytiker (also an sich selbst): „Der ‚Punkt‘, an dem die Analyse nach so kurzer Zeit infolge bewußter [kursiv von Reich] Hemmungen seitens des Patienten scheiterte, beinhaltete ein Verhältnis, das seine Mutter mit einem Hauslehrer gepflogen und das er von seinen ersten Anfängen an beobachtet hatte.“ Reich hätte also, um ein Scheitern der Therapien zu verhindern, „bestimmte schmerzliche Ereignisse“, wie Sharaf sagt, „verbalisieren müssen“. Eigentlich aber hätte Reich Laskas „kognitiv-rationalen Bereich“ verlassen und in Laskas „affektiv-emotionalen Bereich“ übergehen müssen. Reich hätte also im töpfer’schen cisverbal-ciskognitiven „Bereich operieren“ müssen. Natürlich war sich Reich seiner „Hemmungen bewußt“, das hat aber nichts genützt. Ich kenne dieses Phänomen des Verdrängens bei gleichzeitig absolutem Bewußtsein des Verdrängens – es ist trotzdem eine Verdrängung oder zumindest effektive Nichtgestattung. Ich werde das in einem zukünftigen Video thematisieren. Wenn das Reich damals möglich gewesen wäre – im ciskognitiven Bereich zu operieren –, dann hätte er die „(alte) Aufklärung fortgesetzt“ und der Neuen Aufklärung den allergrößten Dienst erwiesen, von dem La Mettrie und Stirner nur träumen konnten. Dazu aber war Reich – sehr verständlicherweise – zu gehemmt; sein Schmerz war dafür viel zu groß, und die Verhältnisse waren viel zu intellektuell, um diese enorme Spaltung und Verwirrung aufzulösen. In der Tatsache, daß Reich diesen Schmerz verdrängen mußte, liegt letztlich auch der Grund, warum der Schmerz in Reichs Theorie und Praxis abwesend ist. Aber auch Laska hätte der Neuen Aufklärung einen größeren Dienst als ohnehin schon erweisen können, wenn er die reich‘sche Repulsion thematisiert und diese selbst nicht auch repulsiert hätte. Doch das machen wir ja jetzt als LSR-Fortführer. Das reich’sche Scheitern bei der Verarbeitung seines Traumas hängt mit seiner Resignation als Therapeut und seiner Aufgabe der Therapie bzw. deren verbleibendem Zweck der Geldbeschaffung zusammen. Laska schreibt von Wilhelm Reich: „Therapie war für ihn hauptsächlich Grundlagenforschung, um fundierte Vorschläge für eine wirksame Prophylaxe machen zu können.“689 Abgesehen davon, daß Reich und Laska offenbar den Mißbrauch und das Ausbeuten von Patienten gutheißen, kommt das doch einer schändlichen Kapitulation gleich, zumal es – wenn man von den Reichianern absieht, die sich am „LBTQ“-Verbrechen beteiligen – offensichtlich überhaupt nie zu irgendwelchen „Vorschlägen“, geschweige denn zu einer „Prophylaxe“ gekommen ist. Beide, Reich und Laska, haben kapituliert und ihre Kapitulation mittels „Prophylaxe“ ausagiert. Die auf Ignoranz basierende Kapitulation wird mit Arroganz überspielt und grenzt dann schon an den „Zynismus von Theologen“, den Laska selbst kritisiert: „[Der Leser des ‚Anti-Seneca‘] möge sich [...] mit Kondylis auseinandersetzen: [...]; kurz: ob das letzte Wort zum Thema ‚Aufklärung‘ (das bisher Kondylis sprach) im Endeffekt auf dasselbe hinausläuft, was zynische Theologen schon immer wußten“690 : Dieses Laska-Zitat stellte ich 1998 meinem Aufsatz „Auschwitz, das Ende und die Fortführung der Aufklärung“ voran, und zwar – weil es so schön dazu paßte – neben dieses Zitat von Pierre Guillaume: „Diese Freidenker-Führer würden also nicht nur ihren Namen zu unrecht tragen, sondern sie hätten auch das Ansehen des Freidenkertums und der Vernunft (das ist der Titel der Wochenzeitschrift, in der die Mitteilung veröffentlicht worden ist – La Raison) vernichtet. Sie würden nun zur Schande der Freidenker und zum Gespött der Öffentlichkeit: bis hin zu den Prälaten der katholischen Kirche, die sich eins ins Fäustchen lachen werden in saecula saedulorum. Amen.“691 Das Guillaume-Zitat war dessen Aufsatz „Die Freidenker und das freie Denken“692 entnommen, der sich dem Umgang seitens mancher Anarchisten, Freigeister und „Freidenker“ mit Geschichtsrevisionisten widmete. Diese hatten sich vor lauter Freiheit und Aufklärung plötzlich als brave Gottesleute entpuppt. (Übrigens war schon Wilhelm Reich in den 1950ern Revisionist, man ersetze nur „wissenschaftlich“ durch „historisch“: „Jede Zusammenarbeit mit dem Gericht wegen der Verfügung [Verbot des Orgonakkumulators und der orgonomischen ‚Werbetexte‘] würde im Grunde genommen bedeuten, dem Gericht zuzugestehen, über wissenschaftliche Arbeiten zu urteilen, und das kam für Reich überhaupt nicht in Frage.“693) Laska schrieb 1978: „Ich möchte hier bitte nicht falsch verstanden werden: ich habe nichts gegen Therapie, wenn sie nach gründlicher Ausbildung verantwortungsvoll ausgeübt wird; aber ich bin der Meinung, dass der Trend zur Überbetonung der Therapie zu Lasten der Bemühungen zur Durchsetzung prophylaktischer Massnahmen, wie er in den meisten Gruppen, die sich noch mehr oder weniger auf Reich berufen, zu verzeichnen ist, einem Ausweichen vor den wahren und wesentlichen Problemen entspricht.“694 – Es kann ohne das individuell-aktuelle Bemühen keine „Durchsetzung prophylaktischer Massnahmen“ geben (was das für „Maßnahmen“ sein sollen, dazu hat Laska nie etwas geschrieben). Wir haben schon gesehen, daß das eine das andere bedingt. Im Gegenteil scheint mir klar, wer hier wovor „ausweicht“. Ausgewichen ist auch Reich – vor den Folgen des Verrats an der Mutter – und hat nie Hilfe gefunden, damit umzugehen. Er muß sich in einer Weise geschämt und ein schlechtes Gewissen entwickelt haben, wie es kaum vorstellbar ist. Wahrscheinlich hat er sich auch jünger gemacht, um sein Schuldgefühl zu lindern. Nicht nur hat er Verrat an seiner geliebten Mutter begangen und – so mußte er es empfinden – sie in den Tod gebracht, sondern er hat sie gerade gegenüber jenem Vater verraten, den er überhaupt nicht geliebt, eigentlich verachtet und gefürchtet hat – dem er eigentlich nie ein Geheimnis anvertraut hätte. Auch der Scham dafür ist er ausgewichen. Sharaf vermutet hierin auch einen Grund für Reichs sehr bewegtes Leben, das ihn bis zum Weltraumkanonier brachte: „Ein Leben voller Gefahren konnte ihn des inneren Druckes entheben, der belastenden Schuld der Vergangenheit.“695 Und durch die Nichtverarbeitung reproduzierte Reich, so Sharaf, weiter Schuld: „[Eine Freundin] starb bei einer illegalen Abtreibung. Sollte dies der Fall gewesen sein, so müßte dieses Ereignis ihn tief berührt haben. Wir wissen, daß er sich an dem Tod seiner Mutter mitschuldig fühlte. Nun wiederholte sich in den tragischen Folgen seiner (außerehelichen) Beziehung zu dieser Frau die tiefe Verstrickung in Schuld.“696 Schuldig und beschämt konnte er sich auch aus weiteren Episoden heraus gefühlt haben, wie z.B.: „Er durfte als Kind nicht an den Dorffesten teilnehmen. Als er einmal nachts den Tanz beobachtete, warf ein Bauernjunge einen Stein nach ihm. Willy erzählte es seinem Vater, der daraufhin den Vater des Jungen schlug.“697 Da der Grund des Verratsdramas mit etwas Sexuellem in Verbindung stand und Reich diese Katastrophe nie verarbeitet hat, könnte es sein, daß in Reichs Gedankenwelt das Sexuelle eine solch große Dimension angenommen hat. Das ließ ihn von sich selbst annehmen, er hätte im Alter von fünf Jahren, also lange vor seiner Pubertät, bereits keine „sexuellen Geheimnisse“ mehr gehabt. Es kann sein, daß Reich sexuell, wie Stirner es gesagt hätte, „besessen“698 war und von daher auch bei anderen überall nur Sexuelles sah. Auch Reichs Ehefrau aus den 40er Jahren, Ilse Ollendorf, stellt den Zusammenhang von Nichtverarbeitung und Reichs Abbruch seiner Therapien her: „Die Tatsache, daß Reich nicht imstande war, dieses Problem zu lösen, ist vermutlich ein Grund dafür, warum er niemals erfolgreich seine eigene Analyse beenden konnte. Es gab gewisse Probleme, denen er nicht ins Auge sehen konnte.“699 Reich war aber andererseits auch schon vor der Katastrophe sehr an Sexuellem interessiert. Auf noch einer anderen Seite hat es schon vorher auch schwere Verletzung von Seiten des Vaters gegeben. Ich kann mich Sharafs Verniedlichung nicht anschließen: „Es ist schwer zu sagen, ob die ersten 12 Jahre der Kindheit Reichs besonders ungewöhnlich verlaufen sind. Ein autoritärer Vater und eine sehr junge – sehr geliebte – Mutter wäre nichts sonderlich Bemerkenswertes für diese Zeit.“700 Mit seiner Besessenheit – Freud nannte es „Reichs Steckenpferd“ 701 – kann Reich auch versucht haben, eine große Verwirrung hinsichtlich der Sexualität loszuwerden. Sex-Bejahendes und Sex-Verneinendes standen in seiner Jugend in starkem Kontrast. Sharaf schreibt zu Reichs auffälliger Verurteilung des Sexuellen unter bezug auf Reichs Selbstanalyse: „[Reich tendiert] noch als Zwanzigjähriger dazu, seiner Mutter eher die Schuld zuzuweisen als sich selbst. Sie hätte es nicht tun dürfen; sie ‚beschmutzte‘ sich. Sicher, er ‚hätte die Ehre retten sollen‘, indem er sie ‚überrascht‘ hätte, aber vor allem hätte sie die ehebrecherische Beziehung nicht eingehen dürfen.“702 Die Verurteilung des Sexuellen durch den jungen Analytiker Reich ging weit: „Tatsächlich beschließt Reich die Fallgeschichte [seine Selbstanalyse] auch mit der These der Notwendigkeit der Latenzperiode. Diese These setzt die Unterdrückung des kindlichen Inzestwunsches durch die Identifikation mit dem Vater für eine gesunde Entwicklung des Jungen voraus.“703 Gleichfalls nur eine These meinerseits ist, daß auch Reichs Konzept der „autoritären Familie“704 mit seinen Erfahrungen als Kind erklärt werden könnte. „Der Vater wird als ein ziemlich brutaler, jähzorniger Mann beschrieben.“ (Ilse Ollendorf705) Im Selbstanalysetext schreibt Reich dazu: „Von seinem Vater war er [Reich] sehr streng erzogen worden, mußte immer mehr leisten als die anderen, um den Ehrgeiz seines Vaters, der nach tüchtigen Kindern ging, zu befriedigen, […]. Die Mutter schützte ihn oft vor tätlichen Ausschreitungen des Vaters.“706 Aufgrund einer weiteren Nichtverarbeitung, nämlich die der Erfahrung eines sehr „autoritären“ Vaters, war Reichs Konzept von der „autoritären Familie“ vielleicht eine unberechtigte Verallgemeinerung. Seine extreme Unterwerfungsgeste unter den ungeliebten Vater könnte wegen der Scham dafür zu einer fixen Idee „autoritär“ geführt haben, die durch den mit der Unterwerfung verbundenen schweren Verlust der Mutter zementiert worden ist. Reich scheint das Autoritäre durch Identifikation mit dem Vater übernommen zu haben: „Beide Brüder scheinen die Neigung des Vaters zu jähzornigen Ausbrüchen geerbt zu haben.“ (Ilse Ollendorf 707) Später ließ er das Konzept der „autoritären Familie“ fallen: „Gegen Ende seines Lebens hob er dann vor allem Leons [des Vaters] positive Eigenschaften hervor, ohne die düsteren Aspekte überhaupt noch zu erwähnen.“ (Sharaf708) Falls es keine über das Geschilderte hinausgehende Traumata in Reichs frühkindlichem Leben gegeben haben sollte – was nicht sehr wahrscheinlich ist –, dann gehört aber seine Beschneidung auf jeden Fall dazu. 7.2.1.15.1. Reichs Heimatverlust als Verletzung Ich möchte noch einen weiteren Aspekt nicht vergessen, der sicher nicht annähernd so traumatisierend war wie die „nervenaufpeitschende Tragödie“ (Reich), die „tragische Kette von Ereignissen“ (Sharaf) um den Verrat seiner geliebten Mutter an den autoritären Vater, aber dennoch in seiner Bedeutung nicht unterschätzt werden sollte: Der junge Wilhelm Reich hat nicht nur seine Eltern auf solch dramatische Weise verloren, sondern wenig später auch noch seine Heimat. Reich war sehr natur-, erd- und heimatverbunden.709 Geboren „in Dobzau710 [ukr. ?????????], einem kleinen Ort im östlichen Teil von Galizien“, 52 km von Lemberg entfernt, zog Reichs Familie kurze Zeit nach der Geburt in die Nähe des „Städtchens Jujinetz“711 um. Das befindet sich in der nördlichen Bukowina (Buchenland), 228 km südöstliche von Lemberg, 40 km entfernt vom berühmten Czernowitz, wo u.a. Paul Celan, Erwin Chargaff, Erich Goldhagen (der Vater von Daniel Goldhagen712) und der jüdische Holocaustrevisionist J. G. Burg713 geboren wurden, Wilhelm Stekel zur Schule ging und Martin Buber, Artur Rubinstein und Joseph Schumpeter wirkten. Der ukrainische Wikipedia-Eintrag von Jujinetz nennt den „österreichischen und amerikanischen Psychoanalytiker Wilhelm Reich“ als ehemaligen Bewohner.714 Diese Zeilen stammen von dem buchenländischen, deutsch-assimilierten jüdischen Lyriker Alfred Sperber: Entrücktes Leben, unvergeßner Tag:
Der Buchenwald – ich weiß es noch ganz genau,
Wie ich als Kind in seiner Lichtung lag,
Und eine weiße Wolke schwamm im Blau…715
Reichs Vater wurde in Jujinetz Teilhaber an einem landwirtschaftlichen Betrieb, dessen Viehzuchtbetrieb er zuerst, den Rest bald alleine übernahm716 (während der Compagnon, Josef Blum, ein Onkel seiner Frau, sich „anderen Unternehmungen“ widmete und es bald „bis zum Multimillionär brachte“717, also in der Finanzwirtschaft untergekommen war. Eine Tochter von Josef Blum war Klara Blum, die eine andersgeartet tragische Lebensgeschichte hatte718). Ilse Ollendorf: „Er sprach oft mit einem gewissen Heimweh von seinen Kindheitsjahren auf dem Gut. Er erinnerte sich besonders gern an die jungen, ukrainischen Mädchen, die seine Kindermädchen waren, an ihre Erdgebundenheit und an die Wärme, mit der sie ihn hätschelten und kosten. Er erinnerte sich an die Volkslieder, die sie oft sangen, und an die Volkstänze, an denen er manchmal teilnahm. […] Er erinnerte sich daran, wie er stundenlang über Felder ritt, um die Ernte zu überwachen; er erinnerte sich an den Duft der Felder und des frischgemähten Heus. Aber er ist niemals auf das Gut zurückgekehrt, nachdem er es verlassen hatte.“719 Der postreichianische Therapeut und Reich-Biograph David Boadella setzt wehmütig drei Punkte, um die Bedeutung der Heimat für Reich zu unterstreichen: „Den Ort seiner Kindheit hat er nie wieder besucht …“720 Zwar „fühlten sich die Reichs stark mit Deutschland verbunden, […] hatten sich aus der [jüdischen] Tradition gelöst und legten großen Wert auf deutsche Kultur“721, aber von einer Assimilation in das ukrainische Leben konnte keine Rede sein, von diesem apartierten sie sich streng ab – nicht anders, als es auch die religiösen Juden wie die Freuds in Galizien getan haben, von deren Situation Marianne Krüll schreibt: „Das Städtl war eine vollständig autonome Gemeinde. Die Juden hatten zwar geschäftlich Kontakt mit Nicht-Juden, dennoch war ihr Leben völlig getrennt von dem der polnischen oder ukrainischen Bevölkerung ringsum, von der sie mit viel Mißtrauen betrachtet wurden. Denn die Juden hatten andere Bräuche, feierten andere Feste, heiligten nicht einmal den Sonntag, sondern den Sabbat am Samstag. Und auch die Juden mußten aufgrund ihrer Bräuche den sozialen Kontakt mit Nicht-Juden meiden. So waren sie beispielsweise durch die Speisevorschriften gezwungen, nur in einem Haus mit ‚koscherer‘ Küche zu essen. Ein gläubiger Jude muß die 613 ‚Mizvot‘, die Gesetze, die die Bibel vorschreibt, einhalten.“722 Wilhelm und seinem Bruder Robert wurde es verboten, „mit den ukrainischen Bauernkindern der umliegenden Gehöfte zu spielen“ – aber auch „mit den Kindern der traditionell-jüdischen Familien aus dem nahe gelegenen Ort“723. – Die nicht-religiösen Reichs waren ganz und allein auf die damals zur europäischen Macht aufstrebenden deutschen Kultur orientiert – und ähnelten darin den religiösen Freuds. Daß die Reichs und später Wilhelm immer weniger an das Judentum gebunden waren, darin sind sich alle Biographen einig. Sharaf: „Reich betonte anerkennend, daß sein Vater nicht religiös gewesen sei und lediglich aus Rücksicht auf die orthodoxe Verwandtschaft einige jüdische Rituale einhielt; […] daß [der Vater] das Gut mit modernen Methoden geleitet habe; daß er kein ‚Parasit‘ gewesen sei, sondern arbeitender Grundbesitzer.“724 Reich ging in seiner antiparasitären Haltung sehr weit, machte dabei sogar vor seiner Oma, die in den tragischen Tagen zur Hilfe herbeigeilt war, nicht halt: „Bürgerliches Parasitentum war für ihn verächtlich. […] Man berichtete mir, daß er jede Hilfe mit der Rechtfertigung verweigerte, da Großmutter [Roninger] ihr ganzes Leben nie gearbeitet und nur von der Arbeit anderer gelebt hätte, so daß es nur gerecht sei, wenn sie jetzt ins Armenhaus gehen müsse. Er wäre gern bereit, die alte Köchin Soscha zu unterstützen, solle sie einmal Hilfe benötigen.“ (Ilse Ollendorf725) Ich habe irgendwo gelesen, daß die Grabmale der Reich-Eltern dann schließlich doch mit hebräischem Text versehen worden seien, weil das „so üblich“ gewesen sei, aber das stimmt nicht.726 Obwohl die Reichs österreichische Staatsbürger waren, war Vater Leons Ideal der deutsche Kaiser, und er nannte seinen Erstgeborenen nach diesem.727 Reichs Eltern waren säkularisierte Juden, die sich mit der deutschen Aufklärung identifizierten.728 Der Reich-Biograf David Boadella schreibt: „Fest steht jedenfalls, daß seine jüdische Herkunft seinen Lebensweg in weit geringerem Maße beeinflußt hat, als es zum Beispiel bei Freud der Fall war.“729 Laska: „Obwohl beide Eltern jüdischen Familien entstammten730, hatten sie sich aus der Tradition gelöst und legten, als Assimilierte, sogar besonders großen Wert auf deutsche Kultur. In der Familie wurde nur deutsch gesprochen, und die Kinder […] durften weder mit den ukrainischen Bauernkindern der umliegenden Gehöfte noch mit den Kindern der traditionell-jüdischen Familien aus dem nahe gelegenen Ort spielen.“731 – Das spricht nun wieder gegen eine wirkliche Vergemeinschaftung bzw. Eingemeindung und eher für eine rassistische Apartheid, wie wir sie später in „Israel“ sehen werden. Noch mehr mit der Erde verwachsen scheint Reich nach dem Tod des Vaters 1914, als „der siebzehnjährige Wilhelm die Leitung des reich‘schen Gutes übernommen“ hat (Laska732). Doch das sollte nur ein Jahr währen: „[Reich] führte neben der Schule her das Gut, bis es im Krieg 1915 [von den Russen] verwüstet wurde.733 […] Reich erzählte später seiner Tochter [Eva], wie das Gut im Krieg verlorenging. Im Sommer 1915 waren plötzlich überall Russen, und die Felder brannten. Reich rannte ins Haus, wo sich eine der Bediensteten ruhig ihr Haar kämmte [mit größter Wahrscheinlichkeit eine Ukrainerin, also Kleinrussin]. ‚Die Russen sind hier‘, schrie er, und sie flohen.“ (Sharaf734) Mit „sie“ sind die Brüder Willy und Robert gemeint, die in Wien landeten. Immerhin gab es dort auch die Großmutter (mütterlicherseits) Josephine Roninger.735 Kurze Zeit später wurde Reich „zum Kriegsdienst eingezogen. […] Es scheint, daß er die Militärzeit – zumindest bis kurz vor Kriegsende – ohne größeren Widerwillen erlebte.“ (Sharaf736) Ich nehme an, der Krieg hat ihn von seinen inneren Problemen abgelenkt, vermeintlich sogar erlöst und bei deren Verdrängung geholfen. Jedenfalls: „Als Reich aus dem Kriegsdienst entlassen wurde, war er heimat- und mittellos.“ (Laska737) Dieser Verlust der Heimat – des eigenen Bodens – und die Vertreibung sollten in einem Psychogramm Reichs als prägend nicht fehlen. Aber vielleicht überbewerte ich das. 7.2.1.16. Mögliche Ursachen für die Entstehung Sigmund Freuds Theorie von der „infantilen Sexualität“ Janov hatte damit, daß er die Traumata in erlebnsimäßigem Kontext und den Schmerz wegen der Versagung des Liebesbedürfnisses in das Zentrum stellte, große Fortschritte gegenüber Reich gemacht. Er spaltete das Liebesbedürfnis nicht in bestimmte Entwicklungsphasen auf und koppelte es nicht reduzierend an bestimmte „Lustzonen“. Reich war darin Freud gefolgt, aus „Lustzonen“ im oralen, analen und genital-, aber prä-sexuellen Bereich sexuelle Zonen zu machen, wie wir es bereits in Kapitel 7.2.1.12.1. Ist Wilhelm Reich für das Grassieren der Pädokriminalität mitverantwortlich? Die Folgen des Geredes von der „infantilen Sexualität“ und an anderen Stellen besprochen haben. Dem Patienten war doppelt verunmöglicht, seine Traumata zu verschmerzen, weil sie losgelöst von seiner existenziellen Phänomenologie betrachtet und außerdem sexualisiert wurden. Dadurch wurde der Patient von seinem Therapeuten auf komplett falsche Fährten gebracht. Das war der eignerfeindlichen Vorgaben zu viel. Janov entsexualisierte und existenzialisierte zu Recht das Liebesbedürfnis des Bäuchlings, Säuglings und Kleinkindes; sein Ohr war für entsprechende Erzählungen der Patienten offen. Doch wie kam Freud überhaupt dazu, die Bedürfnisse des Kleinkindes zu sexualisieren? Zunächst hatte er das auch gar nicht getan und ging von keiner „infantilen Sexualität“ aus. Genau aber im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffigkeiten von Erwachsenen gegenüber Kindern und Traumata, die daraus resultierten, „entdeckte“ er jene „infantilen Sexualität“. 7.2.1.16.1. Freuds anfängliche „Verführungstheorie“: Kinder haben nichts Sexuelles; sie werden bei Übergriffigkeiten seitens Erwachsener von diesen nur „verführt“ – und dabei traumatisiert Ein Teil von Freuds anfänglicher Theorie aus den 1890er Jahren war die sog. Verführungstheorie. Freud legte diese Theorie in „drei Schriften zur Verführungstheorie“ 738 nieder, die 1896 veröffentlicht wurden. Dieser Theorie zufolge litten manche Kinder und spätere Erwachsene, weil sie zu Opfern sexueller Übergriffe und Belästigung geworden sind. „[Der ursächliche Einfluss der Formung des Geistes durch Erfahrung] ist die vorzeitige Einführung von Sexualität in die Erfahrungswelt des Kindes, welche zu Traumata führt, da die damit verbundenen Affekte und Gedanken nicht integriert werden können. Erfahrungen solcher Art, meist noch im Alter unter 4 Jahren, [konnte Freud] bei all seinen damaligen Patienten ausmachen.“ (Wikipedia739) Diese Theorie beruhte auf klinischen Beobachtungen an Patienten, aber auch auf Beobachtungen in Freuds eigner Familie, vielleicht sogar auf eigenen Erfahrungen Freuds, die bei Selbstanalysen zu Tage getreten sein könnten. Freud ging hier also noch nicht von einem Vorhandensein „infantiler Sexualität“ aus, doch im Begriff „Verführungstheorie“ klingt bereits an, daß das Kind über Sexualität verfügen muß, denn: Wie kann es sich sonst verführen lassen? Wir wollen aber nicht vergessen, über welche manipulative Macht ein Erwachsener verfügen kann, wenn er Böses im Schilde führt. Aus dem Begriff spricht mindestens eine gewisse Ambiguität, die daraus resultieren könnte, daß, falls die „Verführungstheorie“ tatsächlich auch auf Freuds eigenen kindlichen Erfahrungen basiert, Freud sich an einem solchen Geschehen mitverantwortlich und dafür schuldig gefühlt haben könnte. Dann könnte er den Angriff im Nachgang nicht mehr eindeutig nur als einen solchen betrachtet haben. Die Verdrängung der Gewalt hätte sich dann im Begriff „Verführungstheorie“ als eine Verharmlosung von Gewalt widergespiegelt. Wenn sich Freud seiner sicher gewesen wäre, hätte er die Theorie z.B. „Übergriffigkeitstheorie“ oder „Übergriffigkeitstraumatisierungstheorie“ genannt – wie wir sie der Genauigkeit halber auch nennen werden. Mit welchen terminologischen Schwierigkeiten wir es auf diesem Gebiet zu tun haben und daß der neue Begriff „Übergriffigkeitstheorie“ auch nicht präzise ist, sieht man daran, daß die Art der Übergriffigkeit damit noch nicht bezeichnet wäre. Wenn man sagen würde: „Theorie sexueller Übergriffigkeit auf Kinder“, würde das ja auch eine infantile Sexualität implizieren. „Sexualisierende (oder sexualisierter) Übergriffigkeit“ würde bedeuten, daß man einem Kind Sexualität einpflanzen kann. In einem korrekten Begriff müßte die Erfahrung des Kindes enthalten sein, mit einem ihm völlig fremden und monsterhaft erscheinenden Verhalten seitens eines sich in seine intime Persönlichkeitszone eindringenden Erwachsenen konfrontiert zu sehen. Mit einer begrifflichen Ungenauigkeit bzw. Ambiguität seiner Benutzer haben wir es ganz streng genommen auch bei dem Begriff „Mißbrauch“ zu tun. Marianne Krüll sagt m. E. zurecht: „Ich bevorzuge den Begriff ‚Übergriff‘, weil ‚Mißbrauch‘ die Assoziation zuläßt, als sei der ‚Ge-brauch‘ von Kindern zulässig und nur der ‚Miß-brauch‘ zu verwerfen!“740 Eine einigermaßen treffende Definition von „sexuellem Mißbrauchs“ hat Daniel Eidensohn, ein jüdischer Psychologe, der auf dem Gebiet des in der jüdischen Gemeinde besonders verbreitet zu scheinenden Problems forscht und Opfer therapiert: „Sexueller Missbrauch bedeutet, ein Kind auf eine Art und Weise zu missbrauchen, die dem Erwachsenen sexuelle Befriedigung verschafft.“741 Die „Verführungstheorie“ oder „Übergriffigkeitstheorie“ war also bereits insofern vom Titel her inkonsequent, als daß Freud seinen Patienten unterstellte, sie ließen sich von übergriffigen Erwachsenen „verführen“. In der Tat muß ein Laie etwas verwirrt sein und könnte denken, daß die bald folgende Änderung der Freud’schen Theorie mit dem berühmt-historischen „Widerruf der Verführungstheorie“ erste eine „Verführungstheorie“ erbracht hat, weil darin ein Anklang an eine mögliche „infantile Sexualität“ enthalten ist. Aber diese neue Theorie wird die vom „Ödipuskomplex“ bezeichnet. In ihr wird davon ausgegangen, daß Mutter (Iokaste) und Kind (Ödipus) sich gegenseitig sexuell verführen. Hat die „Verführungstheorie“ bereits Elemente der von „infantiler Sexualität“ bzw. von der Ödipustheorie, so illustriert ausgerechnet die Ödipus-Sage aber eigentlich gerade die „Verführungstheorie“ bzw. „Übergriffigkeitstheorie“, „[d]enn der Vater des Ödipus, Laios, war ein Päderast, der sich der Entführung eines Knaben schuldig gemacht hatte und von den Göttern mit dem Fluch belegt worden war, daß sein eigener Sohn ihn töten würde und dann seine Witwe heiraten würde. Es war also kein anonymes Schicksal, sondern die Schuld des Vaters, die Ödipus zum Mörder seines Vaters werden ließ.“ Freud habe „die eigentliche Ödipus-Sage verkürzt, indem er nur die Dramatisierung des Sophokles heranzog. In ihrer vollständigen Version paßt sie viel eher zur Verführungstheorie.“ (Marianne Krüll742) Die Begriffe „Verführungstheorie“ und „Theorie vom Ödipuskomplex“ verschwimmen also ineinander (weswegen ich in der Darstellung Freuds theoretischer Entwicklung etwas vorausgreifen mußte). Am besten entzöge man Freud die Begriffshoheit und spräche nur noch von „Übergriffigkeitstheorie“ und „Theorie von der infantilen Sexualität“. 7.2.1.16.2. Hypothetische eigene Übergriffigkeitserfahrungen Freuds Was an familiären und eigenen Erfahrungen Freuds in die Bildung der Übergriffigkeitstheorie eingeflossen sein könnte, geht vor allem aus Selbstauskünften Freuds hervor. Diese habe ich bei Marianne Krüll gefunden, die ein Buch „Freud und sein Vater. Die Entstehung der Psychoanalyse und Freuds ungelöste Vaterbindung“743 geschrieben hat, und auf dessen Zusammenfassung in zwei Vorträgen ich mich hier stütze, besonders auf den zweiten Vortrag: „Die Revision der Verführungstheorie und die Frage sexueller Übergriffe“744. Frau Krüll vertritt die These, daß diese Erfahrungen Freud bei der Bildung seiner anfänglichen Übergriffigkeitstheorie bestärkt haben. Darüber hinaus spielen diese Erfahrungen aber paradoxerweise auch beim Widerruf dieser Theorie und bei der Bildung der neuen Theorie – die von der „infantilen Sexualität“ – eine Rolle. Sicher ist sich aber auch Frau Krüll nicht; sie formuliert die These in Fragen: „Vermutete [Freud] oder wußte er gar von sexuellen Übergriffen seines Vaters bei seinen Schwestern und dem Bruder? Von seinem Bruder Alexander meinte er in Briefen an Fließ, daß er ‚ein sehr gequälter Neurastheniker‘ (16.8.1895) sei und vielleicht etwas von ‚seiner einstigen Infektion schlummernd‘ (17.9.1899745) in sich trage. Wie und womit soll sich Alexander ‚infiziert‘ haben? Vermutete [Freud] einen Zusammenhang zwischen dieser ‚Infektion‘ und der ‚Perversion‘ des Vaters?“746 Worin nun die Perversion und die Übergriffigkeit des Vaters bestanden haben soll, dazu schreibt Marianne Krüll: „Was ich gefunden habe, was Freud also mit der ‚Perversion‘ seines Vaters gemeint hatte, ist für unsere heutigen Begriffe eigentlich recht harmlos.“ Trotzdem seien aber, so Frau Krüll, die „Vorkommnisse für Freud traumatisierend und prägend“ gewesen, hätten also auch ihren Weg bis in die Theoriebildung gefunden. Was dieses „Traumatisierende und Prägende“ aber wirklich gewesen sein soll, dazu schreibt Marianne Krüll eigentlich nichts. Sie schreibt auch nichts zu dem gewissen Widerspruch von „recht harmlose Perversion“ und „Traumatisierung“. Frau Krüll schiebt zur Untermauerung ihrer These eine Selbstauskunft Freuds nach – der natürlich eine gewisse Aussagekraft zukommt – und zitiert aus einem Brief Freuds vom 21. September 1897 an seinen Freund Wilhelm Fließ: „Dann die Überraschung, daß in sämtlichen Fällen der Vater als pervers beschuldigt werden mußte, mein eigener nicht ausgeschlossen.‘“747 Frau Krülls These scheint immer wieder durch Freud selbst eine gewisse Bestätigung zu finden. Und so spricht Freud in der Tat an zwei weiteren Stellen von des Vaters übergriffiger Perversion: „Leider ist mein eigener Vater einer von den Perversen gewesen und hat die Hysterie meines Bruders […] und einiger jüngerer Schwestern verschuldet.“ (Brief an Wilhelm Fließ vom 8.2.1897748) Marianne Krüll: „[Freud] berichtete Fließ von eindeutig ‚verführerischen‘ Träumen, in denen er ‚einen Vater als Urheber der Neurose zu ertappen‘ suchte.“749 Aber schon mit dem Wort „suchte“ könnte Frau Krüll womöglich eine gewisse Zwanghaftigkeit Freuds andeuten: Hat Freud seinem Vater vielleicht unbedingt ein solches Vergehen andichten wollen? Daß es dieses überhaupt gegeben hat und daß Freud tatsächlich Opfer einer sexuellen Übergriffigkeit seitens seines Vaters geworden ist, dafür scheint vielleicht einiges zu sprechen, aber Beweise dafür gibt es eigentlich nicht. Mit besagter „Harmlosigkeit“ bleibt Frau Krüll sträflich unpräzise. War die Übergriffigkeit so gering, daß kein Trauma verursacht wurde? Doch jede, auch noch so „geringe“ Übergriffigkeit ist traumatisierend. Warum also spricht Frau Krüll überhaupt von „harmlos“, und warum nennt sie uns die Übergriffigkeit nicht? Sie muß sie ja kennen. Auf welchen Erfahrungen und klinischen Beobachtungen aber auch immer Freuds Übergriffigkeitstheorie beruhte – für uns ist allein wichtig, daß er sie als eine aufklärerische Theorie aufgegeben hat und daß er sie, wie es in der Literatur heißt, „widerrief“. Von nun an waren vorpubertäre Kinder für Freud – und infolgedessen für seine Schüler und für eine der einflußreichsten Bewegungen des 20. Jahrhunderts, die Psychoanalyse – mit Sexualität ausgestattet. Die Kinder hatten in Freuds Augen gewissermaßen ihre „Unschuld“ verloren (womit ich natürlich nicht sagen will, daß Sexualität etwas Schuldhaftes ist), haben ihre Eltern zu verführen versucht. 7.2.1.16.3. Freuds Widerruf seiner Übergriffigkeitstheorie („Verführungstheorie“) und Bildung der Theorie von der „infantilen Sexualität“ (vom „Ödipuskomplex“) Im Jahre 1897 verwarf Freud also die Übergriffigkeitstheorie, und „auf die Verführungstheorie folgte, als alternativer Erklärungsansatz, die Theorie der infantilen Sexualität und des Ödipuskonflikts. Die Impulse, Fantasien und Konflikte, die Freud zuvor hinter neurotischen Symptomen aufgedeckt hatte, stammen dieser Theorie zufolge nicht von externen schädlichen Einflüssen, sondern er schrieb sie [nun] ausschließlich der innerpsychischen Welt des Kindes zu.“ Die „Erinnerungen an sexuellen Missbrauch“ waren von nun an „de facto imaginäre Fantasien“ (Wikipedia750). Marianne Krüll schreibt dazu: „‚Praktische Realität‘, d.h. erlittene sexuelle Übergriffe, sind nicht mehr alleinige Ursache für Symptome, sondern ‚erfundene, fantasierte Traumen‘, die das Kind entwickelt, um sein ‚kindliches Sexualleben‘, seine ‚autoerotische Betätigung‘ zu vertuschen. Der Therapeut braucht nun nicht mehr nach realen Vorkommnissen zu forschen, er kann sich mit Fantasien zufriedengeben, denn das Schicksal des Ödipus ist universell: Angeblich hat jeder Knabe sexuelle (libidinöse) Wünsche in bezug auf die Mutter und sucht deshalb den Vater zu beseitigen. […] Nicht mehr ein reales Erlebnis, sondern ein fantasierter Wunsch, den jeder Mensch (wohlgemerkt: jeder männliche Mensch!) hat, wird verdrängt und läßt eine Neurose entstehen – so Freuds neue Theorie. Hören wir noch einmal ihn selbst zu diesem theoretischen Wandel [Hervorhebungen von Frau Krüll]:(Es galt), einen Irrtum zu überwinden, der für die junge Forschung fast verhängnisvoll geworden wäre. Unter dem Einfluß der […] traumatischen Theorie der Hysterie war man leicht geneigt, Berichte der Kranken für real und ätiologisch bedeutsam zu halten, welche ihre Symptome auf passive sexuelle Erlebnisse in den ersten Kinderjahren, also grob ausgedrückt: auf Verführung zurückleiteten. Als diese Ätiologie an ihrer eigenen Unwahrscheinlichkeit […] zusammenbrach, war ein Stadium völliger Ratlosigkeit das nächste Ergebnis. Die Analyse hatte auf korrektem Wege bis zu solchen infantilen Sexualtraumen geführt, und doch waren diese unwahr. Man hatte also den Boden der Realität verloren. Damals hätte ich gerne die ganze Arbeit im Stiche gelassen. […] Endlich kam die Besinnung, daß man […] die Erwartungen revidieren müsse. Wenn die Hysteriker ihre Symptome auf erfundene Traumen zurückführen, so ist eben die neue Tatsache die, daß sie solche Szenen phantasieren, und die psychische Realität verlangt neben der praktischen Realität gewürdigt zu werden. Es folgte bald die Einsicht, daß diese Phantasien dazu bestimmt seien, die autoerotische Betätigung der ersten Kinderjahre zu verdecken, zu beschönigen und auf eine höhere Stufe zu heben, und nun kam hinter diesen Phantasien das Sexualleben des Kindes in seinem ganzen Umfange zum Vorschein.‘“751 Die abgrundtief pessimistische Anthropologie Freuds muß man sich vor Augen führen: Das Kind „vertuscht“ sein „kindliches Sexualleben“ – aber warum? Wo kommt die Scham her? Ist es eine primordiale, vor der nichts anderes kommt? War die Welt von Anfang an zerrissen? Aus „vorzeitiger Einführung von Sexualität in die Erfahrungswelt des Kindes“ und „Perversionen“ sind jetzt „passive sexuelle Erlebnisse“ geworden! Eigenartig nur, daß die Feministin Frau Krüll nur Jungs als Opfer sieht. Oder liegt das nur daran, daß sie sich hier ausschließlich um den Jungen Freud kümmert? Aber sie spricht von den Jungs in der Mehrzahl, also nicht nur von Freud. Natürlich sind beide Geschlechter vom Theoriewandel und den sich daraus ergebenden Folgen betroffen: Hatte es für Freud bisher (kriminelle) Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern gegeben, die für die Erwachsenen sexuell, für die Kinder aber nur übergriffig, gewalttätig und traumatisierend waren, so drehte er jetzt den Spieß um: Freud erklärte, daß die Kinder sexuell seien und sie die Erwachsenen verführten, und das, obwohl er „bei seinen Patienten immer eindeutigere Bestätigungen dafür [fand], daß die Verführungen tatsächlich [von Seiten der Erwachsenen] stattgefunden hatten“ (Marianne Krüll752). Freud hat also offenbar gegen seine eigene Überzeugung und gegen besseres Wissen den theoretischen Wechsel vollzogen. Es war ein Betrug und ein Verrat an seinen Patienten. Inwiefern er sich auch selbst betrogen und verraten hat und deswegen seine Theorie geändert hat, bleibt dahingestellt. Wichtig ist nur eins: Dieser Wechsel sollte Folgen haben, die gar nicht genug überschätzt werden können: „Hieraus resultiere zugleich die allgemeine Nachwirkung der psychoanalytischen Lehrmeinung auf die zeitgenössische, traumaverleugnende Psychotherapie, die solche Verführungsberichte als bloße ödipale Phantasie wahrzunehmen zwinge.“ (Wikipedia753) Das hatte und hat also dramatisch-tragische Folgen für viele Patienten der psychoanalytisch orientierten Therapie. Aber das ging weit darüber hinaus: Die gesamte Kultur wurde von dieser Theorie verseucht, und letztlich profitierten und profitieren auch heute noch Pädokriminelle davon. 7.2.1.16.4. Was war Freuds Grund für den Widerruf der Übergriffigkeitstheorie? Nur daß Freud seine anfängliche Theorie widerrufen hat und es damit den Perversen dieser Welt leichter gemacht wurde, zählt, und nicht, warum er das getan hat (weil er ggf. Bettnässer o. drgl. war). Aber es ist dennoch nicht uninteressant, uns die in Betracht kommenden Gründe für den Widerruf anzuschauen. Es gibt grob drei verschiedene Thesen, die wir nacheinander, aber auch in ihren möglichen Überschneidungen beleuchten werden. 7.2.1.16.4.1. Die Karrierismus-These Der am meisten genannte Grund ist Freuds Karrierismus. Wikipedia: „Nach einigen Jahren gab Freud diese für die damalige Zeit noch wesentlich skandalösere Theorie wegen scharfer Proteste aus der Fachwelt […] auf.“754 Hauptsächlich wird diese These von Jeffrey Moussaieff Masson755 vertreten, auf den wir noch zurückkommen werden. An diese These schlösse sich eine extrem negative Bewertung, ja Verurteilung an: Freud hätte dann aus eiskalten Karrieregründen an der Nichtanerkennung des Opferstatus unzähliger Kinder Anteil. Und er hätte eine Mittäterschaft daran, daß es immer weiter zu neuen Opfern in der pädokriminellen Pandemie kommt, auf dem Gewissen gehabt – soweit er ein solches hatte. Da man davon ausgehen kann, daß Freud ein Gewissen hatte, scheidet diese These eigentlich als nicht korrekt aus. Doch auch im Falle, daß diese am meisten vertretene These nicht zutrifft und Freud nicht wegen karrieristischer Kompromisse seine Theorie geändert hat, hätte Freud auch Schuld auf sich geladen – wenn auch nicht so eine extreme wie in der Karrierismus-These. Aber welche Gründe könnten dann für den Widerruf vorliegen? Und inwiefern würde sich dann Freuds Schuld in welchem Maße verringern? 7.2.1.16.4.2. Die Verdrängungs-These (eigene Übergriffigkeitserfahrungen Freuds) Es gibt Autoren, die den radikalen theoretischen Wechsel nicht mit „der mangelnden gesellschaftlichen Akzeptanz einer solchen These des verbreiteten sexuellen Missbrauchs“756, sondern mit Freuds Biographie und den bereits besagten möglichen eigenen Erfahrungen von Übergriffigkeit in Zusammenhang bringen: Neben Marianne Krüll757 tut das u.a. Alice Miller758. Freud würde die Übergriffigkeitstheorie deshalb aufgegeben hat, weil sie ihn wegen selbst gemachter Erfahrungen zu sehr berührt hat. Dann wäre die These von Frau Krüll zutreffend: daß nämlich sowohl Freuds eigene Erfahrung zum Teil zur Bildung der Übergriffigkeitstheorie beigetragen als auch dann gänzlich zum Widerruf der Übergriffigkeitstheorie geführt hat. Dann könnten wir Verständnis für ihn haben und ihn etwas von seiner Schuld befreien. Marianne Krüll: „Mir scheint, daß die geistige und physische Lähmung, die ihn während des Sommers plagte, Ausdruck für seine Hemmung war, die ‚Perversion‘ seines Vaters wirklich zu erkennen. Durch seine Selbstanalyse kam er dem Geheimnis Jakobs [des Vaters] immer näher, deshalb mußte sein Unbewußtes mit immer größerer Kraft gegen die drohende Aufdeckung ankämpfen. […] Mir scheint daher, daß der eigentliche Grund der Satz war: ‚Mein Vater nicht ausgeschlossen‘! (Dieser Satz ist bezeichnenderweise in der Erstausgabe der Fließ-Briefe weggelassen worden!) […] Inzwischen liegt die vollständige Briefesammlung vor, die – wie ich später darlegen werde – Freuds dramatische Auseinandersetzung mit seiner eigenen Vergangenheit in dieser Zeit der Entstehung der Psychoanalyse noch eindrücklicher als in der früheren, ‚zensierten‘ Ausgabe belegt. Übrigens sind durch die neuen Briefe meine Thesen voll bestätigt worden.“759 Abgesehen davon, daß Frau Krüll hier von einer wirklichen Betroffenheit Freuds ausgeht, obwohl sie vorher gar keinen Beweis dafür gebracht hat – warum aber sollte Freud zuerst seine eigenen Erfahrungen zum Teil zur Grundlage der Theoriebildung gemacht haben, dann aber plötzlich zu viel Schmerz gefühlt haben? Das ist überhaupt nicht überzeugend. Oder sollte ihn seine in der Klinik gewonnene Theorie mit einem mal an das Trauma erinnert haben, weswegen er die Theorie nun nicht mehr aushielt? Er war sich doch der – angeblichen – „Perversion“ seines Vaters die Jahre vor dem Widerruf bewußt. Sollte dieses Bewußtsein im Verlaufe der Zeit nun noch deutlicher geworden und sich immer mehr in Schmerz verwandelt haben, den Freud nun erst verdrängen mußte? Das halte ich für wenig wahrscheinlich. Marianne Krüll schreibt: „Freud beabsichtigte, einen nicht überlieferten ‚Großen Traum‘, den er ‚bis zum Grunde analysiert‘ hatte, in die ‚Traumdeutung‘ aufzunehmen, gab dies aber auf Anraten seines Freundes Fließ auf. In diesem Traum sind – das lassen seine Andeutungen vermuten – Themen enthalten gewesen, die auf seine sexuellen Erlebnisse in Wien und in Freiberg zurückgingen. […] Freud gab auf, in seiner eigenen Kindheit nach Erlebnissen zu forschen, da er das Tabu Jakobs [Freuds Vater] nicht brechen durfte, das ihm in dem Traum am Tag vor dem Begräbnis von seinem eigenen Unbewußten so eindringlich präsentiert worden war. Nach dem Widerruf wurde Freud geradezu überschwemmt von Träumen, die alle in seine Kindheit in Freiberg zurückreichten.“ (Marianne Krüll 760) Laut Frau Krüll, die an einer These festhält, die eigentlich keine Grundlage hat, konnte Freud also zunächst nur eher schlecht als recht verdrängen – bevor er schließlich unter der Last der „Überschwemmung“ doch noch ganz verdrängte. Welcher Art waren die Träume? Hatten sie bezug zu einem Übergriffigkeitstrauma? Es gibt nach wie vor diesen eigenartigen Widerspruch von riesigen Gefühlen einerseits und der von Frau Krüll genannten „Harmlosigkeit“ andererseits. War die „recht harmlose Perversion“ noch harmloser und am Ende gar keine Perversion? Doch wenn kein Trauma vorlag, was könnte dann ein biographiebezogener Grund für den Widerruf sein? Kann es eine andere Motivation als die Verdrängung eines – dann – Phantomschmerzes gegeben haben, „das Tabu Jakobs nicht zu brechen“? Um was für ein Tabu könnte es sich dann handeln? Als ob Frau Krüll ähnliche Fragen hätte, weicht sie jetzt auf ein anderes Gebiet aus, doch dazu später. Fakt ist: Der Vater war präsent, er spielte eine zentrale Rolle in der Causa. Mit den unschuldigen, traumatisierten Patienten verschwand auch der Vater aus der Theorie. Die Patienten verschwanden, weil der Vater verschwinden mußte. Der Widerruf scheint wirklich etwas mit dem Vater zu tun zu haben. Die Eliminierung des Vaters scheint das Hauptmotiv für den Theoriewechsel zu sein. Der Vater wäre dann nicht mehr aufgrund seines Vergehens gegenüber dem Sohn eliminiert worden, sondern aus einem anderen Grund. Es sieht wirklich nicht so aus, als habe der Grund für die Eliminierung in einer Traumatisierung und anschließenden Verdrängung Freuds gelegen. Warum mußte aber dann der Vater aus den Aufzeichnungen verschwinden? Was wäre dann der Grund für die Bildung der Theorie von der „infantilen Sexualität“ gewesen? Reine, nur inkorrekte Wissenschaftlichkeit? Wenn wir an die haarsträubende Begründung der neuen Ödipustheorie denken – siehe oben –, dann paßt das nicht zu der Intelligenz, die Freud hatte. Es kann einfach nicht so gewesen sein, wie er nun behauptete. Sollte Freud trotz seiner Intelligenz so weit danebengelegen haben? Seine neue Theorie kann nicht auf wissenschaftlicher Beobachtung basiert haben. Dummheit fällt aus. Ich sehe eher einen affektiven Hintergrund, denn es gehört eine Bösartigkeit dazu, Kindern so etwas zu unterstellen. Könnte diese Bösartigkeit etwa aus Schuldgefühlen für eigene Übergriffigkeiten auf jüngere Geschwister herrühren? Das wäre noch eine weitere These. Aber wir wollen einer anderen, auch von Frau Krüll aufgezeigten und eben schon angedeuteten Piste auf ein anderes Gebiet nachgehen, auf der wir mögliche Gründe für den Theoriewechsel und die Tabuisierung des Vaters bzw. die Einhaltung väterlicher Tabus sehen werden. Aber wir werden auch immer wieder die beiden anderen Thesen beleuchten. 7.2.1.16.4.3. Die Vermächtnis-These („Das Gewicht von dreitausend Jahren“, Israel Shahak) Wenn die bisher genannten Thesen so wenig überzeugend sind – welche weitere These gäbe es dann noch? Eine gäbe es, die aber nicht leicht zu fassen und zu beweisen ist. Am Ende werden wir immer noch im Dunkeln tappen. Diese These aber ist es jedenfalls, weswegen ich die Erforschung der Ursache für die Theorie von der „infantilen Sexualität“ interessant finde. Sie macht den Zusammenhang der „infantilen Sexualität“ mit einem der Hauptthemen dieses Buches – die Aufklärung – ersichtlich. Es könnte sein, daß Freud nicht unbewußt verdrängt hat, sondern daß es ein eigentlich bewußtes Tabu gegeben hat, das Freud nur anfänglich sozusagen im Übermut gebrochen hat und nun wieder bewußt einhalten wollte oder mußte. Dieser Übermut muß das aufklärerische Moment in Freud gewesen sein. Das dann wirkende Tabu könnte nicht seinem eigenen kindlichen Leben und dessen Verletzungen gegolten haben, sondern etwas anderem, jedenfalls Gegenaufklärerischem. Die „Übergriffigkeitstheorie“ hat Freud vielleicht nur aus der klinischen Beobachtung heraus und ohne Bezug auf sein eigenes Leben entwickelt. Vielleicht hat er sie weder aus Karriere- noch aus Verdrängungsgründen, sondern aus einem Grund zurückgezogen, der zwar – wie in der Karrierismus-These – etwas mit Freuds gesellschaftlichen Lage zu tun, aber spezieller mit der Lage in der Diaspora, in der er sich befand. Diese hätte ein nochmal anderes und besonderes Verhalten verlangt als etwa – auf einer anderen, weniger „explosiven“ Ebene – der Umgang mit anderen Professoren. Freud könnte in den späten 1890er Jahren realisiert haben, daß er zu weit gegangen war – nicht gegenüber der Wissenschaftlergemeinde, nicht gegenüber der Öffentlichkeit im Allgemeinen, nicht gegen einen angeblich übergriffigen Vater, sondern gegenüber der Herkunft und der Tradition, in der er stand. Die Aufklärung bedrohte diese Tradition. Und die Übergriffigkeitstheorie war Ausdruck von Aufklärung. Mit ihr griff Freud die brutale und heuchlerische Zivilisation an einer Stelle an, wo diese höchst verletzbar war und zurückschlagen mußte. Hier einen Rückzug zu machen, hat eine andere Dimension als Karrierismus; er würde dann aus tieferen Schichten Freuds Persönlichkeit erfolgt gewesen sein. Aber die dritte These ist natürlich mit der ersten, der Karrierismusthese verwandt. Und so würde der Schuldpegel, wenn diese dritte These zutreffend sein sollte, wieder gegenüber der zweiten, der Verdrängungsthese ansteigen – es wäre ein bewußter und absichtlicher Theoriewechsel gewesen aus Gründen einer Traditions- oder Besitzstandswahrung, dem sehr viele Menschen zum Opfer gefallen wären. Man hätte von Freud erwarten dürfen, daß er sich nicht zum Gefangenen der Tradition macht und sich aus der Gefangenschaft befreit. Ich habe nichts gegen Tradition – ganz im Gegenteil761 –, nur muß diese im Einklang mit der Autonomie des Einzelnen stehen. Marianne Krüll hatte von „für Freud traumatisierenden und prägenden Vorkommnissen“ gesprochen, die sowohl mit der anfänglichen Übergriffigkeitstheorie als auch mit der folgenden Theorie der „infantilen Sexualität“ etwas zu tun haben konnten, aber sie hat dazu nichts weiter ausgeführt und keine wirklichen Belege geliefert. Jetzt begibt sich Frau Krüll für die Begründung ihrer These zum Widerruf überraschenderweise auf ein ganz anderes, nämlich überindividuelles Gebiet. Das würde mit Freuds möglichen individuellen Erfahrungen in keinem direkten Zusammenhang, aber freilich auch nicht unbedingt im Widerspruch zu diesen stehen. Frau Krüll holt quasi weit aus: Um zu verstehen, [weshalb die Vorkommnisse traumatisierend und prägend waren,] müssen wir uns in die Welt des Judentums in Österreich in der Mitte des 19. Jahrhunderts zurückversetzen, in der Freud lebte. Wir müssen sogar noch weiter zurückgehen in die Zeit, als sein Vater Jakob in Galizien – heute Ukraine – im orthodox-jüdischen Milieu heranwuchs. […] Die Spannungen, die sich hieraus für das Kind Sigmund ergaben, können wir nur erahnen.“762 Marianne Krüll beschreibt nun eindrücklich das familiär, kulturell und religiös sehr komplizierte Leben der Vorfahren Freuds im Schtetl, den Wechsel aus Galizien nach Mähren und schließlich nach Wien. – Ich kann nicht anders, als alles, was sich auf diesem Weg ergab, als ziemlich verrückt zu bezeichnen. Das ging über viele Stationen am Ende so weit, daß „Freud sich von Wilhelm Fließ [der die Nase als Sexualorgan betrachtete] an der Nase operieren [ließ], um von seinen Symptomen befreit zu werden.“763 Dieser Irre – Wilhelm Fließ – hatte in zwei Büchern Sachen geschrieben wie: „Die Folgen dieser Beeinflussung [durch abnorme geschlechtliche Befriedigung] sind nicht nur eine sehr charakteristische Schwellung und neuralgische Empfindlichkeit der nasalen Genitalstelle, sondern es hängt von dieser neuralgischen Veränderung auch die ganze Symptomengruppe von Fernbeschwerden ab, die ich als ‚nasale Reflexneurose‘ beschrieben habe. So kommt es, dass alle diese, gewöhnlich als neurasthenisch bezeichneten Schmerzkomplexe durch den Kokainversuch für die Dauer der Kokainisierung beseitigt werden können. Auch durch Ätzung oder Elektrolyse kann man sie für längere Zeit aufheben. […] Von den Schmerzen ex onanismo möchte ich einen wegen seiner Wichtigkeit besonders hervorheben: den neuralgischen Magenschmerz. Er tritt recht früh bei Onanistinnen auf und kommt bei ‚jungen Damen‘ ebenso häufig, wie die Onanie selbst vor. […] Mit dem Satze, dass durch die Onanie eine Veränderung der Genitalstelle der Nase hervorgerufen wird, ist aber die Einwirkung auf dieses Organ keineswegs erschöpft, wenigstens wenn man unter den Genitalstellen, wie wir das bisher mit gutem Grunde getan haben, nur die unteren Muscheln und die Tuberculi septi versteht. Es erleidet noch eine andere Localität der Nase eine typische Veränderung durch die Onanie und zwar ist dies die linke mittlere Muschel, wesentlich in ihrem vorderen Dritttheil … Exstirpiert man gründlich diese Partie der linken mittleren [Nasen-]Muschel, was leicht mit einer geeigneten Knochenzange ausgeführt wird, so schafft man den Magenschmerz dauernd fort.“764 Wikipedia: „Fließ war ein enger Freund und Vertrauter Sigmund Freuds, der an Fließ’ Theorie zur Therapierbarkeit der Dysmenorrhoe [Menstruationsbeschwerden] durch Einwirkungen an der Nasenschleimhaut besonderes Interesse fand.“765 – Könnte es sein, daß es in dem antisemitischen Tropus von einem Zusammenhang von Verrücktheit, Sex und jüdischer Nase einen rationalen Kern gibt? Oder gibt es in der fließ’schen Theorie einen rationalen Kern? Noch heute lassen sich jüdische Frauen die Nase operieren, aber eher aus ästhetischen Gründen und solchen, daß sie von einem gewissen Makel oder von einer Wiedererkennbarkeit befreit werden wollen. In diesem Zusammenhang begegnen wir nun der guten Bekannten und Patientin Freuds Emma Eckstein wieder. Sie – ebenfalls von Fließ an der Nase operiert –, spielt in der Frage der „infantilen Sexualität“ eine große Rolle. Frau Eckstein ist von Freud nach der fließ’schen Operation noch zusätzlich mißhandelt worden. Auf Wikipedia heißt es: „Der Göttinger Psychotherapeut und Lehranalytiker Jürgen Kind macht in seinem 2017 erschienenen, psychoanalysekritischen Buch ‚Das Tabu‘ auf die Aktualität der Freudschen Schuldverleugnung im Fall Eckstein aufmerksam. Hier sei eine ‚Wendung zur Opferbeschuldigung‘ (Freuds unterstellte ‚Sehnsuchtsblutungen‘ [LOL, wenn’s nicht so traurig wäre]) vollzogen worden, die es auch heute noch erlaube, Behandlungsfehler als patientenverursachte Komplikation zu kaschieren: ‚Der Fall Emma Eckstein ist mehr als eine finstere Episode in der Geschichte der Psychoanalyse. Er ist von überragender Bedeutung zum Verständnis einer bestimmten Form des Denkens Freuds: […] [D]er Patient [hat] das, was man ihm antat, unbewusst gewünscht.‘“766 Das Vergehen und die Schuldverleugnung Freuds sollten sich – bewußt oder unbewußt – in Freuds Theoriebildung einschleichen. Marianne Krüll stellt sogar einen Zusammenhang von Freuds Vergehen gegen diese Frau Eckstein und der hypothetischen Traumatisierung durch den Vater her: „Seine Be- (oder besser:) Miß-Handlung von Emma Eckstein weist überdeutliche Beziehungen zu diesen [Freuds] Kindheitserlebnissen auf. Ja, man könnte sagen, daß die gesamte Entwicklung seiner Theorie der kindlichen Sexualität letztlich auf dieser von ihm als Kind unbeantwortet gebliebenen Suche [nach dem Unterschied zwischen Mädchen und Jungen] gegründet ist.“767 Frau Krüll kommt als wieder auf ihre Verdrängungsthese zurück, bringt dann aber einen anderen Grund für den Theoriewechsel: Weil Freud bei Onkeldoktorspielen nicht an das Ziel einer Erkenntnis des Geschlechterunterschiedes gekommen sei, habe er die Theorie der kindlichen Sexualität entwickelt? Das erscheint mir nicht kohärent. Aber vielleicht kann Frau Krüll einfach nur besser als ich besagte Verrücktheit nachvollziehen. Jeffrey Masson „sieht einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Abkehr von der Verführungstheorie und der misslungenen Operation an Frau Eckstein“, bleibt aber bei der Karrierismusthese: „Die katastrophalen Folgen der Operation im Frühjahr 1895 und die Reaktion im Wiener Ärztekollegenkreis hätten Jeffrey Masson zufolge Freud, den eigentlichen Entdecker der gravierenden seelischen Auswirkungen von Traumatisierung durch Kindesmissbrauch, bewogen, diese Entdeckung zu widerrufen.“ (Wikipedia768) Der Grund für den „Widerruf“ lag laut Jeffrey Masson also darin, daß Freud durch sein – und seines Kumpans Fließ – elendiges Nasengepfusche im Grunde schon bei der Hautevolee durchgefallen war und sich nur noch im letzten Moment durch Opferung seiner korrekten Kindesmißbrauchstheorie vor dem Fall von der Karriereleiter retten konnte. Freud habe sich, so Masson, auf kolossale Weise korrumpieren lassen. Die Anerkennung durch die Hohen Kollegen wäre Freud wichtiger als nicht nur das Leid der mißbrauchten Patienten, sondern auch der zukünftigen Patienten gewesen, denen Freud jetzt jede Chance auf eine Verschmerzung nahm: „Hieraus resultiere [nach Jeffrey Masson] zugleich die allgemeine Nachwirkung der psychoanalytischen Lehrmeinung auf die zeitgenössische, traumaverleugnende Psychotherapie, die solche Verführungsberichte als bloße ödipale Phantasie wahrzunehmen zwinge.“ (Wikipedia769) Mit anderen Worten könnte im Widerruf eine Art Anpassung und Verstellung des Juden Freuds gegenüber der deutschen Akademie gelegen haben – dann aber an der denkbar unpassendsten Stelle. Jetzt, wo ein eindeutig positiver Beitrag eines Juden zur deutschen Kultur und zur deutsch-jüdischen Symbiose770 und ein Beitrag zum Tikun Olam771 in einem positiven Sinne772 vorlag – ausgerechnet da hätte der Jude Freud einen Rückzieher gemacht und sich der herrschenden deutschen Lebensfeindlichkeit angepaßt. Marianne Krüll vermutet, daß Vater Jakob und Schlomo (wie Sigmund im Binnenbereich der jüdischen Familie hieß) „einige Geschichten aus der Bibel mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen [haben], weil sie so viele Parallelen zu ihrer eigenen Geschichte aufweisen. Dazu gehörte zweifellos die Geschichte von Jakob und seinen Söhnen. Mit Josef, dem liebsten Sohn Jakobs hat sich Freud immer identifiziert. Wie Josef wurde er ein Traumdeuter und mußte in ein fremdes Land, Ägypten, das für Freud in vieler Beziehung ein Symbol für die ‚andere Seite‘, für die nicht-jüdische Welt darstellte, in die er aufgenommen werden wollte; wie Josef gelangte er in ‚Ägypten‘ zu hohem Ansehen und konnte seinem alten Vater ein Leben im Wohlstand verschaffen. Vor allem aber war Josef ein Sohn, der seinen Vater nicht nach dessen Vorleben fragte oder dieses ihm gar zum Vorwurf machte. Denn der Jakob der Bibel hatte sich mehrfach versündigt – dem Bruder Esau gegenüber, dem er das Erstgeburtsrecht abgekauft hatte, […].“ 773 Doch nicht nur auf der „anderen Seite“, in der „nicht-jüdische Welt“, dem „fremden Land“ Deutschland, dessen Symbol Ägypten war, ging es lebensfeindlich zu. Bei den Juden selbst stand es – schon angefangen mit ihren Beschneidungen – nicht besser. Sollte Freud sich vielleicht genauso gut den jüdischen Professoren wie überhaupt dem Judentum gegenüber angepaßt haben? Auch hier wollte er „aufgenommen werden und zu hohem Ansehen kommen“, jedenfalls nicht exkommuniziert werden. Wenn man sich durchliest, was mit dieser armen Emma Eckstein angestellt wurde (das erinnert an die abartigen Orgonomen aus dem Kapitel 7.2.1.12.2. Bekannt gewordene pervers-schwerstkriminelle Reich-Schüler: Michael M. Silvert, Albert Duvall und Felicia Saxe), kommt man nicht umhin, auf tiefe Traumata in den Kindheiten der Juden Fließ und Freud zu schließen – worin auch immer genau diese gelegen haben mögen – und deren Einfluß auf die Theoriebildungen der beiden Herren in Erwägung zu ziehen. So gänzlich unbegründet, überraschend und herbeigeholt scheint es jetzt tatsächlich nicht mehr zu sein, wenn sich Frau Krüll für die Begründung ihrer Verdrängungsthese von einer möglichen individuellen Traumatisierung Freuds durch einen väterlichen Übergriff entfernt und auf das Gebiet von Religion und Kultur begibt. Sie gibt diesem Thema in der Tat jetzt einen noch größeren Raum als dem hypothetischen Übergriff. Vielleicht liegen ja hier Traumatisierungen, die zwar nicht in Verbindung mit Sexualität standen, aber dennoch für den Widerruf verantwortlich gemacht werden können. Vielleicht lagen Übergriffe auf den kindlichen Eigner Freuds vor, die nichts mit einer angeblichen perversen väterlichen Sexualität zu tun hatten, wohl aber kulturellen Prägungen, die vielleicht nicht weniger pervers waren. Frau Krüll setzt ihre Beschreibung der überindividuellen kulturell-religiösen Verhältnisse der jüdisch-galizischen Herkunft Freuds fort, die bei diesem zu großen Spannungen geführt haben und in denen es, wie sie sagt, drei große Gruppen gab: „Das orthodoxe Judentum existierte in zwei Formen: 1. dem traditionellen Rabbinertum, das ganz darauf ausgerichtet war, die Tradition des Judentums als einer Religion der Gelehrsamkeit, nämlich des Tora- und Talmud-Studiums hochzuhalten, 2. dem Chassidismus, einer mystischen Bewegung, die das einfache Volk anzog, später eine sehr einflußreiche Bewegung im Ostjudentum wurde. Die dritte große Geistesströmung war die Haskala, die jüdische Aufklärungsbewegung.“774 Freuds Vater Jakob wuchs in der chassidischen Strömung auf. Heute ist der Chassidismus vor allem unter dem Namen der chassidischen „Sekte“ Chabad-Lubawitsch bekannt, die äußerst einflußreich, ja eigentlich ein „Imperium“ ist: „Die Chabad-Zentren spielen in Politik, Geopolitik, Finanzen und Wirtschaft eine bedeutende Rolle und sind wichtige Drehscheiben von Geheimdiensten.“ (Pierre Hillard775) 7.2.1.16.4.3.1. Exkurs: Frankfurter Schule, jüdischer Messianismus und das deutsche Über-Wir Wie tief die angeblichen Aufklärungsjuden des 20. Jahrhunderts noch im ethnischen und spirituellen Judentum verwurzelt waren, zeigt sich an Freuds einflußreichsten Nachfolgern, nämlich der Frankfurter Schule. Bei Erich Fromm spielte Chabad-Lubawitsch eine wichtige Rolle: „Der Chabad-Rabbiner Salman Baruch Rabinkow hat mein Leben mehr beeinflusst als jeder andere Mensch. Ich war etwa fünf oder sechs Jahre lang sein Schüler, und wenn ich mich richtig erinnere, besuchte ich ihn in dieser Zeit fast täglich. Den größten Teil der Zeit verbrachte ich mit dem Studium des Talmuds, den Rest mit dem Studium bestimmter philosophischer Schriften von Maimonides, der ‚Tanya‘ von Schneur Salman, der ‚Jüdischen Geschichte‘ von Weiss und der Diskussion soziologischer Probleme. Er zeigte großes Interesse und war mir bei meiner Dissertation sehr behilflich. Rabinkow hat mein Leben vielleicht mehr als jeder andere Mann beeinflusst, und obwohl in verschiedenen Formen und Konzepten, sind seine Ideen in mir lebendig geblieben.“ 776 Zwar „[ist] jede Neurose das Symptom einer infantilen Religion“777, doch für Fromm mußte Religion sein: „[Für ihn] lautet die Frage nicht mehr, ‚ob Religion oder ob nicht?‘, sondern: ‚welche Art von Religion?‘778.“ (Ronald Hinner779) Die angebliche Notwendigkeit von Religion und das das angeblich tiefe Bedürfnis nach einer solchen, das bei Nichterfüllung angeblich ein „Vakuum“ hinterläßt, kennen wir schon vom Juden Günter Kunert aus dem Kapitel 2. Erfüllt LSR den Anspruch, zu einer Neuen Aufklärung beizutragen?, auch wenn sie dort „Irrationalismus, Transzendenz und Metaphysik“ heißt.Das große Hindernis [der] Bewusstseinserweiterung“ – also die Verhinderung einer Freiheit von Religion und die Verhinderung einer quasi-eigner’schen Verfassung – „ist bei Fromm der Narzissmus“780. Mit diesem meint Fromm aber nichts anderes als den „Gruppennarzissmus“, der sich „aufgrund des religiösen Vakuums auf Rasse, Nation und Partei [richtet]“781 – also den kollektiven Eigner der Gojim. Die Gojim müßten, so Fromm, immer an ihre eigenen Interessen denken, das sei „narzißtisch“ (wahrscheinlich auch „egoistisch“) und krank. Das müsse ihnen ausgetrieben, davon müßten sie, um „bewußt“ zu werden, geheilt und befreit werden. Und weil es für Fromm als gescheiterten Aufklärer eine Religion geben mußte, mußte zu dieser Heilung eine Religion her. Dreimal dürfen Sie raten, lieber Leser, welche Religion das war: „Die letztendliche Überwindung des Narzissmus sieht Fromm folgerichtig in der Aufhebung desselben in einer humanistischen Religion mittels einer ‚übernationalen Organisation wie den Vereinten Nationen‘782.“783 Für den gescheiterten Aufklärer Fromm, der es nicht mal zur Haskala gebracht hatte, mußte der Talmudismus als Religion her – also die vorstellbar partikularistischste und rassistischste Ideologie eines ganz besonderen, nämlich auserwählten Volkes –; aber für die Gojim gereichte eine ganz einfache, die universalischste Ideologie, die sogar ein dummer Goi verstand: die von der Menschheitsliebe der weltweiten Menschengemeinschaft: „Liebt euch alle!“ – Das fand der Goi geil; das kam seinem Streben, ein guter Mensch zu sein, entgegen. – Der Globalgoi war geboren. Fromm und sein Volk durften einen Eigner haben, die Gojim natürlich nicht; die sollten eine Menschenmasse bilden, die von den Juden die noachidischen Gesetze als Primi-Universi-Religion verpaßt bekamen. Das waren nur sieben Gesetze, weil die Gojim ja nicht so schlau sind und sich nicht alle 613 merken können – aber auch nicht sollen, denn dann könnten sie ja merken, wie sie von den Juden an der Nase herumgeführt werden. („Du sollst merken!“, Alicja „Alice Miller“ Englard.) Aber die „Frankfurter“ standen nicht nur unter dem Einfluß von Chabad-Lubawitsch wie Erich Fromm, sondern auch unter dem anderer talmudischer Strömungen. Joseph B. Maier, Sohn eines orthodoxen Rabbiners und selbst „Frankfurter“, kommt in seinem Aufsatz „Georg Lukács and the Frankfurt School: A Case of Secular Messianism“784 im Prinzip zum Ergebnis, das Maurice Pinay so zusammenfaßt: „Die Frankfurter Schule ist eine Erweiterung des talmudischen Judentums.“785 Joseph B. Maier zitiert den „jüdischen Historiker Gershom Scholem, der Horkheimers Institut für Sozialforschung als ‚die interessanteste Sekte des deutschen Judentums‘ bezeichnete.“786 Maurice Pinay: „Die Mitglieder der Frankfurter Schule waren besessen von den mystischen Elementen des talmudischen Judentums (dem Talmud, der Kabbala, der Tanya) und der messianischen Strömung, die sich durch die talmudische Ghettokultur zieht und das talmudische jüdische Volk kollektiv als den Messias betrachtet. […] Die Mitglieder der Frankfurter Schule sahen die Geschichte als eine Geschichte der Erfüllung und des Heils, […] das von einer proletarischen Revolution kommen werde. Das Proletariat würde das auserwählte Volk werden (natürlich nur, wenn es von seinen talmudischen Meistern geführt wird). […] Walter Benjamin schreibt in seinem Buch ‚Über den Begriff der Geschichte‘ [das den ‚Möglichkeiten einer Verbindung von historischem Materialismus und Messianismus nachgeht‘787], daß ‚alles auf die Ankunft des jüdischen Messias hinführt‘.“788 Dieser Messias würde freilich, da liegt Pinay falsch, kein Proletarier mehr sein; das Proletariat war den Frankfurtern inzwischen zu völkisch; sie paßten jetzt Old-School-Marx – wie auch Freud – der neuen, die Kollektive zersetzenden Zeit an. Joseph B. Maier: „Walter Benjamin dachte und forschte ‚in Übereinstimmung mit der talmudischen Lehre von den neunundvierzig Bedeutungsebenen in jedem Abschnitt der Tora. […] Benjamins Interesse an der Kabbala wurde zweifelsohne durch seine lebenslange Freundschaft mit Gershom Scholem gefördert und genährt. Im Falle von Lukács und den anderen Autoren der Frankfurter Schule kamen die mystischen und messianischen Strömungen im jüdischen Denken, wie Jürgen Habermas und in jüngerer Zeit mein verstorbener guter Freund und Kollege Werner J. Cahnman gezeigt haben, über den deutschen Idealismus und insbesondere die Philosophie Schellings zu ihnen. In Simmel findet Habermas das andere typisch jüdische Interesse neben dem soziologischen: das Interesse an einer von der Mystik inspirierten Naturphilosophie. ‚In den 1920er Jahren‘, so sagt Habermas, ‚stößt ein Jude in David Baumgardts ‚Franz von Baader und die philosophische Romantik‘ auf die goldene Ader jener für eine Naturphilosophie so bedeutungsschwangeren Spekulationen über die Zeitalter der Welt, die von Jacob Böhme über den schwäbischen Pietismus zu den Tübinger Seminaristen Schelling, Hegel und Hölderlin führen.‘789“790 Habermas: „Im Medium seiner marxistischen Aneignung der jüdischen Mystik verbindet Ernst Bloch Soziologie und Naturphilosophie zu einem System, das heute wie kein anderes vom großen Atem des deutschen Idealismus getragen wird. […] Bloch rekurriert auf Schelling, [...] so waren es auch jüdische Gelehrte (Freunde Walter Benjamins), die Hegels Dialektik der Aufklärung bis zu einem Punkt durchdachten, an dem der fortlaufende Anfang einen Blick auf das noch ausstehende Ende eröffnet: Theodor Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse, allen voran der frühe Georg Lukács.“791 Für den talmudischen Mystizismus der Frankfurter Schule, so Habermas, waren also zum Teil Deutsche verantwortlich. Wenn die Juden etwas von den Deutschen lernten, dann waren es Spinnereien, die ihre Spinnereien bestätigten. Es gab aber auch andere Juden – z.B. Perls und Friedlaender –; die lernten etwas Vernünftiges von Deutschen und lasen keine Mystik, sondern das Buch mit dem „schönsten, jedenfalls deutschesten Buchtitel der ganzen deutschen Literatur […], das Buch eines deutschen Handwerksburschen, […] der mir eine wahre Erquickung zu sein schien: Max STIRNER”792. Die meisten Juden aber heulten herum und beschwerten sich gegen radikale Wahrheiten von Nichtjuden, d.h., wenn diese radikalaufklärerisch wurden. Dann hatten diese, wie La Mettrie, die „jüdischen Synoden“793 zu befürchten. Wenn z.B. für solche Nichtjuden „das Bewusstsein des Menschen der gesamten natürlichen Welt [der patriarchalischen Zivilisation, würde ich sagen] als etwas prinzipiell Anderes gegenübersteht794 […] und die Erlösung des Menschen in radikaler Selbsterkenntnis besteht“, wie es laut Ronald Hinner795 bei den Gnostikern der Fall ist, dann fühlten sie sich auf den Schlips getreten, verstanden überhaupt keinen Spaß mehr und fürchteten, in ihrem Talmudismus, den sie letztlich nie unterwinden konnten, gestört zu werden: „Es kann nicht überraschen, dass Hans Jonas, dessen jüdische Identität sein Werk maßgeblich prägte796, die Polemik der Gnostiker gegen den Judengott nicht gutheißen konnte. Immer wieder ist die Rede von Spott und Verachtung, von Trotz und Protest, und davon, dass die gnostische Gesinnung ‚an dem jüdischen Weltgott ihr ganzes angesammeltes Ressentiment ausließ‘797. Die Polemik gegen die jüdische Tradition sei ‚mit beträchtlicher Gehässigkeit und offenkundigem Genuß‘ betrieben worden, so dass man hier von einem ‚sozusagen metaphysischen Antisemitismus‘ sprechen könne.“798 – Gegen Majestätsbeleidigung hilft natürlich nur die schwerste Keule. Immerhin gibt Habermas nun nicht nur den Deutschen die Schuld für die Abwehr der Radikalen Aufklärung und für die Gegenaufklärung der Frankfurter Schule: „Die Möglichkeit, die Inspiration der Schriften sowohl von Lukács als auch der Autoren der Frankfurter Schule auf die jüdische Mystik und den Messianismus zurückzuführen, wird am deutlichsten in Walter Benjamins letztem, posthum veröffentlichten Aufsatz mit dem Titel ‚Über den Begriff der Geschichte‘ illustriert. Er enthält die ungeschminkte Darstellung der theologischen Denkweise, die ein Markenzeichen all dieser Autoren ist, ihre Vision eines endgültigen Endes, sowohl als finis als auch als telos, der Geschichte und eines Blicks auf das Paradies.“799 Walter Benjamin: „Denn jede Sekunde der Zeit war das schmale Tor, durch das der Messias eintreten konnte.“800 Angefangen hatte das schon bei dem einen Überguru der Frankfurter Schule. Joseph B. Maier schreibt dazu: „Die Philosophie vom Proletariat als auserwähltem Volk war bereits in einem Dokument, dem kommunistischen Manifest, dargelegt worden.“ 801 Maier zitiert Karl Löwith: „Das kommunistische Manifest ist in seinem besonderen Inhalt wissenschaftlich relevant, eschatologisch in seiner Rahmensteckung und prophetisch in seiner Haltung. […] Nur in Marx‘ ‚ideologischem‘ Bewusstsein ist die ganze Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen, während die wirkliche treibende Kraft hinter dieser Konzeption ein durchsichtiger Messianismus ist, der seine unbewusste Wurzel in einem emanzipierten Juden des neunzehnten Jahrhunderts hat, der sich stark antireligiös und sogar antisemitisch fühlte. Es sind der alte jüdische Messianismus und Prophetismus – unverändert durch zweitausend Jahre Wirtschaftsgeschichte vom Handwerk bis zur Großindustrie – und das jüdische Beharren auf absoluter Rechtschaffenheit, die die idealistische Grundlage des Marx‘schen Materialismus erklären. Obwohl zu einer säkularen Prognose pervertiert, behält das kommunistische Manifest immer noch die Grundzüge eines messianischen Glaubens bei: ‚die Gewissheit der Dinge, die zu erhoffen sind‘.“802 Die „absolute Rechtschaffenheit“ können wir gerade im Gasastreifen sehen. Adorno betrachtete die Aufklärung mit großer Skepsis und „dialektisch“. Er kann nicht mehr als Vertreter der Aufklärung gesehen werden. Aber die gesamte Frankfurter Schule und die kritische Theorie waren von Anfang nicht aufklärerisch und steckten tief in Religion und Mystik. Wenn die Frankfurter Schule als Ausdruck der Aufklärung – als später Ausläufer der Haskala – gesehen wird, so kann man erstens nur sagen: Mit dieser Art „Aufklärung“ war es weißgott nicht weit her, und zweitens: Womit haben wir es dann an Aufklärungsfeindlichkeit erst einmal bei den beiden anderen jüdischen Strömungen im Galizien des 19. Jahrhunderts, dem traditionellen Rabbinertum und dem Chassidismus zu tun? Juden, ganz gleich, welcher Ausrichtung, scheinen generell besonders aufklärungsresistent zu sein und scheuen den kompromißlos klaren Gedanken (Nasselsteins „konsequentes Denken“). Das hat ja sogar der Alte Aufklärer Voltaire gewußt und deutlich gesagt.803 Aber ausgerechnet sie spielen sich auf wie die Lichtbringer. Stirner hatte noch die leise Hoffnung, daß ihm Haskala-Juden folgen konnten: „Hätte Ich Juden, Juden von echtem Schrot und Korn vor Mir, so müßte Ich hier aufhören und sie vor diesem Mysterium stehen lassen, wie sie seit beinahe zweitausend Jahren ungläubig und erkenntnislos davor stehen geblieben sind. Da Du aber, mein lieber Leser, wenigstens kein Vollblutsjude bist, – denn ein solcher wird sich nicht bis hierher verirren – so wollen Wir noch eine Strecke Weges miteinander machen, bis auch Du vielleicht Mir den Rücken kehrst, weil Ich Dir ins Gesicht lache.“804 Aber die Hoffnung war unbegründet. Und zwar gar nicht mal bezogen auf die der Haskala fernstehenden „Vollblutsjuden“, sondern auch auf die, die vermeintlich in der aufklärerischen Bewegung ganz an der Spitze standen wie Moses Hess, der Freund von Karl Marx (Stirner bescheinigte Marx immerhin eine „scharfsinnige Gewandtheit“805). Hess war Protozionist, und so waren dann auch die relevanten Zionisten für lange Zeit Atheisten, die sich aber auf die Bibel beriefen, um schließlich im Gasastreifen die Amalekiter ausrotten zu können. „Die ‚Fackel der Aufklärung‘“, so Hess, „sollte nicht nur leuchten, sondern: ‚zünden‘“806. Der Kommunismus nutzte dem Möchtegernaufklärer Hess gar nichts, seine Religiosität hinderte ihn am Verstehen: „Am unzweideutigsten [von den Stirner-Kritikern] spricht erst Heß es aus, daß der Egoist Sünder sei. Freilich gesteht hierdurch auch erst Heß vollständig und unbemäntelt ein, daß er nicht im entferntesten begriffen hat, worauf es in Stirners Buch ankommt.“ (Stirner spricht von sich selbst.807) Adorno sprach im Vertrauen zu Hans G Helms, daß Stirner „den Hasen aus dem Sack gelassen“808 hätte, aber das war dann auch schon das allerhöchste der Gefühle und wurde schnell wieder verdrängt. Leider hat die Frankfurter Schule, als „der American Jewish Congress809 die Lehre vom autoritären Charakter übernahm und dieser beträchtliche Resonanz zuwuchs“810, eine riesige und katastrophale Wirkung auf die hilflos ausgelieferten Nachkriegsdeutschen gehabt. „Der Schlüssel zur deutschen Frage, meint [der Neu-Jorker Psychiater Prof. Richard M.] Brickner, liege nicht im Büro der politischen Experten, sondern im Sprechzimmer des Arztes. […] Der geeignetste Zeitpunkt für den Beginn der Behandlung sei der Tag nach dem Zusammenbruch, da dann die deutsche Seele am empfänglichsten sei.“811 Jetzt ging es mit den perfidesten Methoden an eine in der Geschichte beispiellose „Umerziehung“ bzw. „Charakterwäsche“, wie es Caspar von Schrenck-Notzing in seinem gleichnamigen Buch812 nennt, die wohl kaum noch rückgängig zu machen ist und quasi einen „Haken“ (Reich, Baker) darstellt. Horkheimer wurde die Leitung einer eigens geschaffenen „Abteilung für wissenschaftliche Forschung beim American Jewish Congress übertragen“813, das im „Vorurteil“814 der Deutschen den Hauptfeind sah: „Unser Ziel ist nicht nur, das Vorurteil zu beschreiben, sondern es zu erklären, um bei seiner Ausrottung zu helfen. Ausrottung meint Umerziehung, die wissenschaftlich geplant wird […]. Erziehung in einem strikten Sinn ist aber der Natur nach persönlich und psychologisch.“815 Mit dem „Vorurteil“ aber sind die Deutschen als Deutsche ausgerottet worden. Denn, wie es Reinhold Oberlercher sagt: „Die Ächtung der wohlunterschiedenen Vorurteile zwischen Völkern und Kulturkreisen hat jegliche Art von Urteil rar werden lassen; es herrscht nur noch das eine und absolute Vorurteil, daß man keine Vorurteile haben soll. Unsere Klassiker hatten da freilich eine ganz andere und natürlich richtige Auffassung: ‚So jede zwo Nationen, deren Neigungen und Kreise der Glückseligkeitsich stoßen – man nennt’s Vorurteil! Pöbelei! eingeschränkten Nationalism! Das Vorurteil ist gut, zu seiner Zeit: denn es macht glücklich. Es drängt Völker zu ihrem Mittel-Punkte zusammen, macht sie fester auf ihrem Stamme, blühender in ihrer Art, brünstiger und also auch glückseliger in ihren Neigungen und Zwecken. Die unwissendste, vorurteilendste Nation ist in solchem Betracht oft die erste: das Zeitalter fremder Wunschwanderungen und ausländischer Hoffnungsfahrten ist schon Krankheit, Blähung, ungesunde Fülle, Ahnung des Todes!‘816“817Glücklich, fester auf ihrem Stamme, blühender in ihrer Art, brünstiger“ – das Vorurteil als zum Arsenal der Eigenen gehörend. – Kennen wir das nicht irgendwo her? – Ja, von Stirner: : „[…] die Eigenen [trachten] das stämmige, lebenvolle Einzelne vom Wust der Allgemeinheiten zu entlasten.“818 Perfide war diese enteignende, ethnozidierende, verwelkende, lustlose und in die Allgemeinheit der Menschen führende „Erziehung“ insofern, als den Deutschen, gestützt auf Horrorpropaganda und Beschuldigung819, jetzt „persönlich“ ein fremder Eigner eingeredet wurde, und zwar ausgerechnet im Namen der „Selbstregulierung“: „Ziel war weniger, eine psychologische Formel für jene Haltung zu finden, die zu einem offenen Bekenntnis zum Faschismus führt, als die ‚unbewußten seelischen Bedingungen, unter denen die Massen für eine Politik gewonnen werden können, die ihren eigenen vernünftigen Interessen widerspricht‘820, zu untersuchen.“ (Schrenck-Notzing821) – Seid vernünftig, Deutsche! Erkennt eure wirklichen Interessen – nämlich unsere. In der Art „Wollt Ihr die totale Umerziehung?“ ging der Gestaltpsychologe Kurt Lewin vor: „Man müsse, wenn man den einen oder anderen Aspekt einer Kultur ändern wolle, beachten, daß alles Aspekte einer Kultur miteinander verbunden seien. ‚Um stabil zu sein, muß ein Kulturwechsel mehr oder weniger alle Aspekte des nationalen Lebens durchdringen‘, denn die ‚dynamischen Beziehungen zwischen den verschiedenen Aspekten der Kultur einer Nation – wie Erziehung, Sitten, politisches Verhalten, religiöse Anschauungen – führen dazu, daß jede Abweichung von der bestehenden Kultur bald wieder in die bisherige Strömung zurückgebogen wird‘822. […] Daher sei die ‚restlose Zerstörung‘ der Kräfte, die das alte Gleichgewicht aufrechterhielten, die erste Aufgabe der Umerziehung. […] Es komme darauf an, das neue Gleichgewicht durch Selbstregulierung permanent zu machen. Die Phase der Umerziehung (re-education) müsse in der Phase der Selbstumerziehung (self re-education) fortgesetzt werden.“823 – Man muß neidlos anerkennen: Es ist ihnen gelungen, daß wir uns „selbstumerzogen“, sprich: uns unser Über-Wir selbst eingepflanzt haben, für das sich Laska seltsamerweise nicht zu interessieren scheint. Die Aktion der „Befreiung der Deutschen von sich selbst“ (Michael Wolffsohn824) wurde erfolgreich abgeschlossen. Anti-Stirner Doch der Witz an der Sache ist der: Die uns dazu gebracht haben, waren die ihrem „nationalen Leben“, ihren „religiösen Anschauungen“ treu gebliebenen und ihren väterlichen Autoritäten rettungslos unterworfenen „Frankfurter“. Ausgerechnet die wollten uns jetzt etwas vom „autoritären Charakter“ und vom „strengen Vater“825 erzählen, wobei sie – logo – keinen Schimmer vom nicht-autoritären Charakter hatten: „So klar der autoritäre Charakter beschrieben ist, so unklar ist der nicht-autoritäre Charakter, der schillert wie die große Koalition der Alliierten des Zweiten Weltkrieges.“ (Caspar von Schrenck-Notzing826) – LOL. (Ende Exkurs talmudistische Frankfurter Schule) Wie genau nun sahen die Verhältnisse bei Sigmund Freud selbst aus, dem anderen Überguru des Freudo-Marxismus, dessen Vater Jakob im Chassidismus aufgewachsen war? Jakob stand nicht nur im Bann des Chassidismus, sondern kam auch in die Versuchung durch die Aufklärung („Haskala“). Diese wurde von den orthodoxen und chassidischen Juden als Bruch der heiligen Gebote, als Verrat am Glauben der Väter und am Volk Israel angesehen. Das führte bei vielen „Maskilim“ (den Anhängern der Haskala) zu schweren inneren Konflikten und Schuldgefühlen. Die Aufklärung schien sich schließlich bei Freuds Vater durchzusetzen; Jakob wurde zu einem „Maskil“, die Ehe mit Freuds Mutter wurde vor einem Reformrabbiner geschlossen. Die Aufklärung hatte aber bei Jakob ihre Grenzen, und eine starke Bande der Tradition blieb bestehen – was wir schon von Erich Fromm und den anderen „Frankfurtern“ her kennen. Marianne Krüll: „In dieser Phase des [aufklärerischen] Neubeginns starb Jakobs Vater [Sigmunds Großvater] Schlomo in Tysmenitz (21.2.1856). Jakob war wahrscheinlich nicht beim Begräbnis seines Vaters anwesend, konnte also auch nicht das Totengebet ‚Kaddisch‘ sprechen. Ich habe die Vermutung, daß dieser Verlust für Jakob ein tiefgehendes Ereignis war und daß – wie bei Sigmund Freud 40 Jahre später – der Tod des Vaters in Jakob Schuldgefühle wachrief, mit der Tradition der Väter gebrochen zu haben. Er […] hatte sich aus dem orthodoxen Judentum gelöst, hatte auch vielleicht gegen die strengen Gebote des Glaubens verstoßen […].“ Jakob hatte sich gelöst – aber mit Schuldgefühlen. Gegen diese kämpfte er u.a. damit an, daß er seinem Erstgeborenen drei Monate nach dem Tod des orthodoxen Vaters dessen Namen gab: Schlomo. „Den Tod des Vaters und die Geburt Sigmunds trug Jakob auf einem Gedenkblatt in der Bibel ein, die er seit 1848, dem Jahr der Judenemanzipation, besaß. Von keinem seiner anderen Kinder hat er die Geburt dort verzeichnet. Ich meine, daß dies ein Zeichen für die besondere Bedeutung ist, die Sigmund für seinen Vater hatte.“ (Marianne Krüll827) Jakobs Schuldgefühle wurden also nicht offensiv im Sinne der Aufklärung aufzulösen versucht, sondern indem er wieder etwas unter den Schoß der Religion kroch. Wir haben über ein solch „halbes“, inkonsequentes Verhalten schon bei Myron Sharaf gelesen, wo der „Patient [Wilhelm Reich] mit zwei gegensätzlichen Impulsen zu kämpfen hat: „einerseits mit dem Wunsch, alles dem Vater zu erzählen, um Mutter und Lehrer zu treffen, auf der anderen Seite mit dem Wunsch, seine Mutter vor der Rache des Vaters zu schützen“, und wo „die bloße ‚Andeutung‘ gegenüber dem Vater der Kompromiß [ist].“ Bei Freuds nun bestand der Kompromiß darin, daß der kleine Schlomo von Vater Jakob von Anfang an eine gewisse Entwicklungsrichtung aufgebürdet bekam. Schlomo-Sigmund sollte trotz aller haskalischen Reformen für Kontinuität und Treue sorgen. Daß daraus für das Kind, den Heranwachsenden und den Erwachsenen Freud „Spannungen“, die „wir nur erahnen können“ (M. Krüll), erwachsen mußten, hatten wir schon gesagt. Joseph B. Maier dazu: „In den mitteleuropäischen jüdischen Gemeinden tobte oft ein Kampf zwischen den Vätern und Söhnen über die Ziele des Judentums und die Zukunft des jüdischen Volkes.“828 Maier zitiert im Anschluß aus Hannah Arendts Essay über Walter Benjamin: „Wenn überhaupt, dann war [Benjamins] Einstellung typisch für eine ganze Generation deutsch-jüdischer Intellektueller, obwohl es wohl keinem anderen so schlecht ging. Ihre Grundlage war die Mentalität der Väter, erfolgreicher Geschäftsleute, die von ihren eigenen Leistungen nicht allzu viel hielten und davon träumten, dass ihre Söhne zu Höherem berufen waren. [‚Ich werde jedes notwendige Opfer bringen, damit du ein großer, anerkannter und berühmter Mann werden kannst‘, sagte Lukács‘ Vater829] Es war die säkularisierte Version des alten jüdischen Glaubens, dass diejenigen, die ‚lernen‘ – die Tora oder den Talmud, also Gottes Gesetz –, die wahre Elite des Volkes waren und nicht mit so vulgären Beschäftigungen wie Geld verdienen oder dafür arbeiten belästigt werden sollten. Das soll nicht heißen, dass es in dieser Generation keine Vater-Sohn-Konflikte gab; im Gegenteil, die Literatur dieser Zeit ist voll davon, und hätte Freud in einem anderen Land und in einer anderen Sprache gelebt und seine Untersuchungen durchgeführt als in dem deutsch-jüdischen Milieu, das ihm seine Patienten lieferte, hätten wir vielleicht nie von einem Ödipuskomplex gehört. Aber in der Regel wurden diese Konflikte dadurch gelöst, dass die Söhne für sich in Anspruch nahmen, Genies zu sein, oder, im Falle der zahlreichen Kommunisten aus wohlhabendem Hause, sich dem Wohl der Menschheit zu widmen – auf jeden Fall nach Höherem zu streben als dem Geldverdienen –, und die Väter waren mehr als bereit, dies als Entschuldigung dafür gelten zu lassen, dass sie kein Geld verdienten.“830 Frau Arendt sagt, die Theorie von der „infantilen Sexualität“ konnte nur in einem „deutsch-jüdischen Milieu“ entstehen. Der Kontext läßt schließen, daß die deutsche Komponente – die Aufklärung jedenfalls – den Verdienst an dieser fortschrittlichen Theorie gehabt habe, daß sie aufklärerisch sei. Ich denke, daß genau das Gegenteil der Fall war: Sie war das Ergebnis eines gegenaufklärerischen Roll-backs. Schlomo-Sigmund folgte dem Vater zwar in die Aufklärung, aber „es gelang ihm nur schwer, dem Fluch des Gottes der Väter zu trotzen“ (Marianne Krüll831). Eine Tradition, in der Sigmund verhaftet bleiben sollte – wenn auch der neuen Zeit angepaßt –, war die des Gelehrten, des „Genies“ (Hannah Arendt). Was vorher der Rabbiner war, das wurde nun – in der Assimilierung – der Professor. Ein anderes, sehr prominentes Beispiel für den Wandel vom Rabbiner zum Gelehrten ist der erste Guru der Frankfurter Schule und damit der Gegenaufklärung, Karl Marx, dessen männliche Vorfahren Rabbiner gewesen waren. Auch Marx ging den Weg der Aufklärung, konnte diesen aber nicht in der Konsequenz eines Max Stirners gehen, den er deshalb heftigst bekämpfen mußte. Sein Rückfall in die Religion, der nach der Niederlage gegen Stirner einsetzte, tarnte sich nur – wie uns Karl Löwith gerade sagte – säkular. Sigmund versprach [dem Vater], ein Gelehrter zu werden. Sigmund erlebte dabei, welche Bedeutung er für den Vater hatte. Vielleicht erlebte er auch, daß es gut war, ein Jude zu sein, den ‚Gojim‘, den Nicht-Juden, gerade in bezug auf intellektuelle Fähigkeiten überlegen zu sein.“ (Marianne Krüll) Dieser Dünkel spricht auch sehr aus Karl Marx, nicht nur bei seinem kläglichen Scheitern an Stirner, sondern gerade auch bei seiner Überbietung der bauer‘schen Judenkritik832. Das Intellektuelle war und ist bei den religiösen Juden losgelöst von Gefühlen und ein Spiel mit sich selbst in einem abgeschotteten Schaltkreis. Religiöse Juden sind im Prinzip gehirnkybernetische Maschinen; ihre Intellektualität ist rein und rein formal, völlig unkreativ. Das Judentum ist insofern pure Religiosität und einzig wirkliche Religion: „etwas“ – Buchstaben, Wörter, einen Satz, Sätze, Absätze, Numerierungen usw. – „wiederholt durchgehen“ (religere), damit es hängenbleibt und sitzt und schließlich als System den ganzen Kopf perfekt einnimmt, und nicht, wie vulgärintellektuelle Knallköppe phantasieren, an irgendetwas „zurückbinden“ (religare).833 Gefühle sind nicht mehr vorhanden, Reste werden zerredet; Ansätze von Gefühlen werden nicht mal mehr von Moral reguliert, sondern von simplen Vorschriften. „Ethik ist der Vorgang, moralische Urteile zu fällen. Im Judentum wird die Ethik durch Mitzvoth ersetzt – ein starres System von Gesetzen und Rechtsstreitigkeiten.“ (Gilad Atzmon834) Diese kybernetische Hyperintellektualität verschwand natürlich nicht bei Modifizierungen des Judentums, etwa beim Übergang zur Haskala, sondern suchte sich im Wege der Anpassung neue, säkulare Formen. Das Spannungsverhältnis zwischen dem Schtetl bzw. der Tradition einerseits und der Aufklärung bzw. der Assimilation andererseits blieb immer bestehen und übertrug sich auf den jungen Freud. „Erfüllte [Sigmund] also in diesem Sinne den Auftrag seines Vaters zur Opposition gegen die orthodoxe jüdische Tradition? Oder beschwor er damit eher den Schutz der neuen Götter vor der Strafe des alten Judengottes?“ (Marianne Krüll) – Dieses gespaltene Verhältnis blieb bis zu Jakobs Tod und darüber hinaus bestehen und setzte den aufklärerischen Ambitionen Freuds deutliche Grenzen. Das betraf die Aufklärung Freuds über sich selbst, aber auch über seine Kultur; beide Aufklärungen vermischten sich jetzt und scheiterten gleichsam. Die Aufklärung über sich selbst hätte die Angehörigkeit zu einer problematischen Gruppe beinhalten müssen. Stattdessen hat er diese mangelnde Aufklärung womöglich durch einen zweifelhaften Verdacht eines väterlichen Übergriffs ausagiert. (Anstatt dem Vater die Leviten zu lesen und um die Ohren zu hauen, erstahl und erlog er sich den Vorwand einer angeblichen Übergriffigkeit.) Schon gar nicht war Freud in der Lage, die besondere Aufklärungsresistenz dieser Gruppe zu erkennen, die schließlich in Adornos „Dialektik der Aufklärung“ kulminieren sollte. Marianne Krüll vermutet, daß Sigmund niemals wirklich die Autorität des Vaters auflösen konnte und auch noch vor jenen (hypothetischen) Übergriffen „die Augen zudrücken“ mußte. „Ich glaube“, schreibt sie, „daß Freuds theoretische Interessen jener Zeit, die ja intensiv um die Verführungstheorie kreisten, in ihm Ängste wachgerufen hatten, gegen jenes Verbot Jakobs [bestimmte Dinge im Leben des Vaters wahrzunehmen] zu verstoßen.“ – Die Frage ist nur: Welche Dinge waren das? Waren es väterliche Übergriffe, für die uns Frau Krüll keinen Beleg gibt, außer daß sie „harmlos“ waren? Ob nun Frau Krülls These stimmt oder nicht – Freuds Theoriebildung war stark von antiaufklärerischen Affekten geprägt, „so daß man als LeserIn genau verfolgen kann, wie sich Freuds Gedanken im Zusammenspiel mit seinem persönlichen Leben entwickelten, vor allem, wie sehr sie mit seiner eigenen Kindheit verknüpft waren“835. Freud blieb von der „Furcht vor Strafe […], die ihm vom alten Judengott drohte“ (Marianne Krüll), bestimmt. Der Judengott war aber funktionell identisch mit dem Vater.Freud [gab] seine ‚Verführungstheorie‘ just zu dem Zeitpunkt [auf], als sein Vater 1896 mit 81 Jahren starb.“ (Marianne Krüll) So, wie der Großvater Schlomo seinem Sohn Jakob die Tradition aufgebürdet hatte (das „Gewicht von dreitausend Jahren“, Israel Shahak836), so hatte das – trotz aller jetzigen „Aufklärung“ – Jakob mit Schlomo-Sigmund getan. Zum Glauben der Väter, den „Jahrtausenden der Kultur“, die „Euch verdunkelt [haben]“ (Stirner837), zur „jahrtausendealten Kontinuität der Ich-Verstümmelung an den Nachkommen“ (Laska838), gehörte die Unantastbarkeit des Vaters. Und so mußten, vermutet Krüll, sowohl die Augen vor der „Verführung“ des Vaters verschlossen als auch die „Verführungstheorie“ ad acta gelegt werden. Der Anlaß dafür wäre der Tod des Vaters als eine Art ultimative Mahnung gewesen (wie Wagners Alberich an Hagen: „Schwörst du mir‘s, Hagen, mein Held? Sei treu, Hagen, mein Sohn! Trauter Helde – sei treu! Sei treu! – Treu!“839 Tatsächlich könnte Alberich eine jener „antisemitischen Karikaturen“ Wagners sein – was sogleich in einem Anfall von Selbstkritik von Adorno bestätigt wird.840) Die soziale Anpassung und Korruption als Motiv für den „Widerruf“ (die Karrierismus- oder Jeffrey-Masson-These) wäre in dieser Sichtweise also oberflächlich, das religiös-völkische Motiv tiefer. Die vehemente Kritik des Juden Jeffrey Moussaieff Masson an Freuds Korruption als angeblichem Hauptmotiv für den „Widerruf“ könnte zu einem Teil auch von einem Willen zum Schutz der jüdischen Tradition gespeist sein. Frau Krülls These vom eigenerfahrungsbedingten Widerruf muß aber nicht falsch sein. Es liegt kein eigentlicher Widerspruch zwischen der These der am eigenen Leib erlebten Übergriffigkeit und der von der Last der Tradition vor. Frau Krüll vertritt ja im Grunde genommen auch und gleichzeitig die Vermächtnistheorie. Wenn es Übergriffigkeit gegeben hat, kann diese nicht offensiv verarbeitet worden sein, weil die Autorität so schwer wog. Das Verschließen der Augen hätte dann den Sinn sowohl einer „[Fortsetzung] meiner kindischen, in der Kindheit empfangenen Gefühle“ (Stirner 841) als auch einer Verdrängung eines Übergriffs, und es würde nicht überraschen, wenn sich die Vorwürfe des sexuellen Mißbrauchs von Kindern gegen Freuds 2009 verstorbenen Enkel Clement Freud, der u.a. mit dem Verschwinden der dreijährigen Madeleine McCann842 in Verbindung gebracht wird, weiter bestätigen sollten.843 Die Vatertreue muß sich aber nicht in einem Augenverschließen vor einer „harmlosen Übergriffigkeit“ – was immer das sein soll –, sie kann sich auch in der völkisch-religiösen Tradierung geäußert haben. Trotzdem verfolgt Marianne Krüll weiter die direkte väterliche Übergriffigkeit als Motiv für den „Widerruf“: „Aus den Fließ-Briefen geht hervor, daß [der Tod von Freuds Vater 1896] ihn in eine tiefe Krise gestürzt hatte, die – so schien es – in direktem Zusammenhang mit dem Widerruf der Verführungstheorie stand.“844 Belege dafür liefert Krüll aber immer noch nicht. Sie spekuliert weiter: „Es schien, als habe ihn plötzlich der Mut verlassen, weiterhin die frühkindlichen Erfahrungen sexueller Übergriffe bei seinen PatientInnen als Realität ernst zu nehmen, weil er bei sich selbst in seiner Familie auf solche Vorkommnisse gestoßen war. Die ‚Pietät‘ gegenüber dem verstorbenen Vater – so drückte er sich selbst später einmal aus – verbot es ihm, in seiner Familie weiterzuforschen.“845 Vielleicht bezieht sich aber „Pietät“ auf den Gehorsam, die Unantastbarkeit und ein generelles Tabu. Vielleicht schwante Freud, er könne sich mit seinem Verdacht auch geirrt haben. Wenn es Übergriffigkeiten bei seinen Patienten gab, dann gebot es sich für einen Tiefenpsychologen auch, – etwas zwanghaft – in seiner eigenen Familie danach zu forschen und dort vermeintlich etwas zu entdecken. Das – seinen Fehler – könnte Freud jetzt realisiert haben. Daß Freud bei vielen seiner Patienten das Ergebnis von Übergriffigkeiten erkannte, halte ich für ziemlich wahrscheinlich. Ich glaube allerdings auch, daß sich einige der Patienten zurecht gegen eine solche Interpretation ihrer Störungen bzw. deren Ursachen gewehrt haben. Und wenn in Freuds verführungstheoretischen Schriften „nicht angegeben [wird], daß die Patienten Berichte solchen Missbrauchs in früher Kindheit selbst erzählt hätten“, und Freud „[zugab], dass seine Patienten generell nicht überzeugt davon waren, dass ihre Erfahrungen in der Analyse tatsächlich sexuellen Missbrauch in der Kindheit bewiesen“846, so spricht daraus, daß Freud selbst eine gewisse berechtigte Skepsis gegenüber seiner „Verführungstheorie“ hatte. Freud schreibt, daß er „Erfahrungen solcher Art bei all seinen damaligen Patienten ausmachen konnte“847. Das scheint mir doch übertrieben. Freuds Übertreibungen könnten auch dafürsprechen, daß er sich eine Übergriffigkeit seitens des Vaters einbildete und sie sich einreden mußte. Es könnte eine symbolische Revolte, eine Art Ersatzangriff gegen den Vater gewesen sein, die eigentlich dem „Gewicht von dreitausend Jahren“ und der inkonsequenten Aufklärung des Vaters galt. War der „Widerruf“ auf diese Übertreibung zurückzuführen? Hatte der „Widerruf“ also rationale und sachliche Gründe? Nein, denn dann hätte die „Verführungstheorie“ eben nur nicht mehr für jene Patienten gegolten – oder für Freud selbst nicht mehr –, die tatsächlich nicht von Übergriffigkeiten betroffen waren. Dann hätte Freud diese Theorie modifizieren können, aber nicht gänzlich verwerfen dürfen. Genau das aber hat er getan. Er hat jetzt die generelle, universelle und primäre „sexuelle Verführung“ der Eltern durch ihre Kinder deklariert. Übergriffigkeiten waren von nun an Einbildungen bzw. Anschuldigungen der Eltern aus Schuldgefühlen der Kinder heraus – eine Schuldumkehr. Wenn er die Übergriffigkeiten auf „alle“ ausdehnte – konnte das aber auch vielleicht Ausdruck des Schocks sein? War Freud tatsächlich traumatisiert und des Traumas nur vorbewußt, so daß er übertreiben mußte? Doch genau dagegen spricht dann wiederum ausgerechnet Frau Krüll, die als Freuds „großes Trauma seiner Kindheit“ plötzlich nicht mehr die Übergriffigkeit des Vaters sieht, sondern jetzt das Herausreißen Freuds aus seiner mährischen Heimat und die „Abreise aus Freiberg“848. Auch „der Umzug nach Wien mit der Veränderung seiner wichtigsten Bezugspersonen war für den kleinen Sigmund sicher ein schockartiges Erlebnis“. „Noch bedeutsamer“ sei dann aber die „Beschneidung seines Bruders Julius“, der Freud wahrscheinlich beiwohnte, gewesen. „Man muß dabei bedenken, daß die Kastration für einen jüdischen Jungen eine sehr viel realistischere Bedrohung darstellt als für einen nicht-jüdischen. Denn die Beschneidung ist selbstverständlich als Brauchtum auch den Kindern bekannt.“ (Marianne Krüll849) Frau Krüll selbst ist jetzt weit davon entfernt, eine Übergriffigkeit des Vaters mit dem Aufbau der Theorie vom Ödipuskonflikt, der Leugnung von Übergriffigkeiten und der Zuschreibung von „Sexualität“ an Kinder in Zusammenhang zu bringen. Bei der Beweisführung für ihre ursprüngliche These wirkt Frau Krüll in der Tat eher ratlos. Auf ihre eigene ausdrückliche Frage: „Was könnte Freud nun aber gemeint haben, als er seinen Vater ‚pervers‘ nannte und ihm die Schuld für die ‚Hysterie‘ seines Bruders und seiner Schwestern zuschrieb?“, liefert Frau Krüll eigentlich keine Antwort, obwohl doch eindeutig „‚pervers‘ für [Freud] ein Ausdruck für sexuelle Übergriffe verschiedenster Art seitens männlicher Personen [war], die er bei seinen PatientInnen aus deren Kindheit rekonstruieren konnte“850. Von einer konkreten „Perversion“ kann Marianne Krüll zwar nicht sprechen – und benennt auch keine „harmlose“ –, aber es bleibt eigenartig, daß Freud ziemlich deutlich und oft von der Übergriffigkeit seines Vaters spricht. Kann es sein, daß Freud seinen Vater zu unrecht bezichtigt hat? Was könnte dafür das Motiv gewesen sein? Eine Art Rache? Wofür? Für das Aufbürden der heteronomen Tradition? Bei aller antiautoritärer Revolte – in Freuds Verhältnis zu seinem Vater scheint es keinen Grund für eine derartige Bösartigkeit zu geben, aus der heraus er jenen schweren Vorwurf hätte erheben können. Dagegen spricht auch, daß Freud der Tod des Vaters mitgenommen hat: „Auf irgendeinem der dunkeln Wege hinter dem offiziellen Bewußtsein hat mich der Tod des Alten sehr ergriffen. […] Ich habe nun ein recht entwurzeltes Gefühl.“ (Freud an Fließ851) Falls die Übergriffigkeit aber real gewesen war, hätte er jetzt in einer Art von Stockholm-Syndrom aus Mitleid mit dem Vater deren Spuren in einer neuen Theorie verwischt. Aber die „Harmlosigkeit“ der Übergriffigkeit würde wieder dagegensprechen, daß Freud ein solches Faß aufgemacht und eine neue Theorie aufgestellt hat, zumal die alte Theorie bei allen Schwächen valide war. Aber woher weiß Frau Krüll überhaupt so genau, daß es „harmlos“ war, wenn sie die „Harmlosigkeit“ gar nicht benennt? Die ganze Sache ist etwas rätselhaft, aber die Selbstauskünfte Freuds stimmen einen dennoch nachdenklich: Ich kann irgendwie nicht glauben, daß er sich das ausgedacht hat. Wenn es stimmt, daß Jakob Freud seinen Sohn „verführt“ hatte und dieser darin eine Begründung bzw. weitere Bestätigung für seine „Verführungstheorie“ sah, warum soll nun das Fallenlassen dieser seiner Theorie mit einer „tiefen Krise“ zusammenhängen, in die Freud nach dem Tod seines Vaters „gestürzt sei“? Im Gegenteil sollte man doch davon ausgehen, daß Freud nun befreiter und unbelasteter an dieser „Verführungstheorie“ weitergearbeitet hätte. Man soll ja nichts Böses über Tote sagen, aber konnte die „Pietät“ tatsächlich eine so große Wirkung auf einen Theoretiker haben? Eher für Frau Krülls Verdrängungsthese spricht, daß im orthodoxen Judentum das Problem der sexuellen Übergriffigkeit weiter verbreitet zu sein scheint als unter Nichtjuden und daß dadurch die Wahrscheinlichkeit im Falle Freuds steigt. Das soll letztlich auch in heiligen Texten der Juden seinen Grund haben: In der Ketubba852, einem Traktat aus Mischna und Talmud, geht es offenbar um die Verheiratung eines dreijährigen Mädchens: „Für eine weibliche Konvertitin, eine gefangene Frau oder eine Magd, die für den Gefangenen freigekauft wurde, oder die sich für den Konvertiten bekehrt hat, oder die für die Magd freigelassen wurde, als sie weniger als drei Jahre und einen Tag alt war, beträgt ihr Ehevertrag zweihundert Dinar, da ihr mutmaßlicher Status der einer Jungfrau ist. Selbst wenn sie Geschlechtsverkehr hatten, als sie jünger als dieses Alter waren, bleibt das Jungfernhäutchen erhalten. Und sie unterliegen einer Forderung bezüglich ihrer Jungfräulichkeit.“853 Die Ketubba ist wohl nicht Teil einer rabbinischen Diskussion, sondern „der schriftlich niedergelegte jüdische Ehevertrag“854. Wie dem auch sei, jüdische Gemeinden haben ein großes Problem mit Übergriffigkeiten – auch heute noch. Der jüdische Jurist Steven H. Resnicoff schreibt: „In der Tat haben Psychologen, die in der orthodoxen jüdischen Gemeinde sehr engagiert sind, stärkere Maßnahmen zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs von Kindern gefordert, da es ‚eine unfassbare Zahl von Selbstmorden unter Kindern gebe, die Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind‘855. […] Die jüdisch-religiösen Autoritäten stehen einer Lösung oft im Wege und lehnen die von der weltlichen Gesetzgebung vorgeschriebenen Maßnahmen zur Verbesserung der Lage ab. Noch beunruhigender ist vielleicht, dass sie Repressalien gegen diejenigen, die Missbrauchsfälle gemeldet haben – darunter auch die Opfer und ihre Familien – billigend in Kauf genommen und zumindest in einigen Fällen möglicherweise gefördert haben. […] Leider scheint es manchmal so, als ob nur die Enthüllung von Gräueltaten – sowohl alten als auch neuen – die Trägheit durchbrechen kann, die so viele Jahre lang den Fortschritt behindert hat. […] Unterdessen geht der sexuelle Missbrauch von Kindern mit allen damit verbundenen Schrecken weiter. Jüdische Organisationen können sich nicht einmal dadurch wirksam schützen, dass sie ein internes Verzeichnis tatsächlicher oder mutmaßlicher Straftäter erstellen, das nur von Vertretern der orthodoxen Gemeinde benutzt werden darf. Warum? Weil die Einrichtung eines solchen Registers ein Beweis dafür wäre, dass mutmaßlicher Missbrauch nicht den weltlichen Behörden gemeldet wurde. […] [In der Gemeinde wirken] die Verbote, jemanden vor einem weltlichen Gericht zu verklagen, jemandem körperlich oder finanziell zu schaden und Nicht-Juden oder weltliche Behörden über einen Juden zu informieren.“856 Rabbi Nuchem Rosenberg, ein Whistleblower aus der chassidischen Satmar-Sekte, der ein Attentat mit Bleichmitteln überlebt hat, spricht von einem „Fließband für Kindesmissbrauch“ bei fundamentalistischen Juden. Rosenberg entwirft und repariert „Mikwe“, das sind jüdische Ritualbäder. 2005 wurde er in Jerusalem Zeuge eines Verbrechens, sah er „einen alten Mann, mit einem langen weißen Bart, einen heilig aussehenden Mann, der im Wasserdampf sitzt. Auf seinem Schoß, den Blick von ihm abgewandt, sitzt ein vielleicht sieben Jahre alter Junge. Und der alte Mann hat Analsex mit diesem Jungen. Der Junge war aufgespießt auf diesem Mann wie ein Schwein, und der Junge sagte nichts. Aber auf seinem Gesicht – Angst. Der alte Mann [schaute mich an] ohne jede Angst, so, als ob das alles ganz normal sei. Er hörte nicht auf. Ich war so wütend, dass ich ihn zur Rede stellte. Er nahm den Jungen von seinem Penis und ich nahm ihn zur Seite. Ich sagte diesem Mann: ,Das ist eine Sünde vor Gott, ein mishkovzucher. Sie zerstören den Jungen!‘ Er hatte einen Stock mit einem Schwamm zum Reinigen seines Rückens in der Hand, mit dem er mir ins Gesicht schlug: ,Wie kannst du es wagen, mich zu stören!‘ Ich hatte schon öfter von diesen Dingen gehört, es aber jetzt zum ersten Mal gesehen.“857Rabbi Rosenberg glaubt, dass etwa die Hälfte der jungen männlichen Mitglieder der chassidischen Gemeinde in Brooklyn – der größten in den Vereinigten Staaten und eine der größten der Welt – bereits Opfer sexueller Übergriffe durch Ältere war. Ben Hirsch, Leiter von Survivors for Justice, einer Brooklyner Organisation, die sich für orthodoxe Missbrauchsopfer einsetzt, geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl viel höher ist. ‚Allem Anschein nach haben wir es hier mit mehr als 50 Prozent zu tun. Es hat sich schon fast zu einem Initiationsritus entwickelt.‘“858 Vielleicht bringen weitere Forschungen zu Tage, daß es tatsächlich einen Mißbrauch Freuds durch einen Vater gegeben hat, aber bis dahin „müssen wir uns mit den vagen Hinweisen auf konkrete Vorkommnisse von sexuellen Übergriffen in Freuds Herkunftsfamilie zufriedengeben. Es ist zu erwarten, daß in den noch unveröffentlichten Familienbriefen und anderen Dokumenten die noch immer bis über das Jahr 2000 hinaus im Archiv der Library of Congress in Washington gesperrt sind, weitere Auskünfte enthalten sind. Bis dahin müssen wir uns mit den wenigen Hinweisen begnügen, die Freud in seine Schriften eingebracht hat“ (Marianne Krüll859). Ich tendiere dahin, daß es keine wirkliche Übergriffigkeit des Vaters gegeben hat und daß in der schließlich realisierten Nichtübergriffigkeit aber nicht der Grund zum Widerruf der Übergriffigkeitstheorie lag. Der Widerruf diente nicht dem Schutz des Vaters vor einem Vorwurf, sondern dem Schutz des Vaters in seiner Repräsentation des Religiös-Völkischen. Dieses durfte nicht angetastet werden. Die Väter durften generell nicht beschuldigt werden – ob sie sich nun mißbräuchlich in einem sexuellen Sinne benommen haben, oder ob sie ihre Kinder nicht-sexuell mißbrauchten und traumatisierten. Wir wollen ja nicht den nicht-sexuellen Mißbrauch860 bzw. den „Holoabuse / Totalmißbrauch“861 in Vergessenheit geraten lassen, den ein Vater begehen kann. 7.2.1.16.4.4. Zusammenfassung der Thesen-Diskussion Wie dem auch sei, und welche Erklärungsthese nun die richtige ist – Freud hat die äußerst folgenreiche Theorie von der „infantilen Sexualität“ aufgestellt, warum auch immer. Wichtig ist unterm Strich nur, daß Freud mit seiner Theorie „nachhaltig“ auf die nächsten 100 Jahre die Kinder sexualisiert hat. Noch immer „[finden] Psychotherapien in Deutschland als Richtlinienverfahren (Analytische Psychotherapie) Anerkennung und [werden] von den sozialen Kostenträgern finanziert“ (Rudolf Sponsel862). Die private anthropologische Meinung eines Psychotherapeuten bedeutet erst einmal noch nichts. Der Patient kann unabhängig davon frühe Traumata erinnern und verschmerzen. Das setzt aber voraus, daß der Therapeut ihm ungestört Raum dafür gibt. Die Erfahrung zeigt jedoch, daß die Anthropologie der Therapeuten normativ und präskriptiv zu Ungunsten des Patienten-Eigners eingreift. Freud hat die Kinder beschuldigt und die Erwachsenen entschuldigt. Ganz unabhängig davon, ob an der Übergriffigkeit seines Vaters etwas dran war oder nicht oder welche Gründe nun die ausschlaggebenden für die Einführung der Ödipustheorie waren – diese „Theorie“ hat sich durchgesetzt. Marianne Krüll: „Die Folgen des Widerrufs der Verführungstheorie wirken bis heute fort. Alice Miller, die zeitgleich mit mir in ihrem Buch ‚Am Anfang war Erziehung‘ eine nahezu identische Kritik an Freuds Widerruf übte, hat dazu eine unübertreffliche Formulierung gefunden: ‚Freud [...] mußte aus Selbstschutz [oder aus Schutz seines kulturellen Über-Selbstes – PT] eine Theorie entwickeln, in der die Diskretion gewahrt wurde, in der alles ‚Böse‘, Schuldhafte, Ungerechte der kindlichen Phantasie zugeschrieben wurde und die Eltern nur als Projektionsscheiben dieser Phantasien erschienen. Daß die Eltern ihrerseits sexuelle und aggressive Phantasien auf ihr Kind nicht nur projizieren, sondern auch an ihm befriedigen können, weil sie die Macht besitzen, wurde aus dieser Theorie [...] ausgespart.‘863“864 Die einer orthodox-jüdischen Familie entstammende Kult-Autorin Alice Miller ist von ganz eigenem und besonderem Interesse.865 Ihr Sohn Miller verfolgt – wie Masson im Falle Freud – bei der Erklärung der gegen ihn von seinen Eltern ausgeübten Gewalt eine karrieristische These: Sie „mußten sich in der Schweiz als Flüchtlinge, als Migranten emporarbeiten. […] Sie hatten vielleicht andere Sorgen, als sich über Erziehung Gedanken zu machen, […] mussten sich arrangieren, in der Gesellschaft positionieren, Erfolg haben; […] da blieben die Kinder auf der Strecke.“866 Darin, daß Freud nicht konsequent die Lebensfeindlichkeit in seiner Kultur anging und seine Aufklärung an dieser Stelle ins Stocken geriet, sehe ich sein großes Versagen. Alice Miller ist immerhin selbstkritisch geworden. Auch wenn Jeffrey M. Massons Karriere-These als Begründung für den Freud’schen Theoriewechsel meines Erachtens zu oberflächlich ist und die kulturelle Dimension und deren strukturelle Ich-Feindlichkeit außer Acht läßt, erfaßt er mit Entsetzen die Tragweite dieses Wechsels. Er wirkt hier ähnlich komplett-ernüchtert und desillusioniert wie Peter Nasselstein bei dessen Erkenntnis der von Orgontherapeuten begangenen Verbrechen. Masson fällt aus allen Wolken: „Jeffrey M. Masson, von Anna Freud zum Projektdirektor des Sigmund-Freud-Archivs in London berufen, stieß bei der Neuherausgabe des Briefwechsels Freuds mit Wilhelm Fließ auf einige unterdrückte Briefe und andere wichtige Quellen, die die ganze Ungeheuerlichkeit gegen den heftigsten Widerstand der psychoanalytischen Lobby in seinem weltweit aufsehenerregenden Buch ‚Was hat man Dir, Du armes Kind, getan?‘ ans Licht des Tages brachte. Seine Enttäuschung und Erschütterung auch über die Reaktion seiner psychoanalytischen KollegInnen war so groß, daß er den Beruf des Psychoanalytikers aufgab und in einem weltweit aufsehenerregenden Titel sogar ‚Die Abschaffung der Psychotherapie‘867 forderte.“ (Rudolf Sponsel868) Was sich in den Praxen der psychoanalytischen Therapeuten abspielen muß, davon vermittelt Stuart Sutherland in seinem Therapiebericht „Die seelische Krise“ einen Eindruck: „Einmal diagnostizierte [mein Psychoanalytiker] bei mir verdrängte Homosexualität, und während ich ihm von einem Kindheitserlebnis erzählte, beugte er sich vor und sagte etwas zutiefst Schockierendes. Ich bitte den Leser um Verzeihung, aber um die Art meiner Reaktionen zu verstehen, ist es notwendig, den Wortlaut wiederzugeben, nämlich: ‚Hatten Sie damals nicht den Wunsch, Ihr Vater sollte Sie ficken, bis die Scheiße herausrinnt?‘“869 Zusammenfassend könnte man sagen, daß, weil Juden einen großen Ehrgeiz entwickelten, Professoren zu werden und sich als Gelehrte in den Wirtsvölkern durchzusetzen („ein großer, anerkannter und berühmter Mann zu werden“ – wie Lukács‘ Vater es seinem Sohn wünschte), gleichzeitig aber der Tradition verhaftet blieben, Tausenden jüdischen und nicht-jüdischen Patienten in der Therapie kein Glaube geschenkt wurde und sie auf ihrem Schmerz sitzenblieben. Millionen aber sind dadurch schwer traumatisiert worden, daß Erwachsene in ihrer Übergriffigkeit dadurch bestärkt worden sind, daß „es ja nicht so schlimm“ sei und daß die Kinder „es ja so wollten“, da sie ja – wie von vielen Koryphäen und einer Theorie, die in die ganze Kultur hineinrieselte, bestätigt – angeblich sexuelle Wesen seien. Der frühe Freud war radikal und aufklärerisch und hätte zu den Radikalaufklärern aufschließen können. Darin ähnelte er auch dem frühen Marx, der sich radikal-aufklärerischen Positionen genähert hat. Beide haben sich von der Radikalen Aufklärung abgewendet und verabschiedet – der eine besonders durch Aufgabe des affektiv-kathartischen Verfahrens und der Übergriffigkeitstheorie, der andere durch den im Zuge seiner ihn überfordernden Auseinandersetzung mit Stirner entstandenen „historischen Materialismus“. Laska spricht von Marxens „ideologischer Verknüpfung von Aufklärungs- und Arbeiterbewegung“ als dessen „intellektueller Lebenslüge“. Marx sei „aus der Realität in die Arbeiterschwärmerei [geflüchtet]“ und hätte, in einer Art inversion accusatoire, „eigene Schwächen auf Stirner projiziert“ und diese „Peinlichkeiten durch trickreiches, rabulistisches Theoretisieren eskamotiert“ 870. Dieses endlose „Theoretisieren“ war das säkulare Abbild der endlosen Diskussionen der Rabbis im Talmud um endlose Vorschriften, die das Judentum als ultra-heteronom ausweisen. Alles ist von Texten vorgeschrieben.871 Eigene Gedanken und Gefühle spielen keine Rolle mehr. Marx hatte sich davon zum Teil emanzipiert, ist aber mit daran schuld, daß der arme Max so vereinsam ist. Wenn Marx sich nicht davor gedrückt hätte, seinen „Sankt Max“ zu publizieren, hätte es eine Kommunikation mit Max gegeben – von der auch Marx profitiert hätte. Marx aber entschied sich – aus dem Affektiv-unbewußten heraus –, am Ende im Geiste des talmudischen Messianismus zu verbleiben, auch wenn er diesen pseudoproletarisch symbolisierte. Helms aber versteift sich weiter ohne Witz auf Marxens Proletarität, daß es schon der reinste Irrsinn ist: „Die volle Tragweite der Stirner’schen Ideologie“ (also das ganze Ausmaß des nackten Satanismus) sei „allein von proletarischen Theoretikern ermessen worden, von Moses Heß, Marx und Engels.“872 – Wir brauchen eigentlich nicht Karl Löwith und Hannah Arendt (siehe weiter oben), um über die proletarische Herkunft dieser Theoretiker etwas zu erfahren, und Engels war ein Goibourgeois. Helms, der zu glauben scheint, uns total verarschen zu können, verkauft sie uns allen Ernstes als authentoproletarisch. Laska „unter[k?]ringelt beide Worte“ [proletarische Theoretiker] und „[versieht] sie“ lapidar „mit der Anmerkung ‚jüd. Großb.‘“873 Weit weniger unter talmudischem Einfluß als die „Frankfurter“ stand Wilhelm Reich; darin lag wohl der Hauptgrund dafür, daß er – obwohl Protofreudomarxist – nicht der Frankfurter Schule beitrat. Reich hat das anfänglich Radikalaufklärerische seiner Vaterfigur Freud fortgesetzt und an Anschluß an die Radikalen Aufklärer La Mettrie und Stirner gefunden, wobei Laska aber einen großen qualitativen Unterschied zwischen R und LS sieht. Das Radikalaufklärerische Reichs liege, so Laska, unter einem „Palimpsest“ begraben. Unter einem ziemlich dicken, würde ich hinzufügen. 7.2.1.16.5. Freud weder Aufklärer noch Gegenaufklärer – einfach nur geistreich Ob es bei Freud je etwas Radikalaufklärerisches gegeben hat, ist die Frage. Die aber kann schnell beantwortet werden, wenn man sich auch nur ein bißchen weiter mit der Materie beschäftigt. Ich habe weiter oben auf eine vielleicht zu kurz und knapp scheinende Weise geschrieben, daß ich das jüdische Leben, wie es Frau Krüll darstellt, nicht anders könne als ziemlich verrückt zu bezeichnen; und daß ich unvermittelt auf Freuds und Fließens Nasenverrücktheit zu sprechen kam, mag extrem zusammengerafft erschienen sein. Ich habe Freud in der Darstellung von Frau Krüll als ziemlich verrückt erlebt und gleich die Mißbrauchsthese bezweifelt; aber wie schlimm es um ihn bestellt war, darauf bin ich erst im nächsten Schritt der Recherche gestoßen. Es stellte sich nämlich heraus, daß Freud nicht nur nicht radikalaufklärerisch, nicht einmal aufklärerisch, sondern einfach nur meschugga war. Klaus Schlagmann bezeichnet die haarsträubenden Freud’schen Theorien, dessen „Vorstellungen von den Ursachen psychischer und psychosomatischer Störungen“ als „geradezu grotesk und lächerlich: Neurasthenie (Depression) sei bedingt durch Selbstbefriedigung oder durch nächtliche Samenergüsse; Angststörungen seien bedingt durch coitus reservatus (Benutzung von Kondomen); Zwangsstörungen seien bedingt durch geschwisterlichen Geschlechtsverkehr; Hysterie (psychosomatische Störung) sei bedingt durch Vergewaltigung durch den Vater.“ 874 Freud ist komplett daneben. Man hat den Eindruck, er glaubte, irgendwelche besonders „originellen“ und „interessanten“ Gedanken zu irgendetwas – hier zur Medizin – beisteuern zu müssen. Dabei handelt es sich ausnahmslos um hanebüchenen Unsinn. Ich denke, Freud mußte ein „Gelehrter“, ein „Genie“ werden, hat sich dann für die Neurologie, die Medizin und die Psychologie entschieden, weil diese ihm „originell“ genug und dafür geeignet schienen, ihnen weitere „Originalitäten“ hinzutun, mit diesen glänzen und „kreative“ Gelehrsamkeit vortäuschen zu können. Daß diese allesamt nur Blödsinn waren, ist sofort ersichtlich. Es fällt mir schwer, mich in diese Mentalität hineinzuversetzen. Alles war nur ein Terrain für Freuds exorbitantes Schaulaufen, auf das so viele reingefallen sind. Er hatte von Tuten und Blasen keine Ahnung, konnte die wunderbarsten Geschichten erfinden und diese der Realität aufpfropfen. Es waren samt und sonders nur blühende Phantasien, die nur daran geprüft wurden, ob sie „originell“ und auch möglichst schockierend erschienen. Er hatte in der „Originalität“ und im Schock Qualitäten gefunden, mit denen er den ganz großen Wurf schaffen würde – und damit hatte er ja auch recht. Nur mußte er darauf achten, daß er mit seiner „Originalität“ nicht zu weit ging wie im Falle der armen Frau Eckstein, an der er sich gemeinsam mit seinem Ko-Doktor-Mabuse Fließ auf furchtbare Weise vergangen hat. Dann mußte er sich karrierismusbedingt wieder etwas zurücknehmen. Ich möchte gern mal wissen, wie Laska darauf kommt, Freud „persönlich einen höchst ehrenwerten und integren Mann“875 zu nennen. Und nichts als eine dieser „Originalitäten“ war die Erzählung vom Übergriff des Vaters. Ich hatte meine Zweifel daran, aber jetzt, wo ich Klaus Schlagmann lese, wird mir das endgültig absolut klar. Daß er den Vater als pervers bezeichnete, folgte einzig aus der Theorie, die er aufgestellt hatte, nicht aus einem Erleben. Weil er sich selbst als „Hysteriker“ diagnostizierte, mußte – seiner Theorie gemäß – er Opfer eines perversen Vaters sein. Die Verrücktheit sind nicht die Symptome der Hysterie, die er aufzählt und die man ihm abzunehmen bereit ist, sondern die Interpretation und die Einordnung, die er vornimmt; sie werden gnadenlos in eine vorfabrizierte Theorie hineingehämmert. Bei weitem nicht so schlimm wie bei Freud, aber dennoch ähnlich verwunderlich ist der „überspitzte jüdische Intellektualismus“876, die Abgehobenheit in reine Theorie noch bei Freuds Schüler Reich in den 1950 Jahren, wobei sich Reich in feinster rabulistischer Art gerade als besonders bodenständig-realistisch geriert: „Das Wort ‚Katze‘ und das besondere orgononotische Plasmasystem, das sich da bewegt, haben in Wirklichkeit nichts miteinander zu tun. Es sind bloß, wie die vielen verschiedenen Bezeichnungen für das Phänomen ‚Katze‘ bezeugen, lockere, beliebig auswechselbare Begriffe, die an reale Erscheinungen, Bewegungen, Emotionen etc. geknüpft werden. Diese Überlegungen klingen nach ‚hoher‘ oder ‚tiefer‘ Naturphilosophie. Der Laie ist der Naturphilosophie abgeneigt und wird daher dieses Buch beiseitelegen, weil es ‚nicht auf dem harten Boden der Realität steht‘.“877 – Das klingt nicht nur nach, das ist Naturphilosophie, und zwar von der nichtssagendsten Sorte, und jeder Normale („Laie“) ist dieser gegenüber „abgeneigt“. Daß Reich so etwas absolut Banales – daß das Wort nicht mit der Sache übereinstimmt – von sich geben kann, zeugt von seiner Abgelöstheit und Ich-Schwäche. Wenn man eine Katze nicht als lebendiges Wesen fühlen kann, muß man auf solch höhere Gedanken kommen. 7.2.1.16.5.1. Exkurs: Überjüdische, höchste Geistigkeit wo gibt Die überspitzteste Tuelle aber war kein Jude, sondern ein Schwabe, der die gottlob schon weit fortgeschrittene jüdische Intellektualität, die die Christen übernommen hatten, auch noch überwinden wollte. Die Deutschen erneut päpstlicher als ihr Besatzungspapst. Dieser Deutsche wollte die idée pour l‘idée nicht unterwinden, sondern sie irgendwie mit Leben ausfüllen. Das lag daran, daß er tief gespalten war: in einen Intello und in einen Nicht-Intello. Er war „Gebildeter“ und „Ungebildeter […] in ein und demselben Menschen“, so sein Schüler Stirner878. Daß dem „Gedanken ganz und gar die Wirklichkeit, die Welt der Dinge, entsprechen und kein Begriff ohne Realität sein [soll]“, habe, so Stirner, seinen Grund in der „Sehnsucht gerade der Gebildetste[n] nach den Dingen“. Dies käme „bei Hegel endlich zu Tage“: Hegel „[hegt] einen Abscheu vor jeder ‚hohlen Theorie‘“879. Doch diese „Vereinigung von Begriff und Realität“ (Ronald Hinner880) war „nur die äußerste Gewaltsamkeit des Denkens, die höchste Despotie und Alleinherrschaft desselben, der Triumph des Geistes, und mit ihm der Triumph der Philosophie. Höheres kann die Philosophie nicht mehr leisten, denn ihr Höchstes ist die Allgewalt des Geistes, die Allmacht des Geistes.“ (Stirner881) Die „Allmacht des Geistes“ ist nichts anderes als die Quasi-Abwesenheit des Lebendigen und Eigenen. Wenn man diese Abwesenheit nicht mehr als Mangel, Selbstverlust und Leid wahrnimmt und aus der Not eine Tugend macht, haben wir es mit der totalen und absoluten Selbstverarschung zu tun.882 Der sich so Selbst-Verarschende aber ist erst der richtige Philosoph, der Überphilosoph, der Allmächtige des Geistes. Alle anderen Philosophen, die nicht „in der Welt den Himmel, in dem Irdischen das Überirdische, in dem Weltlichen das – Göttliche [sehen, nachweisen oder beweisen]“ (Stirner883), sind eigentlich keine richtigen Philosophen, sind zumindest schlechte Philosophen, d.h. verarschen sich nicht komplett genug. Dieser Überleistung des deutschen Geistes und der diesem zugrundeliegenden „Sehnsucht nach den Dingen“, die aber eigentlich eine Sehnsucht nach dem Lebendigen, eine nach dem Eigner ist, habe ich eine Würdigung gewidmet. Ich anerkenne Hegel als den Obersten der Philosophen, sehe in ihm aber nichts als die ärmste Sau, wo überhaupt gibt, um es auf schwäbisch zu sagen. Ich stelle mich aber nicht würdigend und schulterklopfend über ihn, sondern unterwinde die Leblosigkeit und die Abwesenheit des Eigners, indem ich tatsächlich die Kraft des Geistes als letztem übrig gebliebenem Lebendigen wirken lasse, die sich bei striktester Wahrnehmung letztlich als leiblich herausstellt und manifestiert. Seinen Anfang hat dies aber nur im Leid meines Selbstverlusts. Nur durch dieses stoße ich überhaupt auf all das. Nur durch die Wahrnehmung des Leids und die Zulassung der Wahrheit auf elementarster Ebene erkenne ich den Geist als meinen Retter, der mich durch das Wahrnehmen zurückführt in meinen Leib, der jetzt zum Eigner wird. Auf diese Weise werde ich – nur als Kollateralnutzen – zum Untersten der Philosophen bzw. zum Post-Philosophen und unterwinde ich die Spaltung in Intello und Nicht-Intello.884 Reich war mit seiner genialen Erkenntnis, daß das Wort „Katze“ nicht die Katze selbst, also nicht ihr Eigner ist, Gott sei Dank nicht ganz so philosophisch und nur ein armer Naturphilosoph. Genützt hat ihm das aber auch nichts; er war zu Tiefenwahrheitsliegungen noch längst nicht im Stande. In der Naturphilosophie ähnelte er seinem Helden Nietzsche, der es auch wenigstens zu naturphilosophischen Spitzenleistungen gebracht hat („Ewige Wiederkunft“).885 (Ende Exkurs höchste Geistigkeit ) Kommen wir wieder zurück zu den im Vergleich mit Hegel – wer hätte das gedacht – geistig geradezu armselig wirkenden Juden. Klaus Schlagmann räumt ein, daß es tatsächlich in Freuds Familie drunter und drüber ging – das, was ich als die Verrücktheiten zwischen Galizien, Mähren und Wien bezeichnet habe – und daß es sogar Mißbrauch und Inzest gegeben hat. Aber es hatte nichts mit dem Vater, sondern mit der Mutter zu tun, die mit ihrem Stiefsohn Phillip, der ein Jahr älter war als seine Stiefmutter, Sigmunds jüngere Schwester Anna zeugte. Es folgen dann allerhand „Verschiebungen“ (Klaus Schlagmann) in Vorstellung und Interpretation der Geschehnisse, u.a. die von der Mutter auf den Vater. Auch das erspare ich mir, weil die gesamte psychoanalytische Theorie und Anthropologie keinerlei Aufmerksamkeit verdient. Aber ich anerkenne die Mühe Klaus Schlagmanns, dem die „Differenzierung der Darstellung wichtig ist, weil ich glaube, dass die Bedeutung von Beziehungen mit traumatischer Qualität (Entwertungen, Prügel, Missachtungen, Nicht-Beachtungen, ...) quantitativ und vielleicht sogar qualitativ weit mehr Bedeutung haben, als sexueller Missbrauch, z.B. weil diese Erfahrungen auch schon relativ häufig in frühester Kindheit stattfinden können, und damit besonders nachhaltig wirken. Darüber hinaus sind Missbrauchserfahrungen in der Regel mit den genannten Beziehungsaspekten geradezu untrennbar verbunden. Aus diesem Blickwinkel erscheint mir Freuds Leistung mit seiner Missbrauchs-Theorie doch weitaus weniger bedeutsam: Seine Fixierung auf den sexuellen Missbrauch wäre dann weniger eine bedeutsame Entdeckung, als vielmehr die Ausblendung einer differenzierteren Sicht auf die Möglichkeit traumatischer Qualität von Beziehung bzw. Nicht-Beziehung. Sein vermeintlicher ‚Mut‘, ein problematisches Thema offen anzusprechen, ließe sich dann eher als sein Bedürfnis verstehen, seine Zuhörer zu schockieren, vielleicht, um sich besondere Aufmerksamkeit zu sichern und/oder um die ZuhörerInnen eher am detaillierten Widerspruch zu hindern.“ Was ist nun mit Freuds anfänglicher, aufklärerisch wirkender „Verführungstheorie“? – Klaus Schlagmann gesteht ihr noch etwas zu: die „Vergewaltigungstheorie“ sei besser als die „spätere Triebtheorie“, weil sie „immerhin noch das Trauma als das zentrale, schädigende Agens anerkennt. Aber Freuds Ansatz zu dieser Zeit, kurz vor dem September 1897“ – und jetzt kommen wir zu Freuds anfänglicher kathartischen Methode, die ich immer so gelobt habe – „ist doch weitaus primitiver als das Modell, aus dem er seine Vergewaltigungs- oder Missbrauchs-Theorie abgeleitet hatte: Aus dem Katharsis-Modell des äußerst feinfühligen Josef Breuer. Auch Josef Breuer hatte Traumatisierungen auf sexueller Grundlage in seine Überlegungen einbezogen, jedoch sehr differenziert auch eine ganze Fülle anderer Erfahrungen in ihrer traumatischen und damit schädigenden Wirkung erkannt. Breuer sah es als die wichtigste Funktion der therapeutischen Arbeit an, der Wahrheit der alten Erlebnisse auf den Grund zu gehen und sie unbeschwert aussprechen zu dürfen. Sigmund Freud geht es jedoch um etwas ganz anderes. Er interessiert sich nicht für Wahrheiten. Vielmehr ist er bestrebt, Beachtung zu finden: Ob durch primitive Übergeneralisierung oder durch schockierende Scheinoffenbarungen.“886 An Freud bleibt rein gar nichts Aufklärerisches, geschweige denn Radikalaufkläreriches mehr. Aber auch für Gegenaufklärung reicht es nicht. Jetzt bin ich mir auch überhaupt nicht mehr sicher, ob der früheMarx überhaupt wirklich radikalaufklärerische Gedanken gehabt hat, wie von mir immer vermutet, habe aber jetzt keine Zeit für eine Prüfung. Jedenfalls gilt ab sofort Josef Breuer die Anerkennung für sowohl das kathartische Verfahren als auch für die Vorläuferschaft generell zur Tiefenwahrheit. Bei Reich bin ich bereit, den „Palimpsest“ beiseitezuräumen und Radikalaufklärerisches anzuerkennen, auch wenn er Freuds Triebtheorie noch auf die Spitze getrieben und fanatisch der Theorie von der „infantilen Sexualität“ angehangen hat. 7.2.1.17. Reich unterwindet ansatzweise doch die These von der frühkindlichen Sexualunterdrückung als Hauptursache für die Zerstörung des Eigners Doch dann überrascht uns Reich wieder, indem es an manchen Stellen offenkundig für ihn keine „infantile Sexualität“ mehr zu geben scheint. Kommen wir dafür nun wieder zu den tiefsten und höchst schwierig zu verschmerzenden Traumata zurück, die weit vor der sexuellen Entwicklung liegen – und also auch nichts mit einer hypothetischen „infantilen Sexualität“ zu tun haben –, von denen wir im Kapitel 7.2.1.14. Arthur Janov als Fortschritt gegenüber Reich, doch seinerseits nun mental-mechanistischer Wissenschaftler 2.0 gesprochen haben und die mit dem Absterben bei „lebendigem“ Leibe, dem „Erkalten“ der Kinder bzw. – um es mit Stirner zu sagen – der endgültigen Zerstörung des „Eigners“ zu tun haben. Janov attestierte Reich – bei Abstraktion von dessen „bizarrer sexueller Konzeption“ – eine „Annäherung an die primärtheoretische Auffassung“ und führt nun Reich weiter im Zusammenhang mit dem „Absterben“ in seinem Buch „Der Urschrei“ an. Ich kann die von Janov im „Urschrei“ zitierte Stelle in Reichens „Der Krebs“ nicht finden887, aber in meiner Ausgabe von „Der Krebs“ beschreibt Reich tatsächlich genau das Absterben bei lebendigem Leibe, das durch „Sauerstoffmangel“ verursacht sein kann. Er spricht dort auch vom rätselhaften „plötzlichen [Kinds]Tod“: Dieser sei Folge eines Schocks „und nichts anderes als eine rasche totale Kontraktion des Lebensapparates bis zu einem Grade, daß die Erneuerung der Expansion ausbleibt“888. Es ist auffällig, daß Reich hier nicht mehr von „Sexualunterdrückung“ spricht. Also hat er es schließlich doch noch geschnallt. Das hätte Janov in seiner Würdigung ruhig auch anerkennen können. Stattdessen spricht Reich jetzt von „komplizierten Vorgängen“ und dem „unendlich schwierigen Thema der Beziehung von Leben und Tod“889 (hervorgehoben von mir, PT) – wovor er später freilich in seine Version des Freud’schen Todestriebes, die Deadly Orgone Energy, geflüchtet ist. Von Schock, Sauerstoffmangel, Sterben, Tod und Nicht-Da-Sein singe ich in meinen Stunden der Tiefenwahrheit viele, „unendlich“ viele, aber immer noch nicht genügend viele Lieder … In allen meinen Sitzungen geht es um die elementare Beziehung von Leben und Tod (z.B. im zweiteiligen Video „Tod/Leben“890). Wenn ich auch nur etwas zum Leben komme, lebendig werde (für die Reichianer übersetzt: „das Orgon und dessen Strömen verspüre“, was nur immer etwas mit einem Gegenstand und einer Kommunikation zu tun hat und nicht kosmisch losgelöst ist), schlägt mich prompt immer wieder der Tod nieder, und ich versinke ins Sterben. Natürlich bleibe ich dann in meiner rein phänomenologisch-subjektiven, erlebnisbezogenen, d.h. eigenen Sprache (viel umfangreicher als „ich sterbe“ und „ich bin tot“ ist die Sprache allerdings nicht) und gebe mich ganz den Gefühlen und dem Leibe hin. In den Stunden der Tiefenwahrheit kommt es immer wieder zu diesem Viertakt: 1. Das Leben löst den Tod aus. – 2. Im Tod entstehen Unzufriedenheit und Frustration. – 3. Daraus erwachsen Revolte und Lebenswut: Ich will lebendig sein. – 4. Unter der Wut liegen Traurigkeit und Schmerz, die das wahre Selbst sind: Ich komme zum Leben.891 – Dieses Leben aber löst wieder den Tod aus, und damit geht der Kreislauf – jedesmal ein bißchen tiefer in der Gefühlsspirale – wieder von vorn los. Das wird nie aufhören, auch wenn ich zwei Leben hätte. Der bescheidene Wunsch, wirklich noch einmal ungeteilt, vollständig ich selbst und lebendig („Eigner“) zu werden, bleibt bestehen – das darf in beiden Bedeutungen verstanden werden. Reich beschreibt seine Beobachtungen bezüglich des Leben-Tod-Verhältnisses auf zellularer Ebene in biophysikalischer, kaum noch phänomenologischer Sprache. Das finde ich dann nicht mehr interessant und auch – was die Wiederherstellung des Eigners angeht – kontraproduktiv. Die Psychotherapie ist zur Eignerbildung bzw. Eignerrückgewinnung ungeeignet. Wenn es in ihr – und zwar in allen möglichen Ausrichtungen – zu eignerfreundlichen Effekten kommt, dann weil sie die Wissenschaft verläßt und zur Tiefenwahrheit wird. Alle Psychotherapien der verschiedenen Ausrichtungen finden, wenn sie erfolgreich im Sinne des Eigners sind, in der tiefen Wahrheit, die sie ihren Patienten auszusprechen gestatten, ihren kleinsten gemeinsamen Nenner. Also kann gleich mit Tiefenwahrheit angefangen werden. 8. Die philosophische anstatt psychotherapeutische Herangehensweise an ein Verfahren der Wiederaneignung: über autonome oder heteronome weitere Entwicklung entscheidend – Stirner anstatt Reich und Janov Soll der Eigner gestärkt werden, ist alles eine Frage der Herangehensweise, des Ansatzes, der Haltung. Von wem aus, von welchem Teil meiner Persönlichkeit aus spreche ich und betrachte ich die Lage? Das kann nur mein Resteigner sein, wenn ich Volleigner werden will. Warum soll ich von einem Fremdanteil ausgehen, wenn ich meinen Eigenanteil erweitern will? Spricht mein Resteigner nun deutsch oder wissenschaftlich? Es ist klar, daß das Selbstbewußtsein oft nicht einmal eine Mindestausprägung hat, um den Eigenanteil vom Fremdanteil zu unterscheiden. Aber trotzdem ist es dann wiederum überraschend leicht, Fremdvorgaben zu erkennen, nämlich am Imperativ: „Mach‘ dies, mach jenes!“ Das Problem ist nur, daß man das eigentlich klar als Fremdvorgabe Erkannte befolgt, weil es mit einem Versprechen daherkommt, das auf meine große Not stößt. Jetzt bin ich bereit – oder lasse mich korrumpieren –, für eine Minderung meiner Not der Fremdvorgabe zu folgen. Das Versprechen lautet: Verbesserung des Zustandes. Bei allem Verständnis dafür, aber leider lockt und zieht mich das Versprechen von mir weg. Jetzt stellt sich die Frage: Soll es mir besser gehen, oder will ich ich selbst sein? Das ist die entscheidende, sehr schwerwiegende Frage. Ich will natürlich, daß es mir besser geht – selbstverständlich. Und ich kann nicht verstehen, daß es mir besser gehen könnte, wenn ich ich selbst bin. Mir geht es ja schlecht, ich leide, ich bin in Not. Wie soll es mir denn besser gehen, wenn ich noch mehr ich sein soll? Dann vermehrt sich doch meine Not! Im Gegenteil ist alles, was mich von mir wegzieht, gut! Ich leide dann nicht mehr so sehr oder wenigstens nur diffus. Darin liegt die Bedeutung von Laskas bzw. Stirners Aussage: „Die ‚eingegebenen Gefühle‘, die ‚unbewusst Uns beherrschen‘892, das irrationale Über-Ich also, werde als ur-eigenstes Ich missverstanden, […]“893. Den laska’schen Einschub bzw. die laska’sche Interpretation Stirners finde ich nicht hilfreich; ich würde in diesem Zusammenhang nicht von einem „Über-Ich“, sei es nun „irrational“ oder „rational“, sprechen. Warum, werde ich im Kapitel 8.5.3. Laskas „rationales Über-Ich“ als Rationalisierung des Über-Ichs und aus mangelnder Praxis entstandenes Theorem erklären. Und wenn Laska den Satz – Stirner zitierend – fortführt mit: „‚und es hält [sic] schwer, die ‚heilige Scheu davor‘ abzulegen‘894“, dann ist das beider Oberflächlichkeit geschuldet. Beide überbewerten das „Heilige“ in seinem Beitrag zur Entfremdung. Mit der kolossalen, bis zur Wahrnehmung des fremden Ichs als eigenem Ich gehenden Entfremdung liegt also ein kolossales Dilemma vor. Jetzt könnten wir kommen und dem Kandidaten auch etwas versprechen: Wenn du du selbst bist, wird es dir besser gehen. Er kann nicht erkennen, daß die Dichotomie aus Selbst-sein und Besser-gehen falsch ist. Also können wir das gleich wieder sein lassen, und so kommen wir auch nicht in die Gefahr des Korrumpierens. Daß der problematisierte Mensch nur seinen Fremdanteil sieht und seinen Eigenanteil – weil zu klein – nicht sieht (jener Teil, der Genuß bereitet), können wir für uns denken, aber es hat keinen Sinn, ihm das zu sagen. Oder vielleicht doch? Vielleicht in einem kleinen Maße? – Wir müssen also seinen Resteigner ansprechen. Der muß ja vorhanden sein, sonst käme er weder auf die Idee, daß sich etwas verbessern noch daß er er selbst werden soll. Und wir müssen nur diesen Resteigner ansprechen. Wie sprechen wir, wenn er angesprochen werden möchte, den Resteigner an? Mit dem, was wir – in der Metasprache unter uns Intellos – „Phänomenologie“ nennen und was im normalen Leben heißt: „Sage es, wie es ist! Sage, was ist! Sage, wie es ist!“ Wir sagen zwar auch dem Kandidaten, was er machen soll, und das könnte nach einer Fremdvorgabe aussehen. (Es hat nur mäßig Sinn, jemandem zu sagen, er soll er selbst sein, wenn er als Selbst so gut wie verschwunden ist. Das ist dann tatsächlich eine Fremdvorgabe, weil sie ja zu nichts Eigenem führt.) Aber wir verbinden diesen Imperativ (oder diese Ermutigung) immer mit dem Appell (der Erinnerung, Mahnung) an seine eigene Verantwortung für sein eigenes Leben – auch wenn er so gut wie kein eigenes Leben hat und eigentlich gar keine Verantwortung übernehmen kann. Doch, hat er schon. Er spürt das, und wir lassen ihn das immer wieder wissen, bestätigen seine Wahrnehmung und die Wahrheit, die er nicht leugnen kann, u.a. eben auch die, daß er – und nur er – für sein Leben selbst verantwortlich ist und daß er selbst entschieden hat, in die Wahrsagerei zu kommen. Außer, daß wir ihn auf seine Verantwortung hinweisen und ihn ermutigen, er selbst zu sein – was auch immer das sein mag –, tun wir nichts. Er weiß, daß er in der Wahrsagerei nur die Wahrheit sagen kann: daß er nur die Gelegenheit hat, die Lage gründlich zu erörtern, daß er der Wahrheit über seine Lage nachgehen kann. Mehr bekommt er in der Wahrsagerei nicht für sein Geld. Die Tiefenwahrheit bietet von vornherein gar keine Verbesserung, keine Heilung, keine Reparatur an – all das, was die Psychotherapie dem problematisierten Menschen verspricht. Die Psychotherapeuten sagen auch, daß sie ihre Patienten ermutigen, aber ihre Ermutigung beschränkt sich überhaupt nicht darauf, daß der Patient für all sein Tun die Verantwortung übernimmt – also auch für den Gang zum Psychotherapeuten oder zum Wahrheitsbegleiter –, sondern sie sprechen weiter: Sie sagen sofort im Anschluß daran, was du machen sollst: es Mutti sagen (Janov) oder dich auf die Couch legen,
frei atmen und auf dein Gefühl achten, das aufsteigt, wenn dir der Therapeut Muskeln drückt (Reich). Und das sind keine Ermutigungen zum Eigner mehr, sondern eine Vorgabe und eine Manipulation, die dich sofort von deinem bißchen Eigner wegbringt, das du noch hast. Wie soll dein Eigner wachsen, wenn er – oder der Rest von ihm – sofort übergangen wird? Es gibt keine Alternative dazu, auf den Resteigner zu setzen und zu bauen.
Und Psychotherapeuten erklären dir, warum es dir schlecht geht, und wie das mit dem zusammenhängt, das sie dir sagen, daß du es tun sollst. Sie erklären dir alles – auch, warum es dir besser gehen wird, wenn du das tust, was sie dir sagen. Sie sind die „Freiheitskrämer“ (ein Begriff Reichs): Sie verkaufen dir eine Methode, mit der du – angeblich – die Freiheit erlangst. Du kannst ihr Angebot nicht ablehnen, weil du die Unfreiheit nicht mehr aushältst, und schlägst in den Deal ein. Reich selbst war ein formidabler „Freiheitskrämer“. Er hat auf diese Weise viel Geld eingestrichen, das er zum Fenster in den blauen Orgonhimmel hinausgeworfen hat. Alles das – die Freiheitskrämerei – fällt in der Wahrsagerei vollständig aus. Der Wahrheitsbegleiter weiß schlechterdings nicht, was du tun oder sagen mußt, damit es dir besser geht. Also kann er es dir auch nicht sagen. Er weiß nur – und sagt es dir –, daß du in der Wahrsagerei die ganze Wahrheit sagen und dich dann vielleicht besser „orientieren“ kannst. Es könnte sich dann tatsächlich etwas verbessern – deine Orientierung. Aber du mußt von Anfang an selbst die Verantwortung übernehmen. Die Verantwortung des Wahrheitsbegleiters ist nicht, dich in die Freiheit zu führen, sondern, dir aufmerksam zuzuhören und dir bei der Entstehung von Wahrheit behilflich zu sein. Wenn das mal kein himmelweiter Unterschied zur Psychotherapie ist! Und wenn das mal – wenn wir die Binnenperspektive des problematisierten Menschen einnehmen – kein himmelweiter Unterschied zur psychotherapeutischen Herangehensweise ist! Wenn das nicht schon mal ein großer Gewinn ist: die bessere Orientierung! Und das – die gründliche Erörterung und der „Versuch, sich in einer als problematisch wahrgenommenen Gegenwart zu orientieren“ – ist, wie wir schon gesehen haben, laut Christian Fernandes „Philosophie“895. Jetzt haben wir einen Namen für jene „Herangehensweise“, jenen „Ansatz“, jene „Haltung“, auf die es ankommt, mit der alles steht oder fällt, wenn es um den Eigner und dessen Wiedergewinnung geht: Es ist also die – Tusch! – philosophische Herangehensweise. Punktsieg für Stirner gegen Reich. Der Vorteil eines zunächst philosophischen – dann post-philosophischen – gegenüber einem psychotherapeutischen Herangehen und der Grund, warum sich die Tiefenwahrheit – trotz ihrer Verwandtschaft mit der Psychotherapie – eher in der philosophischen anstatt in der psychotherapeutischen Tradition sieht und damit zur Ausweitung von LSR geeignet ist, liegt darin: Der psychotherapeutische ist dem philosophischen Ansatz bei der Herstellung größerer Authentizität unterlegen – um es mal in der Art von Panajotis Kondylis zu sagen.896 Von L, S und R hat sich auf den ersten Blick nur Reich damit hervorgetan, daß er Verfahren anbot, mit denen es – das wollen wir ihm, obwohl nicht ganz korrekt, hier zugestehen – gelingen sollte, den Eigner wieder herzustellen. Stirner, der das so nicht getan hat, hat aber dennoch den besseren Anstoß dazu gegeben, weil er eine strengst subjektiv-anti-normative Herangehensweise hat. Und Stirner hatte in der Tat den Impetus zur Herstellung des Eigners, das ist der Subtext zum „Einzigen“. Ronald Hinner sagt völlig zurecht: „In Stirners Einzigkeitsbewusstsein [findet sich] ein gesteigerter Anspruch auf Selbstbefreiung.“897 Stirners Theorie mußte aber zunächst abstrakt bleiben. Reich und Janov haben sie dann konkret ausgefüllt, ohne allerdings das wissenschaftlich-objektivistische Vorzeichen, mit dem sie abgerichtet worden waren, aufzugeben. Beide müssen jetzt verbunden werden: die philosophische Herangehensweise und die Gefühle aus den psychotherapeutischen Praxen – wenn sie authentisch waren. Stirners Subjektivismus und infolge das post-philosophische „Juchhe“ waren der bessere Ansatz, weil vollständig unpräskriptiv. Stirner konnte dem nicht weiter nachgehen und ist traurig und vereinsamt gestorben. Aber wir müssen an dieser Stelle weitermachen. Für Laska ist es 2004 im Zusammenhang mit wohl dem ersten, ins Cistherapeutische gehenden Psychoanalytiker Otto Gross auch völlig klar, daß der psychotherapeutische Ansatz nichts mit dem LSR-Ziel zu tun haben kann: „Der genannte Imperativ [‚Der Imperativ der Zukunft: super-ego esse delendum‘898] ist aber insofern keiner, als niemand dazu aufgefordert wird, es jemandem nachzutun bzw. einer Idee zu folgen.“899 Der gross’sche und laska’sche Imperativ ist tatsächlich „insofern keiner“. Sowohl Otto Gross als auch Laska treten hier aus der Psychotherapie heraus. Ihre Herangehensweise an ein Verfahren, „das Über-Ich zu zerstören“ (was dem Aufheben der Entfremdung und dem Durchsetzen des Eigners gleichkommt), ist kein psychotherapeutisches mehr, weil in der Psychotherapie „dazu aufgefordert wird, es jemandem nachzutun bzw. einer Idee zu folgen“. Nun ist aber der R in LSR ein Psychotherapeut ... – LSG wäre dann schon sinnvoller gewesen, da Gross „den gleichen Kerngedanken vertreten […] hat wie sie“900 (Stirner und Reich; der „Kerngedanke“: „Negation des irrationalen Über-Ichs“), auch wenn dieser bei Gross in einem mindestens so großen „Palimpsest“ verborgen liegt wie bei Reich901. Wie gehe ich als problematisierter Mensch in irgendeine Art Institution, wo es darum gehen soll, an meiner existenziellen Situation irgendetwas vorzunehmen, wo irgendetwas geschehen soll, das sich auf diese Situation auswirken soll? Gehe ich dorthin mit einer Erwartung an den Helfer, an den ich mich wende? – Diese Haltung würde ich einnehmen, wenn ich zu einem Psychotherapeuten gehe. Oder gehe ich mit einer Erwartung an mich selbst zu einem Helfer, der nur dafür da ist, mich auf meiner Wahrheitserkundung zu begleiten und mich nur in meinem Resteigner anspricht und bestärkt und mich zum Sagen der Wahrheit ermahnt? Bin ich sozusagen nur neugierig auf mich selbst, egal wie groß meine Katastrophe ist? Ein problematisierter Mensch, der von Tiefenwahrheit als Alternative zur Psychotherapie und ihrem Vorschlag der bloßen Wahrheit gehört hat, kommt, wenn er es braucht und einigermaßen von der Tiefenwahrheitstheorie überzeugt ist, natürlich schon mit keiner psychotherapeutischen Herangehensweise in die Praxis einer Wahrsagerei. Er delegiert sich nicht mehr – wie ich das noch getan habe – in etwas, wo etwas mit ihm veranstaltet wird; er schaltet sich nicht mehr als Subjekt ab, gibt sich nicht an der Garderobe ab. Er überläßt sich nicht mehr dem Verfahren eines Experten. Er will von Anfang an Subjekt sein, er will der Herr des Geschehens sein – wie klein dieses Subjekt auch sein mag: Es soll herrschen. Das geht. Weil der Wahrheitsbegleiter ihn nie davon abbringt und ihm nichts erzählt. Subjekt sein, heißt: sich seine eigenen Gedanken machen (und dann hoffentlich auch entsprechend handeln). „Seine eigenen Gedanken machen“ aber heißt – Philosophieren: „Philosophie ist der Versuch, sich in einer als problematisch wahrgenommenen Gegenwart zu orientieren.“ (Christian Fernandes902) Ein problematisierter und Unterstützung suchender Mensch könnte also mit dem einverstanden sein, was ich „philosophische Herangehensweise“ nenne, auch wenn er bei seiner Definition von Philosophie den Schwerpunkt auf etwas anderes legt als ich oder Christian Fernandes oder überhaupt mit Philosophie nichts zu tun haben will, weil er sein Nachdenken nicht „Philosophieren“ nennt. – Genau darum geht es aber: daß er von Anfang an als Subjekt in die Tiefenwahrheit kommt. Wir fordern konsequent einen Wahrsager dazu auf, er selbst zu sein oder sich darum zu bemühen, wenigstens auf den Rest seines Selbstes zu fokussieren. Sehr wahrscheinlich wird aber seine Art von Philosophie mindestens auch zum Inhalt haben, daß er als Subjekt seinen eigenen Willen zu finden versucht, entsprechend dem er handeln wird. Dann konzentriert er sich auf seine eigene Existenz und versucht Antworten auf die Frage zu finden, wie er am besten leben soll. Der Kompaß bleibt stets, herauszufinden, wer man wirklich ist. Man bemerkt an sich verschiedene „Stimmen“ (oder Persönlichkeitsanteile oder gar Personen) und geht dann der Frage nach, welche tatsächlich die tiefste und richtige ist, die sich durchsetzen und eine Einheit herstellen soll. Das Grübeln und Spekulieren darüber, welcher meiner Anteile herrschen soll und überhaupt zu mir selbst gehört, verliert auf diese Weise nach und nach an Intensität. Der Stirnerianer Bernd Kast nennt ein Kapitel seines Buches „Max Stirners Destruktion der spekulativen Philosophie“: „Die Überwindung der Entzweiung des Menschen in der Eigenheit des Eigners“903. Jeder hat dabei seine eigene philosophische Herangehensweise, aber Hauptsache es ist eine philosophische und keine objekt-orientiert-wissenschaftliche. 8.1. Definition Philosophie – nur subjektiv-subjektbezogene Philosophien sind von selbstermächtigendem Wert Es gibt im Internet viele andere Definitionen von Philosophie, von denen etliche der fernandes’schen ähneln: „Philosophie vermittelt die Fähigkeit, uns innerlich zu ordnen um unseren Willen ausdrücken und gemäß unserem Willen handeln zu können. / Philosophieren konzentriert sich auf existenzielle Fragen, Mensch und Welt also. Dabei werden mögliche Antworten auf ihre Berechtigung und Glaubhaftigkeit geprüft. / In der Philosophie setzt man sich mit existenziellen Fragen kritisch auseinander und behandelt die Grundprobleme des menschlichen Daseins. Dabei wird die menschliche Existenz und die Welt zum Hauptbestandteil. / Die Philosophie will die menschliche Existenz ergründen, das Leben und die Welt hinterfragen, verstehen und deuten.“Die Welt“ interessiert mich persönlich nur sekundär und insoweit, wie sie mich betrifft (das kann aber manchmal eine Menge von ihr sein, weil ich ja zur Welt gehöre). Auch um’s Deuten geht es mir persönlich nicht. Auch nicht um eine „kritische Reflexion zentraler Begriffe“904, weil das Primäre und Wichtige nicht der Begriff, sondern das Begriffene oder Zu-begreifende ist, alles andere ist Metaphilosophie, Hegelei und Talmudismus. Wenn die kritische Reflexion eines Begriffs zur Dekonstruktion von etwas Heteronomen beiträgt und der erste Schritt zu einer Veränderung ist, soll sie mir recht sein. Was für mich Philosophie desweiteren nicht ist: Mir geht es nicht um „das Studium von Ideen oder Verhaltensgrundsätzen“; ich „strebe nicht nach dem Verständnis der Welt“; ich „untersuche nicht die grundlegende Struktur und Natur des Menschen“; schon gar nicht will ich „die transzendente Natur des Menschen verstehen“. Wir sprechen hier nur von den Philosophien, mit denen das Subjekt seinen eigenen Willen zu finden versucht. Dann konzentriert sich der Philosoph auf seine eigene Existenz und versucht Antworten auf die Frage zu finden, wie er am besten leben soll. Jemand, für den die Philosophie das Verständnis der Welt – und dessen, was noch dahinter ist – bedeutet, verirrt sich sowieso nicht in die Tiefenwahrheit. Der hat ja die Wahrheit schon längst gefunden: in Christus oder so etwas. Dann sagt er: „Die Wahrheit wird euch freimachen.“ Aber das sind immer nur äußere, abstrakte, fremde Wahrheiten; darum geht es in der Tiefenwahrheit nicht. (Ausgerechnet der als „Existenzphilosoph“ und „Philosoph der Wahrheit“ geltende Karl Jaspers hat die Wahrheit eigentlich fast nur in einem politischen Zusammenhang verstanden!905) In der Tiefenwahrheit gilt einzig und allein: „Ich bin das Kriterium der Wahrheit.“ (Stirner906) Die Herangehensweise in der Tiefenwahrheit ist also der eines sog. Existenzphilosophen und nicht die von jemanden, der sich als „krank“ empfindet und therapiert zu werden wünscht („krank“ kann natürlich auch ein berechtigter und nicht unbedingt auf vollständige Heteronomie verweisender Ausdruck eines Unbehagens sein). Tiefenwahrheit mit seiner philosophischen Herangehensweise ist aber nicht zu verwechseln mit jenen „philosophischen Praxen“, die in den 90er Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen und in Mode kamen. Diese hatten zwar eine Lücke auf dem mentalhygienischen Markt entdeckt und – wie vom Publikum gefordert –, eine dezidiert nicht-therapeutische, nicht-wissenschaftliche Herangehensweise angeboten, aber jene Ansätze der „humanistischen“ Psychotherapien nicht integriert, die tatsächlich ein „Operieren im affektiv-emotionalen Bereich“ aufwiesen. Zu einem solchen kam es in den „philosophischen Praxen“ nicht. Die philosophische und die therapeutische Herangehensweise ähneln sich aber manchmal – wenn Therapeuten wie Gross dem Verlassen der Therapie nahekommen und sie Wissenschaftler an der Grenze zur Existenz sind. Dann ist die quasi post-therapeutische Herangehensweise kaum noch von der philosophischen abgrenzbar. Auf der anderen Seite haben ja manche Philosophien auch bereits etwas Therapeutisches. Selbst einer sehr sachlich daherkommenden und intellektuell ausgerichteten Paraphilosophie wie die Laskas liegt ja auch eine mehr oder weniger geheime Absicht – ein Engagement, wie ich weiter oben sagte – zugrunde. Aber das Therapeutische kommt bei Laska nur im Symbolischen vor – liegt unter einem „Palimpsest“. Man sollte dem therapeutischen Aspekt des Philosophierens mehr Raum geben. Für viele ist Philosophie mit Wahrheit identisch, mit dem Herausfinden der Wahrheit, mit ehrlichem, gewissenhaftem Denken – im Gegensatz zu Ideologie und vorgefaßten Meinungen. Manche kommen dabei auf tiefste, metaphysische Fragen. Ich bin dem ausnahmsweise im Dialog mit Theisten aus kommunikationstechnischen Gründen auch einmal nachgegangen: in meinem Buch „Pan-Agnostik“907. An sich ist Philosophie aber für mich nur Nachdenken und Nachsinnen über mich und meine Lage, also etwas eigentlich sehr Einfaches. Ich ziehe unter allen Philosophie-Definitionen nicht nur die abgespeckte Fernandes-Version vor („… der Versuch, sich in einer als problematisch wahrgenommenen Gegenwart zu orientieren“), sondern specke noch mehr ab. Gar nicht ist Philosophie in meinem Verständnis auch, was ich hier tue – das tue ich nur Philosophen wie Fernandes zuliebe, von denen ich ausnahmsweise mal verstanden werden will. 8.2. Die Philosophie kann und sollte sehr primitiv werden Wenn man sich betroffen fühlt oder sogar in Not ist – wenn der sog. Ernstfall vorliegt –, kann das Philosophieren schnell mal nur noch in einem primitiven, jedenfalls auf gar keinen Fall mehr gebildet-intellektuellen Sinne verstanden werden. Myron Sharaf zitiert in diesem Zusammenhang Henry David Thoreau: „Alles Lebendige wird in der Umgangssprache leicht und natürlich ausgedrückt.“908 Die Not ist der „Ausnahmezustand“, aber Carl Schmitt bezieht diesen auf das Kollektive und Politische. Aber man kann es auch auf das Individualexistenzielle beziehen, wo es ebenfalls um die Souveränität geht: die Macht (etwas vermögen, d.h. in der Lage und befähigt sein) oder – wenn die Macht nicht mehr vorhanden ist – die Bemächtigung oder „individuelle Ermächtigung“ (Laska). In der Not kann es aber nicht nur darum gehen, ob wir souverän sind, d.h. überhaupt noch über uns verfügen und bestehen können, sondern ob wir überhaupt da sind – da geht es uns persönlich wie den Kollektiven, denen wir angehören, wie unseren Völkern: Die können auch ihre Souveränität einbüßen und schließlich ganz verschwinden. Dann werden auch jene Volksgenossen mit in den Abgrund gerissen – oder müssen sich „neu orientieren“ –, die eigentlich individuell noch da waren. Und in diesen „Ausnahmezuständen“ wird nicht lange herumgefackelt. Da wird gar nicht mehr nur noch „versucht, sich in einer als problematisch wahrgenommenen Gegenwart zu orientieren“, sondern da kommt es darauf an, sich ganz schnell bzw. sich sofort zu orientieren – sonst ist es zu spät. Das Philosophieren ist dann extrem abgespeckt, es wird sogar wortlos. Es ist dann ganz Stirners „‚Philosophie der Tat‘ […]. ‚Empörung‘ sei eine Sache des Ich im Hier und Jetzt.“ (Laska909) Generell nimmt mein „Nachdenken und Nachsinnen über mich und meine Lage“ eine Gestalt an, über die ein veritabler Philosoph nur angewidert die Nase rümpfen kann. Trotzdem ist diese ultra-primitive Art des Nachsinnens Philosophie, wie ich sie verstehe und wie sie im Sinne der „Empörung“, für die, wie Laska sagt, „‚Bildung‘ keineswegs Voraussetzung ist“910, nützlich ist. Laska: „La Mettrie sah die Überwindung der Religion nicht als einen intellektuellen Kraftakt, zu dem naturgemäß nur wenige Individuen fähig sind, sondern als ein seelisches Problem, das mancher Bauer relativ gut, mancher moralisierende Atheist dagegen relativ schlecht gelöst hat.“911 Die Religion spielt in unserem Zusammenhang keine Rolle mehr, aber falls eine „Überwindung der Religion“ tatsächlich noch Teil einer „Ermächtigung“ oder Befreiung sein muß, dann würde ein solcher Bauer tatsächlich im Verständnis der Tiefenwahrheit philosophieren, auch wenn es überhaupt keinen Bezug zur Philosophiegeschichte oder Philosophie im üblichen Sinne gibt. Und die „moralisierende Atheisten“ benutzen ihre „Philosophie“ im Gegensatz dazu, ihre Entfremdung aufrechtzuerhalten. Laska schreibt, daß dem „im Gefolge der sog. 68er-Revolte aufkommende (Neu-)Anarchismus die Basis in der Arbeiterschaft fehlte“ 912 und spricht von „Volk und realen Menschen“913, wo Karl Marx nur „‚Tierreich‘ und ‚hirnlose Wesen‘“914 gesehen habe, weswegen Marx – trotz seines Mammut- und Marathon-Anti-Stirners – Stirner nie bewältigen konnte. Stirner sah sich nicht als Philosoph915, sondern als Proletarier.916 8.3. Die bis in die „Leiblichkeit“ (Hermann Schmitz) hinein operierende Phänomenologie als philosophischer Königsweg Wie bereits erwähnt, präferiert die Tiefenwahrheit, wenn sie für eine philosophische Herangehensweise plädiert, die phänomenologische Variante der Philosophie. Der Wahrsager wird dazu ermutigt, die Lage so zu benennen und zu beschreiben, wie sie sich ihm darstellt. Das Benennen und Beschreiben kann – und muß – dabei primitive Formen annehmen. Mit „Phänomenologie“ ist also nicht gemeint, der Wahrsager solle die heidegger’sche Phänomenologie studieren und schon gar nicht die hegel’sche „Phänomenologie“, die keine und nur eine – alle Achtung! – voll umfassende Zusammenstellung aller überhaupt denk- und wahrnehmbaren Phänomene ist, also eine Phänomenensammlung und keine Existenzbeschreibung. Es ist auch nicht die „Neue Phänomenologie“ von Hermann Schmitz gemeint. Dieser hätte zu einem Verbündeten der Tiefenwahrheit werde können, und es ist sicher kein Zufall – wie damals mit Janov bei den Wilhelm-Reich-Blättern –, daß Laska ausgerechnet mit ihm einen so umfangreichen, in diesem Jahr veröffentlichten Briefwechsel geführt hat.917 An Stelle von Reichs (mechanischem) „Körper“ hat Schmitz den (fühlenden, spürenden) „Leib“ gesetzt und dem Körper das Erlebnismäßige, Innere, Subjektive zumindest theoretisch zurückgegeben. Sein „Leib bildet die Grundlage für Subjektivität, für die Konstitution von Eigen- und Fremdwelt“918. Um Schmitzens phänomenologisch-subjektiven Ansatz im Vergleich zu Stirners radikaler Subjektivität scheint es aber auf den 500 Seiten des Briefwechsels nicht zu gehen, sondern eher um abstrakte Streitereien und Prinzipienreitereien. Schmitzens „Leib“ kommt nicht vor, stattdessen Politik und die Menschheit. Und das sollen dann „die tiefsten, grundsätzlichsten und dennoch anderswo kaum berührten Probleme der ‚Philosophie‘“ (Laska919) sein? Nein, das tiefste Probleme ist immer wieder und immer nur das des Individuums. Auf diesem allein ruht der gesamte Rest. Es gibt natürlich den Zusammenhang von Gesellschaft und Individuum, aber der Abstand zwischen ihnen ist astronomisch groß. In der Entfremdungskritik – und darum ging es ja beiden – sollte es stets nur um das Individuum und dessen Kommunikation mit anderen Individuen im Mikrosozialen gehen – aber nur von der Warte dieses Individuums und seiner Wahrheit. (Daß diese subjektive Wahrheit dann dabei behilflich ist, wenn sich mehrere Subjekte zwecks Stiftung eines „Vereins“ (Stirner) auf eine gemeinsame Wahrheit festlegen wollen, ist klar, steht aber hier nicht zur Debatte.) Mit seinen Büchern „Die entfremdete Subjektivität“, „Über Identität, Subjektivität und Personalität“, mit seiner „Subjektivitätstheorie“, „Philosophie des Leibes und der Gefühle“ und „Neuen Phänomenologie“ wäre Schmitz prädestiniert gewesen, Stirner fortzuführen. Er tat es in gewisser Weise, weil Stirner noch kein Phänomenologe war und das Problem erst mal nur prinzipiell anging. Aber ihm fehlte der Übergang in das praktische Emotional-korporelle, den Stirner uns andererseits eindeutig aufgetragen hat. In der Tiefenwahrheit hat „Körper“ immer die Bedeutung von „Leib“ im schmitz’schen Sinne.920 Dort ist der Leib das Tiefen-Ich, der Körper dagegen nur das Produktionsmittel von Sklavenhaltern. Das, was bei Schmitz „Körper“ ist, gibt es in der Tiefenwahrheit überhaupt nicht.921 Auch wenn ich meistens von „Körper“ spreche, meine ich doch diesen Leib: im Sinne von Claudia von Werlhof: „Der Leib aber – der sind wir. Er ist unsere Existenz, er ist Wissen, Fühlen, Ich.“922 8.4. Die Erweiterung des laska‘schen neuaufklärerischen Kognitiv-affektiv-Kernsatzes um das Leibliche An dieser Stelle ist es an der Zeit, den initialen laska’sch-stirner’schen Leit- und Kernsatz – die neuaufklärerische Kognitiv-affektiv-Formel – durch das kursiv Gesetzte zu erweitern: „Stirners Postulat, die (alte) Aufklärung, die im kognitiv-rationalen Bereich operierte, sei am Ende ihrer Möglichkeiten und deshalb durch eine neue, im affektiv-emotionalen Bereich und im leiblichen Bereich operierende […] fortzusetzen.“ Das Leibliche (Korporelle) ist wohlgemerkt nicht als das Anatomische und Biochemische zu verstehen, sondern als das schmitz’sche „Leibliche“. Das Leibliche unterscheidet sich noch einmal deutlich vom Gefühlsmäßigen. Das fehlte bei Stirner und Laska noch. Wissenschaftlich gesprochen kann man die Selbst- und Fremdsteuerung auf drei Gehirnebenen (bzw. der Darmgehirnebene) beschreiben. Das bestätigt sich phänomenologisch; alles sind Bewußtseins- bzw. Willenserscheinungen des Einzigen. Zusammen mit meiner obigen Korrektur des Begriffs „kognitiv-rational“ zu nur „kognitiv“ (weil das Emotionale ja auch rational und „rational“ nur ein Attribut eines Kognitiven ist) ergibt das eine neue neuaufklärerische Formel: Das Operieren im Kognitiven muß durch ein Operieren im Emotionalen und im Leiblichen ergänzt werden. Die höchste Würdigung erfährt dieses Leibliche als Teil des Lebendig-erlebnismäßig-existenziellen, wenn Janov absolut zurecht davon spricht, daß Sauerstoff für Fötus und Neugeborenes mit Liebe identisch ist.923 Mit allem Elementaren versorgt zu werden, empfindet das Baby schlicht als Liebe: Es badet dann in Liebe. Später wird diese Liebe um die emotionale Komponente ergänzt, sie ist aber vorher schon da; es ist nicht etwa ein stumpfes, sinnloses Vegetieren, ganz im Gegenteil: Das „sensorisch Fenster“ ist zu dieser Zeit in der Regel sperrangelweit offen : So und nicht anders ist das „Körperliche“ im Verständnis der Tiefenwahrheit zu verstehen. Jedes leibliche Bedürfnis versagt zu bekommen, heißt, an Autonomie und Souveränität zu verlieren – seinen Eigner einzubüßen. Natürlich ist das Baby nicht autonom, aber im Sinne, daß es absolut weiß, was es will, sehr wohl – solange es nicht Bedürfnisse von sich abspalten muß, weil der Schmerz zu groß wird, wenn diese nicht befriedigt werden. Autonomie heißt auch, sich selbst zu steuern, indem andere – die Mutter – durch Signale gesteuert werden. Das ist ja später beim Erwachsenen nicht anders: Er steuert sich und seine Umwelt. Das Baby ist nicht autark – aber souverän durchaus, wenn es eine liebevolle Mutter hat und seine Bedürfnisse befriedigt bekommt: Dann entscheidet es über sich selbst. Der Anteil der Versagung von leiblichen Bedürfnissen an der Zerstörung des Eigners wird von Stirner und Laska überhaupt nicht erkannt. „Über-Ich“, „Heiliges“ usw. sind Lichtjahre vom entscheidenden Geschehen der Heteronomiebildung entfernt, das sich eben lange vor der Gefühls- und vor der Sprachentwicklung sowieso abspielt. Es prägt sich auf leiblicher Ebene ein. Das wird später selbstverständlich auf emotionaler Ebene fortgesetzt; die Ergebnisse des Lernprozesses aus der rein leiblichen Zeit werden auf das Emotionale und Kognitive übertragen und angewendet. Und da können Sloterdijks „Programmierungen“ – nicht von dem, aber von uns – „einfach hinausgeworfen“ werden. Das Kognitiv-intellektuelle hilft als Symbolisierung beim Abwehren von Urschmerz, der aus der leiblichen Phase stammt und bis zu einer Verschmerzung („Hinauswurf“) persistiert. Obwohl Schmitz behauptet, „grundsätzlich an Erfahrung und Anwendbarkeit orientiert“ zu sein, ist er tief in der Philosophie, sprich: im Kognitiv-intellektuellen, verhaftet geblieben, geschweige denn, daß er wirklich ins Leibliche gekommen wäre. Auch er hätte den kognitiven Bereich nicht nur um den emotionalen Bereich erweitern können, sondern auch um den korporellen. Aber Schmitz „operierte“ nicht in den beiden letzteren Bereichen; er blieb der Intellektuelle, der über alles nur schrieb – zehntausende von Seiten. Seine Schriften müssen sich aber in einem gewissen Maße positiv auf die Praxis der Psychotherapeuten ausgewirkt haben, mit denen er zusammenarbeitete. Davon weiß ich aber nichts Näheres; es wird nicht berauschend gewesen sein. Wichtig im Zusammenhang mit Tiefenwahrheit ist, daß das Kognitive bei der Weise, wie ich an das eignerbehilfliche Verfahren herangehe, auf seine Kosten kommen darf – ja muß! Das nenne ich „die philosophische Herangehensweise“, mit der Sie in die Tiefenwahrheit gehen sollten. Mit dieser Grundeinstellung können Sie auch in eine Psychotherapie gehen. Es fragt sich nur, ob Sie dort in Ihrem Psychotherapeuten einen guten Partner finden. Sie können großes Glück haben und ein Wunder erleben – so wie ich mit meinem Primärtherapeuten. Die Psychotherapie ist von großer Versuchung, sie will uns immer wieder zurück in ihre Herangehensweise und von der philosophischen Herangehensweise wegziehen. Sie macht es uns mit ihren schicken Erklärungen und logisch scheinenden Reparaturvorschlägen leicht, ihrem beträchtlichen Korruptionspotenzial zu erliegen. Das haben manche Psychotherapeuten durchaus erkannt. Es gibt psychotherapeutische Schulen wie z.B. die Daseinsanalyse, „die nur bedingt der ‚humanistischen Psychologie‘ zugeordnet wird, […] die der phänomenologischen Methode folgt und sich philosophisch vor allem an Martin Heidegger orientiert“924, und damit schon mal einen besseren Weg einschlägt. Dieser Weg führt zwar von der Wissenschaft weg und hat die richtige, weil philosophische Herangehensweise, bleibt aber dann im Sprachlich-kognitiven stecken und macht den Patienten zu einem Philosophen. Gleiches trifft in etwa auf die „Existenzanalyse“ nach Viktor Frankl zu (die wiederum zur „humanistisch-existenziellen Psychologie“ gehört). Die „Existenzanalyse“ firmiert auch als „Logotherapie“, wobei „Logo“ für „Sinn“ steht. Sie ist auf „Sinnerfüllung gerichtet [und] erweitert den Blick auf die Dimension von Person und Existenz und [soll] besonders das Sinnstreben als primäre Motivationskraft des Menschen erfassen“925. Das ist alles sehr löblich, aber diese nicht mehr wissenschaftlich vorgehenden Therapien, die eigentlich schon vor dem Absprung von aller Therapie stehen, lassen keine radikalen Schritte in das Affektive-sinnliche zu, wo allein Sinn zu finden ist. 8.5. Selbst bei der philosophischen Herangehensweise zur Eigner-Stärkung kommt es bei großer Ich-Schwäche zu Schwierigkeiten. Laska vorbildlich in der prinzipiellen Herangehensweise – doch trifft dann auf nichts Eigenes. Laskas Überlegungen, sich praktisch einem Verfahren der „Selbstermächtigung“ zu unterziehen Welche enormen Schwierigkeiten die „Negation des irrationalen Über-Ichs“ (Laska) bereiten kann, sieht man selbst bei demjenigen, der ihr sein Leben gewidmet hat, dessen eindeutig philosophische Herangehensweise aber leider nicht ins Emotionale weiterführend ist. Otto Gross schrieb: „Die wirklich trennenden Kontraste der ‚zerrissenen‘ Psyche sind nur als Gegensatz des Eigenen und Fremden möglich.“926 Der problematisierte Mensch kann aber enorme Schwierigkeiten dabei haben, das Eigene vom Fremden zu unterscheiden. Aber mit dem Kompaß der Wahrheit im Hier und Jetzt seiner Gedanken, Gefühle und Leiblichkeit – die immer irgendwie vorhanden ist, wenn auch manchmal nur spurenweise – hat er gute Chancen, sein Eigenes nach und nach besser detektieren und erweitern zu können. In der Wahrsagerei ist er dafür gut aufgehoben. Laska ist an der Stelle wieder einmal sehr skeptisch; eigentlich hält er ein eigner-verstärkendes Vorgehen für aussichtslos. Am 2. April 2004 hatte Lenz Prütting ihm in einem Brief geschrieben: Da taucht aber die Frage auf, wie man all das aus dem eigenen Fleisch und Blut wieder herausgebekommt, das sich dort als Gewissen eingenistet hat.“927 Laskas Randbemerkung zu Prüttings „wie“: „und warum (vor allem!)“. Am 13. April 2004 antwortet Laska Prütting: Sie werfen die Frage auf, wie man […] ‚das Fremde‘ aus sich wieder herausbekommt, um so nur ‚das Eigene‘ übrig zu behalten, ja, ob oder ggf. in welchem Maße man (bei sich) darüber verfügen kann“928. Dann schreibt er sehr gut den ersten Teil eines Satz (der die Herangehensweise an ein hypothetisches überich-zerstörendes Verfahren betrifft): Davor stünden freilich die Fragen, warum man das überhaupt ‚will‘…“, schickt diesem ersten Teil aber einen zweiten Teil hinterher, der bei einem Laska-Fan nur verdutztes Kopfschütteln auslöst: „… und ob das oft beschworene ‚Eigene‘ nicht sowieso nur – wie die ‚Gene‘ – eine einzigartige Mixtur aus ‚Fremden‘ ist.“ Vorbildlich präzisiert Laska einige Sätze später die Herangehensweise noch einmal: Wenn ich etwas gegen die eingangs genannte enkulturierte Instanz (Gewissen, Überich etc.) habe, so muß ich mir doch, wie gesagt, in erster Linie die Frage nach dem Grund stellen (und dann erst, ob und wie ich es schwächen oder eliminieren kann).“ Laska antizipiert hier die Tiefenwahrheit, aus deren Lehrbuch das stammen könnte! Laska fragt hier nicht etwa nach dem Grund für die Enkulturierung, sondern: Was habe ich überhaupt dagegen, daß es in mir eine Instanz gibt, die im Widerstreit zu einem tieferen Persönlichkeitsanteil zu sein scheint? Warum sollte ich daran etwas ändern – etwa im Wege eines besonderen Verfahrens? Wir sind hier zwar noch nicht bei der Frage des Wies – nämlich das eigner-erweiternde, meinetwegen auch „überich-zerstörende“ Verfahren der Tiefenwahrheit –, aber die Frage nach dem, warum der problematisierte Mensch überhaupt ein solches angehen will, steht in riesengroßen Lettern über dem Eingang zu Wahrsagerei: Darin – das gehört jetzt schon zum Wie – besteht schon mal der erste Schritt und die erste Hilfestellung hin zur Eignerbildung. Aber so weit sind wir noch nicht. Wir sind noch bei dem Warum. Wenn ich mir diese Frage stelle, kann ich jetzt zur Antwort kommen, daß mich etwas stört. Danach käme die Frage, ob ich es loswerden will. Und als drittes – da hat Laska vollkommen recht – kommt dann erst die Frage, wie ich das Störende loswerden kann. Als erstes nehme ich meine Entfremdung wahr. Was kommt dann als zweites? – Nehme ich es hin? Empöre ich mich dagegen? Flüchte ich in allerlei Dinge, die mich von der Wahrnehmung abhalten? (Peter Wessel Zapffe beschreibt diese „Hauptabwehrmechanismen“ systematisch.929) Für den Fall, daß ich mich empöre, liegt als nächstes aber eigentlich schon das „Wie“ (ich es schwächen oder eliminieren kann) auf der Hand: Ich reagiere nämlich auf und gegen die mich entfremdende Instanz: Und das kann eigentlich nur eine affektive Reaktion sein. Eine Störung kann sich zwar als eine unbefriedigende kognitive Inkohärenz bzw. Dissonanz darstellen, aber sie wird auch dann als Affekt wahrgenommen: Das eigentlich Störende ist nicht die fehlende Logik, sondern das Gefühl, das daraus erwächst. Und meine Reaktion darauf sollte eigentlich auf der gleichen Ebene stattfinden: Ich muß das Störende auf dem Schlachtfeld begegnen, wo es sich aufhält. Die Frage nach dem „Grund“ meines „Etwas-gegen-die-Instanz-Habens“ sollte deswegen eigentlich unmittelbar mit dem „Wie“ zusammenhängen: Das Störende wird affektiv angegangen. Doch umso erstaunlicher ist, wie Laska dem ersten Teil des Satzes („Davor stünden freilich die Fragen, warum…“) den zweiten Teil des Satzes („…man das überhaupt ‚will‘“) hinterherschicken kann, ja, wie er beide Teile in einem Satz unterbringen kann! Er scheint nicht etwa eine Affektsperre zu haben, sondern ihn scheint gar nichts zu stören! Ja, was hat er denn dann überhaupt gegen jene „Instanz“? Laska scheint nicht über das Warum hinauszukommen und bei diesem kleben zu bleiben. Zunächst drückt Laska mit dem „will“ in Gänsefüßchen aus dem Halbsatz „warum man das [ein mögliches überich-zerstörendes Verfahren] überhaupt ‚will‘ …“ bereits einen riesigen Zweifel aus. Doch dann verläßt er auch noch das Gebiet des Zweifels und begibt sich unvermittelt auf das Gebiet – nicht etwa der „Negation des irrationalen Über-Ichs“, sondern – der Negation des Ichs, wie ich sie radikaler selten gehört habe und nur von Hochbegabten wie Heiner Müller her kenne, die durch Ich-Abwesenheit glänzen: „… und ob das oft beschworene ‚Eigene‘ nicht sowieso nur – wie die ‚Gene‘ – eine einzigartige Mixtur aus ‚Fremden‘ ist.“930 Oh my god … Wenigstens entdeckte Laska dann nicht auch noch – wie die meisten Hochbegabten – den lieben Gott (die theistische Übersetzung der wissenschaftlichen „Gene“) für sich. Daß Laska überhaupt zu solchen Gedanken fähig ist, überrascht mich dann doch sehr, auch wenn seine Sätze nur ein – sehr zögerlich-tastendes – Gedankenexperiment sind und er nur „Fragen“ stellt. Hier finden wir auch die Antwort auf die Frage, warum Laska einem überich-zerstörenden Verfahren (er nennt es „individuelle Selbstermächtigung“931) trotz des vor sich hergetragenen „Imperativs“, daß das Über-Ich zu zerstören sei, zeitlebens ausgewichen ist, obwohl es ihm gar nicht radikal genug zugehen konnte (LSR bedeute auch „Liquidar Super-Ego Radicalmente“932): wegen der riesigen Unsicherheit, ob es überhaupt ein „‚Eigenes‘“ gibt. Kevin gar nicht zu hause. Laska schreibt das Eigene in Gänsefüßchen. Er ist nicht therapieskeptisch, sondern eignerskeptisch. Laska hat das zwingend angebrachte, imperative überich-zerstörende Verfahren repulsiert. Aber ßochie, ich vergaß: Es war ja ein „Imperativ der Zukunft“, das ging ihn ja in der Gegenwart nichts an. Es war doch alles „Prophylaxe“ … – wenn er sich dann andererseits nicht wieder doch auch so viel Gedanken um eine „individuelle Selbstermächtigung“ gemacht hätte … Ein gewisse Spaltung läßt sich auch hier nicht übersehen. Diese Gedanken waren aber durch großen Pessimismus getrübt. Was er Adorno als Abschaffer der Aufklärung vorwirft, das gilt für ihn selbst. Vielleicht kann sich Laska deshalb so gut in Adorno hineinversetzen: Beide retten, bevor ihnen der Atem ganz ausgeht, wenigstens noch einen Gedanken von Aufklärung: „Adorno hat auf seine alten Tage aber durchaus noch m.E. sehr Sinnvolles geschrieben, das aber leider so, als sei es ihm nur rausgerutscht, oder als eher verborgenes Vermächtnis.“ – Genau wie bei ihm selbst. Da will ich gleich mal ein bisschen nachlegen und, das Thema ‚Aufklärung‘ wieder anpeilend, das obige Zitat fortsetzen. Adorno fährt fort: ‚In ihren heroischen Zeiten hat die Freudsche Schule, darin eines Sinnes mit dem anderen, aufklärerischen Kant, die rücksichtslose Kritik des Überichs als eines Ichfremden, wahrhaft Heteronomen, gefordert...‘ Wie gesagt: ich bin sonst kein Anhänger Adornos, aber an jener Stelle rechne ich ihm hoch an, dass er – sozusagen mit letzter Kraft – versucht, eine, wenn nicht die wesentliche Idee von ‚Aufklärung‘ ( ~ Ausgang aus Unmündigkeit etc. ~ ) aufscheinen zu lassen (was ‚rationaler Mensch‘, ‚Autonomie‘ und ‚ges. Zwang‘ meinen, ist ja keineswegs klar, und schon gar nicht, dass und warum das ‚besser‘ ist als ‚irrat., Hetero., Freih.‘).“933 Laskas „letzter Kraft“, besser gesagt: das Überbleibsel seines Ichs reicht nicht mehr, an die Möglichkeit der Autonomie dieses Ichs zu glauben – logisch, wie auch? Dann hat man natürlich auch nichts mehr an Autonomie zu genießen – „schon gar nicht“ – und stellt keinen Unterschied mehr zur Heteronomie fest. Was soll schon an einer Freiheit besser sein als an einer Unfreiheit? Es ist nicht so, daß ich kein Verständnis für Laska hätte. Ich selbst habe unter einer katastrophalen Ich-Schwäche gelitten – ein Begriff, den ich nur hier für mich verwende, denn es war weit mehr als eine Schwäche, sondern eigentlich die Abwesenheit des Ichs (Klagemantra: „Ich bin nicht da! In wessen Namen soll ich überhaupt irgendetwas tun, auch ‚mich selbst ermächtigen‘? In meinem Namen? – Mich gibt es doch gar nicht!“). Ich weiß also, worum es hier geht und wovon ich spreche. In seiner Ich-Schwäche hat Laska gar keine Vorstellung von Ich-Schwäche! Wenn sie doch wirklich nur so etwas Niedliches wäre: „Stirner benennt als Grundmechanismus des inneren Zusammenhalts bisheriger Gesellschaften die Ich-Schwäche des Einzelnen, die durch die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, der ‚Heiliges‘ er mit den anderen verehrt, kompensiert wird.“934 Laska hat sich – mit Stirner – auf das Heilige (das freilich auch atheistisch daherkommt) eingeschossen, doch dieses ist nur eine oberflächliche Symbolisierung der Ich-Schwäche. Hier stehen wir nur ganz am Anfang, tatsächlich an einem „sehr unbeholfen Anfang“ 935 eines Eigner-Aufbaus. Das Heilige zu entlarven, ist, im Vergleich zum „Operieren im Affektiven“, nicht schwer. Auch schießt sich Laska mit Stirnern auf die Moral ein – die aber auch nur eine Oberflächlichkeit ist. Stirner entlarvte laut Laska tapfer die Sittlichkeit als Eigner-Feind und -Verhinderer: „‚Aber wer die Sittlichkeit selbst angreift, der bekommt’s mit beiden [den Altgläubigen wie den Aufgeklärten] zu tun.‘936 Stirner zielt auf die Ursachen des ‚Bedürfnisses‘ nach Unterwerfung.“937 Aber im Sittlichen liegen diese Ursachen nur zu einem kleinen Teil. Das „Operieren im Affektiven“ zeigt uns, wenn es denn geschieht, bald die wahren Ursachen der Ich-Schwäche, die als „sittlich“ zu bezeichnen uns dann nicht mehr einfällt. Es mußte angesichts der katastrophalen Ich-Schwäche weiter versucht werden, über die Beschreibung der Lage hinaus Abhilfe zu schaffen und das Ich effektiv zu stärken. Dem bin ich nachgekommen. Einerseits war ich bereit, die angebotenen emanzipatorischen Therapien praktisch zu nutzen; ich habe Erfahrungen gemacht. Da aber „dieser Vorgang, wie allenthalben zu beobachten ist, oft nur mit geringer Effizienz verläuft“938, wie Laska es zum Versagen dieser Therapien sagt – was ich für mich nur bestätigen kann –, habe ich mich aber andererseits trotzdem theoretisch und praktisch weiterbemüht und die Flinte nicht ins Korn geworfen. 8.5.1. Laskas Flucht vor dem horror nihili in die „Prophylaxe“ Was aber macht Laska an dieser Stelle, wo wir in Schwierigkeiten kommen und es nicht weiterzugehen scheint? – Er führt den Satz mit der „geringen Effizienz“ der psychotherapeutisch angeleiteten „individuellen Selbstermächtigung“ folgendermaßen zu Ende: Da dieser Vorgang, wie allenthalben zu beobachten ist, oft nur mit geringer Effizienz verläuft, ergibt sich für die Erziehungstheorie […] das Gebot der Prophylaxe.“ Er flüchtet also tatsächlich, wie vermutet, wieder einmal in seine geliebte, ihn rettende „Prophylaxe“. Laska hätte sich ja auch Gedanken darüber machen können, ob und wie die „Effizienz“ des „Vorgangs“ vielleicht nicht doch auch gesteigert werden könnte. Aber nein, er scheint nicht einmal eine „Eigentheorie“ – wie ungenügend die bei mir anfangs auch war – für das Thema der „individuellen Selbstermächtigung“ gehabt zu haben. Er hatte nur eine „Fremdtheorie“ (die Reichs), war auf diesem Gebiet also fremdgesteuert, wo ich zumindest ansatzweise noch eine Eigensteuerung hatte. Als Laska sah, daß die Fremdtheorie in der Praxis nur zu „geringer Effizienz“ führte, war die Sache für ihn schnell erledigt. Nun mußte er sich mit der Sache nicht mehr befassen, sie war ja – selbst für den Guru Reich, keiner wußte mehr als der – nicht zu lösen. Also konnte Laska die praktische „Zerstörung des irrationalen Über-Ichs“ – um dem horror nihili zu entgehen – ad acta legen und weiter in der Theorie um den heißen Brei herumschleichen: unaufhörlich all jene zu denunzieren und der „Re(pulsions und De)zeption“ zu bezichtigen, die vor der „Zerstörung des irrationalen Über-Ichs“ auswichen und diese ad acta legten. Laska schreibt zum ewig wiederholten male, daß die inkonsequenten Denker der Ersten Aufklärung (Diderot, Marx, Nietzsche usw.) die konsequenten, radikalen Denker der beginnenden Zweiten Aufklärung (La Mettrie, Stirner) extrem und panisch „mit Methoden, die sie sonst anprangerten“, bekämpften. Als „Movens“ dafür macht Laska einen horror nihili aus, „der sie aufgrund der Über-Ich-Kritik, des Aufrufs zur individuellen Selbstermächtigung [seitens der Neuen Aufklärer] erfasste. Für sie stand die kulturelle Existenz des Menschen auf dem Spiel.“ Laska warf den Alten, verräterischen (Pseudo-)Aufklärern vor, sie hätten ihren horror nihili nicht im Griff gehabt. Dieser hätte sie nicht nur von aufklärerischer Konsequenz abgehalten – sie hätten aufgrund dieses horror nihili ihre Kollegen von der Neuen, treuen, konsequenten Aufklärung repulsiert, verschwiegen und – im Falle La Mettries – sogar verfolgt und in den Tod getrieben. Aber hier – bei der Frage des entfremdungsaufhebenden Verfahrens, der stirner’schen „Empörung“, der laska’schen „Negation des irrationalen Über-Ichs“ und „individuellen Selbstermächtigung“ – repulsiert Laska selbst und dezeptioniert sich selbst. Warum? Was „stand“ für Laska „auf dem Spiel“? Wovor schreckte Laska zurück? – Es stand die Abwehr des horror nihili auf dem Spiel, die er anderen bescheinigte. Diese Abwehr drohte einzubrechen. Mit seiner Bescheinigung traf er ins Schwarze: Es ist im Grunde genommen die Ich-Nichtigkeit. Aber nicht vor der hat man Horror – und schon gar nicht vor dem Verlust einer „kulturellen Existenz des Menschen“ –, sondern vor dem Urschmerz, der zum Ich-Verlust geführt hat. Laska konnte gut bescheinigen, war aber selbst weit davon entfernt, den Schrecken des Urschmerzes zu fühlen und hatte erst recht keine Ahnung davon, daß dieses Nichts gerade durch den Schrecken wieder aufgefüllt wird und daß an dieser Stelle eine Eigensteuerung wieder einsetzen kann. Der Schrecken zieht und zischt in das Vakuum hinein. Im Freisetzen des Urschmerzes liegt die Wiederentdeckung des klitzekleinen Eigners, hier steigt Phönix aus der Asche, hier wird das Nichts genichtet, hier beginnt die „Negation des irrationalen Über-Ichs“ und der Fremdsteuerung. 8.5.2. Peter Nasselstein repulsiert zwar nicht die Therapie, kommt aber wegen deren reichianischer Ausrichtung zu ernüchterndem Ergebnis Nicht nur aus großer Ferne hat sich der Reichianer Peter Nasselstein die reich’sche Praxis angeschaut und diese nicht repulsiert. Er gewährt uns einen Einblick in seine „sporadischen Erfahrungen mit der Orgontherapie“939. Dabei schildert er uns rein physikalische Manipulationen: „Welche erschöpfenden Grabenkämpfe, das Augensegment zu befreien und dann den Brustkorb zu lockern! Ist das Brustsegment erledigt, kommt das wirklich unangenehme Gefühl, mit dem nun umso stärker gepanzerten Zwerchfell konfrontiert zu sein. Man fühlt sich in zwei Zonen geteilt.“ Wir wissen aber, daß es für ihn ein „gemeinsames Funktionsprinzip“ gibt, d.h. daß es für ihn etwas der Physis Entsprechendes in der Psyche geben muß. Warum aber lesen wir nichts davon? Es mag sein Patientengeheimnis berühren, aber warum macht er uns nicht einmal eine Andeutung über seine seelischen Konflikte? Ich wäre ja schon mit einer Angabe darüber zufrieden, worin in etwa das „Erschöpfende“ in den „Grabenkämpfen“ liegt und wie ich mir diese Kämpfe ungefähr vorstellen kann. Was geschieht mit ihm, während der Therapeut sein „Augensegment befreit“? Fühlt er dann etwa die „Orgonenergie“ besser ströhmen? Doch dann wird Nasselstein doch noch etwas persönlich, schreibt dabei aber etwas Seltsames: Die Panzerung ist unser größter Fluch und verkörpert gleichzeitig unsere größte Stärke. Bei mir ist es ein unbeugsamer Trotz und Eigensinn.“ Die Panzerung unsere größte Stärke? Ein „unbeugsamer Trotz“ kann in der Tat eine „Panzerung“ sein (jetzt einmal ganz unabhängig davon, wie man mit diesem Trotz umgeht, ob man sich diesen voll und ganz ausdrücken läßt oder ob er mittels eines „rationalen Über-Ichs“ einer Verurteilung durch das Ich zugeführt wird). Aber wieso ist der Trotz dann, wenn er einen Widerstand gegen den inneren Eigner darstellt, die „größte Stärke“? – Ich habe bereits eine Vermutung. Aber dann kommt es ganz dicke: Jetzt spricht Nasselstein ausgerechnet vom „Eigensinn“ als seiner „Panzerung“! An dieser Stelle wird es sozusagen völlig verrückt: Nasselstein stellt alles, worum es – wie ich bisher glaubte – in einer Orgontherapie geht, von den Füßen auf den Kopf: Nicht etwa ist sein Eigensinn Ausdruck seines „orgonotischen Kerns“ – er ist genau das Gegenteil! Hier läuft etwas ganz gewaltig aus dem Ruder. Genau an der Stelle, wo er persönlich wird, gerät alles durcheinander, verliert Nasselstein zumindest die Kontrolle über sein Vokabular: Wieso benutzt er als ausgewiesener Stirnerianer „Eigensinn“ als Vokabel für ein gegen den Eigner gerichtetes Verhalten, das z.B. „Starrsinn“ sein könnte? Meine Vermutung verdichtet sich und wird bestätigt: Sein „unbeugsamer Trotz und Eigensinn“ ist ganz eindeutig der Ausdruck des nasselstein‘schen Resteigners. Weiter unten im Text äußert sich Nasselstein dann doch eindeutiger zum Trotz: „Es ist unausdenklich, was meine gebundene ‚Trotzenergie‘ in meinem Organismus anrichtete, würde man sie vorschnell befreien.“ – Er sieht dann im Trotz als doch stirner’schen Eigensinn und etwas Positives und will ihn befreien. Aber die Befreiung ist, wie wir sehen werden, mit sehr großen Gefahren verbunden – vielleicht ist er wegen der Gefahren so ambivalent?Die Panzerung“ ist tatsächlich „unser größter Fluch“, weil sie diesen Trotz und Eigensinn verhindert. Darüber sollte es keine Ambivalenz geben. Es zeugt aber nun von totaler Verwirrung, wenn sie, die Panzerung, jetzt „gleichzeitig unsere größte Stärke verkörpert“. Trotz und Eigensinn sind – in der konkreten Situation jedenfalls – unsere größte Stärke, ja! – Aber doch nicht die Panzerung! Die Panzerung kann ja positiv gewertet werden, aber dann bin ich kein Reichianer mehr oder will nicht, daß sich mein Eigner entwickelt oder daß ich „orgastisch potent“ werde. Als Reichianer sollte ich doch über ein klares Koordinatensystem verfügen und die Panzerung negativ bewerten. Ich bin etwas überrascht, das sagen zu müssen. (Es gibt aber – selten – in der reich’schen Therapie tatsächlich Momente, wo die Panzerung nicht angekratzt werden darf, aber daraus folgt auf keinen Fall eine positive Gesamtbewertung der Panzerung. Geht es Nasselstein hier um einen solchen Moment? Dann wäre das aber ein Dauermoment. In der Tiefenwahrheit gibt es übrigens diese Problematik nicht. Hier wird die Panzerung sowieso und von vornherein positiv bewertet, damit sie ermutigt wird, sich gut auszudrücken und damit auf diese Weise der Eigner zum Erscheinen gebracht wird. Der Eigner kommt nie freiwillig, weil er Urschmerz bedeutet. Er ist immer nur unbeabsichtigtes Ergebnis von Bejahung des Panzers. Im Panzer steckt der verdrängte Inhalt des Eigners. Wenn ich den Panzer bejahe, bejahe ich automatisch den Eigner. Ohne diese Bejahung des Panzers kann kein Eigner entstehen.) Wenn es bei Nasselstein also drunter und drüber geht und eine riesige Konfusion vorliegt, bei der überhaupt nicht klar ist, was eigentlich Ziel der Therapie sein soll, dann ist es kein Wunder, daß es zu einem Stillstand kommt, weil sich ja die Kräfte gegeneinander neutralisieren und weil der Eigensinn als die eine Kraft gar nicht wirklich ermuntert wird, gegen die andere Kraft – die des Widerstands – anzugehen: „Es ist eine langandauernde unendlich frustrierende Sisyphusarbeit, solch ein Arschloch zu therapieren!“ Es ist gar nicht klar, daß sich der Eigensinn durchsetzen soll! Stattdessen wird der Eigner als „Arschloch“ beschimpft! Wenn ich falsch liege, sollte jedenfalls die nasselstein’sche Terminologie neu ausgerichtet und einer nicht-stirneristischen Grundeinstellung angepaßt werden. Es wundert dann auch nicht mehr, wenn „sich über frustrierend weite Strecken praktisch gar nichts zu bessern scheint“ und „sich noch untere Segmente zusätzlich verpanzern, kaum daß sich die oberen gelöst haben!“ Gott sei Dank, daß er nur sporadisch Sitzungen nimmt und sich dieses Theater nicht oft gibt. Doch auf die Frage, ob „sich dieser jahrzehntelange Therapiekrampf lohnt“, gibt Nasselstein eindeutig zur Antwort: „Ja“. Als Begründung dieses Jas sagt er: „denn erstens wird die Panzerung geregelt, also mehr oder weniger gradlinig von oben nach unten, unwiederbringlich abgebaut, egal wie langsam“. – Meine Vermutung ist, daß der Schwerpunkt und der Therapiezweck auf bzw. in der „Regelung“ liegt, denn die Entblockierung der Segmente scheint ziemlich „langsam“ vonstatten zu gehen, also nicht nennenswert zu sein. Warum also nun weiter zum Orgontherapeuten gehen? – Es ist die „Regelung“. Wegen dieser wird die Therapie fortgesetzt. Auf jeden Fall findet eine Regelung solche statt und wird positiv bewertet. Was müssen wir uns überhaupt unter eine „Regelung der Panzerung“ vorstellen? Es scheint so etwas zu sein wie: „mit der Behinderung leben“ oder: „die Stellschrauben des Panzers justieren und die Elemente des Panzers aufeinander abstimmen, sie meiner Lebenslage gemäß verschieben und meinem ‚Energiehaushalt‘ anpassen“ oder: „die Tektonik austarieren“ usw. Aber jetzt müssen wir einen Blick zurück in die originäre reichianische Weltanschauung werfen: War es denn die Aufgabe und das Ziel einer Therapie, die Panzerung zu „regeln“? – Doch wohl eher nicht. Es ging eindeutig immer um die Auflösung der Panzerung. Nicht, daß ich dieses Unterfangen unbedingt empfehlen würde – eigentlich schon –, aber ich bin bei einem Reichianer bisher davon ausgegangen, daß er das auch so sieht. Doch jetzt gibt Nasselstein seine Definition der Regelung: „… geregelt, also mehr oder weniger gradlinig von oben nach unten, unwiederbringlich abgebaut“. Er scheint sich jetzt doch für einen Abbau der Panzerung auszusprechen. Aber warum benutzt er dafür den Begriff der „Regelung“? Widerspricht sich das nicht? Wir haben es jedenfalls a) mit einer Regelung und b) mit einem Abbau zu tun. Und wir haben es mit a) „mehr oder weniger“ (erfolgreich) und b) mit „unwiederbringlich“ (ein Stück der Panzerung ist endgültig abgebaut) zu tun. Selbst wenn es außer der Regelung der Panzerung weitere Gründe für eine Fortsetzung der Therapie gibt – und die gibt es bei dem nun doch langsam reichianisch werdenden Nasselstein –, nämlich den Abbau der Panzerung, fragt man sich, warum er dafür den Oberbegriff „Regelung“ benutzt – warum er „Abbau“ aus der „Regelung“ ableitet und nicht umgekehrt. Will er uns damit vielleicht zu verstehen geben, daß es mit dem Abbau doch nicht so weit her ist? Er hätte ja auch als Oberbegriff den „Abbau“ nehmen können: „Ja, der Therapiekrampf lohnt sich, weil die Panzerung abgebaut, also geregelt wird.“ Dann würde die ganze Chose tatsächlich in einem reichianischen Sinne geregelt. Es gibt aber außer der Regelung, die ein Abbau ist, weitere Gründe dafür, daß sich die Therapie lohnt (Hervorhebung von Nasselstein): „und zweitens: Ein schnelleres Vorgehen wäre möglich, nichts einfacher als das, aber je länger man in der ORGONtherapie ist, spürt man auch, daß das Orgon real ist und man nicht mit ihm spaßen kann. Es ist unausdenklich, was meine gebundene ‚Trotzenergie‘ in meinem Organismus anrichtete, würde man sie vorschnell befreien. Praktisch alle lebenswichtigen Organe finden sich im Zwerchfellsegment.“ Wenn wir uns aber den ganzen Satz genau durchlesen, entdecken wir gar keinen weiteren Grund für einen „Abbau“. Denn die Antwort auf die Frage: „Lohnt sich dieser jahrzehntelange Therapiekrampf, bei dem sich über frustrierend weite Strecken praktisch gar nichts zu bessern scheint?“ lautet bei Nasselstein: „Ein schnelleres Vorgehen wäre möglich.“ Das ist aber keine Antwort auf die Frage. Ein Antwort – bejahend oder verneinend – würde z.B. lauten: „Ja, der Krampf lohnt sich, weil ich mich manchmal, wenn ich aus der Sitzung komme, entspannter fühle als vorher.“ Oder: „Nein, denn ich weiß gar nicht so recht, warum ich diesen Krampf mitmache und was das überhaupt alles soll.“ Nasselstein will uns mit seiner Antwort eigentlich sagen – und das wäre tatsächlich eine Antwort auf die Frage – : „Es lohnt sich nicht, weil das Vorgehen sehr langsam ist.“ Doch diesen Gedanken, diesen Satz läßt er aus, weil er zu deprimierend und zu desillusionierend ist, und springt stattdessen gleich über den ausgelassenen Gedanken hinweg zum nächsten Gedanken vor: daß nämlich ein schnelleres Vorgehen möglich wäre. Das wollten wir aber gar nicht wissen. Wir wollten wissen, ob sich die Orgontherapie lohnt oder nicht. Die Orgontherapie lohnt sich, weil ein schnelleres Vorgehen möglich wäre“, sagt uns Nasselstein. Ein sinnvoller Satz wäre: „Die Orgontherapie lohnt sich, wenn oder falls (überhaupt) ein Vorgehen möglich wäre.“ (schneller oder langsamer) Was wir aber durchaus auch wissen würden wollen, wäre, wie „ein Vorgehen möglich wäre“ (das gar nicht unbedingt „schneller“ sein muß): Was müßte gegeben sein, damit „(schneller) vorgegangen“ werden kann, sprich: damit überhaupt ein Vorgehen stattfindet? Auf diese Frage will uns Nasselstein eine Antwort geben. Aber erneut kommt gar keine wirkliche Antwort: „Ein schnelleres Vorgehen wäre möglich, nichts einfacher als das, aber je länger man in der ORGONtherapie ist, spürt man auch, daß das Orgon real ist und man nicht mit ihm spaßen kann.“ Nasselstein sagt uns, was passiert, wenn man länger in der Orgontherapie ist (man spürt, daß das Orgon real ist usw.), aber er sagt nichts darüber, was passieren muß, damit ein „Vorgehen“ – ob nun schneller oder langsamer – stattfindet, so daß sich die Orgontherapie lohnt. Das vollmundig-kursive „nichts einfacher als das“ verrät die Ratlosigkeit. Eine wirkliche, eine logische Antwort auf die Fragen: a) „Lohnt sich der Therapiekrampf“ und – nach der unlogischen Zwischenantwort „Ein schnelleres Vorgehen wäre möglich“ – b) „Wie wäre (überhaupt) ein Vorgehen möglich? Was muß gegeben sein, damit nicht unbedingt ‚schneller‘, sondern überhaupt vorgegangen werden kann“, wäre gewesen: „Ein Vorgehen wäre möglich, wenn dies und jenes in der Therapie geschähe.“ Stattdessen kommt als „Antwort“ der Unsinn: „Ein Vorgehen wäre möglich, aber …“ Aufgrund der Ratlosigkeit, die sich in dem Unsinn ausdrückt und die Nasselstein nicht wahrhaben und fühlen will, „spürt“ er jetzt als Belohnung, daß das „Orgon real ist“. Das ist also die Antwort auf die Frage, ob sich die Orgontherapie lohnt. Und das scheint auch das einzig Lohnenswerte zu sein. Wenn wir den Satz logisch korrigieren und sagen: „Ein schnelleres Vorgehen wäre möglich, wenn der Therapeut dies tut oder der Patient jenes tut“, wäre das Spüren des Orgons eine sinnvolle Folge und Antwort. Dann hätten wir – was auch immer dieses Orgon ist – einen handfesten bejahenden Grund, die Therapie fortzusetzen, weil sie sich lohnt. Man hat ja etwas. Aber wir sind schon von der Logik abgekommen an der Stelle, wo „die Orgontherapie sich lohnt, weil ein schnelleres Vorgehen möglich wäre“; ab hier ist eigentlich alles Unsinn, und was danach folgt, kann nicht mehr hilfsweise in Logik gebracht werden. Aber nun erfahren wir den Grund für das Verlassen der Logik. Es stellt sich nämlich heraus, daß mit diesem „Orgon“ nicht leicht Schlitten fahren ist und daß es gefährlich zu sein scheint: Man kann nicht mit ihm spaßen. Ist das aber immer noch eine handfeste bejahende Begründung für die Lohnenswertigkeit der Therapie? Hier scheinen Zweifel angebracht zu sein. Es wird sogar noch dadurch schlimmer, daß aus dem Nicht-Spaß, also der Bedrohlichkeit, die eigentliche „Realität“ des Orgons abgeleitet wird („… spürt man auch, daß das Orgon real ist“). Angesichts dieser Bedrohlichkeit nimmt es mich nicht Wunder, wenn Nasselstein unentschlossen zu sein scheint, ob er vorwärts oder rückwärts gehen und ob er in der Panzerung einen Fluch oder einen Segen („größte Stärke“) sehen soll. Eine gewisse Verwirrung kann hier tatsächlich nicht mehr überraschen. Warum ist Nasselstein so deprimiert und desillusioniert? – Weil er in die falsche Richtung marschiert bzw. weil er in den sich widersprechenden Kräften verloren ist. Es kann ja auch nichts werden, wenn ich den Eigensinn als „inneren Schweinehund“ oder gar als „Arschloch“ verurteile. Aber Nasselstein ist alles andere als verwirrt: „Nichts einfacher als das“, sagt er, und jede Hoffnung muß fahren gelassen werden, daß wir es noch einmal mit Logik zu tun bekommen werden. Das heißt ja, daß etwas – etwa ein „Vorgehen“ – locker stattfinden könnte und ein Erfolg klar voraus und absehbar ist. Aber komischerweise will man dann diesen Erfolg nicht haben, weil er eine Gefahr birgt. Aber inwiefern kann dann überhaupt von einem Erfolg und von einer Lohnenswertigkeit der Therapie gesprochen werden, wenn einen nur Gefahr erwartet? – Wieder einmal eine echt optimistische Anthropologie, die jeden Stirnerismus über den Haufen wirft. Erwartet einen noch etwas anderes außer dem Orgon, das eine Gefahr darstellt? Das, was „nichts einfacher als das“ ist, ist nicht etwa etwas Gutes und Lohnenswertes – es die Gefahr! Also tue ich mal besser nicht das, was „einfacher als das“ ist, denn „es ist unausdenklich, was

meine gebundene ‚Trotzenergie‘ in meinem Organismus anrichtete, würde man sie vorschnell befreien. Praktisch alle lebenswichtigen Organe finden sich im Zwerchfellsegment. Ich wäre sicherlich schon tot, wenn die Energie in meinen oberen Segmenten schnell freigesetzt worden und mit voller Kraft unvermittelt auf das Zwerchfellsegment getroffen wäre: die reaktive mörderische Kontraktion hätte Leber, Bauchspeicheldrüse und Konsorten förmlich zerfetzt.“
Man hat den Eindruck, als würde Nasselstein mit der Gefährlichkeit und überhaupt mit der Existenz des gefährlichen Orgons allein schon die Sinnhaftigkeit einer Orgontherapie beweisen wollen. Da wirkt etwas – egal, was und wie. Daß Nasselstein es sehr ernst mit der Gefahr meint, zeigen die letzten beiden Sätze und wie er Hervorhebungen (bei ihm fett) setzt: „Wie Reich sagte: zu jedem gegebenen Zeitpunkt ist nur eine einzige therapeutische Intervention die richtige. Es ist wie in der Chirurgie: nur ein Schnitt ist der richtige, alle anderen sind – MORD. MORD!!! Du bist wirklich so eine Marke, Kleiner Mann! An Dein Auto läßt Du nur eine zertifizierte Fachwerkstatt, aber Dich selbst lieferst Du jedem dahergelaufenen ‚Reichianischen‘ Quacksalber aus. DU BIST EIN IDIOT!“ Die Pforte scheint extrem eng zu sein, die zum Leben führt!940 Es sind nur die vom American College of Orgonomy (ACO) autorisierten Therapeuten, denen Nasselstein traut und von denen es „in ganz Europa gegenwärtig vielleicht zwei oder drei gibt“. Alle „vermeintlichen ‚Orgontherapeuten‘“, also solche, die nicht vom ACO autorisiert sind und auf die „nur ein Wort paßt, das ich hier nicht ausschreiben werde!“, und erst recht alle „‚reichianischen‘ ‚Therapeuten‘“, denen Nasselstein „sonstwas an den Hals wünscht“, fallen vollständig aus. Nur die ACO-Therapeuten sind die einzigen und wirklichen Heilsbringer. Die spielen mit ihm das Spiel „jahrzehntelanger Therapiekrampf“. Heißt, „die Trotzenergie nicht vorschnell zu befreien“, aber nicht, daß eine nicht-vorschnelle Befreiung nichts anderes als das ewige

Patt zwischen „größtem Fluch“ und „größter Stärke“ des Panzers, zwischen „Arschloch“ und nasselstein’schem Eigner, sprich: eine Stagnation ist?
Wie sieht die „zu jedem gegebenen Zeitpunkt einzige und richtige therapeutische Intervention“ aus? Es wäre schön, wenn uns Nasselstein ein anschauliches Beispiel geben würde. Aber dann käme sicherlich so etwas wie „Wenn das und das so und so ist, dann mußt du genau auf diesen Muskel drücken! – Aber Vorsicht! Der liegt nämlich genau unter einem anderen Muskel, den du auf keinen Fall drücken darfst! Wenn du dann den richtigen Muskel triffst, mußt du genau darauf achten, daß du einen ganz präzisen Druck ausüben mußt! Sonst funktioniert das nicht!“ – Ich habe die Befürchtung, daß die Pforte, die zum Leben führt, noch enger wird. Und wir dürfen auf keinen Fall vergessen – es besteht allerhöchste Gefahr! –, daß es hier um Mord geht, wenn der falsche Muskel oder der richtige Muskel mit dem falschen Gewicht gedrückt wird! Ich glaube, es ist besser, wir treten erst gar nicht vor diese Pforte, sie ist viel zu schmal. Wir würden garantiert nur Schaden, mörderischen Schaden anrichten! Aber ich glaube, das Problem liegt ganz woanders. Nasselstein hat die falsche Herangehensweise an die ganze Sache. Sie sähe nämlich gar nicht so aussichtlos aus, wenn er sich auf philosophische Art seinen Problemen, deretwegen er zum Orgontherapeuten geht, nähern würde, anstatt daß er sich als Mechanikum – als Stück Materie, als Energieträger, als Maschine – einem „Chirurgen“ überantwortet und ausliefert, der eigentlich gar keine Chance hat, den richtigen Knopf mit dem richtigen Gewicht zu drücken. Ist es nicht ein Irrsinn, wie Nasselstein von sich selbst wie von einem Werkstück spricht, das in der Werkstatt bearbeitet, gesteuert und geregelt wird? Ich habe das Gefühl, Nasselstein hat trotz „frustrierend weiter Strecken“ und „jahrzehntelangem Therapiekrampf“ einen Zwang, „sporadisch“ eine Therapiesitzung zu nehmen. Ich habe keine Ah

nung, woraus er dann sein gutes Gefühl zieht. Vielleicht ist es so eine Art Gottesdienst, vielleicht fühlt er sich – durch den Dienst am Gott oder durch den Dienst Gottes an seinem Körper – aber tatsächlich etwas befreiter für ein paar Stunden. Der willige Geist der Anbetung des Orgongottes und der Dienst des Orgonpriesters am schwachen Fleisch Nasselsteins setzen eine Menge Opium frei und versetzen für ein paar Stunden Berge. Nur die nasselstein’sche Konfusion aus gleichzeitiger Bejahung und Verneinung des Eigners und aus gleichzeitiger Subjekt- und Objekt-orientierung wird leider nicht behoben.
Ja, ich möchte mal davon ausgehen, daß trotz des Objektexzesses „Orgon“ Elemente einer Subjektorientierung bei Nasselstein noch vorhanden sind. Aber man wartet vergeblich auf eine einzige Äußerung zu seinem seelisch-existenziellen Befinden, zum Umgang mit diesem in der Therapie und daraus folgend auf eine klare Mitteilung, ob und wie sich dieses subjektive Befinden möglicherweise verbessert oder auch verschlechtert, sprich: ob sich die Orgontherapie wirklich für den nasselstein’schen Eigner lohnt. Aber nein, nichts dergleichen erfahren wir bis zum Ende seines Textes. Stattdessen geht es wieder nur um – wen überrascht’s noch? – „Energie“ und reine Physikalität, jetzt sogar um seine inneren Organe! Meine Milz bin ich. So sieht also das menschliche Subjekt mit seiner Subjektivität am Anfang des dritten Jahrtausends nach dreihundert Jahren Aufklärung aus: „Ich wäre sicherlich schon tot, wenn die Energie in meinen oberen Segmenten schnell freigesetzt worden und mit voller Kraft unvermittelt auf das Zwerchfellsegment getroffen wäre: die reaktive mörderische Kontraktion hätte Leber, Bauchspeicheldrüse und Konsorten förmlich zerfetzt.“ Ich möchte die ganze Sache aber noch ein bißchen „einordnen“, auf den Boden der Tatsachen und den Orgonomen in Vergleich mit einem normal tickenden Menschen bringen: Es können generell in


allen psychotherapeutischen und ähnlichen, sogar rein körperlich verfahrenden Methoden extrem negative Gefühle freigesetzt werden, die dann eine große Gefahr darstellen. Gerade und besonders kann der Schabernack der Körpermanipulation großen Schaden anrichten, weil die Emotionen dann für das Subjekt aus heiterem Himmel kommen, als von ihm losgelöst wahrgenommen werden und für eine riesige Konfusion sorgen. Ich kann Nasselsteins großen Respekt vor dem Orgon und seine dringliche Warnung vor möglichen „mörderischen“ Folgen gut nachvollziehen. Selbst in einer strengst subjektorientierten Methode wie der Tiefenwahrheit, wo sich stets nur Gefühle aus dem Hier und Jetzt und im Kontext meiner eigenen existenziellen Lageeinschätzung entwickeln, die also keine Intensität erreicht, die das Subjekt nicht auch „verarbeiten“ könnte, kann es tatsächlich auch zu Situationen kommen, wo man durchzudrehen und verrückt zu werden droht. Das passiert aber – trotz sehr intensiver Gefühle – selten, und man fängt sich schnell wieder ein. Das Subjekt ist hier immer der Steuermann; der Eigner leitet immer aus dem Inneren, wie klein er auch sein mag; und der läßt nichts zu, was auch ihn am Ende mit in die Hölle reißen könnte.
Aber wenn dem so „mörderisch“ bedrohlich und deswegen dann auch so aussichtslos ist (weil ich mich ja dann nicht öffnen kann) – muß ich mich und meine Theorie dann nicht doch selbst einmal auch in Frage stellen? Kann es sein, daß meine Theorie und die daraus abgeleitete Praxis etwas mit den chaotischen und mörderischen Emotionen zu tun hat? Sollte ich dann nicht langsam beginnen, mich selbst nicht mehr als Maschine zu betrachten, weil der im Inneren tatsächlich wirkende Dampf mir jederzeit Teile meines Panzers um die Ohren hauen kann? Aber Nasselstein versteift und verpanzert sich in seine mechanistische Theorie, wie ich es nicht besser illustrieren könnte: „Du bist wirklich so eine Marke, Kleiner Mann! An Dein Auto läßt Du nur eine zertifizierte Fachwerkstatt, aber Dich selbst lieferst Du jedem dahergelaufenen ‚Reichianischen‘ Quacksalber aus. DU BIST EIN IDIOT!“ Jede menschliche Automarke, ob nun kleiner oder großer Mann, gehört aber in überhaupt keine Werkstatt, und sei sie von den Göttern des AOC zertifiziert. Es geht in der reich’schen Therapie – ob nun „Körpertherapie“-Scharlatanerie oder hochwertige Orgontherapie – nicht um das Leben, um existenzielle Konflikte, um einen Eigner, der sich realisieren will, aber nicht kann usw., also um echte, lebendige Bedürfnisse. Deshalb bleibt sie entfremdend. Reichianer glauben natürlich, daß sich diese existenziell-lebendigen Dinge in ihren Körpern abbilden und daß umgekehrt durch Körpermanipulation positiv in die Existenz eingegriffen werden kann. Die Existenz spricht aber in beiden Fällen nicht unmittelbar – was sie im Interesse der Eigenheit sollte. Zum Schluß möchte ich Peter Nasselstein noch zurufen: Du kannst einen kleinen Teil deines Panzers schon mal getrost abschrauben und brauchst keine Angst vor dem Orgon zu haben, nicht etwa, weil es reiner Spuk wäre, sondern weil du es aus der objektivistischen Sprache in eine subjektivistische Sprache übersetzen kannst: in: dich selbst (um mal den nur halb-subjektivistischen und immer noch objektivistischen „Eigner“ beiseitezulassen). Diese Übersetzung lohnt sich definitiv für dich, ick schwöre. Du kannst dann immer noch genug Orgonomie als Wissenschaft 1.0 weiterbetreiben und die orgonomischen Erkenntnisse zum Wohle der Menschheit praktisch umsetzen, indem meinetwegen in der orgonomischen Werkstatt ein auf Basis von Orgonenergie fahrendes Auto hergestellt wird. Nur als Wissenschaft 2.0 ist die Orgonomie Schrott. Vielleicht wirst du ja als Eigner sogar ein noch effizienterer Ingenieur 1.0. Aber bitte keine Atmosphäre-Heilungen! Ein Stop der Wettermanipulationen durch Bill Gates reicht aus. Die Erde soll wieder in Ruhe gelassen und sie selbst werden, „zu sich kommen“ (Stirner). Denn auch sie ist ein Eigner. Da müssen jetzt auch nicht noch die Orgonomen anfangen, an ihr rumzupfuschen. 8.5.3. Laskas „rationales Über-Ich“ als Rationalisierung des Über-Ichs und aus mangelnder Praxis entstandenes Theorem Wenn man im Verlaufe einer wirklichen „individuellen Selbstermächtigung“ – die dank ausdauernder theoretischer und praktischer Anstrengung schließlich tatsächlich mit etwas mehr „Effizienz verläuft“ – auf das stößt, was von den Psychoanalytikern und von Laska als „Über-Ich“ bezeichnet wird, hat man es dann mit ganz konkreten praktischen Ausformungen dieses Theorems – mit „Inhalten“ – zu tun. Das Theorem ist dann nicht mehr nötig, es fällt weg. Man sagt dann z.B. wie ich: „Die böse Stimme (meiner Mutter) macht mich verrückt, schleicht sich in meinen Kopf, hält sich dort zäh und mich davon ab, wirklich zu leben“ – sie verohnmächtigt mich und hält mich davon ab, mich wieder „selbst zu ermächtigen“ bzw. mich „wiederanzueignen“ und dieses oder jenes konkret zu tun. In dem Moment, wo das abstrakte Theorem einer konkreten persönlichen Erfahrung Platz macht, mache ich einen großen Schritt dahin, „Der Einzige und sein Eigenthum“ zu werden. Wenn man aber eine praktische Selbstermächtigung gar nicht erst versucht und bei Versuchen nicht ein paar Schritte vorankommt, dann bleibt das sich in mich Einschleichende und mich von mir Abhaltende – der Katechon des Eigners, die „Selbstbremse“941 – unbewußt und abstrakt, und ich muß es zum Theorem machen, das zwangsläufig – das Subjektive weiß ich ja nicht mehr – objekt-orientiert ist. Dann rede ich von einem „Über-Ich“. Laska: „Eine individuelle Selbstermächtigung ist erforderlich, um das im Prozess der Erziehung, Sozialisation, Enkulturation, im Individuum entstandene irrationale Über-Ich soweit wie möglich zu schwächen, damit sich das rationale entwickeln kann.“942 – Ich freue mich ja darüber, daß die „Selbstermächtigung erforderlich ist“ und Laska wenigstens theoretisch die Fahne hochhält und sich die Chance offen läßt, sein „Über-Ich zu schwächen“. Und so löblich es auch ist, daß Laska nicht immer so mit „Zerstörung“ auf den, wie Stirner, Putz haut – und nichts dahinter –, sondern jetzt, etwas realistisch-bescheidener, von „Schwächung“ spricht, so „entwickelt sich“ deshalb bei einer Schwächung noch kein neues „Über-Ich“, und sei es „rational“, weil es eigentlich, auf der Ebene des „Einzigen“ bzw. dessen, der genügend praktische Schritte in dessen Richtung unternommen hat, kein solches abstraktes „Über-Ich“ mehr gibt. Soll ich etwa jetzt von meiner „Über-Mutter“ sprechen, von der „überbösen Stimme“? Das wäre so absurd wie unnötig. Ich weiß ja – und erfahre es leidvoll –, daß sie über mir steht und mich beherrscht. Sie ist meine konkrete, meine einzige Mutter, ich habe nun mal keine andere; es wäre Blödsinn, sie zu verdoppeln: in Mutter und Über-Mutter. Meine Mutter ist nun mal so, wie sie ist; alles andere wäre Wunschdenken, Träumerei – wäre „Sparren“. Wieso soll ich 180 Jahre nach Stirner in so eine Sprache zurückfallen? Und jetzt kommen wir zur nächsten Verdoppelung: Wir machen aus der Über-Mutter nun eine „irrationale Über-Mutter“ und eine „rationale Über-Mutter“ … – merkste selbst. Es gibt ein Theorem, das mir schon besser gefällt als „Über-Ich“. Es ist zwar noch nicht so konkret wie „meine einzige Mutter“, aber wenigstens lebensnäher, weil es meinen einzigen seelischen Zustand ansatzweise ausdrückt, bevor ich dann wirklich zum Einzigkonkreten und Eigenen komme: Es ist das „Entfremdende“. Dieses ist immer irrational oder besser gesagt: irrationalisierend, mich zu einem Irrealen machend. Es hindert mein Eigenes daran, seine emotionalen, materiellen, geistigen Ziele zu erreichen. Jetzt irre ich planlos umher und treibe wunderliche, für andere und mich selbst nicht nachvollziehbare, sinnlose Dinge, die allesamt nicht wirklich meinen Interessen entsprechen, weil solche ja nicht mehr vorhanden zu sein scheinen. Ich verliere den Bezug zum Sinn, der sich ergibt, wenn ich ein Ziel erreiche – ich verhalte mich irrational. Wenn ich durch das Entfremdende irrational werde, wäre es befremdend, würde ich es für möglich halten, daß das Entfremdende, das ich in mich hineinnehme und die Entfremdung ausmacht, rational sein könnte. Von einem hegel’schen Standpunkt ließe sich einwenden und sagen: Da das Entfremdende da ist und da es einen Grund dafür gibt, daß ich das Entfremdende (die böse Stimme) in mich aufnehme, ist es auch vernünftig, also rational. Alles, was ist, ist vernünftig. Es gibt einen Grund (une raison), also ist das Ergebnis auch vernünftig (raisonable), man könnte auch sagen: gründlich. Insofern stimmt das, und ich kann tatsächlich von einem „rationalen Entfremdenden“ oder „rationalen Über-Ich“ sprechen. Aber dann würde es keinen Sinn machen, das Entfremdende oder das Über-Ich aufzuspalten oder zweizuteilen, weil es ja immer vernünftig ist, wenn es vorhanden ist. Im hegel’schen Denken gäbe es sowieso nur ein Über-Ich, und das wäre das „rationale“. Doch dann ist es überflüssig und sinnlos, dem Über-Ich überhaupt ein Attribut zu geben. Ich muß aber zugeben, daß ich mich in der Hegelei nicht gut auskenne; für Hegel gibt es sicher eine Unterscheidung in vernünftig und unvernünftig, alles andere würde mich wundern. Aber ob er sie in diesem Fall vornehmen würde, möchte ich bezweifeln, da ja Hegel vielleicht alles war, nur nicht dumm. Doch wo würde er dann eine solche Unterscheidung vornehmen? Ich weiß es nicht. Ich kann mir nicht helfen, aber in einer nichthegelianischen Denkweise macht es scheinbar nicht viel Sinn anzunehmen, das Entfremdende könne auch rational sein. Was würde nur der Hegel-Schüler Stirner dazu sagen? Der könnte uns jetzt bestimmt aus der Patsche helfen. Ronald Hinners Text „Max Stirner: Vollender Hegels?“ hilft uns hier nicht.943 Aber vielleicht würde ja der „psychologische Denker“ Stirner, wie Laska ihn bezeichnet944, auch – so wie ich – gar nicht erst von einem Abstraktum „Über-Ich“ ausgehen? Aber das würde Laska abstreiten; ganz im Gegenteil behauptet er: „Stirners Einsichten als psychologischer Denker betrafen in erster Linie die Entstehung und Funktion jener psychischen Instanz, für die Sigmund Freud 1923 den griffigen Namen Über-Ich einführte.“ Laska sagt also, Stirner hätte schon all das gewußt, was später dann – so vermutet es Kriminalkommissar Laska sicher nicht mal so unbegründet – Freud wußte, weil er es heimlich von Stirner geklaut habe. Nur habe Stirner eben noch nicht diesen Begriff „Über-Ich“ dafür verwendet. Freud, so Laska, war nun „streng darauf bedacht, dass keiner seiner Schüler das Über-Ich in einer Weise problematisierte, wie es Stirner avant la lettre getan hatte“945. Das heißt: Stirner habe nicht nur das Über-Ich gekannt, sondern auch das rationale Über-Ich. Von diesem sollten Freuds Schüler nichts erfahren. Nun, ich sehe das anders. Für mich war Stirner eben kein Psychologe, sondern ein Philosoph, an der Grenze zur Post-Philosophie operierend. Das versuche ich ja auch hier die ganze Zeit klarzumachen: Darin besteht ja gerade der Vorteil Stirners gegenüber den Psychologen (den theoretisierenden Psychotherapeuten). Es war ja das Einmalige, das Neue, das Sensationelle, das Revolutionäre an Stirner, daß er eben Schluß machte mit den Abstraktionen und kompromißlos für das Konkrete – den Einzigen – eintrat. Wieso vereinnahmt Laska jetzt ausgerechnet Stirner für die Psychologie, wie das auch Ronald Hinner tut (wie im Kapitel 8.5.8. Zu Stirnern zurück – und weiter voran schon gesehen)? Weil er seinen Helden irgendetwas vorausnehmen lassen will? Glaubt er, Stirner einen Orden ausgerechnet damit verpassen zu können oder zu müssen, daß er ihn zum „psychologischen Denker“ erklärt? Das mag ja sogar zu einem Teil stimmen. Aber noch mehr stimmt, daß Stirner vor allem noch viel mehr vorausgenommen hat: nämlich die Zerstörung der Psychologie, als es die Psychologie noch gar nicht gab! Er war also kein Psychologe, sondern ein Anti-Psychologe avant la lettre! Das hatte Laska im Jahre 1981 auch noch so gesehen: „Stirner nimmt hier wesentliche Einsichten der Psychoanalyse vorweg, läßt diese sogar dort weit hinter sich, wo sie bis heute bloß verschwommene Distinktionen zwischen Reaktionsbildung und Sublimierung aufweisen kann. Dies ist ihm möglich, weil er sich zur Beurteilung einer Leistung nicht wie diese an das bornierte Kriterium des ‚kulturellen Werts‘ bindet.“946 Deswegen vereinnahme ich meinerseits – aber sehr zurecht – Stirner als Vorbild für uns spätere Post-Psychologen, als ersten effektiven Eignerbilder und Individuumsermächtiger. Daß er auch die subjektive Wahrheit für das Instrument eines entsprechenden Verfahrens betrachtet hat, davon bin ich 100 pro überzeugt. Das versteht sich von selbst. Man kann ihn jedenfalls schlecht mit Gesundheitswissenschaft in Verbindung bringen. Laska ist aber, bei aller Kritik an seiner Prophylaxe und Psychologie, dafür zu loben, daß er mit seinem Ausflug in die Psychologie Stirner als Initiator eines Verfahrens zur Wiederaneignung ins Spiel bringt – auch wenn das mit Psychologie nichts zu tun haben kann. Laska hat sich – außer, daß ihm die Psychotherapie zu ineffizient war – zu wenig Gedanken dazu gemacht, wie ein solches Verfahren aussehen könnte. Der Kritiker des Menschmaschinentums Stirner wußte schon, worauf es mit den Maschinisten hinauslaufen würde: Sie würden auch den Eigner mit wissenschaftlich-technischen Mitteln entstehen lassen wollen, sprich: Sie würden als Psychologen an die Sache herangehen und Abstraktionen wie „Über-Ich“ benutzen. Und er wußte wahrscheinlich auch schon, daß es dann alternative, bessere Psychologen geben würde, die auf die Idee kommen, die innere Steuerung des Eigners sogar als die aus einem „rationalen Über-Ich“ zu bezeichnen. Und vielleicht wußte er sogar auch schon, daß dann – nach der Einnahme des Subjekts durch die Wissenschaftler – jemand kommen wird, der diese Psychologen wieder zurück zur Räson und zur Philosophie holen würde: die sagenumwobene, von mir andauernd angemahnte Rückkehr zu ihm, Stirner, der überhaupt nie Psychologe gewesen ist. Warum insistiert Laska nun so sehr auf Stirner als einem Psychologen und der Existenz jenes „rationalen Über-Ichs“, das er Stirner unterschiebt? Nun, das ist ganz einfach. Wenn wir unbedingt die Psychologie hochleben lassen müssen, dann werde ich jetzt auch mal zum Psychologen. Der Grund für Laskas Gerede vom „rationalen Über-Ich“ liegt darin: Er rationalisiert im wahrsten Sinne des Wortes tatsächlich das Über-Ich! Weil er ich-schwach und fremdsteuerungsabhängig ist und das „Über-Ich“ nicht zerstören kann, weil er sich nicht individuell selbstermächtigen kann, wird das Über-Ich einfach zum Dauerbrenner erklärt. Weil aber nicht sein kann, was nicht sein darf – Laska ist ja ein „konsequenter“ Aufklärer –, wird ein zweites Über-Ich, das rationale, erschaffen. Laska kann sich nicht aus dem Ich heraus regulieren, also muß ein Über-Ich her. Er darf als Neuer Aufklärer aber nicht ein solches haben, also muß dieses Über-Ich in eins für Repulsierer und ein anderes für die Nichtrepulsierer wie ihn aufgeteilt werden: in eins für die Antiaufklärer und eins für die Aufgeklärten: ein irrationales und ein rationales. Einwänden“ gegen die Zweiteilung des Über-Ichs und die Etablierung eines solchen rationalen Über-Ichs „ist kaum zu begegnen“, schreibt er. – Die Heerscharen der Doofen wieder mal, die einen armen, in einsamen Höhen segelnden Reichianer nicht verstehen können. „Aber man kann sie [die Einwände] ignorieren. Das habe ich getrost getan.“947 LOL, so macht man das. So geht Repulsion: ignorieren, was stören könnte: exakt so, wie er es für die Repulsierer immer gesagt hat. Das „rationale Über-Ich“ ist die Rettung des „irrationalen Über-Ichs“ bzw. überhaupt des Über-Ichs als Abstraktion desjenigen Denkers, der nicht konkret, nicht einzig werden kann. Die Argumente gegen die von ihm vertretene Existenz eines „rationalen Über-Ichs“, von Laska selbst angeführt, sind – zunächst, bevor ich auch diese noch zerstöre, weil es für mich überhaupt kein „Über-Ich“ gibt – stimmig: „Den Begriff Über-Ich habe es für Stirner noch gar nicht gegeben; er sei auch später nie wissenschaftlich etabliert worden; er sei ausserdem längst schon wieder obsolet; Rationalität passe überhaupt nicht in den Zusammenhang; es handele sich ohnehin um eine contradictio in adiecto; usw. usf.“ 948 – Den Begriff Über-Ich hat es für Stirner nicht nur noch gar nicht gegeben, sondern, wie dargelegt, aus gutem Grund nicht. Daß der Begriff später nie von Wissenschaftlern etabliert worden sei, ist nun aber das allerletzte Gegenargument, das mir einfallen würde. – Seit wann berufe ich mich auf diese Brüder? Es tut mir aber sehr leid, wenn von den Wissenschaftlern „die Psychologie des Über-Ichs in der Folge weit weniger systematisch erarbeitet wurde als die Ich-Psychologie oder die Triebpsychologie“ und „dass das Konzept des Über-Ichs als Forschungsgegenstand kaum noch auftaucht“ (Laska zitiert hier den Psychoanalytiker U. Eberenz949; vielleicht sieht er seinen Artikel als einen fälligen theoretischen Beitrag an), aber was soll das mir – als ein Gegenargument für mich gegen Laska – bringen? Mit dem Rest an antizipierten Gegenargumenten hat er in seinem Paradigma recht: Wenn es rational ist, hört das Über-Ich auf, ein Über-Ich zu sein, dann erfolgt die Steuerung aus dem Es oder dem Ich. Das muß man ihm lassen: Laska liefert gute Argumente gegen sich selbst. Und weil die so überzeugend sind, ist ihnen tatsächlich „kaum zu begegnen“. Inspirieren läßt er sich freilich nicht von diesen Gegenargumenten; stattdessen läßt er sie sich „ignorieren“. Warum ist er aber nicht einmal auf diese Argumente eingegangen in einem Artikel, der das „rationale Über-Ich“ zum Thema hat? Hatte er Gründe anzunehmen, daß die Leserschaft des Buches „Die Selbstermächtigung der Einzigen. Texte zur Aktualität Max Stirners“, für die er seinen Text schrieb, und auch die Ko-Autoren des Buches das nicht interessiert haben könnte? Da lag er total daneben; das hätte sie brennend interessiert. Ist er aus Platzgründen nicht darauf eingegangen? Dann hätte etwas anderes wegfallen lassen müssen, das sowieso schon bekannt war; dann hätten Verweise genügt. Diese Gegenargumente stammten doch außerdem von ihm eigentlich wohlgesonnenen Kritikern; denen hätte man doch mal den Gefallen tun können, die Neugierde zu befriedigen. Sie waren nur – so scheint es jedenfalls erst einmal – radikaler als er. Zu radikal? Lag es daran? Es sind jedenfalls keine Gegenaufklärer oder marxistische und nietzsch’sche Halbaufklärer. Das „Ignorieren“ hätte er mal besser nicht „getrost getan“; so hat das ein repulsives Geschmäckle. Jedenfalls stammten sie von ernstzunehmenden Kritikern. Waren sie alle wirklich so dumm oder so unwürdig, daß er nicht mit ein paar Sätzen auf sie hätte eingehen können? So müssen wir alleine ohne den Meister weiterdiskutieren: Laska versteht das „rationale Über-Ich“ als eine Art Kontroll- und Reflektionsinstanz: Ich erörtere ganz bewußt die Lage, überlege bei vollem Bewußtsein, was ich tue: Nützt es mir was? Ist es das, was ich will? Verletze ich jemanden ungewollt? Dann entscheide ich, ob ich es tue. Nichts Unbewußtes kommt mir dabei in die Quere, keine abgespaltenen Persönlichkeitsanteile pfuschen mir hinein, nichts Fremdes, nichts über mir Stehendes. Ich kontrolliere und steuere aus mir heraus. Das wäre der erste Widerspruch, denn all das tut mein Ich – vorausgesetzt, ich habe eins. Laska: „Wenn ich von einem irrationalen Über-Ich spreche, d.h. von einer psychischen Instanz, die vor der Fähigkeit zur Reflexion im Individuum entsteht, und deren Negation mit dem Vorgang der Stirner'schen Empörung, d.h. einer individuellen Selbstermächtigung, identisch ist, dann stellt sich die Frage, ob Stirner auch über eine psychische Instanz nachgedacht hat, die als rationales Über-Ich bezeichnet werden könnte.“950 – Hat er nicht. Dann hätte er so etwas gesagt wie „vernünftiger Sparren“, „egoistischer Spuk“, „die Gespenster des Eigners“, „harmonische Besessenheit“ oder „der Eigner als Geisel seiner verdrängten Gefühle“. Aber Stirner hat eben erst gar nicht über so „eine psychische Instanz nachgedacht“ – na gut, „nachgedacht“ bestimmt –, sondern ist seiner Arbeit nachgekommen: von sich zu sprechen und damit den Objektivismus und die ganze „Wissenschaft vom Menschen“ zu zerstören. Laska: „Stirner war da“ (bei der Namensvergabe für jene „Instanz“) „eher zurückhaltend, um nicht einer Präskriptivität verdächtigt zu werden.“ – Es wäre nicht nur ein Verdacht einer Präskriptivität gewesen. Doch daß Stirner nicht so etwas wie ein Über-Ich eingeführt hat, lag nicht daran, daß er nicht präskriptiv sein wollte, sondern nur daran, daß er, nicht unter Ego-Schwäche leidend, sicher aus seinem Ich heraus wußte, daß er niemanden umlegen wollte (falls er nicht aus Notwehr dazu gezwungen sein würde). Nein, Stirner brauchte nichts zurückhalten – nicht einmal „seinen vermeintlich schrecklichsten Satz“, doch zu dem kommen wir gleich. Laska: „Stirner erwartete, dass das per individueller Selbstermächtigung zum Eigner gewordene Individuum nun nicht ein Spielball seiner Launen ist, […].“ – Es stimmt: Stirner spricht oft davon, daß wir von irrationalen Gefühlen und Gedanken beherrscht und zu Opfern dieser Gefühle werden – in deren Gefangenschaft geraten – und ihnen hilflos ausgeliefert sind. Damit meinte er aber nicht die Gefühle des Eigners, des Kerns, sondern die Gefühle aus Reichs „mittlerer, irrationaler Schicht“, also die derjenigen Entfremdeten, deren Kern und Eigner ganz verdrängt ist. Denn wie soll das gehen?: Ein mit sich selbst übereinstimmender, ungespaltener, im Besitze vollen Bewußtseins befindlicher Mensch hat plötzlich Gefühle oder Gedanken („fixe Ideen“), die er als ihn beherrschend empfindet. Er muß diese „Launen“ also gar nicht erst vertreiben oder in Schach halten oder sich selbst verbieten. Das gilt aber auch schon für Leute mit nur Zugang zum Kern; die haben sich „nicht schon etwas unter Kontrolle“ – die brauchen sich nicht mehr zu kontrollieren; die entsprechenden Impulse sind nicht mehr bestimmend vorhanden. Es mag viele Menschen geben, die sich wie „Spielbälle ihrer Launen“ vorkommen und nicht wissen, warum sie immer wieder Dinge tun, die sie gar nicht tun wollen. Wenn der Begriff „Eigner“ aber einen Sinn haben soll, können diese Menschen keine Eigner sein. Natürlich ist keiner von uns davon befreit, genau nachzudenken, was er tut; natürlich gibt es in uns allen „Launen“ (auch wenn wir nicht alle deswegen gleich zu deren Spielbällen werden); natürlich ist keiner von uns ein „Eigner“, wir sind höchstens nur mehr oder weniger auf dem Wege zu einem solchen. Dann eignen wir uns immer mehr von uns an. Da geht es uns so wie Stirner, der, wie Laska richtig sagt, „eine Art dynamisches Modell vor Augen hatte, das mit Quantitäten operiert: Je mehr von dem infolge Enkulturation unvermeidlich vorhandenen irrationalen Über-Ich durch eine prozessual vorgestellte individuelle Selbstermächtigung getilgt, deaktiviert oder zurückgedrängt wird, desto mehr Wirkungsspielraum entsteht für das rationale Über-Ich.“951 – Den letzten Teil legt Laska aber Stirnern einfach als Indikativ in den Mund und führt an seiner Stelle den Begriff „rationales Über-Ich“ ein. Aber so schön Laska hier den „Prozeß“ beschreibt – und zwar nicht so skeptisch wie sonst immer –, so heißt das alles nicht, daß der neue „Wirkungsspielraum“ den Charakter der „Enkulturation“ übernimmt. Deren „Tilgung“ macht mich, der ich dann wieder zum Vorschein komme, rational. Ich bin jetzt schon nicht mehr Spielball ihrer Launen. Warum soll ich dann immer noch – wie nach der „Enkulturation“ – ein Über-Ich haben? Das kann nur heißen, daß Laska nicht genug zum Vorschein gekommen ist. Laskas Übernahme des freud’schen Modells ist prinzipiell problematisch. Nur stark Entfremdete („Neurotiker“) können sich mit diesem identifizieren. Das „Es“ hat – um einmal im freud’schen Paradigma zu verbleiben – z.B. eigentlich starke „Ich“-Anteile. Der Eigner – Inbegriff des „Ichs“ – schwimmt im Wesentlichen auf seinem „Es“. Aber folgen wir erst einmal ruhig Laska weiter in diesem Modell. Jetzt kommen wir zu Stirners „vermeintlich schrecklichstem Satz“, der „[sich jedoch] nach einiger Überlegung als banal erweist und dennoch Anlass zum Nachdenken gibt“. Auch mir gibt er einen solchen Anlaß. Hier scheint Laska nämlich einen Punkt zu haben, denn Stirner spricht hier davon, sich etwas zu „verbieten“ – ein Begriff, der tatsächlich für ein Über-Ich spricht. Stirner muß also Energie aufwenden, muß sich überwinden, um etwas in sich selbst in Schach zu halten und zu verhindern. Das spräche nicht nur für ein „rationales Über-Ich“, sondern auch für einen destruktiven Kern und für die Kernschmelze der LSR-Ideologie. Dieser Satz lautet: Ich aber bin durch Mich berechtigt zu morden, wenn Ich Mir's selbst nicht verbiete, wenn Ich selbst Mich nicht vorm Morde als vor einem ‚Unrecht‘ fürchte.“952 Sollte Stirner hier ich-schwach geworden sein?[A]usgerechnet an dem Satz [wird] deutlich“, sagt Laska, daß „der Eigner […] nicht ein Spielball seiner Launen ist.“ Er kann sie nämlich „verurteilen“, „sublimieren“ und wie die Psychoanalytiker es noch sagen. Ich dachte aber immer, daß der Eigner das gar nicht nötig hat, weil er diese Launen, die ihn gefangen halten könnten, gar nicht hat. Ich hätte gedacht, daß ein Prädikat des Über-Ichs nicht mehr erfüllt wird, wenn ich mir etwas bewußt verbiete, daß das Über-Ich also nicht mein Bewußtsein ist. Und ich dachte bisher, daß, wenn ich launisch bin, zwar meine Launen noch irgendwie an mir feststelle, ihrer nicht wirklich bewußt bin. Die allermeisten Launische hätten keine Ahnung davon, warum sie launisch sind, dachte ich immer. Denn das würde das Wissen über ihre Ursachen einschließen und sie zum Verschwinden bringen. Solange ich launisch bin, bin ich Opfer und Spielball meines Unbewußten und sind die Launen unbewußt. Aber ich scheine mich getäuscht zu haben. Oder Stirner spinnt hier. Er sagt hier jedenfalls tatsächlich, daß er nicht morden werde, weil er es sich verbietet. Laska hat hier offenbar einen Punkt – und Stirner ein Formtief, das seinem sonstigen Geiste widerspricht. Aber zunächst müssen wir Stirner vom Eigner unterscheiden: Selbstverständlich war Stirner kein Eigner, wenn auch – zwar noch „sehr unbeholfen“ – „ein Anfang gemacht“ 953 sei. Der Eigner ist also insofern auch keine Gewißheit, sondern nur eine Ahnung. Ich hasse es sagen zu müssen, aber der Eigner hat angesichts der überwältigenden Entfremdung etwas Utopisches. Und ich gebe sogar Helms ein bißchen recht, wenn er schreibt: „Der souveräne Einzige, der autonome Mensch ist eine Fiktion, an die weniger Stirner, mehr die Stirnerianer glauben.“954 Im nächsten Halbsatz gibt Stirner aber eine weiter folgende, nebenstehende und gleichrangige Begründung dafür, daß er nicht morden wird: „wenn Ich selbst Mich nicht vorm Morde […] fürchte“. Hier haben wir es mit einem Gefühl zu tun. Er schaudert vor dem ganzen Geschehen eines Mordes zurück. Er sagt nicht, daß er sich vor Sanktionen fürchtet, nein, die Sache selbst ist für ihn zum Fürchten. Er will nichts mit ihr zu tun haben, es ist eine schreckliche Scheiße. Es scheint nicht eine „Laune“ zu sein, zu deren „Spielball“ gar er wird, sondern etwas Vernünftiges. Er scheint keinen Mr. Hyde in sich zu haben. Das wird tatsächlich, wie Laska sagt, „an dem Satz deutlich“. Es wird aber noch mehr deutlich – doch dazu später. Laska weiter: „In erster Linie sagt Stirner hier, dass er, bzw. der Eigner, durchaus in der Lage ist, sich etwas zu verbieten, d.h. den Normen eines Über-Ichs gemäss zu handeln, allerdings eines rationalen, durch eigene Reflexion errichteten.“ – Stirner spricht tatsächlich von „verbieten“, aber – wie wir gesehen haben – spricht er auch, und zwar gleichberechtigt, von seiner Furcht, die ihn davon abhält (das zweite „Wenn“ ist eine Aufzählung, ein weiteres Konditional-Wenn, kein Unterkonditional-Wenn, eine Vervollständigung und Präzisierung). Er mag zwar Gedanken daran haben, gegen jemanden auf endgültige Weise gewalttätig vorzugehen, aber die Ausführung verflüchtigt sich sogleich, weil ihn das dermaßen abstößt und anwidert. Die rein theoretische Nicht-Ausführung des Mordes kann sehr wohl von Rationalität zeugen, wenn sie von der reich‘schen Kernschicht ausgeht. Das hätte dann nichts Überraschendes, weil der Kern ja rational ist. Laska in seiner Es- und Ich-Skepsis läßt sie aber nun aus der reich‘schen Fassadenschicht heraus geschehen – auch wenn er einen Bezirk davon als rational bezeichnet –, weil für ihn das Heil nur von dort und nicht aus dem Eigner heraus denkbar ist; diese Schicht gibt ihm die Wörter „den Normen eines Über-Ichs gemäss“ ein. Aber als Stirnerianer, der er ja trotz alledem doch und auch noch ist (ein Rest Ich bzw. Eigner ist vorhanden), muß er dieses „Über-Ich“ nun mit „rational“ attributieren, so er keinen ideologischen Schiffbruch erleiden will. Ich muß aber das Über-Ich nicht mit etwas ausstatten, das dem Kern eignet, und es dann in ein irrationales und ein rationales spalten. Nein, ich kann auch unten im Kern bleiben und sagen, daß Stirner gar nicht anders konnte als sich aus dem Kern heraus und also rational zu verhalten, weil die Rationalität nun einmal dem Kern eigen ist. Es besteht keine Notwendigkeit, den Kern nun zu einem Über-Ich zu machen oder der Fassade ein kerniges Über-Ich beizugeben, das ich dann entsprechend als „rational“ bezeichne. Wenn etwas nicht asozial ist, dann kann das nur, so Laska, aus einem Über-Ich heraus so sein, auch wenn es ein „rationales“ ist. Als LSR-Kernsatz-Ersteller wird er das für sich aber auch wieder abstreiten und sagen, der Kern sei – sogar spontan – sozial. Aber warum benutzt er dann den Begriff „Über-Ich“ und nicht z.B. den Begriff „Kern“, wenn ein Mord nicht stattfindet? Warum interpretiert er Stirners „verbieten“ als einen notwendigen Ruf zu Vernunft, anstatt den Kontext zu beachten, in dem es steht, der ein rechtlicher ist? Wenn das mir selbst ausgesprochene Verbot meiner tiefen inneren Überzeugung entspricht und ich es ganz bewußt und nach guter Überlegung für richtig halte, liegt hier überhaupt keine Entfremdung oder drgl. vor. Ich muß dann kein Wort dafür benutzen, das par excellence für Entfremdung steht: Über-Ich. Manchmal habe ich den Eindruck, Laska fühlt ein übergroßes Über-Ich an sich; aber anstatt es zu „eliminieren“ oder wenigstens zu „schwächen“, münzt er es um, rationalisiert er es, verbrämt es als seine eigene, fast übermenschliche moralische Leistung, mit der Mordsbestie fertig zu werden. Ein solcher Kampf hat wirklich etwas „Übermenschliches“, weil „der Mensch“ nichts anderes als du selbst bist, du dich aber selbst vernichten mußt, also etwas über dir Stehendem das Kommando übergibst, deinem Ich ein Über-Ich bei- oder überordnen, jedenfalls in dir entstehen lassen mußt. So ging es auch dem armen Reich: Er mußte sich bei dem Gedanken an den befürchteten Verlust seiner Mutter an den Hauslehrer beruhigen, d.h. sein Ich abschalten: „Nur Ruhe, Ruhe, dieser nervenaufpeitschenden Tragödie gegenüber. Übermenschliches leisten!“ Er kann die Mutter und das Geschehen nicht mehr „objektiv“ – das soll hier „rational“ heißen – betrachten. Das sei der „Hohn“ – gänzlich unmöglich. Der „Vorsatz“, dem er eigentlich gerecht bleiben will, nämlich rational zu sein, muß aufgegeben werden. Beide, Reich und Laska, haben keine wirklichen Therapien gemacht (Reich nur ansatzweise, bei Laska weiß ich nicht, ob wenigstens ansatzweise, ich vermute, nein). Sie konnten nicht rational werden, konnten nicht ihre „Über-Iche eliminieren“ oder „schwächen“. Ansonsten würde ich an Laskas Stelle für „rationales Über-Ich“ sagen: „meine kognitive Fähigkeit, in relativ komplexen Situationen eine Lösung zu finden und die Lage zu kontrollieren“. Wenn wir nicht so sind, wenn wir nicht diese Souveränität haben, dann macht es Sinn zu sagen, daß wir die Lage nicht beherrschen, weil wir entfremdet und verwirrt sind usw. – weil wir meinetwegen eine uns eigentlich fremde Instanz in uns haben, die wir „Über-Ich“ nennen können. Laska fährt fort, Stirner zitierend: „Die ‚eingegebenen Gefühle‘, die ‚unbewusst Uns beherrschen‘955, das irrationale Über-Ich also, werde als ur-eigenstes Ich missverstanden, ‚und es hält schwer, die ‚heilige Scheu davor‘ abzulegen.‘“ – Was heißt hier „also“?! Er legt schon wieder Stirnern etwas in den Mund! Der Rest ist korrekt, nur ist das die einfache, übliche Beschreibung des Über-Ichs, nicht die des „irrationalen Über-Ichs“. Das Über-Ich ist von hause aus irrational genug. 8.5.3.1. Exkurs: Eine rationale und eine irrationale Moral? Für Laska und für Reich gibt es auch eine rationale und eine irrationale Moral, von ihnen „Moral“ und „Zwangsmoral“ genannt: „Reich unterschied zwischen ‚Moral‘, deren Quelle das rationale Über-Ich ist und ‚Zwangsmoral‘, deren Quelle das irrationale Über-Ich ist.“ (Laska956) Dabei war Reich war zunächst davon ausgegangen, daß es keine Moral gäbe; allerspätestens 1951 änderte er seine Meinung, als er sein Buch „Der Einbruch der sexuellen Moral“ erweitert, aber auch umbenannt hat in „Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral“957. Ab jetzt gab es eine Moral, die nicht erzwungen, sondern angeboren sei. Streng genommen gibt es weder „Moral“ noch „Zwangsmoral“. Auch hier liegt ein verdoppelnder Mumpitz oder eine falsche Dichotomie vor. Als ob es nicht etwas gäbe, was unter den Gegensätzen liegt! Muß ich das jetzt den Reichianern sagen? Reich selbst widerspricht sich. 1953 sagt er dann selbst wieder, daß es höchstens das, was er hier „Ethik“ nennt, gibt als eine nur sekundär aus dem „Bösen“ notwendig entstehende Abwehr gegen die Grausamkeit. Aber eigentlich – im primären Bereich – gibt es keine Moral. Abb. aus: Reich: Christusmord, S. 97 Aber auch Janov macht es so wie Laska und Reich: Zunächst heißt es zwar: „Meine Hypothese lautet, daß es Moral auf den tiefen Ebenen menschlichen Seins nicht gibt. Moral ist ein Konzept der dritten [obersten] Ebene, das das umfaßt, was sein sollte, und dann auftritt, wenn Menschen ihren inneren Zugang verloren haben. Auf der fühlenden Ebene des Seins [Reichs „3. Schicht“, dem „Kern“] gibt es keine Moral, keine Vorstellungen von Recht und Unrecht; da gibt es nur das, was ist. […] Wenn ein Mensch seine eigenen Gefühle haben darf, verflüchtigt sich jede Moral.“958 Doch dann stattet Janov die „erste Ebene“ mit dem „Konzept der dritten Ebene“ aus (kursiv von ihm): „Gefühle sind die einzigen moralischen Prinzipien des natürlichen Menschen. […] Sein [des fühlenden Menschen] Fühlen selbst läßt ihn moralisch handeln; […].“959 – Er spricht nun doch von Moral auf der ersten Ebene, obwohl er gerade selbst gesagt hat, daß es die dort nicht gibt. Dreiteilung des „Neurotikers“ nach Reich960, Dreiteilung des Bewußt-
seins nach Janov. Abb. aus: Janov: Primal Man S. 233
Sowohl Reich als auch Janov fertigen eine technische Zeichnung vom Menschen mit drei Schichten an, sie nummerieren sie nur anders herum. Aber eigentlich liegt hier eine falsche Analogie vor: Fassade, Mittelschicht und Kern sind nicht mit kognitiver, affektiver und korporeller Schicht identisch, da in allen reich’schen Schichten Kognitives, Affektives und Korporelles tätig ist. Bei Janov bezieht sich die Dreiteilung nur auf die drei „Bewußtseinsebenen“, und zwar sowohl eines „normalen“ („gesunden“) Menschen als auch eines „neurotischen“ („kranken“) Menschen (der Unterschied besteht in der „Schleusung“, die bei dem einen ungestört, bei dem anderen eingeschränkt ist). Die reich’sche Dreiteilung bezieht sich nur auf den „Neurotiker“ und hat eine sozial-moralische Dimension. Der „Gesunde“ („orgastisch Potente“) kann laut Reich nicht dreigeteilt werden und besteht nur aus dem Kern (es sei denn, der „Gesunde“ nimmt im sozialen Umgang mit Neurotikern bewußt eine Fassade an, die aber deswegen noch nicht „Über-Ich“ genannt werden kann). Der Vergleich der beiden Dreiteilungen hinkt zwar. Aber da es natürlich für Reich ebenfalls das Viszerale, das Emotionale und das Kognitive gibt und die 1. reich’sche Schicht mittels der Gedanken wirkt (samt funktioneller körperlich-krankhafter Entsprechungen), hat die 1. reich’sche Schicht sehr wohl etwas mit der 3. janov’schen Schicht zu tun. Insofern überschneiden sich beider technische Zeichnungen doch. Daß es bei Janov – wie bei Laska und Reich, aber im Gegensatz zu Stirner und mir – primär und also wirklich eine Moral gibt, darin soll wahrscheinlich ein Zugeständnis an und eine Schutzmaßnahme gegen die Moralisten liegen. Oder Janov litt tatsächlich auch unter Ich-Schwäche wie Laska und Reich. Weil auch Reich nicht genug fühlte, hat er die Moral aus „Zwangsmoral“ der 1. Ebene nach unten in seine 3. Ebene (in den Kern, Janovs 1. Ebene) holen müssen. Eigentlich reicht es zu sagen: „er fühlt“, anstatt: „er ist moralisch“. Es gibt ein Wissen und ein Gefühl für das Richtige (Gewissen). Tief fühlen zu können, heißt – symbolisch gesprochen –, spontan den Kategorischen Imperativ oder die Goldene Regel zu verkörpern; es bedarf eigentlich keiner Moral und keines Über-Ichs. Wenn du jemandem etwas antust, was du selbst nicht angetan bekommen möchtest, ist dir das angetan worden. – Dem werden weder Reich noch Laska noch Janov widersprechen; trotzdem stülpen sie der ersten Ebene einen Begriff der dritten Ebene über. An dieser Stelle gehe ich nicht auf die Problematik ein, die Janov so beschreibt: „Wenn ich sage, wir müßten uns von unserem Feeling regieren lassen, sollte ich hinzufügen, daß Neurotiker meinen, sie fühlten. Ehe sie nicht tiefen Urschmerz erlebt haben, können sie nicht wissen, daß sie niemals tief gefühlt haben.“961 – Es ist sicherlich so billig wie sinnlos, Leuten zu sagen, sie könnten nicht fühlen, oder daß „natürliche Emotionen wie ‚Schluchzen‘ und ‚herzzereißende Sehnsucht‘ dem gepanzerten Menschentier fremd sind“ (Wilhelm Reich962); Konservative müssen die janov‘schen und reich‘schen Gedanken an einen exklusiven Glauben erinnern. Aber dieses Buch dient zuvörderst nicht der Diskussion mit Konservativen, sondern mit Radikalen Aufklärern. Soweit sei konservativen Mitlesern aber signalisiert: Natürlich ist das, was Radikale Aufklärer „Zwangsmoral“ nennen, zu begrüßen, wenn es Mord und Totschlag verhindern kann. 8.5.3.2. Exkurs: methodologische Probleme mit Abstraktionsebenen Daß die „Moral ein Konzept der dritten Ebene [ist]“, hindert Janov aber nicht daran, den Begriff „Moral“ über fünf Seiten hin immer wieder als Merkmal der 1. Ebene (der reich‘schen 3. Ebene, dem Kern) zu benutzen, wobei ihm dann natürlich der Widerspruch selbst auffällt: „Für fühlende Menschen besteht keine Veranlassung, unmoralisch zu sein (in dem Sinne, wie es gemeinhin verstanden wird).963 […] Ich betrachte das Primärinstitut als eine moralische Institution, gerade weil sie keine Moral einimpft.“964 Aber dann läßt er auch noch den Hinweis auf den Widerspruch fallen und macht den Moralisten den Moralismus streitig: Erst wenn wir den Menschen wirklich zu seinen Gefühlen bringen, sehen wir, was für ein reines, ehrliches und moralisches Wesen er ist. Und die eigenartige Dialektik liegt darin, daß gerade die moralischste aller Institutionen – die Kirche – eben jene gegen Gefühle gerichtete ldeologie verbreitet, die zu ‚unmoralischem‘ Verhalten führt.“965 Wenigstens erwähnt er in diesem letzten, dem LSR-Kernsatz gleichkommenden Satz dann selbst wieder den Widerspruch und schreibt „unmoralisch“ in Gänsefüßchen. Aber mit der – unbenannten – Widersprüchlichkeit geht es gleich wieder weiter und gipfelt schließlich darin: „[…] fühlende Menschen [sind] von vornherein im wirklichen Sinne des Wortes moralisch.“966 – Janovs 1. Ebene (die reich‘sche 3., der Kern) ist also die Moral schlechthin! Der fühlende Kern hat und braucht keine Moral, halten Stirner und ich dagegen. Und Laska vermengt, wie Janov, genauso die Ebenen. Er erklärt aber nicht die 3. reich’sche Ebene (den Kern) zum Stammsitz der („echten“, „richtigen“) Moral, wie das Janov und Reich tun (Janov nennt sie nur die 1. Ebene), sondern bei Laska wird die reich’sche 1. Ebene (die vom Über-Ich bestimmte und geformte Fassade) zum Stammsitz der Rationalität. Aber auch ich, Töpfer, muß mir den Vorwurf der Ebenenvermengung gefallen lassen, da ich Janovs und Reichs Dreiteilung analogisiere, wo diese doch aber auf verschiedenen Ebenen angesiedelt sind: einmal auf der psychologischen, aber auch sozial-moralischen Ebene bei Reich und das andere mal auf der rein wissenschaftlichen Ebene (Psychologie, Gehirnanatomie) bei Janov. (Außerdem bitte ich für die schlampige Nichtabgrenzung der Begriffe „Ebene“ und „Schicht“ bzw. deren nicht durchgehaltene Abgrenzung um Entschuldigung. Ihr müßt aber zugeben, daß ich als Nichtwissenschaftler und Nichtphilosoph für die Kommunikation mit Euch keine Mühe scheue. Aber eigentlich folge ich da nur Janov und Reich in ihrer Wortwahl.) Zu meiner Entlastung kann ich aber sagen, daß die von Reich und Janov bewohnten Ebenen miteinander in Berührung kommen und sich zum Teil sogar überlagern. 8.5.3.2.1 Exkurs im Exkurs: Christian Fernandessens (und La Mettries?) Idee von der „tugendhaften Lust“ Mit einem weiteren Phänomen der Ebenenvermengung haben wir es bei der „tugendhaften Lust“967 zu tun, die – das weist Christian Fernandes nach – von La Mettrie stammt und die von Fernandes jetzt prominent und essentiell (als „Kernidee“968) hervorgehoben wird. Ich denke aber, daß der Begriff „tugendhafte Lust“ bei Fernandes und La Mettrie von verschiedener Bedeutung ist. Daß die Lust – ein Phänomen der 3. reich’schen Schicht und Ebene – auch einen Kollateralnutzen im sozialen Bereich hat, leuchtet ein. Aber deswegen eignet ihr noch keine „Tugend“ – ein Begriff der 1. reich’schen Schicht. „Laster“ und „Tugend“ sind moralische Begriffe, die, wie wir in der reich’schen Abbildung am Anfang des Kapitels 8.5.3.1. Exkurs: Eine rationale und eine irrationale Moral? gesehen haben, erst bei Zerstörung und Verhinderung der Liebe entstehen. Der Lust ist die Moral egal; niemand hat Sex, weil er dadurch verträglicher, umgänglicher oder kooperativer sein will oder wird. Er fühlt sich sicherlich wohler als brauchbares Element einer Gemeinschaft und bringt das selbst auch mit seiner guten Laune, die aus gutem Sex entsteht, in Verbindung. Ich kann La Mettrie gut versehen, wenn er schreibt: „In der Gesellschaft, die ich vor Augen habe, gäbe es keine Feindschaft mehr; sie wäre eine große Familie, in der ein jeder einer ruhigen und tugendhaften Lust fähig wäre und ein heiteres und glückliches Leben führen würde.“969 – Aber dennoch führen uns nur Trieb und Lust zum Sex, kein Tugendwille. Die Lust ist also nur im übertragenen Sinne tugendhaft – wenn wir sie nämlich von der 1. reich’schen Schicht auf die 3. reich’sche Schicht hinübertragen. Als Konzession an und Verteidigung gegen die „Synoden“970 und gegen die tugendhaft-mörderischen Alten Pseudo-Aufklärer kann ich den Begriff „tugendhafte Lust“ nachvollziehen. Aber nicht als philosophischen. Als Philosoph müßte La Mettrie ihn an versteckten Stellen wieder zurücknehmen, aber das scheint er, da hat Fernandes wohl recht, nicht zu tun. Das freut Fernandes natürlich; aber vielleicht enthüllt er sie uns auch nur nicht, ich weiß es nicht. Ich gehe der Sache nicht nach, weil es für mich keine Rolle spielt. Ich möchte bei der Gelegenheit noch einmal daran erinnern, was für mich die LSR-Kernidee ist: „L, S und R waren der Meinung, daß der zivilisierte Mensch davon abgebracht wird, er selbst zu sein; dabei hinterläßt die Zivilisierung zerstörte Selbste. Das aber heißt Leid.“ Also selbst wenn es eine „tugendhafte Lust“ oder überhaupt eine Moral gäbe und ich selbstverständlich die Zerstörung des Selbstes auch in Verbindung mit der Zerstörung der Lust bringe, setze ich den Akzent doch ganz anders als Fernandes: die Frage, ob es „tugendhafte Lust“ gibt und worin der Nutzen einer solchen These läge, rangiert überhaupt nicht an erster Stelle. Es gibt wichtigeres. Auch, was den „Transnihilismus“ angeht, so hat dieser doch viel mehr mit Gefühlen zu tun, weil der Nihilismus als erstes die Abwesenheit von Gefühlen ist und die Auffüllung des Nichts über die Erweckung der Gefühle – also auch der Lust – geht, als mit der Einschätzung der Gefühle und der Lust als „tugendhaft“. Man muß La Mettrie allerdings auch gegen Fernandes in Schutz nehmen. Denn daß „tugendhafte Lust“ von La Mettrie stammt, stimmt eben doch nicht ganz, wie Fernandes selbst schreibt: „Wörtlich kommt der Begriff ‚tugendhafte Lust‘ im Œuvre La Mettries nur ein einziges Mal vor, nämlich als ‚tranquille & vertueuse Volupté‘ im Discours sur le bonheur971.“972 Der Begriff „tugendhafte Lust“ ist also von Fernandes – eigentlich vom Übersetzer Laska –, aber dem Sinne und dem Inhalt nach ist er tatsächlich mit „stille & tugendhafte Wollust“ identisch. Wenn La Mettrie ihn aber nur einmal benutzt, würde ich ihn nicht als seine „Kernidee“ bezeichnen, wie das Fernandes tut. Hier scheint mir doch Fernandes wie ein Feuerwehrmann, der schnell einen Brand löschen und die Moral retten will, indem er sie „erhöht“. Ich würde dabei bleiben: Daß La Mettrie an nur äußerst wenigen Stellen von „tugendhafter Lust“ und „Moral der Natur“ spricht, beweist meines Erachtens, daß diese Begriffe – wie auch die Ironie – nichts anderes als defensive Waffen gegen die ihn angreifenden Todfeinde – die tugendwächterischen Pariser Enzyklopädisten – sind. Ähnlich verteidigt sich Gabrièle-Antoine Jacques, dessen „ungünstiger [anonymer] Selbstdarstellung die Funktion zu[kommt], die Autorschaft für das illegal gedruckte Werk glaubhaft abstreiten zu können“973, zwanzig Jahre vor La Mettrie. Und Fernandes selbst schreibt von La Mettrie: „Die Herausgabe der These Jacques‘ ist im Zusammenhang des Anliegens zu sehen, das – oftmals sicher auch gewollte – Missverständnis auszuräumen, er [La Mettrie] sei moralischer Nihilist, […].“974 – La Mettrie hat also nicht nur taktische Zugeständnisse an die Moralisten gemacht, sondern hat auch die moralisch höchste Instanz, die heilige Wissenschaft, zu seinem Schutze herbeigeholt (an die er selbst sicher auch tatsächlich irgendwie geglaubt hat und deren Rechtfertigung er wohl tatsächlich auch irgendwie nötig gehabt hat; aber am wichtigsten ist, daß sie ihn – am Ende ineffizient – beschützen sollte). Nein, faktisch gesehen war es kein „Mißverständnis“; La Mettrie war „moralischer Nihilist“ – was ihm die Todfeindschaft der Moralisten beschert hat. (Er war aber nur in Bezug auf die Moral ein Nihilist – ansonsten war er das genaue Gegenteil eines Nihilisten, weil er voller Sinnlichkeit war und die sogar gesteigerte Sinnlichkeit im Zentrum seiner Öffentlichkeitsarbeit stand.) Weder Fernandes noch Laska haben aber solche Todfeinde. Trotzdem überstürzen sie sich schon in vorauseilendem Gehorsam und reden vom „rationalen Über-Ich“ und von der „tugendhaften Lust“. Liegt es daran, daß sie die Gefahr wittern? Oder daran, daß sie selbst Tugendwächter sind? Oder daran, daß sie tatsächlich daran glauben? – Wahrscheinlich eine Mischung aus allem. Jedenfalls verwässern sie LSR. Auf keinen Fall aber radikalisieren sie LSR, was im fünften Jahrhundert von LSR notwendig ist. Ich verstehe natürlich Fernandes auch. Sexualität, Lust, Sinnlichkeit und Liebe sind die schönsten Sachen der Welt und der Sinn des Lebens. Natürlich kann das auch, besonders, wenn man von der anderen Seite kommt und die Qualität und die Dimension der Liebe entdeckt, ein Gefühl des Richtigen und Guten entstehen lassen: Nur so und nicht anders muß es sein. Ganz abgesehen davon, daß Liebende tatsächlich nicht destruktiv sind. Und ganz sicher ist die „These Jacques‘“ stimmig. Man kann das auch werten, weil man an‘s Werten gewöhnt ist. Aber streng und einfach betrachtet wird deshalb aus Sexualität und Liebe noch keine „Tugend“. Macht auch Jacques aus der Lust nicht nur etwas „Gesundes“, sondern sogar eine „Tugend“? Offensichtlich ja, zumindest seinen öffentlichen Äußerungen nach: „So viel trägt der geweihte [keusche] Geschlechtsverkehr zur Vermeidung der Laster und sogar zur Ausbildung der Tugenden bei!“975 Welchen Anteil daran Schutz vor Gefahr und einfachste Bewußtseinsstufe hatten, weiß ich nicht. Wenn man die Entdeckung macht (Laskas „Jahrtausendentdeckung“), nimmt man die Moral mit hinüber in das Neuentdeckte, stülpt ihm sogar eine bessere, eine „höhere Moral“ über und lobt Martin Walser dafür, daß er Laska „bis zu einem gewissen Grad folgt, indem er La Mettrie einen ‚Moralisten höherer Art‘976 nennt“977. Laska ist ja mit seinem „rationalen Über-Ich“ tatsächlich der Über-Moralist. La Mettrie spreche, so Fernandes, bzw. spricht ja auch wirklich von der „‚Moral der Natur‘978, die er der traditionellen Pflichtethik entgegensetzt“979. Fernandes teilt also die Moral in zwei Gruppen und folgt darin sicherlich auch korrekt der Lehrmeinung. Ich denke aber, daß die Moral genauso wenig teilbar ist wie die Schuldgefühle (siehe später im Kapitel 8.5.9.1.1. Exkurs im Exkurs: Teilung in tiefe und oberflächliche, höhere und niedere, gute und schlechte Schuldgefühle: Martin Walser, Christian Fernandes, Laska und Auschwitz), da können Fernandes und Laska noch so viel „diesen Begriff [‚Moral der Natur‘] näher bestimmen“ (das jedenfalls tut La Mettrie nicht), was „Laska Walser vorwirft“980, nicht getan zu haben. Schlimm genug, daß Walser diesen Begriff tatsächlich benutzt; gottseidank, daß er ihn auch nicht noch „näher bestimmt“ und sich zum Moralscholastiker macht. Das widerlogische Aufteilen in zwei Gruppen kommt zustande, wenn man die Ebenen vermengt, weil man von der einen Ebene, hier von der moralischen, einfach nicht wegkommt – aus moralischen oder verteidigungstechnischen Gründen. (Exkurs im Exkurs „tugendhafte Lust“) Wir kennen das Ebenenproblem aus einem anderen Bereich: Immer wieder hört man, daß man diese oder jene Sache in nationalem oder europäischen Rahmen verhandeln muß. Die Begriffe „national“ und „europäisch“ gehören aber nicht auf dieselbe Ebene, sondern: Die Entsprechung von „national“ ist „kontinental“. Die Entsprechung von „deutsch“ ist „europäisch“. Wenn die Ebenen kommunizieren, läßt sich sagen: Es gibt eine Nationalität deutsch, und es gibt einen Kontinent Europa. Im Falle, daß eine „Nation Europa“ gewünscht ist oder im Entstehen sein könnte, würden die Nationalitäten deutsch, französisch usw. von der Nationalität europäisch ersetzt werden, und dann würden fast alle Sachen in kontinentalem Rahmen verhandelt werden, aber nicht in europäischem. Dann würde aus der Nation Deutschland eine Region Deutschland. (Ich persönlich hielte es aber – am Wegesrande – für besser, wenn sich die Nation verkleinern würde, aber das ist jetzt ein politisches Problem und keins von Abstraktionsebenen, also kein informationstheoretisches oder systemologisches Problem. Zum politischen Problem werden wir in Kapitel 8.5.9.1. Exkurs: Nicht nur innerseelisch-biographische – auch gesellschaftliche und politische Bedingtheit des Eigners kommen. Manche nennen den entsprechenden politischen Prozeß „Regionalisierung“. Meinetwegen kann der Begriff „Nation“, wie ich ihn verstehe, auch durch „Region“ ersetzt werden, es geht ja um die Sache und nicht um die Bezeichnung. Aber ich finde den Anklang an Geburt und Abstammungsgemeinschaft für einen authentischen kollektiven Eigner eigentlich ganz gut. In diesem Sinne wäre es sicherlich verkehrt, von Deutschland als einer Nation zu sprechen. Authentische kollektive Eigner könnten dann z.B. die schwäbische, bretonische, baskische usw. Nation sein.) Woran liegt Laskas Ebenenvermengung im vorigen Kapitel? Janov hat die Antwort parat: „Solange Menschen keinen inneren Zugang zu der schmerzhaften Wahrheit haben, müssen sie allein auf der dritten Ebene operieren.“981 Genau das tut Laska: Er operiert auf der 1. reich’schen Ebene, auf der des Über-Ichs! „Und auf dieser Ebene treten sowohl Moral als auch Sünde in Erscheinung. Ist man einmal zu seinen Gefühlen vorgedrungen, gibt es weder Sünde noch Moral.“ (Janov982) – Übersetzt auf den Fall Laska heißt das: Auf der 1. Ebene tritt das Über-Ich in Erscheinung. Ist man einmal zu seinen Gefühlen auf der 3. reich’schen Schicht (des Kerns) vorgedrungen, gibt es kein Über-Ich. Die 1. reich’sche Schicht bzw. die 3. janov’sche Schicht ist die des Intellekts. Aber ich muß zugeben, daß ich selbst widersprüchlich und inkonsequent bin, nämlich wenn ich – selten, in der Folge Janovs – den Begriff „normal“ benutze. Für Janov war der Eigner der „Normale“. Ich fand die Verwendung dieses Begriffs im volkstümlichen Sinne und im Sinne einer Nichtabgehobenheit schick. Der Eigner kann aber natürlich kein Normaler, kein Genormter sein. Zum tieferen Grund dafür, warum sich Laska auf der 1. reich‘schen Ebene (die von Über-Ich und Moral) festkrallt, schreibt Janov: „Moral basiert also auf einem grundlegenden Mißtrauen in menschliche Intentionen.“983 – Das ist die von mir oft beschriebene laska’sche Eigner-, aber auch Therapie-Skepsis. Laska krallt sich aber auch an der Intellektualität fest. (Hier berühren sich wieder Reichs Moral (Reichs 1. Schicht) mit Janovs Kognitivem (Janovs 3. Schicht).) Janov kommt in diesem Zusammenhang mit der Moral auf das Thema „Anarchie“ zu sprechen: „Die obige Diskussion muß notgedrungen zu der Frage führen: ‚Wird das Fehlen moralischer Prinzipien in einer Gesellschaft nicht zur Anarchie führen?‘ Die Antwort lautet ‚ja‘, allerdings bedarf diese Antwort einer Klärung des Begriffs ‚Anarchie‘“984 usw. und wird dann zum Stirnerianer (ob er Stirner wirklich kannte, weiß ich nicht; wahrscheinlich hat er ihn wieder „verheimlicht“ – „repulsiert“ würde Laska schlecht sagen können): „Die Gesellschaft produziert eine Überfülle von Gesetzen, weil man den Menschen nicht trauen kann. In einer fühlenden Gesellschaft macht jeder Mensch ‚seine eigene Sache‘, nur ist das nicht mit Ausbeutung anderer verbunden, da niemand überschüssige vergrabene Bedürfnisse hat. Wenn […] jeder Mensch ‚seine eigene Sache‘ macht, dann läßt sich von wahrer Anarchie sprechen.“ – Der gefühlsarme Anarchist Laska ist also auch anarchie-skeptisch. In Laskas Gefühlsarmut und Gefangenschaft im Intellektuellen sieht Nasselstein etwas für Laska Wesentliches: „Was wollte Laska? Was hat ihn getrieben? Für sich selbst Klarheit schaffen im Gewirr des intellektuellen Lebens. ‚Selbstvergewisserung‘, wie er selbst immer wieder sagte. Warum aber dann ein lohnloser Achtstundentag am LSR-Schreibtisch, all seine Veröffentlichungen und Korrespondenzen? Warum hat er nicht einfach sein Leben genossen, indem er mit seinen geliebten Hunden durch den nahen Nürnberger Wald spazieren ging?“985 Nasselsteins Fragen muten sonderbar an: Natürlich diente die LSR-Arbeit – auch, nicht nur – der Repulsion der Gefühle. – Es war aber auch ein mutiges Hinauslugen aus dem Verlies. Warum soll Laska dann mit den Hunden spazieren gehen, wenn er diese beiden wichtigen Dinge tun muß? Außerdem wird die LSR-Arbeit nicht nur zwangsneurotisch, sondern auch ein großer Genuß, eine echte Kreativität gewesen sein – die wir teilen. Vielleicht vermischen die Menschen auch die Ebenen in der Politologie – und sprechen von „europäisch“, wo sie „kontinental“ meinen –, weil sie sich nach dem Konkreten, also auf eine niedere Abstraktionsebene, sehnen, so, wie sich Fernandes nach einer Lust sehnt und dafür die Weihe einer höhere Abstraktionsebene braucht („Tugend“), weswegen er die Ebenen vermischt. (Ende Exkurs Abstraktionsebenen) Aber zurück zu Stirner: Sein „vermeintlich schrecklichster Satz“ mit jenem „Verbieten“, das etwas über ein rationales oder irrationales Über-Ich aussagen soll, gibt uns noch weiter „Anlass zum Nachdenken“ (Laska). Aus welchen Gründen, aus welchen Schichten heraus nur kommt es zur Nichtausführung jener mörderischen Gedanken? Ist es die 1. oder 3. reich’sche Ebene, ist es das Über-Ich oder ist es der Kern? Oder ist es eine Vermischung aus Über-Ich und Kern, wie es Laska vorschlägt? Ich hatte vermutet, Stirner tut es aus Gefühlen heraus nicht, er könne abgestoßen oder angewidert angesichts eines solch ultimativ-brutalen Geschehens sein. Aber der Grund kann auch ein Instinkt sein, womit wir auf die janov’sche 1. Schicht, die somasensorisch-viszerale kommen. Damit analogisieren wir aber auch auf eine andere Ebene, diesmal nämlich auf die biologisch-ethologische, und kommen auf das Angeborene. Vielleicht hat der schließliche Nicht-Mord etwas mit einem Revierkampf zwischen Ziegenböcken zu tun, die, nachdem sie ihre Hörner krachen lassen haben, sich wieder friedlich – nicht etwa mit abgestoßenen Hörnern, aber doch abgekühlt – voneinander verabschieden, weil sich der schwächere Kontrahent unterwirft und der Stärkere nachgibt. Die „Natur“ hat dann offensichtlich eine Sperre eingebaut; eine Art Reflex scheint zur „Anlage“ der Böcke zu gehören. Es ist ja tatsächlich so. Nie rammen die Böcke ihre Hörner in die offenliegenden Flanken ihrer Gegner; diese werden nie zu Feinden.986 8.5.3.3. Exkurs in die Humanethologie: Tötungshemmung Und tatsächlich scheint sich das auch humanethologisch zu bestätigen (um ausnahmsweise auch mal die heilige Wissenschaft zur Rechtfertigung herbeizuziehen). Es ist offenbar auch bei den Menschen so – zumindest bei den nicht entfremdeten Menschen, bei den Eignern. Sogar Irenäus Eibl-Eibesfeldt, der eines Anarchismus nicht verdächtigt werden kann, spricht von „biologischen Aggressionsbremsen“987 und von einer „uns angeborenen Aggressionshemmung […] auf Signale der Unterwerfung und bestimmte Apelle der Sympathie-(Mitleids)-Erweckung“988. Der Wissenschaftler genießt weithin eine Reputation als redlich, seine Beobachtungen gelten als objektiv. Er sagt weiter: „Dem Töten eines Menschen stehen primär [also angeboren] starke Hemmungen entgegen, die, wie ich annehme, eine biologische Grundlage haben.“989 Sogar Freud, ein weiterer Konservativer und Bioskeptiker, „vermutet“ laut Eibl-Eibesfeldt dergleichen990. Unsere „Aggressionshemmung“ hängt also von der Qualität der „Sympathie-Erweckung“ ab. Bei Kindern – noch nicht gänzlich enteignet und sich in ihrer 3. Schicht (Reich) aufhaltend – funktioniert beides noch einigermaßen: „Das Weinen löst bereits bei Neugeborenen Mitweinen aus – induziert also im Sinne einer Sympatieerweckung eine gleiche Stimmung.“ (Eibl-Eibesfeldt991) „Weinende Kinder haben immer recht“992 (weswegen manch eine(r) sich durch Heulsuserei Vorteile zu erstehlen versucht). Ein Grund, warum die entfremdeten Menschen – die Nicht-Eigner – sich gegenseitig zu Multimillionen abschlachten, liegt also nicht nur in ihrer „Grausamkeit“ (siehe das Schema der reich’schen Dreiteilung im vorherigen Kapitel) begründet (als Täter), sondern auch in ihrer Gefühlsarmt (als Opfer). Wenn die Opfer mehr Gefühle zeigen könnten, würden die Täter in ihrer Aggression auch mehr gehemmt, weil sympathieerweckt sein. Aber die Tränen sehen die Drohnenpiloten in der Fernsteuerung sowieso nicht mehr. Wir sind definitiv im Arsch. Eibl-Eibesfeldt relativiert die Angeborenheit der „Aggressionshemmung“ aber auch und spricht dann von einer „Norm der Tötungshemmung“993. Und ausgerechnet laut Wilhelm Reichs Gewährsmann Bronis?aw Malinowski ist die „Tötungshemmung beim Menschen stark reduziert“994. Es scheint aber auch viel für sie zu sprechen. Erst in der letzten Generation treten die Überlegenen noch auf die am Boden liegenden ein. Es hat binnen kurzem eine drastische Verwahrlosung und Enthemmung der mittleren reich’schen Schicht bzw. Schwächung der 1. Schicht gegeben. Zu Stirners Zeiten gab so etwas noch nicht. Noch bis ins mittlere 20. Jahrhundert hinein gab es ritterliche Fechtduelle, die nicht tödlich ausgingen; gottseidank kommen die jetzt wieder als Boxkämpfe in Mode. (Ende Exkurs in die Humanethologie) Nicht-objektivistisch betrachtet heißt das aber: „Ich habe keinen Bock, den anderen Bock auch noch zu töten, nachdem ich ihn unterworfen habe und nun auf die Ziege drauf kann und sie nicht länger meckert.“ – Die Böcke würden dann nicht einmal „Gedanken daran haben“, den anderen killen zu wollen. Ein solches Verhalten wäre kernbockgesteuert und nicht aus einer Bockmoral, einem Über-Bock heraus.995 Stirners zweites Konditional-Wenn wäre dann nicht nur eine Präzisierung, sondern eine Korrektur des ersten. Falls Dr. Stirner tatsächlich einen Mr. Hyde mit mörderischen Impulsen in sich hatte – das kommt in den besten Familien vor und ist in besseren psychotherapeutischen Praxen als Gefühl und Phantasie gang und gäbe (wie wir es, da aber in genauso harmloser Form, in Kapitel 2.8.1.1.Exkurs: die Persönlichkeitsspaltung in der Literatur gesehen haben) – und diesem Mr. Hyde keine license to kill, sondern ein Verbot aussprach, dann wäre das tatsächlich der 1. reich‘schen Schicht (der Fassade, also dem genügend dicken Firnis des Doktors) zu verdanken gewesen. Dann hätte hier sein innerhalb der Zivilisation pazifizierungsnotwendiges Über-Ich erfolgreich gewirkt. Dann mag es zwar irrational sein, aber wir würden uns trotzdem darüber freuen, so daß wir es eigentlich als rational bezeichnen sollten. Aber Stirner scheint noch genug „Natur“ oder „Kern“, aber eigentlich Instinkt in sich gehabt zu haben, daß er auch ohne Über-Ich ein sozialverträglicher Zeitgenosse sein konnte. Er hatte wohl keinen großen Mr. Hyde, sondern eher einen gewissen Eigner in sich, der nicht etwa keine Scherereien mit der Justiz haben wollte und diese hätte befürchten müssen. Er hatte nicht nur keinen Bock auf unappetitliche Aggressionen oder Destruktionen, sondern war einfach nur nicht instinktlos. Die Sache war mit der Unterwerfung des schwachen Bockes bereinigt und erledigt; es wäre jetzt völlig sinnlos und irrational, daß der starke Bock dem am Boden liegenden Bock auch noch die Hörner in die Eingeweide stößt. Dann hätte sich Stirner nicht vor dem Mord „gefürchtet“, sondern wäre relativ cool vom Kampflatz und zur Ziege gegangen. Warum hat er dann aber doch von „verbieten“ geschrieben? Ich sag‘ ja: Stirner könnte hier von einer gewissen Eigner-Skepsis betroffen sein, ja, sich sogar vor dem Eigner zu fürchten. Dann wäre das Über-Ich nicht mehr etwas, das selbst erst das erzeugt, was es vorgibt, verhindern zu müssen, sondern dann würde das Über-Ich tatsächlich primär zu einem Gesamtapparat gehören, mit dem es sich halbwegs friedlich durchs Leben kommen läßt. Dann wäre dieses Über-Ich durchaus rational und überhaupt nicht irrational. Dann wäre zwar die LSR-Ideologie im Eimer, aber das Über-Ich würde einem ausgesprochen guten Zwecke dienen. Wenn das aber so wäre, bräuchten wir kein zusätzliches Über-Ich, bräuchten nicht auch ein rationales – weil das vorhandene ja schon rational ist und seine Aufgabe gut erfüllt, die Zivilisation halbwegs okay aufrechtzuerhalten. Dann wäre aber unsere Zivilisation, weil mit der Natur übereinstimmend, halbwegs stabil – was sie aber eindeutig nicht ist. Ob sie nun durch Erzeugung eines „rationalen Über-Ichs“ an Stabilität gewinnt? Wäre eine Stabilisierung etwa eine „Erzeugung dessen, was vorgibt, das zu verhindern, was es ohne es gar nicht gäbe“? Das war ja die laska’sche und reich‘sche Beschreibung des Über-Ichs, und darin lag ja die ganze – Nasselstein würde sagen: die doppelte – Irrationalität der Sache. Was würde jetzt ein rationales Über-Ich vorgeben zu verhindern, was es ohne es gar nicht gäbe? So etwas muß es ja geben, sonst wäre es kein Über-Ich. Was würden die – um es wieder mit Nasselstein zu sagen – „als [jetzt rationales, PT] ‚Über-Ich‘ verinnerlichten gesellschaftlichen Gebote“ jetzt „bekämpfen, was es ohne sie gar nicht gäbe.“996 Kurz gesagt: Es wäre der Schiffbruch der gesamten LSR-Ideologie; „die Irrationalität“ wäre mit einem „rationalen Über-Ich“ wahrlich „verdoppelt“. Aber ich glaube eigentlich nicht, daß jener „schrecklichste, aber banale“ Stirner-Satz mit dem „Verbieten“ so interpretiert werden kann. Er steht nämlich, wie schon angedeutet, im Kontext mit dem Recht. Dieses ist aber ein Sparren und existiert nicht, es sei denn, zwei Parteien einigen sich auf eine Abmachung, die sie „Recht“ nennen, oder eine Partei erfindet ein „Recht“ zur Herrschaftsrechtfertigung. Von Stirner könnte dieser janov‘sche Satz stammen: „Recht und Unrecht sind offensichtlich Abstraktionen, keine Realitäten.“997 Und im Vokabular der Tiefenwahrheit, in der es keine Abstraktionen gibt, kommen Recht und Unrecht ebenfalls nicht vor. Man könnte analog zum Über-Ich sagen: Das Recht ist zunächst irrational, wird aber dann durch die Abmachung zu einem „rationalen Recht“. Aber auch hier ist es wieder so: Das Recht und die Justiz sind tatsächlich bei der Abwendung von noch mehr Mord und Totschlag notwendig, auch wenn es nie wirklich zu einer stabileren, weniger mörderischen Situation beitragen wird. Deswegen nehme ich es aber noch lange nicht für bare Münze und spreche einfach nur von einer konkreten Abmachung – nicht etwa von einem abstrakten „Recht“, sei es nun irrational oder rational. Für Stirner ist das Recht ein Sparren; und wenn er sagt, er sei „berechtigt zu morden“, so begibt er sich aus argumentativen Gründen nur kurzzeitig auf die Ebene des Rechts, in der er sich als „Nihilist“ eigentlich nicht aufhält. „Ich entscheide“, schreibt er, „ob es in Mir das Rechte ist; außer Mir gibt es kein Recht. Ist es Mir recht, so ist es recht.“998 Schon recht, Max. Stirner sagt: „Ich entscheide“, nicht: „Mein Über-Ich [oder etwas in der Art] entscheidet.“ So wie sich Stirner nur kurz auf „Recht“ einläßt, um einen Gedanken jenen zu erklären, die an Recht glauben, so kann ich mich auch gedanklich auf die Ebene der Abstraktion und der eines „Über-Ichs“ einlassen, obwohl ich es eigentlich nicht kenne. Ich lasse mich aber kritisch darauf ein, halte Abstand, habe noch alle Ebenen im Blick. Ich vermenge die Ebenen nicht aus verdrängten Gefühlen des Mißtrauens heraus, wie das Laska tut; ich bleibe rational und überlege kühl. Wenn sich Stirner nur aus argumentativen und didaktischen Gründen auf das Recht einläßt, dann ist seine Mordlust also eine rein hypothetische. Die Sache ist in der Tat banal und keine Banalität des Bösen. Stirner hat keinen Mr. Hyde in sich. Er fürchtet sich vor dem Mord als einem „Unrecht“. Aber wenn es kein Recht gibt, dann gibt es auch kein Unrecht – konsequent schreibt er es in Gänsefüßchen: „Unrecht“. Stirner mordet, es sei denn, er fürchte sich vor dem Unrecht. Wenn es das aber nicht gibt, kann er sich auch nicht vor einem solchen fürchten, und er fürchtet sich vor gar nichts und geht tatsächlich – nicht etwa von etwas Unappetitlichem angewidert und abgestoßen, sondern – cool wie Abdul, ich meine: cool wie der Bock vom Kampfplatz. Wir sind also nicht etwa knapp einem Mord entkommen, sondern noch mal knapp an der Bankrotterklärung der LSR-Ideologie vorbeigeschlittert. Aber dann muß sich diese Ideologie auch jetzt konsequenterweise vom „rationalen Über-Ich“ trennen. Es stimmt, daß das Über-Ich einen Mord verhindern kann, aber das heißt nicht, daß jeder potentielle oder hypothetische Mord nur wegen eines Über-Ichs nicht stattfindet oder nur durch ein Über-Ich verhindert werden kann. Es kann auch durch Coolness nicht so weit kommen, weil sich unser Stirner nach einem Kampf, der nur das Ausspielen der Alpha- und der Beta-Rolle, aber keine letal-finale Selektion des Stärkeren beinhaltete, wieder beruhigt und abgekühlt hat. Laska wird dem durchaus zustimmen. Aber er läßt trotzdem nicht davon ab, die Ebenen und die Begriffe zu vermengen. Laska wird Stirners spontane und Es-gemäße Abkühlung erahnen oder sogar klar sehen, aber er ist dennoch dem Es gegenüber zu mißtrauisch, und es fällt ihm nicht ein, einen Begriff von der Ebene des Es‘ zu benutzen. Er hat auch nicht genug Selbstvertrauen und Eigner-Anteile gehabt, um diese weiter real auszubauen; er hat nie praktisch die „Zerstörung des irrationalen Über-Ichs“ bzw. die „individuelle Selbstermächtigung“ angegangen. So blieb des Entfremdende (das Über-Ich) in ihm weiter stark, fraß weiter an seinem Ich und färbte gefühlsmäßig-begrifflich auf dieses ab, zauberte ihm ein Über- hinein. Alles, wozu Laska jetzt noch und schon wieder nur fähig ist, ist, auf den großen, mystischen Ausweg, die Rettung zu setzen: die Prophylaxe. Wenn es überhaupt eine Lösung geben kann, dann nur in der Zukunft. Das ist der große Fluchtpunkt Laskas. In seinem Aufsatz „Individuelle Selbstermächtigung und rationales Über-Ich“ heißt es also weiter: „Da dieser Vorgang [die ‚individuelle Selbstermächtigung‘], wie allenthalben zu beobachten ist, oft nur mit geringer Effizienz verläuft, ergibt sich für die Erziehungstheorie […] das Gebot der Prophylaxe: Minimierung der frühkindlichen Über-Ich-Bildung.“ Zur Stärkung seiner Zukunftsdroge – seines Hopiums – zieht er Stirner herbei und auf seine Seite: Der habe sich aus den genannten Gründen der Ineffizienz um die Erziehungstheorie gekümmert, habe „[zu ihr] übrigens eine seiner ersten Arbeiten [geschrieben]“999. An dieser Stelle lasse ich mich nicht noch einmal darauf ein, ob es in diesem Gedanken einen rationalen Kern gibt oder ob Stirner hier nicht – diesmal tatsächlich – geschwächelt hat. Für mich ist nicht der Erziehungstheoretiker Stirner interessant, sondern der Juchhe-Stirner. Nach dem Juchhe des „Einzigen“ hat Stirner komischerweise auch nichts Erziehungstheoretisches mehr von sich gegeben. Er hätte ja gerade jetzt dem „Einzigen“ etwas folgen lassen müssen. Überlegungen zum Juchhe – zur konkreten und praktischen „individuellen Selbstermächtigung“, zur „Zerstörung des irrationalen Über-Ichs“ oder, wie er es möglicherweise genannt haben würde, zur Eigner-Bildung, zur Selbst-Aneignung, zur Wieder-Selbst-Aneignung – blieben aus. Erst recht natürlich ein praktisches Juchhe (aber wer weiß, wie er geweint hat in seinen Schuldgefängnissen und dann, am Ende, in seinen Berliner Mansarden). Das wäre zu viel verlangt gewesen für den armen Kerl nach dieser Jahrtausendleistung („Jahrtausendentdeckung“ würde Laska sagen1000). Aber von „Erziehung“ (oder gar „Prophylaxe“) hat man erst recht nichts mehr gehört. Dann legt Laska noch einmal Stirner das Über-Ich in den Mund: „Die ‚eingegebenen Gefühle‘, die ‚unbewusst Uns beherrschen‘, das irrationale Über-Ich also […].“ – Zumindest bestätigt er hier die Unbewußtheit des Über-Ichs. Obwohl er – wie schon gesagt – die „Einwände“ gegen das „rationale Über-Ich“ „getrost ignoriert“ und die Kritiker als satisfaktionsunfähige Idioten hinstellt, ist Laska „trotzdem zuversichtlich, dass der Gedankengang dieses Artikels nachvollziehbar und seine Intention deutlich geworden ist“. – Ja, beides ist der Fall. Darauf schreibt Laska: Vermutlich ist dafür [für das Nachvollziehen und Erkennen seines Gedankengangs] jedoch ein gehöriges Mass an Skepsis, vielleicht sogar ‚ein grosser Verdacht‘, gegenüber dem bisherigen Verlauf des mit grossen Hoffnungen verbundenen Projekts der Moderne, der europäischen Aufklärung, erforderlich.“ Diesen Satz muß man sich auf der Zunge zergehen lassen! Die „Einwände“, wie bereits gesagt, können nur von radikaleren Aufklärern, als Laska einer ist, kommen. Das geht gar nicht anders! Was sollten Antiaufklärer oder inkonsequente Aufklärer daran zu kritisieren haben? Wenn jemand Laska hier kritisiert, dann kann diese Kritik nur von „links“ kommen – von jemandem, der konsequenter und emanzipatorischer als Laska, nicht so mißtrauisch, konservativ und rechts ist wie er. Laska nimmt hier die Position Freuds gegenüber Reich ein! Er aber gibt sich hier wieder einmal als der große Revolutionär, der, im Gegensatz zu all den „inkonsequenten Aufklärern“, nichts repulsiert. Laska tut so, als verlange es Skepsis gegenüber der Pseudoaufklärung, ihm zu folgen, wo er sich doch hier selbst eindeutig als Pseudoaufklärer erweist und eigentlich sogar Verrat an LSR begeht. Er tut so, als sei er der große Zampano, dem keiner folgen kann. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Laska kann den radikaleren Aufklärern nicht folgen, er muß sie „getrost ignorieren“. Und er scheint das tatsächlich nicht einmal zu merken! Wir können ihm also nicht die höhere Kunst der Chuzpah oder etwas in der Art einer inversion accusatoire vorwerfen. Er kann nichts dafür. Die „Skepsis und der große Verdacht“ dekonstruieren gerade Laskas „rationales Über-Ich“ als Überbleibsel des „bisherigen Verlaufs der Aufklärung“. Außerdem sei, so Laska, neben der Skepsis und dem „grossen Verdacht“ gegen die bisherige Aufklärung noch etwas anderes erforderlich, um seinen antiaufklärerischen Quatsch vom „rationalen Überich“ nachvollziehen und seinem kühnen Gedankengang folgen zu können: das sichere Empfinden, die Aufklärung sei auf schwer fassbare Weise schleichend in die gegenwärtige Situation übergegangen, wo man sie längst hinter sich zu haben meint; in eine ideengeschichtliche Sackgasse, eine Art ‚end of history‘“. Das heißt auf deutsch: Um ihm, Laska, auf seinem Höhen-, besser gesagt Überflug folgen zu können, darf man kein 0815-Pseudoaufklärer à la BRD sein, jemand, der von Tuten und Blasen überhaupt keine Ahnung hat. Er sagt seinen Lesern und den Ko-Autoren in der Zeitschrift, daß sie Trottel sind, und stilisiert sich weiter zum Übervater der Aufklärung. Das ist mir jetzt endgültig zu blöd. [Stirner] rechnete nicht damit, dass dieser Anfang [einer individuellen Selbstermächtigung und der Eliminierung des irrationalen Über-Ichs, an dem Stirner stand] nicht weitergeführt würde, sondern, im Gegenteil, Reaktionen provozierte, die ich oben als ‚unbewusste Selbstsabotage‘ der Aufklärung interpretiert habe.“ Was ich hier interpretiert habe, ist, daß Laska eine glatte „unbewusste Selbstsabotage der Aufklärung“ hingelegt hat. Er, Laska, hat sich von Stirner provoziert gefühlt und Stirner repulsiert, sich auf die Position der Gegenaufklärung zurückgezogen, indem er das Über-Ich gerettet hat, auch wenn er das durch ein „rational“ zu verdecken versucht hat. Aber ich, Töpfer, decke das jetzt auf und führe die Neue Aufklärung, den „erneuten Himmelssturm“ fort, den Stirner „angefangen“ hat. Stirner habe nicht mit einer solchen „Fortsetzung der Aufklärung gerechnet“. Ja, der mißtrauische Stirner hat da aber die Rechnung ohne Laska gemacht! Der spielt sich zum Fortsetzer auf, während er in Wahrheit eindrücklich unter Beweis stellt, daß er das Über-Ich nicht nur nicht vor der „Eliminierung“, sondern allein schon vor einer „Schwächung“ rettet, indem er es rationalisiert und perpetuiert. Er, Laska, ist es, der „unbewusst die Aufklärung selbstsabotiert“ – wie er auch seine eigene „Selbstermächtigung“ sabotiert hat. Die „Negation des irrationalen Über-Ichs“ stellt sich jetzt endgültig als Scheinforderung und Scheinprogramm heraus, weil es mit einer Rationalisierung des Über-Ichs, mit einem „rationalen Über-Ich“, eben nicht zu einer „Negation des Über-Ichs“ kommen kann, weil das Über-Ich ja weiterbesteht, auch angeblich in einer „rationalen“ Form. Mit seiner verbalen Pseudoradikalität (Liquidar Super-Ego Radicalmente! – Über-Ich zerstören und eliminieren, und zwar radikal! Super-ego esse delendum!) hat Laska nur seine Angst und Unfähigkeit überspielen wollen und ausagiert. 8.5.4. Nasselstein zu Laskas „rationalem Über-Ich“ Peter Nasselstein ist da schon weit weniger pseudoradikal, geradezu bescheiden, und träumt auch nicht von einer „Prophylaxe“, von der er ganz im Gegenteil ein furchtbares Fazit zieht (siehe Kapitel 7.2.1.12.1. Ist Wilhelm Reich für das Grassieren der Pädokriminalität mitverantwortlich? Die Folgen des Geredes von der „infantilen Sexualität“?): „Bei aller Begeisterung für Reichs ‚Kinder der Zukunft‘ und Laskas LSR-Utopie – in Wirklichkeit wissen wir so gut wie nichts darüber, wie ‚das Paradies‘ zu errichten ist. Nicht nur die sexuelle Revolution im engeren Sinne hat seit 1960 für Unheil gesorgt, sondern insbesondere auch die ‚sexualökonomische‘ Kindererziehung. Indem aus Kindern Partner wurden, wurde eine Verunsicherung erzeugt, die nur als grausam bezeichnet werden kann. Stelle dir vor, du überantwortest dich einem Bergführer auf gefährlichem Terrain und dann stellt sich heraus, daß er genauso linkisch und verpeilt ist, wie du selbst: Panik! Das, was der Prävention von Panzerung dienen soll, führt beim Kind erst recht zu Panzerung, da es seine Panik irgendwie binden muß.“1001 Auch Peter Nasselstein befaßt sich im Juli 2023 mit der Frage, ob es überhaupt ein „rationales Über-Ich“ gibt.1002 Ist es nicht selbstverständlich, daß das Über-Ich irrational ist? Kann ein Über-Ich überhaupt rational sein? Oder steckt da nicht schon Laskas ganze Resignation und Kapitulation drin – analog zu Reichs „Tödlicher Orgonenergie“ (DOR) als später Anerkennung von Freuds Todestriebtheorie? Liegt hier nicht der ganze Hase von Laskas Ich-Schwäche im Pfeffer, die er hätte unterwinden müssen? Laska hat das zwingend angebrachte, imperative überich-zerstörende Verfahren, das er selbst „individuelle Ermächtigung“ und „Negation des irrationalen Über-Ichs“ nennt, nicht nur repulsiert, sondern er hatte große Zweifel daran, ob es das Eigene überhaupt gibt. Damit begibt er sich in eine bedenkliche Nähe von streng eignerleugnenden Intellektuellen wie Heiner Müller. Nasselstein hat sich „stets an Bernd Laskas Unterscheidung zwischen ‚irrationalem Über-Ich‘ und ‚rationalem Über-Ich‘ gestoßen“. Auch Nasselstein nahm eine eklatante Diskrepanz zwischen Laskas „rationalem Über-Ich“ und dem zuvor vollmundig proklamierten „LSR-Motto ‚Liquidar Super-Ego Radicalmente‘“ wahr: „Danach doch noch ein Über-Ich ins LSR-Projekt zu schmuggeln, erschien mir stets als inkonsequent.“ Wohlgemerkt: Nasselstein spricht von einem „Über-Ich“, nicht von einem „rationalen Über-Ich“! Er wirft ihm klar vor, ein Über-Ich ins LSR-Projekt zu schmuggeln. Auch für ihn ist also das „rationale Über-Ich“ im Prinzip der Abschein, der Nachklang des „(irrationalen) Über-Ichs“. Und das Schmuggeln ist nichts anderes als ein Selbstverrat Laskas. Nasselstein: „Das ist nachvollziehbar, verwirrt aber m.E. die im genannten Motto zusammengefaßte Grundbotschaft des LSR-Projekts; führt sie formallogisch geradezu ad absurdum.“ Nasselstein schlägt jetzt auch – wie ich –, um „Klarheit zu schaffen“, vor, den Begriff „Über-Ich“ wie die gesamte freud’sche „tiefenpsychologische Begrifflichkeit […] hintanzustellen“. Während ich aber vom Über-Ich in seinen beiden laska’schen Ausführungen als einem „Mumpitz“ schrieb und mich dafür aussprach, an dieser Stelle die Theorie ganz fallen zu lassen, indem anstatt der theoretischen Kategorie „Über-Ich“ gleich der jeweilige einzige seelische Inhalt genannt wird („Die böse Stimme meiner Mutter macht mich verrückt“ usw.), geht Nasselstein nicht ganz so weit und kategorisiert den speziellen seelischen Inhalt nur anders, aber immerhin inhaltsnäher: Er will sich lieber „biopsychologischen Formulierungen zuwenden“ und nennt als eine solche beispielsweise den „bioenergetischen Kern“. Das entspricht in seiner größeren Dynamik schon eher meinem konkreten, „jeweiligen seelischen Inhalt“. Es hat aber sowieso nur das Konkrete einen Sinn. Haben wir vergessen, warum Stirner sein Buch „Der Einzige“ genannt hat? Wir brauchen überhaupt keine allgemeinen Kategorien, auch wenn sie Gefühls- und Subjektkonnotationen haben. Aber dann zeigt auch Nasselstein sein Mißtrauen gegenüber dem tragenden „bioenergetischen Kern“: Die Fassade und der Kern streben danach, miteinander Kontakt aufzunehmen, und lösen dabei die sekundäre Schicht auf – jedenfalls versuchen sie es. ‚Man überwindet den inneren Schweinehund.‘“1003 Der Kern, wenn er zur Fassade strebt und sich als Eigner durchsetzen will – wenn das Ich das Über-Ich ersetzen will –, „überwindet“ nichts. Wenn der Kern versucht, etwas zu überwinden, ist er auf dem heteronomen Holzweg bzw. ist es gar nicht der Kern. Das Ich muß nur den Kern machen lassen, die „Natur“ das Kommando übernehmen lassen – es muß die Schwierigkeit, den Widerstand, unterwinden, indem es losläßt, sich den Gefühlen hingibt und diese fließen läßt (die Reichianer würden sagen: „die Energie fließen lassen“). Der Reichianer Bernd Senf sagt es ziemlich richtig, wenn auch noch orgonomisch überlagert: „Die Lösung der Blockierung ist die Lösung – behutsam, nicht gewaltsam.“1004 Aber Senf wollte nur etwas weniger kräftig zudrücken; ich würde sagen: „Die Lösung ist das Öffnen für die Wahrheit und das Zulassen der gefühlvollen Wahrheit.“ Nasselsteins „sie versuchen es jedenfalls“ heißt: Es fällt ihnen schwer. Sie kämpfen um etwas. Der Kern muß aber – wenn er sich empören und die Fassade erobern will – nur explodieren oder mit seiner Eigenenergie wie Lava nach oben kommen. Er braucht um nichts zu kämpfen, er ist die Naturstärke selbst. Dieses Nicht-kämpfen, Zulassen und Loslassen ist das Gegenteil von einem „Kampf gegen den inneren Schweinehund“ – hier wird der Kern als Schweinehund denunziert. 8.5.5. LSR-Sprache und Tiefenwahrheits-Sprache – notwendige Übersetzungen Ein Jahr später, im August 2024 kommt Peter Nasselstein anläßlich des Erscheinens von Christian Fernandes herausgegebenen Laska-Buches „Das LSR-Projekts. Die Negation des irrationalen Über-Ichs. Eine Anthologie“ 1005 auf das „rationale Über-Ich“ zurück; er ist damit noch nicht fertig. Er will aber wohl überhaupt das ganze LSR-Vokabular noch einmal besser verstehen: „Irgendwie fehlt das ‚Abstract‘ zum LSR-Projekt.“ Nasselstein sagt von sich selbst, daß er „so allein vor sich hin tüftelt“ und, „wenn er überhaupt angefangen hat, das unbeschilderte Land zu betreten, d.h. zu lesen, fühlt er sich, als würde er durch einen sinnlosen finsteren Irrgarten stolpern, wobei er sich ständig fragt: ‚Was mach ich hier eigentlich? – und was soll das ganze überhaupt?‘“ Nasselstein wirft Laska vor, didaktisch falsch, nämlich induktiv vorzugehen; er hätte von Anfang an jenes „Abstract“ voranstellen sollen. „Zumindest sollte man erklären, was man mit ihm [als Leser] vorhat.“ 1006 Aber nun liege (endlich) ein solches Abstract vor. Da dieses aber immer noch 252 Seiten umfaßt, abstrahiert Nasselstein – „man erlaube mir einen eigenen kleinen Versuch“ – das Abstract weiter. Er will Klarheit schaffen. Ich, Töpfer, meinerseits abstrahiere das Abstract des Abstracts weiter, kürze es um die Hälfte, kommentiere das Kondensat und nutze es dazu – jetzt nicht mehr nur noch speziell auf Laskas „rationales Über-Ich“ eingehend –, dem LSR-Vokabular, in Nasselsteins Färbung, generell mein Tiefenwahrheits-Vokabular entgegenzustellen. „Jeder Mensch“, schreibt Nasselstein, „der in dieser Gesellschaft aufwächst und durch sie ‚enkulturiert‘ wird, verinnerlicht vom Tage seiner Geburt an diese Irrationalität, so daß seine vermeintliche ‚Eigensinnigkeit‘ schließlich nur Ausdruck dieser Irrationalität sein kann.“ Abgesehen davon, daß die allermeisten Menschen in unserer Zivilisation schon vor der Geburt „enkulturiert“, jedenfalls von ihrem wahren Selbst abgespalten werden, gefällt mir Nasselsteins Radikalität: Er weist nicht nur auf die tiefe Spaltung hin, die zur Folge hat, daß man nicht mehr weiß, was einem eigen ist, und stark an sich selbst zweifelt, sondern auch darauf, daß man sogar auch dann neben sich stehen kann, wenn man ausdrücklich „eigensinnig“ ist. Darin liegt auch eine Selbstkritik: eine Kritik oder Ermahnung derer, die sich gerade für die Unverletzlichkeit der wahren Selbste und gegen Zwangsspaltungen einsetzen, denn Nasselstein benutzt ausgerechnet ein „empörendes“ Verhalten, das auch wir uns zu eigen machen und in dessen Namen wir uns engagieren – die Eigensinnigkeit –, um auf etwas Irrationales hinzuweisen. Diese Eigensinnigkeit kann tatsächlich eine Kompensation sein, die zwar notwendig ist, aber auf dem Weg der „individuellen Selbstbemächtigung“ in ihrer Trotzigkeit an Bedeutung verliert und nach und nach einem Mehr an Rationalität Platz macht. Auch wir LSR-Fans sind natürlich von Irrationalität betroffen. Das Über-Ich – wenn wir darunter die Enkulturation und die Verinnerlichung verstehen –, ist hier bei Nasselstein jedenfalls erst einmal nur irrational – nicht rational –, sogar doppelt irrational:Die Irrationalität wird dadurch verdoppelt, daß die als ‚Über-Ich‘ verinnerlichten gesellschaftlichen Gebote das bekämpfen sollen, was es ohne sie gar nicht gäbe.“ Das ist die Variation eines laska’schen LSR-Kernsatzes („Die moralische Regulierung des Trieblebens schafft gerade das, was sie bändigen zu können vorgibt: das asoziale Triebleben.“1007) – Ich muß das wieder aus der LSR-Nasselstein-Sprache übersetzen, um den Gedankengang nachvollziehen und dann auch Nasselsteins finale Abrechnung mit dem „rationalen Über-Ich“ verstehen zu können: Das, was ich als „böse Stimme“ immer wieder in mir höre und was mich davon abhält, meiner Ich-Entfaltung, meiner Kreativität und Lust nachzugehen – was mir also „gesellschaftlich [d.i. mütterlich] gebietet“, nicht ich selbst zu sein, sondern ein depressives Wrack –, entspricht dem LSR-psychoanalytischen „Über-Ich“. (Jeder muß diese „Instanz“ mit seinen eigenen Worten definieren: so, wie er es erlebt.) Was „bekämpft“ jetzt diese Instanz bei Nasselstein, „was es ohne [die Gebote] gar nicht gäbe“? Leider präzisiert Nasselstein das nicht; er sagt nicht, was das ist, „was es ohne [die Gebote] gar nicht gäbe“. Er sagt nicht, wie er das nennt. Laska tut es: Bei ihm ist das „das asoziale Triebleben“. Ich gehe also jetzt wieder auf Laska ein: 8.5.6. Das „soziale Triebleben“ anstatt des Eigners als Laskas Ziel der Bemühung Das „asoziale Triebleben“ bezieht sich zwar auch auf viele einzelne, aber eigentlich auf das Triebleben generell, auf das Triebleben aller, das der zivilisierten Welt. Laska argumentiert hier doppelt nicht-subjekt-bezogen: Wenn es überhaupt um das Triebleben eines einzelnen geht, wird dieser aus der Perspektive anderer beschrieben – nur als das, was er für die anderen, aber nicht für sich selbst ist. Der einzelne selbst würde vielleicht auch seine mangelnde Kooperativität beklagen, aber zuvörderst würde er sich über seinen problematischen Zustand aus seiner Binnensicht heraus beklagen: „Ich fühle mich so elend – allein gelassen, isoliert“ u. drgl. Jedenfalls wollen wir ihn dazu ermutigen, die subjektive Sicht einzunehmen, weswegen unsere Sprache von vornherein eine subjekt-orientierte sein sollte und wir uns auch in unserer Theorie einer solchen befleißigen sollten. Das aber ist nicht der Fall, wenn das Individuum nur in einer Bewertung von außen, von einem höheren Standpunkt aus und nur in Bezug auf seine soziale Stellung vorkommt. Eine Bewertung von außen mag völlig richtig sein – die anderen dürfen mich sehr wohl einzuschätzen und mich mit Sanktionen belegen, wenn ich mich gegen ihre Interessen verhalte –, aber hier, wo es uns um die Empörung, die Wiederentdeckung des Eigners, um die „individuelle Ermächtigung“ geht – was erst einmal nur mich selbst betrifft –, sollten wir auf eine Sprache aus der Perspektive anderer verzichten. Die Priorität hat der potentielle Eigner, nicht irgendeine Bewertung einer Masse von (asozialen) einzelnen oder einer ganzen (irrationalen) Zivilisation. Bei Laska steht der soziale Aspekt im Vordergrund: Das Ergebnis der „moralischen Regulierung des Trieblebens schafft […] das asoziale Triebleben.“1008 Das Triebleben ist zwar das eines Individuums, aber durch das Attribut „asozial“ wird es sozialisiert und entindividualisiert. Das ist wie die Rationalisierung des irrationalen Über-Ichs. Das Individuum kommt bei Laska nur indirekt vor, bei mir direkt. Das, „was die gesellschaftlichen Gebote bekämpfen sollen“ und „was es ohne [diese Gebote gar] nicht [erst] gäbe“ (Laskas „asoziales Triebleben“), das hat in der Sprache der Tiefenwahrheit nichts Soziales oder Asoziales – es ist der konkrete und einzelne Entfremdete: Ohne die böse Stimme (mein „Über-Ich“) gäbe es mich als Entfremdeten nicht. Das ist ein großer und wesentlicher Unterschied zu Laskas „moralischer Regulierung des Trieblebens“ als Ursache für ein „asoziales Triebleben“: Ich sehe einfach nirgends eine „moralische Regulierung“, ich bin kein „Triebleben“, und ich bin nicht „asozial“, sondern nur ein Leidender, ein Nicht-Eigner. Wozu – 180 Jahre nach Stirner! – diese Metasprache? Das ist zu wenig. Dieser Rückfall ins Objektive ist eigentlich ein Skandal – zumal die Kernsätze und die Quintessenz im Zusammenhang mit Stirner geäußert werden, wo sie nichts zu suchen haben. Diese Sprache entstammt einer Rechtfertigung, einer Verteidigung oder Reinwaschung Stirners, führt aber Stirners Werk nicht fort. Und zum zweiten argumentiert Laska erneut nicht-subjekt-bezogen, insofern sein „Triebleben“ wieder etwas Äußeres, eine Beschreibung von außen, eine wissenschaftliche Bezeichnung, eine objekt-orientiere Beschreibung ist. Das Individuum kommt zwar im „Triebleben“ vor, aber nur als energetisch-dynamisches Geschehen, als physikalische Größe. Zeichnet sich das reich‘sche Verfahren zur „individuellen Ermächtigung“ durch wissenschafts- und objektorientierungsinduzierte Mechanik aus, deren Zielobjekt etwas Äußeres, ein Objekt ist (der „von Blockierungen Befreite und die orgonotischen Ströme Fühlende“ anstatt „ich selbst“), so befindet sich das Ziel der laska’schen Emanzipation wiederum im Äußeren: nämlich im Sozialen. Das Soziale soll das Asoziale ersetzen. Durch eine geheimnisvolle „Prophylaxe“ verändert sich Verhalten auf individueller Ebene („das Triebleben wird sozial“) und führt zu einer Eliminierung des sozial Desktruktiven. Das LSR-Projekt argumentiert im Namen einer besseren, einer sozialen Zivilisation und gegen deren absurde Programmierung („schafft gerade das, was sie bändigen zu können vorgibt“) und gegen die moralische Destruktivität der gegenwärtigen, seit ewigen Zeiten herrschenden und die Kinder mordenden, ihre Asozialität stets perpetuierenden Zivilisation. Das ist zwar aller Ehren wert, wird aber – wenn es um eine Fortsetzung Stirners und eine Neue Aufklärung geht – als zu leicht befunden. Die Tiefenwahrheit argumentiert nur gegen die individuelle Entfremdung und für den Eigner. Alles andere wäre Kollateralnutzen. 8.5.7. Weitere Übungen zur Übersetzung der Objekt-Sprache, in die sich LSR verirrt hat, in stirneristische Subjekt-Sprache Immerhin sind die „gesellschaftlichen Gebote“ bei Nasselstein „verinnerlicht“: Das Subjekt, das sich das alles bieten lassen muß, ist also in der Nasselstein-Sprache schon mal im Spiel. Mal sehen, ob Nasselstein auf diesem guten Weg bleibt. Leider hatte Nasselstein seinerseits nicht gesagt, „was es ohne [diese Gebote] gar nicht gäbe“; er sagt nicht, was sein Pendant zu Laskas „asozialem Triebleben“ ist – er sagt nicht, was aus ihm geworden ist. Es sind noch zwei Elemente des obigen nasselstein’schen Satzes offen: Die Irrationalität und die Verdoppelung der Irrationalität. Welche Irrationalität meint Nasselstein hier? – Er meint scheinbar die „von Geburt an“ „verinnerlichte“, also eine individuelle oder individuell gewordene, auf das Individuum bezogene Irrationalität. Doch lesen wir den ganzen Satz noch einmal: Jeder Mensch, der in dieser Gesellschaft aufwächst und durch sie ‚enkulturiert‘ wird, verinnerlicht vom Tage seiner Geburt an diese Irrationalität […].“ Diese“ Irrationalität jetzt ist aber die Irrationalität „dieser Gesellschaft“, von der der Einzelne („jeder Mensch“) sie also „‚enkulturiert‘“ bekommt und „verinnerlicht“; es ist also jetzt eine primär soziale Irrationalität. Nasselstein folgt also Laska ins Soziale. In der Tiefenwahrheits-Sprache (zumindest meiner Ausführung; jeder hat da seine eigene) liegt die Irrationalität ausschließlich im Individuellen: zuerst bei meiner Mutter mit ihrer „bösen Stimme“, und dann – im Ergebnis der Verseuchung durch diese – bei mir. Nasselstein veräußert dagegen mit seiner Sozialisierung die Irrationalität. Was meint Nasselstein mit „Verdoppelung der Irrationalität“? Er schreibt: Die Irrationalität wird dadurch verdoppelt, daß die als ‚Über-Ich‘ verinnerlichten gesellschaftlichen Gebote das bekämpfen sollen, was es ohne sie gar nicht gäbe.“ Meine Mutter hat Autorität, ich höre auf sie und, wenn mich Zweifel beschleichen, ob ich wirklich auf sie hören sollte, weil meinem Eigner das womöglich nicht guttut, gehorche ihr sogar. Ich bin ohne sie nicht lebensfähig; also gilt ihre Autorität uneingeschränkt. Also kann es vorkommen, daß ich ihr „gesellschaftliches Gebot“ übernehme, auch wenn es meinen ureigensten Interessen – die meines Eigners – widerspricht. Dieses Gebot ist aber, wenn es einem Teil der Mutter – und das bin ich immer noch – widerspricht, irrational: Meine Mutter verstößt gegen ihre eigenen Interessen, wenn sie gegen meine als ihr Baby verstößt. Das ist „widernatürlich“, wider ihren Eigner. Ihre Interessen kommen also aus „eigenen“, nur bei ihr liegenden Gründen nicht zum Ziel; ihr Bedürfnis, daß es mir gutgeht, wird nicht befriedigt, weil sie dieses Bedürfnis nicht mehr hat, da sie das Bedürfnis verloren hat, daß es ihr selbst gutgeht. Weder die Mutter noch ich kommen an das Ziel, was in uns angelegt ist und unseren Bedürfnissen entspricht, und das aus „eigener“ Schuld der Mutter: Niemand sonst außer ihr hat etwas dagegen, daß sie und ich zum Ziel kommen, glücklich zu sein – darin liegt die Irrationalität. Der Grund liegt bei der Mutter, aber ich „verinnerliche“ jetzt die Unfähigkeit der Mutter, ihre Bedürfnisse zu befriedigen und glücklich zu sein, indem ich in diesem Moment auch die Fähigkeit verliere, weil ich sie aufgrund des Urschmerzes verdrängen muß. Das ist die „Verdoppelung“: Jetzt haben wir schon zwei Irrationale. (Und ich – wenn ich eine Frau bin und ein Kind habe – setze das Spiel zwangsläufig fort, weil mir mein Bedürfnis, daß es meinem Kind gutgeht, da es ja Teil von mir ist, zerstört wurde – ein „mir“, das keinen Wert mehr darauf legt, daß es ihm gut geht. Und dann legt das nächste „mir“ keinen Wert mehr darauf – jetzt haben wir es nicht mehr mit einer Doppelverdrängung, sondern schon mit einer Tertiärverdrängung der eigenen Bedürfnisse zu tun. Und so geht die Zerstörung des „Vereins der Eigner“ oder besser gesagt dessen Protoform: die „Symbiose der Eigner“ immer weiter.) Meine Mutter würde natürlich nie zugeben, daß sie nicht will, daß es mir gut geht. Sie ist einfach nur nicht mehr fähig dazu, mich glücklich zu machen: Sie spürt ja unbewußt, daß sie mich eigentlich glücklich machen soll, wie sie ja unbewußt spürt, daß auch sie eigentlich glücklich sein will. Also will sie eigentlich unbewußt mein Unglück „bekämpfen“. Sie gibt dann vor, daß ich glücklich sein soll und daß sie dafür sorgen will. Aber in Wirklichkeit kann sie es nicht mehr. Jetzt sagt sie mir etwas, das ich tun soll, um glücklich zu sein, und ich höre auf sie. Ich denke: „Meine Mutter wird schon wissen, was gut für mich ist“ – das ist in mir aufgrund meiner Nichtselbständigkeit angelegt, es geht nicht anders. Wenn sie mich unglücklich sieht, sagt sie mir also, was ich tun soll, um glücklich zu sein. Mit Nasselsteins Worten: Sie will mein Unglück – so gut sie es kann – „bekämpfen“, oder sie tut nur so – nicht absichtlich, unbewußt –, weil sie ja mein wirkliches Glück – das auch ihres ist – gar nicht mehr im Blick haben kann. Sie redet mir also jetzt etwas ein. Womit sie mein Unglück bekämpfen will, womit sie meine Bedürfnisse befriedigen will und was sie mir sagt, was ich dafür tun soll, das ist bzw. sind – in Nasselsteins Sprache – ihre „Gebote“. Natürlich gehen diese an meinen wirklichen Erwartungen vorbei, entsprechen sie nicht meinem Eigner, weil die „gebotenen“ Bedürfnisbefriedigungen weder etwas mit meinem wahren Bedürfnis noch – in der Folge – mit einer Befriedigung zu tun haben kann. Ich bin also unglücklich. Meine Mutter bemerkt das natürlich; irgendwie ist ihr damit nicht wohl zumute (dazu kommt vielleicht noch Druck von außen, gefälligst ein „glückliches“, jedenfalls so ausschauendes, ruhiges Kind zu haben). Aber das ist alles unbewußt. Jetzt versucht meine Mutter völlig vergeblich, mich „glücklich“ zu machen, weil sie gar nicht mehr weiß, was la-mettrie’sches bonheur1009 ist. Lustige, vergnügte, fröhliche, jauchzende,
„wo(h)llüstige“1010 (La Mettrie/Laska) Kleinkinder1011
Sie „bekämpft“ fortan etwas, „was es ohne sie gar nicht gäbe“: Mein Unglück. Das ist fürwahr „doppelt irrational“: Die erste Irrationalität ist die, daß sie mich von meinem Ziel abbringt, glücklich zu sein. Und die zweite Irrationalität ist die, daß sie mich – jetzt vom Weg abgekommen – versucht, wieder auf das Ziel des Glücklichseins einzunorden, aber daß ihr auch jetzt wieder nur völlig ungeeignete Mittel dafür einfallen. Ihre Unfähigkeit, mich glücklich zu machen, ist die gleiche Unfähigkeit, mein Unglück, das durch sie – oder ihre Mutter usw. – in die Welt gekommen ist, zu reparieren. Nasselstein fährt fort: Genau das bezeichnet Bernd A. Laska als ‚irrationales Über-Ich‘.“ Was war jetzt nochmal dieses „das“?: Die Tatsache, daß wir – Mutter und Kind – nicht mehr unser Ziel vor Augen haben. Und daß wir jetzt zwangsläufig und aus „eigenen“ Stücken dagegen verstoßen müssen, es zu erreichen, macht die Sache irrational: Die „Gebote“ bzw. das „Über-Ich“ sagen uns etwas, mit dem wir unser ursprüngliches und eigentliches Ziel nicht mehr erreichen können. Laska spricht von einer „‚irrationalen‘ Erzeugung des Über-Ichs“, wobei er schon wieder mit den Gänsefüßchen um irrational für einen drohenden gesicherten Rückzug sorgt. Das Über-Ich kann nur irrational sein, aber dessen Erzeugung ist durchaus rational: Da die Selbstregulierung wegfällt, ich aber weiter existieren und gesteuert werden muß (nachdem ich nicht mehr selbst steuern kann), ist es auch rational und dem Zwecke des Überlebens gemäß, mir ein Über-Ich verpassen zu lassen. Da ein Grund für die Übernahme eines Über-Ichs vorliegt, ist eine solche also auch vernünftig. Meint Laska vielleicht diese Rationalität, die bei der „Erzeugung des Über-Ichs“ vorliegt, wenn er dann das ganze Über-Ich rationalisiert? – Let‘s find out. Denn jetzt ist da doch noch die Sache mit dem „rationalen Über-Ich“ zu klären und einer Endlösung zuzuführen. Nasselstein schreibt: Potenziert wird diese Irrationalität dadurch, daß durch die Bildung des ‚irrationalen Über-Ich‘ die Selbstregulierung jedes Einzelnen durch ein ‚rationales Über-Ich‘ (schlichtweg Rücksicht auf andere gemäß der im ungestörten Sozialverkehr jedem sich von selbst evident werdenden Goldenen Regel) unmöglich gemacht wird.“ Das, was ich von meiner Mutter übernehme, ist – wie wir gesehen haben – eindeutig irrational: Auch ich verfolge dann aus „eigenen“ Stücken nicht mehr mein Ziel der Bedürfnisbefriedigung (ich verfolge nicht mehr direkt meine primären Bedürfnisse, mein richtiges Glück; ich verfolge natürlich weiter andere, abgeleitete, sekundäre, durch die mütterliche Deprivation entstandene und mir durch die mütterlichen „Gebote“ vorgeschlagenen und bestätigten neue Bedürfnisse). Da die Bedürfnisbefriedigung zu großen Teilen Sache meines „Verkehrs“ (Stirner) bzw. „Sozialverkehrs“ (Nasselstein) ist, dehnt sich die Irrationalität auf diesen aus; er wird von der Irrationalität affiziert. Das führt z.B. dazu, daß ich mir etwas erschleichen bzw. mir etwas erstehlen muß – gar nicht mal im kriminellen, sondern nur im technischen Sinne: Ich traue mich nicht mehr, direkt an meine Ziele zu kommen, und muß mich den Verkehrsteilnehmern irgendwie anpassen (vgl. Teil III dieses Buches, Kapitel 4.7. und 4.8.) Eine extreme Form des Erstehlens ist die Habgier: „Also ein Habgieriger ist kein Eigener, sondern ein Knecht, und er kann nichts um seinetwillen tun, ohne es zugleich um seines Herrn willen zu tun, – gerade wie der Gottesfürchtige.“ (Stirner1012) Der Habgierige – wie auch der Sich-etwas-Stehlende – kann „nichts um seinetwillen tun“, darf schlichtweg nicht sein, wie er eigentlich ist, und muß nun dieses Existenzverbot wettmachen durch besondere Handlungen. Der Sich-etwas-Stehlende geht nur nicht so forsch ans Werk, macht es eher schüchtern aus der Deckung heraus. Warum beide nicht da sein dürfen und mit Habgier und „Diebstahl“ ihre Interessen verfolgen müssen, und wer oder was ihre „Herren“ sind, das geht weit unter die Religion. Wie sehr tief sich der „Herr“ in den ehemaligen Eigner eingeschlichen und dort festgekrallt hat, das wußte Stirner noch nicht. Meine verinnerlichte „böse Stimme“ (das „Über-Ich“) bringt mich auf die sonderlichsten Wege; sie wirkt eindeutig irrational. Mit meinen neu gelernten Methoden versuche ich jetzt, etwas Rationalität in die Sache zu bekommen, d.h.: Ich will wenigstens bei meinen sekundären Bedürfnissen halbwegs direkt zu meinem Ziel kommen, also z.B. mich gut anpassen. So gesehen, nimmt meine „böse Stimme“ rationale oder – wenn man an die ganze Verlogenheit denkt – scheinrationale Züge an. Man kann, in die psychoanalytische Sprache zurückübersetzt, also durchaus auch von einem „rationalen Über-Ich“ sprechen. Und auch Nasselstein neigt jetzt dahin, Laska recht zu geben. „Selbstregulierung“ bedeutet meine Befähigung, meine Bedürfnisse ungestört wahrzunehmen und zu befriedigen: dieses ganze Geschehen. Niemand muß mir etwas sagen – ich weiß es aus mir selbst heraus. (Sie geht in dem Moment flöten, wo mir meine eigentlichen Bedürfnisse versagt werden und wo der dadurch entstandene Schmerz dafür sorgt, daß sie ins Unbewußte verdrängt werden bzw. daß neue, sekundäre Bedürfnisse, Ersatzbedürfnisse, entstehen.) Die Frage ist jetzt, ob dem, der etwas aus sich selbst heraus – also aus seinem Ich heraus – weiß und verfolgt, ein weiterer Teil zu seiner Persönlichkeit hinzugesprochen werden muß. Wenn er eine Steuerungshilfe braucht, die ihn im Dschungel seiner Unbewußtheit bei der Hand nimmt, dann macht es Sinn, einen neu entstandenen Persönlichkeitsbezirk einzuführen, den man Über-Ich nennen könnte, weil er tatsächlich über das geschwächte Ich wacht und von dem Ich nicht zuletzt wegen seiner Dominanz als abgegrenzt betrachtet werden kann. (Wenn eine Fremdsteuerung Einzug hält, dann nimmt die zwangsläufig eine erhöhte Position ein, weil es sich von oben einen besseren Überblick haben läßt. Diesen braucht man, um das entstandene Chaos der nicht mehr funktionierenden Steuerung halbwegs in Ordnung zu bringen.) Aber wenn ich selbstreguliert bin, dann treffe ich meine Entscheidungen aus mir, aus der Mitte meiner Person heraus. Ich liege hoch genug. Da ich weiß, was ich will, und es deswegen in mir kein Chaos gibt, brauche ich keine besonders erhöhte Position einnehmen, muß nicht abheben oder abgehoben sein. Ich kann aus dem Bauch heraus wahrnehmen und entscheiden. Es liegt hier kein Grund vor, beispielsweise einen „Entscheidungsbezirk“ als eigenen, abgetrennten Persönlichkeitsanteil zu deklarieren – den gibt es einfach nicht. Die im Inneren geregelte Steuerung genügt sich selbst. Also macht es im Falle der Selbstregulierung schon mal keinen Sinn, überhaupt von der Existenz eines abgesonderten Ichs, eines Über-Ichs zu sprechen. Daß ein solches – wenn es überhaupt notwendig wäre, ein solches zu konstruieren – rational wäre, liegt auf der Hand. Aber da es nicht existiert, wäre es rabulistisch, ihm neben seiner Nichtexistenz auch noch eine Rationalität zu attributieren. Es kann also kein „rationales Über-Ich“ geben. Laska wirf Marx „rabulistisches Theoretisieren“1013 vor – hier macht er das gleiche. Wie sieht es im Falle einer Nicht-Selbstregulierung aus, wenn es tatsächlich ein Über-Ich gibt? Das Über-Ich ist erst dann entstanden, als es einen Mangel an Steuerung gab, weil mir meine Ziele nicht mehr bewußt waren und ich sie nicht mehr direkt verfolgen konnte. Ab jetzt ist alles irrational. Alles versinkt in Irrationalität. Auch der Versuch, von oben oder von außen (von wohlmeinenden Anderen) wieder Steuerung in das Chaos zu bringen, muß irrational bleiben, weil nie wieder jene Direktheit und Zielstrebigkeit entstehen kann, da das Ich in Form von unbewußten Kräften nach wie vor vorhanden ist und ständig in die Steuerung von oben hineinquatscht und sich zu empören versucht. Die neue Steuerung kann also auch nie zu einer direkten Verwandlung des Elfmeters kommen; auch ihre Zielstrebigkeit wird immer, und zwar von unten, gestört. Das Über-Ich wird immer am zielstrebigen Handeln gehindert und kann nicht rational sein. (Aber immerhin ist es ziemlich deutlich zu sehen, es existiert tatsächlich. Es gibt ein „Über-Ich“, es gibt besagte „Gebote“; und daß ich ständig die böse Stimme meiner Mutter gehört habe, die immer zu sprechen anhub, wenn ich lebendig sein wollte, das ist nun sowas von evident, wie es nicht evidenter sein könnte, weil ich es mein Leben lange wie ein Fluch in mir gehört habe, auch wenn mir Intellos à la Watzlawick oder Heiner Müller erzählen wollen, daß ich mir das alles entweder nur einbilde und, falls doch nicht, ich die böse Zauberstimme mit einem Fingerschnipsen wegzaubern kann. Zur Hölle mit euch Intellos! Das, was ich wahrnehme – und dieser Fluch war leider Gottes nicht zu überhören, meine Mutter war ja so eine Intella, die mir beibringen wollte, wie ich mich überwinden und etwas Besseres, Höheres sein kann –, das gibt es auch. Ihr Scheißintellos könnt mich mal so richtig, aber dermaßen richtig am Tüffel tuten! Jetzt lacht ihr noch, aber das Lachen wird euch vergehen. (Das arme, kleine, tief verletzte Kind.)) Das Über-Ich ist also wegen dem gemeinsamen Leben unter einem Dach mit dem Ich, wegen dieser Doppelkonstellation zwangsläufig und von hause aus irrational. Aber wenn man Verdoppelungen mag – wir haben es ja hier andauernd mit solchen zu tun und sind an diese gewöhnt –, dann kann man ruhig auch hier verdoppelmoppeln und von einem „irrationalen Über-Ich“ sprechen. Jetzt mag man einwenden, ich spreche hier ja nur von der Binnensicht und vernachlässige die Außensicht, das Soziale, also den Verkehr. Für diesen brauche ich eine Steuerung. Wenn meine Autonomie verlorengegangen ist, wird die Steuerung im Verkehr irrational sein; der „Sozialverkehr“ kann also gar nicht „ungestört“ sein. Ich fahre dann bei rot los. Wenn meine Autonomie noch besteht und ich nicht von meiner Zielstrebigkeit abgehalten werde, kann auch mein „Sozialverkehr“ nur rational sein, und ich setze mich so mit meinen Zeitgenossen ins Benehmen, daß es mir – alle Aspekte berücksichtigt – am angenehmsten ist, ob ich nun damit einer Goldenen Regel folge oder nicht. Weil ich fühlen kann, nehme ich auch Gefühle anderer wahr. Ich will, daß niemand Schmerz fühlen muß, weil mich alleine schon der Anblick mit Schmerz erfüllt, geschweige denn, daß ich selbst anderen Schmerz zufüge. Es müßte schon extrem dicke kommen, daß ich nicht mehr dementsprechend handeln würde : Das war jetzt mein Versuch, LSR-Nasselstein-Sprache in Tiefenwahrheitssprache bzw. objektorientierte Sprache in subjektorientierte Sprache bzw. veräußerte Sprache in innerliche Sprache bzw. sozialisierte Sprache in individuelle Sprache zu übersetzen. Wie konnte es nur 180 Jahre nach Stirner zur Notwendigkeit einer solchen Übersetzung kommen? Nur in einer objektivistischen Sprache – und LSR hat eine solche – ist eine Begriffsverwirrung möglich, weil es neben dem Objekt immer auch ein Subjekt gibt. Durch das Vorhandensein zweier Sprachen kann nur Verwirrung entstehen. Das ist wie mit dem Ich und dem Über-Ich: Ihre bloße Existenz gebiert Verwirrung. Deswegen sollte man sich für eine Sprache entscheiden – wie man sich auch für das Über-Ich oder das Ich, für Mutter oder für mich entscheiden sollte. (LSR wird sich herausreden, daß es nicht seine Aufgabe sei, eine subjektive Sprache zu sprechen, weil es geisteswissenschaftlich sein will oder muß.) Entscheide ich mich für die objektivistische Sprache, bin ich eine Maschine und kann mich gleich vergessen – was auch der Fall ist, wenn ich mich für das Über-Ich oder für den Vater entscheide, der mich in der Maschinerie des Leistungssports zu einer Leistungsmaschine machen wollte. Also bleiben mir nur die subjektive Sprache und ich selbst übrig. 8.5.8. Zu Stirnern zurück – und weiter voran Bei „subjektiver Sprache“ und „mir selbst“ aber sind wir wieder bei Stirnern. Zu ihm müssen wir wieder zurück, bei ihm müssen wir wieder ansetzen und uns weiterbewegen, d.h. bei uns Einzelnen und dann mit einem Ruck ins Affektive – was alles nur in der Gegenwart geht. Stirnern war es zwar in seiner Replik auf seine Kritiker klar, daß, wie die „Bedenken“ nicht durch „kritisches Denken“ entfernt werden können, so die Emanzipation auch keine Sache von Generationen und Präventionen – keine „Aufgabe der Geschichte“ – sein könne, sondern durch die „Kraft der Unbedenklichkeit“ zu geschehen habe: durch „unbedenkliche Auflehnung“ 1014 – also aktuell, individuell und ciskognitiv. Und auch Laska weiß mit Stirner, was zählt: „‚Empörung‘ sei eine Sache des Ich im Hier und Jetzt; …“ Dann aber fallen Laska und Stirner noch im selben Satz gleich wieder zwecks Prophylaxe ins Historische zurück: „… ‚Besessenheit‘ könne sukzessive abgebaut werden, denn sie werde nicht biologisch, sondern erzieherisch ‚vererbt‘ bzw. verursacht.“1015 Das mit dem „sukzessiven Abbau“ stimmt ja sogar – aber nur, wenn sich jedesmal jemand findet, der bei sich in der Gegenwart agiert. Viele machen es sich, auch wenn in Anführungszeichen geschrieben, mit einem mechanischen Verständnis von „Vererbung“ viel zu leicht und glauben, hokuspokusmäßig gegen eine solche „Vererbung“ etwas beitragen und ausrichten zu können. Sie überschätzen das Psychosoziale zu Ungunsten des Leiblichen. Sie verstehen den Eignerverlust als etwas Mechanisch-symbolisches und als eine eigentlich mysteriöserweise von Generation auf Generation überspringende Erscheinung und nicht als konkretes individuell-leibliches Trauma des Bäuchlings und Säuglings. Durch abstraktes Thematisieren von „Vererbung“, auch durch Sprechen über vermeintliche Ursachen und erst recht nicht durch Spekulieren über generationelle Zusammenhänge kann keine Änderung bei Einzelnen – und dadurch auch keine „Prophylaxe“, d.h. keine Unterbrechung der „Vererbung“ in Gang gesetzt werden. Es müssen tatsächlich Binsenwahrheiten in Erinnerung gerufen werden: „Eine Gesellschaft kann sich nur verändern, wenn sich diejenigen verändern, die diese Gesellschaft so machen, wie sie ist.“ (Gerald Hüther1016) Laska ruft sich selbst eine in Erinnerung – „die so befreiten Menschen wären dann imstande, einen radikalen Umsturz in der Pädagogik herbeizuführen und hierdurch der Wiederkehr ähnlicher Zustände für immer vorzubeugen“ (Sándor Ferenczi1017) – und zwar in seinem Text zur „individuellen Selbstermächtigung“1018. Laska wußte ganz klar, daß es so etwas wie „Prophylaxe“ ohne „Selbstermächtigung“ nicht gibt. Es spielt bei den „stets von neuem erweckten Bedenken“ (Stirner1019) – die stetige Reproduktion der Eignerfeindlichkeit – keine Rolle, woher sie stammen und ob oder daß sie „in der Geschichte aufgehäuft und erweckt“ wurden. Ein Hinweis darauf ist nicht nötig und vom hier und jetzt daseienden Einzigen – wie rudimentär er auch nur noch sein mag – ablenkend. Es mag „objektiv“ stimmen, aber das nützt uns nichts, das ist für uns uninteressant, nicht unser „eigenes Interesse“, sondern nur „absolutes Interesse“ (Stirner1020). Wir müssen sofort und ausschließlich subjektiv – Stirner würde sagen „egoistisch“ – denken und jauchzen und nicht historisch, es sei denn, es bezieht sich auf unsere rein private Geschichte, in der wir Fremdes „angeeignet“ und damit „Bedenken“ bekamen – Verwirrung, Spaltung und „eine als Autonomie empfundene Heteronomie“ (Christian Fernandes1021). Stirner wußte das eigentlich; er wollte mit dem Rekurs auf „Geschichte“ – auf „Jahrtausende lange mongolische Plage“1022, auf die „Jahrtausende der Kultur“, die „Euch verdunkelt [haben]“1023 – sicher nur betonen, in welch ungeheurem Maße wir entfremdet sind. Auch Laska bemüht dafür ein historisches Bild, spricht von „jahrtausendealten Fesseln“.1024 So sehr dieser Historismus verständlich ist, er lenkt aber schon von der Rückgewinnung des Eigners ab. War der ganze Abschnitt „II. Menschen der alten und neuen Zeit“ – jedenfalls „1. Die Alten“ – in Stirners „Einzigem“ eigentlich überflüssig, geht Laska in seiner Stirner-Monografie gerade darauf aufwändig mit raffinierten Flußdiagrammen ein1025. Laska’sche Fließschemata Entwicklung zum Eigner
Es ist für Stirner und Laska ein Leichtes, Hegels Dialektik „abzuschütteln“; das gleiche mit der Geschichte zu tun, fällt ihnen offenbar etwas schwerer. Aber sicher zählt auch das dazu, worüber sich „Stirner beklagte“: „daß er vorgefundene Sprache benutzen muß“1026. Trotz des nichtdialektischen – aber immer noch historischen – „Gefühlsmaterialismus“ war Stirner seltsam naiv und optimistisch: Die Geschichte der Bedenken und ihres Bedenkens [geht] zu Ende. […] die Kraft der Unbedenklichkeit [scheint] im Anzuge zu sein.“1027 Das glaube ich nicht – jedenfalls ist das bis heute, 180 Jahre später, nicht der Fall. Wie eh und je erfreut sich das Denken allergrößter Beliebtheit, stehen alle möglichen Ideen hoch im Kurs und wird mit Denken auch jene Probleme zu lösen versucht, wo das nicht möglich ist. Immer noch glauben die Menschen an die Zauberkraft des Denkens – wie ich mit meiner ersten Eigentheorie als 15-jähriger. Wenn Stirner tatsächlich glaubte, daß die „Geschichte der Bedenken zu Ende geht“, so war er selbst noch viel zu unbewußt; dann muß man ihm bescheinigen, das Ausmaß der Katastrophe überhaupt noch nicht erfaßt gehabt zu haben. Aber nicht nur Stirner – auch Stirnerianer, wie hier Mackay, waren von ignorant optimistisch: „So steht [Stirner] an der Grenzscheide zweier Welten, und eine neue Epoche im Leben des Menschengeschlechtes beginnt mit ihm: die Epoche der Freiheit! Noch haben wir für sie keinen besseren Namen gefunden als den der Anarchie: der durch das wechselseitige Interesse bedingten Ordnung, statt der bisherigen Ordnungslosigkeit der Gewalt; der ausschließlichen Souveränität des Individuums über seine Persönlichkeit, statt seiner Unterwerfung; der Selbstverantwortlichkeit seiner Handlungen, statt seiner Unmündigkeit – seiner Einzigkeit!“1028 – Viele „neuen Epochen im Leben des Menschengeschlechtes“ hat es seither gegeben, auf eine anarchistische können wir noch lange warten. Jetzt kommt nach den drei Lehren von Liberalismus, Faschismus und Kommunismus erst mal die „Vierte politische Theorie“ von Dugin dran. An einer Entwicklung hin zu mehr anarchischen Elementen ist die nächsten tausend Jahre erst mal nicht mehr zu denken. Stirner hat, wenn er sich so optimistisch äußerte, die „‚Verhärtung‘ des Charakters“ (Ronald Hinner) und die Angst vor dem Abgrund des Urschmerzes weit unterschätzt: seine eigene wie die seiner Mitmenschen. Aber immerhin hat Stirner den Anstoß dazu gegeben, daß sich etwas tut, und zwar genau an der richtigen Stelle (Hier und Jetzt) mit genau der richtigen Herangehensweise (Philosophie). Andere, wie z.B. Ronald Hinner im Jahre 2018, erkannten das auch. Hinner sieht ein gewisses, zumindest potentielles Verfahren bei Stirner, auch wenn er dieses noch „Heilung“ nennt:Wenn das moderne Denken im Wesentlichen an der Therapie der gnostischen Erlösungssehnsucht orientiert ist, dann kann die Frage nach der Heilung der Ich-Spaltung als der gemeinsame ethische Nenner von Comte und Stirner gelten. Im dritten Zeitalter des positiven Wissens sollen die Menschen endlich so weit gekommen sein, dass sie mit ihrem diesseitigen Dasein zufrieden, wenn nicht sogar glücklich geworden sind. Bei Comte bleibt jedoch, wie später auch bei Marx, die Heilung der inneren Spaltung von einer Veränderung bzw. Revolutionierung der äußeren Umstände abhängig. Bei Stirner hingegen ist die Heilung ein Prozess, der sich direkt im Individuum abspielt, und der sich daher auch potentiell jederzeit im Einzelnen vollziehen kann. Die innere Ordnung wird einerseits durch jene ‚Verflüssigung der Ideen‘ hergestellt, die der frühe Hegel mit dem Begriff der ‚Auflösung‘ zum Programm erhoben hatte. Dieser ‚radikale Idealismus‘ Stirners wird jedoch konterkariert durch einen ‚radikalen Positivismus‘, der mit Feuerbach die äußere Ordnung der Natur zur konstitutiven Grundlage des Menschseins erklärt, und gewissermaßen auf eine ‚Verflüssigung der Empfindungen‘ zielt. Körperliche Sucht und geistige Besessenheit bedingen einander und sind das Produkt einer ganzheitlichen ‚Verhärtung‘ des Charakters, die durch den ‚moralischen Einfluß‘ der Erziehung zum Glauben entsteht.“1029 Mit dem letzten, reichianischen Satz macht Hinner wieder den Fehler, in Stirner einen Psychologen zu sehen, und mißt dem „moralischen Einfluß“, der „Erziehung“ und dem „Glauben“ eine zu große Bedeutung bei bzw. folgt mit diesen einer falschen Fährte. Allein, mit seinem an Stirner beobachteten „radikalen Positivismus“, der nichts anderes als die ins Leibliche gehende Phänomenologie (Schmitzens „Neue Phänomenologie“) und die Wahrheit ist, beweist Hinner, daß er die revolutionär-epochale, über das bloße Philosophieren, aber auch über jede, erst 60 Jahre nach ihm aufgekommene Psychotherapie hinausgehende Dimension Stirners erkannt hat. In einem Text aus dem Jahre 2012 singt Hinner noch das Lied von Stirner als einem frühen Psychologen. Neben der noch zu untersuchenden Frage, „in welchem Zusammenhang Stirners Begriff des Heiligtums mit den marxistischen Begriffen der Verdinglichung und des Fetischs steht“1030, sei Stirners „Beziehung zur Psychoanalyse Freuds“, viel „offensichtlicher – und sehr viel fruchtbarer“1031. Der weitere Gedankengang trägt zu dem hier Gesagten nichts Neues bei, doch dann geht es um das Postphilosophische bzw. um das, worum es uns in diesem Buch geht: das effektiv Ändernde, weil sich „nicht bloß auf Ideen, sondern auf die affektive Struktur“ (Hinner) Zielende: Zunächst zitiert Hinner die stirner’sche „Forderung ‚Erkennet Euch nur wieder und laßt eure heuchlerischen Bestrebungen fahren, eure törichte Sucht, etwas Anderes zu sein, als Ihr seid‘1032“, doch dann relativiert er mit Stirnern den Wert der „Selbsterkenntnis“. Diese gehört zwar eigentlich zu den Attributen des Eigners, ist aber von Psychologie, Esoterik und anderen Geisteswissenschaften korrumpiert und inflationiert, deren „Erkennen“ und „Verstehen“ nichts anderes als Opium in Form von Theorien sind und mit einem echtem Wissen um einen selbst überhaupt nichts zu tun haben. Ich bete dem Psychologen nach, daß ich unter „ADHS“ leide, und darin liegt dann meine „Selbsterkenntnis“. Wenn ich das eine Weile mache, erkläre ich mich – ohne Witz – für „durchtherapiert“. Schließlich schaue ich nur noch auf die armen Kreaturen um mich herum nieder, die im realen Leben herumkreuchen und nicht von Höherem geweiht sind, und komme mir schon wie ein „neuer Mensch“, gar „Übermensch“ vor: „Durch die Fortschritte in Bildung, Erziehung, Eugenik und Medizin [besonders aber in Psychotherapie] werde es sich der ‚Mensch zur Aufgabe machen, seiner eigenen Gefühle Herr zu werden, seine Instinkte auf den Gipfel des Bewusstseins zu heben, sie durchsichtig klar zu machen, Leitungsfäden vom Willen unter die Schwelle des Bewusstseins zu führen und sich selber damit auf eine höhere Stufe zu bringen, also einen höherstehenden gesellschaftlich-biologischen Typus oder, wenn man will, einen Übermenschen zu schaffen.‘(Leo Trotzki1033)“1034 Auf eine solche „Selbsterkenntnis“ können wir verzichten, sie hat jedenfalls nichts mit einem Eigner zu tun. Nun verweist Hinner zwar auf etwas über diese Art „Selbsterkenntnis“ Hinausgehendes: „Stirner steht jedoch nicht nur in der radikalen philosophischen Tradition der Selbsterkenntnis, sondern er geht darüber hinaus: ‚Über der Pforte unserer Zeit steht nicht jenes apollinische: 'Erkenne Dich selbst', sondern ein: Verwerte Dich!‘1035 Dieses stetige Verwerten oder Auflösen allen Eigentums ist der anthropologische Kerngedanke Stirners.“ Aber damit überläßt Hinner erstens den Wissenschaftlern die Deutungshoheit über „Selbsterkenntnis“, anstatt ihnen ciskognitives Bewußtsein, also echte Selbsterkenntnis, entgegenzuhalten. Und zweitens ist an „Selbstverwertung“ nur für den Fall zu denken, daß der Eigner nicht zerstört wurde bzw. solange der Eigner nicht wenigstens ein bißchen wiederhergestellt ist. Ansonsten bleibt eine „Selbstverwertung“ nur eitel Sonnenschein. Wenn Stirner schon mehr als ein Psychoanalytiker gewesen war – was war dann seine Therapie? Dazu sagt Hinner nichts; stattdessen, daß es zwischen „Stirners Nichts“ als einem „‚schöpferischen Nichts‘“1036 „interessante Parallelen zu jener dynamischen Konzeption von Sein und Nichts aufweist, wie sie im Daoismus und im Zen-Buddhismus zu finden ist.“ Man ahnt schon Schlimmes, und tatsächlich führt er in einer Fußnote etwas näher aus, was er damit meint: „Vgl. Hisaki HASHI: Die Dynamik von Sein und Nichts. Frankfurt/M.: Lang 2004. Die Verneinung des Egoismus ist in den östlichen Traditionen komplexer und müsste im Lichte Stirners genauer untersucht werden.“ – Hilfe! Oh Gott, das geht ja in eine völlig verkehrte Richtung los. Hinner bemängelt dann auch, daß der „materialistische Atheismus zur dumpfen und naiven Verneinung jeglicher Transzendenz in den Naturwissenschaften verelendete“1037. (Mit Hinners „rationalem Atheismus“, der „Gott als wie auch immer gearteten und wirkenden Grund des Seins nicht verneint, sondern den heiligen Gott, Gott als Idee, als Geist, als hypostasiertes Bewusstsein“, kann ich leben, nenne ihn bloß Agnostik1038.) Hinners „östliche Traditionen“ erinnern mich an die „Advaita Vedanta“, in der Alexander Dugin das Heil sieht: die „Überwindung des Individuums: durch die Methode der Selbsttranszendenz“, der ich die radikale Immanenz entgegenstelle.1039 Dugin ist aber ambivalent und spricht an anderer Stelle selbst positiv von radikaler Immanenz. Ich zitiere aus meinem schriftlichen Vorwort zur Video-Reihe „Dugin Heimat“1040: „Um nun den Nihilismus zu überwinden (oder zu unterwinden – das ist die Frage!), schlägt Dugin ‚einen Schritt innerhalb der nihilistischen Natur des Individuums‘ und die ‚direkte Konfrontation mit dem Tod und die Entdeckung des Nichts‘ vor. Im Angesicht des Nichts, der inneren abgründigen Leere und Abgestorbenheit, des Quasi-Todes des Individuums, ‚erreicht‘, so Dugin, ‚der Liberale die Selbstbestätigung als die einzigartige und ultimative Instanz des Seins. Dies ist die letzte Konsequenz des radikalsten Solipsismus und kann zu einer Implosion des Egos und dem Erscheinen des wahren Selbst führen (was auch das Ziel der Praktiken ist, die mit Advaita Vedanta verbunden sind).‘ Das alles liest sich sehr immanent, d.h. spricht für Dugins Neigung zur Immanenz, und man fragt sich, worin überhaupt die Methode der ‚Selbsttranszendenz‘ liegen soll. […] Advaita Vedanta ist der ‚Weg‘ einer indischen Lehre oder Schule: eine ‚spirituelle Disziplin, die unternommen wird, um ein bestimmtes geistiges Ziel zu erreichen‘. Das ‚Geistige‘ und die ‚Erkenntnis des Brahman‘ als Ziel deutet auf Transzendentes hin, aber verschiedene Lehrer dieser Schule scheinen sich uneins über die Praxis der Disziplin zu sein: Für manche ist die Erkenntnis des Brahman unmittelbar und bedarf keiner weiteren Aktivität, für andere müssen Yoga-Übungen und Meditationen dazu dienen. Wir müssen bei der Recherche nicht all zu tief vordringen, um zu erkennen, daß es sich bei allem Monismus um ein transzendentales Verfahren handelt. Das Brahman ist zwar ‚die unveränderliche, unendliche, immanente und transzendente Realität als letztlich alleinige Realität‘, aber das Ziel des Advaita Vedanta liegt im Erkennen, nicht im Sein, womit klar ist, daß es für die von mir vorgeschlagene Methode der Identitätsstiftung [Tiefenwahrheit] ungeeignet ist, denn diese setzt zu großen Teilen auf das tiefe Erleben und Fühlen der wahrgenommenen inneren Realität, also das unmittelbare Sein und nicht die unmittelbare Erkenntnis. Das aus diesem Erleben und Fühlen resultierende Sein kann nicht mit geistigen Exerzitien und zen-buddhistischen Tricks erreicht werden. Wir radikalen Westler stellen dem die ‚radikale Immanenz‘ gegenüber. Die geistige Herangehensweise des Ostens an eine stoffliche Welt bleibt – das gibt [Dugin] auch u.a. mit der buddhistischen ‚Zwei-Wahrheiten-Lehre‘ zu – gespalten. [Dugins] ‚tiefe Identität‘ aber kann nur eine ungespaltene sein. Es gilt die Dichotomie von Transzendenz und Immanenz zu unterwinden, indem wir uns zunächst für die Immanenz entscheiden, sie als Teil einer funktionellen Identität erkennen (Grundlage des Gegensatzpaares Immanenz–Transzendenz ist das Sein bzw. die ‚alleinige Realität‘ der Brahmanen – dann aber nur als wirkliches Sein, nicht als Theorem) und schließlich diesen Begriff ‚Immanenz‘ in post-philosophischer Manier der Vergessenheit anheimgeben.“1041 Dugin tendiert inzwischen noch mehr zur Transzendenz – jetzt aber nicht mehr im Sinne der Tradition, sondern des Transhumanismus: Er hebt also nicht mehr meditierend, sondern mit eine Rakete ab. Das ist scheinbar eine 180-Grad-Wende, aber beides ist funktionell identisch: Flucht vor dem Eigner. Solange Amerika stark war, war er Antiglobalist, jetzt ist er technokratischer Transhumanismusbefürworter. Er träumt von einem populistisch-technizistischen Bündnis, also einer Art Archäofuturismus, und begrüßt die Beschleunigung der Entwicklung in Richtung der Singularität.1042 Hinner dagegen kehrt Schließlich gottseidank zum halbwegs Bodenständigen zurück („Radikale ‚materialistische‘ – also eigene Kritik stellt neben den illusionären Zielen die idealistischen Voraussetzungen der Kritik selbst in Frage“): Die Auflösung der Sünde durch die Aneignung des Geistes bedeutet die Wiederherstellung der Fähigkeit zum egoistischen ‚Selbstgenuss‘. Er, und nicht das christliche Leiden, ist für Stirner das Alpha und Omega jeder (er)lösenden Praxis.“1043 Ich habe überhaupt nichts gegen eine Erlösung – solange sie nicht asiatisch oder euthanasianisch ausfällt – und freue mich darüber, daß Hinner in dieser Dimension denkt (siehe Kapitel 7.1.2. Der neue philosophische Inhalt), aber der Selbstgenuß kann nicht die Praxis sein, solange das Selbst wegen Abwesenheit überhaupt nicht genossen werden kann und es ein Verfahren geben muß (eine „(er)lösende Praxis“), das Selbst erst wieder etwas auszufüllen und aufzurichten. Der Selbstgenuß ist das Ziel und nur bedingt das Mittel dieser Praxis. Und richtige Bodenständigkeit wird dann erreicht, wenn „Sünde“ u. drgl. moralisch-geistige Angelegenheiten unter dem Eindruck emotioneller und korporeller Selbsterfahrungen aus dem Blickfeld fallen. Wenn wir das Intellektuelle als unzureichend und kontraproduktiv kritisieren, so tun wir das aber auch mit dem plumpen Pseudo-emotionellen, das Fortschritte in der Vereignerung verhindert hat. Alles Intellektuelle muß zunächst komplett zugelassen werden, bis es den Weg ins Emotionelle freigibt. Alles – das Intellektuelle, das Emotionelle und das Korporelle – muß frei und erschöpfend geäußert werden, weil alles zum Selbst dazugehört und den Eigner ausmacht. Das Pseudo-Korporelle – „Körpertherapie“ – ist eine Flucht und gleichzeitig absolutes Gift. Da wird das Denken unterdrückt und so getan, als löse man die Probleme mit einem losgelösten „Ruck“ und dem „Juchhe“. Als ob Stirner die mechanistischen Exzesse der „Körpertherapien“ kommen sehen hat: „Allerdings kann […] das Bedenken nicht durch eine bloßes Juchhe gehoben werden. Die Denkenden können sich nicht darüber hinwegsetzen, wenn nicht zugleich ihr Denken volle Befriedigung erhält; denn die Befriedigung ihres Denkens ist ihr wirkliches Interesse. Das Denken darf nicht etwa durch das Jauchzen unterdrückt werden, wie es vom Standpunkt des Glaubens aus durch den Glauben unterdrückt werden soll.“ 1044 – Der Glaube unterdrückt das Denken, aber die körpertherapeutischen Übungen tun das gleiche. Du, der du das Bedürfnis des Denkens hast, kannst dir die Bedenken nicht bloß wegjauchzen; du mußt sie auch wegdenken.“1045 Aber dieses „Wegdenken“ müsse eben „egoistisch“, strengst subjektiv und konsequent an den eigenen Interessen ausgerichtet sein. Stirner in der Replik auf seine Kritiker weiter von sich selbst: „Aber aus eben diesem Bedürfnis ist gerade Stirners egoistisches Denken entsprungen, und ein Anfang, wenn auch noch ein sehr unbeholfener, von ihm gemacht worden, dem Interesse des Denkens durch den unbedenklichen Egoismus zu entsprechen. Sein Buch sollte dartun, daß das rohe Juchhe nötigenfalls auch die Potenz hat, ein kritisches Juchhe, eine egoistische Kritik, zu werden.“1046 In der folgenden Passage geht es um das den Leuten versprochene, im Denken liegende Heil. Da das etwas aus der Mode gekommen ist, wenden wir die stirner’sche Aussage auf die Körpertherapie an: „Man verleitet die Menschen zur Bedenklichkeit und Bedächtigkeit [zur bioenergetischen Gymnastik], indem man ihnen ein ‚Heil‘ im Denken [im Ausdruckstanz] verheißt; die Denkschwachen [die von Yoga hirnverkleisterten], die sich dazu verleiten lassen, können aber nicht anders, als sich wegen ihrer Denkschwäche [Verklumpung durch Tai Chi] bei irgendeinem Gedanken [irgendeiner Qigong-Übung] – beruhigen, d.h. gläubig werden.“1047 Die Workshops in Körperpsychotherapie usw. sind Gottesdienste. Aber vor einem Rückfall ins Überbewerten des Denkens ist Stirner dann wiederum auch nicht gefeit. Zunächst kritisiert er richtig das magische Denken: „Es hat nur der Geist die Schwierigkeiten erhoben, die Bedenken geschaffen, woraus zu folgen scheint, daß sie nur geistig oder durchs Denken wieder weggeschafft werden können.“1048 – Aber es ist etwas widersprüchlich. Der Geist kann zwar die Bedenken nicht weggeschaffen – hat dann offenbar doch die Kraft, die Schwierigkeiten zu erheben, die zu den Bedenken führen. So sehr er mit seiner Geist- und Denkkritik richtig liegt, wenn es um das „Wegschaffen“ geht, so war es aber nicht der „Geist“, der „die Schwierigkeiten erhoben und die Bedenken geschaffen“ hat. Damit überbewertet Stirner plötzlich den Geist – der so oft nur „Sparren und Gespenst“ ist – in seiner Kraft und Befähigung. Es waren emotionale Traumata – weswegen wir ja jetzt im emotionalen Bereich operieren müssen. Bei der versuchten Verarbeitung, beim – vergeblichen – Verstehen dessen, was uns zugestoßen ist, und vor allem beim Unterdrücken der Gefühle haben wir – neben dem Körper – den Geist eingesetzt. Dieser Gebrauch des Geistes läßt uns jetzt annehmen, es sei der Geist der Verursacher unserer Schwierigkeiten gewesen. Wenn das so wäre, könnten wir durch Denken die Bedenken beseitigen und müßten wir das Kognitiv-rationale nicht mit dem Affektiv-emotionalen ergänzen, um „unbedenklich“ zu werden. Aber das sind anthropologische Gedanken – das Woher der Bedenken betreffend –, die eigentlich überflüssig sind. „Jetzt sind sie einmal da“, würde Frau Merkel sagen. Aber wir – im Gegensatz zu Fau Merkel – sagen: Und jetzt müssen sie wieder weg. Und das geht – was auch immer die Ursache ist für die jetzt daseienden Bedenken – mit streng egoistischem Denken. Und da war Stirner vorsichtig optimistisch und sehr realistisch: Ein „wenn auch noch sehr unbeholfener Anfang“ sei „gemacht“. Doch so „unbeholfen“ war der Anfang gar nicht, auch wenn er sehr langsam und präzise gemacht wurde: Darin liegt ja gerade der riesige Wert Stirners: in seiner absoluten Rigorosität. Deswegen lohnt es sich ja, nach 180 Jahren zu ihm zurückzukehren und die seither gemachten Fehler strengstens unter die Lupe zu nehmen. Es geht nur langsam und präzise – oder gar nicht. Alles andere ist nur Eigner- und Freiheitskrämerei. Diese Präzision und Rigorosität wird jetzt in den Stunden der Tiefenwahrheit wieder aufgegriffen, deutlich erweitert und intensiviert: Die Wahrheit des Nichts z.B. wird stundenlang „ausgekostet“ und gefühlt. Auf diese Weise entwickelt sich dann aber daraus auch tatsächlich das, was Laska das „Transnihilistische“1049 nennt. Ich spreche lieber vom „Cisnihilistischen“1050. Janov hat das Denken, das dem „rohen Juchhe“ folgt, als „Einsicht“ bezeichnet. Obwohl Janov Reichen eine Vernachlässigung des Denkens vorgeworfen hat, hat er aber selbst versagt, indem er nicht das „egoistische Denken“ an den Anfang gestellt hat – noch vor das Juchhe. (Dieses Denken kann auch gerne einmal nur eine Millisekunde dauern, bevor das Juchhe losbricht.) Das „egoistische“ Erörtern beißt sich mit Janovs ideologischen Vorgaben; er läßt seine Patienten nicht wirklich auf „egoistische“ Weise ihre Probleme erörtern. Das Denken, das er seinen Patienten anempfiehlt, ist nicht wirklich „egoistisch“, sondern heteronom verunreinigt. Janov meint es mit seinen Vorgaben zwar gut mit uns, aber letztlich führt er unsere vermaledeite Geschichte paternalistisch fort: „Unsere ganze Erziehung [geht] darauf aus, Gefühle in Uns zu erzeugen, d.h. sie Uns einzugeben, statt die Erzeugung derselben Uns zu überlassen, wie sie auch ausfallen mögen.“ (Stirner1051) Sowohl der „Ruck“ und das „Juchhe“ als auch das Denken müssen authentisch sein, müssen nur aus uns und ohne die kleinste Vorgabe geschehen. Das Prinzip einer möglichen Verbesserung des – selbstverständlich subjektiven – Zustandes liegt in einer Unterschreitung und einer Durchlässigkeit dessen, was Reich und Janov den „Panzer“ bzw. den „Abwehr“ nennen. Dann werden Bewußtsein (zur Orientierung) und Energie freigesetzt. Die Tiefenwahrheit stellt dies aber nicht in den Mittelpunkt des Interesses und auch nicht die Frage, ob mit dem Gefühl oder dem Geist unterschritten werden soll, sondern rückt immer nur die Wahrheit ins Zentrum – wie sehr diese auch immer von einem „Widerstand“ eingetrübt oder verschmälert wird. Manchmal ist die Wahrheit eher geistig, manchmal ist sie eine Tiefenwahrheit, d.h. um das Gefühl erweitert. Nur das Wahr-Nehmen geht – und zwar gezielt und auf direktem Wege – an den Panzer heran und durchdringt ihn. Alles, was den Intellekt, das Gefühl und den Körper manipuliert und forciert, ist kontraproduktiv. Der Widerstand und das Ausweichen vor der Wahrheit werden sehr wohl vom Wahrsager wahrgenommen, etwa als Angst. Dieses Wahrnehmen leistet das Subjekt selbst. Es ist nicht nötig, daß ein Therapeut sich daran initiativ beteiligt – unterstützend im Nachgang einer eigenen Ent-Deckung vielleicht schon eher. Daß es Widerstand gibt, ist fraglos; ein Wahrheitsbegleiter nimmt diesen beim Wahrsager auch wahr, aber hält sich zurück, überläßt das gänzlich dem Wahrsager, macht höchstens und im Ausnahmefall eine sehr vorsichtige Bemerkung. Es reicht, wenn der Wahrheitsbegleiter den Wahrsager stets zum Sagen der Wahrheit auffordert oder ihn dazu ermutigt. Alles andere treibt den Kunden nur noch mehr in Verwirrung und Entfremdung. Wenn der Wahrsager wegen seiner „Widerstände“ nicht so recht ins Wahrsagen kommt, muß er eben in die Frustration. In dieser beginnt er dann schon deutlicher, seine Wahrheit zu erkennen. Der Weg über die Frustration und ihren Ausdruck ist oft der einzig mögliche zum Abbau des „Panzers“. 8.5.9. Laskas Ich-Schwäche treibt ihn zur Negation des irrationalen Über-Ichs der „anderen“ noch weiter in die Pseudosozialität und weg von der Individualität in die philosophische Anthropologie anstatt in die phänomenologische Philosophie. Die philosophische Herangehensweise an Selbstermächtigung läuft jetzt unter „ferner liefen“, ist mit Laskas Mitteln endgültig gescheitert Laskas „rationales Über-Ich“ ist das Bellen seines nasselstein’schen inneren Schweinehunds (siehe Kapitel 8.5.2. Peter Nasselstein repulsiert zwar nicht die Therapie, kommt aber wegen deren reich’scher Ausrichtung zu ernüchterndem Ergebnis). Es ist auch nicht gerade „egoistisches Denken“. Wie schlimm es um ihn bestellt ist, wie sehr er im Grunde von Mißtrauen gegenüber der „Selbstregulierung“ und dem „Eigner“ zerfressen ist – ja, daß ihm das alles eigentlich unbekannt ist und er gar nicht egoistisch denken kann –, davon zeugt diese weggelassene und nicht abgesendete Passage1052 aus Laskas im Kapitel 8.5. Selbst bei der philosophischen Herangehensweise zur Eigner-Stärkung kommt es bei großer Ich-Schwäche zu Schwierigkeiten. Laska vorbildlich in der prinzipiellen Herangehensweise – doch trifft dann auf nichts Eigenes. Laskas Überlegungen, sich praktisch einem Verfahren der „Selbstermächtigung“ zu unterziehen zitierten Brief an Prütting: Wenn ich etwas gegen die eingangs genannte enkulturierte Instanz (Gewissen, Überich etc.) habe, so muß ich mir doch, wie gesagt, in erster Linie die Frage nach dem Grund stellen …“ So sehr das an sich eine vorbildliche Herangehensweise in der Tiefenwahrheit ist, so verwundert die Wiederholung doch etwas, denn das sollte bei einem Stirnerianer eigentlich klar sein. Will Laskas „Ego“ sich denn nicht durchsetzen und triumphieren? „… (und dann erst, ob und wie ich es schwächen oder eliminieren kann).“ Wenn, die erste Frage zu beantworten, zu schwierig ist, und er offenbar zu schwach ist, die „enkulturierte Instanz“ gar nicht loswerden zu wollen, dann verwundern mich die anschließenden Fragen, die wie ein überängstliches, eingeschüchtertes, hilfloses Hinauslugen wirken, gar nicht mehr, mit denen er sich an sein falsches Ich zu klammern scheint:Wessen Überich meine ich eigentlich?“ Wie bitte?! Meins bzw. das mich leitende?“ Ach so, es gab ja zwei: das „irrationale“ und das „rationale“. „Meins“ ist offenbar das „irrationale“, das „mich leitende“ das „rationale“. Laska wird tatsächlich von einem – wenn auch rationalisierten – Über-Ich geleitet. „Aus den Gefühlen heraus leben“, „sich von seinen Gefühlen leiten zu lassen“ scheinen für ihn Fremdworte zu sein. Wenn er aber nun einmal von einem (rationalen) Über-Ich geleitet wird – und auch das ist ja okay –, wie kann er dann aber in Erwägung ziehen, dieses Über-Ich zu „eliminieren“? Dann hätte er ja nichts Steuerndes mehr! Weil es vielleicht mißraten ist?“ Er meint hier offenbar das „mich leitende Überich“. Könnte die ganz Rationalisierung etwa umsonst gewesen sein? Hat es nicht geklappt, sich das ganze Entsagen und Selbst-in-Schach-halten schönzureden? Mich daran hindert zu tun, was ich ‚will‘?“ Äh – ja?! (Das sollte eigentlich klar sein.) Jetzt geht es also um das „irrationale Überich“. Laska nennt in Kurzform die Begründung für eine „individuelle Selbstermächtigung“ und deutet schon mutig die Antwort auf „die Frage nach dem Grund [für eine möglicherweise beabsichtigte Schwächung des Überichs]“ an – aber stürzt sogleich wieder in die Angst und Ich-Schwäche zurück: Er setzt seinen Willen in Gänsefüßchen. Er weiß also gar nicht so richtig, daß er einen Willen hat; entsprechend weiß er auch nicht, was er will. Ein erstaunliches Mißtrauen gegenüber seinem Willen! Aber hey, für solche Fälle sind wir ja da.Dann wäre das evtl. eine Sache für den Psychotherapeuten, der mir vielleicht helfen könnte, das zu ändern, oder auch nicht.“ Wie ich es gerade noch sagte – er kommt auch gleich selbst darauf. Nur sind wir keine Psychotherapeuten. Ich befürchte, er hat wieder einmal mit seiner Therapieskepsis und dem „oder auch nicht“ recht. Die Psychotherapie, zumal in ihrer orgonomischen Variante à la Walter Hoppe, an die er wohl als Reichianer gedacht hat, ist völlig hilflos nicht nur gegenüber einem solchen Fall von Ich-Schwäche, sondern überhaupt. Es ist absolut klar, daß Laska nur die ultra-sensible Herangehensweise der Tiefenwahrheit helfen kann.Nein, es ist gar nicht mein Überich, das mich stört, sondern das/die der Anderen?“ Ja, klar, warum sollte ihn denn sein eigenes (rationales) Überich auch stören? Woher kommt denn diese Unsicherheit nun wieder? Na klar ist es das „der Anderen“: derjenigen, die es mir eingepflanzt haben: das „irrationale Über-Ich. Es ist zwar jetzt nicht das „der Anderen“, weil ich es ja bin, der es nun hat – es ist mein Über-Ich, aber „mein“ nicht im Sinne Laskas, d.h. es ist ganz und gar nicht „rational“ –, aber Laska bringt damit deutlich zum Ausdruck, daß es eigentlich nicht zu ihm gehört (auch das „rationale“ nicht) und er allen Grund hat, es loswerden zu wollen. Stört mich, daß manch einer durch introjizierte Ge- und Verbote daran gehindert wird, mich oder jemand anderen zu töten, zu bestehlen?“ Hä? Hier muß ich erst mal eine Zeitlang nachdenken, was er meint und wo er jetzt ist … – Aha, ich verstehe: Er meint da oben bei „das/die Überich(e) der Anderen?“ mit „Anderen“ überhaupt nicht diejenigen, die ihm ein Über-Ich eingepflanzt haben und das er nun selbst hat (seine Eltern möglicherweise)! Es geht hier um ganz andere Personen und um deren Überiche! Meint er etwa?: Es wäre ja Irrsinn, wenn die „individuelle Selbstermächtigung“ von ganz anderen Menschen als ihm dazu führt, daß er getötet oder bestohlen wird. Wenn das so ist, sollen die mal alle lieber schön ihre Überiche behalten! Ok, verstanden. – Aber wie soll man denn auch darauf kommen, wo es doch bisher um ihn, Laska, ging, der „etwas gegen die enkulturierte Instanz (Gewissen, Überich etc.) haben“ könnte? Er macht es uns nicht leicht. Gut, dann brauchen wir eigentlich gar nicht mehr weiterzulesen. Dann ist die Sache eigentlich klar: Laska bezieht die „individuelle Selbstermächtigung“ sowieso nur auf andere und deren Überiche. Jetzt stehe ich aber auch blöde da und mache dicken Backen. Damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Er hat mich ins Leere laufen lassen. Na gut, lesen wir es trotzdem zu Ende: Stört mich, daß viele durch ihr Überich gehindert werden, Atheisten und Antimilitaristen zu werden? [Diese Personengruppe nimmt Laska aus einem von Prütting aufgeworfenen Streit zwischen Arno Schmidt und Wilhelm Michels. Ich unterstelle Laska hier einmal, daß er sich tatsächlich zu einem Teil mit Arno Schmidt identifizieren kann.] Oder es wegen ihres Überichs auf pfäffische Weise sind? Oder daß sie sich lieber den alten Kirchen oder neuen Gurus zuwenden? Oder daß sie gänzlich indifferent durch Moden und Reklame dirigiert durch die ‚Spaßgesellschaft‘ taumeln?“ Ich bin sprachlos, bin am Ende mit meinem Latein. Bei der Überlegung beginnend, daß man „etwas gegen die enkulturierte Instanz haben“ könnte – ich mußte davon ausgehen, daß sich das auf einen selbst, also hier auf ihn, Laska, persönlich bezieht, aber das war offenbar allen Ernstes nicht der Fall –, landen wir jetzt beim Über-Ich von Atheisten. Jetzt wissen wir auch, was Laska mit „stören“ meint: nicht etwa, daß er sein eigenes Über-Ich als störend empfinden würde, weil es ihm selbst andauernd hineinredet, weswegen er erwägen könnte, es zu „eliminieren“ – nein, es sind die Über-Iche von anderen, die Monsieur stören! So, jetzt haben wir’s. Und was stört ihn daran? Wer sind die anderen mit ihren Über-Ichen? – Es sind Leute, die keine Atheisten und Antimilitaristen sein oder werden wollen. Die sind es, die nicht richtig ticken und sich gefälligst „individuell selbstermächtigen“ sollen, auf daß sie dann ihre Über-Iche eliminieren und Monsieur nicht mehr auf den Sack gehen. Ok, verstanden. War aber Stirners und der Junghegelianer „‚Philosophie der Tat‘ […] nicht mehr bloß Agitation Dritter“ (Laska1053) gewesen? Wieso kümmert sich Laska jetzt um die „Dritten“? – Na gut, es ist nachvollziehbar: Leute, die keine Atheisten sind, könnten einer Theokratie Vorschub leisten und mich schließlich wegen Gotteslästerung an den Galgen bringen (auf den Verstoß gegen die „noachidischen Gesetze“, die tatsächlich kurz vor Einführung stehen, steht Rübe ab1054). Und Leute, die keine Antimilitaristen sind, sorgen letztlich dafür, daß der Krieg an meine Haustür klopft; das stimmt auch. Da sollte ich tatsächlich versuchen, sie davon abzuhalten, daß „sie sich lieber den alten Kirchen oder neuen Gurus zuwenden“. Laska hat ja nicht unrecht: Daß Menschen an Gott glauben, könne man „unter dem modischen Titel ‚Toleranz‘ ignorieren, wenn nicht dieser Glaube – genauer: die psychische Verfassung von Menschen, die ihre ‚Identität‘ über die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft ‚definieren‘ –, wie schon seit je, so fürchterliche lebenspraktische Resultate zeitigte, Resultate, die auch MICH (und Jeden) hier und heute behelligen.“1055 Die Menschen müssen – logo – in ihrer psychischen Verfassung ver- oder gebessert werden. Dann würde aus deren „individueller Selbstermächtigung“ so eine Art „Umstrukturierung“ in bestimmten Laboratorien oder Lagern. Dann würde jedenfalls „die Sexualität“ Waffe in einem „Kulturkampf zur sozialistischen Umstrukturierung des Menschen“1056 werden. „Bestens ausgebildete Psychotherapeuten und Psychiater, von denen etliche noch von Reich selbst charakterlich umstrukturiert […] wurden“1057 und die „zu ihm zur Umstrukturierung und Erlernung seiner therapeutischen Techniken gekommen“ 1058 waren, warteten auf ihren Einsatz. Eine Schar enthusiastischer, von der „Notwendigkeit der sozialistischen Umstrukturierung des Menschen“1059 tief überzeugter Neutherapeuten gäbe sich bestimmt gern aufopferungsvoll der Umstrukturierung von Theisten und deren Befreiung von ihren irrationalen Über-Ichen hin. 8.5.9.1. Exkurs: Nicht nur innerseelisch-biographische – auch gesellschaftliche und politische Bedingtheit des Eigners Wenn das aber so ist – daß es tatsächlich nicht um sein Über-Ich, nicht um seine Über-Ich-Eliminierung und nicht um seine „individuelle Selbstermächtigung“ geht –, dann befinden wir uns jetzt im Bereich des Sozialen und Politischen. Und wenn Laska das Soziale und das Politische so wichtig ist – sehr ehrenwert –, dann müssen wir unter die Lupe nehmen, was Laska selbst in diesem Bereich geleistet hat, damit nichts entstehen möge, was Monsieur stören könnte. Im Kampf gegen Theokratie und Militarismus stehe ich ganz an Laskas Seite! Denn auch hier – wie im Individuellen – müssen wir selbst Verantwortung übernehmen. Nicht nur die Zerstörung im Individuellen mindert unseren Lebensgenuß und wir sollten uns dagegen empören, sondern auch das Soziale – das, was uns alle mehr oder weniger gleich betrifft – ist von mal mehr, mal weniger großem Einfluß auf unser Befinden. Das läßt sich ja nun mal schlecht leugnen. Der soziale Aspekt kam bei Stirner noch etwas zu kurz, er hatte erst mal Wichtigeres zu tun, wollte später noch darauf zurückkommen: „Die Hoffnungen, denen Stirner Ausdruck gibt: bei späteren Gelegenheiten sich noch eingehender über einige der behandelten Fragen, wie die bürgerliche Gesellschaft, die Heiligkeit der Arbeit usw. auszulassen, zeigen, wie ernstlich er daran dachte, der sozialen Frage noch sein weiteres Interesse zuzuwenden. Sie sind indessen unerfüllt geblieben.“ (Mackay1060) Stirner leugnete jedenfalls das Soziale auf keinen Fall. Für ihn – den angeblichen „Individualisten“ – war die Uneigennützigkeit nicht nur ein „Sparren“, sie war nicht immer und überall verlogen, nicht immer „unwirklich1061“. Stirner sah im uneigennützigen „O’Connell, der für sein irisches Volk unermüdlich arbeitet“ 1062 nicht unbedingt nur einen Lügner. Er durchschaute die Propaganda der Feinde des irischen Volkes: „Daher versuchen unter Andern die Gegner O’Connells ihm eine Eigennützigkeit oder Gewinnsucht unterzuschieben, wozu ihnen die O’Connell-Rente Grund zu geben schien; denn gelänge es, seine ‚Uneigennützigkeit‘ zu verdächtigen, so trennten sie ihn leicht von seinen Anhängern.“ Nicht nur Ich schrieb er groß, durchgängig auch Wir. Individuelle, kollektive, assoziative, soziale oder nationale „Empörung“ gehörten für Stirner zusammen: „Was könnten sie indes weiter beweisen, als daß O’Connell auf einen andern als den vorgeblichen Zweck hinarbeite? Ob er aber Geldgewinn oder Volksbefreiung erzielen mag, daß er einem Zwecke, und zwar seinem Zwecke zustrebt, bleibt doch im einen wie im andern Falle gewiß: Eigennutz hier wie da, nur daß sein nationaler Eigennutz auch Andern zu Gute käme, mithin gemeinnützig wäre.“National“, „Volk“, gar „Volksbefreiung“ „sind aber für eine Mehrheit unseres Volkes […] immer noch das leibhaftige Böse“, wie der kluge deutsche Nationalist (und übrigens Wilhelm-Reich-Fan1063) Karl Richter im Februar 2025 schreibt, und weiter: „Das muß raus aus den Köpfen. Nötigenfalls unter Schmerzen. Erst wenn das der Fall ist, ist Neues – theoretisch – möglich. Unsere Situation hat viel mit Mut, Souveränität, Selbst-Ermächtigung zu tun. Viele sind dafür noch immer nicht reif.“1064 (Hervorhebung von mir, PT). Stirner kümmerte sich also mitnichten nur um die „individuelle Selbstermächtigung“, sondern auch um nationale Souveränität, wobei Stirner die Nation eher im indianischen Verständnis („Nation der Dakota“ usw.) sah: als „Landsmannschaft“1065 oder als das, was „Stamm“ genannt wird: kleinere Einheiten, die sich unter dem Dach des Reichs versammeln. Stirner war also der erste Nationalanarchist.1066 Ich bin mir sicher, daß jetzt wieder alle Vulgärstirnerianer die Nase rümpfen, so wie Laska, als er mich, wie wir gleich sehen werden, glaubte belehren zu müssen. Deswegen den Vulgärstirnerianern ein für alle male ins Stammbuch geschrieben: Ich gehöre nicht zu jenen Nationalisten, für die das deutsche Volk im Interesse einer Artenvielfalt oder dergleichen Höheres oder Heiliges überleben soll. Doch das, was Stirner über den Einzelnen bzw. Einzigen schreibt, das gilt selbstverständlich auch für das Wir: Stirner erklärt den Unterschied zwischen den Begriffen „Einziger“ und „wahrem Individuum“: Der Begriff „Einziger“ sei nichts als eine leere Phrase, wenn er nicht einen ganz konkreten einzelnen Menschen meint, und der Begriff „wahres Individuum“ „strotzt von einer Fülle des Inhalts“1067, d.h. von oben, aus Wissenschaft und Religion gemachter Vorgaben, was er sei, d.h. zu sein habe. So, wie ich mich als Stirnerist zum individuellen Einzigen bekenne und ein Einziger sein will, so bekenne ich mich natürlich auch, weil ich kein Vulgärstirnerist bin, zu verschiedenen Einzigenvereinen, denen ich angehöre, und finde hochnäsige Vulgärstirneristen nicht nur lächerlich, wenn sie glauben, mir das ausreden zu können, sondern volks-, d.h. vereinsfeindlich. Selbstverständlich gibt es einen Kollektiv-Einzigen, und man muß schon von der jüdischen und alliierten Propaganda totalverblödet sein, um das nicht zu wissen. Leider sind unter diesen Totalverblödeten viele Pseudostirneristen, weil sie nur den individuellen Aspekt an Stirner sehen, den kollektiven aber übersehen und dadurch zu wüstenhafter Atomisierung, Dekadenz, multikrimineller Gesellschaft und mit großen Schmerzen verbundenem Untergang beitragen. Es ist für einen Stirnerianer extrem leicht, im „wahren Volk“ analog zu Stirners „wahrem Individuum“ den „Fetischcharakter“ des Begriffes Volk zu durchschauen, wie er von etlichen Nationalisten vertreten wird: daß die Nationalisten also nicht an sich selbst denken, sondern ein Abstraktum, ein Gespenst – an ein „Wesen“1068 – das sie über die Zeit retten wollen. Aber jetzt schütten die meisten Stirnerianer sogleich, über die dummen Nationalisten triumphierend, das Baby mit dem Bade aus und entsorgen uns selbst, weil sie sonst ja ihren Arsch bewegen und etwas für ihren Kollektiveigner tun müßten. Dazu sind sie sich zu fein. Igitt, das Volk – igitt wir selbst! Eingebildete, abgehobene Fatzken, vor allem aber arme Tröpfe, die nicht sie selbst sein und nicht ihre Interessen vertreten wollen. Sie vergessen, eins plus eins zusammenzuzählen und machen beim individuellen Einzigen halt – bei ihrem kleinen beschissenen Ego, das ohne ein Kollektiv jämmerlich zugrunde gehen würde. Sie repulsieren es, den authentischen Einzigen auf die authentische kollektive Ebene zu übertragen. Das ist aber Pflichtprogramm der Neuen Aufklärung. Es geht beim Kollektiveinzigen nicht um die Manifestation eines höheren Willens, sondern um knallharte Interessen, deren Nichtwahrung auch ein pseudostirneristischer Repulsierer deutlich spüren wird. Unter „Übertragung des Einzigen von der individuellen auf die soziale Ebene“ verstehe ich, was Ronald Hinner so ausdrückt: „Es versteht sich von selbst, dass der richtig verstandene Begriff der Anarchie die soziale Entsprechung zum Handlungsprinzip des Egoismus ist, […].“1069 Hinner legt Wert auf die Unterscheidung von „Verein“ als stirner’schem Kollektiv und der Gesellschaft im nicht-anarchischen Sinne und zitiert Stirner mit einer Analogisierung: „Allerdings entsteht auch durch Verein eine Gesellschaft, aber nur wie durch einen Gedanken eine fixe Idee entsteht, dadurch nämlich, daß aus dem Gedanken die Energie des Gedankens, das Denken selbst, diese rastlose Zurücknahme aller sich verfestigenden Gedanken, verschwindet.“1070 Die Konstellation „Verein bzw. Anarchie versus eignerfeindliche Gesellschaft“ stellt Stirner in einer Analogie die Konstellation „Gedanke versus fixe Idee“ gegenüber. Man kann die Konstellationen auch vermischen und sagen: Nicht jede Gesellschaft ist eine fixe Idee. In diesem Sinne anti-soziale, antinationale oder auch schon nationalindifferente Stirneristen haben genau so wenig von Stirner kapiert wie Fritz-Erik Hoevels, zu dem wir in Kapitel 8.5.11. Laskas Ausweichen in die Theorie – seine Kontroverse mit Fritz-Erik Hoevels um die „Praxis“ kommen werden. Ist Hoevels auf dem individuellen Auge blind, so sind viele Stirnerianer auf dem kollektiven Auge blind. Besser gesagt haben sie alle nicht Stirner, sondern sich selbst nicht kapiert: einmal als Individuen, das andere mal als Angehörige eines Kollektivs. Natürlich sind mir die Schwierigkeiten bei der Findung des Kollektiveinzigen bewußt. Und natürlich ist mir jeder Untergang eines vermeintlichen oder realen Kollektivs völlig Latte, wenn er nicht mich selbst direkt betreffen würde. Natürlich ist mir irgendein „Volkskörper“, ein phantasiertes Subjekt („wahres Volk“) egal, das im Namen einer „Genvielfalt auf Erden“ am „Leben“ gehalten werden soll, weil ich kein Gen bin und mir derjenige nicht bekannt ist, der angeblich den „Genpool“ im Interesse einer „Menschheit“ groß halten will. Ich kenne niemanden, der einen „Schöpfungsgedanken“ hat, und erst recht weiß ich nicht, was ich mit diesem Gedanken zu tun haben sollte. Soll er sich doch selbst Gedanken machen, ich mache mir meine eigenen Gedanken, und die beinhalten keinen an eine „Ethnodiversität“. Selbst wenn alle Menschen wirklich nur ein einziges Kollektiv bilden würden, wäre mir das auch recht, solange das nicht mit Gewalt und social engineering und mind hacking herbeigezwungen würde und wenn das authentisch so wäre. Das wissen Stirneristen. Aber wollen die Stirneristen allen Ernstes behaupten, es gäbe keine verschiedenen Kollektive? Die Leute an allen möglichen Enden der Welt unterscheiden sich nun mal. Und wenn sie sie selbst sein wollen – ich hoffe, unsere Stirneristen gönnen es ihnen –, läuft das, wenn man das Selbst-sein bejaht, auf eine Verschiedenheit hinaus, das geht gar nicht anders. Wollen unsere Stirneristen jetzt behaupten, sie gehören mit irgendeinem dahergelaufenen Afghanen in ein Kollektiv? Warum und in wessen höheren Namen soll ich mich mit irgendeinem dahergelaufenen Afghanen in ein Kollektiv zwingen lassen? Mache ich jetzt aus der Verschiedenheit ein Gebot? Nein, ich muß nicht verschieden vom Afghanen sein, ich muß nur ich selbst sein. Wenn sich Pseudostirneristen das von höheren Mächten genauso einreden lassen wie normalverblödete, heteronom verseuchte Normies und genauso blöd wie diese sind, dann zersetzen sich die Reste unseres Kollektiveinzigen und lösen sich auf, verlieren wir das „Band der Solidarität“, die „gegenseitige Hilfestellung“ usw. Aber dann bedauere ich nicht das Verschwinden irgendeines imaginierten Wesens („Teil der Völkerfamilie“), sondern die Millionen Deutschen täten mir leid, die ganz konkret und als individuelle Einzelne unter dem Zerfall ihrer Kultur und ihres Kollektivs leiden werden. Die Pseudostirneristen täten mir nicht leid, denn die sind klug genug und sollten eins und eins zusammenzählen können, die sollen meinetwegen krepieren. Sie sind nicht an ihr Dummheit schuld, weil sie nicht dumm sind, sondern an ihrer Feigheit. Die meisten Nationalisten ihrerseits sind nicht feige, aber dumm bzw. verdummt, denn auch sie haben sich von den Juden und Alliierten ins Hirn scheißen und dieses mit Humanismus verpesten lassen. Stirner geht im „Einzigen“ sehr hart mit den Nationalen ins Gericht und hat absolut recht dabei – ohne natürlich das Baby mit dem Bade auszuschütten. Der Schöpfer habe uns und alle Völker geschaffen, sagen die Nationalisten. Völker seien die Gedanken Gottes, plappern sie dem Freimaurer Herder nach. Jetzt muß, weil Gott das so will, das deutsche Volk wie alle anderen Völker im Namen Gottes oder im Namen eines „Ethnopluralismus“ am Leben bleiben. Doch das Ziel einer Völkervielfalt ist ein höheres Ziel, ein Ziel eines Wesens, das in hohen Lüften schwebt, nicht unseres. Und weil dieses Wesen – bilden wir uns ein – das so will, müssen auch wir nun in seinem Namen das wollen, was Wesenforscher, Bibelforscher und -exegeten – also Wissenschaftler – an Gottes- bzw. Naturwillen herausbekommen haben. Wir versprechen uns eine Verstärkung unserer Willensbekundung, wenn wir Gott oder die Wissenschaft als Argumentationshilfe hinzuziehen („Gott mit uns“). Aber im Gegenteil schwächen uns „Natur“ und „Gott“, weil sie ihr eigenes Interesse verfolgen. Jetzt sind schon mal zwei Interessen in unserer Brust: das der Natur und unseres. Jetzt heißt es, „Natur“ sei ja nur ein „Bild“, eine „Metapher“ für uns selbst. Aber warum brauchen wir denn eine „Metapher“ für uns selbst? Schon ist doch etwas Überflüssiges in unserem Kopf, das notwendigerweise etwas anderem den Platz wegnimmt, in Konkurrenz mit etwas vorher schon in unserem Kopf Vorhandenem tritt, das jetzt sogar zurückweichen muß und am Ende in Gefahr gerät, verdrängt zu werden. Aus einem Gedanken – „ich muß mit jemandem zusammenarbeiten, um nicht zugrunde zu gehen“ – ist ein fixe Idee geworden: „Die Natur will, daß ich mit jemandem zusammenarbeite.“ Mit einem gehackten Kopf und jetzt zwei Interessen darin, können wir nicht mehr vollständig unser Eigeninteresse in den Mittelpunkt stellen. Ich habe ja nichts dagegen, daß „das deutsche Volk am Leben bleibt“, im Gegenteil, aber nicht, weil ich das Interesse eines Schöpfers (religiös) oder der Artenvielfalt (scientoreligiös) teile, sondern mein eigenes, im Alltag verwurzeltes Interesse habe: daß bestimmte Einrichtungen, Gewohnheiten und Personal erhalten bleiben und ich morgen nicht in einer muslimischen, total- und finaljüdisch beherrschten oder sonstig fremden Welt aufwachen will. Und wie mir, so geht es (noch) gottseidank einigen anderen Deutschen, die sich nicht ins Hirn scheißen lassen haben und unter ihresgleichen bleiben wollen. Stirner hatte damals noch gar keine Ahnung davon, wie sehr wir heute namens unserer Eigner manche Einrichtungen erst einmal wieder einsetzen, stärken und schützen müssen. Die Leute damals konnten sich in ihren schlimmsten Träumen nicht vorstellen, wie wir heute von Fremden überschwemmt, enteignet und gemessert werden. Doch dabei hatte Stirner ja fetischmäßig gar nichts gegen die Einrichtungen, solange sie nicht seinem Interesse widersprachen. Er schrieb den Pseudoanarchisten wie Proudhon und Umstürzlern ins Stammbuch: „Revolution und Empörung dürfen nicht für gleichbedeutend angesehen werden. Jene besteht in einer Umwälzung der Zustände, des bestehenden Zustandes oder status, des Staats oder der Gesellschaft, ist mithin eine politische oder soziale Tat; diese hat zwar eine Umwandlung der Zustände zur unvermeidlichen Folge, geht aber nicht von ihr, sondern von der Unzufriedenheit der Menschen mit sich aus, ist nicht eine Schilderhebung, sondern eine Erhebung der Einzelnen, ein Emporkommen, ohne Rücksicht auf die Einrichtungen, welche daraus entsprießen.“1071 Wir gehen also nur von unserer „Unzufriedenheit“ – und nichts Abstraktem – aus (wie es ja auch im Individuellen bei unseren Selbstermächtigungsversuchen der Fall ist1072), und die ist gewaltig. Deutsche Kinder der Zukunft1073; die Aufklärung
wird dann ganz groß geschrieben.
Und so, wie bei Veränderungen neue „Einrichtungen entsprießen“ können, so können und müssen auch Einrichtungen in bestimmten Situationen gerettet werden, auch wenn sie staatlich sind. Hauptsache, sie dienen unserer „Zufriedenheit“ und unserem „sozialen Frieden“ und verhindern den „Bürgerkrieg“. Natürlich kann ich selbst zum Messer greifen, mich notwehren und mich dafür vom „deutschen“ Staat ins Gefängnis bringen lassen. Wenn auch der deutsche Staat allgemein und ich nicht unbedingt noch Freunde werden, so ist es doch konkret im Moment sowieso absolut klar, daß er nicht nur nicht mein Freund, sondern mein Feind ist. Aber wenn ich schlau bin, greife ich nicht zum Messer, sondern beeinflusse die Staatsmacht und die bewaffneten Organe dahin, daß sie wieder halbwegs deutsch werden und uns erst einmal und sofort vor dem gröbsten Übel bewahren. Aber was heißt schon „allgemein“? Seit wann interessiert mich etwas Allgemeines? Mich interessiert nur, was konkret passiert, und daß ich da halbwegs Eigner bleiben kann. Ich habe ja an sich nichts gegen die Nationalisten und bin ja für uns, für uns Deutsche, aber unsere Existenz braucht für mich keine höhere Autorisierung. Darin liegt die Schwäche vieler Nationalisten. Sie sind auf höhere Hilfe angewiesen, rechnen mit dieser, verlassen sich auf diese. Es ist kein Wunder, daß die im Namen der Natur sprechenden Nationalisten ewig schwach bleiben und nichts auf die Reihe kriegen. Sie hätten mal auf Stirner hören sollen: „Es ist dies das Wahrzeichen aller reaktionären Wünsche, daß sie etwas Allgemeines, Abstraktes, einen leeren, leblosen Begriff herstellen wollen, wogegen die Eigenen das stämmige, lebenvolle Einzelne vom Wust der Allgemeinheiten zu entlasten trachten. Die Reaktionären möchten gerne ein Volk, eine Nation aus der Erde stampfen; die Eigenen haben nur Sich vor Augen.“ (Stirner1074) Jetzt sagen die Nationalisten: Das ist egoistisch. Genau, ihr Idioten! Das ist egoistisch, genau! Unsere Nationalisten fühlen sich ja nicht einmal egoistisch gegenüber anderen Nationen – dazu denken sie viel zu sehr von oben herab „ethnopluralistisch“ (und das hat ja auch etwas lobenswert Friedfertiges) –, sondern nur gegenüber dem Höheren, das sich gütig zu ihnen herabläßt und ihnen großzügig ihr ideologisches Rüstzeug schenkt. Dem gegenüber fühlen sie sich undankbar und egoistisch. Deswegen nahm auch der wackere National-Liberale und Dichter unserer Nationalhymne Hoffmann von Fallersleben fluchtartig Reißaus, als er Stirner und die „Freien“ einmal in der Weinstube in der Poststraße besuchen kam1075: Sie waren ihm zu frei; er war eben kein National-Anarchist. Würden wir stirneristisch handeln und zusammenhalten – also direkt aus unseren wirklichen eigenen Interessen heraus und nicht aus denen höherer, heiliger Prinzipien heraus –, würden wir schlagartig „den Teufel aus der Hölle schlagen“, wie Bismarck, der alte Stirner-Fan, sagte. Die Pseudostirneristen wissen das alles eigentlich und könnten unseren Nationalisten von Hilfe sein – wenn die diese Hilfe annehmen würden und nicht stattdessen auf die Hilfe Gottes vertrauen würden („Ein Gott, der Eisen wachsen ließ, der duldet keine Knechte“1076) –, aber die Stirneristen ziehen es vor, sich nicht mit Schmuddelkindern abzugeben, weil sie sich ja in ihrer Bequemlichkeit im Elfenbeinturm auf den Schlips getreten fühlen könnten. Stirner fand es „bedenklich“, warf den „Bedenklichen“ jedenfalls vor, wenn sie meinten, „nur durch Bedenken mit den Bedenken fertig werden zu dürfen“. Diese „Bedenklichen“ wollten sich unbedingt das Leben schwermachen und hielten eisern an ihren Bedenken fest – auch wenn sie vorgaben, ihre Bedenken loswerden zu wollen –, waren sozusagen ewige „Bedenkenträger“. Sie glaubten, partout nicht anderes „zu dürfen“ als immer nur weiterzudenken, und fanden es, wie Stirner sagt, zu „bequem“, die Bedenken einfach abzuschütteln. Da muß doch etwas faul sein, wenn das so einfach gehen soll! Das kann doch nicht so einfach sein! Es muß doch kompliziert zugehen und mit etwas Höherem, Anspruchsvollerem zu tun haben! Also nein! Wir können doch wirklich nicht solche Primis sein! Stirner sagt, die Bedenklichen würden sich selbst dafür verurteilen, wenn sie nicht Höheres zu Rate und hinzuziehen würden und einfach nur aus ihrer primitiven Abneigung oder Lust heraus handeln würden. Sie würden das als „‚egoistische Arbeitsscheu der Masse‘ verachten“1077. – Das alles wissen unsere Pseudostirneristen. Sie verwechseln jetzt aber die positive und eignerfreundliche „Bequemlichkeit“ mit einem Ausweichen vor absolut notwendigen Aktionen zur Rettung vor einer totalen Über- und Entfremdung wie auch einer totalen Überwachung als Prophylaxe gegen unsere Empörung. „Bequemlichkeit ist doch gut!“, dünken sie sich und beeilen sie sich zu rufen. Sie bilden sich etwas auf ihre „Bequemlichkeit“ ein, merken aber nicht, daß sie völlig verblödete Schlafmützen sind, und daß sie den Schuß noch immer nicht gehört haben bzw. sich die Ohren vor der Realität verstopfen. Ihr stolz-ungeniertes Bekenntnis zu einer „Bequemlichkeit“ bedeutet den sicheren Tod. Die Einschläge kommen täglich näher, unsere Schlafmützen sitzen schon mitten im Schlachtgetümmel, um die Michels herum pfeifen die Geschosse, sie finden sich aber immer noch in ihrer „Bequemlichkeit“ richtig super-„egoistisch“. Da lobe ich mir doch die ach so dummen Fetisch-Nationalisten, die, wenn auch von Höherem gebremst, ihren Mann im Getümmel stehen. Igitt, sind diese Pseudostirneristen in ihren schlauen Bücherstuben eklig und peinlich. So mögen sie doch untergehen! Ich hoffe, daß sie kein Nationalist aus der Hölle raushauen wird. Stirner war da noch ein Mann – nicht „Mann“ im Sinne eines role models, sondern im Sinne der „Eigenen“ – also dem Plural von „Eigner“ –, die „das stämmige, lebenvolle Einzelne“ anstatt des Abstrakten, Höheren wollten und so selbst sein wollten. Stirner kümmerte sich also sehr wohl um das Überindividuelle, machte sich Gedanken um dessen Gestaltung, schrieb z.B. – wenn auch eigentlich nur aus Geldnot – noch im Revolutionsjahres 1848 in einer Zeitung einen Artikel „Die Deutschen im Osten Deutschlands“1078 (zu denen er sich wohl, trotz Bayreuth und Berlin, als Kulmer zugehörig gefühlt haben mag), daß „der Föderalismus eine höhere Form des Völkerlebens sei als der Zentralismus“1079. Auch das Übernationale beschäftigte ihn: Deutschland käme dabei in Europa ein „ausdrücklich nicht ein Herrschertum, sondern nur ein Mittleramt“ zu. Stirner war wohl, laut Mackay, ziemlich deutlich gegen Rußland eingestellt, „denn es handle sich darum, ob ‚Asien europäisch, oder Europa asiatisch‘ werden solle. […] Seines unheilvollen Einflusses auf die Angelegenheiten der europäischen Völker entkleidet, [müsse Rußland] von dem gemeinsamen Weltberuf ausgeschlossen bleiben“ 1080, wie sich Mackay, den stirner‘schen Artikel zusammenfassend, ausdrückt. Stirners Skepsis gegenüber dem mystisch-gewalttätigen Osten teilend, bin ich – als geopolitischer Laie – aber trotzdem für eine russisch-deutsche Verständigung (vgl. Teil III dieses Buches, Kapitel 3.15.), soweit sich Rußland nicht weiter Chabad Lubawitsch unterwerfen sollte1081. Stirner zufolge solle „sich Deutschland in seinem Osten mit östlichen Völkern verbinden, wo Österreich an der Spitze des großen Bundesstaates der Donauvölker stehe. Wie ein österreichischer, so müsse sich ein baltischer Föderativstaat bilden, mit Polen als Kern, das ‚als Staat völlig gestorben, ein Glied im großen Völkerorganismus geblieben‘ und genötigt sei, sich an Preußen anzuschließen, um sich vor einem Bürgerkriege zu bewahren. Deutschland, das seinem Wesen nach kein reiner Nationalstaat sei, müsse sich eben nach Osten hin mit fremden Elementen verbinden, die Handelsstraße vom schwarzen zum baltischen Meere wieder hergestellt, der Rhein und die Donau von Mündung zu Mündung eine solche wieder bilden: ‚Wir müssen wieder ein naturgemäßes Verkehrsgebiet haben – ein großes föderatives Ländergebiet von jenseits der Schelde bis jenseits der Düna, und von den Schweizerbergen bis zum Pontus.‘“1082 – Das klingt etwas nach dem Intermarium und Pi?sudskis Konzept einer Ostföderation. Vielleicht aber war Stirners Interesse für Geopolitik nur dem Umstand zu verdanken, daß er zu weit vorausgeeilt war und nach dem „Einzigen“ die Isolierung nicht ausgehalten hat. Die Stimmung war auch nach 1848 völlig gekippt, niemand hatte mehr Interesse an Selbstregulierung. Vielleicht war Stirner schwach geworden oder hatte sich auch nur aus Langeweile auf die Felder von Politik und Ökonomie begeben oder weil er darin eine Erwerbsquelle sah, ich weiß es nicht. Die Luft schien nach seinem fulminanten Vorstoß irgendwie raus zu sein. Immerhin lebte Stirner, obwohl „sehr zurückgezogen“, „nicht ohne Verkehr.“1083 Er „verkehrte viel und gern in dem gastlichen Haus der Freifrau von der Goltz“, in der er eine „hülfreiche Freundin“ gefunden hatte. Auch jetzt und immer noch „äußerte er gern und oft seine philosophischen Ansichten und überraschte auch hier durch ihren Radikalismus bei äußerer Ruhe“. Er „sprach auch gelegentlich von seinem verunglückten Milchhandel“. In den Stämmen, in den Landsmannschaften und im Reich sah Stirner jedenfalls, wenn er sich im Gegensatz zu unseren Pseudostirneristen um die kollektive Selbstermächtigung kümmerte, eher das Freiheitliche wirken, im Staat eher den Gesinnungszwang. Eine Landsmannschaft kann sich aber, so Stirner, selbstbestimmt nach Belieben verfassen (anarchisch, monarchisch usw.) und sich dahingehend von anderen Landsmannschaften fundamental unterscheiden, wie es ja bei den Indianern auch matristisch und patristisch verfaßte Nationen gibt, die mehr oder weniger friedlich koexistieren (meist weniger; im Reich gab es ja auch ständig Randale). Damit nimmt Stirner Reinhold Oberlerchers „Verfassungslehre der Wahlverfassungen zur Verfassungswahl“ voraus: „dem deutschen Volk zwölf zur Wahl gestellte Verfassungen zur Bewertung und Entscheidung“1084. Natürlich macht sich Stirner in seinem ungetümlichen Überschwang über die Bürokratenrevolutionäre lustig: „Welche Verfassung zu wählen sei, diese Frage beschäftigte die revolutionären Köpfe, und von Verfassungskämpfen und Verfassungsfragen sprudelt die ganze politische Periode, wie auch die sozialen Talente an gesellschaftlichen Einrichtungen […] ungemein erfinderisch waren. Verfassungslos zu werden, bestrebt sich der Empörer.“1085 Aber kleinlaut schickt er ängstlich und sicherheitshalber in einer Fußnote hinterher: „Um mich vor einer Kriminalklage zu sichern, bemerke Ich zum Überfluß ausdrücklich, daß Ich das Wort ‚Empörung‘ wegen seines etymologischen Sinnes wähle, also nicht in dem beschränkten Sinne gebrauche, welcher vom Strafgesetzbuche verpönt ist.“ – Oberlercher war schon nur wegen Sprudeleien, über die Stirner hier in seiner Vollmundigkeit glaubt spotten zu müssen, tatsächlich vor dem Kriminalgericht gelandet. Aber nur, weil es dem Staat nicht paßt, muß es ja nicht gleich gut sein. Und alles, was dem Staat paßt und er nicht zensiert – wie Stirners „Einzigen“ –, muß deshalb schlecht sein. Stirner wollte die Nation als verfassungslos und unbürokratisch als „Verein“: „Übrigens müßten sich die sogenannten Nationalen nur selbst recht verstehen, um sich aus der Verbindung mit den gemütlichen Deutschtümlern zu erheben. Denn die Vereinigung zu materiellen Zwecken und Interessen, welche sie von den Deutschen fordern, geht ja auf nichts Anderes, als einen freiwilligen Verein hinaus.“1086 Die Alte Aufklärung war mit einem ihrer Hauptinhalte – nämlich der Zerstörung alles Kollektiven und dessen Zerschlagung in atomisierte Individuen – absolut giftig, ja, das Gegenteil von emanzipatorisch und aufklärerisch. Hier muß die Neue Aufklärung die Alte Aufklärung radikalisieren und korrigieren bzw. ihr entschieden entgegentreten, sie erst einmal ordentlich auf Vordermann bringen.1087 Stirner war uns hier als Neuaufklärer vorausgeeilt und sah keinen Widerspruch zwischen individuellem und kollektivem „Egoismus“: „Indes, man hat sich nun einmal so seine Vorstellung vom Egoismus zurecht gemacht und denkt sich schlechtweg die ‚Isolierung‘ darunter. Was in aller Welt hat aber der Egoismus mit der Isoliertheit zu schaffen? Werde Ich (Ego) dadurch z.B. ein Egoist, daß Ich die Menschen fliehe? Ich isoliere oder vereinsame Mich allerdings, aber egoistischer bin Ich dadurch nicht um ein Haar mehr als andere, die unter den Menschen bleiben und ihres Umgangs sich freuen. Isoliere Ich Mich, so geschieht es, weil Ich in der Gesellschaft keinen Genuß mehr finde; bleibe Ich aber unter den Menschen, so bleibe ich, weil sie mir noch vieles bieten. Das Bleiben ist nicht weniger egoistisch als die Vereinsamung.“1088 – Ich würde hinzufügen, daß die Vereinsamung nur in seltenen Fällen etwas Egoistisches und wirklich freiwillig ist; Menschen, die „unter den Menschen bleiben und ihres Umgangs sich freuen“ sind egoistisch. Aber jedem Tierchen sein Pläsierchen. Kollektive Interessen – so wie die individuellen Bedürfnisse und Gefühle – müssen als rational betrachtet werden. Laska hat das klar erkannt: „Eine aktuelle ‚Perspektive‘ für die Anarchie kann nicht durch Rückblicke auf primitive ‚Völker ohne Regierung‘ (Harold Barclay) gewonnen werden, sondern muß als Fortsetzung der europäischen Aufklärung konzipiert werden.“1089 Auch teile ich Laskas Kritik an der genannten Perspektive einiger Anarchisten (die aber wenigstens schon den notwendigen kollektiven oder nationalen Aspekt erkannt haben bzw. nicht mehr verdrängen, denn die Anarchisten des 19. Jahrhunderts waren keine Antinationalen). Wir müssen unser eigenes Ding machen. Und auch hier müssen wir „von der Oberfläche“, von unserem Ist-Zustand ausgehen, wie das die guten Therapeuten und Wahrheitsbegleiter auf individueller Ebene tun – also von Bakers „Menschen in der Falle“ als „Deutsche in der Auschwitz-Falle“ des Jahres 2025 den Schritt ins Jahr 1871 zurück machen, als wir, mit dem Stirner-Fan Reichskanzler Bismarck1090, das letzte mal wenigstens etwas souverän waren. Aber ich bin auch für Inspirationen durch andere Völker – gerade von „primitiven Völkern ohne Regierung“ können wir tatsächlich eine Menge lernen (wenn wir dazu überhaupt in der Lage sind; aber durch „individuelle Selbstermächtigung“ in etwas größerem Maßstab sollte das nicht ganz utopisch sein). Die Neue, das authentisch Kollektive einbeziehende Aufklärung gibt gute soziologische Impulse. Der englische Nationalanarchist Troy Southgate zitiert aus dem 1923 erschienenen Buch „Psychology and Primitive Culture“ von Frederic C. Bartlett: „[Die Beziehung zwischen dem Häuptling und dem Stamm] beruht nicht in erster Linie auf Herrschaft oder Durchsetzungsvermögen, sondern auf einer leichten Empfänglichkeit für die Gedanken, Gefühle und Handlungen der Gruppenmitglieder. Das heißt, der Häuptling repräsentiert eher die Gruppe und drückt ihren Willen aus, anstatt daß er sie beeindruckt oder unterdrückt [expresses the group, rather than impresses it]. Dies ist eine Art von Beziehung, die sich, wie mir scheint, völlig von Dominanz, Druck und Anmaßung unterscheidet.“1091 Fremdes lernen und etwas von Fremden abschauen heißt „Aneignen“. Der Eigner kann das Fremde lieben. Dieses Fremde ist, wenn es für uns sinnvoll ist, gar nicht so fremd. Da erinnere ich mich an einen Email-Austausch mit Laska, wo er mich wegen meines nationalanarchistischen Engagements1092 glaubte belehrmeistern zu müssen. Er meinte es freundlich-jovial und gab mir – als Hilfe gemeint – den Link zu einem französischen Rechtsanarchisten1093. Ich wies ihn darauf hin, daß ich Linksanarchist bin und von rechts keine Inspiration erwarte – was sich prompt bestätigte. Laska hätte das eigentlich von sich aus wissen müssen, da ich Abonnent seiner WRB gewesen war, zu denen sich garantiert keine Rechten verirrt hatten. Ich bin auch nie Rechter geworden, nur weil die Linke und die Alte Aufklärung versagt hatte. Was sollte denn das für eine komische Entwicklung gewesen sein? Auch das hätte Laska wissen können. Aber er hatte es ja nur gut gemeint. Laska frug mich, was das mit dem „Eigenen“ und dem „Fremden“ überhaupt solle. Ich gab ihm – dem Otto-Gross-Fan! – eine deutliche Antwort im Sinne des gerade hier Gesagten und daß man sich sehr wohl auch Fremdes aneignen kann, und er gab kleinlaut bei. Das kann ich leiden: Selbst nichts machen, aber über andere, die etwas tun, auch noch mit der Nase rümpfen. Später, als die Verhältnisse immer schlimmer wurden, äußerte sich Laska sehr kritisch, aber da war es schon zu spät. Die allermeisten 68er1094 hatten schrecklich versagt, weil sie sich mit angeblich individualemanzipatorischem Atomismus und Antinationalismus verseuchen und umerziehen lassen hatten, was sie in ihrer Arroganz aber nicht merkten, oder was sie nicht zugeben wollten. Sie waren bis auf die Knochen aufgeklärt – aber nur im Sinne der Alten Aufklärung: Das Wissen um kollektive Zusammenhänge haben sie sich komplett abtrainieren lassen; sie waren unter Auschwitz in die Knie gegangen. Ihr Papst Adorno hatte geschrieben: „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“1095 Hier wäre doch mal ein Einsatzgebiet für die Befreiung von kollektiven remords (La Mettrie) gewesen, die die Frankfurter uns mit Lügenpropaganda eingetrichtert haben. Spielten diese Schuldgefühle keine Rolle? Waren es etwa gar keine, weil sie nichts mit „infantiler Sexualität“ zu tun hatten? 8.5.9.1.1. Exkurs im Exkurs: Teilung in tiefe und oberflächliche, höhere und niedere, gute und schlechte Schuldgefühle: Martin Walser, Christian Fernandes, Laska und Auschwitz Die Frage muß ja einmal gestellt werden, ob die enkulturierten Schuldgefühle in verschiedene Kategorien teilbar sind oder sein sollen. Gibt es gute, richtige enkulturierte Schuldgefühle? Es gibt genug Leute, die enkulturierte Schuldgefühle entrüstet ablehnen, wenn sie private sexuelle Dinge betreffen, sofort aber anfangen, auf den Knien herumzurutschen, wenn es um die höheren Dinge oder das höchste aller Dinge, das Heiligtum des „Holocausts“, geht. Martin Walser hat diese Teilung in gute und schlechte Schuldgefühle und in guten und schlechten Umgang mit Schuldgefühlen abgelehnt. Sein La-Mettrie-Verständnis bezog sich selbstverständlich auf alle enkulturierte Schuldgefühle. Man mag zurecht einwenden, die privaten, in der Familie enkulturierten Schuldgefühle seien die bedeutenderen und die staatlich verabreichten die oberflächlicheren. Aber das würde ja mitnichten heißen, die letzteren, im Kindergarten, in der Schule, in Filmen und Medien induzierten Schuldgefühle zu akzeptieren oder gar positiv zu bewerten. Enkulturierte Schuldgefühle sind nicht teilbar, das mag einigen Schwuchtel-Lamettristen nun passen oder nicht. Christian Fernandes ist auf den ersten Blick kein solcher. Er schreibt, „inhaltlich aber bezieht [Walser] […] Laskas Position und legt den Schwerpunkt auf Gewissen und Schuldgefühle“ und erfaßt den politischen Rahmen, auf den das ebenfalls zutrifft: „Man muß auch Walsers damalige Situation bedenken. Seit 1998 geriet er unter den Verdacht des latenten Antisemitismus. Anlass war eine Rede in der Frankfurter Paulskirche, in der er gegen die ‚Dauerpräsentation unserer Schande‘ in den Medien argumentierte und das Berliner Holocaustdenkmal als Produkt einer ‚Banalität des Guten‘1096 bezeichnete.“1097 Doch dann stellt Fernandes die Frage, „ob die Paulskirchenrede bereits ein Reflex seiner Rezeption La Mettries war, […].“ – Indem Fernandes daran zu zweifeln scheint, daß Walser von hause aus und ohne die Hilfe von La Mettrie die relativ oberflächlichen Schuldgefühle kategorisch zurückzuweist, wo er doch in Sachen der bedeutenderen, familiär induzierten Schuldgefühle bereits Laskas Position einnimmt, nimmt auch Fernandes zwangsläufig eine Teilung der Schuldgefühle vor. Denn selbstverständlich stellt sich eine solche Frage gar nicht, wenn man sogar die bedeutenderen Schuldgefühle zurückweist. Dann erledigt man dergleichen Pillepalle im Schnellwaschgang. Daraus folgt, daß Fernandes die „oberflächlichen“ Schuldgefühle mit irgendeiner Art magischer Kraft oder Heiligkeit ausstattet. Diese oberflächlichen, „politischen“ Schuldgefühle sind nicht nur von einer ganz anderen, einer ganz besonderen Qualität – sie sind paradoxerweise auch noch stärker als die eigentlichen, richtigen, weil sexbezogenen Schuldgefühle, und man braucht zu ihrer Aufhebung die Hilfe des allerradikalsten Aufklärers. Auf jeden Fall aber heben sie sich von diesen deutlich ab – sind von diesen abgeteilt. Dann beantwortet Fernandes seine eigene Frage: „Ob die Paulskirchenrede bereits ein Reflex seiner Rezeption La Mettries war, werden wir, wenn überhaupt, erst nach Veröffentlichung der Notizbücher aus dieser Zeit ermitteln können.“ – Ich lege mich heute schon fest: Selbstverständlich war die Paulskirchenrede kein Reflex Walsers La-Mettrie-Rezeption. Glaubt Fernandes im Ernst, Walser habe es nötig gehabt, erst einmal den Heiligen La Mettrie, der uns allen die Augen öffnet, zu lesen, um die oberflächlichen Schuldgefühle zurückweisen zu können? Doch da stellt sich langsam die Frage, ob diese politischen Schuldgefühle, nur weil sie nichts mit Sex zu tun haben, überhaupt wirklich so oberflächlich sind, wie es zuerst scheinen mag und wie es uns die Vulgärlamettristen einzureden versuchen. Diese Schuldgefühle scheinen ja irgendwie zumindest ziemlich zäh zu sein und eine ganz besondere Aura zu haben, sozusagen eine Unantastbarkeit zu genießen, ja geradezu einen mit §130 Karat gestärkten Panzer zu haben. Ein solcher Panzer ist natürlich mit dem in Jahrtausenden ausgebildeten, die sexuellen Schuldgefühle körperlich verankernden Muskelpanzer der Reichianer überhaupt nicht zu vergleichen! Jetzt strampeln sich die Reichianer einen am Muskelpanzer ab, die anderen Schuldgefühle aber, die oberflächlich-politischen, die sie mit links „wegdrücken“ könnten, die lassen sie unangetastet und unberührt. Da hat man – außer von Hans-Joachim Maaz – noch nie etwas von ihnen gehört. Das scheint ihnen etwas zu heiß zu sein, unseren wackeren Kämpfern gegen „jahrtausendealte Fesseln“ (Laska1098). Man zieht sich sicher und arrogant aus der Affäre und auf seine Verdinglichung zurück: Ich bin Psychiater, kein Politiker. In Abwandlung von Henning Eichbergs Spruch „Wer von den Völkern nicht reden will, soll von den Menschen schweigen“, gilt hier aber: Wer von der Politik nicht reden will, soll von den Schuldgefühlen schweigen. Die ‚Neue Geschichte‘ müsse bewußt mit der Tradition brechen; sie könne nicht geplant, sondern müsse von denen gestaltet werden, deren Erzieher den Erziehungszwang, der von ihrem eigenen Über-Ich ausgeht, erkannt und so weit gezügelt haben, daß sie die jahrtausendealte Kontinuität der Ich-Verstümmelung an den Nachkommen durchbrechen konnten.“ (Laska1099) – Hier geht es doch auch um den Kindergarten! Doch die Kindergärtnerin – am besten der schwule Kindergärtner – soll ja nur jedes sexuelle Tabu brechen und die „infantile Sexualität“ befreien. Uns geht es nur um Höheres und Jahrtausendaltehrwürdiges. Daß die Kinder alle Judenmörder sind und deswegen nie zu sich und ihrem kollektiven Eigner stehen dürfen, das sollen doch die Kindergärtner unseretwegen tun, das ist doch so was von unter unserem Niveau, geh weg. Wie können die Pseudolamettristen das – diesen Widerspruch – mit sich vereinbaren? Wie können sie – falls sie so etwas Schnödes und Niederes wie die politischen Schuldgefühle überhaupt in ihr hehres Gesichtsfeld lassen – mit einer solchen Teilbarkeit der Schuldgefühle leben? – Indem sie die Teilbarkeit durch ein Rationalisieren, also durch eine Heiligung eines Teils der Schuldgefühle rechtfertigen. Sie haben Ehrfurcht vor den „Opfern des Faschismus“ und Furcht vor den Wächtern der ADL. Ab jetzt gibt es gute, zumindest unantastbare, heilige, am Ende vielleicht sogar noch „rationale“ Schuldgefühle, und es gibt schlechte, wirkliche, echte, weil mit der heiligen Sexualität zu tun habende Schuldgefühle. Wie kann ich, wenn ich es doch mit den Schuldgefühlen angeblich ernst meine, nicht nur diese aufteilen, sondern auch noch den einen Teil von ihnen heiligen, zumindest das Berührungstabu nicht verletzen? Ja, das ist nicht unsere Aufgabe, höre ich sie sagen, wir sind für die richtigen, sexuellen Schuldgefühle zuständig, wir sind etwas Besseres, wir sind tiefgründiger. Das andere ist nicht wichtig. Eigentlich aber sagen sie: Dieses Heilige – wo wir so tun, als ob es nicht da wäre, wo wir die Augen verschließen und gegen das wir erst gar nichts unternehmen, weil es sowieso stärker ist als wir –, mit dem legen wir uns besser nicht an. Irgendwie fühle ich mich an die „Vermächtnis-These“ aus dem Kapitel 7.2.1.16.4.3. Die Vermächtnis-These („Das Gewicht von dreitausend Jahren“, Israel Shahak) erinnert. Die politischen Schuldgefühle scheinen durchaus eine gewisse Wirkmächtigkeit zu haben und doch nicht so oberflächlich zu sein. Der Glaube der Väter, die „Jahrtausende der Kultur“, die „Euch verdunkelt [haben]“ (Stirner1100), die Unantastbarkeit des Vaters … Aber da stellen wir uns mal besser taub und blind. Wir weichen lieber auf die sexuellen Schuldgefühle aus. Reich befiehl, wir folgen. Lieber Leser, ich werde ihnen jetzt etwas sagen, wo Sie ganz ganz stark sein müssen. An dem Heiligen, um das es hier geht, ist sogar Stirner abgeprallt und zerschellt. Er konnte gegen die „Jahrtausende lange mongolische Plage“1101 wettern – weil es hier um das wahre „Jenseits in uns“ ging. Wenn es um das bereits bewußte, zumindest vorbewußte, jedenfalls läppische Tabu ging, das ja zu einfach zu entheiligen war – was ja sowieso jedem klar war –, hat er, im Unterschied zu La Mettrie1102, brav die Schnauze gehalten und sich lieber bei Gedankenspielen an Leichtgewichten abgearbeitet. Er hat die sozialen Liberalen in der Luft zerpflückt und zerrissen, aber wo er nichts sagte, hatten sie auch mal recht, z.B. Alphonse Toussenel: „Der Jude herrscht und regiert in Frankreich.“1103 Mit den Realien der tatsächlichen Machtverhältnisse hat sich Stirner nicht abgegeben. Sie waren nicht Teil des „Jenseits in uns“ – aber ganz am Wegesrand waren sie nicht ganz unerheblich. Aber stimmt das denn überhaupt?: Hatten die Machtverhältnisse wirklich nichts mit dem „Jenseits in uns“ zu tun? Wir kommen gleich auf das verheerende Gute zu sprechen. Daß bei der Wahrung dieser Machtverhältnisse von den Mächtigen die Waffe der Kulpabilisierung eingesetzt wird – ein Gebiet, auf dem sich Stirner gut auskannte –, macht sein Versagen noch eklatanter. Man hat Dühring oft mit Stirner verglichen und ihn intellektuell weit unterlegen eingestuft. Aber hier war er Stirnern überlegen. Wer es ernst meint mit Schuldgefühlen, setzt sich gegen alle Arten von Schuldgefühlen, die uns entfremden und enteignen, ein. Fernandes schreibt weiter: „Auch auf dem fiktiven [La-Mettrie-]Kongreß in Der Augenblick der Liebe lautet die erste Reaktion auf Gottliebs [Walsers] Vortrag, er thematisiere die Schuldgefühle bei La Mettrie nur, um ‚den Deutschen einen Freispruch zu erschwindeln‘.“1104 – Walser kannte seine Pappenheimer, die Schuldgefühle plötzlich wahrnahmen, wenn sie „berechtigt“ und „rational“ waren und die zur Aufrechterhaltung der Fremdherrschaft dienten, von der die Pappenheimer korrumpiert waren. Sie fürchteten, daß da ein frecher, halbwegs souveräner Deutscher diese Waffe stumpf machen könnte, indem er, wie es sich gehört, die Schuldgefühle überhaupt thematisiert, dann aber auch vereinheitlichte und der Pan-Kulpabilität die Stirn bot. Es war eben kein Erschwindeln, kein Erstehlen, kein Leugnen von nicht-enkulturierter Schuld, wenn Walser stirneristisch die Gutmenschen angriff. Deren Terror war rein irrational und, neben schnöder Korruption, von abartigen enkulturierten Schuldgefühlen gespeist, die sie nun allen anderen Deutschen aufoktroyierten, um sich reinwaschen und vor den Herren ordentlich buckeln zu können. Walser erkannte den Hauptfeind: „Die Gegenwelt, deren Gefangener du von Anfang an bist, ist das Gute. Das jeweilige Gute. Das immer so genannte, das immer anerkannte, das herrschende Gute.“1105 – „Das jeweilige Gute“ – auch the current thing genannt. Die Guten enkulturieren die Schuld – egal, welche, auf allen Gebieten. Selbstverständlich sah Walser diese Ubiquität. Damit, so Fernandes, „folgt [Walser Laska]“, der mit der „Tradition bricht, in La Mettrie einen atheistischen Materialisten zu sehen“, und dessen „Kernidee die im Discours sur le bonheur enthaltene ‚Lehre von den Schuldgefühlen‘“ gewesen sei, die „ins Zentrum von La Mettries Philosophie [gestellt]“ 1106 gehöre. Ich sage aber: Walser folgt Laska nicht, sondern geht ihm voraus: Er nimmt theoretisch die Ubiquität wahr – was Laska nicht tut –, und entsprechend dieser Wahrnehmung handelt er auch noch praktisch – was Laska erst recht nicht tut. Laska aber ist mit Walsers vermeintlicher Gefolgschaft und mit dem, wie Fernandes sagt, „prominenten Multiplikator“ noch nicht zufrieden. Er will mehr. Walser, der ihm vorausgeht, hat sich gefälligst Laska, der hinterherhinkt, ganz zu unterwerfen. Eine absurde Situation, die sich daraus erklärt, daß Laska es nicht erträgt, daß jemand „konsequenter“ ist als er und daß er deswegen Walser wieder einfangen muß. Also kritisiert Laska Walser; ihm kann es wieder einmal nicht radikal genug zugehen, wo er selbst jede Radikalität missen läßt. Hatte Fernandes sich nur an der Teilung der Schuldgefühle beteiligt, ist Laska noch einen Zacken schärfer. Er wirft Walser vor, er „habe den wichtigsten Teil der Moralphilosophie La Mettries unterschlagen und dem Leser vorenthalten“1107. Das Versagen der ausbleibenden Radikalität wird wieder einmal mit Scheinradikalität kompensiert (vgl. Kapitel 7.2.1.12.3.1. Exkurs: Das inkonsequente Ausweichen der Reichianer vor der sozialen Frage und dem Matriarchat). Wo Walser „seit 1998 unter den Verdacht des latenten Antisemitismus geriet“ (Fernandes), weil er sich mutig und praktisch an der Empörung gegen die Schuldgefühle beteiligte, wo er also etwas riskierte und, nicht wie die Flasche Sloterdijk, tatsächlich „gefährlich dachte“, vernahm man von Laska nie etwas zu diesen Schuldgefühlen. Diese Schuldgefühle ins Fadenkreuz zu nehmen, war igitt. Die sexbezogenen Schuldgefühle waren die guten Schuldgefühle; sie allein durften bekämpft werden. Umso mehr galt es jetzt in der Kompensation, Walser zu belehrmeistern. Fernandes: „Um diese Kritik [Laskas an Walser] zu verstehen, müssen wir Laskas Werdegang näher betrachten.“ Aha. Es läuft darauf hinaus, Walser für dumm zu erklären, dem all das erst einmal erklärt werden muß, was Laska auf seinem Werdegang alles erfahren habe. Jetzt nachvollzieht Fernandes den Werde- und belehrmeisternden Gedankengang Laskas: die radikale Theorie, der sich der laue und halbe Walser zu unterwerfen hat. Doch als Eingang dazu referiert Fernandes die Walser gestellte laska’sche „naheliegende Frage“, mit der Walser hart kritisiert werden soll: Wenn der Mensch ein Gefangener des Guten ist, der von seiner Freiheit, das Nicht-Gute zu tun, keinen Gebrauch machen kann, ‚woher kommt dann das viele Böse in der Welt?‘1108“1109 Natürlich richten die Guten, die „Gefangenen des Guten“ (außer Walser, der schon einen Schritt aus dem Kerker tut) nur Schaden an – das ist so böse wie banal. Warum aber soll diese banale Frage – das Böse kommt ganz einfach von den Guten! – auch noch „naheliegend“ sein? Heißt „naheliegend“, daß die Frage sich etwa im Zusammenhang mit Walser aufdrängt? – Mitnichten. Walser, der aktiv und praktisch im Kampf gegen die Guten und deren Schäden steht und deren Falschheit durchschaut, wieso muß der mit dieser Frage auf die richtige Fährte gebracht werden? Muß ihm das von unserem Lehrmeister erklärt werden? – Absurd. Wogegen kämpft Walser denn in der Praxis? Wollen uns die Theoretiker Laska und Fernandes sagen, daß das Windmühlen sind, sie aber das richtige Angriffsziel kennen? Keiner streitet die andere Kategorie von Schuldgefühlen, die familiär induzierten und sexbezogenen Schuldgefühle ab. Das muß Walser nicht erklärt werden. Was aber Laska und Fernandes erklärt werden muß, ist erstens, daß das nicht die einzigen Schuldgefühle sind, und daß zweitens Schuldgefühle aktiv und praktisch angegangen und aufgelöst gehören: sowohl die sexbezogenen als auch die „politischen“. Auf beiden Gebieten glänzt Laska durch Abwesenheit. Man muß ja nicht auf allen Hochzeiten tanzen, aber dann setzt man sich eben auch nicht realitätskonform für den Eigner ein und kann für sich keine Absicht einer Selbstermächtigung reklamieren. Dann ist man nur ein theoretisch Radikaler – aber nicht mal das: nur ein Scheinradikaler. Fernandessens Betrachtung, die für die richtige Erklärung der laska’schen Kritik an Walser unter Hinzunahme Laskas reichianischem Werdegang als „Hintergrundwissen“, das der arme Walser nicht hat, notwendig ist, kulminiert im reich’schen LSR-Kernsatz: „Die moralische Regulierung des Trieblebens schafft gerade das, was sie bändigen zu können vorgibt: das asoziale Triebleben.“1110 Das ist der Katechismus, den Laska und sein ihn erklärender getreuer Fernandes glauben Walser eintrichtern zu müssen und zu können, dem dieser sich zu unterwerfen habe. Fernandes faßt für Walser noch einmal zusammen: „Also: Moral und Schuldgefühle als Ursache ‚asozialer Triebe‘ und ‚böser Regungen‘?“ Jetzt wird auch Fernandes zum gütigen, hilfsbereiten Schulmeister und fragt Walser, als ob er das große Geheimnis gelüftet hätte: „Ist das nicht paradox? Dann liefe die althergebrachte Erziehungspraxis darauf hinaus, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Eine provokante These.“ Nein, das ist weder paradox, noch provokant. Das – das 1 x 1 von LSR – soll Walser nicht verstanden haben? Ja, sagt Fernandes, das hat Walser nicht verstanden. Aber er ist gütig: Walser treffe keine Schuld daran: Man könne „Walser schwer vorwerfen, dies übergangen zu haben, weil die besten Belege selbst von Laska übersehen wurden“. Was ist dieses „dies“, das Walser „übergangen“ habe? – „daß der Zusammenhang von Schuldgefühlen und bösen Neigungen tatsächlich im Zentrum von La Mettries Philosophie steht“. Wieso soll Walser das „übergangen“ haben? – Fernandes schweift hier ab und nutzt die Gelegenheit des Walser-Laska-Disputs, seine falsche These von der „tugendhaften Lust“ an den Mann zu bringen, auf die wir schon im Kapitel 8.5.3.2. Exkurs: methodologische Probleme mit Abstraktionsebenen eingegangen sind. Walser hat sehr wohl alles verstanden: wie alle Arten von Schuldgefühlen wirken: schädlich und nicht sorgsam im Umgang mit dem Eigentum. Ihm muß weder der „Zusammenhang von Schuldgefühlen und bösen Neigungen“ erklärt werden – das sagt er selbst klipp und klar –, noch muß ihm erklärt werden, daß dieser Zusammenhang „tatsächlich im Zentrum von La Mettries Philosophie steht“. Ich nehme an, das wußte Walser, aber es ist eigentlich unerheblich. Erheblich ist nur das Wissen um die Sache selbst (und nicht, welcher Philosoph das auch noch wußte) und das Handeln gemäß dieses Wissens. Walser büßt sogar Radikalität und theoretische Stärke ein, indem auch er La Mettrie als „Moralist der höheren Art“ bezeichnet und damit sowohl Laskas „irrationalem Über-Ich“ als auch Fernandessens „tugendhafter Lust“ nahekommt. – All das reicht den beiden aber nicht. Wieso glauben Laska und Fernandes, Walser diesen „Zusammenhang“ erklären zu müssen? Warum soll Walser einen Beleg dafür geliefert bekommen, was er ohnehin verstanden hat? – Die ganze Erklärerei und das Aufzeigen einer angeblichen Beschränktheit Walsers dient nur der Ablenkung davon, daß Laska und Fernandes etwas „übergangen“ haben: nämlich die Ubiquität und Unteilbarkeit der Schuldgefühle. Und es dient der Kompensation des eigenen theoretischen und praktischen Versagens. Es gibt für Walser nichts, dem er sich unterwerfen, das er einsehen müßte oder das er von Laska und Fernandes lernen könnte. Der Ablenkungs- und Kompensationsversuch und die inversion accusatoire aus eigenen Schuldgefühlen heraus wegen theoretischer Mangelhaftigkeit (Begrenzung auf sexbezogene Schuldgefühle) und mangelnder Praxis ist gescheitert. Ich schaue mir jetzt noch einmal direkt Laskas Aufsatz „Martin Walser und La Mettrie“1111 an, der nach Erscheinen des Walser-Romans und der vielen Rezensionen des Buches geschrieben wurde. Laska zitiert dort Walser etwas ausführlicher als Fernandes: Zürn [Walser] meint nun, jene Ausbildung zum Gefangenen ‚des Guten ... des jeweiligen Guten ... des herrschenden Guten‘ mache den Menschen zu ‚einem, der von keiner angebotenen Freiheit Gebrauch machen kann‘“, und ich freue mich und staune darüber, daß Walser das so deutlich sagt: Ich kann „von keiner angebotenen Freiheit Gebrauch machen“. Da geht es Walser so wie mir (vgl. die häufige Problematisierung der Freiheitsunfähigkeit in diesem Buch, u.a. in Kapitel 11.1. LSR-relevante Themen bei zukünftigen Arbeiten zur Darstellung von Tiefenwahrheit). Die Freiheitsunfähigkeit entsteht und der Eignerverlust geschieht tatsächlich im Namen eines „Guten“. Das Subjekt verzichtet auf sich und sein Leben – seine Lebendigkeit –, schaltet sich ab zugunsten des Überlebens. Das Überleben muß das Subjekt positiv werten („gut“), egal, ob es dabei als ganzer Mensch, als Eigner, verloren gegangen ist. Der Gutmensch liebt das Gute, weil es ihn überleben lassen hat. Daß er sich selbst damit negiert, ist unwichtig – Überleben ist alles. Die Dankbarkeit dafür, davongekommen zu sein, und die tiefe Lehre aus der Beendigung des Traumas (daß es schließlich doch noch einen guten Ausgang genommen hat) überwiegt und bestimmt fortan alles andere. Nichts Schlechtes auf der Welt hätte jemals die Kraft, daß ich von einer „angebotenen Freiheit keinen Gebrauch mache“. Das schafft nur das Gute: meine Mutter, von der ich mir nicht vorstellen kann, daß sie etwas Nicht-Gutes für mich will. Da es aber dennoch geschieht, kann das nur „gut“ sein, kehrt es sich in „Gutes“ um. Jetzt tue ich alles dafür, kein Eigner mehr zu sein, weil das ja nicht „gut“ ist. Ich bin jetzt sogar „etwas Besseres“ und hebe komplett in die Höhe ab, habe nichts Irdisches mehr nötig. Erst bei unleugbarer Präsenz von tatsächlicher Güte bricht der Urschmerz als Quelle des Eignerverzichtes hervor, womit sich aber gleichzeitig meine Eignerschaft zu einem Teil wieder herstellt. – Auf all das bin ich bereits in Kapitel 8.5.7. Weitere Übungen zur Übersetzung der Objekt-Sprache, in die sich LSR verirrt hat, in stirneristische Subjekt-Sprache eingegangen, und ich komme darauf noch im II. und III. Teil dieses Buches zurück. Walser ist von La Mettrie begeistert, weil dieser ihn darin bestätigt, nicht mehr dem „Guten“, sondern sich selbst zu folgen. Diese Bestätigung und der neu geschöpfte Mut sind Laska aber nicht genug. Nun will Laska aber nichts praktisch Effizienteres, sondern rügt eine theoretische Schwäche Walsers. Dieser solle doch darüber bitte nicht die „Quintessenz aus La Mettries Lehre“ (von Laska fett hervorgehoben) vergessen und diese beachten, die nämlich darin bestünde, dass [die Schuldgefühle] nicht nur nichts nützen, son-dern, dass sie schaden, …“. Daß Walser Schaden genommen hat, ist klar wie Kloßbrühe – muß das Laska Walser sagen? – Lesen wir weiter: „ … und zwar nicht nur, indem sie ‚Genuss ohne Reue‘ verhindern…“ – darin besteht immer noch ein Schaden –, „… sondern vor allem durch den Vorgang der frühkindlichen Etablierung ihrer Grundlage, des Über-Ichs; …“ Damit der Schaden wirklich effektiv wird, dazu bedarf es eines „eigenen“ Willens, um am Ende „von keiner angebotenen Freiheit Gebrauch machen“ zu können; diesen „Willen“ kann man meinetwegen „Über-Ich“ nennen. Ist es dieser Gedanke – oder nur diese Wortwahl –, die die Differenz zwischen Walser und La Mettrie ausmacht? Ist es „diese Stelle“, wo sich „sich erneut zeigt, dass [Walser La Mettrie] nicht bis zu jener Konsequenz folgt, worin [La Mettrie], wie [Walser] richtig ahnt, ‚nicht übertroffen werden kann‘“? – Die Differenz also besteht – das, was Walser nur ahnt, Laska aber weiß – im Wissen um die „frühkindliche Etablierung ihrer [der Schuldgefühle] Grundlage, des Über-Ichs“. Ich kann mir nicht helfen, ich gebe zu, daß ich Laska nicht mehr folgen kann, daß ich ihn nicht verstehe. Was bitte schön soll Walser daran nicht verstehen? Für Walser, der über die ihn plagenden Schuldgefühle jammert, soll es keine Instanz – nennen wir sie „Über-Ich“ – in ihm selbst gegeben haben? Von dieser soll er nichts gemerkt haben? – Lesen wir also weiter: „…; denn damit verbunden sind psycho-physiologische Veränderungen des Organismus, die wiederum erst Ursache vieler jener ‚bösen‘ Regungen sind, deren späteres Ausleben durch remords meist nicht verhindert wird.“ Jetzt wüßte ich gern mal, wie Walser, der das sicherlich gelesen hat, darauf reagiert hat. Hat er reagiert? – Ich weiß es nicht. Da bin ich, wie Fernandes, auf Walser Notizbuch gespannt. Daß es diese „Veränderungen“ gibt, ist wieder Kloßbrühe. Daß diese Veränderungen nicht nur Schaden anrichten, sondern „‚böse‘ Regungen“ produzieren, ist auch Kloßbrühe. Daß das „Ausleben der ‚bösen‘ Regungen“ nicht von Schuldgefühlen in Schach gehalten werden kann und also „Böses“ – das „viele Böse in der Welt“ – produziert, ist auch Kloßbrühe. Was bitte schön zum Kuckuck soll Walser hier nicht verstanden haben? Was will Laska überhaupt von Walser?Aber woher kommt dann das viele Böse in der Welt, das alle Moralphilosophen umtreibt, wenn nicht vom Gebrauch der ‚Freiheit‘, es zu tun?“ (Das sei „die zentrale Frage“, sagt Laska. Wessen „zentrale Frage“? – La Mettries. Mit ihr ginge, so Laska, La Mettrie über das hinaus, was Walser von La Mettries glaubt verstanden zu haben.) Wir haben gesehen und verstanden, wie das Böse in die Welt kommt. Wir wissen auch, daß es die „Moralphilosophen umtreibt“. Doch dann sagt Laska: Das Böse kommt „vom Gebrauch der ‚Freiheit‘, es zu tun“. Was zu tun? Was ist dieses „es“? – Es ist das „Böse“. Walser will nicht immer dieses präskriptiv-normative „Gute“ tun müssen, weil es ihn daran hindert, er selbst zu sein und seinen eigenen, echten Bedürfnissen und Interessen nachzugehen. Er sagt nicht, daß er deswegen das Böse oder Böses tun will. Er sagt nicht, daß sein Eigner ein Böser oder etwas Böses sei. Er sagt nur, daß die Vorschriften im Gewandte des „Guten“ daherkommen und von diesem ihre Macht über ihn beziehen, welcher Macht er gerne nicht länger unterliegen will. Walser sagt nicht, daß er frei sein will – „angebotene Freiheiten gebrauchen will“ –, um etwas Böses zu tun. Weiß etwa Walser nur nicht, daß er etwas Böses tut? Glaubt er, für ihn Gutes zu tun, tut er dabei aber Böses? Ist es das, was Laska ihm sagen will? Walser ist eindeutig auf der guten Seite, um es ausnahmsweise mal moralisch zu sagen. Doch Laska meint, daß die Freiheit, von der Walser „Gebrauch machen“ möchte, das Böse gebiert. Er sagt, daß „das Böse vom Gebrauch der ‚Freiheit‘, das Böse zu tun, kommt“. Damit hat Laska ja im allgemeinen nicht unrecht: die mittlere, sekundäre reich’sche Schicht sollte keine Freiheit genießen, weil sie viel „Böses“, Destruktives enthält. Aber wieso glaubt Laska, das im besonderen Walser sagen zu müssen? – Ich kann das nicht verstehen. Ich verstehe Laska ganz einfach nicht. Jetzt hätte ich ihn gern hier, mir das zu erklären. Ist etwa wieder einmal – wie schon in Kapitel 8.5.3. Laskas „rationales Über-Ich“ als Rationalisierung des Über-Ichs und aus mangelnder Praxis entstandenes Theorem gesehen – „Einwänden kaum zu begegnen“, die man „aber getrost ignorieren“ kann?“1112 Oder spricht hier nicht eher wieder einmal ein tiefes Mißtrauen, ein überschwerer anthropologischer Pessimismus? Hat Laska Angst? Muß er aus Angst Walser einfangen? Muß er die Welt vor Walser retten? Inwiefern hat Walser, wie Fernands sagt, „die Quintessenz aus La Mettries Lehre übergangen“? – eine Quintessenz, die darin besteht, daß die Schuldgefühle „nicht nur nichts nützen, sondern, dass sie schaden, vor allem durch den Vorgang der frühkindlichen Etablierung ihrer Grundlage, des Über-Ichs; denn damit verbunden sind psycho-physiologische Veränderungen des Organismus, die wiederum erst Ursache vieler jener ‚bösen‘ Regungen sind, deren späteres Ausleben durch remords meist nicht verhindert wird.“1113 – Ich kann mir das noch dreimal durchlesen und durchdenken, ich werde nicht schlau daraus werden. Mit dieser Prozedur [dem Vorgang der ‚frühkindlichen Etablierung des Über-Ichs‘] geht La Mettrie zufolge eine Schädigung der Fähigkeit bzw. ‚Kunst, Wollust zu empfinden‘ einher.“ Wieder nichts, was man uns und Walser erklären müßte. Die „angebotene Freiheit“, von der Walser leider „keinen Gebrauch machen kann“, bezieht sich präzise auf diese „Fähigkeit, Wollust zu empfinden“ – und nicht auf Böses. Wie kommt Laska darauf, es könnte etwas anderes, gar „Böses“ meinen? Wenn man es sich genau überlegt, ist das eine riesige Frechheit. Aber der Gedankengang Laskas geht weiter; vielleicht werde ich jetzt doch noch schlau. Wir kommen auf die obige „zentrale Frage“ zurück, woher das viele Böse in der Welt komme, wenn nicht vom Gebrauch der Freiheit, das Böse zu tun. Laska sagt, Walser „ignoriert diese zentrale Frage“. Ich würde diese Frage auch gern ignorieren, falls ich mich nicht mit Laskas Gedanken auseinandersetzen bzw. ihnen erst einmal folgen wollte. Denn diese Frage ist, wie wir schon gesehen haben, banal und kann ignoriert werden. Warum aber ignoriert Walser sie? Auch, weil sie zu banal ist? Indem Zürn [Walser] diese zentrale Frage ignoriert und La Mettrie stets nur als grossen ‚Befreier‘, als ‚mozartischen Kettenzerbrecher‘, als denjenigen feiert, ‚der die Ketten des Vorurteils und der Schuldgefühle zerbrach‘ (128 ff), macht er diskursiv nicht klar, was er deutlich empfindet: die Singularität La Mettries als, wie er sich ausdrückt, Moralist der höheren Art.“1114 Ah, jetzt beginne ich plötzlich zu verstehen! Man muß eben immer nur ordentlich am Ball bleiben und darf nicht zu schnell aufgeben. Walser ignoriert sie offenbar – falls das stimmt –, weil sie zu theoretisch ist bzw. weil ihm diese Theorie falsch erscheint, obwohl er sie ja dann auch wieder mit jenem „Moralisten der höheren Art“, der La Mettrie ist oder sein soll, bestätigt – Walser schwächelt dann wohl und wird theoretisch inkonsequent. Darauf sind wir schon in diesen Kapiteln eingegangen: 8.5.3.2. Exkurs: methodologische Probleme mit Abstraktionsebenen und 8.5.3.2.1 Exkurs im Exkurs: Christian Fernandessens (und La Mettries?) Idee von der „tugendhaften Lust“. Jetzt verstehe ich endlich, was Laska Walsern vorwirft bzw. was Walser an La Mettrie nicht versteht!: Walser sieht La Mettrie nämlich „nur“ als Befreier bzw. als Helfer, von dem er „darin bestätigt“ wird, „nicht mehr dem ‚Guten‘, sondern sich selbst zu folgen“, wie ich oben schrieb. „Diese Bestätigung und der neu geschöpfte Mut sind Laska aber nicht genug.“ Walser soll La Mettrie nicht „nur“ als Befreier, er soll in ihm mehr erkennen. Walser soll nicht praktisch werden, weil das ja nur das Böse gebiert – Walser soll Laska stattdessen auf eine höhere Ebene folgen, die natürlich eine theoretische ist. Walser soll La Mettries Begriff „Moral der Natur“ „näher bestimmen“1115. (Ob das überhaupt wirklich ein la-mettrie’scher Begriff ist, darauf sind wir bereits im Kapitel 8.5.3.2.1 Exkurs im Exkurs: Christian Fernandessens (und La Mettries?) Idee von der „tugendhaften Lust“ eingegangen.) Jetzt weiß ich, was Laska überhaupt von Walser will – er will ihm auf den Sack, nein, auf etwas Höheres, auf den Geist gehen. Was nun würde Laska gereichen, damit er Walsern als lamettristich vollwertig ansehen würde? Was macht er „diskursiv nicht klar“? Was „empfindet Walser nur deutlich“ („ahnt“, würde Fernandes sagen), was Laska weiß? Was macht es aus, daß La Mettrie ein „Moralist der höheren Art“ ist? Walser soll La Mettrie nicht nur als Befreier betrachten, sondern „die Singularität La Mettries diskursiv klarmachen“. Wie ginge das? – Indem Walser anerkennen und erkennen würde, daß mit den Schuldgefühlen „psycho-physiologische Veränderungen des Organismus [verbunden sind], die wiederum erst Ursache vieler jener ‚bösen‘ Regungen sind, deren späteres Ausleben durch remords meist nicht verhindert wird“. Damit rennt Laska aber bei Walsern wieder offene Türen ein. Nichts davon hat Walser nicht verstanden. Alles ist klar wie Kloßbrühe. Walser „empfindet“ das nicht nur, er weiß es. Ich habe aber langsam meine Zweifel daran, ob Laska überhaupt weiß, was er sagt. Mein Verdacht ist, daß Laska nicht mag, daß La Mettrie für Walser ein Befreier ist. Das sei nicht genug, sagt Laska. Da aber alles darüber Hinausgehende banal und durchaus etwas ist, das Walsers Position sehr wohl beinhaltet, bleibt für mich nur der Schluß übrig, daß Laska krampfhaft einen Grund finden muß, um an Walser herumkritteln zu können. Er kann es einfach nicht verknusen, daß Walser von „von einer angebotenen Freiheit Gebrauch machen“ und kein „Gefangener des Guten“, also der Schuldgefühle, sein möchte. Für Laska „ist ja keineswegs klar, [was] ‚rationaler Mensch‘, ‚Autonomie‘ und ‚ges. Zwang‘ meinen, und schon gar nicht, dass und warum das ‚besser‘ ist als ‚irrat., Hetero., Freih.‘)“1116, wie wir bereits im Kapitel 8.5. Selbst bei der philosophischen Herangehensweise zur Eigner-Stärkung kommt es bei großer Ich-Schwäche zu Schwierigkeiten. Laska vorbildlich in der prinzipiellen Herangehensweise – doch trifft dann auf nichts Eigenes. Laskas Überlegungen, sich praktisch einem Verfahren der „Selbstermächtigung“ zu unterziehen erfahren haben. Wir müssen das alles jetzt noch mal verdeutlichen: Laska hatte Adorno zitiert: In ihren heroischen Zeiten hat die Freudsche Schule, darin eines Sinnes mit dem anderen, aufklärerischen Kant, die rücksichtslose Kritik des Überichs als eines Ichfremden, wahrhaft Heteronomen, gefordert...“ : Das, was Adorno hier sagt, hebe ich noch einmal kursiv bei Laska hervor und auch die Abkürzungen auf: Für Laska ist […] schon gar nicht [klar], dass und warum das ‚besser‘ ist als ‚irrational, Heteronomie, Freiheit‘.“ Laska hat gar keinen Grund, frei sein zu wollen! Walser dagegen will „von den angebotenen Freiheiten Gebrauch machen“ und wird dafür seine Gründe haben. Er sagt sie zwar hier nicht, aber sie werden im Bereich des Genusses und des lebendigen Eigners liegen. Für Laska ist das Eigene ja eigentlich auch gar nicht da; er fragt sich, ob „das oft beschworene ‚Eigene‘ nicht sowieso nur – wie die ‚Gene‘ – eine einzigartige Mixtur aus ‚Fremden‘ ist“1117, wie wir auch in Kapitel 8.5. bereits gesehen haben. Laska fragt sich ja, „warum man das überhaupt ‚will‘: ‚das Fremde‘ aus sich wieder [herauszubekommen]“1118. Laska glaubt Walsern was von der „Quintessenz aus La Mettries Lehre“, von der „zentralen Frage“ und vom „Über-Ich“ erzählen zu müssen und davon, daß die Schuldgefühle eine „Grundlage“ haben: nämlich das Über-Ich. Das hätte Walser nicht verstanden. Aber Laska selbst stochert nur hilflos in sich herum: „Wessen Überich meine ich eigentlich?, [das] mich daran hindert zu tun, was ich ‚will‘?“ (um schließlich zu dem verblüffenden, dem Faß den Boden raushauenden Ergebnis zu kommen, daß es „gar nicht mein Überich [ist], das mich stört, sondern das/die der Anderen?“ – Vielleicht auch noch das von Walser? Doch dieses völlig verrückte Faß machen wir jetzt nicht noch einmal auf). Walser ist Laskan etliche Meilen voraus, wenn es um „Selbstermächtigung“ geht (individuelle und kollektive). Walser will „von angebotenen Freiheiten Gebrauch machen“, also sich befreien. Er weiß, worum es bei ihm geht, er ist als Ich also schon einmal da. – Von all dem kann bei Laska überhaupt keine Rede sein. Er zweifelt das alles an, zieht es aber auch noch mit einem „nur“ herunter, weil er nicht mehr an sein nicht-existierendes Ich erinnert werden möchte: „[Walser ignoriert] diese zentrale Frage und [feiert] La Mettrie stets nur als grossen ‚Befreier‘.“ Befreiung gibt es für Laska nur in Gänsefüßchen. – Darin liegt der Grund, warum Laska Walser belehrmeistert und ihn vom Realen weg zurück auf die theoretische Ebene einfangen will, wo dieser angeblich Nachholbedarf hat, den Laska nun mit einer „fundamentalen Kritik“1119 glaubt erfüllen zu müssen. Nichts, was Walser bei La Mettrien nicht verstanden hätte, alles ist theoretisch klar wie Kloßbrühe – Laska sollte sich eher bei Walsern ein paar praktische Scheiben abschneiden und sich von dessen emanzipatorischem élan vital inspirieren lassen. Wenn wir wieder bei der Kloßbrühe angelangt sind, fangen wir an, uns im Kreise zu drehen. Anstatt Laskas krampfhafte Gedanken noch länger hin und herzuwälzen, komme ich lieber auf mein Thema zurück, das ein ganz anderes ist und dem Laska mit dem übertheoretisch-banalen Irrsinn ausweicht: die Teilung der Schuldgefühle in familieninduzierte, sexbezogene und sex-repulsierende Schuldgefühle und politische, staatlich, schulisch, kulturell und medial induzierte Schuldgefühle. Davon liest man bei Laska kein Sterbenswörtchen. Beide Arten Schuldgefühle betreffen die Verhinderung des Eigners: im ersten Falle eher den individuellen Eigner, im zweiten Falle eher den kollektiven Eigner. Walser teilt die Schuldgefühle – im Gegensatz zu Laska, der die zweite Gruppe ignoriert – nicht und bekämpft beide. Er handelt nach der Devise „Schuldgefühle sind unteilbar!“ Walser bekämpft beide Schuldgefühle als Verhinderer des Eigners. Bezüglich der ersten Gruppe wissen wir nichts darüber, wie er vorgegangen ist, wie er versucht hat, sich dieser Art Schuldgefühle zu entledigen und „die Ketten der Schuldgefühle zu brechen“. Wir wissen nur, daß er La Mettrie als Beistand, Bestätiger und Mutmacher gefunden und benutzt hat, auf daß er gegen das „Gute“ endlich „von angebotenen Freiheiten Gebrauch machen kann“ (aber nicht, um „Böses“ zu tun! Hat Laska etwa nicht begriffen, daß Walsers „Gutes“ das Böse, besser und unmoralisch gesagt: Eignerzerstörende ist?) Da für Walser die Schuldgefühle nicht teilbar sind und er ein Pan-Antikulpabilist ist, hat er sich auch in Hinsicht der „politischen“ Schuldgefühle befreien wollen. Die Frage, ob er auch da La Mettries Unterstützung benötigte, läßt Fernandes offen; ich denke, nein, weil die „politischen“ Schuldgefühle in der Tat nicht so tief sitzen wie die anderen – aber von ichlosen Ultra-Angsthasen bewußt verdrängt werden. Walser ist in nichts Laskan theoretisch hinterher, aber praktisch vornweg: Er geht die Entfernung aller Schuldgefühle aktiv an, will die von diesen verursachten Schäden beheben und eine Befreiung bewirken, egal, auf welchem Gebiet. Laska weiß um sein Defizit; deswegen muß er Walsern sagen, daß er nicht radikal genug sei. Laska ist nur schein- und alibiradikal, um von der tatsächlich mangelnden Radikalität abzulenken. Er zerrt Walsern auf eine Ebene hinauf, die weder theoretisch noch praktisch relevant, wo sich aber theoretisch selbst in den Schwanz gebissen wird („das Böse kommt vom Gebrauch der Freiheit, das Böse zu tun“ – besser hätten es Leszek Ko?akowski, Roberto Calasso, Karl Joël, Ludwig Klages und Hans Heinz Holz nicht sagen können, wie wir in Kapitel 10. LSR: Lob für literarischen Genuß. Kritik wegen Verzichts auf ein Verfahren zur „Selbstermächtigung“. Fazit sehen werden). Dieses Hinaufziehen auf eine höhere Ebene dient nur dazu, Walser von der Praxis abzubringen, ihn in eine fruchtlose Diskussion zu verwickeln, die Kloßbrühe zu trüben und von Laskas Passivität abzulenken. Und am Ende seines Walser-Aufsatzes kommt Laska dann prompt wieder worauf zu sprechen? – Sie ahnen es schon, lieber Leser, ich weiß: auf die Prophylaxe! „Befreiung vom Über-Ich gelingt selten. Deshalb liegt alle Hoffnung in der Prävention.“1120 – Immer, wenn er nicht mehr weiter weiß – wenn er an die Grenze zur Praxis stößt! –, weicht er in eine „Prophylaxe“ aus. Das ist bei ihm ein feststehendes Muster, man möchte als Reichianer sagen: Charakter. Man könnte die reich’sch-baker’sche Charakterologie um einen Charakter erweitern: der theoretisch-passive bzw. theoretisch-aktive Charakter. Dem aktiven und praktischen Walser sei posthum und als träumender Übergang in den Tod sein „drastischer Rückfall“ (Laska) zu Blaise Pascal gegönnt. Dem radikalen Praktiker Laska, der von seiner Großspurigkeit nichts merkt, fällt dazu ein, dem armen Trottel Walser ein La-Mettrie-Zitat hinterherzuschicken: „Man entledigt sich nicht auf blosse Lektüre hin jener Prinzipien, die einem so selbstverständlich sind, dass man sie für natürliche hält.“1121 Das sagt der Richtige! Der, der es verabsäumt, die „Prinzipien“ auf allen Gebieten wirklich anzutasten, stattdessen Zuflucht in ein „rationales Über-Ich“ nimmt und in eine „höhere Moral“ zurückfällt. (Ende Exkurs im Exkurs Teilbarkeit der Schuldgefühle) Es gab bei den 68ern aber auch Ausnahmen wie beispielsweise Reinhold Oberlercher und Horst Mahler. Aber hier machten es sich Laska und andere kritische, aber politisch passiv bleibende 68er zu leicht: „Das sind ja keine Anarchisten, also sowieso schon mal alt-hegelianische und rechts-marxistische Idioten.“ Auch ich habe große Differenzen mit ihnen. Aber sie taten etwas, das mir enorm gefallen hat. Man hätte sich ja von deren rationalen Kern, nämlich der Widerstand gegen die Auflösung des Kollektiven, inspirieren lassen und es besser, jedenfalls auf seine Art und Weise machen können. Das blieb aus; es hätte ja ein Zacken aus der Krone brechen können. Stattdessen wirkte Laska immer pikiert, wenn er mit den Mißständen konfrontiert war, die auch er nicht länger ignorieren konnte. Ich vermute, darüber heult er sich im Briefwechsel mit Schmitz aus. Laska macht, wie wir gesehen haben, aus „Selbstermächtigung“ – also dem edelsten und schönsten Gedanken, auf den Menschen gekommen sind – ein Umerziehungsprogramm für „die anderen“, vorzugsweise für Atheisten. Das muß man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen! Soweit abgekommen sind wir also vom Stirnerismus – ausgerechnet mit dem eigentlich stirneraffinsten und stirneraffirmierendsten Experten Laska! Aber wir sind ihm – weil er ja auch unfreiwillig recht im Unrecht hat – auf das soziale Gebiet gefolgt. Auch wenn es uns um das Individuelle und die eigene „Selbstermächtigung“ geht – die Frage, wie wir uns mit uns „behelligenden Atheisten“ verhalten, ist und bleibt natürlich unabhängig von Laskas Resignation als Selbstermächtiger eine triftige Frage. Auf diese bin ich in meinem Buch „Pan-Agnostik“ eingegangen. Es läuft, um den „fürchterlichen lebenspraktischen Resultaten“ vorzubeugen, dabei darauf hinaus, kluge Strategien und Taktiken zu entwickeln, auf die einzugehen hier nicht der Ort ist. Zurück zum Sozialen: Immerhin muß man Laska zugutehalten, daß er mitunter gegen die politische Korrektheit verstieß – aber natürlich nie so, daß er nicht weiter bei anderen publizieren konnte. Er konnte sich über andere 68er und Anarchisten wie Hansjörg Viesel schadenfreudig lustig machen, denen „durch [ihren] ‚Anti-Faschismus‘ Schranken gesetzt“1122 seien. Einmal allerdings gerät Laska dabei an den Falschen, beißt er gerade auf einen Publizisten ein, der weit mehr als er, nämlich permanent und offensiv, gegen die political correctness verstößt: auf den uns gleich im Zusammenhang mit der „Praxis“ interessierenden Fritz Erik Hoevels. Laska unterstellt Hoevels „kaum verständliche, wahrhaft blinde, nämlich selbst grobe Unterschiede nicht mehr wahrnehmende Wut“, wenn Hoevels angeblich „Platon und Kant in eine Reihe mit ‚jedem Religiösen‘ und – ogott – ‚jedem klassischen Faschisten‘ und – ogottogott – ‚deren 'politisch korrekten' Geistesnachfahren der Gegenwart‘ stellt; ebenso den kreuzbraven Popper neben den erzbösen Rosenberg.“1123 Laska behauptet: „Hoevels macht es wie viele ‚gute Demokraten‘: statt zu begründen schwingt er eifrig die sog. Faschismuskeule.“ – Hoevels tut das überhaupt nicht! „[Hoevels] zeigt dadurch, wie sehr er selbst mit jener üblen political correctness operiert (die eigentlich, dies am Rande, wegen der ihr inhärenten Heuchelei incorrectness heissen müsste, denn nichts an ihr ist korrekt, richtig, einwandfrei).“1124 Laska kommt hier in eine Rage, die der political correctness gelten soll, mit der er aber einen gänzlich Falschen in Verbindung bringt. Dieser, Hoevels, verschont aber Laska in seiner, an dieser Stelle, unaufgeregt-souveränen Erwiderung großzügig und spricht – auch bei Laskas „Wortgestik (‚ogott! – ogottogott!‘)“ – von einem nur „mittelschweren Fehler“1125. Meines Erachtens rührt Laskas Rage, die Hoevels ruhig-großzügig übergeht, daher, daß er sich von der political correctness unterdrückt fühlt, aber viel zu wenig gegen sie getan hat. Es ist also auch ein – berechtigtes – Schuldgefühl (hier haben wir es tatsächlich mal mit so etwas wie einem „rationalen Über-Ich“ zu tun, auf das er nicht hört). Wir vom Verlag der Freunde1126 hatten seinerzeit mit Hoevels kooperiert, hatten ihn auch in Freiburg besucht. Er glaubte sich damals uns gegenüber als Juden outen zu müssen – aber das bleibt einem gesonderten Psychogramm, einer ganz eigenen „Psychoanalyse“ vorbehalten. Laska, dem, mit Stirnern, das „Heilige“ zu dekonstruieren so teuer ist, hat in diesem Satz in seiner Rororo-Reich-Monographie wenigstens ein kleines bißchen das heutige „Heilige“ angegriffen: „Der temperamentvolle Bauernsohn [Friedrich Kraus1127] war areligiös, nicht nationalistisch, ohne militärischen Rang und weder anti- noch philosemitisch.“1128 – Ich hatte ihm dazu gratuliert, worüber er sich freute: „Es hat also jemand meinen Hinweis vernommen.“1129 Aber öffentlich wollte er dennoch nichts mit mir Schmuddelkind zu tun haben; meine nicht wenigen Rezeptionen und Rezensionen seiner Texte und alle meine LSR-affinen Texte blieben bei ihm unerwähnt, wo er doch in der ihm eigenen Extensivität alle möglichen Leute erwähnte. Das waren aber nur solche, die er kritisieren konnte. Positives – ich erachte mich im Zusammenhang mit LSR als positiv – vermeldete er selten. Ich war ihm wohl nicht seriös genug. Meine Hauptarbeit, nämlich die am Institut für Tiefenwahrheit, überging er erst recht komplett und erkannte darin nichts LSR-Relevantes. Es gibt heute – was die Fortsetzung der stirner’schen Arbeit anbelangt – überhaupt nichts Wichtigeres als die Tiefenwahrheit. Das nicht erkannt zu haben, damit hat sich Laska leider blamiert. Wahrscheinlich hat er mich ungeprüft als einen dieser Wahrheitsapostel abgelegt, die heutzutage so hoch im Kurs stehen. Aber die Tiefenwahrheit hat nichts mit der „Truther“-Bewegung zu tun. Sie ist nicht nur viel älter als diese, sie unterscheidet sich radikal von dieser, weil sie nur die individuelle, subjektive und innere Wahrheit zum Thema hat, und die „Truther“ ausschließlich auf äußere „Wahrheiten“ fokussiert sind. Nicht nur, daß die „Wahrheiten“ der Truther nur äußere Wahrheiten sind – meine Wahrheit ist nicht nur eine innere, sondern darüber hinaus eine tiefe. Um diese eigentlich einzig zählende Wahrheit machen die Truther einen großen Bogen. Den habe ich wiederum um die äußeren Wahrheiten, wenn sie wirklich wichtig waren, nicht gemacht, obwohl nur sekundär an diesen interessiert. Dabei mußte ich heißen Eisen anfassen – was man von großmäuligen „Truthern“ nicht erwarten darf. Immerhin löschte mich Laska als Schmuddelkind nicht aus seinem Gästebuch, obwohl er durch Einträge anderer Gäste etwas unter Druck geraten sein könnte: „M.E. war Stirner kein Anti-Semit. Ich möchte mich insoweit von Herrn Töpfers Ansichten distanzieren. P.S. Ich habe nicht alles gelesen, was Herr T. hier eingetragen hat. ‚Nationale-Anarchie‘ hört sich grausam an.“1130 Und immerhin hat er das Zusenden eines Zeitungsartikels unter Nennung meines Namens quittiert.1131 Es verwunderte mich aber, daß er mich eines Tages in Berlin besuchte und mich fragte, ob ich mir vorstellen könnte, daß ich den LSR-Verlag weiterführe. Er suchte also schon damals nach einem Nachfolger für die Leitung seines LSR-(Verlags-)Projektes. Das muß so um das Jahr 2004 gewesen sein (2006 nahm ich an der Holocaust-Konferenz von Teheran teil1132; danach wird es nicht mehr gewesen sein, denn da war ich eindeutig und vollends verschlissen; der LSR-Verlag wäre zerstört worden). Ich war selbst Verleger gewesen1133, und so hielt Laska mich also auch von daher – neben meiner großen LSR-Begeisterung – für die Weiterführung seines Verlages für geeignet. Vielleicht hielt er mich doch nicht für ein so großes Schmuddelkind oder für doch nicht so kompromittiert, obwohl ich ja von Medien eindeutig als Bösewicht ausgemacht worden war1134 und auch vom Verfassungsschutz als „verfassungsfeindlich“ beobachtet wurde1135. Das schien ihn nicht zu stören. Oder hatte er es nur ausgeblendet? Ich habe das Angebot aus folgenden Gründen nicht angenommen: Ich konnte die Verantwortung für so ein wertvolles Verlagsprojekt nicht übernehmen. Ich war nicht kompetent genug oder wirklich dafür geeignet. Es war eben – trotz der Begeisterung – nicht wirklich ganz meine Sache. Ich hätte das Projekt nicht neben meinen eigenen Projekten betreiben können, hätte mich ihm ganz widmen müssen – und hätte der Sache am Ende doch nicht genügt. Ich war 1997 als Ko-Verlagsinhaber beim Verlag der Freunde (VdF1136) ausgestiegen und arbeitete dort nur noch als freier Mitarbeiter. Auch dieses Verlagsprojekt war – obwohl ich auch dort mit Begeisterung beteiligt war – nicht wirklich mein eigenes Projekt, und so wollte ich mir jetzt kein neues Fremdprojekt aufhalsen, sondern mich ganz meinen eigenen Projekten widmen. Bei Christian Fernandes ist LSR jetzt in tausendmal besseren Händen (womit ich nicht sagen will, daß Fernandes LSR nicht zu seinem Projekt machen und sich dieses nicht aneignen soll). Zuletzt hatte ich mit Laska telefonischen Kontakt1137, als ich bei ihm anfrug, ob ich ihn video-interviewen dürfe; er lehnte freundlich ab, sei ein Mann des Textes. Die Neue, das Emotionale einbeziehende Aufklärung wird tatsächlich nicht nur auf individueller Ebene auch von Wilhelm Reich und seiner Integration, wie er sagte, „faschistischer“ Inhalte lernen können. Reich macht dazu in seiner „Massenpsychologie des Faschismus“ wunderbare Vorschläge.1138 (Abb. aus: Reich: Faschismus, S. 105; Erika1139; Ye HH: Freude Tabubruch – Mund halten1140) Obwohl ich mich sozial und politisch, also kollektivemanzipatorisch engagiert habe, bleibt eindeutig das Individuelle mein Arbeitsschwerpunkt. Der Beweggrund liegt in der Betroffenheit, aber einen Kollateralnutzen davon hat das Soziale. Das Individuelle ist aber auch insofern wichtiger als das Soziale, weil dieses im Individuellen seine Basis hat. Aber das kann keine Ausrede dafür sein, sich nicht sozial zu engagieren und sich vornehm herauszuhalten, denn wenn das Kollektiv verschwindet, verschwinde auch ich, und wir brauchen nicht weiter an eine „individuelle Ermächtigung“ zu denken; die hat sich dann erledigt. Also gehen spätestens im Krisenfall – und der liegt eindeutig vor – individuelle und kollektive Empörung einher. 8.5.10. Laskas Rückzug in den philosophischen Elfenbeinturm als Ausdruck der Flucht vor sich selbst und des Ich-Verlusts. Letzte Ich-Äußerung (siehe das „Pfeifen auf dem letzten Loch“ im II. Teil dieses Buches) Eigentlich ist Laska vor beidem ausgewichen: Vor dem Individuellen und dem Sozialen. Er ist vor der Frage der Effizienzsteigerung der „individuellen Selbstermächtigung“ in die Prophylaxe und ins Soziale ausgewichen; jetzt hat er seine Ruhe davor. Sein Tätigkeitsfeld ist nur noch der philosophische Elfenbeinturm – der „LSR-Schreibtisch“ (Nasselstein) –; dort aber hat er gute Arbeit geleistet. Bei der individuellen Selbstermächtigung hat er resigniert. Sein Selbst besteht nur noch aus der Kritik an LSR-Verleugnern und aus der philosophischen Behauptung gegen LSR-Gegner. Dabei gibt er ein sehr ernüchterndes Bild ab; er glaubt an nichts mehr. Laska hatte weiter oben im Brief an Prütting die Frage gestellt, ob es möglich sei, „über das Eigene zu verfügen“ – und, wenn ja, „in welchem Maße“. Schon im übernächsten Satz (nachdem er sehr gut nach dem „warum“ eines überich-zerstörenden Verfahrens gefragt hat1141) gibt er die Antwort: „Ich glaube also nicht, daß ein Mensch über sein Super-Ego / Über-Ich (das sich nach meinem dritten ‚Helden‘, Wilhelm Reich, im ‚Charakter[panzer]‘ […] manifestiert) verfügen kann.“1142 Einmal bezieht sich das „Verfügen“ auf das Eigene, und dann auf das Über-Ich. Das ist nur scheinbar widersprüchlich und hat seine Logik, denn wenn ich über mich selbst verfüge, kann ich im selben Moment auch schon darüber verfügen, daß das Fremde aus mir verschwinden soll – das ist „funktionell identisch“. Ich verfüge dann sehr wohl auch über mein Über-Ich: Meine Autonomie verfügt: Weg mit dir, Über-Ich! Laska aber verfügt über gar nichts mehr: weder das Eigene und folglich auch nicht mehr – im emanzipatorischen Sinne – über das („irrationale“) Über-Ich. Das ist das Enttäuschende: Er „glaubt“ generell nicht an das „Verfügen“: „Ich glaube also nicht, daß ein Mensch über sein Über-Ich verfügen kann.“ Warum gibt es denn dann überhaupt jenen Imperativ?: Das Über-Ich gehört zerstört! Napoleon ruft zur Schlacht – und kehrt heim mit wunden Pimpeln. (Was ist jetzt überhaut aus dem „rationalen Über-Ich“ geworden? Über das wird er doch wenigstens noch verfügen. Sollte sich seine Verfügungsgewalt darauf beschränken?) Warum ist Reich aber überhaupt Laskas „‚Held‘“? Deuten seine Gänsefüßchen an, daß er auch nicht mehr so richtig an seinen Helden glaubt? – Das wäre dann, bei so einem Nicht-Glauben an die Verfügbarkeit über Ich und Über-Ich, nur zu logisch und konsequent. Vielleicht liegt es aber auch daran, daß Reich tatsächlich ein schlechter Gewährsmann für die Zerstörung des Über-Ichs, d.h. für die Unterwindung der Entfremdung und die Wiederaufrichtung des Eigners ist. 8.5.11. Laskas Ausweichen in die Theorie – seine Kontroverse mit Fritz-Erik Hoevels um die „Praxis“ Laska weicht also vor der Praxis aus und zieht sich in die Bücherstube zurück (was er Marx zum Vorwurf macht, doch dazu gleich). Dieses Ausweichen ähnelt auf dem ersten Blick dem angeblichen Ausweichen Stirners vor der Praxis, das der Spätfreudomarxist – aber wohl auch irgendwie Stirner-Fan – Fritz-Erik Hoevels Stirnern vorwirft. Laska zeigt in einem wie gewohnt exzellenten Aufsatz1143 die Widersprüchlichkeit Hoevels sehr gut auf. Laska zeigt auch sehr gut, daß diese vermeintliche Praxisfreundlichkeit Hoevels‘ nicht nur eine „Fetischisierung“ von Praxis – eine Art Praxis um der Praxis willen – und ein „Aktivismus“ ist, sondern daß diese „Praxis“ eine absolut negative und eignerfeindliche, weil marxistisch inspirierte Praxis ist. Man sieht sofort, in welche „Richtung“ einer „gesellschaftlichen Veränderung“ es bei Hoevels geht. Laska nennt es ein „leninistisches Programm zur Herbeiführung einer Gesellschaft, in der es ‚eine möglichst aufgeklärte Mehrheit‘ geben wird: ‚Der Weg dorthin ist nur unter einer radikal aufgeklärten und sehr entschlossenen Führung möglich.‘ […] Und genau dieses ‚gigantische technisch-praktische Problem‘, klagt Hoevels vorwurfsvoll, ‚kümmert Stirner herzlich wenig, geradezu kindisch wenig.‘ Hätte Stirner seinen Zeitgenossen oder den Späteren eine Anleitung liefern sollen, wie man die Macht im Staate an sich reissen kann?“1144 – Laska nennt das „großspuriges Gerede“. Natürlich und gottseidank kümmert das Stirner wenig! Es ist schwierig, dem Kommunisten Hoevels eine stirneristische Inspiration zugutezuhalten, aber wir wollen ihm – in seiner Ambivalenz – das mal zugestehen. Doch selbst für diesen Fall hat Laska recht: Der hoevels’sche „Aktivismus“ sei obendrein auch noch „illusionär“. Bloße politisch-soziale Veränderungen ziehen überhaupt nicht Veränderungen im Sinne des Eigners nach sich, wie sich das der marxistische Dialektiker Hoevels vielleicht vorstellt, der eine „mirakulöse Verwandlung der Menschen erträumt (Parole: ‚Das Sein bestimmt das Bewusstein‘).“1145 Selbstverständlich bewirkt eine kommunistische Veränderung der Verhältnisse auch auf individueller Ebene Veränderungen – das ist ja leider angesichts der Millionen Opfer des Kommunismus überhaupt nicht zu übersehen –, aber sie führt eben zu keiner Veränderung im Sinne des Eigners. Ganz im Gegenteil: Schon Stirner selbst hat ja im Kommunismus den ärgsten Feind des Eigners erkannt. Jetzt kann man aber Hoevels schwerlich vorwerfen, ein Mechanist und dumm zu sein. Er weiß eigentlich, daß das mit der Dialektik allein nicht funktioniert (und wirft sicherlich „Betonkommunisten“ mindestens eine „Vulgärdialektik“ vor), denn sonst würde er ja nicht als Psychoanalytiker arbeiten. Wie es dem Dialektiker Hoevels gelingt, das Vertrauen in die sozial-individuelle Dialektik dann doch zu verlieren und praktisch der Veränderung auf individuellem Gebiet – und damit wohl der Dialektik – etwas nachzuhelfen, soll aber seine Sorge sein und braucht uns nicht weiter zu interessieren. Hoevels weiß jedenfalls – wir unterstellen ihm immer noch (wie das auch Laska tut) eine gewisse Stirner-Affinität –, daß der Eigner ganz und gar nicht durch eine soziale Revolution entsteht, weil nämlich der Nicht-Eigner tief in der Seele verankert ist (Laska würde, mit Hoevels, sagen: „weil der Eigner vom Über-Ich zerstört wird“). – Deswegen ja Hoevels‘ theoretischer Freudomarxismus und seine Praxis als Psychoanalytiker. Und an dieser Stelle ist Hoevels scheinbar Stirnern – und damit Laskan – gegenüber im Vorteil, weil er sich ja tatsächlich um eine Praxis kümmert und wenigstens eine solche anbietet. Aber noch hängt das davon ab, um was für eine Praxis es dabei geht. Und damit kommen nun wieder Stirner und Laska Hoevels gegenüber in den Vorteil, als daß diese hoevels’sche Praxis natürlich genauso „illusionär“ ist wie Hoevels‘ – obgleich doch nicht so gefestigter – Glaube an die sozial-individuelle Dialektik: Nicht nur die kommunistische Revolution, auch die Psychoanalyse bewirkt überhaupt nichts im Sinne des Eigners, und wenn doch einmal ein Quäntchen, dann weil ein Psychoanalytiker etwas von einem Wahrheitsbegleiter hat analog etwa zur – im sozialen Bereich – Praxis der Mitbestimmung in einem Betrieb: Auch da gibt es ein Quäntchen an Eignerschaft. Man soll ja nicht alle über einen Kamm scheren. Aber ob nun gerade Hoevels ein solcher ausnahms- und ansatzweise guter Psychoanalytiker ist? Dazu müßte man mal einen Blick in seine Zeitschrift System ubw1146 werfen. Obwohl es dort prominent heißt: „Die Psychoanalyse muß kein Geschwätz sein“, nehme ich mir aber mal die wohlbegründete Freiheit, darauf zu verzichten und ein psychoanalytisches Wirken Hoevels im Sinne des Eigners stark anzuzweifeln. Psychoanalyse ist Geschwätz, mit dem man sich, wenn man am Wiederherstellen des Eigners interessiert ist, nicht zu beschäftigen braucht. Erst recht, wenn sie hoevels’scher Provenienz ist. Von Leuten wie Hoevels, denen es im Sozialpolitischen nur um die Macht – die Macht um ihrer selbst willen – geht und darum, diese dem Feind „zu entreissen und in jedenfalls bessere, und sei es nur halb so gute, Hände zu legen. Danach kann man immer noch weiter sehen“, die also im Sozialpolitischen dermaßen grob sind, von denen kann man im Individuell-seelischen nichts erwarten. Daß Hoevels dann tatsächlich keine Ahnung davon hat, was Seele, Bewußtsein und Eigenheit überhaupt sind, zeigt er mit diesem Halbsatz:[…] nachdem [Stirner] mit intellektuellen Mitteln, also blossen Ichleistungen und nicht psychoanalytischen, sozusagen psychogenetischen, Einsichten die Erkenntnis vom Fetischcharakter der Moral gelungen war, […]“1147 Ich bestreite nicht, daß Stirner auch intellektuelle Mittel angewandt hat – und wie! –, aber darauf hat es sich doch nicht beschränkt. Er hat auch nicht den „Fetischcharakter der Moral“ erkannt, sondern – da bleibe ich Hoevels zuliebe mal im Jargon seiner Psychoanalyse – hat sein Ich in beachtlichem Maße durchgesetzt, sein Über-Ich in einem beachtlichen Maße zerstört und das anderer zu deren Entsetzen systematisch durch den Kakao gezogen. Aber Hoevels ist weit entfernt von einer Zerstörung des Über-Ichs, ihm geht es nur um „Erkenntnis“. Aber welche Erkenntnis überhaupt? Erkenntnis – vorzugsweise über sich selbst – wäre ja mal nicht so verkehrt. Aber bei Hoevels ist es die „Erkenntnis vom Fetischcharakter der Moral“! – Das soll Bewußtsein von sich selbst sein? Das soll überhaupt etwas mit dir selbst zu tun haben? Das soll dein Eigner sein? Nein, natürlich nicht – Hoevels weiß ja gar nicht, was ein Eigner ist. Wenn es dir „gelungen“ ist, den „Fetischcharakter der Moral“ zu „erkennen“, bist du vielleicht ein braver, gelehriger Schüler, bekommst du für „wiederholtes Durchgehen“ (religere) eine gute Note in altaufklärerischer und psychoanalytischer Religion, aber dann hast du nichts von einem Eigner und auch von Stirner und Autonomie keine Ahnung. Dann bist du gerade mal fremdgesteuert – von Karl Marx wahrscheinlich gehackt. Es waren ja eben nicht nur „intellektuelle Mittel“, die an der Schleifung des Über-Ichs beteiligt waren, sondern Stirners ganzes Ich und Es haben das mit Denken und Jauchzen bewirkt. Aber das zu verstehen, wäre nun wirklich zu viel von Hoevels verlangt, er ist noch mit seiner „Erkenntnis vom Fetischcharakter“ beschäftigt. Aber selbst, wenn es nur „intellektuelle Mittel“, die zu einer „Erkenntnis“ geführt hätten (und nicht etwa ein Ich, das zu einer fühlbaren Befreiung von einem Über-Ich etwas getan hätte), gewesen wären, waren diese „intellektuellen Mittel“ „blosse Ichleistungen“. Das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen und kursiv setzen: „blosse Ichleistungen“. Hoevels denunziert doch tatsächlich die stirner’sche „Leistung“, Stirners völlig neuartige, nämlich strengst subjektive und nur von sich ausgehende und keinerlei Fremdsteuerung duldende Herangehensweise als „blosse Ichleistungen“ – als genau das, was Stirner erst und gerade ausmacht. Selbst wenn er das nicht denunzieren würde – Hoevels beweist damit, daß er Stirner nicht verstanden hat. Man könnte nämlich auch sagen, Hoevels bestaunt und bewundert es, daß Stirner es doch glatt in Eigenleistung geschafft hat, etwas zu „erkennen“ (sich zu befreien, versteht Hoevels nicht). Er ist überrascht davon. Er sieht es also irgendwie, aber kommt nicht auf die Idee, darin Stirners eigentliche Qualität zu sehen und Stirner also wirklich zu verstehen. Stirner hat das doch tatsächlich auf ganz eigne Weise, seine Weise getan und brauchte dazu schon gar nicht und erst recht keine „psychoanalytischen Einsichten“! Da hat doch dieser Schlingel es also tatsächlich „psychogenetisch“ getan, also ganz alleine aus sich selbst heraus? Na so was aber auch! Seine Einsichten entsprangen also ihm selbst und wurden ihm von niemand anderem erzählt und vorgesagt, nicht einmal von einem schlauen, „deutenden“ Psychoanalytiker wie Hoevels?! Das gibt’s doch wohl nicht! Werden gar am Ende vielleicht keine Psychoanalytiker mehr zur Rettung der Welt gebraucht? – Undenkbar. Es muß doch wohl das „Interesse des Absoluten oder des Geistes, d.h. das dir fremde Interesse, das Erste“ sein! Es müssen doch wohl „deine Interessen diesem fremden Interesse geopfert werden“ (Stirner1148)! Wo kämen wir denn sonst hin? – Ich weiß, das widerspricht sich ja gar nicht; zwischen Geist und meinem Eignen gibt es ja eine Dialektik! Und der uns Primis einzupflanzende Geist stamme ja von ihm, Hoevels, der es ja gut mit uns meint. Für wen hält sich dieses – um es auf seine Art zu sagen – „allerdümmste Analütikerchen“ eigentlich? Daß Hoevels ein Stirner-Fan ist, erklärt sich nur daraus, daß er Stirner auf einen Antimoralisten reduziert – auf eine Art de-Sade-Plagiator. Laska protestiert zwar dagegen, aber auch für ihn ist die Moral der Hauptdesktruktor des Eigners. Hoevels faßt das gesamte Geschehen der Entfremdung und der Versuche zu seiner Unterwindung rein kognitiv. Davon weiß er nur so etwas zu schwadronieren: „Die grundsätzliche persönliche Entlastung, die intellektuelle und seelische Befreiung, die der Nachvollzug der lukrezischen Argumentation, d.h. der – mittlerweile, aber nicht hastig, modernisierbare – Erwerb der naturwissenschaftlichen Basiserkenntnisse mit sich bringt, die dadurch und nur dadurch spezifisch ermöglichte Ichstärkung sensu Freud also, kann in ihrer heilsamen Wirkung kaum überschätzt werden. (Was das Individuum dann anfängt, wird eine neue Geschichte ...)“1149Naturwissenschaftliche Basiserkenntnisse“ und „lukrezische Argumentation“ sollen also nicht nur etwas mit einem Eigner zu tun haben – durch sie und sogar nur durch sie werde das Ich gestärkt! Das muß man sich wirklich nochmal auf der Zunge zergehen lassen! Was das solcherart „gestärkte“ Ich „dann [damit] anfängt“, möchte ich auch gern mal wissen. Es kann gar nichts damit anfangen! Es kann nur so sein, daß „dann“, in der „neuen Geschichte“, „die ganze Scheisse von vorne an fängt“, wie Hoevels Marx zitiert, der ähnlich ratlos war. Marx habe das, so Hoevels, „durchaus auch gedacht, wenngleich etwas leise, wenn in den Industriestaaten die proletarische Revolution, bevor der technische Fortschritt die Streikwaffe stumpf macht, eben nicht klappt.“ Marx sei – unter der Hand – ähnlich pessimistisch wie Laska gewesen. An der Stelle fängt Hoevels Arschkriecherei an, doch wir werden gleich mehr davon sehen. Hoevels ist ein Intellektualist allererster Güte, von Tiefenwahrheit und Primitivität entfernt wie die Erde von Andromeda. Zu einer Neuen Aufklärung hat er nichts beizutragen. Im Gegenteil, Laska schreibt zurecht: „Die unausbleibliche Desillusionierung durch eben jene ‚Praxis‘ erzeugt dann den heute so verbreiteten Defaitismus in Bezug auf die Zukunft der Aufklärung.“1150 Also verlassen wir erst mal wieder die individuelle und seelische Ebene, wo Hoevels keine Ahnung hat, und kehren wir zur sozialen Ebene zurück: Hoevels sagte: „Danach [nach einer kommunistischen Revolution] kann man immer noch weiter sehen“ – Augen zu und durch. Holzhammermethode. Hauptsache, erst mal Macht – wofür, ist egal, man weiß es gar nicht. Wahrscheinlich ist es das kommunistische „Reich der Freiheit“, wie Laska sarkastisch anmerkt. Aber noch wahrscheinlicher werden die „besseren Hände“, in denen die Macht „gelegt“ werden soll, „[die eigenen?]“ sein, wie Laska nochmals sarkastisch vermerkt. Bei so viel Grobheit im Politisch-sozialen kann es dann auch entsprechend im Innerseelischen nur grob und aktivistisch in der fetischisierten Praxis der Psychoanalyse zugehen – also eigentlich ein substanzloser Leerlauf, es sei denn, die Substanz ist die der Macht eines Psychoanalytikers, der anderer Hirne hacken und beherrschen kann. Hoevels‘ an Stirner ergangene Kritik der Praxislosigkeit bezieht sich nur aufs Politisch-soziale (von dem er sich als Dialektiker freilich auch irgendwie Veränderungen im Seelischen in Richtung einer Ausweitung des Eigners erhofft – das wollen wir ihm als Stirner-Fan, der er irgendwo ist, noch belassen). Auf diesem politisch-sozialen Gebiet „sieht [Hoevels] bei Stirner ‚das absolute Ausbleiben auch nur des mikroskopischsten Schritts‘ in Richtung auf eine gesellschaftliche Veränderung“1151 und eine „hundertprozentige organisatorische Abstinenz“ (Hoevels). Gottseidank! Hoevels‘ an Stirner ergangene Kritik der Praxislosigkeit bezieht sich, wo es um den Eigner oder meinetwegen auch nur um den „freien Menschen“ geht, überhaupt kein bißchen auf das Individualpsychische. Hoevels wirft Stirner also nicht die Abwesenheit einer individuell-„selbstermächtigenden“, sondern nur die einer politisch-sozialen Praxis vor. Das Individuelle bei Stirner – was das wesentliche ist – kommt in Hoevels‘ Kritik gar nicht vor. Das interessiert ihn überhaupt nicht, und etwas Derartiges sieht er bei Stirner auch überhaupt nicht: Er nimmt keinen Ansatz zu einer stirner’schen, der Psychoanalyse irgendwie ähnelnden, wenngleich radikalisierenden Verfahrensweise, wahr. Alles, was ihn – und das als Psychoanalytiker – interessiert, ist die Praxis auf sozial-kollektivem Gebiet – die er bei Stirner bemängelt. Nun haben wir ja schon festgestellt, daß Hoevels weiß, daß der Eigner nicht nur nicht durch eine soziale Revolution entstehen kann, Hoevels sich nicht auf eine solche Revolution verlassen kann und deshalb als Psychoanalytiker etwas nachhelfen muß, sondern daß die Eignerschaft eigentlich ausschließlich ein innerseelisches Problem ist. (Wohlgemerkt: Es geht hier um den Eigner, nicht um irgendwelche psychischen Befindlichkeiten, die natürlich sozial bedingt sind und rein sozial zum Verschwinden gebracht werden können. Der Eigner bzw. der Nicht-Eigner ist auch sozial bedingt, aber das Problem ist nicht sozial zu lösen.) Stirnern war das klar. Hoevels offenbar nicht. Der weiß nicht, was ein Eigner ist; entsprechend hat er erst recht keine Ahnung, wie dieser wiederherzustellen sei. Worin besteht dann überhaupt seine Stirner-Affinität? Bei Stirnern gibt es natürlich den Nukleus eines Verfahrens zur „Selbstermächtigung“. Zwar nicht explizit, aber er drängt sich förmlich auf; diese Konsequenz liegt eindeutig in der Luft („der Ruck, das Recken der Glieder, das Schütteln und Aufspringen, das aufjauchzende Juchhe, das Abwerfen der jahrelangen Lasten“) – zumal für einen, der an Freud und Reich geschult ist. Ich sage ja nur: „Nukleus“; mehr sage ich ja nicht. Man muß nur Stirners Logik erfassen, ihr folgen und sie weiterdenken. Hier hätte doch Hoevels mal etwas für eine „Praxis“ tun können! Nein, stattdessen behauptet er – aus schlechtem Gewissen heraus und wider besseren Wissens –, daß die Psychoanalyse kein Geschwätz sei. Hoevels krümmt nicht den kleinen Finger für eine stirneristische „Selbstermächtigung“. Er tut nichts für den Ausbau des Kerns, er übergeht diesen Aspekt am stirner’schen Werk vollkommen und bleibt auf seinem freudistischen und marxistisch-reichistischem Quark kleben. Der hoevels’sche Vorwurf einer stirner‘schen Praxislosigkeit im politisch-sozialen Bereich gereicht Stirner gerade zur Ehre! Stirner hat sich eben nicht, und zwar überhaupt nicht an dergleichen Mätzchen beteiligt, sondern – da hat Laska völlig recht – „[Stirner] verstand unter Praxis, wie seinem ‚Einzigen‘ zu entnehmen ist, etwas Alltägliches, vom Leben Unabtrennbares“1152. So, wie wir Hoevels dennoch eine gewisse, hauchdünne Stirner-Affinität nicht ganz absprechen wollen, wollen wir auch nicht einen gewissen anarchisierenden Anteil an Hoevels Marxismus auf sozialer Ebene übersehen, denn den muß es geben; wo käme Hoevels‘ Sympathie für Stirner sonst her? Es ist nicht die eines Modestirnerianers. Ohne das Thema an dieser Stelle zu vertiefen, muß bei dieser Gelegenheit kurz auf die sozial-politische anarchistische Praxis eingegangen werden. Diese besteht nicht im krampfhaften und vielleicht sogar gewalttätigen Umsetzen von utopischen Entwürfen, sondern im Einwirken auf das Soziale und Politische an ganz konkreten Stellen und ausschließlich im Sinne des individuellen und kollektiven Eigners. Dieses konkrete Einwirken ist, wenn es wirklich um diesen Eigner geht, höchst subtil, präzise und punktuell im Inneren der real existierenden Gesellschaft mit ihrer riesigen Anzahl an Problemen bzw. Eignerfeindlichkeiten und kann und muß selbstverständlich auch inmitten der Staatlichkeit geschehen. Aber es geht auf keinen Fall darum, „die Macht im Staate an sich zu reißen“. Sehr wohl aber können Anarchisten etwas im Staat bewirken, auch sogar Einfluß auf das Entstehen eines anderen oder neuen Staates haben. Aber im Unterschied zu Etatisten glauben1153 sie nicht an das Heil eines Staates oder sehen in keiner bestimmten Staatsform ein Optimum oder vertreten und verfolgen nicht fanatisch irgendeine staatpolitische und staatsrechtliche Vorstellung. Anarchisten halten kein staatliches Gebilde dazu in der Lage, Probleme wirklich und dauerhaft lösen zu können – so wie Stämme mit ihren Kulturen über Jahrtausende stabil gewesen sind –, aber deswegen ziehen sie sich nicht in Träumereien von vergangenen Zeiten zurück oder verzichten sie darauf, auf den Staat Einfluß zu nehmen. Die ganze Frage der Staatlichkeit ist ihnen im Grunde egal. (Anarchie heißt auch nicht Staats-, sondern Herrschaftslosigkeit, und für manche anarchistische Autoren wie Ulrich Klug ist sogar die BRD theoretisch eine Herrschaftslosigkeit.1154) Was Anarchisten nicht egal ist, ist die Realität – ob nun in einem Staate oder ohne einen Staat. Lustig wird es, wenn Nichtanarchisten Anarchisten vorwerfen, Einfluß auf die Realität, wenn diese sich im Staat präsentiert, ausüben zu wollen: „Finger weg!“, sagen sie, „ihr seid doch Anarchisten! Also habt Ihr hier nichts sagen zu wollen.“ – Das hättet ihr wohl gerne so. Tut mir leid, aber den Gefallen kann ich euch nicht tun. Manchmal hört man einen wehmütig-klagenden Vorwurf: „Du willst ein Anarchist sein?! Du bist ja gar kein richtiger Anarchist!“ Es klingt gar nicht mal danach, daß man sich bitteschön als Anarchist aus Gründen einer angeblichen Kohärenz öffentlichen Belangen fernhalten möge, sondern fast so, als sei derjenige neidisch und eigentlich gern ein Anarchist. Dieses anarchistische Einwirken, wenn es wirklich und authentisch im Sinne des Eigners ist, verlangt gerade „hundertprozentige organisatorische Abstinenz“1155, weil in jeder Art von politischer Organisation von vornherein Tür und Tor für Korruption und (geheimdienstliche) Fremdsteuerung geöffnet sind. Es kann für Anarchisten nur in Frage kommen, daß sie sich absolut konkret auf gewisse Punkte im „Alltag“ konzentrieren und diese versuchen, im Sinne des Eigners zu beeinflussen. Auf allen Ebenen werden eignerfeindliche Bestrebungen konterkariert, besonders auf der Ebene der fehlenden Meinungsfreiheit. Anarchistische steht kommunistischer Praxis absolut konträr gegenüber. Wenn also tatsächlich „auch nur der mikroskopischste Schritt [in Richtung einer kommunistischen Praxis] absolut ausbleiben“ muß, so heißt das aber nicht, daß bei uns Anarchisten die Praxis ausbleibt – ganz im Gegenteil. Und zwar findet sie sowohl im individuellen Bereich (anfangs noch unter „Heilwesen“1156, dann unter „Volksheil“1157, schließlich unter „Tiefenwahrheit“) als auch im sozialpolitischen Bereich in Form von diversen Guerillas1158 als auch im Zwischenbereich („EmotioPol“1159) statt, nur jeweils eben strengstens im geschilderten, nämlich stirneristischen Sinne, niemals im Sinne einer Übernahme von Macht aus Machtlüsternheit – im Sinne der Macht als Vermögen, etwas zu tun oder zu sein, natürlich sehr wohl. In diesem Sinne hat Stirner zu seiner Zeit alles richtig gemacht. Er war – in seinem eigenen Sinne – so praktisch, wie er praktisch nur sein konnte. Die „[Behauptung von] Theorielastigkeit und Praxisferne der Einsichten Stirners“1160 ist falsch. Ich stimme also Laska an sich voll zu. Laskas Vorwurf an Hoevels („Fetischisierung“ von Praxis, „Pseudo-Praxis“) ist 100%ig gerechtfertigt. Ich gehe aber noch einen Schritt weiter: Die hoevels’sche Art Praxis ist sowohl auf individueller als auch sozialpolitischer Ebene nicht etwa nur „fetischisiert“, sondern sie ist selbst in sich eignerfeindlich und von daher zu bekämpfen. Laska aber sieht in Hoevels „eine[n] der ganz-ganz wenigen Autoren, die Stirners Kerngedanken, den ich provisorisch unter den Titel ‚Die Negation des irrationalen Über-Ichs bei Max Stirner‘1161 gebracht habe, bewusst erfasst und öffentlich bejaht haben“1162. (Hervorgehoben von Laska) – Wie er darauf kommt, bleibt sein Geheimnis (ist Laska in seiner stirnerianischen Einsamkeit seelisch korrupt?) bzw. läßt daran zweifeln, ob Laska überhaupt weiß, was ein Eigner ist, was sich u.a. im Kapitel 8.5.9. Laskas Ich-Schwäche treibt ihn zur Negation des irrationalen Über-Ichs der „anderen“ noch weiter in die Pseudosozialität und weg von der Individualität in die philosophische Anthropologie anstatt in die phänomenologische Philosophie. Die philosophische Herangehensweise an Selbstermächtigung läuft jetzt unter „ferner liefen“, ist mit Laskas Mitteln endgültig gescheitert eigentlich schon angedeutet hat. Er will ja auch nicht das Über-Ich negieren, zerstören, delendieren, sondern nur ein „irrationales Über-Ich“, also das Über-Ich rationalisieren. Meine Zustimmung zu Laska erfährt auch an der Stelle eine Einschränkung, wo Hoevels nicht etwa Stirnern und damit Laskan gegenüber im Vorteil ist, weil seine „Praxis“ eben tatsächlich (und das im günstigsten Falle) nur „Aktivismus“ (eigentlich aber Kommunismus) ist, sondern wo Laska als Stirnernachfolger und Adressat Hoevels‘ es tatsächlich an Praxis ermangeln läßt. Wie es bei Stirner aussah, haben wir gesehen, aber wie sieht es nun bei Laska aus? Leider ist er tatsächlich nicht der Praktischsten einer. Er hätte den stirner’schen Kern nicht nur herausarbeiten, sondern – durchaus auch im Sinne einer Praxis – weiterentwickeln müssen. Das muß man von ihm gerade als Reichianer erwarten dürfen, denn Reich hatte – so wie Otto Gross – Ansätze zu einem „Selbstermächtigungs“-Verfahren. Laska macht sich über Marx lustig, „der, im übrigen, sein Leben grossteils manisch lesend und schreibend verbrachte“, aber das trifft auch auf ihn selbst zu. Hoevels marxistisches „Gerede“, „wie man die Macht im Staate an sich reissen kann“, nennt Laska zurecht „großspurig“. Aber was ist seine andauernd – auch wieder hier in diesem Hoevels-Aufsatz – aufgestellte Forderung „super-ego esse delendam“, wenn ihr keine Taten folgen? Glaubt er, sein rein literarisches Projekt LSR ist – wohlgemerkt im Sinne Stirners und der „Selbstermächtigung“ – alleine schon eine Tat? Wir müssen ja als Stirneristen die Meßlatte – das Kriterium für „Tat“ – etwas höher, an den Eigner und den „affektiv-emotionalen Bereich“ legen. Diesen Anspruch müssen wir uns als Eigner-Fans schon gönnen. Natürlich „[ist] illusionärer Aktivismus letztlich Pseudo-Praxis und korrespondiert oft mit massiven Beeinträchtigungen der Theorie“1163, aber gar keine Aktivität in praktischer Hinsicht, gar keine Praxis ist auch etwas dünn, auch wenn die Theorie großartige Blüten treibt. Laska weicht vor der Praxis aus. Er weiß, „was Hoevels meint: eine Theorie ohne Praxis ist keinen Pfifferling wert“1164 und kritisiert Hoevels richtigerweise dafür, daß dessen Theorie und Praxis tatsächlich keinen – außer einen totalitären – Pfifferling wert sind. Aber macht er es besser? Ist wirklich jede Form von Praxis „illusionärer Aktivismus“? Ist das Beharren auf eine Praxis immer und zwangsläufig eine „Fetischisierung“? – Natürlich nicht. Aber wie sähe diese Praxis aus? Eine nicht-aktivistische Praxis über die Bücherstube hinaus im Sinne Stirners und des Eigners gibt es jetzt, und zwar sowohl im Individuellen als auch im Sozial-kollektiven: Es sind Tiefenwahrheit und Nationalanarchismus. Ich wäre gern noch auf Hoevels Antwort an Laska eingegangen, aber der Schreibstil Hoevels ist so kompliziert und verworren, daß mir das Herausarbeiten dessen, was er im wesentlichen sagen und gegen Laskas „Praxisfetisch“-Vorwurf einwenden will, nicht gelungen ist. Schade, ich hätte es gern verstanden. Wenn es der Leser versuchen will, hat er die Quelle1165. Ich sehe nur, daß sich Hoevels von Laska verspottet fühlt, hält aber als beleidigte Leberwurst tapfer dagegen: „Dass ‚das Sein das Bewusstsein bestimmt‘, scheint mir mehr eine Selbstverständlichkeit als etwas ‚Mirakulöses‘ zu sein.“1166 – Er versteht wirklich rein gar nichts, dieser Hoevels. Gleich an zwei Stellen findet er etwas „traurig“. Aber worin das Traurige besteht und wovon er bei Laska enttäuscht ist, gelingt mir beim besten Willen nicht zu erkennen: wahrscheinlich, daß Laska irgendetwas bei ihm nicht sieht oder versteht. Aber warum sagt er nicht, was das ist? Es muß etwas, wie ich gerade entdecke, mit einem „Optimismus“ zu tun haben, den wohl Laska nicht teilen kann. Also hängt es wohl mit dem „illusionären Aktivismus“ zusammen, den ihm Laska, als „Pessimist“, bescheinigt – ihm damit das Festmal versauend –, und mit jener „‚Praxis‘“, die ein „Fetisch“ sei. Aha. Jetzt ahne ich langsam, was Hoevels so traurig macht: daß ihn Laska hängen läßt und sich beide „machtlosen Literaten“ nicht einmal gegenseitig unterstützen, sich stattdessen zerfleischen („zur Gaudi aller Kräfte der Finsternis einen Gladiatorenkampf der Feder liefern“1167). Ist es das, was ihn traurig macht?: daß er nun auch noch und sogar von einem Mit-Reichianer und Mit-68er im Stich gelassen wird? Ich fange gleich an zu heulen. Aber warum sagt er es nicht? Werden Sie vielleicht schlau aus Hoevels, lieber Leser? Doch jetzt verstehe ich Hoevels immer besser: Laska fällt ihm in den Rücken, begeht Verrat an der Sache: Laska mache jetzt sogar mit den „allerdümmsten Studienrätchen“ gemeinsame Sache gegen ihn, „ist sich nicht zu schade, [allerbilligste Ideologeme] ebenfalls in den Mund zu nehmen – traurig.“1168 Ja, „Marx und Engels haben sich zu einem […] voreiligen Optimismus hinreissen lassen […], und aus dieser Voreiligkeit kauen die kleinsten Geister und die grössten Reaktionäre unermüdlich und schadenfroh ihren Zucker – aber muss ein Laska, sonst nicht gerade gleichgeschaltet, bei dieser dämlichen Niedrigkeit mitmachen? Traurig!“1169 Laska sei doch kein „wiederkäuendes Lehrerlein und Zeitungsfritze“1170! Doch alle Provokationen, Schmeicheleien und Appelle sind umsonst, blitzen an Laska als bösem, frustrierendem Therapeuten ab, verhallen im Nichts. Leben ist ein Hauch nur –
ein verhallnder Sang –
ein entwallnder Rauch nur: –
Und wir sind das auch nur! –
Und es währt nicht lang.1171
Marx, Stirner und natürlich auch Laska“ – alle werden sie „als ‚machtlose Literaten‘ sterben“1172. Das erinnert mich an das „Scheitern“, von dem ich gleich in Kapitel 10. LSR: Fazit sprechen werde, das mich aber nicht sonderlich traurig stimmt. Auffällig, welche Rolle wieder die Macht bei Hoevels spielt. Schließlich hilft nur noch das ultimative Mittel, der traurigen Verlassenheit und Einsamkeit zu entgehen: Hoevels schleimt sich bei Laska ein, winselt um Gemeinschaft und Eintracht mit ihm: Er, Hoevels, sei doch eigentlich auch ein Pessimist. Wir gehören doch zusammen, und Pessimisten müssen sich doch, gerade weil es so traurig ist, Beistand geben! Ja, Laska, eigentlich hast du ja recht: Ich bin ein „illusionärer Aktivist“. Nur: Verlasse mich nicht! Wie ein erwachsener Mann mit
Verlassenheitsgefühlen umgeht1173
Ein regelrechtes Trauerspiel. Da habe ich am Ende tatsächlich doch noch diesen verrückten Text verstanden! Das hätte ich, ganz ehrlich, nie für möglich gehalten. Lachen Sie nicht, lieber Leser, schauen Sie sich den Text erst mal an! Ich bin tatsächlich ein sehr guter und geduldiger Zuhörer und Wahrheitsbegleiter. Ja, nun bin ich also doch noch auf Hoevels Antwort an Laska eingegangen. Nicht daß ich so ein Eintracht-Fan und -Junkie wie Hoevels wäre, aber ich hatte damit gerechnet, daß Hoevels nicht etwa mehr Widerstand gegen Laska leistet, aber ihm sachlich etwas entgegenhält, mir sozusagen als Praktiker zur Seite springt, wenn ich Laskas Praxislosigkeit kritisiere. – Aber nein, die hoevels’sche Praxis ist tatsächlich nur aktivistischer Leerlauf. Er zieht ein riesiges Theater ab, aber es ist eine Luftnummer. Hoevels zieht tatsächlich nur reine Luft, mehr nicht. Immerhin sieht er es am Ende ein, good job. Ich bin als Praktiker wirklich auf ganzer Flur allein, nun auch noch von Hoevels verlassen, der da draußen im atheistischen Himmel rumwirbelt, sein Glaube ist sein Intellekt. – Ihr Intellektuellen, lema sabachtani? Ich untersuche nochmal Hoevels‘ obigen, diesmal ganzen Satz1174, vielleicht trägt er doch noch etwas bei. In dem diesen vorangehenden Satz erläutert und begründet Hoevels noch einmal – nach seinem I. Diskussionsbeitrag1175 – genauer seine These von der stirner’schen „Praxis-Abstinenz“ und spricht von einem „Mißverständnis“ zwischen ihm und Laska. Jetzt müsse er leider in seinem II. Diskussionsbeitrag deutlicher werden, was er anfänglich nicht wollte, und sagen, daß Laska keine Ahnung von der Praxis hat, weil er kein Psychoanalytiker sei. Sonst wüßte er nämlich, daß „auf jeden Ich-Vorstoss ein Überich-roll-back folgt“, das nun der Psychoanalytiker in einem anspruchsvollen intellektuellem Kampf gegen den Patienten parieren müsse. Das habe er, Hoevels, in seinem I. Diskussionsbeitrag eigentlich nur sagen wollen: daß das der „Hintergrund“ der stirner’schen „Praxis-Abstinenz“ sei. Stirner habe zwar erstaunlicherweise mit „psychogenetischen“ Mitteln „Erkenntnis vom Fetischcharakter der Moral“ erlangt. Aber das sei ja nichts Wirkliches; jetzt müßten ja wohl die richtigen, „psychoanalytischen Einsichten“ folgen; erst dann könne Stirner als geheilt betrachtet werden. Erst dann wäre Stirnern die „Erkenntnis vom Fetischcharakter der Moral [wirklich] gelungen“ – „eine Erkenntnis, die ihn, was auch immer Laska einwenden mag, mit de Sade vereinigt“. – Wie jetzt? Ist es ihm also doch – ganz ohne psychoanalytische Hilfe – gelungen? – Das ist die hoevels’sche Ambivalenz. Hoevels will uns also sagen, daß die Praxis, die Stirnern gefehlt habe, die psychoanalytische Praxis war. Er hat vor sich hin und aus sich heraus gebrötelt, hat sich seine eigenen Gedanken gemacht und dabei erstaunliche und unerwartete, ja unerklärliche Fortschritte gemacht. Aber das kann es ja nun wirklich nicht gewesen sein! Da muß doch noch mehr kommen! Hoevels hat gar nicht mal so unrecht. Natürlich lag bei Stirnern nur der Nukleus einer „Selbstermächtigung“ vor. – Aber dieser konnte doch jetzt nicht mit Geist ausgebaut und weiterentwickelt werden! Nichts anderes ist Psychoanalyse. Stirner hätte Hoevels repliziert: Willst du mich verarschen?! Ich erzähle euch die ganze Zeit von der Sinnlosigkeit des Geistes, und jetzt kommt ihr mir wieder mit dem Geist?! Ihr habt ja überhaupt nichts verstanden! Waren wir nicht schon mal – um es mit Stirners eigenen Worten zu sagen – so weit gewesen?: „Es hat nur der Geist die Schwierigkeiten erhoben, die Bedenken geschaffen, woraus zu folgen scheint, daß sie nur geistig oder durchs Denken wieder weggeschafft werden können.“1176 Hoevels will überhaupt keine „Selbstermächtigung“, keine „psy-chogenetischen Einsichten“ – er hat ein Therapieziel und ein Gesundheitskriterium, das „Erkenntnis vom Fetischcharakter der Moral“ heißt –, glaubt aber, Stirnern Ratschläge erteilen zu können! In einer Sache, von der er absolut nichts versteht! Das muß man sich mal vorstellen! Sein Ratschlag lautet: „Stirner, du bist ja ganz ok und hast es wundersamerweise und sogar ohne meine Hilfe zu etwas gebracht, aber jetzt mußt du praktisch werden, d.h. mit einer Psychoanalyse anfangen!“ – Das ist die hoevels’sche „Praxis“! Die habe Stirner nicht gehabt (und das habe Laska als Nicht-Psychoanalytiker nicht erkennen können). Na bloß gut, daß Stirner nicht so blöde war. Sein Eigner lag zwar nicht unter einem „Palimpsest“, Stirner war zwar nur im Besitze eines Nukleus gewesen, aber man braucht sich absolut keine Sorgen zu machen, daß er ausgerechnet in der Psychoanalyse einen Ausbau des Nukleus gesehen haben könnte. Er war eben kein Psychologe – den auch Laska aus ihm machen will.1177 Und schon auf gar keinen Fall war Stirner Psychoanalytiker! Aber es gibt, wie gesagt, einen rationalen Kern in Hoevels These: Stirner hätte im Sinne der „Selbstermächtigung“ etwas mehr Praxis an den Tag legen können, hätte weiter „psychogenetisch“ vor sich hin (sich seine eigenen Gedanken machen) und aus sich heraus bröteln (jauchzen, ruckeln), also tiefenwahrheiten können. Laska kommt scheinbar Hoevels ein bißchen entgegen, scheint ihm in dessen Rede von der „Praxis-Absenz“ durchaus ein Fünkchen recht zu geben, wendet dann aber ein, daß Hoevels falsch läge, „wenn er Stirners ‚hundertprozentige organisatorische Abstinenz‘ als Absage an jegliche Praxis und ‚unbewusste Selbstbestrafung für seine erfolgreich überichfeindliche Befreiung von den eingetrichterten hypostatischen 'Sparren'‘ interpretiert“1178. – Eine Ferne zu einer polit-leninistischen Praxis habe tatsächlich vorgelegen, aber deswegen erstens nicht zu jeglicher Praxis, und zweitens sei diese gar nicht existierende Ferne nicht etwa dadurch zustande gekommen, daß sich Stirner für sein „psychogenetisches“ Vorauspreschen und seine „nicht psychoanalytischen“ Alleingänge selbst bestraft hätte, indem er sich nach der mutigen Avantgardeleistung wieder, wie eine Schnecke in ihr Schneckenhaus, zurückgezogen habe, und zwar nicht etwa aus Müdigkeit oder Erschöpfung, sondern, wie das Hoevels behauptet, aus unbewußten Schuldgefühlen heraus. Laska sagt zu dieser psychoanalytischen Phantasie absolut zurecht: „Man beachte die Logik: Nach Befreiung vom Über-Ich bestraft dieses dafür.“ Weil diese Logik droht, unseren Hoevels zum Einsturz zu bringen oder vom hohen Roß zu stoßen, „zwingen mich […] etliche Missdeutungen, auch an anderen Stellen von Laskas Kritik dazu“1179, das Podest noch mehr zu untermauern und noch steifer, man möchte sagen: zu einem Panzer aufzurichten: Ich bin „praktizierender Psychoanalytiker“, und Laska kann von der Praxis und von den bewußten und unbewußten Vorgängen gar keine Ahnung haben. Und dabei sei das doch eigentlich gar nicht so schwer zu verstehen; selbst ein Ahnungsloser wie Laska müsse das doch verstehen: „Stattdessen steht mein Kritiker blind vor diesem einfachen Gedanken und staunt nur vorwurfsvoll: ‚Man beachte die Logik: Nach Befreiung vom Überich bestraft dieses dafür.‘ Sancta simplicitas!“ Gaslighter“, wie man sie heutzutage nennt, benutzen sehr gern diesen Tropus (der aber nichts mehr weder mit Rhetorik noch nicht einmal mit Rabulistik zu tun hat, sondern reine emotionale Holzhämmerei, also der letzte Ausweg ist – so sieht ihr „Operieren im Affektiven“ aus): „Verstehst du das denn nicht?!“ Mit diesem glauben sie sich definitiv im Hirn des anderen festsetzen zu können. Leider gelingt es ihnen aufgrund deren Ich-Schwäche und Eignerlosigkeit meistens. Nicht aber bei unserem Laska, der, um ein weiteres Modewort zu benutzen, „resilient“ und, zumindest gegenüber dem Zwergen Hoevels, eine Ausgeburt an Ich-Stärke ist. Hoevels muß Stirnern Schuldgefühle und allen Leuten dergleichen haarsträubenden Unsinn einreden, damit er weiter Kundschaft kriegt, seine Macht als „Deuter“ und Manipulator genießen, sprich: sich als großes Ich betrachten darf: das exakte Gegenteil eines Eigners. Stirners Alleingang hätte, so Hoevels in seinem Wahn, sowohl von einer Beteiligung an einem leninistischen Unternehmen, als auch mit dem Beginn einer Psychoanalyse konsequent fortgesetzt werden müssen. (Das mit dem Leninismus bestätigt Hoevels dann noch einmal ganz explizit und bockig: „dass ich ‚eine Art leninistisches Programm‘ empfehle, stimmt nicht ganz, ich empfehle ohne jede Einschränkung Lenins Programm“1180.) An dieser Stelle habe Stirner sozusagen „historisch versagt“, um es mal marxistisch zu formulieren. Praxis“ bedeutet für Hoevels, „praktizierender Psychoanalytiker“ zu sein. Oh oh, sancta simplicitas. Und Praxis bedeute zum anderen, ein „politisch-organisatorisches Werk“ zu schaffen. – Das letztere muß man ihm lassen: Er hat durchaus eine Splittergruppe ins Leben gerufen und ziemlich erfolgreich betrieben: die „reichistisch-marxistische Initiative“, den Bund gegen Anpassung, den Ahriman-Verlag usw. Ob er dabei „ein besserer Organisator als Marx (und schlechterer als Lenin)“ gewesen ist – „das bin ich jedenfalls gewesen“ –, kann gut sein, kann aber auch narzißtischen Größenwahn bedeuten. Daß Hoevels „besser gelebt“ hat als Marx, wird stimmen, und das „auch allen manchmal mörderischen Widerständen zum Trotz“1181, wird keine Übertreibung sein, wie wir bereits in Kapitel 8.5.9.1. Exkurs: Nicht nur innerseelisch-biographische – auch gesellschaftliche und politische Bedingtheit des Eigners gesehen haben. Ich bin mir sicher, daß Hoevels tatsächlich dermaßen bedroht worden ist; vielleicht sind sogar Attentate auf ihn ausgeübt worden. Aber all das hat – bei allem aufrichtigen Respekt – mit einem Eigner nur auf der sozialen Ebene, dann aber konkret mit der eignerfeindlichsten, nämlich der leninistischen Ausführung zu tun. Bei dem obigen „bösen, frustrierenden Therapeuten“, dem Hoevels in Laska als seinem intellektuellen Meiser begegnet und der ihm als de-Sade-Fan doch eigentlich recht sein müßte, fällt mir noch eine lustige Episode ein: Eines Tages rief mich Laska aus Nürnberg an oder schrieb mir eine Email und machte mir den Vorschlag, mal bei einem Buchhändler in Berlin-Mitte vorbeizuschauen und Geld einzutreiben. Ich könne das Geld behalten, es ginge ihm nur darum, daß der säumige, freche Buchhändler, dem er nun schon so lange hinterherrennt, sich nicht davonstehlt und endlich bezahlt. Wie Laska darauf kam, daß ich einen guten Geldeintreiber abgebe, weiß ich nicht; wahrscheinlich hielt er mich als Nazi dafür geeignet. Nun gut, das Geld war mir egal, aber der Spaß war es mir wert, denn ich hatte von Laska neben der Säumigkeit auch erfahren, daß es sich bei dem asozialen Buchhändler um einen de-Sade-Fan handele (der neben de-Sade-Büchern auch welche von La Mettrie im Sortiment haben wollte; auch für ihn, wie für Kondylis, paßten die beiden wohl gut zusammen). Offenbar glaubte dieser Schmarotzer nun, unseren Laska genüßlich foltern zu dürfen. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, diesen Spaß gönnte ich mir nun meinerseits: Ich zog mir die geborgten Springerstiefel an, verpaßte mir noch einen sadistischen Kurzhaarschnitt und schlug im Bücherkontor auf. Der Sadist griff sofort nach seiner Geldschatulle im Schreibtisch und zahlte ohne jede Diskussion. Ich hätte nie gedacht, daß das so einfach geht. So sind sie, die Sadisten. Ich glaube, ich habe mit Laska halbe-halbe gemacht. 8.5.12. Das Spüren der Spuren des Rest-Ichs in der Tiefenwahrheit Wir haben im Kapitel 8.5.10. Laskas Rückzug in den philosophischen Elfenbeinturm als Ausdruck der Flucht vor sich selbst und des Ich-Verlusts. Letzte Ich-Äußerung (siehe das „Pfeifen auf dem letzten Loch“ aus dem II. Teil dieses Buches) gesehen, daß Laska eigentlich über nichts mehr „verfügt“ und daß er eigentlich die Hoffnung verloren hat, über sein „Über-Ich verfügen“, sprich: es vernichten zu können. Jetzt erklärt sich auch die „Großspurigkeit“ mit der er stets zum Kampf gegen das Über-Ich bläst und zu dessen Vernichtung aufruft: Es ist die Ohnmacht. Im Grund genommen steht Laska ohnmächtig und hilflos vor der Aufgabe, seinen Eigner wiederzuentdecken und sich selbst nach und nach wieder aufzubauen. Laska hatte in der 1968er Zeit Reich als jemanden entdeckt, der – um es in der Sprache dessen zu sagen, den Laska danach kennenlernte – von einem ursprünglichen Eigner ausging und der Methoden entwickelte, diesen wieder herzustellen. Deshalb ist Reich zu Laskas „Helden“ geworden. Besagten Methoden aber hat sich Laska dennoch nie praktisch ausgesetzt. Das hat er von vornherein als illusorisch betrachtet; es ging ihm nur um das schöne Märchen vom Eigner. In seiner extrem pessimistischen bis defätistischen Betrachtung ist er von dem bestätigt worden, was er um sich an Resultaten dieser Methoden sah, was ihn zu der für immer feststehenden Einsicht brachte, daß sie „ineffizient“ seien. Gleichzeitig aber dauerte die dankbare Bewunderung für Reich als jemandem, der sich dafür einsetzte, daß die Menschen sie selbst sein bzw. wieder werden können, an. Das verschwand nie aus ihm, auch wenn er nach und nach erkannte, daß dieser zentrale Gedanke vom Selbst-sein-können bei Reich unter Bergen aus Wissenschaftlichkeit usw. eigentlich verschwand (unter einem „Palimpsest“). Trotzdem blieb Reich ihm heilig – weil er für ihn immer mit jenem zentralen Gedanken verbunden blieb. (Ich meine das natürlich nicht polemisch – siehe meine Ausführungen zum „Heiligen“ in Kapitel 7.1.2. Der neue philosophische Inhalt.) Laska konnte sich nicht von dieser schönen Vision lösen; und die wurde nun mal von Reich repräsentiert. Sein Glaube an sich selbst – daß er tief in sich ein lebendiges, liebendes und sich selbst seiendes Wesen war – fand in Reich einen Talisman. Diesem galt es nun die Treue zu halten – wie er auch nicht von sich selbst ablassen konnte. Nur Wilhelm Reich habe die Selbstigkeit erkannt und das Selbst befreien wollen. Auch wenn Reichs Methoden ganz offensichtlich „ineffizient“ waren, war es Laska verboten – weil das die Reste seines Ichs, das letzte Heiligtum in Frage gestellt hätte –, sich nach anderen, effizienteren Methoden umzuschauen. Ließ es sich nicht vermeiden, daß sie ins Blickfeld gerieten, wurden sie weggebissen. Es ist wichtig zu verstehen, daß Reich Laskas tiefste Persönlichkeitsanteile symbolisierte. Das ließ ihn zwar nicht blind für Reichs Schwächen werden – die Sinnlosigkeit von Reichs Methoden und Reichs eigene Einschätzung seiner Methoden ließen sich einfach nicht übersehen –, aber die Bedeutung, die der Kern unter dem „Palimpsest“ für Laska hatte – die Liebe –, ließen ihn ein für alle male die Suche nach effizienteren Theorien und Methoden zur Unterwindung der Entfremdung aufgeben. Das wäre einer Aufgabe seiner selbst gleichgekommen. Und dabei hatte Reich – unterm „Palimpsest“ – doch durchaus gute Ansätze einer Ich-Stärkung: Was ich unter dem Ich oder dem Selbst verstehe, nannte Reich den „sechsten Sinn“. Ich habe in vielen Texten und Videos davon gesprochen, daß das Ich einen eigenen Sinn hat und daß es einen Sinn für die eigene Existenz gibt. Manchmal ist dieser Sinn verkümmert und das Ich hat kaum noch eine Mindestausprägung. Aber der Ich-Sinn läßt sich eigentlich nie ganz unterkriegen und erwacht spätestens bei den intellektuellen Imperativen, man selbst zu bleiben – „der generelle Imperativ der junghegelianischen ‚Neuen Aufklärung‘, die […] zu einer ‚Philosophie der Tat‘ schreiten wollte“1182, der „Imperativ der Zukunft“ von Otto Gross1183 und Laskas Imperativ „Das Über-Ich muss zerstört werden!“ –, und der nicht zu leugnenden Wahrheit. Für Herrmann Schmitz dagegen gibt es keinen eigenen Sinn für das Selbst, sondern nur ein „Gespür“: „Der spürbare Leib ist dagegen alles das, was man in den Grenzen des eigenen Körpers von sich selbst als zu sich selbst gehörig spürt und zwar ohne sich der Sinne zu bedienen. Das ist diese Vorstellung von Spüren, die in meinem Ansatz wichtig ist.“1184 Vom „sechsten Sinn“ schrieb Reich dies (alle Hervorhebungen von Reich): Die Organempfindungen oder ‚orgonotische Empfindung‘ ist ein wahrer SECHSTER SINN. Neben den Fähigkeiten zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken und zu tasten existierte im gesunden Individuum unverkennbar ein Sinn der Organfunktionen, ein gewissermaßen ORGONOTISCHER SINN, der in Biopathien völlig fehlte oder gestört war. […] Da die orgonotischen Empfindungen und Organwahrnehmungen einen großen Teil dessen auszumachen scheinen, was wir als das ICH oder SELBST bezeichnen, erscheint es nun klar, warum […].“1185 Wenn Reich an manchen seiner Patienten beobachtet hatte, daß sie außer sich waren, sich selbst z.B. in „Kräften“1186 sahen, so war er selbst zwar in sich, aber nahm sich als „Organe“, die „Empfindungen“ hatten, wahr. Er war gewissermaßen nach innen schizophren. Das Ich nimmt sich immer auch in einem Erregungszustand wahr – wechselnd intensiv. Reich hat diesen Erregungszustand isoliert, verselbständigt und abgespalten. Er als innerer Schizophrener nahm in sich die „orgonotischen Strömungen“ wahr, wie ein äußerer Schizophrener außer sich „Kräfte“ wahrnahm. (Das sah er als einen Fortschritt an – und auch als Therapieziel: Die äußeren Schizos sollten innere werden.) Beide nehmen aber dabei nur ihr jeweiliges Ich wahr – in verzerrter, verrückter Weise: Sie rücken – oder „verschieben“, wie Reich sagt – ihr Ich als Fremdkörper ins Äußere bzw. ins Innere auf Rudis Resterampe des Ichs. Reich war aber noch insofern er selbst genug – wußte, bei aller Verzerrung, noch einigermaßen deutlich Freund und Feind zu unterscheiden (das Eigene vom Fremden) –, als er noch sagen konnte, daß seine „orgonotischen Empfindungen“ einen „großen Teil dessen auszumachen“ scheinen, „was wir als das Ich oder Selbst bezeichnen“. Ja, wesentlich für das Ich ist es, daß es – mal mehr, mal weniger – etwas empfindet. Bei Laska bin ich mir angesichts seiner Gedanken aus der Korrespondenz mit Prütting nicht so sicher, daß er etwas fühlt. Vielleicht sind seine „Kräfte“ nicht einmal „orgonotische“, und sein „oft beschworenes ‚Eigene‘“ ist tatsächlich „sowieso nur – wie die ‚Gene‘ – eine einzigartige Mixtur aus ‚Fremden‘.“1187 Bei Laska liegt eine dramatische Ich-Schwäche, eine Ich-Not vor. Reich hatte eher eine – allerdings narzißtisch-protzende – Ich-Stärke; das war aber ein Antidot zu seiner Schizophrenie; er sprach immerhin von „seinen Organen“ und nicht von „Würmern im Gehirn und in den Eingeweiden“, wie das eine Patientin von ihm tat1188. Reich mochte die Schizophrenen, weil sie keine Langweiler wie die Normalneurotiker waren und mit ihnen immer was los war: Er sah sich in ihnen. Sharaf schreibt dazu: „Reich behandelte diese [schizophrene] Patientin mit großem Einfühlungsvermögen.“1189 Auch für seine – Sharafs – Mutter hatte er viel übrig: „Er erzählte mir später, daß sie zu einer Art Schizoider gehörte, die er sehr mochte.“1190 Reichs Sympathie für die Schizos und daß er so wie sie war, geht ursächlich noch weit hinter Reichs Eltern-Trauma, das ich im Kapitel 7.2.1.12. Wilhelm Reichs Trauma. Zusammenhang mit Sex-Besessenheit und Theorie einer „infantilen Sexualität“ besprochen habe, zurück. Reich war der Meinung, die Schizophrenen wären ihrem „biologischen Kern“ nahe und besser dran als die, die so gut wie nichts mehr merken: die „Zwangsneurotiker“. Ich bin mir da nicht sicher, aber wie dem auch immer sei, wir sind ja für alle da: Unser möglicher Kunde könnte ein – wie Reich es sagen würde – „Biopath“ sein und über gar kein Ich verfügen. „Mein Problem ist ja gerade, daß ich kein Ich habe, daß ich nicht da bin, ich empfinde eigentlich nichts“ – so oder so ähnlich formulierte ich Biopath es bereits. Aber nicht daß um Himmels willen noch der Eindruck entsteht, daß ich in den Schizophrenen eine Art Vorbild im Kampf um das Eigene sehe. Wenn der Kandidat sehr ich-schwach ist, fordern wir ihn nicht auf, nach „Kräften“ in- und außerhalb seiner selbst zu suchen, sondern seine Ich-Schwäche als Wahrheit anzunehmen und sich notfalls mit dem Nichts zu identifizieren: Das ist das, was noch von ihm übrig ist. Irgendeine Reaktion darauf wird kommen – und sei es das jetzt bewußt erlebte und wahrgenommene Sterben oder eine Erholung vom Todesschock. Ein anderer – verzweifelt willens, er selbst zu werden – könnte sagen: „Ich soll ich selbst sein? Ich bin so zerrissen, ich habe mehrere Iche! Ich widerspreche mir selbst andauernd. Also wie soll ich hier ein Ich sein?“ – Dann fordern wir ihn auf, alle möglichen Stimmen in ihrer jeweiligen Wahrheit zu sein, notfalls auch externalisierte oder internalisierte – also ganz in die Schizophrenie hineinzugehen. Die Tiefenwahrheit ist für alle da“, heißt auch: Sie kümmert sich nicht darum, ob jemand als „Schizophrener“ oder als „Biopath“ bezeichnet wird oder sich selbst so bezeichnet. Wenn das einzige Augenmerk darauf gerichtet ist, daß jemand seine Wahrheit aussprechen will, dann spielen Bezeichnungen oder Kategorisierungen keine Rolle. Der Kandidat ist einzig. Einer der laska’schen Kernsätze lautet: Die moralische Regulierung des Trieblebens schafft gerade das, was sie bändigen zu können vorgibt: das asoziale Triebleben.“1191 Die Tiefenwahrheit kann sich den Luxus leisten, sich nicht mit dem „asozialen Triebleben“, also mit dem Auswurf einer „moralischen Regulierung“ zu beschäftigen. Der Luxus besteht nicht darin, daß die Tiefenwahrheit keine Polizei ist, die Menschen vor anderen Menschen schützen muß, sondern darin, daß es für sie kein „asoziales Triebleben“ gibt: Es spielt keine Rolle, ob jemand asozial ist, in dem Moment, wo er die Wahrsagerei betritt. Der schreckliche, giftige, ätzende, religiöse und absolut destruktive Moralismus, den Reich in die Domäne der versuchten und behaupteten „individuellen Selbstermächtigung“ und Herstellung der Selbstregulation gebracht hat, fiel eigentlich schon bei Janov weg. Dieser benutzte noch psychologische Begriffe und Kategorien, aber sie spielten in der Praxis und im Idealfall keine Rolle mehr, hatten keinen Hauch einer moralischen Konnotation mehr. In der Tiefenwahrheit fällt all das sowieso weg. Reichianer werden zugeben, daß es diesen reich‘schen Moralismus gegeben hat, daß der aber nicht Eingang in den Behandlungsraum gefunden hat. Das stimmt aber nicht, wie ich es anhand der reich‘schen Behandlung von Sharaf aufgezeigt habe. Reich hat seine Ungeduld, sein Widerwillen und seine verurteilende und vernichtende Moral mit in den Behandlungsraum hineingenommen (so, wie das einige seiner perversen Schüler mit ihren verpesteten Gefühlen Kindern gegenüber getan haben). Das heißt aber erstens nicht, daß es keine Polizei geben sollte, und zweitens, daß auch der Wahrheitsbegleiter keine Grenzen hat. Dann sagt er aber nicht: „Du bist mir zu asozial“ oder „Schizophrene sind mir zu schwierig“, sondern lediglich: „Ich kann mich nicht mehr in dich hineinversetzen, dir nicht mehr folgen.“ Und er wird niemanden als Kunden annehmen, von dem er den Eindruck hat, die Sache könnte mit ihm außer Kontrolle geraten. 9. Post-Philosophie (nicht laska’sche Paraphilosophie) anstatt Philosophie Im Erspüren des Rest-Ichs liegt die philosophische Herangehensweise in der Tiefenwahrheit. Auch wenn die Philosophie sowieso schon längst nicht mehr „das systematische Studium von Ideen“ ist, wird sie in der tiefenwahrheitlichen Praxis noch mehr entfrachtet; das Denken wird wieder zurechtgestutzt. Die Philosophie verliert ihren grüblerischen und zwanghaften Charakter – ihre „Besessenheit“ und „Bedenklichkeit“ (Stirner) –, sie verliert den Charakter einer „fixen Idee“, wie Stirner das ausdrückte. Laut Christian Fernandes gibt es Philosophie nur „in einer als problematisch wahrgenommenen Gegenwart“1192 – je weniger Probleme, desto weniger Philosophie. Und da wir eigentlich weniger Probleme haben möchten, werden wir immer weniger philosophisch. Eigentlich ist das einfache Nachdenken noch keine Philosophie. Philosophie wird das Nachdenken erst dann, wenn das Denken als falsches Mittel zur Lösung eines Problems herhalten muß und sich fortan im Kreis dreht. (Deshalb muß der „kognitiv-rationale Bereich“ ja um den „affektiv-emotionalen“ erweitert werden.) Dem Drehen-im-Kreis geht ein Zuviel an Schmerz voraus, der nicht verstanden werden kann. Das Subjekt aber versucht verzweifelt immer wieder und weiter – im „Wiederholungszwang“ – zu verstehen: Das ist Philosophie.1193 „Den seelisch leidenden Menschen bezeichnet die Daseinsanalytikerin Holzhey-Kunz auch als Philosophen wider Willen, weil sie seelisches Leiden mit einer besonderen individuellen Hellhörigkeit für das Abgründige und Unheimliche des menschlichen Existenzvollzuges in Verbindung bringt.“1194 Wilhelm Reich ging noch weiter: „Es scheint in der Natur der Dinge zu liegen, daß das Lebendige einfach funktioniert und sich im bloßen Funktionieren befriedigt; das Nachdenken über die eigene Existenz, die Wege und das Warum des Daseins, ist eine uralte Aktivität des menschlichen Tieres; aber es scheint sehr zweifelhaft, daß es ebenso eine Lebensnotwendigkeit ist wie das bloße Leben.“1195 Wenn „für mich Philosophie nur Nachdenken und Nachsinnen über mich und meine Lage ist“, dann ist die Rede von Philosophie im Zusammenhang mit Tiefenwahrheit eigentlich nicht mehr gerechtfertigt. Dann befindet sie sich in einem Übergangsstadium zur Nicht-Philosophie (dem Ziel der Linkshegelianer), dann sollte sie schon als Post-Philosophie bezeichnet werden. Das ist präzise der Moment des Abtauchens ins Ciskognitive, wo die Welt nicht mehr nur interpretiert, sondern verändert wird: „der generelle Imperativ der junghegelianischen ‚Neuen Aufklärung‘, die von der Hegel‘schen ‚Philosophie der Versöhnung‘ zu einer ‚Philosophie der Tat‘ schreiten wollte.“ (Laska1196) Hier wird dieses Versprechen eingelöst, das Karl Marx so einen großen Schrecken eingeflößt hatte. Jeder hat schon mal an sich selbst beobachtet, daß sich das Denken und die Denkinhalte ändern, nachdem man in tiefere Gefühle geraten ist – ob nun Weinen oder Lachen –, und daß die Würfel dann anders fallen. Jetzt ist nichts mehr an Intellektualität feststellbar. Das Nachdenken ist unmittelbar an die Sinne und den Leib gekoppelt. Fortschritte im Sinne von LSR zu machen, ist auf intellektuellem Wege in der Tat völlig aussichtslos. Der Intellektualismus ist unser Unglück. Stirners eigentliches „Verbrechen“ bestand doch im Grunde nur in der Tötung des Intellektualismus. Er schrieb: „Gedanken sind das Heilige.“1197 Das war vor allem sein Beitrag zum „Egoismus“, die Ebene, auf der sich sein „Egoismus“ am meisten äußerte. Mehr konnte er zu seiner Zeit nicht tun. Doch das war schon ein gewaltiger, ein riesiger Schritt. Deswegen haben die Intellos so voller Schrecken auf ihn reagiert: Stirner hätte ihnen auf intellektuelle und logische Art und Weise ihren intellektuellen Widerstand gegen ihren nur noch aus Urschmerz bestehenden Eigner zerstört, wenn sie sich auf ihn eingelassen hätten. Deswegen die „Repulsion“. Was bei einer solchen Zerstörung droht, ist die Freilegung des puren Urschmerzes. Denn die Intellos sind unter allen Menschenarten diejenigen, die am wenigsten noch von einem Eigner haben; sie sind im Prinzip fast vollständig ausgelöscht. Wir werden im II. Teil dieses Buches (Aktion) sehen, wie eine solche intellektuelle Zerstörung des Intellektualismus, d.h. des intellektuellen Widerstandes gegen den traumatisierten Eigner, konkret vor sich geht und was daraus folgt. Der Intellektualismus – die vollendete und voll-
kommene Selbstverarschung1198
Stirner sagt von diesem „Verbrechen“ (der Tötung des Intellektualismus): „Im Verbrechen hat sich seither der Egoist behauptet und das Heilige verspottet: der Bruch mit dem Heiligen, oder vielmehr des Heiligen kann allgemein werden.“1199 – „Allgemein“ heißt: Der „Bruch“ wird auf alles ausgedehnt – weit über das Religiöse hinaus –, final und vornehmlich auf den Intellekt schlechthin. Das eigentlich „Heilige“ ist der Intellekt. Warum? Weil dieser die ultimative Droge, das ultimative Versprechen, die letzte Hoffnung („Hopium“) ist. Ein Verstoß gegen den heiligen Intellekt kann nichts anderes sein als ein „gewaltiges, rücksichtsloses, schamloses, gewissenloses, stolzes – Verbrechen“1200. Man macht sich damit wirklich nicht gerade beliebt bei den Intellos. Um die Dimension dieser Angelegenheit – des wirklichen „Endes des Himmelstürmens“, des „Himmelssturzes“, der „Himmelsvernichtung“1201 – zu veranschaulichen, muß Stirner zum Poeten werden: „[G]rollt es nicht in fernen Donnern, und siehst Du nicht, wie der Himmel ahnungsvoll schweigt und sich trübt?“1202 Laska kann noch so oft betonen, daß „LSR kein philosophiehistorisches Projekt ist“1203 – ein postphilosophisches ist es im geschilderten Sinne deswegen noch lange nicht, eben nur ein „paraphilosophisches“. Die Wissenschaft muß hinter uns gebracht werden. Dabei ist es natürlich ausgeschlossen, daß wir dabei in Spiritualität, Esoterik und dergleichen Dreck geraten. Im Gegenteil sind wir wissenschaftlicher als die Wissenschaftler und bringen die Rationalität erst einmal richtig zum Einsatz: ubiquitär, das Rationale unter das Kognitive hinein in das Emotionale erweiternd! Wenn man unabhängig vom Individuellen und nur als Prophylaxe wirklich etwas erreichen will im Sinne von LSR, wäre es viel wirksamer, als philosophische Schlachten zu führen, einfach nur Aufnahmen von Geburten zu zeigen: Wie sieht ein Kind aus, das „sanft“, jedenfalls natürlich geboren wird, und wie eins, das z.B. seiner Mutter sofort entrissen wird. Es ist d och absolut evident zu sehen, wie man Eigner bleiben kann (falls man nicht schon im Mutterleib die Eignerschaft verloren hat). Eigner-Babys und -Mütter1204 Haben solche Bilder nicht eine viel mehr Aussagekraft als philosophische Überzeugungsarbeit? Selbst, wenn sich ein Philosoph argumentativ geschlagen gibt – was genau bewirkt es? Ein Argumenten zugänglicher Philosoph steht sowieso außerhalb des Relevanten. Wie lange brauchen philosophische Gedanken, um zum Leiter einer Geburtsklinik herabzurieseln? Also wenn schon Prophylaxe, dann müssen wir auch wieder dem hehren, junghegelianischen Traum des Praktischwerdens entsprechen: Wie wir uns auf individueller Ebene selbst emanzipieren und ein Unternehmen wie die Milchwirtschaft gründen, so müssen wir im Interesse der potentiellen Eigner von morgen konkret in Pädagogik und Medizin eingreifen. Wir können von der Philosophie, wenn sie sich ins Affektiv-emotionale begibt, auf die Musik analogisieren, wo ein Gefühl auch offen ausbrechen und die Existenz vervollständigt werden kann. In meinem Buch „Die Wahrheit“ schrieb ich 2006: „Gerade höre ich den ‚Plain Song‘ vom Album ‚Desintegration‘ von The Cure. Lieber Leser, integrieren Sie sich wieder, werden Sie integer.I think I’m old and I’m in pain, you said.
And it’s all running out like it’s the end of the world, you said.’“
Inzwischen gibt es diese Aufnahme von Robert Smith1205: Auf „Desintegration“ gibt es auch das Lied „Pictures of You“1206; darin heißt es, als ob Smith post-philosophisch Stirner zu Ende schreibt: You screamed at the make-believe, screamed at the sky.
And you finally found all your courage to let it all go.“
10. LSR: Lob für literarischen Genuß. Kritik wegen Verzichts auf ein Verfahren zur „Selbstermächtigung“. Fazit Wieso habe ich überhaupt so ein Interesse an LSR-Philosophie und der Neuen Aufklärung entwickelt und arbeite daran weiter? – Ganz klar: Aufklärung heißt, die Dinge so wahrzunehmen, wie sie sind – sich nichts vorzumachen und einen klaren, hellen Blick auf die Realität zu haben, mit dem man sich bestmöglich steuert. Es ist faszinierend, wie Laska das, auf die Philosophie(geschichte) bezogen, akribisch, sorgfältig und gewissenhaft herausarbeitet, und wie er das zäh wie ein Löwe verteidigt, was er für den gemeinsamen Kerngedanken seiner drei Helden L, S und R hält. Ich habe die Kernsätze hier oft wiedergegeben, aber den Kernsatz, der mir am besten gefällt, ist der: Die Schädigung der Liebesfähigkeit [führt] zu unstillbarer Liebessehnsucht.“1207 Laska schält die LSR-Kernidee mühevoll heraus und verteidigt sie unermüdlich. Dabei geht er mit einer intellektuellen Qualität vor, die ein Genuß ist. Die Rigorosität und die enorme Sorgfalt sind bewundernswert. Es ist packend, ihm in die kleinsten Details, Verästelungen und Spuren zu folgen. Mir fällt immer der Kriminalroman einfällt, obwohl ich in meinem Leben noch nie einen Kriminalroman gelesen habe (nur folge ich im Moment einem solchen, aber faktischen, nicht fiktiven, der auch sehr spannend ist: die Geschichte von Präsident Macron und seiner „Frau“ „Brigitte“, wie sie u.a. von Xavier Poussard1208 und Candace Owens1209 erzählt wird.) Ich kann mir aber auch überhaupt schon vom Thema her nichts philosophisch Spannenderes vorstellen als Stirner und La Mettrie und deren Rezeptionsgeschichte bzw. der „Re(pulsions- und De)zeptionsgeschichte“ (Laska) ihrer Rezeptionisten. Vergessen wollen wir auch nicht den humoristischen Aspekt im Vergnügen an LSR: wie Laska allein schon genüßlich den Horror der Philosophen vor Stirner aufreiht: „Die Destruktion der Entfremdung, also die Rückkehr zur Authentizität, wäre nichts anderes als die Zerstörung der Kultur, die Rückkehr zum Tiersein, die Rückkehr zum vormenschlichen Status“ (Leszek Ko?akowski); Stirner, das „anthropologische Monstrum“ (Roberto Calasso); Stirners „Teufelsreligion“ (Karl Joël), „der Tag, an dem Stirners Programm auch nur die Willensüberzeugung aller würde, (…) wäre der ‚jüngste Tag‘ der Menschheit – und wird es vielleicht sein“ (Ludwig Klages); „wo aber mit Stirners Postulat des Egoismus, alles an sich zu reißen, was man begehrt, ernst gemacht würde, müßte jegliche menschliche Existenz aufhören […]. Der Stirnersche Egoismus führt, würde er praktisch, in die Selbstvernichtung des Menschengeschlechts“ (Hans Heinz Holz) usw.1210 Hahaha, was sind das alles nur für arme Tröpfe… Sie haben überhaupt gar nichts verstanden. Das kann nur daran liegen, daß sie aber so was von komplett eines Eigners entkleidet sind. Intellektuelle halt. Man muß sich das nochmal auf der Zunge zergehen lassen: Kolakowski will keine „Destruktion der Entfremdung“, er will die Entfremdung! Das ist unfaßbar. Die eine Sache ist – und darüber muß man sich dankbar freuen –, das hohe intellektuelle Niveau von LSR in der philosophischen und geistesgeschichtlichen Auseinandersetzung. (Ich habe nie verstanden, wie man das nicht aufgreifen kann – zumal auf der Rechten. Ich würde doch alles qualitativ Wertvolle über meine Helden Ernst Jünger und Carl Schmitt in Erfahrung und verschlingen wollen! Ich habe es den Rechten oft nahegelegt – ohne jede Reaktion. Wir Linken haben doch auch Rechte gelesen, ohne daß uns eine Zacke aus der Krone gerutscht wäre.) Aber warum geringschätzt und vernachlässigt Laska dermaßen Bemühungen, besagte „Schädigung“ rückgängig zu machen? Warum läßt er sie alle unbeachtet links liegen mit der faulen Ausrede, es ginge sowieso nur um „Prophylaxe“? Konsequenterweise hat er diese dann aber auch noch fallen gelassen, das muß man ihm lassen. Es muß ihm aufgefallen sein, daß „Prophylaxe“ Mumpitz und ein schlechtes Alibi ist. All die philosophiegeschichtliche Professionalität verdeckt den nicht wirklich eingelösten Anspruch, zu einer Neuen Aufklärung beizutragen. Zur Unterwindung des „Kognitiv-rationalen“ hat Laska – außer einen Anstoß – eben nicht sonderlich viel hinzugesteuert und hat den Neuen „affektiv-emotionalen Bereich“ nicht erreicht, geschweige denn, er hätte dort „operiert“. Laska scheint nur für die philosophische Draufsicht, nicht aber für die Binnensicht, das Selbstempfinden, einen Draht zu haben. Wenn doch – wie im Briefwechsel mit Prütting –, wirkt er komplett verloren. Laska begnügt sich mit Paraphilosophie: Paraphilosophie ist ein Wort, das bisher kaum in Gebrauch war – zu Recht, denn bisher ist es noch nie gelungen, aus einem originär philosophischen Impetus Gedanken zu entwickeln, die dem üblichen Bereich der Philosophie nicht zuzuordnen sind; sie stehen sozusagen außerhalb, NEBEN der herkömmlichen Philosophie.“1211 Dabei gerät aber das nicht von ungefähr verfolgte junghegelianische Ziel einer Unterwindung der Philosophie als Entfremdungszustand in Vergessenheit. Die Paraphilosophie „operiert im kognitiv-rationalen Bereich“; sie ist weiterhin eine Philosophie, die eben nur auf einem Nebengleis fährt. Hieß es aber nicht, daß wir den kognitiven Bereich um den affektiven erweitern müssen? LSR ist zwar keine Philosophiegeschichte, aber noch kein Herunterkommen aus dem „Jenseits in uns“ ins Diesseits. Christian Fernandes ist ein würdiger Nachfolger Laskas, aber auch Philosoph: „Die ‚tugendhafte Lust‘ des Discours besagt gemäß der These Jacques‘, dass der soziale Einfluss in Gestalt einer repressiven Sexualmoral Schuldgefühle erzeugt, die die Fähigkeit zur Empfindung der Wollust stören, wodurch böse Charaktereigenschaften entstehen.“1212 Was Fernandes sagt, ist richtig. Aber vor allem werden wir durch den „Einfluß“ unglücklich und leiden unter ihm. Und es ist nur das Leid und der Schmerz, die bewirken, daß wir uns abtöten und empfindungslos werden. Ein Eigner zu sein, könnte heißen, frohen Mutes durch das Leben zu gehen und es zu genießen. Kein Eigner zu sein, heißt Leid. Oder leiden wir etwa nicht darunter? Falls nicht: Wozu dann das alles? Die „tugendhafte Lust“ ist gut und schön und treibt die Beweisführung voran, daß unsere Zivilisation hohl, armselig und intellektuell nicht satisfaktionsfähig ist. Aber liegt darin wirklich die „Essenz und Konsequenz“ von LSR? Es ist zwar verdienstvoll, die Blindheit, Ungenauigkeit und Unlogik der Gegenaufklärer und Pseudoaufklärer zu denunzieren, aber das allein kann es ja noch nicht sein. Fällt Fernandes wieder in die Philosophie zurück, anstatt weiter die „tugendhafte Lust“ real zu vergrößern? Fernandes schreibt: „Bernd A. Laska zufolge sind sie [Rousseaus, Marx, Nietzsche, Freud] einen Kompromiss mit jenem Zeitgeist eingegangen, der letztlich auch für die Katastrophen des 20. Jahrhunderts und die aktuelle Weltlage verantwortlich ist.“ Und dann: „Aber wie diesen Zeitgeist adäquat analysieren, um seinen Bann zu brechen?“1213 – Der Bann kann nicht durch Analyse, sondern nur durch „Operieren im affektiv-emotionalen Bereich“ durchbrochen werden. Dabei muß von der aktuellen Weltlage abstrahiert und sich auf das aktuelle Individuum bezogen werden. Stattdessen „[besteht] Laskas Lösungsansatz in dem Nachweis, dass die Ideengebäude der genannten Denker Abwehr- und Verdrängungsreaktionen auf die Radikalaufklärer [L, S und R] darstellen.“1214 Der Dekonstruktion dieser „Ideengebäude“ zu folgen, ist ein Genuß, der das rein Intellektuelle bereits verläßt und uns begeistert, das stimmt. Aber der begeisternde, affektive Anteil in dieser Faszination ist auch das einzige, was effektiv affektiv ist. Das ist unterm Strich etwas dünn; so hatten wir nicht gewettet. Laska bleibt der Intellektuelle, der seiner eigenen Forderung, der Notwendigkeit einer Neuen, ins Affektiv-emotionale hineinstoßende Aufklärung nachzukommen, um sich einer Eignerschaft nähern zu können, nicht folgt. Es mutet aber äußerst befremdlich an, wenn er sich über seine eigene Inaktivität hinaus auf Reich als dem angeblich einzigen versteift – ein fernes, unerreichbares Ideal –, der das getan haben soll, und völlig blind und ignorant für die ist, die das angeblich nicht nur nicht getan haben, sondern die den angeblich so einzigartig weit vorausgipfelnden Reich „repulsiert“ hätten, wo sie doch in Wahrheit auf diesem Gebiet viel weiter als Reich waren. Davon gab es etliche; Laska kanzelt sie alle ab, ohne sich auch nur ansatzweise mit ihnen wirklich zu beschäftigen; er gibt sich für seine Bannsprüche mit einer rein ideologischen und lexikalischen Prüfung zufrieden, ohne daß es ihm um den Geist, besser gesagt: den Sinn des Eigners ginge, nur um den Buchstaben. Das ist sicherlich eine der Repulsionstechniken, mit denen er sich vor dem Befolgen seiner eigenen Forderung schützt: Bloß auf nichts einlassen und das Heiligtum Reich nicht ankratzen! Reich ist Laskas Wächter gegen die Eigenheit und Über-Ich. Daß es um den Einzigen und Eigner, also um Laska selbst diesseits aller Ideologie geht, ist so gut wie nicht mehr erkenntlich. In der Diskussion um das „rationale Über-Ich“ hatte sich ja herausgestellt, daß die „individuelle Selbstermächtigung“ sich nicht auf ihn, Laska selbst, sondern nur auf die anderen bezieht. Aber dem ist ja nicht so; Laska meint ja auch sich selbst – das kommt, wie wir im Kapitel 8.5.9. Laskas Ich-Schwäche treibt ihn zur Negation des irrationalen Über-Ichs der „anderen“ noch weiter in die Pseudosozialität und weg von der Individualität in die philosophische Anthropologie anstatt in die phänomenologische Philosophie. Die philosophische Herangehensweise an Selbstermächtigung läuft jetzt unter „ferner liefen“, ist mit Laskas Mitteln endgültig gescheitert gesehen haben, eigentlich deutlich zum Ausdruck. Laska hat sich sehr wohl mit der Frage einer sich auf ihn selbst beziehenden „individuellen Selbstermächtigung“ beschäftigt, wenn auch nur extrem zögerlich. Man merkt dort förmlich, wie er ängstlich um den heißen Brei herumschleicht, aber keinen Einstieg, sondern am Ende nur einen Ausstieg findet: die Flucht ins vermeintlich Soziale: nämlich die anderen vom Über-Ich zu befreien. (Das wahrhaft Soziale – die Beteiligung an der Beseitigung des Über-Wirs – findet gleichwohl nicht statt.) Dieser Gang von sich zu den anderen ist eine Flucht vor der inneren Zerrissenheit und aus der Verlorenheit – aus der Ich-Schwäche. Jetzt verstehe ich auch das ganze Theater mit den verschiedenen Über-Ichen – „meins“, das „mich leitende“, das „mich hindernde“, das „mißratene“, das „rationale“, das „irrationale“ –, die „evtl. eine Sache für den Psychotherapeuten [wären], der mir vielleicht helfen könnte, das zu ändern, oder auch nicht.“1215 – Bei all diesen Über-Ichen wird die Sache ja wirklich etwas kompliziert, und ein Psychotherapeut kann hier definitiv nicht behilflich sein. Aber in der Tiefenwahrheit gibt es keine „schweren Fälle“. Aus dem in diesem Buch Gesagten geht klar hervor, daß ich das Intellektuelle nicht geringschätze oder vernachlässige. Manchmal schlage ich über die Stränge und greife das Intellektuelle irrational an; dann ist das eine in mir verbliebene symbolische Abrechnung mit meiner Mutter als der Protointellektuellen, an deren Bücherregal ich in meiner Verlorenheit oft und lange stand, mir irgendeine Hilfe von den Büchern erwartend. Sie waren eine Art Zaubermittel in eine bessere, heilere Welt, völlig abstrakt, es hatte nichts damit zu tun, daß man sie hätte lesen können. Ich ließ mich dann auch in der Schule und beim Training mit Büchern blicken, die ich gar nicht las. Ich wollte wohl so etwas wie ein Intello darstellen und mich aufwerten, nach außen zeigen und mich damit selbst überzeugen, daß ich aus meiner Verlorenheit gerettet sei. Meine Mutter hatte also auch noch, nachdem sie mich zerstört hatte, irgendwie zusätzlich auf mich dahingehend abgefärbt, in Büchern eine Art Rettungsringe zu sehen; sie hatte mir ein Mittel gegeben, wie ich mit meiner Verlorenheit am besten umgehe, sie überspiele. (Mit den Büchern später – Freud und Reich – hatte das allerdings nichts mehr zu tun; das war etwas anderes, hatte aber letztlich sicher auch mit dem Bücherregal meiner Mutter zu tun. Aber hier war mein eigenes Interesse vorhanden, und ich las diese Bücher ja auch wirklich. Aber es gibt natürlich eine Verbindung zwischen den beiden Arten von Büchern – und sich auch mit dem hier vorliegenden.) Meistens kritisiere ich aber Laska als Intellektuellen sachlich richtig und rational. Laska ist es aber wenigstens wert; er ist einer solchen Kritik würdig. Intellektuelle wie Heiner Müller gucke ich nicht mal mit dem Arsch an. Meine Kritik an Laska ist zwar hart, aber er wird mich dafür loben, so wie Feuerbach Stirner gelobt hat. Bei aller Würdigung muß das Intellektuelle als unausreichend kritisiert werden. Laska sieht das ja selbst so. Bei ihm verbleibt das aber im Programmatischen. Etwas anderes aber ist die konkrete Situation eines Einzelnen, der notwendigerweise ins Affektive gehen muß, wenn er sich von seinem gröbsten Entfremdungsleid befreien will. Wir dürfen ja nicht vergessen, worum es überhaupt bei LSR geht, was der tatsächliche Hintergrund der geistesgeschichtlich-intellektuellen Auseinandersetzung ist: der Versuch, sich selbst anzueignen. Darauf zu verzichten und das einer „Prophylaxe“ zu überlassen – sich mit etwas völlig Ungewissen abzugeben –, ist eine Flucht vor der eigentlichen Aufgabe von LSR. Daß sich Laska für das Philosophische und gegen das Therapeutische entschieden hat, war ja nicht verkehrt. Er roch ja den Braten der „Ineffizienz“ deutlich. Aber für ihn war das Philosophieren nicht der erste Schritt unter das Kognitive. Leider hat Laska keine Konsequenz aus seinem eigenen Kernsatz gezogen. Mir muß niemand sagen, wie äußerst schwierig, ja wie wenig aussichtsreich eine Wiedererlangung der Liebesfähigkeit ist, wie grausam die unstillbare Liebessehnsucht bestehen bleibt und wie unbefriedigend die bisherigen Versuche ausgefallen sind. Ich bezweifle, daß in reichianischer Therapie die wirklichen Tiefen des menschlichen Leids erfaßt werden. In erfolgreicher Primärtherapie ist das schon eher geschehen. Aber psychiatrische Orgonomen wie Elsworth F. Baker wußten wenigstens davon, daß die Traumata ungelöst blieben; diese Bestandsaufnahme ist schon mal die Basis weiterer Versuche. Baker nannte das den „Haken“; er definierte ihn so: „Eine Blockierung, die aus irgendeinem Grund, der entweder in ihrer Entwicklung oder in einer besonderen Bedeutung für den Betroffenen liegt, ungewöhnlich schwer oder gar nicht zu überwinden ist.“1216 Zu den richtigen „Haken“ aber sind die Orgonomen in ihrer letztlich oberflächlichen Herumschrauberei gar nicht gekommen: die ozeanische Enttäuschung, die unaussprechliche Qual der ausgebliebenen, vermißten Bindung und Mutterliebe. Die Erwartung einer riesigen Freude hat sich nicht erfüllt. Neugeborene ohne Hautkontakt zur Mutter: verwundert, erstaunt,
mißtrauisch, ratlos – auch „ohne Trauma“ entfremdet: Was soll ich
hier auf Erden?1217
Immerhin scheint es inzwischen auch bei den Orgonomen zu echten Fortschritten gekommen zu sein: Peter Nasselstein läßt den Orgontherapeuten Christopher Burritt zu Wort kommen: „Sitzung um Sitzung lag sie auf der Couch und zeigte mir, wie wichtig Geduld ist. Minute um Minute verging, und ich beobachtete, wie sie darum rang, herauszufinden, was sie brauchte und was sie wollte, anstatt sich von mir anweisen zu lassen, dieses oder jenes anzusprechen. Indem ich einfach nur zusah und zuhörte und oft wenig bis gar nichts sagte, akzeptierte ich sie, machte ihr klar, daß ich wußte, daß sie damit umgehen konnte, und gab ihr Zeit, ihre Bedürfnisse zu erkennen. Sie brauchte Aufklärung und Ermutigung, um diesen Teil von sich selbst zu akzeptieren und sich nicht mit anderen zu vergleichen oder mit dem, was sie sich von anderen Patienten in der Therapie vorstellte. Mir war klar, daß es ihr nur schaden würde, wenn ich die Verantwortung für sie übernähme oder ihr Anweisungen gäbe, statt sie die Dinge selbst in die Hand nehmen zu lassen.“1218 Christopher Burritt ist hier reiner Wahrheitsbegleiter und hat jegliches Psychotherapeutentum abgelegt. Für mich geht es nur um den Nutzen, den jemand hat, der Hilfe braucht. Wie sich der Helfer bezeichnet, ist egal. Aber Hilfesuchende werden von der Bezeichnung „Orgontherapeut“ zurecht abgeschreckt, weil es eben nicht der typische und zu erwartende orgontherapeutische Umgang mit dem Hilfesuchenden ist, den Burritt hier pflegt. Warum nennt sich Burritt „Orgontherapeut“, wo doch nichts mehr Orgontherapie ist an dem, was er (zumindest hier) tut? Nasselstein schreibt an anderer Stelle: „Charakteranalyse ist, nach Elsworth F. Baker, nichts anderes als ‚Kontaktherstellung mit dem Patienten‘. Wir müssen jeden Menschen als unverwechselbares Individuum wahrnehmen und entsprechend mit ihm umgehen.“1219 – Das hört sich wieder einmal sehr schön an; dann wäre die Charakteranalyse reine Tiefenwahrheit bzw. ein rein stirneristisches bzw. ein Einzigenverfahren. Aber dem ist ja nicht so. Baker wußte vielleicht, worauf es ankommt, aber er hat weit mehr als „Kontaktherstellung mit dem Patienten“ getan. Ich habe den Eindruck, die Orgontherapeuten haben sich nur nicht getraut, von Reich und der Orgontherapie abzurücken. Ihre Autoritätsgläubigkeit und Reich-Treue stand dem im Wege. Die Charakteranalyse kommt unter allen reich‘schen Verfahren tatsächlich der Tiefenwahrheit noch am nächsten. Aber sie wurde ja nicht nur nicht weiter im stirner’schen Sinne radikalisiert, sondern ganz im Gegenteil fast bis zur Unkenntlichkeit von Orgontherapie überlagert. Nasselstein hat recht, wenn er sagt, daß es so, wie es Burritt tut, gut ist. Aber Nasselstein hat unrecht, wenn er sagt, daß Burritt – im Unterschied zu den „Möchtegern-Orgonomen“ und „blauen Faschisten“ – ein „richtiger Orgontherapeut“ ist. Nein, alles, was die richtige Orgontherapie bisher ausgemacht hat, gibt es bei Burritt nicht (mehr). Die Orgontherapie hat sich – zumindest im Falle von Christopher Burritt – entwickelt, gewiß, aber von sich selbst weg und hat ihr Paradigma verlassen – bei Burritt, wohlgemerkt (und an dieser Stelle; wer weiß, was er sonst noch macht). Jene Enttäuschungen und Qualen, die auch die Patientin von Burritt zu kennen scheint und die mit Burritt schon nicht mehr unbedingt einen „Haken“ darstellen müssen wie noch bei Baker, sind höchst schwierig zu verschmerzen. Sie erfordern in der Tat unendliche Geduld und einfühlsamstes Beharren auf den total verängstigten, sich versteckenden Baby-Eigner. Noch heute bemerke ich an mir, wie ich, wenn ich wegen guten Vorankommens z.B. an diesem Buch gute Laune habe, draußen auf der Straße nicht lachen darf, weil meine Ex-Freundin ja um die Ecke kommen könnte – was völlig ausgeschlossen ist – und mich fröhlich sehen könnte. Denn das würde ja bedeuten, daß ich nicht hilfs- und liebesbedürftig bin, aber genau das muß ich ja signalisieren. Das Bedürfnis des Trostes und das der Anerkennung des geschehenen Schmerzes stecken tief im Knochenmark. Ich kannte mal einen, der kommentierte ständig alles, was er tat, aus der Sicht eines Biographen, der sich also mit seinem Leben beschäftigt. Das kommt davon, wenn man als Kleinkind keine ehrlich interessierte Aufmerksamkeit bekommt, weil die Mutter keinen Sinn für die Niedlichkeit ihres Kindes hat. Stirner hatte von den wirklichen grausamen Nöten des entfremdeten Subjekts eigentlich noch keine Ahnung und verharmloste sie als „Bedenken“, gab sich stattdessen mit Kinkerlitzchen religiöser Atheisten ab. Ein Scheitern scheint unvermeidlich. Ricarda Huch übertreibt vielleicht, wenn sie schreibt: „[Stirner] war kein Löwe, wenn er auch einmal wie ein Löwe gebrüllt hatte. Es ist tragisch, daß der Mensch, der in der Zeit der Entpersönlichung für das Recht der Persönlichkeit eintrat, selbst keine war.“1220 – Aber selbstverständlich ist auch der arme Stirner gescheitert – auch als Geschäftsmann: seine Milch floß in die Gosse, obwohl billiger; keiner wollte sie haben; die Monate im Schuldenturm ... So, wie Stirner die Geistigen und Denkenden freundlich verspottete und ein letztes mal mit Geist gegen den Geist vorging, so ich die Bücherwürmer in ihren Bücherstuben, schreibe aber selbst diesen Wälzer hier. Aber wir können nicht anders, als „an dem Ziel des autonomen Menschen fest[zuhalten]“ (Laska1221); müssen weiter an der Vereinheitlichung, Vertiefung und Verdeutlichung des Ichs – die „Überwindung der Ambivalenz und des Narzißmus“, wie Reich sagte1222 – festhalten und den Sieg anstreben: „Am Ende steht der Sieg der Naturkräfte im Menschen: die Einheit von Natur und Kultur.“ (Reich1223) Alle unsere Projekte (LSR, Tiefenwahrheit) sind ziemlich sinn- und wirkungslos. Wir folgen nur unserem „Gewissen“ (Nasselstein1224) und zeigen, daß wir mit der Lage nicht einverstanden sind, oder wir versuchen – was aufs gleiche hinausläuft –, uns Anerkennung zu verschaffen und gegen den ganzen Unsinn auf unserem Standpunkt zu beharren. Das ändert aber an unserem prinzipiellen Scheitern nichts. Aber es geht doch darum, daß man überhaupt in Kontakt mit sich selbst – oder den Resten von sich selbst – bleibt. Man will doch bei allem Scheitern trotzdem noch so viel wie möglich man selbst sein, sozusagen die Würde retten. Man muß doch zu sich und seiner Lebendigkeit stehen oder wenigstens versuchen, sie wieder herzustellen. Es geht um diese reale, im Affektiven operierende Wiederherstellung. Auch wenn sie unvollständig bleibt, ist sie doch von Wert für das Subjekt. Kritiker von besonderen Verfahren zur Wiederaneignung der Person bringen vor, daß man sich ganz der Gegenwart widmen, sich um sich selbst kümmern und die Dinge erreichen soll, die wirklich zählen. Ja, so schlau waren wir auch schon. Das ist im stirner’schen Sinne Pseudoegoismus. Diese Kritiker haben verdrängt, daß all diese Dinge völlig leer und bedeutungslos sind, wenn ihr lebendiger Inhalt durch Schwächung und Verdrängung des lebendigen Eigners dezimiert bis nihiliert ist. Entweder sie wissen nicht, worum es geht (das ist ihnen zu wünschen; dann kennen sie das Problem wirklich nicht), oder sie sind arme Tröpfe. Also müssen wir in Kontakt mit uns selbst bleiben. Laska faßt das so zusammen: „Der Eigner ist also im strengen Sinn nicht, wie oben provisorisch gesagt, ein ‚erreichbares‘ Ideal. […] Empörung ist als permanenter Prozeß zu verstehen, als Charakterzug des Eigners sozusagen, nicht als einmaliger Akt einer Metamorphose.“1225 Es mag alles ein Scheitern gewesen sein. Aber das wahre Scheitern war doch das, zu dem wir gezwungen worden sind und für das wir nichts konnten. Ich hatte mir meinen Besuch auf Erden wahrlich anders vorgestellt, und bei der Vorstellung, was mein Leben eigentlich hätte sein sollen und wie es hätte verlaufen können, wenn ich hätte der sein können, der ich eigentlich bin, wird mir schwindlig. Eine klare Zuweisung der Schuld, eine klare Benennung der Ursachen für unser Unglück hat nichts mit einer angeblichen Ablehnung unserer eigenen Verantwortung als Erwachsene zu tun. Natürlich müssen wir diese übernehmen; nichts sonst kann uns retten. Und das habe ich ja auch getan – und bin damit trotzdem gescheitert bzw. bin auf einer Menge Schmerz und Angst sitzen geblieben. Aber war ich nicht glücklich und froh, als ich es endlich geschafft hatte, meinen Traum zu erfüllen und endlich wirklich eine „Therapie“ antrat, als ich meinem Therapeuten in einen Wahrheitsbegleiter umgewidmet hatte und sich endlich alles ergoß, was ich schon immer sagen wollte? Das hatte ich doch immer gewollt! Und ich hatte doch meine echten Gründe, das zu wollen! Ich trug meine noch frische Kindheit in mir, als ich als Jugendlicher meine Eigentheorien entwickelte, die völlig ideologie-unbelastet waren. Sie basierten auf etwas sehr Realem, meinem echten existenziellen Befinden. Und diese Theorien setzte ich am Ende zu einem erstaunlich großen Teil in Praxis um. „Scheitern“ muß man wirklich relativ sehen. Es findet auf dem Weg zum Scheitern eindeutig ein großes Reinemachen statt; der Kopf wird klarer strukturiert; die Symbolismen entfallen schon mal auf dramatische Weise; das ganze Gequatsche geht einem am Arsch vorbei. Das Scheitern enthebt uns nicht weiterer Versuche. Unsere realistisch-pessimistischen Einschätzungen schützen als Kollateralnutzen zukünftige Generationen vor leerer Betriebsamkeit; vielleicht hat das etwas Prophylaktisches. Mögen die Zukünftigen an der richtigen Stelle weitermachen. 10.1. Exkurs: sozial-machtpolitischer Aspekt der Heteronomie Werden Neue Aufklärung und die Frage von Autonomie und Heteronomie in Zukunft – im Zeitalter des Transhumanismus – überhaupt noch relevant sein? Solange es autonome Anteile im Subjekt gibt und diese im Widerstreit mit Heteronomen liegen, bleibt das Problem, wie mit dieser Spaltung umzugehen ist. Da die Heteronomie aber in die – wie die Biodigitalingenieure sagen – Hardware Einzug hält, wird eine Lösung des Problems immer schwieriger werden. Der von Laska bemängelten Ineffizienz, wenn es um die Wiederherstellung des Biohumans geht, steht die Effizienz gegenüber, mit der der Technohuman hergestellt wird. Zumindest steht einer totalen Heteronomie auf sozialer Ebene nichts mehr im Wege, in einigen Wochen wird schon mal der „digitale Euro“ eingeführt. Während der Depp sich darüber freut, daß Trump und Vance die Zensur und das fact checking, wording und framing zurücknehmen, benötigt die Neue Manipulation gar keine Zensur mehr, weil die „sozialen Medien“ vollständig unter die Kontrolle der Technokraten geraten. Daß die Massen die „Mainstream-Medien“ verlassen, ist alles andere als gut im Sinne einer Autonomie, weil in den „alternativen Medien“ via shadow banning usw. von den Leuten, die hinter Trump und Vance stehen – der „finanz-digitale Komplex“ (Ernst Wolff) –, noch viel effizienter zensiert, kontrolliert und gesteuert werden kann, während sich der user frei informiert und frei agierend vorkommt. Daß er, wenn er im Sinne von Autonomie und Souveränität agiert, im Leeren rotiert und still und leise aus dem Verkehr gezogen wird, merkt er kaum noch. Die sog. Schwarmintelligenz wird in ihr Gegenteil verkehrt: Das Wissen über Dronenschwärme wird eins zu eins auf die „Steuerung des Gruppenverhaltens mittels Social Media“ umgesetzt (Tom-Oliver Regenauer1226). Das Schöne daran ist, daß diese Drohnenschwärme autonom operieren und die Menschenschwärme auch entsprechend „autonom“, sprich: total-heteronom operieren werden. „1984“ wird in einem kaum noch zu fassenden Maße perfektioniert. Das alles haben wir aber nicht den „Gafa“1227 und den großen „Vermögensverwaltern“ zu verdanken. Ernst Wolff verschweigt, daß es mindestens noch einen größeren player hintern diesen gibt, und man könnte den Verdacht schöpfen, daß Wolff diesen schützt und die antitrumpistische Widerstandbewegung in dessen Interesse steuert: Lynn Forester de Rothschilds „wenig bekanntes Investmentmonster“1228 Council for Inclusive Capitalism (CIC), das „eine Billion mehr als [Larry Finks] BlackRock“ auf die Waage bringt. „Die schwerreiche Gründerin des CIC ist eine langjährige Freundin der Clintons“, schreibt Tom-Oliver Regenauer, „stand dem Menschenhändler Jeffrey Epstein nahe und tauchte mehrfach in den durch WikiLeaks veröffentlichten Mail-Archiven von Hillary Clinton auf. […] [Schon im August 2023] distanzierte sie sich von der ESG-Agenda1229. Es sei an der Zeit, ESG ‚in den Papierkorb‘ zu befördern, so Rothschild. Damit meinte sie allerdings nicht die Agenda an sich, sondern lediglich die Terminologie. […] Die Ziele, die man sich mit der ESG-Agenda gesetzt hat, werde man dennoch durchsetzen, so Rothschild. [Sie] plädiert […] für ein simples ‚Rebranding‘. […] Aufgrund der überragenden finanziellen Möglichkeiten […] darf eine solch lapidare Anmerkung […] durchaus als Arbeitsanweisung für Larry Fink und Konsorten, die nachgeordnete Hierarchieebene, verstanden werden.“1230 Die gesamte „Elite“ – Gafa, Goldman Sachs & Co. – muß nun Rothschild nachziehen, das Woke-und-Klima-Narrativ verlassen, auf rechts umschwenken und die fake-souveränistische Konvertiten-Puppe Trump1231 tanzen lassen, die ein wesentliches Steuerungs- und Führungselement bei der Behütung der globalen Humanherde darstellt. Diese geht unter Einsatz elektronisch-ideologischer Hütehunde vor sich, die die Humanhirne kapern und hacken – besser gesagt: entern – und die die Roboterhunde und Stromzäune der 15-Minuten-Städte überflüssig werden lassen. Die Hüter bedienen sich der nomadisierenden Hütetechnik, weil diese ihnen besser entspricht als die seßhafte in Ställen und auf Weiden und die Behüteten in der Illusion wiegt, sich frei bewegen zu können und autonom zu sein. Diese Form von Über-Ich, Behütet-sein und Hirnhacking-Heteronomie kann von altbackenen, im 19. Jahrhundert zurückgebliebenen Stirnerianern à la Max-Stirner-Archiv Leipzig nicht erkannt werden. Die patriotischen Deppen ihrerseits fallen nun auf die Trump-Nummer herein bzw. haben gar nichts mehr gegen sie, weil sie doppelt fremdgesteuert sind: mikro- und makrosozial. Die gleiche technokratisch-transhumanistische Agenda wird nun unter neuem Vorzeichen fortgeführt – hinter der bodenständigen Fassade von Nationalismus und gesundem Menschenverstand –, wobei mit der Puppe Biden noch die mittlere reich’sche Schicht sprach: die polymorphe Perversion. Es hat also ein Über-Kreuz-Austausch in der baker’schen Psychopolitologie1232 stattgefunden: Die Konservativen repräsentieren jetzt die Fassade und die Liberalen die mittlere Schicht. Das darunter liegende gemeinsame Funktionsprinzip (CFP) bleibt aber der tikun olam1233: das Wirken der reich’schen Lichtgestalt „Zadniker“1234 – wohl die Säkularisierung eines „Zaddiks“1235. (Ende Exkurs) Wenn die Gruppe beherrscht und gesteuert wird, hat der Einzelne auch keine Chance mehr, autonom zu bleiben. Wir stehen noch am Anfang der Beobachtungen, wie sich die Selbstwahrnehmung eines Individuums unter transhumanen Bedingungen verändert und neu gestaltet. Es besteht eine gewisse Hoffnung, daß das Transhuman seine Entfremdung weniger wahrnimmt als noch zu humanen Zeiten – oder sogar gar nicht mehr, weil die Heteronomie tiefer in ihm verankert wird. Dann wäre das Problem tatsächlich überwunden und wir bräuchten keine Unterwindung mehr. Aber solange die Steuerung nicht komplett übernommen ist, werden wir es mit inneren Konflikten zu tun haben, so daß die Frage bestehen bleibt und weiter beantwortet werden muß. Auch die Transhumanen kommen nicht davon, sich mit ihre Spaltung auseinanderzusetzen. Eine radikal autonomistische Haltung dürfte dann aber keinen Sinn mehr haben und der Vergangenheit angehören. Auch die Möglichkeit eines Zurücks zum Human durch Hinausschaffung der technischen Apparate wird es nicht mehr geben, da das Genom endgültig und unumkehrbar umgestaltet sein wird. Da aber davon auszugehen ist, daß wir Humane aber selbst Produkte solcher Umgestaltungen sind und das Autonomie-Heteronomie-Problem haben, wird die Frage nach einer Vereinheitlichung der Person wahrscheinlich auch in Zukunft bestehen bleiben. Ich werde einen Katalog der Gründe für mein Scheitern erstellen, damit die „Effizienz“ (Laska) der Tiefenwahrheit gesteigert werden kann. Der „permanente Prozeß“ (Laska) kann aber nur ein ciskognitiver sein. Ihn gar nicht erst anzutreten oder seine Permanenz abzubrechen, kommt einer Selbstaufgabe gleich. Das kann ja wohl nicht im Sinne von LSR sein. Man selbst zu sein, das muß doch angegangen werden – und das immer wieder. Was bleibt uns denn anderes übrig? Es ist nun mal so, wie es ist. Und die dabei erzielten Erfolge können doch auch nicht ignoriert werden: Mein ständiges schweres Problem (daß ich „nicht da“ bin) ist vollständig verschwunden – auch wenn es zu einem „zu viel an Dasein“ geführt und der „unstillbaren Liebessehnsucht“ Platz gemacht hat. Diese ist zwar schlimm, aber gar nicht da zu sein, ist schlimmer, weil absolut sinnlos. Ich habe mein Leben lang bei Streß blaue Lippen bekommen; das ist heute nur noch selten der Fall. Es muß Verschmerzungen auf tiefer, „leiblicher“ (Schmitz) Ebene gegeben haben. Es ist vielleicht auch nicht nur Anlage, wenn ich im Gegensatz zu meinen Freunden, die nicht so viel Wert darauf gelegt haben, in der Wahrheit zu leben, noch Zähne und Haare habe; die Hälfte von ihnen hat Krebs. Es ist nur ein Buch, das ich hier schreibe, und mein Leben muß als verfehlt gelten. Aber vom ursprünglichen Leben, wie es hätte sein sollen, ist etwas in der Leidenschaft übriggeblieben, mit der ich mein Projekt betreibe und auch an diesem Buch schreibe. Ich weiß, was ich tue, und tue es von ganzem Herzen. Ich kenne niemanden, der diese Leidenschaft hat und einen Sinn darin sieht – der sicher nur der Abglanz des ursprünglichen Sinnes ist –, was er tut. Immerhin steckt ein nicht ganz kleiner Teil des eigentlichen Sinnes in diesem Sinn; ich habe Tuchfühlung mit ihm, habe Kraft und Freude; der Sinn ist fast direkt noch in mir enthalten. Die Tiefenwahrheit konnte also nicht nur überhaupt erst mal ein eignerschaffendes Verfahren in Gang setzen – was für sich genommen angesichts der Erfahrung bei Janov schon gut war –, sondern auch eindeutig die von Laska beklagte „Ineffizienz“ der psychotherapeutischen Verfahren in einem beachtlichen Maße beseitigen. Laska wird all dem zustimmen und von sich sagen, er nimmt sehr wohl Teil am „Prozeß“ – und das stimmt ja auch –, aber er scheint das alles intellektuell, „kognitiv-rational“, zu verstehen. Ich habe nach vielen Jahren einer öden und ekelhaften Einsamkeit voller Fäulnis, während derer ich sehr viele Stunden der Tiefenwahrheit nahm1236, endlich eine schöne Bindung zu einer Frau herstellen können. Es blieb aber immer eine Spaltung bestehen, und so mußte ich mich wieder von ihr trennen, was mich wieder in ein Elend zurückgestürzt hat. Jetzt fühle ich Schmerz, Sehnsucht und eine tiefe Traurigkeit. Die Traurigkeit ist wie ein Vulkan, der sich aber oft und jederzeit öffnet und etwas von seinem unendlichen Magma freigibt; ich bin sehr nah Am Wasser 23 gebaut. Es ist keine Öde und Fäulnis mehr, alles andere als das. So wenig erfreulich und vielleicht paradox sich das anhören mag – es ist ein Fortschritt. Frei zu sein, ist wichtiger als alles andere: Da geht es mir wie Kierkegaard, der sich letztlich auch gegen Regine Olsen und für die Freiheit entschieden hat, obwohl er ja – angeblich – in jener berühmten Aporie jede Entscheidung für gleich bereuenswert gehalten hat. Und so hat auch Stirner Marie Dähnhardt ziehen lassen. Beide „setzten ihre kindischen, in der Kindheit empfangenen Gefühle fort“ (Stirner1237), rissen sich am Ende aber gewaltsam da heraus.1238 Stirners Mutter war verrückt. Kierkegaard identifizierte sich offensichtlich symbolisch über Regine mit seiner Mutter und war von riesigem Mitleid getrieben; er wußte um den nicht-erwachsenen Charakter der Beziehung mit Regine: „Ganz kann ich mir nicht darüber klar werden, welchen Eindruck sie auf mich gemacht hat. Denn sicher ist, dass sie sich mir beinahe anbetend ergeben hat, mich gebeten hat, sie zu lieben, es hat mich in einem solchen Grade gerührt, dass ich alles für sie wagen wollte. Jedoch, wie sehr ich sie liebte, so zeigt auch dies, dass ich dauernd habe vor mir verbergen wollen, wie sehr sie mich eigentlich gerührt hat, was sich doch eigentlich nicht zum Erotischen verhält.“1239 – Bei Stirner hingegen muß es eine erotische, zumindest, wenn man an Maries Präsenz unter den „Freien“ denkt, „triebhafte“1240, vielleicht schon eher erwachsene Komponente gegeben haben. Was liegt dem allgemeinen „Bereuen“, der Abwesenheit einer wirklichen Alternative zugrunde? – Die Angst vor Frauen. Ich weiß nicht, was es bei Kierkegaard genau gewesen ist und warum sich Stirner eine „Triebhafte“, also eine – wie seine Mutter – Verrückte genommen hat, aber bei mir liegt so viel Angst vor Frauen vor, daß ich nie eine Beziehung zu einer Frau wirklich hätte bejahen können, da ich ja nur mit ihr zusammengekommen wäre, weil ich nur etwas weniger Angst vor ihr hatte. Ich bin gescheitert, ja, habe dadurch genug Zeit, mich ersatzweise wenigstens intellektuell auszuspinnen. 10.2. Exkurs: Stirners Melancholie Hat Stirner die Trennung von Marie wirklich so leicht weggesteckt?: „Man sagt wohl, [die Ehe] dürfe nun nicht ‚leichtsinnig‘ geschieden werden. Aber warum nicht? Weil der Leichtsinn ‚Sünde‘ ist, wenn es sich um eine ‚heilige Sache‘ handelt.“1241 – Das ist ja alles richtig, gut und schön; ich frage mich nur, was mit seinen Gefühlen war: Bindung, Bindungslosigkeit, Urschmerz … Der erste Gedanke der Trennung ging von Marie Dähnhardt aus und sie war es auch, die den entscheidenden Schritt tat.“ (Mackay1242) – Ich glaube nicht, daß Stirner die Trennung so cool hingenommen hat. Sie wird durchaus in ihm rumort und auch mit gewissen Erfahrungen resoniert haben. Seine frühkindlichen Traumata müssen bei der ihm eigenen radikalen Wahrheitsliebe zumindest spürbar gewesen sein: Nicht nur, daß seine Mutter verrückt war und es überhaupt keine richtige Bindung gegeben haben kann – obendrein hat sie ihn als Dreijährigen 1809 im Stich gelassen. Welche Umstände weit zurück in ihrer frühen Kindheit zur Traumatisierung der Mutter und zur Zerstörung ihres Eigners geführt hatten, wissen wir nicht; aber sie waren nicht „organischer“ Natur, sondern, wie Stirner es selbst sagte, „durch Schicksalsschläge in der Familie entstandene“1243. Aber wir sollten aber auch nicht ganz die äußeren Umstände vernachlässigen, die zu den inneren verrückten der Mutter hinzukamen und diese sicher noch verstärkten: In Stirners Geburtsjahr 1806, dem „merkwürdigsten und letzten Jahr unter preußischer Regierung“, herrschte in Bayreuth, als es im November „unter napoleonische Herrschaft kam“, „eine traurige Gegenwart“. Das Jahr „endete mit einer düsteren Aussicht in eine schicksalsschwangere Zukunft“, wie Mackay schreibt, der sich auf einen „zeitgenössischen Geschichtsschreiber“ stützt. „Alles sieht mit Angst dem Ausbruch neuer Kriege entgegen. Die Last der Einquartierung liegt furchtbar auf der entmutigten Stadt.“1244 Johann Caspars Geburts- und Wohnhaus in Bayreuth, Maximilian-
straße 31, 1970 abgerissen. Nachfolgebau mit Gedenktafel
Die Bangigkeit blieb, und „1809, als nach den Franzosen die Österreicher kommen, verläßt die Mutter die unglückliche Stadt, wie so viele, wahrscheinlich um den nie endenden Unruhen und Beängstigungen für Leib und Leben zu entgehen. Weit fort führt sie ihr Weg mit dem zweiten Mann [Heinrich Friedrich Ludwig Ballerstedt] in das ferne, fremde Westpreußen.“1245 Die Mutter läßt aber ihr dreijähriges Kind, unseren Stirner, in Bayreuth zurück. Dieses kommt wenigstens in „liebevolle Pflege“1246 von Ersatzeltern: Tante Anna Marie, geb. Schmidt, und Onkel Johann Caspar Martin Sticht, der sein Pate gewesen war und von dem er seinen Vornamen hatte. Der Mutter erster Mann und Stirners Vater, Albert Christian Heinrich Schmidt, war 1807 „an einem durch zu große Körperanstrengung verursachten Blutsturz“1247 gestorben, was nicht gerade zu seelischen Stabilität der Mutter beigetragen haben dürfte. Nach einem Jahr mit den Ersatzeltern wird der kleine Johann Caspar 1810 wieder von Tante Anna Marie und Onkel Johann Caspar getrennt; seine Mutter holt den Vierjährigen ins Westpreußische nach. 1812 stirbt dort in Kulm – Johann Caspar ist sechs Jahr alt – die kleine Schwester Johanna Friederica dreijährig. 10.2.1. Exkurs im Exkurs: Die Auswirkungen der äußeren Umstände in der frühen Kindheit auf die Integrität des Eigners am Beispiel Richard Wagners Die Zustände mögen in Bayreuth nicht so schlimm gewesen sein wie wenige Jahre später während der „Alpträume von 1813“1248 in Leipzig, in die Richard Wagner hineingeboren wurde, aber doch besorgniserregend genug. Das „Kriegskind“ Wagner wird dann den Schlachtenlärm, das donnernde Inferno der Völkerschlacht hören. (Im folgenden stütze ich mich auf Martin Gregor-Dellins Wagner-Biografie.1249) Schon 1809 „bekam Leipzig die Kriegsnot zum ersten mal zu spüren, als die Kämpfe wieder ausbrachen und die Stadt von Österreichern, dann von Braunschweigern besetzt wurde, die Abgaben forderten. […] 1812 zog Napoleon noch einmal als Triumphator durch Deutschland. Leipzig glich plötzlich einem Heerlager und konnte die Lasten kaum tragen.“Im März 1813 wurde Leipzig von Kossaken besetzt, […] im April rückten wieder die Franzosen ein. […] Jeden Tag konnte es auf Sachsens Feldern zu einem neuen Gemetzel kommen.“ Da „kam am 22. Mai im Judenvierteil einer französisch besetzten Stadt Richard Wagner zur Welt“, der von dem Streß vorher schon im Mutterleibe genug mitbekommen haben wird. Der Vater hatte als Polizeibeamter „bei der unruhigen Lage, den häufigen Zwischenfällen mit den Besatzungssoldaten und einer wachsenden Kriegskriminalität alle Hände voll zu tun.“ Während eines Waffenstillstands zogen Mutter und Kinder „ins ruhige Stötteritz“ – genau dorthin, wo „sich dann konzentrisch die Leipziger Völkerschlacht entwickelte. […] Die Mutter war in beständiger Sorge um die Kinder und den Mann, der zwischen Polizeiamt, Stötteritz und Brühl [wo die Wagnerwohnung war] hin und her eilte.“ Im Juli 1813 flüchtet die Mutter mit den Kindern ins böhmische Teplitz. „Mit der Kutsche in derart unsicheren Zeiten sich quer durch die feindlichen Linien zu wagen, das war auch für eine couragierte Frau wie Johanna nichts Alltägliches. Die strapaziöse und nicht ungefährliche Reise mitten im Kriegsjahr 1813 zu wagen, konnte doch nur bedeuten, daß der Vater Schlimmes für Leipzig befürchtete.“ Doch „Österreich erklärte Napoleon den Krieg, und alle Fremden mußten Böhmen verlassen.“ – Es ging nach Leipzig zurück, wo die Hölle gleich ausbrechen sollte.Kaum war die heilige Handlung vollzogen [die nachgeholte Taufe], da gingen am 22. August vor der Stadt die ersten Kanonenschüsse los.“ – Zuerst nur Salutschüsse der Franzosen für einen Schlachtengewinn Napoleons. Am 13. Oktober bezieht der sächsische König als Napoleons Verbündeter in Leipzig Stellung.Am 16. Oktober setzte sich die böhmische Armee in Bewegung und eröffnet gegen neun Uhr ein so furchtbares Geschützfeuer, daß in der Stadt die Fensterscheiben zersprangen.“ Jetzt begannen „die blutigsten Kämpfe, die seit dem Dreißigjährigen und dem Siebenjährigen Krieg auf deutschem Boden getobt haben. […] Der Gefechtslärm war noch in der Innenstadt zu hören. Für Wagners gab es jetzt kein Entkommen mehr. Der Vater war auf dem Posten, die Kinder scharten sich mit der Mutter weinend um die Wiege des nicht ganz fünf Monate alten Richard. Erst die Nacht machte dem mörderischen Kampf ein Ende, 20.000 Tote und Verwundete blieben auf dem Schlachtfeld.“Am 19. Oktober begann der Sturm der Verbündeten auf die Vorstädte. Auf dem Brühl wurde Feueralarm gegeben. Brücken wurden gesprengt, so daß viele umkamen und die Verwirrung in der Stadt ihren Höhepunkt erreichte.“ Das war – wie Gregor-Dellin das sagt – Richard Wagners „große Verstörung“: ein einziges „Zittern, Bangen und Hoffen“ in der Familie. „Der Zustand, in dem sich seine Umgebung vom Tag seiner Geburt an bis in seine ersten Lebensjahre befand, die bedrohliche Nähe der Kriegshandlungen und die schreckliche Unruhe, die Familie und Freunde ergriff, haben tiefe Spuren hinterlassen in Wagners Gemüt.“ Jetzt starb in den ersten Nachkriegstagen auch noch der Vater an Lazarett-Typhus: „Was immer das Hin und Her der ersten Lebensmonate schon angerichtet hatte, jetzt drohte der Familie völlige Auflösung. Die Mutter stand schlecht versorgt in den unsichersten Zeiten allein da. […] Die Spitäler Leipzigs waren überfüllt, in den Kirchen und Schulen drängten sich Kranke und Verwundete, vor den Toren verwesten die verendeten Pferde, die Leichen der Gefallenen waren noch nicht geborgen, die Stadt zeigte Spuren von Verwüstung, und unvermeidlich breiteten sich Seuchen und Epidemien aus.“ Das neugeborene Kind Richard Wagner bekam die Zustände alle in Form von großen Sorgen der Mutter mit und wurde verunsichert, flüchtete in alle Arten von Phantasien und Ersatzbefriedigungen1250 – im Unterschied zu Stirner, der einigermaßen davongekommen war. Schlimmer als die Wagners und Schmidts traf es aber 150 Jahre später die Gnewuchs: der Vater weit weg und die Mutter den russischen Soldaten zur Vergewaltigung vor den Augen der vier Kinder ausgeliefert. Daraufhin versucht sie sich und den Kindern das Leben zu nehmen und „geht ins Wasser“, dabei stirbt das jüngste Kind. Der Rest kriecht an Land, für den Rest des Lebens verrückt, darunter meine Mutter. Ein Bruder rennt kurz nach dem Krieg auf die Autobahn und in ein Auto und stirbt. Auf des Vaters Seite – der Töpfers bzw. Reichelts – nimmt sich die Großmutter das Leben, als meines Vaters Mutter, meine geliebte Oma, drei Jahre alt ist. Aber wir gelten in Leipzig als völlig normale Familie. – Waren wir ja auch. (Ende Exkurs im Exkurs Wagner) Kulm an der Weichsel zu Stirners Zeiten
Hier wohnten die Baller-stedts: Graudenzer Str. 9 Unterdessen ging es – ab 1810, als Stirners Mutter den inzwischen vierjährigen Johann Caspar aus Bayreuth nach Kulm nachgeholt hatte – in der Familie Schmidt bez. Ballerstedt auch nicht viel besser zu als zuvor im besetzten Bayreuth, der „unglücklichen Stadt“ mit „den nie endenden Unruhen und Beängstigungen für Leib und Leben“, der die Ballerstedts „entgangen“ waren: In Kulm kam es zu einer „unerhörten Teuerung“ und zu „Hungersnot“ (Mackay1251). Das mag dazu beigetragen haben, daß die Mutter sich 1818 nach sieben Jahren gemeinsamen Lebens in Kulm von ihrem jetzt 12jährigen Sohn erneut trennte – für diesen sicherlich zu früh – und ihn aus Kulm wieder zurück nach Bayreuth zu Tante Anna Marie und Onkel Johann Caspar schickte, wo „jetzt wenigstens Frieden“ herrschte und wo sich die kinderlosen Ersatzeltern erneut liebevoll seiner annahmen. Bei Tante Anna Marie und Onkel Johann Caspar blieb der heranwachsende Johann Caspar dann acht Jahre lange, bis er 1826 als 20jähriger nach Berlin an die Uni ging. Ich denke, wir haben Stirners Ersatzeltern ganz besonders zu würdigen. Bei allem traurigen Streß, den der Junge gehabt hat, müssen die Tante und der Onkel ihm Geborgenheit gegeben und seinen Eigner beschützt haben. Er war ein Jahr als dreijähriger und dann noch mal acht Jahre als 12- bis 20jähriger bei ihnen gewesen. Ich vermute, er hatte eine starke Bindung zu ihnen; vielleicht waren sie sogar auch seine wichtigsten Bezugspersonen. Bei mir war das jedenfalls so, als ich als Dreijähriger für ein Jahr zu meiner Oma kam, die mich ebenso in „liebevolle Pflege“ genommen hatte. Die Ersatzliebe kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden – siehe dazu den II. Teil dieses Buches. Onkel Johann Caspar starb 1835, Tante Anna Marie 1838. Wir wissen nicht, wer von beiden für klein Johann Caspar wichtiger gewesen war, auch nicht, ob er noch die Liebe erwidern konnte bzw. ob ihm das Liebeserwiderungsbedürfnis überhaupt vor oder nach Ableben der Ersatzeltern bewußt geworden ist. 1837 heiratet Stirner seine erste Frau: die „1815 [unehelich] geborene Agnes Clara Kunigunde Burtz“. Stirner hatte Agnes seit 1833 gekannt, als er seine Wohnung in der Poststraße aufgab und auf den Neuen Markt Nr. 2 zog. „Dort wohnte er, zwei Treppen hoch, bei der Stadthebamme D. L. Burtz. Deren Tochter (oder Schwester?), die sich ebenfalls später zur Hebamme ausbildete, Caroline Friederike Burtz“1252, war Stirners Schwiegermutter. Doch Agnes starb im August des nächsten Jahres, 1838, „im Alter von 22 Jahren, 9 Monaten und 3 Tagen […] im Kindbett an einer zu frühen Entbindung. Die Kunst der ihrigen [Mutter und Großmutter, beides hoch angesehene Hebammen] vermochte weder sie noch das Kind zu retten.“1253 Stirner aber blieb über den Tod seiner Frau und seines Kindes seiner Schwiegermutter und Schwiegergroßmutter anhänglich und zog zu ihnen in deren neue Wohnung in der Neuen Friedrichstraße 79, „und wieder, wie als Junggeselle, wohnte der junge Witwer bei den beiden Frauen, auch dieses Mal mehrere Jahre lang, bis ihn eine neue Heirat abermals von ihnen entfernen sollte“1254. Irgendwie erinnert mich das an Tante Anna Marie … Welche Beziehung Stirner schon vorher zu seiner Mutter, welchen Kontakt er dann in Berlin, als er bei den Schwiegermüttern lebte, zu ihr hatte und von den Gefühlen für seine Mutter erfahren wir in Mackays Biografie nichts (Hervorhebungen von mir, PT): 1829 kommt er in Königsberg nicht zum Studieren, „sondern verbleibt, wie er selbst sagt, ‚häuslicher Verhältnisse‘ halber ein Jahr in Kulm bei seinen Eltern“1255. Er könnte sich dort um die Mutter gekümmert haben. Im August [1834] kommt plötzlich und unerwartet von Kulm her seine ‚geisteskranke‘ Mutter nach Berlin, und deren Pflege nimmt seine ganze Zeit in Anspruch“1256. Im Januar 1835 wird die Mutter in die Charité aufgenommen, im Juli 1836, „‚mit unbestimmtem Urlaub als ungeheilt‘ entlassen“1257. Dann bleibt sie „bis zu ihrem Tode [1859] in der Privatirrenheilanstalt Schönhauser Allee 9“1258. 1837 stirbt der Stiefvater Ballerstedt in Kulm (wo die Mutter als „blödsinnige Witwe“ galt), doch „schon vorher indessen, noch vor dem Tod, […] hatte [Stirners] an einer ‚fixen Idee‘ leidende Mutter, deren Zustand die Aufnahme in eine Anstalt bald darauf nötig machte, Kulm verlassen und war, wohl gegen [Stirners] Wunsch, zu ihm gekommen“1259. – Hier erfahren wir das einzige mal etwas von einer Gefühlsregung des 31jährigen Stirners gegenüber seiner Mutter. Seine Mutter, war jetzt [1837] Schmidts einzige noch lebende Verwandte […] und war ganz auf ihn angewiesen.“1260 [Die Mutter] erreichte das hohe Alter von 81 Jahren und war bis zu ihrem Tod, sicher aber bis 1854, von vollständiger körperlicher Rüstigkeit. Sie starb [drei Jahre nach Stirner] ‚an Altersschwäche‘ […]. Ihr Leiden war durchaus keine organische Erkrankung des Gehirns. Sie litt vielmehr, nach der eigenen Aussage ihres Sohnes, an einer durch Schicksalsschläge in der Familie entstandenen ‚fixen Idee‘, über deren Art wir indessen nichts wissen. –“1261 Laut Mackay hat Stirner die Trennung von Marie, die „in sehr schroffer Form stattgefunden“ hat, fast wie unbeteiligt hingenommen: „[Stirner] wird [Marie] nicht ‚traurig‘, sondern mit gewohnter Gelassenheit angeblickt haben, als sie ihm ihren Entschluß, wahrscheinlich in nichts weniger als gerührten und liebevollen Worten mitteilte.“1262 Ich glaube das nicht, sondern denke, daß diese Schilderung auf Mackays Homosexualität1263 zurückzuführen sein könnte. Wir dürfen allein schon nicht vergessen, daß „diese Jahre, die letzten seiner Lehrtätigkeit und ersten seiner Ehe mit Marie Dähnhardt – also ungefähr von 1843 bis 1845 – als der Höhepunkt in Max Stirner‘s Leben betrachtet werden dürfen“1264. Neu Kölln am Wasser 23, Wohnort von Max und Marie, heute Märkisches Ufer Märkisches Ufer heute, die Nummern 20, 18, 16 … bis 10, sieht noch wie zu Stirners Zeiten aus, entspricht der alten Nummerierung 13 bis 1. Auf der Höhe der alten Nummer 23, etwa 250 m nach links über



die Inselstraße hinweg, befindet sich heute das moderne Gebäude der brasilianischen Botschaft
Die Trennung wird Max durchaus sehr mitgenommen haben, und die Stimmung, in der er sich danach befunden haben muß, will man sich gar nicht richtig vorstellen: „Seine Frau hatte ihn verlassen, seine praktischen Versuche, Geld zu erwerben, waren fehlgeschlagen, und von der Schwierigkeit, jetzt, bei seinem Namen, eine Lehrerstellung zu erhalten, war er gewiß ebenso überzeugt wie von der Unmöglichkeit, sich durch großangelegte, literarische Werke allein einen auskömmlichen Lebensunterhalt zu verschaffen.Aber was er tut und treibt ist von jetzt an von einem fast geheimnisvollen Dunkel umgeben, das sich nur zuweilen noch unter den Blitzen vereinzelter Tatsachen lichtet.Er geht wenig mehr aus; seine Freunde sehen ihn nur ab und zu noch. Keiner weiß, wovon er eigentlich lebt. –Er verschwindet uns mit denen, die ihn umgeben, immer mehr und mehr.“1265 Nein, das liest sich nicht schön.
In diesem Haus, Philippstraße 19, starb Stirner am 25. Juni 1856 (das Gebäude steht nicht mehr.)
Der ungefähre Standort heute mit, im Hintergrund, dem zivilokkupatorischen Institut für islamische Theologie, Hannoversche Str. 6;
zu Stirners Zeiten das zur Charité gehörende Königliche Leichenschauhaus, danach die Rechtsmedizin der Charité. Aufklärung voran! Stirner war mindestens sehr ambivalent, aber vielleicht war er ja auch tatsächlich so cool – aber dann eher als Resultat einer Verdrängung. Ich war das jedenfalls und habe 20 Jahre gebraucht, um aufzutauen und erst mal überhaupt meine tiefen Probleme zu entdecken, die ansatzweise zu lösen es noch mal zehn Jahre gebraucht hat: 30 Jahre lang jede Woche mindestens eine Sitzung, oft auch mehrere, bis zu fünf höchst intensiven Sitzungen pro Woche. (Ende Exkurs Stirners Melancholie) Trotz allem wollen wir an der „Überwindung der Ambivalenz“ (Reich1266) und „am Ziel des autonomen Menschen festhalten“ (Laska1267) und unser Scheitern zwar anerkennen, aber dennoch nicht resignieren. Wie nun gestaltet sich der „permanente Prozeß“ (Laska), der nur ein ciskognitiver sein kann, damit wir nicht in öder Fäulnis enden? Das Ziel eines lebendigen, ungespaltenen und selbstregulierten Lebens liegt in Form einer Unzufriedenheit vom ersten Moment an in der Tiefenwahrheits-Praxis vor dem Auge. Und das Mittel, dem Ziel näherzukommen, ist, gerade erst einmal die Spaltung zu radikalisieren, indem ein Teil nach dem anderen gründlichst der Wahrheit gemäß zur Sprache kommt. Alle hier vorgebrachten Argumente lassen den Schluß zu, daß nur die Tiefenwahrheit das Verfahren einer Selbstbemächtigung bzw. der Teilwiederherstellung des Eigners sein kann: Erstens ist es nur die Wahrheit, mit der das Eigene festgestellt und ausgebaut werden kann – der grundlegende Ausdruck des Subjektes –; und zweitens ist die Tiefe der Ausdruck des Neu-aufklärerischen – dessen Neuigkeit im Affektiven liegt –, das Stirner und Laska für notwendig erkannt haben, ohne dabei aber über programmatische Ansätze hinausgekommen zu sein. Ein Einwand könnte lauten, daß man den Patienten zu seiner Wahrheit verhelfen und ihn, wenigstens ein bißchen, auf den Weg der Wahrheit bringen muß. Weil die Situation so schwierig ist, ist dieses Argument nachvollziehbar. Aber so vorzugehen, ist dennoch Verrat am Eigner des Patienten. Das erinnert an die Leute, die, obwohl sie alle Anzeichen für die Rolle, die ein Donald Trump spielt, sehen, diesen trotzdem für den Heiland halten und ihm idiotischerweise blind folgen, „weil man doch Hoffnung haben muß“. Aus der Hopiumabhängigkeit heraus macht man alles falsch; und so bringt man den Patienten auf den komplett falschen Weg, wenn man ihm dabei „hilft“, seine Wahrheit zu finden. Rückblickend hätte ich mir LSR sparen können. LSR war nur ein Umweg zu SJT bzw. ST, d.h. zur Tiefenwahrheit als stirneristischem Verfahren zur „Selbstermächtigung“ (Laska) bzw. zur Wieder-Aneignung. Für ein solches Verfahren scheidet R sowieso aus. Dieser hatte auch einen Umweg genommen, aber einen unproduktiven: über Freud zurück zu seiner Naturwissenschaft. Meiner, über Reich und Janov, war produktiv. L trägt immerhin dies bei (Klammer von L): „Doch weine nur, unglücklicher Schäfer! (Warum soll man nicht weinen, wenn es einem gut tut?) Ein liebendes Herz weiß auch dem eigenen Leid etwas abzugewinnen. Es schätzt seine Melancholie, die ihn besser entschädigt als rauschende Vergnügungen. Warum soll man sich ihr nicht hingeben, wenn sie tatsächlich eine Freude ist, und zudem die einzige, die ein betrübtes Herz in selbstgewählter Einsamkeit genießen kann?“1268 – Hier ermutigt L uns zum Operieren im Affektiven und zur Wahrheit, wenn sie melancholisch ist, und unser Selbstgefühl – unser Eigner – wächst an. Aber die Schuldgefühle – Haupthindernis bei der Selbstermächtigung – „zu entfernen“, habe, so sagt L an anderer Stelle, eine „vernünftige Philosophie“.1269 – Hier bleibt L im „kognitiv-rationalen Bereich“. L ist eine sehr „schöne“ und tragische von Laska aufbereitete Erzählung und Lektüre, aber für das Programm einer „Selbstermächtigung“ eigentlich nicht nötig. J ist integriert. S ist noch relevant, weil wir bei ihm wieder anfangen müssen. LSR war für mich zu seiner Zeit notwendig. 11. Die Darstellung von Tiefenwahrheit mit Hilfe von „Vorläufern“ Etwas anderes ist es, wenn die Tiefenwahrheit im geistesgeschichtlichen Kontext dargestellt werden soll – das muß man ja leider –; und da ist LSR nützlich wie nichts sonst. Es wäre trotzdem wünschenswert, wenn es ausreichen würde, die Tiefenwahrheit auch davon gänzlich losgelöst – sozusagen im Reinzustand – vorstellen zu können, aber dann ginge sie als zu primitiv oder im Meer der Wahrheitsapostel unter. Ich habe mich, unabhängig von Tiefenwahrheit, publizistisch oft für eine Verbreitung der LSR-Ideen eingesetzt, wobei ich, angesichts des für mich Faszinierenden an LSR, über den mangelnden Erfolg sehr überrascht war. In den eigentlichen Arbeiten des Instituts für Tiefenwahrheit wurde LSR aber nicht so oft erwähnt, weil ich eine bestimmte Balance einhalten muß: Einerseits muß ich einen gewissen geistesgeschichtlichen Kontext, in dem sich die Tiefenwahrheit befindet, herstellen, um diese verständlicher und bekannter zu machen. Die Tiefenwahrheit ist zu einfach; das Publikum braucht komplizierte Darstellungen und „Einordnungen“. Andererseits darf die Einfachheit aber auch nicht zerstört werden und mit Geistesgeschichtlichem vom eigentlichen Inhalt abgelenkt und dieser nicht überfrachtet werden. Für eine Darstellung von Tiefenwahrheit ist Ideengeschichtliches eigentlich gar nicht geeignet. Sie hebt sich viel zu sehr von allem ab; hier kommen nackte Wahrheiten über nackte Tatsachen des Lebens zur Sprache. Nichtsdestotrotz glaubte ich, zur Verständlichmachung der äußerst einfachen, gleichzeitig aber für das Publikum sehr schwer nachvollziehbaren, tatsächlich gänzlich neuen und revolutionären Tiefenwahrheit auch auf Stationen in der Geistesgeschichte als „Vorläufer“ zurückgreifen zu müssen. Diese (Hölderlin, Kierkegaard1270) waren aber, wenn auch tatsächlich mit Tiefenwahrheit in einer Verwandtschaft stehend, zugegebenermaßen etwas – nicht zu weit – hergeholt; irgendwas Kulturelles muß man schon bringen, um nicht als Primi unterzugehen. Auch „Stirner beklagte, daß er vorgefundene Sprache benutzen muß“1271. Viel eher sind L, S und R und das LSR-Projekt tatsächliche Vorläufer der Tiefenwahrheit, wie ich es in diesem Buch dargestellt habe. Der Anteil der „Fremdtheorie“ stellte sich zwar am Ende als doch nicht so groß heraus. Die Fremdtheorie war aber doch zur Durchsetzung der „Eigentheorie“ notwendig. Es mußte der Umweg über die Fremdtheorie genommen werden – es ging nicht anders, es war einfach so. Nachdem ich die Fremdtheorien herbeigezogen hatte und sie am Ende wieder sein lassen konnte, fand ich zu der radikalen Einfachheit und dem „einen einzigen Theorem“ wieder zurück: die Wahrheit – wenn nun auch um den emotionalen Aspekt erweitert („Tiefe“). Es war also an der Zeit, daß ich auf die Promotionstechnik der Vorläuferschaft zurückkomme – nur diesmal mit größerer Berechtigung endlich im Zusammenhang mit LSR. Ich werde auch weiterhin die Tiefenwahrheit in Zusammenhang mit Themen darstellen, die von LSR aufgeworfen werden, auch wenn klar ist und immer wieder auch darauf hingewiesen werden wird, daß Tiefenwahrheit eine Disziplin ist, die ohne Philosophiegeschichte auskommt, ja, die von dieser eigentlich sogar in ein gänzlich falsches Licht gerückt wird. Inwiefern Tiefenwahrheit nicht ohne Philosophie auskommt, habe ich erläutert – dies aber im Sinne einer Rückführung der Philosophie auf ihre elementarste Grundlage, die von Philosophen und dem philosophischen Publikum ganz sicherlich nicht als Philosophie anerkannt wird. 11.1. LSR-relevante Themen bei zukünftigen Arbeiten zur Darstellung von Tiefenwahrheit Im folgenden versammle ich einige der Themen – alle miteinander eng zusammenhängend und sich überschneidend –, die ich in den nächsten Jahren in bezug auf LSR und in Anlehnung an LSR-Sprache und LSR-Schwerpunkte darstellen werde. Das meiste hat – Überraschung – mit Freiheitsunfähigkeit, der Durchsetzung des wahren Selbstes und seiner Bedürfnisse (Stirners „Empörung“ zum „Eigner“), überhaupt dem eigentlichen Ins-Dasein-Treten der Person, der Unterwindung von Spaltungen, der Herstellung der Einigkeit der Person, der Wiederaneignung (oder Erstaneignung) der Person, der Unterwindung von Entfremdung, dem „Großen Nein zum Leben“ (Wilhelm Reich, Arthur Janov), schwerster Niedergeschlagenheit durch Traumata, dem Verschmerzen dieser Traumata, der Erholung von diesen und dem daraus erfolgenden Aufwachen aus dem Tod usw. zu tun. Freiheitsunfähigkeit Das betrifft die großen Schwierigkeiten beim Aufkommen-lassen und Durchsetzen des Eigners. Als Stichworte dazu diese Laska-Zitate: „Die kollektivistischen und individualistischen Anarchismen haben ein Phänomen, von der die gesamte überlieferte Geschichte aller Kulturen zeugt, wenngleich nicht übersehen, so doch nie näher untersucht, ja oft lieber verdrängt: die Knechtseligkeit des Menschen, die servitude volontaire (Étienne de La Boétie).“1272 „Die Anarchisten, meinte Reich, der mit ihren Zielen übereinstimmte, machten es sich zu leicht: sie ‚vernachlässigen die hilflose, führungsbedürftige, ja oft autoritätssüchtige Struktur der Masse; sie sehen nur die Freiheitssehnsucht, doch diese Sehnsucht darf mit der Fähigkeit, frei zu sein […] nicht verwechselt werden.‘ Reich war sich deutlicher als die meisten seiner (marxistischen, anarchistischen, liberalistischen) Zeitgenossen der ungeheuren Tiefe der Freiheitsproblematik bewußt; er wußte, daß der Weg ins ‚Reich der Freiheit‘ sehr viel schwieriger war, als diese sich ihn vorstellten, […].“1273 Ich bin nicht sonderlich „führungsbedürftig“ und „autoritätssüchtig“. Aber daß die „Freiheitsproblematik“ eine „ungeheure Tiefe“ hat, sehe ich trotzdem sehr deutlich an mir; ich kann hier exemplarisch zur Lösung des kaum lösbaren Problems beitragen. Ich fühle immer wieder die Freiheit, aber warum kann ich nicht frei bleiben und endgültig frei sein? In welchen Verstrickungen befinde ich mich genau? Was sind präzise meine Fesseln? Dabei wird selbstverständlich das intim Psychische und Emotionale als der für die Freiheitsunfähigkeit ursächliche Bereich den Vorrang haben, aber es wird letztlich auch das große Soziale und Politische damit berührt. Laska und Fernandes stellen ja sehr gut diesen Zusammenhang her, wenn sie dieses Laska-Zitat deutlich auf dem Rückdeckel des Laska-Buches „Max Stirner. Leben, Werk, Wirkung“ hervorheben: „Der falsche Liberalismus hat also, sofern er nicht als ultima ratio einer unaufgeklärten, sondern als Illusion und optimale Lebensform einer aufgeklärten Gesellschaft aufgefaßt wird, durchaus ‚konservative‘ Tendenz; sie liegt in dem paradoxen bzw. ‚perversen‘ Sachverhalt, daß man den unbestreitbar wertautonom geborenen Menschen die Wertautonomie zerstört, bevor man sie ihnen als Surrogat mit falschem Etikett feierlich ‚verleiht‘. Ohne bewußt betriebene praktische Bewältigung der darin liegenden Problematik wird man, was Stirner klar sah, den farcenhaften Liberalismus nicht historisch überwinden.“1274 – Ich bin nicht frei, ich bin nicht mündig – was ich aber laut liberalistischer Ideologie bin. Darin liegt – über meine innerexistenzielle Lage hinaus – ein abgefeimtes Spiel der Hirten der Welt. Mit der „bewußt betriebenen praktischen Bewältigung“ rette ich mich zuvörderst selbst, trage aber auch zur Dekonstruktion des „falschen Liberalismus“ bei. Beispiele: Am 26. Juni 2015 Thematisierung Beziehung: Fotzenknecht, Spaltung in Freiheitsunfähigkeit und Freiheitsdrang. Am 8. Juni 2016 Lebenswille vernichtet, gebrochen, willenlos, gleichgültig; ich folge der bösen Stimme der Mutter, die das Maximalziel Eigner als Luxus und Arroganz verteufelt. Totale Freiheitsunfähigkeit; Ahnung finales Scheitern. Das Große Nein zum Leben Das eigentlich wichtigste Thema bei Wilhelm Reich (und bei Janov), auf das ich in den Kapiteln 7.2.1. Kritik der Fremdtheorien von Wilhelm Reich und Arthur Janov (Teil 2) – Würdigung Fritz Perls‘ und 7.2.1.17. Reich unterwindet ansatzweise doch die These von der frühkindlichen Sexualunterdrückung als Ursache für die Zerstörung des Eigners eingegangen bin: das Große Zumachen, Reichs „NEIN-NEIN“1275, das Erkalten, die Schock-Erstarrung, das Tot-sein, die Stagnation und das endgültige Aufgeben. Hängt mit den Verhältnissen Lebendigkeit/Tod am eigenen Leibe und Lebenswille/Resignation zusammen. Autonomie vs. Heteronomie Eine Liegung wie die vom 11. November 2016 ist geeignet, die Beendigung der „als Autonomie empfundene Heteronomie“ (Christian Fernandes) darzustellen: die Durchsetzung des wahren Ichs, der echten Person. Hier kritisiere ich die bisherigen, insbesondere von LSR unterbreiteten Vorschläge zur Emanzipation und Autonomie-Wiederherstellung („Empörung“) als viel zu verkürzt. Ohne Traurigkeit und Verschmerzung kein Weg zu Eigner, Genuß usw. Ich werde entsprechende Fortschritte darstellen und dem Video diese Präambel vorausschicken: „Wir benutzen heute einmal sowohl in der Tiefenwahrheits-Sitzung selbst als auch in den nachträglichen Kommentaren konsequent eine bestimmte Sprache, nämlich die der Radikalen Aufklärung, der Heteronomie- und Entfremdungskritik, aber wir radikalisieren diese ins Ciskognitive hinein.“ Spontanes tiefes Atmen als Kollateralnutzen und medizinische Implikation von Tiefenwahrheit Das „richtige Atmen“ und wie man atmen soll, ist sowohl auf mystischer, esoterischer und spiritueller Seite, als auch auf der mechanistischen, medizinischen und wissenschaftlichen Seite ein riesiges Thema. Peter Nasselstein kritisiert mit Reich „Atemübungen“, die es zu Reichs Zeiten, aber genau noch heute so gibt und in Hunderten von Jahren noch geben wird. Nasselstein führt einen Dr. Dr. Hans-Herbert Vater an: „Gesundes Atmen sollte eine Mischung aus Brust- und Bauchatmung sein. Doch die meisten von uns atmen völlig unbewußt und viel zu selten tief in den Bauch hinein.“ Nasselsteins Kritik: „So etwas wie eine natürliche, ‚unbewußte‘ Innervation scheint es in diesem Weltbild nicht zu geben.“1276 – Aber ich habe in meiner Orgonomie-Kritik aufgezeigt, daß es für die Orgonomen auch noch ein genormtes Atmen gibt, das sie durch Muskelmanipulationen (und viel zu wenig Charakteranalyse) herstellen wollen. In den dargestellten Tiefenwahrheits-Liegungen wird klar, daß sich eine tiefe Atmung absolut spontan von selbst ergibt, wenn die gefühlsmäßige Wahrheit ausgesprochen wird. Destruktion der Schuldgefühle“ Wie geht konkret vonstatten, was La Mettrie, Stirner und Reich forderten? Doch nicht etwa durch Philosophie (durch „vernünftige Philosophie“, wie La Mettrie meinte1277). Am 11. November 2016 lehne ich mich aus schlechtem Gewissen in der Übertragung gegen den Wahrheitsbegleiter auf, nachdem ich glaube, ihm gehorchen, mich unterwerfen zu müssen und ihm etwas zu schulden. Eigner-Emanzipations-Erlebnis; Humor und Freude; Genuß, arbeiten zu können – neue Erfahrung. Beseitigung des „Jenseits in uns“ Das „Jenseits in uns“ ist heute kaum noch Religiöses, sondern alle Formen des sonstig „Höheren“: narzißtische Aufwertungen des Egos, die zur großen Unzufriedenheit des Selbstes dazu beitragen, dieses Selbst (den Eigner) kleinzuhalten und am Leben zu hindern. Die destruktive Hohlheit der „Werte“ wird erkannt und als riesige Demütigung empfunden: als die Große Verarschung1278. Daraufhin wendet sich das Selbst sich selbst und dem Diesseits zu. Am 28. Oktober 2016 redet mir die böse Stimme den Lebenswillen aus und eine „Überlegenheit“ ein, um mich zu schützen. Ich leugne den Lebenswillen, stehe über den Dingen, schwebe davon, bin abgehoben. Das Lust-Angst-Verhältnis, Angst vor Lebendigkeit Das ständige Hin und Her von Lust und Angst. Die Wahrheit lautet: Ich habe eine astronomische Angst! Doch es meldet sich bei konsequentem Bleiben bei der Wahrheit auch die andere Wahrheit in Form von im Körper wahrgenommenen Lustgefühlen („orgonotischen Strömungen“). In der Liegung vom 2. August 2016 mache ich große Fortschritte, Durchbruch Sex, nähere mich dem Maximalziel, stehe kurz davor, Eigner zu werden. Zuvor extreme Spaltung in genitalen und passiv-femininen Charakter, deutlichster Lust-Angst-Gegensatz. Am 14. März 2016 wird selbstmörderische Verzweiflung in Verbindung mit Riesen-Angst vor Kontrollverlust im Lebendigen („Waschmaschine“, „Strudel“) und Sex-Problem thematisiert. (Vgl. La Mettrie: „Traité du vertige“1279 [Abhandlung über den Schwindel]) Am 9. Dezember 2016 spitzt sich der Konflikt zwischen offensiver Lebensbejahung und Resignation zu. Anti-Schopenhauer, animalischer Wille, Lebensbejahung; Fortschritte starker, spontaner Sexualität lösen riesige Ängste und Urschmerz, Chaos und Schock aus. Ergebnis: Kopf in den Sand, Gefühllosigkeit. Die Falle Ein immer wiederkehrendes Thema bei Aufklärern („frei geboren und dann in Fesseln“) und radikalaufklärerischen Therapeuten (Baker: „Der Mensch in der Falle“, Janov: „Gefangen im Schmerz“). Am 2. Januar 2017 keine konsequente Trennung; Mitleid zu groß, Ur-Liebe muß in Welt sein, Ur-Traurigkeit; werde von Aufgehoben- und Geborgensein, von Trost an Brust für Erstickungs-Niederschlag korrumpiert; sitze in der Korruptions-Falle; Stunde der Entscheidung hat geschlagen, höchste Dringlichkeit; Urschmerz, Ersticken; ziehe falsche Lehre aus gnädig-wundersamer Errettung vom Tod („Programmierung“); am Ur-Trauma angelangt, Ersticken. Die Übernahme des Über-Ichs Die Liegung vom 20. Juni 2016 eignet sich hervorragend zur Illustration der Thesen von Stirner und Laska, bei denen aber abstrakt geblieben wird. Unterwindung der Philosophie in Aktion. Das „Sterben“ des falschen Ichs In der Liegung vom 16. Mai 2011 findet ein erschütternder Zusammenbruch der Pseudo-Person statt: Schock. In der Liegung vom 10. Juni 2011 begräbt das falsche Ich in der Identifizierung mit dem „Wrestler“ (Micky Rourke) in seiner Massigkeit das trostlose, aussichtslose, chancenlose, elendige wahre Ich unter sich, das nur noch in traurigen Augen (Sehschlitzen) zum Ausdruck kommt, stirbt dann aber im Urschmerz. Wut, Haß, Rebellion, Empörung Am 15. Juni 2011 kommt es zu einem Haß-Ausbruch mit Fäkalverbal-Injurien gegen den Wahrheitsbegleiter („Übertragung“); darauf Zusammenbruch und erstes (aufgezeichnetes) Urschmerz-Erlebnis. Am 19. Februar 2013 nutze ich die Möglichkeit, über wirklich alles reden können, um aus der Isolierung rauszukommen: Hass, Wut, Ärger. Echte Erinnerung an kleinen Jungen; echter Wandel durch totale intimste Wahrheit. Am 2. April 2013 schreit nach Isolations-, Leere- und Öde-Erfahrung alles nach Veränderung; ich bin überreif dafür. Diese findet nach Vertiefung von Existenzekel, Wut, Hass und Lebensangst statt: Beginn Verhältnis mit Frau. Charakter Am 25. August 2015 erkenne ich in der Freiheitsunfähigkeit mein Grundgesetz: Die böse Stimme der Mutter diktiert: Freiheit ist Blödsinn und utopisch. In der Liegung vom 7. Oktober 2016 wird „Charakter“ (Wilhelm Reich), also dem tiefen Eingraben von eignerfeindlichen Eigenschaften in die Person (die „zweite Natur“), zu „mein Lebensgesetz“ radikalisiert. 2., mittlere reich’sche Schicht, soziale Maske Am 28. August 2015 Charakteranalyse des kumpelhaft-lieben Charakters. Am 24. Mai 2016 realisiere ich, wie devot und sklavisch ich gegenüber Leuten bin, von denen vermeintlich mein Überleben abhängt. Am 11. November 2016 rebelliere ich gegen den inneren Mister Nice Guy, der in tiefem Schmerz verankert ist. Entfremdung In der Marathon-Liegung vom 30. Mai 2011 wird extremste Entfremdung thematisiert. Nur noch 0,05 Prozent des Eigners ist anwesend. Ich höre den Tod. Mit sehr viel Bestätigung seitens des Wahrheitsbegleiters Minischritte zur eigenen Person. In der Stunde der Tiefenwahrheit vom 8. Dezember 2011 kommt es zum Höhepunkt der Entfremdung, die eigene wird als fremde Person wahrgenommen. Erst Verzweiflungsweinen läßt zärtliches Gefühl für noch lebendigen Junge aufkommen. Fortschritte, Freude: Ich bin da, der Eigner erwacht Am 2. November 2012 wird die durch teuflische Pseudo-Logik der bösen Mutter erzeugte Verwirrung entwirrt. Das Weinen vermischt sich mit Freude-Lachen. Am 8. November 2012 großer Fortschritt, Zäsur in der Existenz durch Erinnerung an verdrängte reale Person. Zur Maschine, zur Puppe, zum Roboter verkommen Am 17. Juni 2011 extremes Wahrnehmen als Maschine: totale Bedeutungslosigkeit. Ermahne mich zur Wahrheit, aber selbst die Wahrheit ist bedeutungslos! Am 15. Januar 2016 frage ich mich zum tausendsten mal, in wessen Namen ich überhaupt einen Finger krümmen soll, so sehr bin ich nur eine Maschine. Mein Leben ist nichts wert; es retten zu wollen sinnlos, nicht lohnenswert. Liebe In einer noch zu erfassenden Sitzung noch unbekannten Datums fühle ich eine die Welt ausfüllende Liebe und daß alles nur auf Liebe basiert. Das mag einen Stirnerianer vielleicht überraschen, aber was soll ich machen? So war es nun einmal, und der starke Eindruck besteht fort, ich denke es eigentlich immer noch. Ich glaube nicht, daß das ein schizophrenes o. drgl. Erlebnis war, es war glasklar. Da fällt mir ein und auf, daß Stirner eine eigenartige Parallele herstellt: Und zwar sagt er, daß seine Rezensenten „mehr Ärgernis an dem [Begriff] ‚Egoist‘ nehmen als an dem [Begriff] ‚Einzigen‘.“1280 Er wirft ihnen vor, nicht auf den „Egoismus näher einzugehen, wie er von Stirner aufgefaßt wird“ (Stirner spricht von sich in der dritten Person.) – Als ob sie das hätten können! Aber sie hätten ja als Rezensenten wenigstens zeigen können, daß sie sich ein bißchen Mühe geben; das gehört ja zu einer halbwegs guten Rezension. Stattdessen leiern sie nur das „wohlbekannte Sündenregister“ des Egoisten runter, an das sie „von Kindesbeinen an gewohnt“ sind. Wir aber wissen im Gegensatz zu Feuerbach und Co., was Stirner mit „Egoist“ meint: einen einfach daseienden, er selbst seienden, mit sich selbst übereinstimmenden Menschen. Ein Tier oder überhaupt alles kann in dem Sinne auch „Egoist“ sein. Die Dinge sind so, wie sie sind; sie sollen sie selbst bleiben dürfen. Weil die Kinder und dadurch später die Erwachsenen in unserer Zivilisation nicht integer-integral bleiben können, muß ein emanzipatorisches, linkes Element zum Konservatismus hinzukommen (was dann sozusagen zu einer „konservativen Revolution“ führt). Ich nenne diese Zusammenführung in meinem Buch „Pan-Agnostik“ den „linksradikalen Ultrakonservatismus“ (Achte Abteilung: Kritik des Rechtskonservatismus, Kapitel 66: Die Insuffizienz der rechten Konservativen und die Notwendigkeit des linksradikalen Ultrakonservatismus)1281 Aber wir bleiben mal bei uns Menschen: Dieser menschliche „Egoist“ weiß natürlich, was er will, aber eigentlich ist er „bescheiden“, wie die Rezensenten das moralisch ausdrücken würden, wenn sie so einen „Egoisten“ leibhaftig vor sich haben würden. „Egoist“ ist bei Stirner der Inbegriff des Daseins als es selbst und das Gegenteil von Entfremdung – dem Nicht-Dasein oder Pseudo-Dasein oder dem Dasein, das in den falschen Schuhen steckt. Wir wollen jetzt nicht groß darauf eingehen, was dieses Dasein ausmacht – vor allem Gefühl –, welche Tiefe es haben kann, was es erlebt usw., worin Liebe ganz sicherlich einen großen Raum einnimmt. All das heißt jedenfalls bei Stirner „Egoismus“. Was ist „es selbst“? – Ein Ich. Was heißt „ich“ auf lateinisch? – Ego. Mehr ist es nicht, aber auch nicht weniger. Um nun zeigen, welch verschiedenen Inhalt ein Begriff haben kann und in welcher Ferne er, Stirner, sich im Verständnis von „Egoist“ zu seinen Rezensenten befindet, greift Stirner zu dem Begriff „Gott ist die Liebe“. Es ist kein Zufall, daß ihm dieser Begriff jetzt, wo es um das ganze Selbst-Sein geht, einfällt. Das ist eine Parallele. Und nun stellt er im Vergleich von Begriffsdefinitionen, die in ihren Bedeutungen extrem unterschiedlich sind, an die Stelle seiner Definition von „Egoist“ die „christliche Definition“ von „Gott ist die Liebe“ und an die Stelle der Definition von „Egoist“, die seine Rezensenten haben – „greuliche Sünde“ – die Definition, die die „Rezensenten im Alten Jerusalem“ vom Begriff „Gott ist die Liebe“ hatten. Das ist die andere Parallele, die er zieht; sie betrifft eine Konstellation. Die Juden wären nun, so Stirner, als sie die Christen „Gott ist die Liebe“ sagen hörten, „aufgestanden“ und hätten „gerufen“: „Da seht ihr, daß es ein heidnischer Gott ist, der von den Christen verkündet wird; denn ist Gott die Liebe, so ist er der Gott Amor, der Liebesgott! – Was brauchten die jüdischen Rezensenten sich weiter auf die Liebe und den Gott, welcher die Liebe ist, einzulassen, da sie den Liebesgott, den Armor, längst anspieen?“1282 Mir braucht jetzt niemand was von Christentum erzählen, Stirner wird hier auch nicht plötzlich zum Christen. Niemand schleimt sich bei Christen ein oder will mystischer als die Christen sein. Stirner wählt hier lediglich ein Beispiel für eine Konstellation von sehr weit auseinanderliegenden Begriffsdefinitionen, die der Konstellation zwischen seiner Definition von „Egoist“ und der Definition von „Egoist“ seiner Rezensenten in ihrem großen Abstand ähnelt. Wenn der Weise zum Mond zeigt, starrt der Narr auf den Finger.Christusmord“ Aber es ist auffällig und kein Zufall, daß Stirner zu diesem Konstellationsvergleich greift, weil die Bedeutungstiefe von „Egoist“ in seinem Sinne mindestens genau so groß ist wie die des christlichen „Gott ist die Liebe“. Die Christen sagen: Alles ist Liebe. (Ob sie das wirklich so sagen und ob sie überhaupt eine Ahnung von dem haben, was sie da sagen, weiß ich nicht, aber es könnte schon etwas mehr gewesen sein als das, was sich die Juden darunter vorstellen, für die ja alles nur Buchstaben sind; es war also auch kein großes Kunststück der Christen. Für die Heiden war Armor ganz sicher nicht nur fünf Buchstaben, und La Mettrie läßt ihn, Ismene, Phyllis, Doris usw. in seiner Liebeshymne1283 1721 Jahre nach den Jerusalemer Ereignissen immer noch sprechen. Und weil die alle mehr als nur Buchstaben waren, haben die Juden auf sie gespuckt, wie sie heute die Christen in Jerusalem anspucken.1284 La Mettrie wurde von den „Juden und ihren Synoden“ mehr als angespuckt, er ließ wohl Amor zu deutlich sprechen. Also wird „Alles ist Liebe“ für die Christen – man mag von ihnen halten, was man will – wenigstens auch nicht nur 13 Buchstaben sein. Für den postchristlich-altaufklärerischen Rezensenten Feuerbach war aber offenbar „Egoist“ nur fünf Buchstaben; er konnte nicht mitkommen in die Neue Aufklärung, war in seiner Flachheit ein „jüdischer Rezensent“. Das alles spielt hier aber keine Rolle. Mir geht es eigentlich nur um die Nicht-Zufälligkeit der anderen Parallele, die Stirner außer der in der besagten Konstellation zieht, nämlich die von „Egoist“ und „Gott ist die Liebe“, von der ich denke, daß sie mehr als eine heuristische Parallele zur Erklärung eines Unterschiedes ist.) Alles ist Liebe“ entspricht tatsächlich in seiner Tiefe Stirners „Egoisten“ in dessen Tiefe. Der er selbst seiende und niemals in seinem Selbstsein zerstörte Mensch, fühlt tiefe Liebe. Das ist keine anthropologische These, sondern empirische Tatsache dessen, der sein Selbst (sein „Ego“) zu einem Teil wiedergewonnen hat (den „Eigner“) oder auch nie ganz verloren hatte. Der entfremdete Mensch, dem der „Eigner“, also der „Egoist“, zerstört wurde, fühlt diese Liebe nicht mehr und kann sie also auch nicht mehr teilen. Spaltung, Zerrissenheit, innere Konflikte, „Schizophrenie“ Am 8. Juni 2016 extreme Spaltung: beide Personen haben keinen Kontakt miteinander (Milchglaswand dazwischen). Der Eigner ist das „Dahinter-Liegende“ – hinter der Milchglaswand Liegende. Die Spaltung ist extrem tief verankert und dürfte in einem Leben nicht aufheb- und unterwindbar sein. Ungespalten kann nur bleiben, dessen Mutter die Zeichen der Eignerschaft und der Lebendigkeit bejaht, ermutigt und bestätigt. Das heißt, die Mutter muß selbst vollständige Eignerin sein. Dann betreibt sie aber keine „Prophylaxe“, sondern läßt ihr Kind spontan es selbst sein. Bei der geringsten Deprivation kommt es sofort zur Spaltung. Eine solche findet in fast allen Fällen schon vor der Geburt statt, was man an den Gesichtern der Neugeborenen im Video „Neugeborene ohne Hautkontakt zur Mutter“ im Kapitel 10 sehen kann. Am 26. Juli 2016 astronomische Spaltung: nicht mit, nicht ohne Freundin leben können. Abgrundtiefe Angst vor Sex. Angst vor Frauen Am 20. September 2016 Veränderungs-Notwendigkeit aber -Unfähigkeit wegen Angst vor Sex-Blamage; daraus folgendes Desinteresse an Frauen und Rückzug in Ruhe, Frieden und Himmel; HEIL-froh, überlebt zu haben, das Mittelmaß reicht mir. Person will nichts mehr anderes, wird falsch, zweite Natur. Ströme und Zittern sexueller Lust in den Oberschenkeln Im Kapitel 7.2.1.10. Reich’scher Energiemechanismus und Normativismus hieß es: „Auch ich habe in Stunden der Tiefenwahrheit das Zittern der Sexualität in den Oberschenkeln wiederentdeckt.“ – In der Liegung vom 19. September 2011 räume ich mit Urschreien des Urschmerzes, die sich auf die Abwesenheit von Liebe und Liebesersatz durch die Oma beziehen, das Tötend-Heteronome beiseite und bin dann da. Über Erfolge in der Musikproduktion stoße ich zu weiteren, tieferen Lebendigkeiten vor: Frauen, Schönheit der Liebe. Einzug des wirklichen Lebens in den Körper. Das Herz brechen (Wilhelm Reichs Tod), etwas nicht übers Herz bringen Am 6. Dezember 2016 gescheiterter Trennungsversuch: unmöglich wegen Riß Einheit Mutter Kind, Verwandlung Glück in Enttäuschung bricht mir das Herz; nicht aushaltbarer Urschmerz; realistische Einsicht, Ende, Schock zu groß; ununterwindbar, unverschmerzbar. Kindisch Am 11. Januar 2016 bin ich ratlos, Trennung unmöglich, unzerreißbare Bindung, nie wieder verlieren; muß mit Verhaltenstherapie Trennungs-Schmerz beiseitelegen. Etwas hindert mich an Befreiung: über Graben springen, am Schopf rausziehen, Kopf durch die Wand. Dann Wendepunkt, will mich entwickeln, entfalten, sehe die richtige Lebensweise, den Tag; will als Eigner in meine Welt eintauchen, weiß es eigentlich, aber keinen Mut, Feigheit – Wissen freie Lebensweise vs. katastrophale kindische Gefühle; weinerlich-hysterische Verzweiflung; böse verrückte Stimme sagt: mit Mittelmaß begnügen, ausreden, einlullen! Das sind jene „kindischen, in der Kindheit empfangenen und im „erwachsenen“ Leben „fortgesetzte Gefühle“ 1285, von denen Stirner spricht. Sie sind konkret. Hier wirken „alle fremden Programmierungen“, die, so Sloterdijk, es „Stirners Idee“ sei, sie „aus seinem Kopf einfach hinauszuwerfen.“1286 – Sloterdijk muß Stirner zugestimmt haben, anders geht das nicht. Und er hat das zu tun versucht – unten im Aschram bei Oscho. Die Primärtherapie hat dort offenbar leider genauso wenig funktioniert wie bei mir in Paris bei Janov. Aber wieso hat er es nicht anders weiter versucht? (Hier bekommt sein „Selbstversuch“ 1287 seine wahre Bedeutung.) Warum hat Sloterdijk es – schlau genug war er doch – von anderen abhängig gemacht? Darin liegt doch eigentlich mal eine veritable „Re(pulsions- und De)zeptionsgeschichte“, von der Laska hätte sprechen können. War Sloterdijk – der sich als „gefährlicher Denker“ feiern läßt und „gefährliches Denken“ zu seinem „Beruf“ gemacht hat1288 –, „alle fremden Programmierungen hinauszuwerfen“, zu gefährlich? (Schwarzer) Humor Am 11. Januar 2016 überrasche ich den Wahrheitsbegleiter mit einer Aussage, die er in einer lange vergangenen Sitzung (5. April 2013) gemacht hat – ich hatte sie gerade, jetzt im Januar 2016, abgetippt. Es ging um einen kleinen Jungen, der, im totalen Kontrast zu mir, mit absoluter Sicherheit weiß, was er will: „Pommes frites!“ Wir lachen beide und freuen uns über die Schlagfertigkeit des Jungen. Später in dieser Sitzung spreche ich von den „immer wiederkehrenden Themen, die – wie heißt es beim Wetterbericht immer?: ‚Seit Anfang der Aufzeichnungen‘ – ewig die gleichen bleiben“ und lache sarkastisch darüber. Das bezieht sich ebenfalls auf das Abtippen (Aufzeichnen) der Sitzungen, wo ich oft die „erschreckende Ewige Wiederkehr des gleichen Problems (daß ich zu 90 Prozent die falsche Person bin)“ beobachte: „Ich habe gerade eine Sitzung abgetippt: Da sprichst du (der Wahrheitsbegleiter) vom gleichen Thema wie jetzt gerade. Und diese Sitzung war 2011. Doch schon damals sagtest du!: ‚Ja, Peter, siehst du, das ist halt wieder das Thema, was wir schon oft in der Praxis in der L. Straße hatten.‘ Das sagst du 2011! Also da nimmst du bezug auf irgendwas im Jahre 2005 oder 1998 oder 1997“ (als ich noch nicht die Sitzungen aufgenommen und erfaßt hatte). Man sieht: Nicht nur intellektuell kann man sich, wie die kritischen Kritiker, in Kreisen drehen, sondern auch emotionell, wobei man sich da immerhin besser gesagt in Spiralen dreht, sich jedesmal etwas mehr den Urtrauma nähert. Jedenfalls ist es mit dem Spaß gleich wieder aus: „(Lachen und Humor abrupt vorbei – brüllende, verzweifelte Frustwut über Nicht-Wissen, unvermitteltes Brüllen) Ich: ‚Verdammt!‘ – Wahrheitsbegleiter: ‚Ja, diese Stimme, die dich abhält und stärker ist: das ist ja ständig immer dagewesen.‘ Ich: ‚Ja, na sicher!‘ – Wahrheitsbegleiter: ‚Das ist ja sozusagen dein Fluch, dein Grundproblem: daß die Stimme so übermächtig gewesen ist und nach wie vor ist.‘“ – Ich weiß nicht, ob ich Fritten oder Spaghetti will. Am 2. Dezember 2016 mache ich über eine Übertragung Spaß: „Ich: ‚Jetzt habe ich gerade wieder einen bösen Gedanken dir gegenüber gehabt.‘ – Wahrheitsbegleiter: ‚Nämlich?‘ – Ich: ‚(Peinliches Lachen, sage es nicht) Na Hauptsache, ich weiß es selbst, auch wenn ich es nicht ausspreche.‘ – Wahrheitsbegleiter: ‚Was?‘ – Ich: ‚Hauptsache, ich weiß die bösen Gedanken, ich muß sie nicht unbedingt sagen.‘ – Wahrheitsbegleiter: ‚Wenn da andere Sachen sind, die wichtiger sind, dann läßt du das jetzt einfach weg.‘ – Ich: ‚Ja.‘ Wahrheitsbegleiter: ‚(bejahend) Hm.‘ – Ich: ‚(Lachen) Siehst du, du willst ja die bösen Gedanken nicht hören, ich weiß ... Nein, das war Spaß!‘ – Wahrheitsbegleiter: ‚Nein nein! [Ich will sehr wohl deine bösen Gedanken nicht hören!]‘ – Ich: ‚Das war Spaß jetzt!‘ – Wahrheitsbegleiter: ‚Ich frage ja immer nach deinen bösen Gedanken.‘ – Ich: ‚Ja, das war Spaß!‘ – Wahrheitsbegleiter: ‚Ok, gut.‘ – Ich: ‚Ah, du verstehst meinen Humor nicht, ok.‘“1289 Sicher werden Sie jetzt brüllen vor Lachen und meinen Humor verstehen, aber Sie haben eben ihren eigenen Humor, und der wird – oder auch nicht – bei Ihnen nicht zu kurz kommen. Jedenfalls geht die Übertragungs-Spaß-Episode so aus: „Ich: ‚Na ja, das ist so: Ich will [mit den bösen Gedanken] immer so in Wunden reinstechen irgendwie, weißt du ...‘“ (Vgl. den „bösen Gedanken“ in Teil II dieses Buches, 1.3., 1.5. und 2.7., wo dieser aber relativ und ungewöhnlich leicht ausgesprochen wird.) Aufklärung In der Liegung vom 10. Januar 2014 geht es um die phänomenologisch-synästhetische Selbst-Wahrnehmung und Erfahrung des Selbst-Seins und des Selbst-Bewußseins als „Helligkeit“ und im Gegensatz dazu die eigene Irrealität als „Dunkelheit“. Direkte Bezüge und Erwähnungen von LSR in Tiefenwahrheits-Liegungen Es gibt aber auch zahlreiche Liegungen, wo ich mich mit Laska & Co. verbal und emotional auseinandersetze. In der Stunde der Tiefenwahrheit vom 15. Januar 2016 geht es z.B. ausdrücklich um die LSR- und die Tiefenwahrheits-Theorie und um einen Brief an Laska. In der Liegung vom 8. Februar 2016 wird die Aussichtslosigkeit von LSR beklagt und betrauert. In einer Stunde der Wahrheit kommt alles zur Sprache. Das Intellektuelle geht dann ins Emotionale über und wieder zurück, kein Thema und keine Ebene wird vorgeschrieben, alles fließt völlig frei ineinander. Ich hatte das Glück, daß mein Wahrheitsbegleiter aus der aktiven 68er-Szene stammte, also ein ehemaliger Linksradikaler und Junghegelianer und ein vorzüglicher Gesprächspartner auch in theoretischen Dingen war. Es kommt mitten in Gefühlsausbrüche zu philosophischen und theoretischen Erörterungen (wobei der Leser sich vorstellen kann, daß das nicht allzu oft geschieht und nie von akademischem Niveau ist). Das Affektive und das Intellektuelle können sehr schnell fluktuieren. Hier bekommen „Post-Philosophie“ und „Übergang vom Kognitiven zum Emotionellen“ eine ganz neue Bedeutung. Janov schreibt, daß seine Patienten jederzeit aus sehr intensiven Gefühlen herauskommen, als sei nichts geschehen, und wieder hinabsteigen können. Das stimmt. 12. Überleitende Bemerkungen zum II. Teil dieses Buches Eine der gerade erwähnten Tiefenwahrheits-Sitzungen aus dem Fundus hätte sich für die hiesige Darstellung der Tiefenwahrheit in ihren Bezügen auf LSR gut geeignet. Aber die seit langem gehegte Idee einer solchen kam mir gerade bei der Erfassung der Liegung vom 26. Januar 2017 – die thematisch eigentlich weniger geeignet und auch wegen der aktiveren Beteiligung des Wahrheitsbegleiters etwas untypisch ist –, so daß ich es jetzt, wo ich mich nun schon mal eingearbeitet habe, dabei belasse. Viele weitere Themen werde ich ohne Bezug auf LSR darstellen, darunter beispielsweise: Todesangst, Lebensangst, Grundangst, lebenslange Ur-Angst. / Beziehung, Ko-Abhängigkeit. / Depressoid, depressiv, Niedergeschlagenheit, Schwere, Last, Belastung, Phlegma. / Kraftlosigkeit, Schwäche, fehlende Lebenskraft, vernichteter Lebenswille. / Müdigkeit, Gähnen, Erholung. / Frust, Ekel, Fäulnis. / Hemmung, in Masse aufzugehen. / Resignation, hoffnungslos, aussichtslos, ausweglos, trostlos, erwartungslos, hilflos; absolutes Ende, Warten auf Rettung von außen. / Konfusion, Verwirrung. / Schönheit, Liebe, Freude, tiefe positive Gefühle. / Selbsthaß. / Traurigkeit, Trauer. / Urschmerz, Urschrei. / Verlorenheit. / Verrücktheit / Ausführliche, subtile, sensible, minutiöse, präzise, konkrete, langsame Tiefenwahrheit. / Nichtverstehen. / Verdrängen – Entdrängen. / Endgültiges Abreißen, Wegdriften in eisiges Weltall, Major-Tom-Syndrom. / Erlösung, Befreiung. / Aktive Resignation, nicht leben wollen. / Sich Dinge nur erstehlen können. / Liebe, Sex, Sinn des Lebens, Sinn durch Sinnlichkeit. / Hass, Verachtung, Rache. / Keine Erlösung, unerlöst; unendliche, endlose Nicht-Erlösung. / Sinnlose, abstrakte, philosophische Existenzschwurbelei. / Trost. / Zusammengehörigkeit, Kontakt, Wärme, Bindung, Verbindung. / Horror. / Esoterik, Spiritismus, Metaphysik. / Etwas ist in Ordnung, nicht richtig; Tiefen-Ordnung, natürliche Ordnung. / Nicht-Wissen; Selbstzweifel, Verunsicherung, wer bin ich, was ich will. / Sich zwingen, um nicht unter der Brücke zu landen. / Verbunden mit Welt. / Unkreativität – Kreativität. / Lähmung, Gelähmt-Sein. / Ich selbst und lebendig sein ist „Luxus“. / Pessimismus, schwerer Fall, harter Brocken. / Verflucht, verhext, verdammt. / Mitleid; kümmern, mich opfern, trösten müssen. / Ein Träumer sein. / Ungeduld, Drängen auf Veränderung. / Abgrund. / Ankommen. / Schwermut, Melancholie. / Stillstand, Stagnation. / Vernichtung, Nihilierung. / Realitätsverlust. / Nicht entscheiden können. / Eigengeräusch, Rauschen, Körpererinnerung. / Negative und positive Ruhe. / Nicht denken können, dumm sein. / Todeskampf, Überlebenskampf. / Lebensmüde, suizidale Verzweiflung. / Heimat. / Scheitern, Realismus, Einsicht in Scheitern, prophetisch: ich kenne mich. / Zeit läuft aus, alt werden, Alters-Faktor. / Lebens-Sehnsucht, erwachsen werden wollen. / Falsche, naturwidrige Kultur, Matriarchat. / Video-Aufzeichnung der Sitzungen. / Leistungssport. / Etwas sofort aussprechen; um den heißen Brei stottern und stammeln; auf der Meta-Ebene herumdrucksen. / Etwas in die Zukunft verschieben, an die Therapie delegieren. / Bequemlichkeit, Gewohnheit. / Bedürfnis nach Anerkennung, Aufmerksamkeit, Zuspruch, Förderung. / Gebet. / Entschlossenheit; Wille, Ziel zu erreichen. / Weinlachen, Lachweinen, Heulwut, Angstlachen und andere Emo-Diphtonge1290 als Proto-Spaltung. Betäubung, Koma, anästhesiert. / Keinen Ansatz mehr für Probleme; nicht einmal Aufgeben, weil nur jemand, der da ist, aufgeben kann. / Tradition. / Vertreibung aus der Wahrheit. / Verachtet werden, Selbstverachtung. / Kleiner, unschuldig-argloser Junge. / Verzweifelte Frustration. / Was ist Unterwindung? Was ist Verschmerzung? / Erschöpfung. / Lebensgrundgesetz passives Warten, Silbertablett. / Vom Fliegen träumen. / Lieber sterben wollen als zu viel Urschmerz. / triumphieren, es schaffen und allen zeigen wollen. / Reale, nicht neurotische Angst. / Bis zur Erschöpfung, bis ans Limit gehen. / Sich in den Kokon zurückziehen, Vogel Strauß, Pseudo-Ruhe, Pseudo-Frieden. / Dranbleiben, nicht aufgeben, auf Selbst beharren und bestehen. / Abschied, in den Tod grüßen, salutieren. / Ur-Traumata Ersticken, Luft wegbleiben, Isolierung nach Geburt, Stück hingeschmissenes Fleisch. / Letzte Rettung Religion, beten, Gott, Wunder. / Gleichgültigkeit als Ergebnis von Verzweiflung und Resignation. / Reflexartiges Abwenden, unwillkürlich-automatisches Verschließen, zur Konfrontation unfähig. / Mut als Gegenteil von Angst. / Stiller, niedlicher Protest; babyhaftes Stöhnen und Knurren. / Bewußtsein, Sicherheit, Wissen. / Denkverbot. / Neues Leben seltsam; Leben entdecken, lernen. / Seelische Wunde aufreißen. / „First Line“ (Janov), körperliche Traumata und deren Verschmerzung. / Glück, Kinderglück, glücklich sein. / Stiller, unbeteiligter Beobachter selbst in tiefsten Gefühlen. / Genuß – das falsche Wort für die Sache. / Trennungs-Urschmerz, sich nicht trennen können. / Arroganz-Vorwurf. / Anständigkeit. / Verzweiflung als Spaltung. / Lang anhaltendes Weinen. / Verbundenheit, Quasi-Einheit von Mutter und Kind. / Suiziddrohung. / Wahrheitstheorie. / Selbstverfluchung. / Qual, quälend. / Deutliche irdische Sprache; Hardcore; echtes, richtiges Leben. / Nachholen von Aufgehobenheit und Geborgenheit. / Verpaßtes Leben. / Dankbarkeit, danken, bedanken. Ich habe in einer ersten Produktionswelle von 2018 bis 2023 einen ersten Einblick in die Arbeit am Institut für Tiefenwahrheit gegeben – sozusagen, um überhaupt etwas vor einem befürchteten Tod in trockenen Tüchern zu haben. Dann habe ich mit dieser Arbeit pausiert und verschiedene Texte, darunter das Buch „Pan-Agnostik“, geschrieben. Jetzt widme ich mich wieder ganz der Arbeit an der Tiefenwahrheit und werde zunächst den Rest aller Stunden der Tiefenwahrheit von 2011 bis 2019 erfassen, um einen größtmöglichen Fundus zu haben, aus dem ich jeweils das für ein bestimmtes Thema am besten geeignete Rohmaterial zur Herstellung von Videos, Audios und Texten entnehmen kann. Bis dahin können ja die bereits vorhandenen Arbeiten auf den Videoplattformen Youtube, Odyssee, Bitchute, Rumble1291 und auf der Internetseite www.tiefenwahrheit.de besucht werden. Es hat sich nun also so ergeben, daß die Stunde der Tiefenwahrheit vom 26. Januar 2017 das Rohmaterial für die Darstellung einer Stunde der Tiefenwahrheit hergibt. Da ich nun schon seit vier Monaten an diesem Buch – aus einem Rundbrief an die LSR-Gemeinde entstanden – sitze und wieder zur eigentlichen Arbeit zurückkehren möchte, lasse ich diese Tiefenwahrheits-Liegung ausnahmsweise sowohl im Text als auch im Video unbearbeitet und ungekürzt im Rohzustand. II. Teil: Aktion Eine Stunde der Tiefenwahrheit (vom 26.1.2017) 1. Video-Version Youtube1292: Odysee1293: Rumble 11294: Rumble 21295: 2. Schrift-Version
Technisches Vorwort:
Ich habe den gesprochenen Text ohne Unterbrechung fließen lassen, um ihn als Erzählung lesbar zu machen. Nur habe ich ihn aufgeteilt und die Teile nummeriert, damit der Leser sie leicht den Kommentaren im III. Teil: Reflektion der Aktion zuordnen kann.
Protagonisten:
Anwesend:
- Wahrsager
- Wahrheitsbegleiter
Abwesend:
- Oma
- Freundin
0. (vor der eigentlichen Sitzung) (0:00) (Technische Vorbereitungen, Selbstgespräche zur Aufnahme-Technik) (niedergeschlagenes Stöhnen) 1.0. (effektiver Beginn der Sitzung, Begrüßung) (5:08) Wahrheitsbegleiter: Ja, [Vorname des Wahrheitsbegleiters]. Wahrsager: (unwillig-desillusioniert wirkend) Ja, da bin ich. Wahrheitsbegleiter: Grüß dich, Peter. Wahrsager: (formal, auf Abstand bedacht wirkend) Guten Morgen! 1.1. (5:11) Wahrsager: Ah (Gähn-Stöhnen). So (Ausatmen). Ja, ich war nie mir nicht klar, ob ich gleich ... – ah –, ob ich noch heute eine Sitzung mache oder nicht. Aber ich will ja irgendwie auch da ein bißchen am Ball bleiben.
Ah (Ächzen).
(Ich) war unschlüssig, ob ich nicht gleich weiterarbeiten soll. – Ich habe auch gerade noch gearbeitet jetzt eben, ...
Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm [aha]. Wahrsager: ... (das) hat mir auch ein bißchen leidgetan, daß ich unterbrechen mußte. Aber nun war der Termin gemacht und ... 1.2. (5:44) Wahrheitsbegleiter: Ja, du kannst ja so eine Sitzung absagen – das kostet dich zwar eine halbe Stunde, ... Wahrsager: (Lachen) Wahrheitsbegleiter: ... aber ... 1.3. (5:51) Wahrsager: Nein nein nein nein nein! (Ich unterdrücke mich; es klingt nach: „So haben wir nicht gewettet. Du bleibst schön hier, Freundchen!“) Wahrheitsbegleiter: ... wenn dir die Arbeit wichtiger ist, dann solltest du das ruhig tun, ja. Wahrsager: Nein nein nein nein nein! Jetzt ... Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. 1.4. (5:53) Wahrsager: ..., jetzt wollte ich eigentlich so einen ... (Witz machen), lustig sein. Aber ich habe es mir nicht erlaubt, so lustig zu sein. Wahrheitsbegleiter: Ja, sei mal ruhig lustig! [Der's gut!] Wahrsager: Ich wollte sagen: „Nein nein nein nein nein, Freundchen!“ (Lachen) Wahrheitsbegleiter: (Lachen) Na gut. Wahrsager: „So nicht!“ (Lachen) „Jetzt bleibst du schön hier!“ (Lachen) Wahrheitsbegleiter: (Lachen) Ja? Wahrsager: „Jetzt bleibst du schön hier!“ Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: Freundchen – da gibt es einen Kumpel hier im Bäcker unten, der … Wahrheitsbegleiter: (Lachen) Wahrsager: ... [sagt immer]: „Freundchen!“ Wahrheitsbegleiter: (Lachen) Wahrsager: (Ich werde plötzlich wieder ernst) Na ja. 1.5. (6:20) Wahrsager: Ja ja, das ist aber auch einer der Punkte, die ich ansprechen wollte, ist: Es ist nach wie vor so auch immer, daß ich – wie ich das schon mal gesagt habe – erst mal eine Vorwarnung ... [geben muß], damit das nicht so brutal rüberkommt immer: meine Bösartigkeit oder meine Kritik. Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: Ich kann nicht einfach so drauflossprechen – ich muß immer erst mal warnen und ... – na ja. (Husten) Wahrheitsbegleiter: Aber wenigstens sagst du es dann … [unverständlich]. Wahrsager: Ja ja ja ja. Ja, gut, aber normalerweise muß ich gleich sagen: „Freundchen“ – so. Oder ... Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: ... [ich] muß sofort dann auch gleich sagen, was ich sagen will, anstatt ... – da rede ich immer nur um den heißen Brei herum. Wahrheitsbegleiter: Ja … [unverständlich]. 1.6. (6:56) Wahrsager: Ich bin immer noch so gehemmt und beängstigt ... Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: ... und denke immer noch, daß ich nicht alles sagen darf oder kann oder so. Wahrheitsbegleiter: (ruhig, entschieden) Du darfst, Peter. Wahrsager: Ja, das sagst du so in deinem jugendlichen Wahnsinn. (Lachen) Wahrheitsbegleiter: (Lachen) Wahrsager: (mich über meine Hemmungen ärgernd) Mann! Wahrheitsbegleiter: (Lachen) 1.7. (7:15) Wahrsager: Na, jedenfalls – was ich sagen wollte, um darauf noch einmal zurückzukommen –: ...
Hm (plötzlich niedergeschlagen).
(Aus der kurzen Niedergeschlagenheit gleich wieder hervorkommend) Ich mache dann auch ... [eine Sitzung]. – Einer der (kurz niedergeschlagen) Gründe, die da mit [hinein]spielen, warum ich dann anrufe oder warum ich eine Sitzung nehme, ist auch so ein bißchen, daß [weil] ich irgendwie dich gutstimmen will oder daß ich dich nicht ... – wie soll ich mal sagen?, warte mal –, ja!: als ob ich das für dich machen muß.
Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: Als ob ich (Pause) dir ..., zu dir lieb sein muß oder so was ähnliches. Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: (Atmen)
(leise) Ja.
1.8. (7:54) Wahrsager: (Atmen) – Aber das ist doch eigentlich Quatsch, oder? Wahrheitsbegleiter: Ja, auf jeden Fall. Ich ... Wahrsager: (Lachen) Wahrheitsbegleiter: ... – du bist ja nicht für mich da – ich bin für dich da! Wahrsager: Na ja, das sagst du wieder so, aber von ... [meinen Gefühlen her], in meiner Gedankenwelt oder in meinen Gefühlen ist das ... Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager:... ziemlich (Pause) verankert, ah (entlastendes Ausatmen). 1.9. (8:16) Wahrsager: (Pause) – Ja, als ob ich dich auch ... – was weiß ich, oder –: daß ich auch dann (Pause) auch (Drucksen) dein Überleben sozusagen mit rette, indem ich ..., indem ich für dein Einkommen mit sorge – das spielt auch mit eine Rolle dann. Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: (Pause) (Ausatmen) – Soweit geht das: [Ich] denke, ich muß mich um dich kümmern und muß dein Leben mit retten sozusagen. 2. 2.1. (8:50) Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. (leichtes Lachen) Wahrsager: Na ja, du lachst, ... Wahrheitsbegleiter: (nachdenklich) Ja. Wahrsager: ... aber das spielt eine Rolle mit in meinen Gedanken. Wahrheitsbegleiter: Ich verstehe, klar, ja. Wahrsager: Ah (entlastendes Ausatmen). Wahrheitsbegleiter: Gut, daß du das sagst und äußerst, denn du weißt ja selber, daß du das nicht ..., nicht nur nicht brauchst, sondern daß das nicht gut ist auch für dich, ne. 2.2. (9:07) Wahrsager: Ja ja, aber du siehst daran, wie ... (Pause), wie weit ich davon entfernt bin, tatsächlich mein Leben in den Mittelpunkt zu stellen oder um mich ... [mich zu kümmern], meine Interessen ... [voranzustellen] oder – pf –: Das ist wieder völlig utopisch im Prinzip.
Ich muß immer ... (Pause) – ja, ich höre dann wieder so eine Stimme: „Du bist egoistisch“ und so und und und „und arrogant!“ (Husten)
Ich verstehe zwar, was du sagst – auf dieser Ebene halt –, hä. – Da sage ich: „Ok, klar, das ... – ja –, das ist eine (Pause) Vereinbarung mit dir – rational, geschäftlich, wenn man so will auch, hä?“
Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. 2.3. (9:49) Wahrsager: Aber (Pause) – wie gesagt –: Mein Gefühl – oder was da drunter liegt – ist ganz anders: ... Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: ... Da spielen ganz andere Dinge eine Rolle: Da habe ich solche Phantasien wie: daß ich dich dann nicht hängen lassen darf (Pause) oder – ja – dich nicht enttäuschen darf und dich nicht hängen lassen ... [darf und] daß ich mich um dich kümmern muß – so ..., solche Phantasien habe ich. Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: Hm. Na ja. 2.4. (10:21) Wahrheitsbegleiter: Ja, sonderbar, weil: Ich kann da jetzt erst mal noch keinen Zusammenhang, keine Zusammenhänge sehen, wie das ..., was das jetzt mit dir und deiner Traumageschichte zu tun haben könnte: daß du dich um mich kümmern mußt. – Ok, du mußtest dich um deine Mutter kümmern. Wahrsager: (kritisches Einatmen) Na ja ... Wahrheitsbegleiter: Du mußtest sie gutstimmen, und du mußtest ... Wahrsager: (Ächzen) Wahrheitsbegleiter: ... aufpassen, daß die nicht ausrastet und nicht in den Wald geht und sich erhängt. 2.5. (10:42) Wahrsager: Ja. Na ja, aber mit dir hat das ..., also von deiner Seite ist es völliger Quatsch? Ich meine: Irgendwo – weiß ich nicht (Pause) (Drucksen) – ... [stimmt das ja auch rational], ... Wahrheitsbegleiter: Ja, es ist ... Wahrsager: ... daß du irgendwo diese Arbeit machst, weil du ja dein Geld damit verdienst. Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: So ganz von der Hand ... [weisen, kann man es nicht]. – Na sagen wir mal: also 100 %ig falsch ... (liege ich) also nicht, daß daraus [mein Wahn] entsteht, daß ich mich [um dich] kümmern muß. Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: Aber (Pause) wenn wir mal so sagen, daß ich gewissermaßen [die Sitzungen mit dir] brauche (Pause) ... [, dann muß ich auch dafür bezahlen und sorge damit automatisch und gleichzeitig für dein Überleben]. Und dann muß ich ja auch [automatisch] (Pause) dafür sorgen – na ja –, daß es dich gibt oder daß du überleben kannst oder was weiß ich. 2.6. (11:24) Wahrheitsbegleiter: Ja, Peter, das hat natürlich immer einen realen Anteil, ... Wahrsager: Ja. – Aber der ist ja auch wichtig: den mal auszu[sprechen]. Wahrheitsbegleiter: ... [unverständlich] einen kleinen Anteil bei so einer neurotischen Übertragung, ne, ... Wahrsager: Na ja, klar. Wahrheitsbegleiter: ... sonst könnte man das ja nicht übertragen ... Wahrsager: Richtig. Wahrheitsbegleiter: ... – deswegen rede ich davon. Aber ich lebe ja nicht nur von dir – ich habe ja auch andere Patienten: Ich habe Patienten, die melden sich ein Jahr oder zwei Jahre nicht, und dann rufen sie wieder an! Verstehst du? 2.7. (11:42) Wahrsager: Ja ja. Also da muß ich mich nicht ... (Peinlichkeits-Lachen: ein „böser Gedanke“ ist da), ... Wahrheitsbegleiter: (Lachen) Wahrsager: ... da muß ich mich tatsächlich nicht um dich kümmern? Wahrheitsbegleiter: Nein nein, [das] mußt du nicht, Peter. (Lachen) Wahrsager: Ist das so? Wahrheitsbegleiter: [Das] ist so, ja. Wahrsager: Na, ich brauche diese Rückmeldung – egal, wie ..., wie ... Wahrheitsbegleiter: Ja ja ... Wahrsager: ... lächerlich das klingt. Wahrheitsbegleiter: … [unverständlich] – die Rückversicherung, daß das Quatsch ist und daß das eben real nicht der Fall ist, ja. Wahrsager: (Pause) (Nachdenken, Ausatmen)
Ich mache mir dann solche Gedanken!
Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: (Husten) 2.8. (12:09) Wahrheitsbegleiter: Also deswegen habe ich dir das gesagt: Mit dem einen Patienten – ich habe auch [noch so] einen anderen –: Der ruft auch mal nach drei oder vier oder fünf Monaten erstmal wieder an. Und dann nimmt er ein paar Sitzungen – und dann wieder nicht und so, verstehst du. Wahrsager: Hm. Wahrheitsbegleiter: Also das ist vollkommen ok, das ist halt mein Geschäftsmodell: Das ist erlaubt gewissermaßen, das ist drin [das ist möglich: daß man sich längere Zeit nicht meldet] ... Wahrsager: Hm. Wahrheitsbegleiter: ..., und ... (Stammeln) Wahrsager: Aber ... Wahrheitsbegleiter: ... das kannst du auch machen! 2.9. (12:31) Wahrsager: (bejahend, aber doch leicht zweifelnd) Hm. Aber insgesamt – unterm Strich – kommst du zurecht? Wahrheitsbegleiter: Ich komme zurecht, ja. Wahrsager: Hm. [Aha] (Atmen) Wahrheitsbegleiter: ... weil ich unter anderem – deswegen mache ich das ja auch seit einigen Jahre – nur noch Telefon-Sitzungen mache. Wahrsager: Hm. Wahrheitsbegleiter: Dann habe ich keine hohen Selbstkosten mehr ... Wahrsager: Hm. Wahrheitsbegleiter: ... wie Raummiete und so was. Wahrsager: Hm.
(Pause) (zustimmend, aber gleichzeitig irgendwie abwesend) Hm.
Wahrheitsbegleiter: Das ist ja schlimm – das machen ja ... [viele], das mußten ja viele ... [machen] oder machen ja leider viele –: ... Wahrsager: Hm. Wahrheitsbegleiter: ... Patienten nehmen und mit Patienten arbeiten und mehr arbeiten, als sie können und wollen und müssen: weil sie ihre Kosten ... Wahrsager: Hm. Wahrheitsbegleiter: ... und ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Wahrsager: Hm. Wahrheitsbegleiter: Überhaupt, generell: Das Negative bei dem ganzen Gesundheitssystem [ist ja]: daß das ... Wahrsager: Hm. Wahrheitsbegleiter: ... eben auf Wirtschaftlichkeit und Profit ausgerichtet ist, ne, ... Wahrsager: Hm. Wahrheitsbegleiter: ... anstatt auf das Wohl des Patienten, ja. Wahrsager: Hm, na ja, gut, aber du mußt ja trotzdem an dich selber auch ein bißchen denken dabei – also wirtschaftlich betrachtet. 2.10. (13:31) Wahrheitsbegleiter: Ok, ja. Na ja, es liegt ja an mir und [daran,] mir ... Wahrsager: (Husten) Wahrheitsbegleiter: ... andere oder mehr Patienten zu suchen, verstehst du. Wahrsager: Hm. Wahrheitsbegleiter: Das muß ja nicht deine Sorge, sondern meine Sorge [sein], ... Wahrsager: (Lachen, skeptisch) Na ja. Wahrheitsbegleiter: ... falls ich damit nicht mehr auskommen sollte, ja. 2.11. (13:41) Wahrsager: Aber du siehst: Ich ... (Stammeln) – darum geht es ja jetzt –, ich mache mir da um solche Dinge Sorgen ... Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: ... oder Gedanken zumindest. Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: (Pause) 2.12. (13:54) Wahrheitsbegleiter: Nein, es gibt auch eine ganze Reihe ... Wahrsager: (skeptisches Einatmen, ich will sprechen) Wahrheitsbegleiter: ... von Patienten, mit denen ich längere Zeit zusammengearbeitet habe, die dann ganz aufgehört haben, weil sie das nicht mehr brauchten ... Wahrsager: Hm. Wahrheitsbegleiter: ... – aus welchen Gründen auch immer, verstehst du. Wahrsager: Hm. (Pause)
(Atmen)
2.13. (14:11) Wahrsager: Also wenn ich jetzt nicht mehr anrufen würde – ein paar Wochen oder eine Woche oder ... – , dann würdest du dir jetzt nicht ... [etwas antun?], sterben oder zusammenbrechen? Wahrheitsbegleiter: Nein, nein, ganz und gar nicht. – Nein, du brauchst keine Angst zu haben! (Lachen) Ich gehe nicht pleite. (Lachen) Wahrsager: Na ja, du lachst, aber ... Wahrheitsbegleiter: Da habe ich schon vorgesorgt. Das ... Wahrsager: Aber ich mache mir solche Gedanken! Wahrheitsbegleiter: Ja ja, ja ja. Nein, das hast du ja schon öfter mal gemacht: Du hast ja öfter schon mal ... Wahrsager: Ja. Wahrheitsbegleiter: ... [unverständlich] und keine Sitzungen genommen – was vollkommen ok ist. Wahrsager: Ja ja ja ja. Aber ... Wahrheitsbegleiter: Warum sollst du Sitzungen nehmen, wenn du das Gefühl hast, du brauchst das jetzt nicht? Wahrsager: Ja – aber das ist es ja! Deswegen ... Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: ... spreche ich das ja an. Wahrheitsbegleiter: Ja ja, weil du denkst, du mußt dich um mich sorgen und kümmern und mein Lebensunterhalt sichern. Ich ... [unverständlich] Wahrsager: Ja! Wahrheitsbegleiter: Ja. Was du dann ... [unverständlich] 2.14. (14:48) Wahrsager: Und deswegen habe ich auch oft so ein schlechtes Gewissen, wenn ich dann absage oder so – weißt du? Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: (Pause) Da habe ich ein schlechtes Gewissen ... (Pause)
(Ich denke weiter nach oder lasse diesen Gedanken ausklingen und lausche ihm nach.)
2.15. (14:59) Wahrheitsbegleiter: Nein nein, ich bin überhaupt nicht abhängig von dir, Peter – jetzt finanziell –, ne. Das ..., wenn du gar keine Sitzungen mehr nehmen würdest, wäre das für mich vollkommen ok, und das würde für mich ... Wahrsager: (Husten) Wahrheitsbegleiter: ..., das würde mich nicht in den Ruin treiben, ja. Wahrsager: Hm. (Pause) Wahrheitsbegleiter: Ich hätte natürlich dann [einen] Einkommensverlust, aber den kann ich ja dann mit anderen Patienten ausgleichen, indem ich einen anderen Patienten dann nehme stattdessen. 2.16. (15:21) Wahrsager: Also du nimmst ..., würdest noch [einen] neue Patienten annehmen? Wahrheitsbegleiter: Nicht ganz neue – nein. Aber ich kann Patienten anrufen, die ich kenne, und denen sagen: „Ich arbeite nach wie vor als Therapeut, und ich gebe Telefonsitzungen. Und wenn du Interesse hast, dann ...“ Wahrsager: Ach so. Wahrheitsbegleiter: „... könnte ich dir auch Telefonsitzungen geben.“ Wahrsager: Aha. Wahrheitsbegleiter: Also ganz neue ... [Patienten nehme ich nicht mehr an], mit ganz neuen arbeite ich nicht mehr. Wahrsager: Ja, das hast du ja mal gesagt: daß du keine neuen mehr nimmst. Wahrheitsbegleiter: Ja ja, das habe ich ja auch ... – als ich da in der Körtestraße gearbeitet habe –, auch schon nicht mehr gemacht. Wahrsager: Hm. – Ach so [, du bringst dich in Erinnerung], damit die wissen ... [daß sie bei dir (wieder) Sitzungen nehmen können] – ja. Wahrheitsbegleiter: Ja: damit die wissen, daß ich immer noch ... [arbeite]. Wahrsager: Und die können ... [jetzt wieder auf dich zurückgreifen], weil die ... (bis jetzt vielleicht davon ausgegangen waren, daß du keine weiteren Patienten annimmst]. – Ja die könnten annehmen, daß du nicht mehr aktiv bist oder so und ... – na ja, hm. Wahrheitsbegleiter: ... [Ja, weil die,] die von mir nichts gehört haben, von mir nichts wissen – ja. Wahrsager: Hm. Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: Na ja, gut. 2.17. (16:00) Ok, also jedenfalls brauche ich mich da nicht darum zu kümmern. Wahrheitsbegleiter: Nein, [das] brauchst du nicht, Peter – ganz und gar nicht. Das wäre auch vollkommen falsch, ja. Wahrsager: Ja ja (Lachen). Aber (Pause) tatsächlich mache ich mir solche Gedanken. Und da habe ich ein schlechtes Gewissen manchmal auch. Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: Oder das fällt mir schwer oder es ist mir unangenehm abzusagen. 2.18. (16:26) Wahrheitsbegleiter: Na ja ... – Du hast ja da keine Verpflichtung. Du hast ja keine ..., keinen Vertrag oder keine Absprache mit mir gemacht, ... Wahrsager: Nein nein. Wahrheitsbegleiter: Manche machen das ja, manche Therapeuten, daß sie [die Patienten] dann wöchentlich eine Sitzung nehmen müssen oder sollen, ... Wahrsager: Hm. Wahrheitsbegleiter: ... [unverständlich] und Bedingungen der Zusammenarbeit oder so – so etwas mache ich ja nicht, das ist ja nicht mein Geschäftsmodell. 2.19. (16:41) Wahrsager: Hm. – Deswegen war ich ja dann auch letztens ... (Lachen), ... Wahrheitsbegleiter: Was? Wahrsager: ..., deswegen war ich auch letztens so (Pause) positiv überrascht oder so: Es hat mich ganz gewundert, daß du da gesagt hast: „Ja, Peter, gut!“ und: „Arbeite!“ und „Mach weiter!“ und so – weißt du? [„Sei weiter erfolgreich in deinen Projekten und bei deinem Geldverdienen!“] Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: – Das hast du doch beim letzten mal gesagt – also gestern oder vorgestern, wann das war. Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: Da habe ich mich gewundert! [Da] dachte ich mir: „Was? – Hä? Wie kann denn der mir so was wünschen?!“ [„Wenn ich gut vorankomme und dich dann nicht mehr brauche, gehst du doch pleite.“] Wahrheitsbegleiter: Ja, wieso denn nicht? Wahrsager: Ja, natürlich! Aber ... Wahrheitsbegleiter: (Lachen) 2.20. (17:10) Wahrsager: ... auf der anderen Seite dachte ich mir – das klang aber völlig ehrlich von dir –, da dachte ich mir: „Oh, wow!“ (Spaltung) Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: Nun dachte ich mir: „Oh, der ist enttäuscht und so jetzt wieder, daß ich nicht eine Sitzung mache.“
(Pause, ich erwarte eine Reaktion von ihm) – Weißt du?
2.21. (17:27) Wahrheitsbegleiter: Ja, du mußt jetzt auch nicht mehr täglich absagen, wenn das ... [so ist, wenn] du das aus ... Wahrsager: (ängstliches, einschränkend-relativierendes Einatmen) Wahrheitsbegleiter: ... diesem Motiv heraus machst. [Das bezieht sich auf eine Abmachung, wonach ich ihn über die Wahrscheinlichkeit, daß ich eine Sitzung nehmen will oder nicht, immer auf dem laufenden halte.] Wahrsager: Na ja ... Wahrheitsbegleiter: Oder du kannst das ..., wir können das umstellen: Du rufst nur dann an, wenn du eine Sitzung haben willst! 2.22. (17:39) Wahrsager: Na ja, nein, das mit dem Anrufen, das finde ich ja gut so – das will ich schon weitermachen. Bloß: Es könnte mal sein ... Wahrheitsbegleiter: Es kommt darauf an, aus welchem Motiv heraus das geschieht: ... Wahrsager: Nein nein! Wahrheitsbegleiter: ... daß du sozusagen mich in Anführungsstrichen (Stammeln) ... Wahrsager: Besänftigen oder ... – ? Wahrheitsbegleiter: Ja, besänftigen oder ..., oder gutstimmen willst oder was auch immer aus welchen Motiven heraus ... Wahrsager: (widersprechend-ängstliches Einatmen) Nein. Wahrheitsbegleiter: ... du anrufst [um mich auf dem laufenden zu halten]: Dann solltest du das aber auch nicht mehr tun. Wahrsager: Nein, das ..., das ..., das ... – nein, das stimmt nicht. Wahrheitsbegleiter: Hm, ok. Wahrsager: Das ist wirklich, weil ich dir da ..., da irgendwie einen praktischen Gefallen tun will oder so: daß du das ... [immer weißt]. Aber: Was sein kann, ist: daß, wenn ich mal so absehe – aber das habe ich ja auch gemacht die letzte Zeit –: wenn ich mal weggefahren bin oder wenn ich absehen kann, daß ich jetzt wirklich durchreißen will mal eine Aufgabe – weißt du –: ... Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: ... daß ich dann sage: „[Vorname des Wahrheitsbegleiters], die letzten ..., die nächsten drei Tage nicht“, weißt du? Wahrheitsbegleiter: Ok, ja, du schreibst mir dann einfach eine Email. [Schwer verständlich:] Das können wir so machen. [?] Wahrsager: Ja. Aber das haben wir eigentlich ... – das ..., das ... – nein, darin sehe ich kein Problem. Das haben wir ja auch in der Vergangenheit so gemacht. Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: Aber wenn ich es mir so offenhalten will – was ja auch für mich gut ist: daß ich mir das so offenhalten kann –, ... 2.23. (18:41) Wahrheitsbegleiter: Ja, klar: Das ist für dich ein Privileg. – Das ist ein Vorteil und ... Wahrsager: Ja, und ... Wahrheitsbegleiter: ... [unverständlich] [das macht ja nicht] jeder [Psychotherapeut]: daß jemand spontan eine Sitzung nehmen kann mit einem Therapeuten. Wahrsager: Ja, gut, aber ich muß ja damit jetzt rechnen, daß du auch absagst, ja? Wahrheitsbegleiter: Ja, klar. Wahrsager: Aber gut: Trotzdem ist es natürlich eine wunderbare Sache. Aber ich bin immer auch bereit oder ... [rechne damit, daß du nicht kannst]. – Letztens warst du nicht am Apparat dran, dann war für mich klar: Du ... [kannst nicht], [es] wäre sowieso nicht gegangen. Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: Weißt du, also ... Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: (innerlich berührt) ... das ist schon eine gute Sache für mich – ganz klare Sache –, aber deswegen will ich dann auch im Gegenzug dann mindestens dir auch sagen, (Pause) wann ich jetzt will oder so – oder nicht kann oder so. [Gegenseitige technische Hilfe.] Wahrheitsbegleiter: Ja, gut, ja. Wahrsager: Nein nein, das können wir schon weiter so machen, ah (entlastendes Ausatmen). 3. 3.1. (19:18) Wahrsager: (traurig) Aber warte mal ... (Weinen) (Röcheln)
(Weinen) (Röcheln) (Weinen)
(Knurren – letzte Regung von Widerstand) (Weinen) (Röcheln) (Ausatmen)
(Weinen) (Ersticken, auf dem letzten Loch pfeifen) (befreiendes Einatmen) (erlösend) Ha! (Ausatmen) (Husten)
(erlöstes Seufzen)
Ah (belastetes Stöhn-Seufzen).
(Weinen) (ersticktes Einatmen) Ha! (teil-erlöstes Ausatmen).
(Mitleid heischendes Seufzen)
(Gähnen) Ah (stoßweises Ausatmen zur Entlastung).
Ah (Ausatmen) (Husten).
(Weinen) (ersticktes Einatmen) Ha! (entlastendes Ausatmen)
(Pause) (Gähnen) Ah (Ausatmen).
(Ächzen) (Weinen) (Röcheln) Ah (Ächzen).
(Pause) (Stöhnen)
(Gähnen)
3.2. (Sitzungstechnischer Exkurs) (21:31) (sachlich, quasi-unbeteiligt) Ich komme gleich darauf zurück. – Ich wollte nur sagen: Bis 17.15 Uhr hätte ich heute Limit, hä – falls das lange so dauern sollte, hä. Wahrheitsbegleiter: Ich gucke auf die Uhr: Ich habe sie vor mir: ... Wahrsager: Ja. Wahrheitsbegleiter: Jetzt ist es 16.15 Uhr. Wahrsager: Ja, danke! Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: Ah (entlastendes Ausatmen).
(Gähnen) (Husten)
3.3. (21:50) Wahrsager: Ich hatte heute so einen traurigen Gedanken (Pause) mit einem mal. (Pause) – Das war immer so eine Phantasie, die ich hatte, aber es war so traurig, ah (entlastendes Ausatmen).
(längere Pause)
(Weinen) (Schmerz) (Ersticken, auf dem letzten Loch pfeifen) (Ausatmen) Ah.
(längere Pause)
Oh, ich weiß auch nicht, welche ..., wie das kam. – Na ja, jedenfalls ... (Seufzen) – ah (längere Pause)
(Weinen) (Röcheln) (stoßweises Ausatmen zur Entlastung).
Ah (Ausatmen).
3.4. (Exkurs Müdigkeit) (22:57) Wahrsager: (starkes Gähnen) Zu dem Thema „Müdigkeit“ will ich am Ende auch noch was sagen. Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: Ah (Ausatmen).
(Atmen) (Pause)
Ah (Seufzen).
(Pause)
3.5. (Wiederaufnahme der Erstickungsgefühle) (23:33) (Weinen) (Atmen)
(Husten)
Ja ... (Weinen) (Röcheln) (auf dem letzten Loch pfeifen), ah (Ausatmungs-Ächzen).
(Gähnen) (Räuspern) (Ausatmen)
(längere Pause)
(Atmen) (Ausatmen) (Ausatmen) (Gähnen)
Ah (Ausatmen).
3.6. (24:40) Wahrsager: Ja, ich habe so eine Phantasie gehabt – ah (Ausatmen) (längere Pause) –, daß mir meine (Pause) Oma irgendwie (Weinen) (Röcheln) (Hechel-Ausatmen) gut zugesprochen hat – ah (Stöhnen) (Weinen) (Röcheln), ah (Ausatmen) – und mich beruhigt hat und mich ermutigt hat.
(Stöhn-Ausatmen)
(Urschmerz) (Weinen) (Ersticken) (Ausatmen)
(erschöpft-erlöst) Ah.
(Ächzen) (Atmen)
(Pause)
3.7. (26:06) Wahrsager: Und dann hat sich das irgendwie so (mit dem Gut-zusprechen) vermischt in meiner Phantasie, daß ich mich ja nie ... (Weinen) (Ersticken), ich mich ja nie von ihr [Oma] verabschiedet habe – ah (Ächzen) – und ihr auch nie (Pause) danken konnte: daß ich mich nie bedankt habe. (Weinen) (Urschmerz) Das ist eigentlich so (Schluchzen) (Ersticken) sinnlos: daß ich jetzt darüber weine, weil: Sie kann es ja sowieso nicht mehr hören.
Aber da wirst du mir sagen: „Trotzdem – sprich es trotzdem aus!“
Wahrheitsbegleiter: Ja. 3.8. (26:06) Wahrsager: Ja, [das] mache ich ja auch – gut! Aber trotzdem ärgert es mich. Wahrheitsbegleiter: Na ja ... Wahrsager: Trotzdem ist es ja sinnlos! Wahrheitsbegleiter: Du kannst dich sogar jetzt bei ihr ... (bedanken und verabschieden). Wahrsager: (sehr ärgerlich) Ja, gut, ja, ich weiß, aber: Für sie ist es doch völlig sinnlos ... Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: ... – völlig egal. (Weinen) (Urschmerz) (Ersticken, Luft einziehend) – Das ist ja das Schlimme daran – ah (entlastendes Ausatmen) –: Das tut mir so leid, und ich ärgere mich darüber, ich finde das so Scheiße – ah –, wie es ist.
(Weinen) (Röcheln) Das ist ja nicht mehr gutzumachen. Es ist ja vorbei. Es ist ja zu spät. Es gibt eben Dinge, die irgendwann mal vorbei sind – das ist nun mal so (Pusten). – Das geht mir ja genau so mit meinem eigenen Leben, ah (Ausatmen).
3.9. (Exkurs Phantasie Wahrheitsbegleiter) (26:59) Wahrsager: Und da habe ich auch so Phantasien manchmal, die dich dann betreffen: Das geht dann auch um solche Dinge wie: vorbei-gehen und alt-werden, sterben. – [Das] habe ich auch oft: solche Phantasien – auch, was dich betrifft, ah.
(Räuspern) (Ausatmen) (Pause)
Ja, ah (Ausatmen), ja, das ist Scheiße. (Längere Pause)
Aber wir können ja all diesen Dingen (Pause) in die Augen schauen und (Pause) darüber sprechen in (Räuspern) allen Dimensionen, also ... [in aller epischen Breite, Ausführlichkeit und emotionaler Tiefe] ...
Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: ... – stimmt's? Wahrheitsbegleiter: Ja, Peter, klar! Das machen wir auch. Wahrsager: Es ist nicht so angenehm oder ... (Pause) – es ist eher traurig – mindestens für mich im Moment. Man kann ja vielleicht – was weiß ich, keine Ahnung – irgend so eine Art Weisheit oder Gelassenheit oder ... finden – [das] weiß ich nicht (Räuspern), aber bei mir im Moment (Ausatmen) ... [geht das nicht; mich macht das extrem traurig]. 3.10. (29:40) Wahrsager: Na ja, jedenfalls (Pause) habe ich mir dann so vorgestellt (Pause) – das war wie so eine Phantasie –, daß ..., daß es eben doch nicht so (zu spät) war oder daß ich es jetzt in meiner Phantasie nachhole, was nicht gewesen ist.
Da war ich jedenfalls (Räuspern) [in meiner Phantasie] an ihrem Totenbett. – Also sie lebte noch, ...
Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: ... aber war wohl ..., konnte nicht mehr sprechen und ... (Pause). Sie war so ..., schon – wie sagt man? – mehr oder weniger ... – was ist nochmal der Unterschied?: klinisch tot oder biologisch tot – keine Ahnung. Wahrheitsbegleiter: Klinisch tot. Wahrsager: Es gibt doch so zwei verschiedene Tode angeblich – ich weiß es nicht. Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: Also sie lebte noch, ... Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: ... aber war wohl nicht mehr so richtig da.
(abrupt etwas lauter, ein neuer Gedanke:) Ach so, warte mal! – Das hat jetzt mit Tod nichts zu tun – sie war einfach nur ohnmächtig oder – wie sagt man? – bewußtlos sozusagen – oder im Koma oder so was ähnliches.
Wahrheitsbegleiter: Ja, hm. Wahrsager: Na ja, jedenfalls (traurig) habe ich mich dann zu ihr ans Bett gesetzt und habe dann ihre Hand gehalten (Pause) – habe nur ihre Hand gehalten (Weinen) (Schmerz) (Röcheln) – ich habe mich einfach zu ihr gesetzt und habe ihre Hand gehalten.
(traurig) Na ja, es wäre so ... (Weinen) (Urschmerz) (Schluchzen) (Hecheln), es wäre so schön gewesen, wenn ich das gemacht hätte oder wenn ich es hätte machen können.
3.11. (31:30) Wahrsager: Ich bedauere das so sehr. (Weinen) (Schmerz) (Röcheln) Ich bedauere das so sehr, daß ich es nicht gemacht habe oder nicht machen konnte oder ... – Ich ärgere mich so darüber. (Weinen) (Schmerz) (Röcheln) (Ausatmen) Ich ärgere mich so darüber.
Aber es ist nicht gutzumachen. Es ist leider nicht gutzumachen.
Scheiße! (Weinen) (Röcheln) (Ersticken) (Husten)
Na ja, es ist Scheiße einfach so. Es ist einfach nur Mist, daß es so gewesen ist, aber ... – und nicht mehr gutzumachen ist.
(Flüstern) Scheiße!
Ganz große Scheiße! (traurig) Ganz, ganz große Scheiße!
Warum das so kommen mußte?! (Weinen) Ja, ich weiß nicht. Ah, es ist so schlimm, daß es so kommen mußte!
(Pause) (Erholung)
3.12. (33:10) Wahrsager: Ich verstehe das nicht. (Pause) Irgendwann mal habe ich alles (Husten) vergessen. Irgendwann mal habe ich einfach alles vergessen, was gewesen ist, ah. (Weinen) (Röcheln) Ah, Scheiße! (Ausatmen)
Ah, (Räuspern). Irgendwann habe ich alles vergessen.
(längere Pause)
Komisch. (Pause) (Ausatmen)
Tja.
Ja. (Husten) (Ausatmen)
3.13. (Exkurs ständiges Verschlucken) (34:15) Wahrsager: (abrupt wieder sachlich, so als will ich den Wahrheitsbegleiter nicht belasten und meine Gefühle runterspielen) Ah, nein, ich wollte nochmal sagen: Mit diesem ..., mit diesem Verschlucken, was ich immer so habe: dieses In-die-falsche-Röhre-[kriegen] so, die ... Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: ... Körperflüssigkeit oder was das ist: Nein nein, das hat nichts mit einer Krankheit zu tun. – Das ist, wie du immer sagst (Pause) – was sagst du immer so?: „Körpererinnerung“ oder so ... Wahrheitsbegleiter: Körpererinnerung, ja. Wahrsager: Das hat nichts mit Krankheit zu tun! [Ich] bin mir ... [sicher], [da] brauche ich gar nicht zu gehen zum ... Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: ..., zum Arzt. (Husten) Ich habe ja ..., ich beobachte das manchmal an mich [sic]: In lauter Hektik oder so ... – Es ist immer [so]: Irgendwas passiert da hinten in meiner Röhre. Wahrheitsbegleiter: Ja. Das ist schon möglich, weil: Du hast ja mal keine Luft gekriegt. Das kann sein, daß dann die Lungenatmung aus der Not heraus zum Zeitpunkt angesetzt hat, wo sie noch gar nicht funktionieren konnte und du dann Wasser in die Lunge gekriegt hast. Wahrsager: (skeptisches Einatmen) Nja. Also da bin ich mir relativ sicher: daß das so eine Art Körpererinnerung ist, ... Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: ... was da abläuft (Husten): [Das] habe ich andauernd – wie gesagt –: Seit ein paar Wochen geht das andauernd so. Und ich kann mich beobachten, wie ich will, beim Essen.
Manchmal beobachte ich mich beim Schlucken – und verschlucke mich trotzdem! Ich kann das gar nicht ändern!
Wahrheitsbegleiter: Ich verstehe, ja. Wahrsager: Ich beobachte mich – und trotzdem mache ich es! Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: Komisch!
Ich kann irgendwie ... – als ob ich gar nicht anders schlucken könnte.
Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: Na ja – [das] fällt mir nur gerade so ein.
(Räuspern)
Andauernd habe ich diese Flüssigkeit (Husten) in der falschen Röhre. – Deswegen muß ich immer so husten. (Husten)
Wahrheitsbegleiter: Mach das ruhig. Das mußt du ja – du mußt das ja wieder aushusten. Wahrsager: Na ja, gut, hm.
(Räuspern) – Das ist andauernd!: dieser Schleim oder was das ist da hinten drin! (Husten) Ah (Ausatmen), ja.
3.14. (35:51) Wahrsager: Na ja, jedenfalls (Pause) habe ich dir [sic] ..., habe ich dann ihre [Omas] Hände ..., ihre Hand genommen und habe mich einfach an ihr Bett gesessen – gesetzt – (Pause) und habe dann dort gesessen am Bett. Mir war alles andere egal. Ich hätte da stundenlang sitzen können.
– Ich hätte es auch gemacht mit meinem heutigen Wissen: Ich hätte mich stundenlang hingesetzt – es gibt nichts ... (Weinen) (Urschmerz) (auf dem letzten Loch pfeifen), da gibt es nichts ..., es gibt nichts Wichtigeres zu tun. – Es gibt nichts Wichtigeres, ah (Ausatmen).
Es gibt nichts Wichtigeres. – Nichts. Es gibt nichts Wichtigeres (Weinen) (Röcheln) (Husten) als sozusagen diese Liebe zu erwidern oder sozusagen das zurückzugeben oder ... – ich weiß nicht, wie man das am besten ausdrückt.
Jedenfalls wäre das für mich dann klar gewesen in dem Moment – es gibt gar keine Frage –, daß ich dann bei ihr gewesen wäre und mit ihr ..., bei ihr geblieben wäre.
3.15. (37:37) Wahrsager: Ich ärgere mich so sehr! (Weinen) (Urschmerz) (drohendes Ersticken) Ha! (Ausatmen) Ich ärgere mich so sehr, daß es nicht so war.
Ich ärgere mich so sehr (Pause) – so sehr!
(verzweifelt) Mann Mann Mann! Ich ärgere mich darüber! (leise) Ha, Scheiße!
Es ist so schlimm, daß es ..., daß es Dinge gibt, die nicht wieder gutzumachen sind. (traurig) Ah, Scheiße!
Ich ärgere mich so sehr darüber. Ich hätte es so sehr gern getan! Ah (Ausatmen).
Ich weiß gar nicht, wo ich war zu der Zeit! [als sie starb] – Wo war ich denn nur?! (Ausatmen) – Ich habe keine Ahnung.
Na, meine Cousine – meine Groß-Cousine – war wenigstens dabei: Sie war da. (Husten) Sie war Krankenschwester in demselben Krankenhaus, wo meine Oma gestorben ist, ah. Insofern ..., insofern war es einigermaßen – wie so soll ich mal sagen? – erträglich oder so, ah (Ausatmen).
Schlimm. Ich wäre so gern dabeigewesen. – Ich Idiot! Ich Rindvieh! (Weinen) (Urschmerz) (Ausatmen) (Pause)
(Atmen)
3.16. (Exkurs Freundin) (39:42) Wahrsager: Jetzt fällt mir [Freundin] ein, die ich ja auf die Art und Weise kennengelernt habe: daß sie mir davon erzählt hat, wie sie bei ihrer Oma war – extra nach Rußland schnell geflogen ist. – Die hat es gemacht! Das war richtig so, gut so, sehr schön – obwohl es nicht ihre wichtigere Oma gewesen ist. Die andere Oma – die deutsche Oma –, die mit in Deutschland war, die war wohl wichtiger für sie.
Aber die war da wohl schon tot. Und vielleicht hat sie aus dem Grund das so ... (Pause), so gehandelt: weil sie das wußte: daß sie das bereuen wird, wenn sie es nicht macht.
Na, da ist sie jedenfalls schnell rübergeflogen und hat da wohl eine Woche oder ein paar Tage die Oma in den Tod begleitet (Husten) – so ist es schön, so ist es richtig (Pause) – und hat ihr helfen können. (Ausatmen) (Pause)
Nur mal so am Wegesrand: (Husten) Die Zustände in russischen Krankenhäuern sind ja nicht so toll – zumindest damals nicht, [aber das] wird heute auch nicht so viel anders sein. Und [Freundin] hat dann (Lachen) (Lachweinen) (Weinen) ... – ah, ich kann wieder nicht lachen, weil ich dann so heulen ... [muß], ah.
Na, jedenfalls hat [Freundin] dann erst mal hier richtiges Theater gemacht dort, hat dann die Klinikleitung angesprochen, weil doch die Mutter – also die Oma – war Heldin der Arbeit oder Heldin des Großen Vaterländischen Krieges oder so was. – Und das hat dann wirklich gewirkt. Du, das zieht noch – so was – heutzutage.
Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: Da hat sie dann erst mal richtig Theater gemacht: „Hier, das ist eine Heldin des Vaterländischen Krieges ...“ (Weinen) (Urschmerz) (Ersticken) (Ausatmen) – Und dadurch hat sie ihr helfen können, und das hat gewirkt, und dadurch hat sie dann – weiß ich nicht – irgendwie was bekommen oder ... – na ja –; jedenfalls hat das geholfen.
Das hätte ich auch gern so etwas gemacht – ich wäre auch gern (traurig) bei meiner Oma (Weinen) (Röcheln) (Pause) dabei gewesen, ah (Ausatmen). – Ja, auch wenn meine Oma nicht mehr viel mitgekriegt hätte oder so.
3.17. (42:42) Und in meiner Phantasie war es dann so: (Pause) Da saß ich bei ihr so, habe ihre Hand gehalten (Pause). Und sie war nicht mehr bei Bewußtsein, aber ... (Räuspern) (Pause) Ah. (Ausatmen) (länger Pause)
– Oh Gott, jetzt ist es gerade, als ob der Tod jetzt kommt, ah (Ausatmen). (Husten)
Wahrheitsbegleiter: Bei dir jetzt? Wahrsager: Ja ja. Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: Jetzt kommt wieder so der Moment, wo ich – ah (Ächzen) – wieder so schwach werde (Pause), wie ich plötzlich so – ah (Pause) – ins Nichts übergehe. 3.18. (Exkurs wundersame Paradoxie) (43:54) Wahrsager: Ah (Stöhnen), ah, es ist wie ein leerer Raum, wie ein Nichts. Dann höre ich alles noch ganz laut.
Ah. (Lachen) Ah, das ist komisch (Husten): Da ist etwas – klar, ich erlebe das ja ziemlich deutlich, was es ist –, und trotzdem sage ich, daß es das Nichts ist – seltsam. Aber es wird plötzlich alles ruhig und ... [still und leer] – aber trotzdem bin ich da.
– Ich merke ja alles: Ich merke mich selber ... – Aber alles ist so neutral und ruhig. (Pause) Ich höre. (Pause) – [Es ist] seltsam: Gleichzeitig bin ich da – das bin ich ja, das (sarkastisches Lachen) ist absolut klar (Husten), daß ich das wahrnehme –, und trotzdem ist es wie tot.
3.19. (45:12) Wahrsager: (Das ist) seltsam! Aber (Pause) im Moment überwiegt das Gute an der Sache, nämlich: (Pause) daß ich ja da bin und daß es mich (Pause) gibt.
Ich bin zwar in den Tod irgendwie gegangen jetzt eben, aber es ist ok. (Husten) Ich nehme mich ja wahr.
(staunend, wundernd) Hm! Seltsam.
Na ja. (bejahend) Hm hm, (leise lachend) hm.
Hm. (niedergeschlagen)
(Pause) (bestätigend, bejahend) Hm, [das] ist eher gut – eher gut. Ja, (bestätigend, bejahend) hm. (längere Pause)
3.20. (46:25) Wahrsager: Es ist so, als ob ich irgendwie so eine Verbindung hinkriege zu mir später dann irgendwie: daß ich das ja bin – (erschöpftes Ausatmen) –, also irgendwie so eine Verbindung (Pause) zwischen dem, der dann tot ist und der tot ist und [dem], der dann später da ist und der die Erinnerung an den Tod irgendwie völlig vergessen hatte (Pause): der so lächelt und immer sich ... [freut], strahlt und immer lacht. [Der hinter dem Lachen den Urschmerz verbirgt.]
Ah (Ächzen), ah (stoßweises Ausatmen zur Entlastung).
(längere Pause) (Atmen)
3.21. (47:33) Wahrsager: (Ausatmen) Na ja (Husten), na jedenfalls ... – (Pause) (Ich massiere mir die Maske des lachenden Jungen aus dem Gesicht.) (Räuspern) ah!, ah (Ausatmen), ja –, jedenfalls (Pause) halte ich dann ihre Hand. Und dann erzähle ich ihr einfach so ... – ich weiß zwar, daß sie bewußtlos ist so oder nicht mehr richtig da ist –, aber ich spreche trotzdem einfach mit ihr.
Und dann berichte ich ihr, (traurig) was ich so mache und daß ich das schaffe und (Weinen) (Schmerz) (Röcheln) (Ächzen) – ja –: daß ich so da die kleinen Schritte ... [mache] und daß ich das geschafft habe und daß ich das schaffe.
Ah (Stöhnen), ich will ihr jetzt nicht so irgendwie zu sehr von mir erzählen – weil: ich bin ja für sie da –, aber [ich] denke mir: „Ja ja, [du] kannst ja trotzdem ein bißchen was erzählen. (Weinen) Das wird sie ja auch gern hören vielleicht. (Ächzen) [Das] wird ihr ja Freude bereiten: daß ich die Dinge mache und Dinge schaffe und ... (Ausatmen).
Na, jedenfalls (traurig): Während ich ihr das so sage und ... (Weinen) (Röcheln) (Ausatmen) (Pause), während ich ihr das so sage und ... – da plötzlich merke ich, wie sie meine Hand drückt – (Pause), ja (Weinen) – in dem Moment, wo ich das sage: daß ich so ..., was ich so mache und daß ich es schaffe und daß ich vorankomme und ... – dann drückt sie meine Hand (Schmerz) (Weinen) (Röcheln) so wie zum Zeichen: „Ja, gut, Peter. (Pause) Ja, Peter.“ (Weinen) (Urschmerz) (Röcheln) (Husten)
(leise) „Ja, Peter, so ist es gut – so ist es gut. Es freut mich, daß du es schaffst und daß du es machst. – So ist es gut, Peter.“ (Weinen) (Schluchzen)
Ja. (Pause) [Da] hat sie mich doch verstanden, [da] hat sie mir doch zugehört – also zumindest in meiner Phantasie.
(Pause) Leider war es ja nicht so (Pause) – ah (Erschöpf-Erholung) –, aber ... (Pause) ja, wenigstens – weiß ich nicht – hole ich es wenigstens für mich nach oder so was ähnliches. – Das ist schon ok. (Räuspern)
Und außerdem (Husten) (Ausatmen) (Pause) zeigt das, (Pause) daß ich das irgendwie brauche vielleicht auch und daß sie es mir nachträglich noch gibt, weil ich ja weiß, daß sie mir es auch dann früher gesagt hätte und daß sie sich bestimmt auch gefreut hat, wenn ich irgendwas geschafft habe.
3.22. (52:36) Wahrsager: Ja. (Pause) Ich habe gerade so einen [privaten 8-mm-]Film gesehen, wo ich eingeschult werde. Und da war meine Oma auch dabei. Und irgendwie (Pause) kam mir das so vor, daß sie so zwar ein bißchen so am Rand so war, aber daß sie das alles ..., daß sie einfach weiß, daß sie alles weiß, daß sie mich so gut kennt. (Weinen) (Urschmerz)
Ja, sie ist so wissend, ah – sie weiß einfach, wie ich bin, und sie weiß um mich.
Sie weiß mehr als meine Mutter oder sonst jemand über mich. Sie kennt mich so gut (Räuspern), und – ja – sie kennt mich so gut, und sie weiß: „Ja, jetzt wird er eingeschult, und jetzt wird er lernen und ..., aber er ist ..., er ist schlau, er ist intelligent genug.“
Sie hat ja immer gesagt: „Aus dem Jungen wird mal was.“ Sie hat immer so ein Vertrauen in mich gehabt: „Der Junge, der ..., der ... – aus dem wird nochmal was“, hat sie immer gesagt. (Weinen) (Räuspern)
Sie hat ... – egal, was jetzt ist mit mir: das ist völlig wurscht –, jedenfalls hat sie mich immer gekannt. Und sie wußte ..., sie kannte mich immer.
Ah (Stöhnen).
Na ja, jedenfalls ... (Pause) – ah –, jedenfalls hat sie dann meine Hand gedrückt wie zum Zeichen, daß sie mich versteht, daß sie mir zuhört und daß sie genau weiß, was vor sich geht und – dann –, daß sie auch sozusagen sich freut darüber und daß sie sagt: „Siehst du, Peter, ich wußte doch ... – (Weinen) (Schmerz) (Röcheln) ah (tieferes, verschmerzendes Ausatmen) –, ich wußte doch, daß du es schaffst. – Du wirst es schaffen, Peter.“
3.23. (55:46) Wahrsager: Das ist so schön ... (Weinen), das ist so schön, wenn man so ein Zeichen bekommt, ah. Das ist Wahnsinn. In dieser Geste liegt so viel drin. Das ist, als ob (Räuspern) diese Geste ... – (Pause) (Pusten) ich weiß auch nicht (längere Pause) (bebendes Atmen) –, als ob da das ganze Leben (Pause) drinsteckt.
Ja. (Pause) Da steckt so viel drin (Pause): als ob (Husten) ... – Ah, jetzt fallen mir alle diese Dinge ein – die ich schon so früher gesagt habe –: wie ich mich da [in Leipzig] am Flutbecken, am Elsterbecken sehe, wie ich da den richtigen Weg gehe – mein eigentlicher Weg –, der jenseits und abseits von allem ... [allen falschen, fremden Bahnen liegt] gegangen, den ich gegangen bin da an dem Ufer vom Elsterbecken.
– Da habe ich ja irgendwann mal gesagt: „Siehst du, das ist mein richtiger Weg.“ (Pause) – Das ... (Weinen) (Schmerz) (Röcheln) (ächzendes Ausatmen) – da war ich wirklich ich selber. Und da war ich nur einmal – einmal bin ich diesen Weg gegangen oder gefahren mit dem Fahrrad.
Aber ich wußte immer (Pause) (Ausatmen), daß das mein richtiger Weg war. Und später habe ich dann von da drüben über die Festwiese [am Zentralstadion] hinweg – so 200, 300 Meter, wenn ich dann von der Schule zum Training gegangen bin –, habe ich manchmal rübergeschaut (Pause) zu diesem Weg hin.
Ja, da konnte ich mich wenigstens noch so ein bißchen daran erinnern. Dann wußte ich immer: „Ja, siehst du: Du gehst zwar jetzt hier entlang [auf dem falschen Weg der brutalen Selbstentfremdung], aber da drüben – da ist dein eigentlicher Weg. – Da ist dein Weg.“
(Pause)
3.24. (59:02) Wahrsager: Na ja, es fällt mir nur so ein ... – Ich wollte da[mit] sagen (Räuspern), daß in dieser Geste [Händedruck] ... – Es kommt mir so vor, als ob ... (Pause) – ich kann es noch nicht so genau sehen jetzt alles, aber ich weiß, was das ist –: Da ist alles ..., da steckt das ganze ..., mein ganzes Leben steckt da drin in dieser Geste: Das ist so wie ..., als ob sie mir sagen will: „Ja, Peter, (Pause) ... (Atmen) (Pause), dein ... (Weinen), dein Leben ..., ja, Peter, dein Leben – es ist dein Leben, Wahrsager: alles, dein ganzes Leben (Weinen) (Urschmerz) (Röcheln) (Ausatmen), dein Leben. Jetzt ..., jetzt geh‘ los und lebe dein Leben!“
Und ich weiß ganz genau, daß sie das nicht so dahinsagt. (Schnelle, schwer verständliche Sprechweise) Das war ja [sowieso] nur eine Geste [?]. Das Gute und das Schöne daran ist, daß es ..., [daß] sie das – die ganze Dimension – begreift: Sie weiß (Pause) alles. Sie ist voll und ganz hinter mir: voll und ganz (Weinen) (Urschmerz) (Ersticken), ha (Ausatmen) (Ächzen) – als ob sie genau in mir drinsteckt, als ob sie mich so gut kennt und alles: als ob ... – pf! –, als ob sie mich in- und auswendig kennt und als ob sie genau weiß, wer ich bin und ... – und ganz auf meiner Seite ist.
Ja. [Das] ist unglaublich, aber es ist so – ich weiß, daß es so ist: daß sie mich genau kennt und so eine tiefe Verbindung hat mit mir. (Pause)
Ja, sie kennt mich, sie nimmt mich wahr als richtige, richtige (Husten), richtige Person, als richtige – weiß ich nicht – Lebewesen, richtige Person.
3.25. (1:01:56) Wahrsager: Und ..., und als diese ... [Person], ah (Ausatmen), die das so wahrnimmt – daß ich eine Person bin und daß ich der Peter bin, den es nur einmal gibt: ich, die richtige Person –, und dieser Person, die ..., der wünscht sie (Pause) Kraft und Erfolg und (Pause) Leben und ... [alles]. (Pause) – Ja, alles das steckt in dieser Geste drin, (Pause) weil: Ich weiß ja ganz genau, daß sie mich meint. (Husten)
Das ist ... (Weinen) (Urschmerz) (Röcheln), das ist so schön, ah (Ausatmen). Es ist so schön, so was zu haben, ah.
3.26. (1:03:15) Wahrsager: Ja. Ah (stoßweises Ausatmen zur Entlastung).
(stoßweises Ausatmen zur Entlastung, erschöpft) (Pause)
(Husten) Ah (stoßweises Ausatmen zur Entlastung, erschöpft).
Jetzt bin ich wieder so erschöpft – ah – und falle wieder so in den Tod rein, ah (erschöpft).
(Pause) Aber es ist ok. (Pause) Es ist ok. (Pause) Es ist ok.
(Pause) Es ist nicht so schlimm. – Es ist nicht so schlimm.
(Atmen) (Pause)
Ah (Ausatmen).
(Flüstern) Es ist nicht so schlimm.
(längere Pause) (Atmen) (Pusten) (Husten)
Ah, ah (erschöpft).
Ja (erschöpft).
4. (Endbesprechung) 4.1. (1:05:16)
Wahrsager: Ich hoffe, ich schaffe noch alles, was ich mir vorgenommen habe. (Ausatmen)
Wahrheitsbegleiter: Ja, Peter, du wirst es schaffen. Wahrsager: Ja, manchmal kommt es mir ja so vor, daß es zu viel ist. – Na ja, mal sehen. Ich muß mich ... Wahrheitsbegleiter: Na ja, wenn du so weitermachst, daß du langsam und Schritt für Schritt vorgehst – wie ich das das letzte mal auch schon gesagt habe – und dir selber auch keinen Streß machst, dann wirst du auch allmählich richtig in die Gänge kommen. Das heißt ja nicht umsonst: „Übung macht den Meister.“ Wahrsager: Ja ja. Wahrheitsbegleiter: Dann gewöhnt man sich an die Arbeit, dann wird es auch verinnerlicht: daß der Arbeitsrhythmus usw. usf. … - Und das unterstützt einen darin, das dann auch zu schaffen und ... Wahrsager: Ja, das ist richtig. Wahrheitsbegleiter: ... [unverständlich] – Du hast das ja immer erzählt von Bach oder Wagner: wie die gearbeitet haben. Wahrsager: Na ja, ja ja. Wahrheitsbegleiter: Ne? – Die hatten das, ja. Wahrsager: Ja, das ist richtig. Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. 4.2. (1:06:03) Wahrsager: Aber genauso wichtig ist der andere Aspekt: sozusagen der ... (erschöpft) (Pusten) (Pause) – na, wie soll ich mal sagen? (Pause) –, mein innerer Zustand oder so. Wahrheitsbegleiter: Na, sicher – das ist ja auch entscheidend, das ... Wahrsager: Ja. Wahrheitsbegleiter: ... [unverständlich] Arbeit – das kann man ja nicht erzwingen. 4.3. (1:06:20) Wahrsager: Weil: Da habe ich nämlich – darauf wollte ich zurückkommen ganz kurz mal – wegen der Müdigkeit ... Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: ... und weil du sagtest letztens am Telefon, wo du mir diesen Mut gemacht hast so ... Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: ... – mich ermutigt hast –, da hast du ja auch gesagt: „Denke immer daran, …“ (Pause) (erschöpft) „… daß du dann ... [geduldig sein und weitermachen mußt]“. (Pause) – Warte mal, ich versuche, das gleich mal jetzt weiterzuentwickeln, den Gedanken, warte mal – ... Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Laß dir Zeit, du hast noch Zeit. [Eine Tiefenwahrheits-Sitzung ist open end, d.h. unlimited – an dem Tag hatte ich aber nur bis 17.15 Uhr Zeit.] Wahrsager: Ja ja. Das ist ... 4.4. (1:06:54) Wahrheitsbegleiter: Wir sollten dann aber heute nicht viel länger machen. Wahrsager: Nein nein, nein nein. Wahrheitsbegleiter: Also ich meine: Du hast ja die ganze Zeit ... [intensiv gefühlt] Wahrsager: Ja ja. Wahrheitsbegleiter: ..., ja, ... Wahrsager: Ja. Wahrheitsbegleiter: ... von deiner Oma ... Wahrsager: Hm. Wahrheitsbegleiter: ... [unverständlich] Phantasien ... Wahrsager: Ja ja. Wahrheitsbegleiter: … [unverständlich] Wahrsager: Nein, das ist aber – warte mal ganz kurz – … Wahrheitsbegleiter: ... [unverständlich] die [Endbesprechungs-Punkte] werde ich noch ansprechen, ja. 4.5. (1:07:03) Wahrsager: Ja, jetzt ... (fällt es mir ein). (Ausatmen) – Ich wollte sagen: Dieser [lebendige Eigner-]Zustand, den ..., auf den du da angesprochen hast – den ich ja selber kennengelernt habe, aber eben nur (Nuscheln) so ansatzweise –: Ich weiß genau, daß es so sein muß. Ich muß sozusagen (Pause) ganz ruhig sein und aus der Ruhe heraus (Pause) kleine, kleine Dinge tun (Pause) – egal, wie klein sie sind.
Erstens summiert sich das ja sowieso, ...
Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. 4.6. (1:07:45) Wahrsager: ... und zweitens geht es darum ... – ah (erschöpft, niedergeschlagen), ah, jetzt bin ich so tot, ah (erschöpft, Pusten) –, es geht darum, daß ich es überhaupt etwas tue [sic] in diesem [depressiven] Zustand: daß ich überhaupt da bin (Räuspern) – aus diesem Zustand heraus: daß ich da bin.
Das geht zwar wahrscheinlich am Anfang [nur] langsam und nur ganz wenig, aber dieser Zustand selber ... – ah (erschöpft, niedergeschlagen), ah –, der ist so kostbar, (Pause) weil ich dann selber da bin.
Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. 4.7. (1:08:37) Wahrsager: Dann kommt es wirklich aus mir heraus dann in den Momenten. Dann ist dieser andere Zustand [da]: daß ich alles nur (Pause) – ah (erschöpft) (Pusten) (Pause) (Pusten) – aus dieser Hektik heraus und aus dieser ... [Fickrigkeit heraus] (Pause) – na, ich will mal sagen –: [daß ich] in diesem sozusagen Überlebensmodus drin bin: Ich überlebe gerade noch so ..., ich kann gerade noch so was rausquetschen an [von] dem, was ich tun will. Ich muß mich beeilen ... – und das ist total hektisch: Ich ... – ah (Ausatmen) –, ich erstehle mir gerade noch so was von dem, was ich hätte eigentlich haben müssen und – ah (Ausatmen) – ... [was mir zugestanden hätte]. – Das ist dann genau das Gegenteil von dem [anderen, lebendigen Eigner-Zustand]. Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. 4.8. (1:09:50) Wahrsager: – Da bin ich wirklich da, und ich brauche mich ..., ich brauche mir nichts zu erstehlen. Ich brauche keine Hektik machen – nein! Ich mache einfach nur die Dinge, die getan werden müssen (Pause) und mache sie ganz ruhig und bin dabei ..., [ich] bin voll und ganz dabei (Ausatmen) und lasse mich nicht bedrängen (Pause) und mache mir keinen Streß.
Ich weiß zwar: „Ja, das ist ein bißchen wenig erstmal, was du jetzt erstmal machst hier – das ist erstmal ein bißchen wenig.“ – Aber es ist trotzdem sehr angenehm – sehr angenehm –, daß ich dann in Ruhe etwas mache: (Pause) ganz ruhig.
Und leider war das nur so eine ganz kurze Erfahrung, die ich da hatte vor zwei Wochen vielleicht – das war nur ganz kurz mal so; das kam dann auch nicht wieder.
Und da hast du mich dann daran erinnert und ... – Ich konnte das nicht beeinflussen. Ich kann das nicht beeinflussen: Das kommt: Entweder ist es da oder ist es nicht da – ich kann jetzt nicht ... [das erzwingen].
Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: Ich meine: Es ist schön, daß du mich dann so ermutigst so, aber: Das würde alles nichts nützen, weißt du – man muß das entweder ... Wahrheitsbegleiter: Es muß aus dir selber herauskommen. Wahrsager: Ja, entweder das ist so oder es ist nicht so! – Das kannst du nicht erzwingen oder: Das kannst du nicht ... – Nein, das ist völliger Quatsch. Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: Jedenfalls war das schön, und ich weiß genau, daß es so sein muß, und ich hoffe, daß es so wiederkommt, und ich bin auch relativ optimistisch, daß das wiederkommt.
Ja. Ah (Ausatmen).
4.9. (1:11:32) Wahrsager: Ja, (traurig) ich habe ja jetzt (Weinen) sozusagen meine Oma im Rücken: Es ist alles schön, alles schön. Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: Sie hat mich bestätigt. Ich bin da. Es ist schön, daß ich da bin. Es ist schön. Sie freut sich auch. – Alles ist gut. Alles ist gut.
Und dann mache ich eben nur kleine Schritte – na und?! –, das ist doch egal. Hauptsache, ich bin da. Hauptsache, mich gibt es und ich bin da und ich kann sozusagen mein Leben leben.
Ja.
4.10. (1:12:19) Wahrsager: (Pause) Ja. (Pause) Und (Ausatmen) was ich vorhin noch nicht so richtig beschreiben konnte – aber das machen wir das nächste mal –, ... Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: ... das war so – wie gesagt – dann: Was alles in dieser [Omas Liebeskontakt-]Geste drin steckt ... – da habe ich ja gesagt: Das ist so wie mein ganzes Leben. Aber da ... Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: ... hätte ich gern das noch (Ausatmen) genauer gesehen und gefühlt, was das alles eigentlich noch bedeutet. Das wäre ... [noch sehr wichtig und schön gewesen] – aber das können wir beim nächsten mal machen. Wahrheitsbegleiter: Ja, oder du kannst es auch dann – wenn du Zeit dafür hast oder jetzt im Anschluß – für dich selber mal versuchen zu vergegenwärtigen. Wahrsager: Ja. – Ja ja, na innerlich weiß ich es schon, aber ich will das sozusagen mal aussprechen alles, weißt du. Wahrheitsbegleiter: Ok, dann machen wir das zusammen. Wahrsager: (Räuspern) Ah (erschöpft, Erholung), ah. 4.11. (1:13:24) Wahrsager: (lauter) Und deswegen ... – ja, jetzt komme ich noch ganz kurz auf die Müdigkeit zu sprechen –: Und weil das eben noch nicht so ist – weil ich mich im Moment noch so ein bißchen überreden muß und drücken muß und zur Arbeit zwingen muß sozusagen und mich ein bißchen anschieben muß –, da komme ich dann in diese Hektik rein.
Ich mache dann zwar ein bißchen Arbeit und so – das ist auch ok und gut so –, aber (Pause) ich mache dann zwar die Arbeit, aber es ist alles unter so einem ... [Zwang], unter so einem Druck geschieht alles noch.
Und weil dieser Druck so da ist, macht mich das dann wiederum müde.
Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: Da habe ich gemerkt: „Ja, ich habe zwar jetzt so zwei, drei Tage gearbeitet – gut!, das ist noch nicht ..., es ist noch nicht so, wie es sein muß, aber immerhin: Ich tue was: Schritte, Teile“ –, aber ich merke, wie ich dabei ermüde, wie ..., wie dann meine Augen müde werden und ... – Und da weiß ich ganz genau ... – ah (erschöpft) –, da weiß ich ganz genau: „Peter, siehst du, (Pause) – ah (erschöpft) –: Das ist noch nicht so, wie es sein sollte, ...“ Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: „... weil: Diese Müdigkeit, das ist nicht gut; das ..., das ... – du überarbeitest dich dann auch sozusagen, wo du gar nicht richtig arbeitest, was du arbeiten müßtest –, aber durch diese Hektik und diesen Druck kommst du in so eine Müdigkeit. – Und das ist überhaupt nicht so, wie es sein muß.“ 4.12. (1:15:03) Wahrsager: Ich weiß ganz genau ... [wie es sein muß]. Ich mache es zwar – und es ist auch gut so, daß ich es mache –, aber ich muß sozusagen auch noch mit dir – ah (niedergeschlagen) – weiterarbeiten – ah –, damit ich – ah – sozusagen – ah – diesen Zustand (Pause) erreiche – ah – und ausbaue, ... Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: ... den ich da beschrieben habe: Wie es einmal so war vor zwei Wochen: wo ich gemerkt habe: „Wow! Oh, schön: Ich bin ganz ruhig – ah! – und arbeite aus dieser Ruhe heraus.“ Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. 4.13. (1:15:48) Wahrsager: Ich nehme mir so viel Zeit! Ich sage mir: „Peter – o –, das ist jetzt eine Aufgabe – eine kleine Aufgabe. Und in aller Ruhe ... – du bist so erschöpft, ah, (Pause) du bist so erschöpft –, und trotzdem setzt du dich jetzt hier hin. Und bei aller Erschöpftheit nimmst du diese kleine Aufgabe und löst die – (Pause) ah (erschöpft) –: in aller Ruhe.
Das war so angenehm. Weil: In dem Moment war dann auch die Erschöpfung plötzlich weg.
Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. 4.14. (1:16:44) Wahrsager: (Husten) Und da konnte ich dann das ..., diese Aufgabe dann wirklich lösen! Es war zwar so ein Gefühl da von wegen „Hui!, wenn du für solche kleinen Aufgaben so viel Zeit brauchst – uh! –, dann kann es knapp werden. Dann kann ... – das ist eine Gefahr.“ Wahrheitsbegleiter: Aber es ist ein Anfang und ein erster Schritt in die richtige Richtung. Wahrsager: Aber es war ein erster schöner Schritt. Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: Aber ... Wahrheitsbegleiter: So ist es eben: daß es am Anfang erstmal lange ..., länger dauert und ... Wahrsager: Ja ja. Wahrheitsbegleiter: ... [unverständlich] ist. 4.15. (1:17:14) Wahrsager: Aber wir müssen ... – und das..., jetzt komme ich wieder an den Punkt zurück, wo du sagtest: „Ja, Übung braucht ..., macht den Meister“ und so –, aber gleichzeitig müssen wir an der anderen Stelle, an der tiefen Stelle – ah (niedergeschlagenes Ächzen) –: Da müssen wir vor allen Dingen auch daran weiterarbeiten, damit ich – ah (erschöpft) – in diesen Zustand ganz spontan komme, weißt du. Wahrheitsbegleiter: Ja, Peter, ja – damit das nicht eine Ausnahme ist, sondern ... Wahrsager: Genau. Wahrheitsbegleiter: ... der Normalzustand. Wahrsager: Ja: daß das ausgebaut wird. Wahrheitsbegleiter: … [unverständlich] weiter daran arbeiten. Wahrsager: Ja ja, genau. Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: Und das ist ja ..., kommt ..., das wird ja dann nach und nach weiter so kommen: Je mehr ich ... Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: ... sozusagen (Pause) – ah, wie soll ich mal sagen? – mein Leben bejaht bekomme und ... Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. – Ja, Peter. Wahrsager: ..., und dadurch werde ich dann weiter – ah (erschöpft) – immer mehr solche ruhigen Momente haben. Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. – Das ist der normale Verlauf der Therapie [Tiefenwahrsagerei]: daß das erstmal nur wenig ... [unverständlich] Wahrsager: Ah (lautes entlastendes Ausatmen). Wahrheitsbegleiter: ... und dann aber immer öfter kommt und immer länger bleibt Wahrsager: Ah (lautes entlastendes Ausatmen). Wahrheitsbegleiter: ... und dann ganz bleibt – ja. Wahrsager: Ja, da bin ich auch relativ optimistisch. Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. 4.16. (1:18:30) Wahrsager: (Pause) Ja, so daß ich dann eines Tages fast nur noch aus dieser (Pause) Position der Ruhe und der ... (Pause), [Position] meines wirklichen, tiefen Daseins heraus ... [die Dinge tun kann] – was ich so ausdrücken wollte auch: was alles in dieser Geste ... Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: ... drinsteckt – da steckt das ja alles drin: dieses Leben-dürfen und dieses ... Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: ... Leben: wirklich, wo man wirklich weiß: „Ja, das ist mein Leben, und ich darf oder ich stehe voll und ganz dazu und meine Oma ermutigt mich auch noch dazu.“ – Ja, da ist ganz klar.
Und dann – ah – werden die Momente immer mehr werden, wo ich dann ...
Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: ... ganz ich selber bin, wo ich ganz genau weiß, wer ich bin und was ich will und ... [tun muß]. (Pause) – Ja, und dann trotzdem ..., und dann ..., dann kann ich auch damit leben, daß ich nicht alles sofort und schlagartig erreichen muß. – Ich kann dann damit leben. Ich weiß dann: „Ja, das ist nur ein Teil – aber ok!“ Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. Wahrsager: Ein Tag ..., zwei Tage ..., eine Woche ... – und dann weiß ich auch: „Ja, innerhalb von zwei Monaten wirst du eine ganze Menge schaffen können.“ Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm, richtig, ja. Wahrsager: Ah (erschöpft). Ah (Ächzen), aber ich bin jetzt im Moment immer noch so erschöpft. – Aber ok, gut, alles schön. Wahrheitsbegleiter: (bejahend) Hm. 4.17. (1:20:22) Wahrheitsbegleiter: Ja, laß uns mal ruhig ... Wahrsager: Ah (Pusten) (erschöpft), ja. Wahrheitsbegleiter: ... an der Stelle jetzt Schluß machen. Wahrsager: Ja ja, ja ja. Wahrheitsbegleiter: Du kannst die Erschöpfung ja dann nach der Sitzung ... Wahrsager: Ah (erschöpft). Wahrheitsbegleiter: ... weiter dich haben lassen, ne? Wahrsager: Ja. Wahrheitsbegleiter: Ich wollte auch nur dann eine Sache ergänzend sagen zu dem ersten Punkt, den wir besprochen haben heute: daß du dich um mich kümmern mußt und mich versorgen mußt. – Ich beziehe seit einigen Jahren schon Rente. Wahrsager: (cool) Sehr gut. Wahrheitsbegleiter: [unverständlich] Dann ist [mein Überleben] also über meine ... Wahrsager: (Lachen) Wahrheitsbegleiter: ... Rente gesichert. Wahrsager: Ho ho (Lachen). Wahrheitsbegleiter: Und ich verdiene nur noch dazu mit meiner ... Wahrsager: Geil. Wahrheitsbegleiter: ... [unverständlich] psychotherapeutischen Arbeit. Ich bin also nicht ... Wahrsager: Ah (Ausatmen). Wahrheitsbegleiter: ... für meinen Lebensunterhalt auf die therapeutische Arbeit und das Einkommen aus der therapeutischen Arbeit angewiesen. Wahrsager: Geil. (Ächzen) Wahrheitsbegleiter: … [unverständlich] nicht da ..., deswegen nicht, daß du mit mir Sitzungen nimmst, ne. Wahrsager: Sehr, sehr gut. Wahrheitsbegleiter: – Das wollte ich nochmal ergänzend dazusagen, um dich da zu entlasten und zu sehen ... [unverständlich]; … Wahrsager: Ah (erschöpft, erleichtert). Wahrheitsbegleiter: … also brauchst du dir da wirklich keine Gedanken und Sorgen um mich [zu] machen, ja. (nicht mehr cool – jetzt ehrlich) Alles klar. 4.18. (1:21:12) Wahrheitsbegleiter: Ok, Peter, dann haben wir aber ... – jetzt ist es etwas mehr als 16.15 Uhr –, dann haben wir 1 1/4 h. Wahrsager: Ja. Wahrheitsbegleiter: Dann hast du bei mir noch ein Plus von ... Wahrsager: Ah (erschöpft). Wahrheitsbegleiter: ... – das sind dann … [Euro] –, dann hast du noch ein Plus von … [Euro] bei mir. 4.19. (1:21:28) Wahrsager: Also war [es] nicht so verkehrt, daß ich angerufen habe – oder? Wahrheitsbegleiter: Im Gegenteil! Das war sehr gut, ja, Peter. Wahrsager: Na ja ... 4.20. (1:21:34) Wahrheitsbegleiter: Du solltest mich auch weiterhin ... Wahrsager: Ja ja. Wahrheitsbegleiter: ... – aus den richtigen Gründen allerdings – ... Wahrsager: Ja. Wahrheitsbegleiter: ... anrufen ... Wahrsager: Ah (erschöpft) (Atmen). Wahrheitsbegleiter: ... – wie du eben gesagt hast –: dieses Ziel, daß wir das zusammen erarbeiten oder erreichen: daß du ... Wahrsager: (Atmen) Wahrheitsbegleiter: ... da – [daß] das für dich der Normalzustand wirst [sic], ne. Wahrsager: Ja. Wahrheitsbegleiter: Ok, Peter. 4.21. (1:21:53) Wahrsager: Ja ... – warte mal, ich wollte noch eine Sache sagen –: … Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: ... – ja genau!, genau, also: – ah [erschöpft) – gut, daß ..., ja: Ich darf mich von diesen falschen Gedanken nicht abhalten lassen: von der guten ..., von der guten Sache, weißt du, von der guten Seite. Wahrheitsbegleiter: Na klar, ja, ... Wahrsager: Ja, ah, genau. Wahrheitsbegleiter: ... wir müssen daran weiterarbeiten – aus den richtigen, guten Gründen – ... Wahrsager: Ja. Wahrheitsbegleiter: ... und nicht aus den falschen Gründen: daß du ... Wahrsager: Ja. Wahrheitsbegleiter: ... für meinen Lebensunterhalt sorgen mußt: das, ... Wahrsager: Ja. Wahrheitsbegleiter: ... was du gar nicht brauchst. Das habe ich dir ja eben gesagt: Ich ..., der ist ja abgesichert durch meine Rente. Wahrsager: Ja, und wenn ich solch Phantasien und Gedanken habe [des Sorgen-müssens] – ok! Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: Dann kann ich darüber sprechen und ich ... Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: ..., aber ich sollte mich davon dann ni[cht] ..., und dann sollte ich mir nicht sagen: „Na, Peter, deswegen darfst du aber jetzt nicht anrufen“, ... Wahrheitsbegleiter: Ja. … [unverständlich] Wahrsager: ... – weil es ja auch tatsächlich stimmt. Aber ... Wahrheitsbegleiter: Ja? Das ... [unverständlich] Wahrsager: ... ich muß dann die ... Wahrheitsbegleiter: ... [unverständlich] richtig, ja. Wahrsager: ... guten Gründe ... Wahrheitsbegleiter: Ja. Wahrsager: ... sprechen lassen, ah (erschöpft) – na gut. Wahrheitsbegleiter: ... [unverständlich], Peter. Wahrsager: Alles klar, gut – danke! Wahrheitsbegleiter: Du meldest dich ... Wahrsager: Bis bald! Wahrheitsbegleiter: ... dann aus guten Gründen. Wahrsager: Ja – richtig! Wahrheitsbegleiter: Bis dann! Wahrsager: Danke! Tschüß! 5. Ende der eigentlichen Sitzung. Selbstgespräch beim Aufstehen, Abbauen der Technik und Ordnung machen – ich mache mir weiter Mut (1:22:48) Wahrsager: Ah (erschöpft). Ah (erschöpft). Ah (erschöpft). Ah (erschöpft).
Na gut. Los!
(Es) ist schon gut jetzt, ah (erschöpft). (Es) reicht. Ich muß weitermachen.
(Ich) bin zwar erschöpft, aber es ist ok.
Ah (erschöpft). Erschöpfung, Erschöpfung, Erschöpfung. (Rülpsen) Entschuldigung. Ah.
Oh Gott. So, wie machen wir das jetzt? Das Kissen kommt dahin zurück als erstes. (Stöhnen)
So, jetzt Schritt für Schritt, eins nach dem anderen.
(Kontrolle der Technik: Die Audio-Reserve-Aufnahme ist ausgefallen – aber die Audio-Haupt-Aufnahme hat gut funktioniert: schönes Gefühl.) Zoom(-Mikrofon) ist alle – wow!
[Das] Zoom war die ... [ganze Zeit aus] – Scheiße! [Aber das Rechner-Mikro mit der Aufnahme-Software läuft einwandfrei!]
[Beim] Zoom war die Batterie runter – hoffentlich läuft Protools jetzt noch! (Ich kontrolliere.)
Eh, Gott sei Dank – Protools läuft! Ist das geil! Ist das geil!
Man kann sich drauf verlassen – wow, ist das geil!
Also: Schluß! [Mit Protools und Recher-Mikrofon)
(Ursachenforschung, warum das Reservemikrofon ausgefallen ist: ich finde die Ursache nicht; ich notiere mir, das Problem später zu lösen.) III. Teil: Reflektion der Aktion 1. Vorrede zur Methodologie der Kommentare zur Aktion: Konzession an psychotherapeutische und LSR-Sprache Ich bemühe mich auch hier – wie im ganzen Buch – in Kommentierungen der textlichen und videographischen Wiedergabe der Stunde der Tiefenwahrheit vom 26. Januar 2017 beide Sprachen zu benutzen – die psychotherapeutische und die der Tiefenwahrheit –, um für psychologisch geschulte und psychotherapiegewohnte Menschen verständlich zu bleiben. Die Betrachtung gerade dieser Sitzung hat den Vorteil, daß hier eine erhöhte Kompatibilität beider Sprachen besteht, da der Wahrheitsbegleiter ziemlich aktiv begleiten muß: In neun Schritten muß er meiner Wahrheit seine Wahrheit entgegenhalten und leistet damit ganze Arbeit. An zwei Stellen geht das fast in psychotherapeutische Interventionen über, was ich als Wahrsager aber zurückweise, weswegen diese Stunde der Tiefenwahrheit auch nicht zu einer psychotherapeutischen Sitzung wird. Das Prüfen von Logik und kognitiver Korrektheit kann aber, wenn das so zwischen beiden Geschäftspartnern ausgemacht wird, zum Aufgabenbereich des Wahrheitsbegleiters gehören; desgleichen das Spiegeln der Wahrheit des Wahrsagers und das Geben der Wahrheit des Wahrheitsbegleiters. Das geschieht seitens des Wahrheitsbegleiters in Dosierungen, die aber auf keinen Fall das vollkommen un-dosierte Sagen und emotionale Ausdrücken der Wahrheit des Wahrsagers stören dürfen. Es kann in der Tiefenwahrheit aber auch ganz andere Vereinbarungen getroffen werden, etwa, daß der Wahrheitsbegleiter nichts dergleichen tut und eigentlich extrem passiv ist. Die Vereinbarungen werden jederzeit neuen Lagen angepaßt (vgl. weitere „Umwidmungen“ des Ex-Psychotherapeuten und Wahrheitsbegleiters). Eine Beschreibung oder eine Analyse des gesprochenen Textes ist eigentlich nicht nötig, da – egal, was gesprochen wird – es um das Sprechen geht. Was gesprochen wird, was das bedeuten mag und wie es gedeutet werden könnte, sollte in der Darstellung von Tiefenwahrheit überhaupt keine Rolle spielen – nur daß etwas gesprochen oder gefühlsmäßig ausgedrückt wird, ist wichtig. Es kann keinen allgemeinen Inhalt „der“ Tiefenwahrheit geben, nur das Beispiel einer Tiefenwahrheit. Ich diene hier nur als Beispiel „insoweit das Spezifikum unspezifisch erscheint: Günter Kunert als Günter Jedermann“1296. Irgendwelche Allgemeinheiten aufzustellen, wäre in der Tiefenwahrheit eine Absurdität. Es gibt hier tatsächlich nur – mehr oder weniger vollständige oder teilzerstörte – „Einzige“, die vom Charakter her wahr sein können. Diesen hätten die Einzigen miteinander gemein. Die Botschaft lautet also lediglich: Sprich deine Wahrheit aus! Egal, was es ist – nur wahr soll es sein. Sage, wie es ist! „Komm zu Dir!“ (Stirner1297) Laß dich in deine Wahrheit und in deine Gefühle gehen! Da das aber ein Allerwelts-„Imperativ“, Gemeinplatz und zu primitiv ist, das Publikum aber keine Vorstellung davon hat, was Tiefenwahrheit ist, sind für dieses Buch das Exemplarisch-konkrete und der Anschluß an Philosophie und Psychotherapie notwendig. Diesem Anschluß zunutze und um die Wahrsagerei in ihrer Entwicklung – auch – aus der Psychotherapie heraus darzustellen, werde ich das Gesprochene – dabei etwas ins Psychologische gehend – nun also etwas kommentieren. 2. Zusammenfassung der Aktion (Stunde der Tiefenwahrheit vom 26. Januar 2017) Nachdem in der Sitzung vom 13. Januar 2017 die Angst vor Trauer und die Angst vor durch Trauer und Weinen verursachtes Ersticken eine große Rolle gespielt hat, hole ich mir hier bei Oma Unterstützung, um gegen diese Angst vorzugehen bzw. um überhaupt eigene Substanz und Kraft zu entwickeln: Ich hole den verpaßten Abschied und die verpaßte Danksagung nach. Es geht jetzt, im Großen betrachtet, um die Gründe, die mich daran hindern, eigene Interessen zu vertreten – ein Eigner zu werden. Diese Gründe zu erschließen, dient an sich die Tiefenwahrheit. Eine Stunde der Tiefenwahrheit zu nehmen, könnte aber auch einem Zwang entspringen und gegen meine eigenen Interessen verstoßen. Ich habe vom Anfang der Sitzung an den Verdacht, daß das bei mir hier so sein könnte. Wie soll ich – wenn das der Fall ist – ich-selbst werden, wenn ich aus irgendwelchen Gründen auf mein eigenes Interesse verzichte und mich nicht traue, gegen einen Zwang zu handeln und auf mein Interesse zu pochen und zu bestehen? Weil ich diese Wahrheit fühle, rebelliere ich gegen den Wahrheitsbegleiter und dagegen, bei ihm Sitzungen nehmen zu „müssen“. Daß darin eine „Übertragung“ liegen könnte, braucht uns nicht zu interessieren; wir müssen die Dinge so aussprechen, wie sie sind. Ich komme relativ schnell und leicht dazu, die Wahrheit, es könne ein Zwang sein, auszusprechen. Normalerweise dauert das länger – das Herumdrucksen und Um-den-heißen-Brei-herum-reden –, weil solch ein rebellischer, „böser Gedanke“ sehr unangenehm, peinlich und letztlich voller Pein ist – die dann nach einer halben Stunde prompt freigesetzt wird. Die Psychotherapeuten sprechen hier von einer „negativen Übertragung“ und wissen um deren Zähigkeit und Schwierigkeit, aber auch darum, daß sie unbedingt „durchgearbeitet“ werden muß. Nur sind ihre „Arbeits“-Methoden dafür ungeeignet und ineffizient. Sie vertrauen nicht der Wahrheit, der Spontaneität und dem „natürlichen“, d.h. eigner- und subjektorientierten Fluß der Dinge und dessen hoher Effizienz beim Ausbau des Eigners. Meine Rebellion ist aber zögerlich und wird von meiner Gespaltenheit und Unsicherheit – bzw. von den unter diesen liegenden Gefühlen – gebremst. Sie äußert sich darin, daß ich vor allem recht haben will. Das ist paradox: Auf der einen Seite will ich rebellieren, auf der anderen Seite suche ich krampfhaft nach einem Grund, der meine Nicht-Rebellion rechtfertigt. Meine angebliche Rebellion ist also gar keine, sondern richtet sich gegen mich selbst. Soweit zum Thema „Schwierigkeiten bei der stirneristischen Empörung“. Ich komme zwar einerseits schnell zum Aussprechen meiner Wahrheit, daß ich – zumindest gefühlsmäßig – „einen Grund“ dafür habe, mich in meiner Rebellion zu bremsen, aber umso mehr und länger versteife ich mich dann andererseits doch auf diesen „Grund“: die aktuelle (möglicherweise vorübergehende) Wahrheit, daß mich ein bestimmter Umstand und ein gewisses Gefühl dazu gezwungen haben, eine Sitzung zu nehmen. (Es gibt nur die aktuelle Wahrheit; sie kann, muß aber nicht vorübergehen; es gibt keine Lüge.1298) Diese Wahrheit steht zu der des Wahrheitsbegleiters in Widerspruch. Gegen seine Wahrheit werde ich schließlich keine Argumente mehr haben, und mein „Panzer“ wird zusammenbrechen. Denn der Verdacht, daß ich nur aus einem Zwang heraus die Dienste des Wahrheitsbegleiters in Anspruch nehme, wird von inkohärenten und nicht der Realität entsprechenden Gedanken gestützt. Die Gedanken sind zwar steif, d.h. panzernd, aber schwach. Sie werden aber dennoch massiv von „alten“ Gefühlen unterfüttert. Auf der kognitiven Ebene stoße ich mich dazu an, dem Verdacht und der Frage der Notwendigkeit von Stunden der Tiefenwahrheit wirklich, d.h. emotional auf den Grund gehen: Ich will mich nämlich nicht nur auf gedanklicher Ebene kohärenter machen, sondern will mich den Gefühlen hingeben, die dem unleugbaren Zwang, eine Sitzung angeblich nehmen zu müssen, zugrunde liegen. Dieses Gehen-lassen in die Gefühle wird dann schließlich meine Gedanken kohärenter machen. Doch vorerst wehre ich mich auf Teufel komm‘ raus gegen gedankliche Kohärenz und – freilich eigentlich total abwesende, nur aus dem Unbewußten drängende – Gefühle und streite mich mit dem über alle Maßen geduldigen Wahrheitsbegleiter. Diesem will ich – von diesen unbewußten Gefühlen getrieben – partout einreden, daß ich mich um ihn kümmern muß und daß er von mir abhängig sei: Ich muß Sitzungen nehmen, damit er überleben kann. Jetzt spreche ich meine Wahrheit sehr deutlich aus. Das sieht nach einer ziemlich verrückten Übertragung von der verrückten Mutter auf den Wahrheitsbegleiter aus. Aber das hat uns nicht zu interessieren, sondern wir müssen nur der Wahrheit folgen. Und die sagt bzw. die Gefühle sagen, daß der Wahrheitsbegleiter ohne das Honorar für meine Sitzungen verhungern muß. Dieses intellektuelle Versteifen rührt von nichts anderem her als – um es mit Laska zu sagen – davon, daß das „Individuum [das Über-Ich, dem Inbegriff von Heteronomie] für sein Ureigenstes“ hält.“1299 Vielleicht beschlich mich beim Abtippen der Sitzung deshalb die Idee, ausgerechnet sie zum Anlaß einer Mitteilung an die LSR-Gemeinde über den Stand meiner Arbeit am Institut für Tiefenwahrheit zu machen, die sich dann zu diesem Buch ausgeweitet hat, und hielt ich diese Sitzung dafür geeignet, weil wir es bei dieser Gemeinde um Hyperintellektuelle und intellektuell Repulsierende, also ganz eigene Verrückte, zu tun haben. Bei diesen kann die eignerfeindliche „Panzerung“ nur über Logik, kognitive Korrektheit bzw. Konsonanz, Gedankenkohärenz, Stringenz usw. zum Schmelzen gebracht werden. Die Intellektualität muß lebendig gehalten werden bzw. muß die Lebendigkeit durch die intellektuelle Versteifung – noch gesteigert werden. An dieser Stelle sitzt nun einmal die Lebendigkeit und mit ihr der Eigner. „Körperpsychotherapeuten“ haben davon nicht die geringste Ahnung. Doch auch normale Psychotherapeuten setzen in solchen Fällen intellektueller Versteiflebendigkeit im Gegensatz zur Tiefenwahrheit, die streng auf Logik und Kohärenz achtet, pseudo-emotionelle Holzhämmer ein – mit ausgesprochen wenig „Effizienz“. Sie haben weder die nötige Geduld noch die ausreichende Intelligenz dafür und sind sklavisch an ihre jeweilige Ideologie gefesselt, der sie stur folgen: „Gefühle sind die Heilsbringer, klar, steht doch im Programm, machen wir! Jetzt werden wir den Intello mal auf seine hinter seiner verqueren Intellektualität steckenden Gefühle hinweisen!“ und ähnlicher Unsinn. Sie sind nicht in der Lage, von ihrem Schema abzuweichen; sie sind nicht offen, Bewegungen und plötzlichen Wendungen zu folgen. Genau diese aber – das Spontane – sind die wirklichen Äußerungen des (Rest-)Eigners. Das ganze verrückte „Übertragungs“-Theater dauert 19 Minuten, bis ich schließlich zusammenbreche (bzw. mein „Über-Ich“ zusammenbricht) und ein großer Schmerz bezüglich Oma ausbricht, von der ich mich vor ihrem Tod nicht verabschiedet, deren Liebe ich nie erwidert und bei der ich mich nie bedankt habe1300: Ein Fall von Danksagung und Liebeserwiderung Diese Wendung von der Versteifung auf die Irrealität hin zu intensiven Gefühlen in Verbindung mit meiner Oma erfolgt blitzschnell, scheinbar abrupt und kann kaum nachvollzogen werden. Nichtsdestotrotz hat diese Wendung eine strenge innere Logik und mußte, da die Wahrheit zugelassen wurde (das Versteifen und die Überzeugung der besseren Argumente), stattfinden. In Sekundenbruchteilen finden nämlich – um es psychotherapeutisch auszudrücken – Verlagerungen von Übertragungen statt: die sehr tiefsitzende Übertragung von der Mutter auf den Wahrheitsbegleiter wandelt sich in die nicht so tief sitzende, der Oberfläche näherliegende Übertragung von der Mutter auf die Großmutter als Ersatzmutter. Das wird ausgelöst von der Emotionalisierung der Übertragung von der Mutter auf den Wahrheitsbegleiter als Ersatz-
mutter. Dadurch kommt es zu einer Übertragungsverlagerung bzw. -verschiebung. Die Freundlichkeit des Wahrheitsbegleiters als Ersatzmutter und daß er mir wirklich etwas Gutes wünscht – empfunden als Liebe – bringen unmittelbar die Liebe zur Ersatzmutter Oma in Resonanz; die Übertragung verschiebt sich in Blitzesschnelle wie in einem starken Unterdruck: Ich werde schlagartig bei Zusammenbruch des Über-Ichs in die Gefühle für Oma hineingezogen und -gesogen.
Ich ärgere mich darüber, es verpaßt zu haben, Oma meine Gefühl zu zeigen. Das Verpaßte wird in einer langen, ausgedehnten, ausführlichen Phantasie, in der nichts ausgelassen wird und alles gesagt wird, nachgeholt. Die Übertragung wechselt vom Wahrheitsbegleiter als Symbol für die in der Tiefe sitzende Mutter als der ursprünglich erwarteten Liebes- und Existenzspenderin auf Oma als Retterin in der Not. Doch diese Übertragung mußte auch, wie die ursprüngliche, aus Schmerzvermeidungsgründen dem Vergessen anheimfallen. Erst durch die kognitiv- und logikbedingte erzwungene Zerstörung der Übertragung auf den Wahrheitsbegleiter, rutscht die Übertragung eine Etage tiefer in Richtung Mutter zu Oma. Es ist nun gar nicht mehr nötig, den Zusammenhang zwischen dem Übertragungstheater und Oma gedanklich herzustellen. Die Gefühle sind eineindeutig und machen jeden Gedanken als Bewußtseinsäußerung überflüssig. Das Bewußtsein rutscht von der kognitiven Ebene hinab auf die affektive und macht die Affekte rational. Von nun an läuft alles automatisch und von allein wie ein von Gefühlen getragenes Länderspiel. Ich habe mich nach dieser Stunde der Tiefenwahrheit vom 26. Januar 2017 auch nie wieder gefragt, ob ich wirklich eine solche nehmen möchte oder nicht. Wenn ich ab jetzt eine nehmen wollte, lag dafür ein eindeutiges Bedürfnis vor; das Zwanghafte und Zweifelhafte war verschwunden; ich war etwas mehr zu einem „Egoisten“ geworden. Schema aus Janov: Primal Man, S. 234. Was im Falle der Verdrängung
gilt, gilt auch umgekehrt im Falle der Entdrängung: Dann werden die
verhedderten Bewußtseinsebenen entwirrt nach oben und unten durch
lässig. (Vgl. die reich’schen Schemata in den Kapiteln 2. Operiert LSR im
„Affektiv-emotionalen“? und 6. Beginn der Tiefenwahrheits-Praxis)
Bei dem allen Übertragungen und Verdrängungen zugrundeliegenden Schmerz handelt es sich um einen im Kampf um Leben und Tod entstandenen Urschmerz. Der sich jetzt durch Wahrheit wiedermanifestierende Urschmerz tritt immer mehr zutage. Diese Momente zwischen Ersticken und Röcheln (keine Luft / Luft) nenne ich „auf dem letzten Loch pfeifen“1301. Dem geht aber – bevor ich auf die korporelle Ebene komme – eine lange Auseinandersetzung mit den Übertragungen und der Verrücktheit voraus. Dieser Kontext ist äußerst wichtig. Immer wieder muß betont werden, daß von der Oberfläche – von der Wahrheit, wie sie sich nun einmal präsentiert – ausgegangen werden muß, will man Eigneranteile zurückgewinnen. Jetzt erst, in den intensiven Gefühlen und der verwandelten und vertieften Wahrheit, entsteht ein Selbst und tatsächlich auch der Wille, da zu sein und noch mehr da zu sein. Dazu gehe ich einer Phantasie aus dem aktuellen Alltag nach, in der ich von Oma Abschied nehme und ihr danke: alles Dinge, die ich aus meinem Eigner verdrängt habe, die aber gerade erst diesen Eigner ausmachen, so daß kein Eigner mehr übrig blieb. Bei der Liebe zu Oma geht es, wie gesagt, im Grunde um Leben und Tod. Sie steht mir bei, am Leben bleiben und einen Mini-Eigner haben zu können. Solange ich das nicht fühle, habe ich nicht einmal einen Mini-Eigner. Dieser wird aber nun durch wahrhaftes Gefühl und gefühlvolle Wahrheit gestärkt. Das Bedürfnis nach Bestätigung meiner wahren Person und nach Trost wird bewußt und kann nachgeholt werden. Oma ist auf meiner Seite und macht mir Mut in meinem aktuellen Leben, das von Leblosigkeit, Stumpfsinn und Abwesenheit des Eigners bedroht wird. Die Sitzung, die zu diesem Resultat geführt hat, besteht im Unterschied zu den allermeisten Stunden der Tiefenwahrheit sehr deutlich aus nur zwei Teilen: 1.: Übertragung: Die Todessorge um die Mutter ergibt: dem Wahrheitsbegleiter mit Sitzungen das Überleben sichern! Ich muß mich – bei Strafe seines Todes – um ihn kümmern! Ich kämpfe darum, weiter auf mich selbst verzichten zu können und weiterhin nicht da sein zu dürfen. Denn das Dasein und das Selbst (der zerstörte Eigner) bedeuten puren Urschmerz. 2.: Wenn ich dann gezwungen werde einzusehen, daß ich mich nicht kümmern muß, wird damit automatisch und gegen meinen Willen mein Selbst ins Dasein gezwungen, und ich kann mich nicht mehr gegen den Schmerz wehren, muß ihn fließen lassen. Ich teile die Sitzung dennoch wegen der besseren Einsicht in die Übergänge zwischen den zwei Teilen und wegen der Abgrenzung zu einer Nachbesprechung in vier Teile auf, die insgesamt 88 Unterteile umfassen: 1.: Will ich überhaupt eine Sitzung nehmen? Oder nehme ich eine solche nur dem Wahrheitsbegleiter zuliebe? 2.: Ich darf nicht „egoistisch“ sein, muß mich um die wirtschaftliche Situation des Wahrheitsbegleiters kümmern, weil er ohne mich sterben würde. 3.: Die freundschaftliche Kooperation mit dem Wahrheitsbegleiter erinnert mich an eine Phantasie über meine liebevolle Oma. Ich habe nie meine Dankbarkeit gezeigt, ihre Liebe erwidert und Abschied von ihr genommen. 4.: Endbesprechung: Die Wiederaneignung, Wiederausfüllung des Eigners, Rückgewinnung von Selbst-Genuß und Produktivität. 3. Kommentare im einzelnen kapitelweise 3.1. Will ich überhaupt eine Sitzung nehmen? Oder nehme ich eine solche nur dem Wahrheitsbegleiter zuliebe, indem ich damit für sein Einkommen und damit für sein Überleben sorge? Erörterung der Frage, ob ich in einer konkreten Lebenssituation überhaupt eine Tiefenwahrheits-Sitzung nehmen und damit weiter meinen „Eigner“ im Sinne Max Stirners ausbauen und entwickeln will1302, oder ob ich mit dieser Sitzung und überhaupt vielen Sitzungen nicht von vornherein schon mal gegen meinen Eigner handele und verstoße. (3.)1.1. (5:11) Unsicherheit, ob ich überhaupt eine Sitzung machen oder nicht lieber stattdessen doch eher an meinen Tiefenwahrheits- und Post-LSR-Projekten weiterarbeiten will. – Dort bin ich gerade in einem guten Arbeitsfluß, den ich leider für die Sitzung unterbrechen mußte. Ich – zumindest ein Teil von mir – will eigentlich gar keine Sitzung nehmen. Der Grund, warum ein anderer Teil sie dennoch genommen hat, wird sich gleich unter 1.7. herausstellen. (3.)1.2. (5:44) Der Wahrheitsbegleiter erinnert an die Möglichkeit abzubrechen gegen Bezahlung einer halben Stunde. (3.)1.3. (5:51) Dagegen nun protestiere ich wieder, traue mich aber nicht zum entschieden-witzigen Protest: Ich traue mich nicht, den „bösen Gedanken“ („Kümmere dich gefälligst um mich!“) zu äußern und daß ich eigentlich doch eine Sitzung nehmen will – aus einem Grund, der mir aber noch nicht klar ist. Daß ich recht damit habe und tatsächlich einen triftigen Grund hatte, eine Sitzung zu nehmen, wird sich im 2. Teil erweisen. Das Verrückte: Der Wahrheitsbegleiter hat ja gar nicht behauptet, sich als Wahrheits-Begleiter nicht um mich kümmern zu wollen: Das unterstelle ich ihm. (3.)1.4. (5:53) Ich thematisiere die Unterdrückung meines Protestes und spreche – nach einem Umweg der Hemmung – den witzigen Protest aus: „Freundchen, schön hier geblieben!“ (3.)1.5. (6:20) Ich habe Angst davor, wirklich zu mir zu stehen und meine „bösen (kritischen) Gedanken“ direkt und sofort zu äußern. Leichtes Ärgern und Bedauern, daß mir nur Witzchen und Andeutungen zur Verfügung stehen, um meine Bedürfnisse zu zeigen und daß ich sie nur indirekt-zögerlich äußern kann. Ich darf nicht da sein – erst recht darf ich kein Eigner sein. (3.)1.6. (6:56) Ich thematisiere meine Unsicherheit, alles äußern zu dürfen. Ich mache mir Mut, ein Eigner zu werden, indem ich mich rückversichere, daß ich in der Wahrsagerei wirklich alles sagen darf. – Der Wahrheitsbegleiter bestätigt, und ich reagiere auch prompt spontan und freue mich darüber. Das ist nicht etwa eine weitere Flucht vor der eigenen Verantwortung. Psychologisch gesprochen, muß das erst mal so sein, weil das Kind von der Mutter abhängig ist und tatsächlich bestätigt und ermutigt werden muß – die „Erlaubnis“ braucht –, ein Eigner zu sein. Dieses Kind ist immer noch in mir. Wahrheitsgemäß gesprochen, heißt das: Ich brauche nun einmal tatsächlich die Bestätigung, meine Wahrheit, wie sie nun einmal ist, sagen zu können. Es wäre wünschenswert, wenn es nicht so wäre, aber es ist nun einmal so. (3.)1.7 (7:15) Ich komme auf (3.)1.1. zurück und kann jetzt deutlicher aussprechen, daß ich manchmal gegen meinen Willen eine Sitzung nehme – und zwar dem Wahrheitsbegleiter zuliebe. Psychologisch gesprochen, könnte der Grund dafür in einer „Übertragung“ liegen: daß ich unbewußt meine Mutter gutstimmen, ja sogar mich um sie kümmern muß. Mich schlägt tatsächlich kurz etwas Kolossales nieder: Das könnte die Verrücktheit der Mutter und die Aufgabe, ihr Leben retten zu müssen, sein. Gegenwart und unerledigte Vergangenheit finden in einem ersten Schritt zueinander. Ich beteilige mich aber, wahrheitsgemäß gesprochen, nicht an psychologischen Spekulationen, sondern bleibe bei dem, was und wie ich es erlebe: Meine Aufgabe, den Wahrheitsbegleiter gutzustimmen und ihm Gutes zu tun, indem ich eine Sitzung bei ihm nehme. (3.)1.8. (7:54) Ich weiß eigentlich, daß ich das nicht müßte. Aber das Kognitive weicht enorm vom Emotionalen ab. Psychologisch gesprochen: Die (verrückte) Übertragung sitzt ernsthaft sehr tief. Wahrheitsgemäß bin ich verunsichert, benötige Bestätigung, daß ich keine Sitzung dem Wahrheitsbegleiter zuliebe nehmen muß. Psychologisch gesprochen, bettele ich um Befreiung von der Aufgabe der Lebensrettung. (3.)1.9. (8:16) Ich besehe auf meine aktuelle Wahrheit und lasse mich nicht von Psychologie abspeisen: Mit dem – eigentlich gar nicht gewollten – Konsum von Sitzungen kümmere ich mich um den Wahrheitsbegleiter und sorge ich für dessen elementarste Bedürfnisse: Es geht um’s Überleben. Psychologisch interpretiert, würde das heißen: Ich muß um das Überleben der Mutter sorgen. Ich kann kein Eigner sein, weil ich meine Souveränität zugunsten der bedürftigen Mutter abgeben muß – ja, weil ich deren Leben retten muß. Aber ich bleibe strikt bei der Phänomenologie und sage es so, wie ich es wirklich empfinde: Es geht um den Wahrheitsbegleiter, nicht um meine Mutter. 3.2. Konzentrierte und fokussierende Erörterung: Ich darf nicht „egoistisch“ sein, muß mich um den Wahrheitsbegleiter kümmern, für seine wirtschaftliche Situation sorgen und ansonsten ein schlechtes Gewissen haben, weil er ohne meine Sitzungen und mich als Auftraggeber zusammenbrechen und sterben würde. Ich verdächtige ihn, mir nur aus egoistischen Gründen zu helfen: damit ich weiter gut arbeiten und Geld verdienen kann und er davon profitiert. Meine Überzeugung, daß ich nur für ihn Sitzungen nehme und nehmen muß, sitzt sehr tief. Ich widerstehe zäh und steif der Einsicht, daß ich nicht für das Überleben des Wahrheits-Begleiters sorgen und ihn retten muß, und klammere mich daran, nicht an mich selbst denken und kein Eigner sein zu dürfen. Es ist nun mal meine Wahrheit. Der Wahrheitsbegleiter gibt mir in acht Schritten gegen die sich schließlich als fix herausstellende Idee immer wieder Realität und treibt mich dadurch nach und nach geduldig einer tieferen Wahrheit entgegen. In einem neunten Schritt wird er etwas ungeduldig, erhöht den Anteil seiner Wahrheit, und mit einer feinen emotionalen Dosierung „bricht“ er schließlich – psychologisch gesprochen – den „Widerstand“ gegen die Gefühle, sprich: gegen die Eigner-Erweiterung. Ich werde quasi zum Eigner („zu meinem Glück“, Karl Marx) gezwungen. Für einen Entfremdeten bedeutet „Eigner“ nichts als Urschmerz. Die Alte Aufklärung („das Operieren im kognitiv-rationalen Bereich“) wird konsequent und maximal bis an die Grenze des Intellektuellen ausgereizt, bis sie ins „Affektiv-emotionale“ überschritten und neuaufklärerisch operiert wird. (3.)2.1. (8:50) Erster Schritt des Wahrheitsbegleiters, meinen „Widerstand zu brechen“, indem er mich von der kolossalen Aufgabe der Rettung seines Lebens befreit und damit meinem Eigner den Weg freigibt. Der Wahrheitsbegleiter ist vom Ausmaß der Verrücktheit („Übertragung“) überrascht. Er verweist mich auf mein eigenes Interesse. Wieder einmal unterschätzt der Wahrheitsbegleiter meine Verrücktheit bzw. das Ausmaß meiner Entfremdung. (3.)2.2. (9:07) Ich bleibe bei meiner aktuellen Wahrheit und gehe meinem Selbst-Verzicht nach. Dadurch kommen tatsächlich unerledigte Vergangenheit und meine Mutter, die meinen Eigner gebrochen und vernichtet hat, ins Spiel. Ich verzichte auf mich selbst zugunsten der Mutter, die mich nicht „egoistisch“ und „arrogant“, sprich: nicht selbstbewußt-eignerisch sehen will. Mein Eigner ist nur noch eine Utopie. Gleichzeitig kommt ansatzweise Bewußtsein in die Gegenwart des Wahrsager-Wahrheitsbegleiter-Verhältnisses. (3.)2.3. (9:49) Bis zur eigenen Vernichtung gehende Rücksicht auf die Mutter. Die Übertragung auf den Wahrheitsbegleiter führt zu einer krassen Spaltung in Rationalität und Irrationalität, in Gedanken und Gefühle: Das Kind ist ganz von Gefühlen eingenommen und spricht: „Ich muß mich um den Wahrheitsbegleiter kümmern“; der Erwachsene spricht: „Es gibt eine glasklare geschäftliche Vereinbarung zwischen mir und dem Wahrheitsbegleiter. Die beinhaltet nicht, daß ich ihn alimentieren muß.“ Diese Rücksicht und dieses Kümmern kenne ich aus einer vergangenen Beziehung zu einer Frau: Da war ich geradezu in sie hineingekrochen, um ihre Wünsche zu ermitteln und diese zu erfüllen – grausam, völlig verrückt! (3.)2.4. (10:21) Der zum Wahrheitsbegleiter umgewidmete Psychologe bzw. Psychotherapeut hat einen Rückfall und Schwierigkeiten, mir in meine Verrücktheit zu folgen und einfach deren Artikulation zu ermutigen. Er liegt mit seiner Ahnung, es könnte mit der verrückten Mutter zu tun haben, auf die ich über Otto Gebühr Rücksicht nehmen und um die ich mich sorgen muß, die ich nicht hängen lassen, nicht enttäuschen darf, nicht ganz verkehrt. Aber Psychologie bringt uns bei der Selbstermächtigung nicht weiter; ich lehne das ab. Immerhin bringt der hier Psychologe gebliebene Wahrheitsbegleiter möglicherweise in meinem Unbewußten etwas in Gang. (3.)2.5. (10:42) Ich lasse mich nicht auf die psychologische Ebene holen und bleibe bei meiner Wahrheit und spreche den Wahrheitsbegleiter als solchen an: Es ist ja mindestens ein rationaler Kern in meinen verrückten Gedanken. Psychologisch gesprochen, kämpfe ich um die Aufrechterhaltung der Übertragung. Sie ist so stark, daß ich immer wieder nachfragen und mich rückversichern muß: „Ich ernähre dich doch tatsächlich mit meinen Honoraren: Du bist doch tatsächlich abhängig von mir! – Oder etwa nicht?“ Ich vermenge und unfiziere, psychologisch gesprochen, die Position des Erwachsenen und die des verrückten Kindes: Ich sorge ja tatsächlich – zu einem Teil aber nur und nicht wirklich – für das Einkommen und das Überleben des Wahrheitsbegleiters. Ich versuche, meine kindische Verrücktheit und die unbewußte Übertragung mit Verweis auf des Wahrheitsbegleiters wirtschaftliche Situation zu rationalisieren. Wahrheitsgemäß gesprochen lasse ich mich nicht beirren und bleibe bei meiner Wahrheit, wie – psychologisch gesprochen – „irrational“ oder „rational“ diese auch immer ist. (3.)2.6. (11:24) Zweiter Schritt des Wahrheitsbegleiters, meinen „Widerstand zu brechen“, indem er mir sagt, daß ich sehr wohl weniger Sitzungen nehmen kann und keine Sorge haben brauche, daß er deshalb sterben müsse. Er läßt sich also auf meine Logik ein, und das ist das Entscheidende: Meine Logik ist tatsächlich der Rest meines Eigners, wie „irrational“ die auch, objektivistisch betrachtet, sein mag. Nur der Subjektivismus zählt bei der Wiederherstellung des Eigners.
Auf der einen Seite ist der Wahrheitsbegleiter immer noch Psychologe, spricht von „neurotischer Übertragung“ und äußert den klugen psychologischen Gedanken, daß es keine (irrationale) Übertragung ohne einen kleinen Grund in der Realität (einen rationalen Anteil) geben kann. Andererseits geht er als vorbildlicher Wahrheitsbegleiter aber voll auf meine Ängste ein, nimmt diese absolut ernst und gibt mir schlicht Realität bzw. legt Wert auf rationale Argumentation anstatt psychologischen Weisheiten: Er läßt sich auf meine Irrationalität ein, kontert sie dann aber mit Rationalität: Ich müsse nicht so viele Sitzungen nehmen und könne es wie andere seiner Patienten machen und auch mit den Sitzungen pausieren.
An dieser Stelle kommen wir auf das Wilhelm-Reich-Zitat aus dem Kapitel 3.1. Entwicklung erster Eigentheorie im Umgang mit existenzieller Problematik im Jugendalter (die Denken-Theorie) zurück, weil es hervorragend hierher paßt und den Unterschied von Psychotherapie und Tiefenwahrheit illustriert: „Der Intellekt stand, das wurde immer deutlicher, im Dienste der Abwehr von Angst und war getrieben von schwerer Erwartungsfurcht.“1303 Reich ging jetzt folgendermaßen dagegen vor: „Die nächste Aufgabe war, dem Patienten diese Waffe unbrauchbar zu machen, und das konnte nur durch konsequente Zersetzung der Funktion erfolgen sowie durch äußerste Zurückhaltung in Mitteilungen.“ – Reich wollte dem extrem intellektuell abwehrenden Patienten quasi die Munition wegnehmen (auf alles, was Reich gesagt hätte, wäre der Patient eingegangen). Der Wahrheitsbegleiter (bzw. gute Primärtherapeut) tut aber genau das Gegenteil: Er läßt sich – wo Reich sich auf keinen intellektuellen Kampf mit dem Kunden einläßt bzw. in der „Widerstandsanalyse“ einen Trick gegen diesen anwendet, indem er ihn in seiner Streitlust frustriert – ganz und gar auf dessen Argumentation ein und widerlegt sie ruhig und sachlich: Er sagt, daß er genug aktuelle und potentielle Kunden hat und in keiner Weise von mir als Kunden abhängig ist. Wenn ich denke, er hängt von mir ab, ist das kognitiv inkorrekt. Er hängt von der Gesamtheit seiner Kunden ab – das ist kognitiv korrekt. Der Wahrheitsbegleiter folgt seinem Kunden auf alle Ebenen, wo dieser nun einmal ist – was dessen Wahrheit nun einmal ist –, und sei es eine sehr abgehobene intellektuelle Ebene und eine schwer nachvollziehbare Wahrheit. Er ist Begleiter der Wahrheit seines Kunden, nicht seiner eigenen Wahrheit. Mittels des Ganges durch alle, auch oberen, Ebenen (Alte Aufklärung) gelangt er mit dem Kunden auf dessen untere Ebenen (Neue Aufklärung). Alles andere ist sinnlose Holzhammermethode. Während Reich sich mit seinem Patienten im Krieg sieht und mit einer Kriegslist operiert, kommt der Wahrheitsbegleiter im Gegenteil der Wahrheit seines Kunden immer näher – hält ihm sozusagen noch die andere Backe hin –, gibt ihm dann aber auch ruhig, beharrlich und empathisch richtig dosiert seine Version der Dinge, also seine Wahrheit. Reich würde das nicht tun, weil er denkt, damit dem „Widerstand“ seines Patienten Nahrung zu geben. Das gesamte Verhältnis zwischen Therapeut und Patient ist von vornherein von Mißtrauen, Nicht-Kommunikation und Unfreundlichkeit geprägt, also im Arsch. So kann sich kein kleines Eignerpflänzchen entwickeln. Obwohl er mir konsequent in eine meiner Wahrheiten folgt und diese, auch, wenn sie „falsch“ ist, in der Artikulation unterstützt, unterstützt der Wahrheitsbegleiter aber auch eine andere meiner Wahrheiten, meinen anderen Teil – nämlich den, der ihn nicht retten und keine Sitzung nehmen will, nur um ihn zu alimentieren –: „Wenn du der Meinung bist, daß du mich ernährst, und du willst das nicht – na, dann nimm einfach weniger Sitzungen!“ (3.)2.7. (11:42) Ich – d.h. meine vorherrschende Wahrheit, meine „Gestalt“ – bleibe aber skeptisch und bestehe darauf, auf mich zu verzichten und dem Wahrheitsbegleiter das Leben retten zu müssen: Ich glaube ihm nicht, daß ich weniger Sitzungen nehmen kann, ohne ihn damit in den Tod zu stoßen. Ich bin – zumindest emotional in der „Übertragung“ – nach wie vor der Meinung, ich füttere ihn durch. Meine Emotionen sind übermächtig. Ich folge ihnen aber bewußt, lasse sie zu.
Ich reagiere auf seinen „Angriff auf meinen Widerstand“, darauf, daß er mich „befreien“ will, aber nicht etwa mit Erleichterung, sondern beharre auf meine (Teil-)Wahrheit: Ich muß und will ihn retten, weil ich – psychologisch gesprochen – in der „Übertragung“ meine Mutter liebe und sie nicht sterben lassen kann, da ich sie für mein Überleben brauche.
Ein anderer Teil geht davon aus und erwartet, daß meine Mutter für mich da sein soll und ich nicht für sie, aber der kann sich noch nicht direkt äußern (wegen Schmerzes), sondern steckt noch in der „mittleren Schicht“ (Reich) fest, kann erst mal nur mit einem „bösen Gedanken“ und peinlich-kichernd und unsicher fragend reagieren.
Der andere Teil kann das aber noch längst nicht glauben: Der Wahrheitsbegleiter lebt von mir, er ist von mir abhängig, und ich muß ihn – wenn ich etwas von ihm haben will (ich brauche ihn ja) – ernähren. Ich befinde mich – psychologisch gesprochen – in der obersten, der 1. Reich‘schen Schicht: Ich muß „lieb“ sein.
Die Eigenheit – und die Freiheit davon, daß ich jemandem das Leben retten muß –, ist weit weg: Ich bin ein Anti-Eigner und in innerer Gefangenschaft gefesselt: „Men in the Trap“ (Elsworth F. Baker), „Prisoner of Pain“ (Arthur Janov). Die Befreiung aus der Falle funktioniert aber nur, indem ich konsequent „lieb“ bin, dem Irrsinn bis auf den Boden gehe und nicht etwa „einsehe“, daß ich nicht lieb sein brauche.
Von allein schaffe ich es nicht, weil ich mich in Gefühlen der absoluten Bedürftigkeit und Abhängigkeit befinde; ich brauche die Bestätigung durch den Wahrheitsbegleiter. Das heißt aber nicht, daß dieser mich damit gegen meine Verantwortung, Freiheit und Eigenleistung aus der Falle holt – ganz im Gegenteil: Das wird gleich das innere Kind zur Artikulation bewegen, die Verschmerzung einleiten und dadurch das Gefängnis zerschmelzen lassen.
(3.)2.8. (12:09) Dritter Schritt des Wahrheitsbegleiters, meinen „Widerstand zu brechen“ (Psychologie) bzw. mir in meine Logik zu folgen (Tiefenwahrheit), d.h. diese Logik mit Realität und Rationalität zum Einsturz zu bringen und auf diese Weise mich in den „affektiv-emotionalen Bereich“ zu transportieren und mich dort „operieren“ zu lassen. Ich brauche hier noch tatsächlich das Wissen, daß ich nicht für seinen Tod schuld bin, wenn ich weniger Sitzungen nehme. Mein Eigner ist zu schwach, dieses Wissen zu haben. Dieses Wissen von außen zu bekommen, ist – ich sage es nochmal – kein Erstehlen des (Pseudo-)Eigners. Es geht nicht anders. Wenn es ein Erstehlen wäre, würde ich nicht gleich in heftige Emotionen geraten, sondern cool wie Macky Messer vom Platz gehen und weiter ein Dasein in der Irrealität frönen. Der Wahrheitsbegleiter begleitet mich in meine Wahrheit, wie „falsch“ und „irrational“ die angeblich – in einem objektivistischen Sinne – auch sein mag. Damit trägt er zu einer wirklichen Entirrationalisierung bei: indem er auf meine Ebene kommt und geduldig dazu beiträgt, diese von der Irrationalität zu säubern: „Du kannst ruhig viel weniger anrufen und viel weniger Sitzungen nehmen! Du mußt mich nicht so mit Sitzungen und Geld zuschütten! Du kannst mir auch weniger Geld geben – du wirst trotzdem weiter Therapie machen können, verlierst mich nicht als (irrational) Ersatzmutter bzw. als (rational) Wahrheitsbegleiter.“ Er ist es nicht, der mir die Irrationalität wegnehmen wird – für diese Befreiung sorge ich selbst, indem ich meiner Wahrheit folge –, er unterstützt diesen Prozeß mit fein dosierter Realität und Rationalität. (3.)2.9. (12:31) Trotzdem bin ich immer noch skeptisch und bleibe bei meinem Wahn, den Wahrheitsbegleiter vor dem Tod retten zu müssen. Ich beharre darauf, auf mich selbst zu verzichten. Seine Einlassungen auf meine irrationale Ebene – also durch seine rationalen Einwände gegen meine Verrücktheit – zeitigen noch immer keinen allzu großen Erfolg. Der Wahrheitsbegleiter kritisiert jetzt das auf Profit ausgerichtete Gesundheitssystem. Das macht mich aber noch skeptischer: Er arbeitet ja nicht für umme! Ist das ein gutes Argument gegen meine Verrücktheit?
(3.)2.10. (13:31)
Vierter Schritt des Wahrheitsbegleiters, meinen „Widerstand zu brechen“: Er entkräftet, jetzt mit besseren Argumenten, geduldig weiter meine „irrationalen Übertragungs“-Gedanken. – Ich halte weiter mißtrauisch dagegen, daß er sehr wohl an mir einen sehr guten Kunden hat und daß er erst mal neue Kundschaft finden muß, wenn ich ausfallen sollte. Ich kann und will mir partout nicht vorstellen, frei und ein Eigner zu sein und einfach nur an mich zu denken. Ich kämpfe weiterhin gegen das stimmige und rationale Argument an, daß der Wahrheitsbegleiter tatsächlich unter keinen wirtschaftlichen Sorgen, auf keinen Fall unter Kunden-Mangel leidet, und bestehe darauf, ihn finanziell retten zu müssen. – Ich bin wirklich verrückt: Der Schmerz darüber, daß ich – wie es sich in späteren, weiteren zahlreichen Sitzungen erweisen wird – meiner Mutter das Leben retten mußte, und die Verdrängung dieses damals sehr wohl rationalen Gedankens und dieses Schmerzes, verbieten es jetzt, daß ich rational bzw. kognitiv korrekt denken und den Schritt in die Freiheit gehen kann. (3.)2.11. (13:41) Die bisher für meinen verrückten Intellekt nicht sonderlich überzeugende, effektive oder stichhaltige Rationalität scheint nun doch etwas zu wirken und zu beginnen, meine Verrücktheit mit Schach zu bedrohen. Ich werde jetzt zum Rückzug von der schlecht funktionierenden kognitiven Ebene gezwungen und gehe unter dem Druck der Unlogik langsam in die Knie d.h. auf die Gefühlsebene. (3.)2.12. (13:54) Fünfter Schritt des Wahrheitsbegleiters, meinen „Widerstand zu brechen“: Er stößt in die Bresche des bröckelnden Widerstandes hinein, setzt mit der gesamten Macht der Rationalität nach: „Es gibt viele Patienten, die aufgehört haben, ohne daß ich deswegen arbeitslos geworden oder pleite gegangen wäre.“ Sich von Rationalität überzeugen zu lassen, setzt emotionale Offenheit voraus. Diese habe ich. (3.)2.13. (14:11) Ich lasse meinen „Widerstand“, meine Skepsis und meine Gefühle jetzt drastischer sprechen. Der kleine Eigner wagt sich hervor: „Du stirbst nicht, wenn ich nicht mehr so ein regelmäßiger Kunde bin?“ Erst jetzt beginnt der Wahrheitsbegleiter langsam das Ausmaß meiner Verrücktheit zu realisieren und kann sich erst jetzt richtig auf meine („irrationale“) Wahrheit einlassen, dieser folgen, d.h. mich in diese begleiten. Er nimmt mich jetzt sehr ernst und hält aber weiter argumentativ-rational dagegen. Ich bestehe auf meine Gefühle und werde damit zum schließlichen Zusammenbruch des Widerstands und zum Durchbruch der tieferen Wahrheit, der Gefühle und des Eigners führen. (3.)2.14. (14:48) Jetzt kommen die „remords“ als – La Mettries Meinung zufolge – wichtigstem Grund für die Nicht-Zulassung des Eigners zum Einsatz, von denen im I. Teil dieses Buches in Kapitel 7.1.2. Der neue philosophische Inhalt die Rede war. Wir hatten dort die Frage gestellt, welche Vorstellungen La Mettrie oder Christian Fernandes davon haben, wie man sie – die Schuldgefühle und das schlechte Gewissen – konkret loswerden bzw. wie die „Negation des irrationalen Über-Ichs“ (Laska) konkret bewerkstelligt werden kann. Ich hoffe, hier praktische Tips geben zu können. Wenn ich Sitzungen absage, habe ich ein schlechtes Gewissen (weil ich dann den Wahrheitsbegleiter / die Mutter im Stich lasse und enttäuschen muß). In die Kategorie fällt auch, daß ich immer so einen großen Wert darauf lege, daß ich den Wahrheitsbegleiter planungsmäßig auf dem laufenden halte, damit er immer so schnell wie möglich seinen Kalender aktualisieren und dort Tage als frei oder besetzt markieren kann: So kann er seine Zeit besser für andere Kunden auslasten und einen maximalen Profit erzielen, sprich: Er muß dann nicht am Hungertuch nagen und kann schlicht überleben. Das nicht zu tun, würde mich mit Schuldgefühlen ausfüllen. Das hat sehr wohl auch eine rationale, kooperative Komponente, aber, betrachtet man die „Besessenheit“ und den Fanatismus, mit denen ich mich dabei engagiere, auch eine irrationale Komponente. (3.)2.15. (14:59) Sechster Schritt des Wahrheitsbegleiters, meinen „Widerstand zu brechen“: Er entkräftet weiter minutiös und geduldig meine kognitiv inkorrekte Argumentation: „Ich bin überhaupt nicht von dir abhängig!“, d.h.: „Du brauchst dich wirklich nicht um mich zu kümmern.“ Mein von tiefen Gefühlen gespeister Glaube gerät weiter durch des Wahrheitsbegleiters kognitive Überlegenheit in Gefahr (Alte Aufklärung), was mich schließlich in den affektiv-emotionalen Bereich (Neue Aufklärung) stoßen wird. (3.)2.16. (15:21) Aber ich lasse vorerst trotzdem nicht locker, versuche in meiner argumentativen Schwäche jetzt die Argumente des Wahrheitsbegleiters auf einem ganz anderen Feld zu verhandeln und ihn der Widersprüchlichkeit zu überführen: „Du hast doch mal gesagt: Du nimmst keine neuen Patienten mehr – jetzt sagst du aber genau das Gegenteil!“: ein ausgesprochen sinnloses, weil völlig verqueres – eben irrationales – Argument: Es ist gar kein Widerspruch. Ich suche krampfhaft Widersprüche, wo gar keine sind. – Das kenne ich von mir: Manchmal habe ich in meiner Jugend mit Leuten auf diese Art bis aufs Messer diskutiert und recht behalten wollen. – Das ist ein sicheres Zeichen, daß der Zusammenbruch nicht mehr lange auf sich warten läßt. (3.)2.17. (16:00) Vorerst erreichen mich in meiner schweren, von unbewußten Emotionen verursachten Geistestrübung aber die rationalen Argumente des Wahrheitsbegleiters noch immer nicht wirklich. Ich interpretiere seine Argumentation aber jetzt sowohl als emotionale Beruhigung als auch als emotionale Ermutigung, meine Emotionen (die der 2., irrationalen Schicht) sprechen zu lassen: Das bereitet weiter den Zusammenbruch des Widerstands und das Erscheinen des winzigen Eigners vor. (3.)2.18. (16:26) Siebter Schritt des Wahrheitsbegleiters, meinen „Widerstand zu brechen“: Er spricht beharrlich rational auf mich ein und schiebt mich damit zielsicher und versiert in die Emotionen hinter der „Übertragung“: „Es gibt keinerlei Abonnement-Vertrag zwischen uns wie bei anderen Psychotherapeuten.“ (3.)2.19. (16:41) Doch auch ich versuche beharrlich weiter, unbedingt in meinem Wahn zu bleiben: jetzt subtil und ohne es wirklich deutlich auszusprechen – deswegen das Lachen – auf eine neue Art: Ich unterstelle ihm – und diesen Gedanken hatte ich andauernd –, daß er mich auch deswegen ermutigt, wirtschaftlich am Ball zu bleiben und nicht unter der Brücke zu landen, weil er nämlich dann etwas davon hat – also aus rein egoistischen Gründen: Ich soll fein fleißig sein und bleiben, um ihm das Geld ranzuschaffen, was ich gerade schwer verdient habe. Ich glaube ihm einfach nicht, daß er mir tatsächlich das Beste wünscht. Es wundert mich sehr, denn wenn ich gut arbeiten kann – sowohl bei meinen Projekten als auch beim Geldverdienen –, dann geht er doch pleite, weil ich ihn dann doch nicht mehr brauche. Doch selbst wenn das stimmen sollte – daß er ohne mich als Kunde pleitegeht –, wäre das kein Widerspruch zu echter und guter Arbeit als Wahrsagebegleiter, sondern die Grundlage für einen Verein der Egoisten zwischen uns. (3.)2.20. (17:10) Mein Widerstands-Wahn wird von des Wahrheitsbegleiters fühlbarer Ehrlichkeit durchkreuzt: Ich komme sowohl durch Kognition und Anerkennung von Argumenten als auch jetzt durch ein leichtes Gefühl ein wenig unter die Oberfläche, aber sogleich wieder in den Wahn nach oben zurück. (3.)2.21. (17:27) Achter Schritt des Wahrheitsbegleiters, meinen „Widerstand zu brechen“: Jetzt reicht es ihm endgültig: Er riecht jetzt definitiv den verrückten Braten, den er wohl nicht für möglich gehalten hat, und entbindet mich ein für alle male und strikt davon, ihn immer über meine Pläne auf dem laufenden halten zu müssen, weil er jetzt erkannt hat, daß mein ach-so-nettes-und-kooperatives Verhalten (fast) nur falsch war. – Das nennt man in der Primär-Sprache: Unterbinden des Ausagierens. In der Sprache der Charakter- bzw. Widerstandsanalyse nach Wilhelm Reich heißt es: „geordnete Deutung“ und „Deutungstechnik“ und damit Zerstörung der „charakterlichen Panzerung“. – Der Wahrheitsbegleiter geht hier vorbildlich so „geordnet“ vor: die intellektuell-irrationale Panzerung wird mit Ratio wegziseliert und, wenn das nicht reicht, das „neurotische“ Verhalten dezisionistisch unterbunden. Eine sinnvolle Vorarbeit zur Ausweitung des Eigners kann das aber nur sein, wenn es gleichzeitig mit einer Ermutigung, die Gefühle unter der „Panzerung“ zuzulassen, einhergeht bzw., wenn es eine entsprechende Grundeinstellung gibt (Zuspruch, Freundlichkeit, Kommunikation). Ich habe mit meinem fast ausschließlich pseudo-kooperativen Verhalten (die oberste, 1. reich’sche Schicht der sozialen Maske und Höflichkeit) meinen schmerzbedingten Zwang, meine verrückte Mutter retten zu müssen, „ausagiert“ (wie Janov das nennt). Dem schiebt nun der Wahrheitsbegleiter einen Riegel vor. Das entlastet mich – meinen Mini-Eigner – zwar einerseits. Andererseits aber reagiere ich – der massiv Entfremdete – sofort panisch: Ich fühle die Fälle des Widerstandes gegen das von der verrückten Mutter erzeugte Leid davonschwimmen: „Hilfe! Laß mir doch bitte die Illusion, daß ich nicht Eigner – d.h. souverän, frei und eigenverantwortlich – sein muß!“ Ein Eigner zu sein, heißt für mich hier, das von der verrückten Mutter erzeugte Leid volle Breitseite abzukriegen. Also lieber kein Eigner sein. Ich schütze mich unbewußt gegen dieses Leid. Der Wahrheitsbegleiter sieht tatsächlich erst jetzt den Zusammenhang mit dem Planungs- und Kalender-Terror (siehe 2.21.). Therapeuten, die mit ihrer eignen Befreiung aus der Falle und der Eignerrückgewinnung schon gut vorangekommen sind, scheinen manchmal dabei Schwierigkeiten zu haben, der Verrücktheit ihrer Patienten zu folgen: Sie haben den Kontakt zur Basis der Totalentfremdeten und Ich-Schwächlinge schon verloren. Diesen resoluten Änderungsvorschlag des Wahrheitsbegleiters hier in dieser Sitzung vom 26. Januar 2017 bzw. dieses Unterbinden meines „Ausagierens“ ist mir erst wieder durch die Erfassung der Sitzung im September 2024 zu Bewußtsein gekommen, weswegen ich auf die Schnapsidee gekommen bin, diese Sitzung zur Grundlage einer Tiefenwahrheitsdarstellung mit LSR-Bezug zu machen, wo es doch weitaus geeignetere dafür gegeben hätte. Aber ich werde schon irgendwie meine Gründe gehabt haben. Dieser Auf-dem-laufenden-halten-Terror ging also, vielleicht auch nicht ganz so rigide, weiter – als ob hier nichts gesagt worden sei. Das kann zwar auch an der echten, positiven Komponente dieses Verhaltens (Kooperation) gelegen haben, zeigt vor allem aber, wie sehr ich noch in der Fassadenschicht (Reich) gefangen geblieben und von einer Verschmerzung der Mutterverrücktheit entfernt war – und ewig bleiben werde. In dieser Verrücktheit und im Mangel an echter Mutterliebe liegt wohl der Grund für das finale Scheitern meines Versuches der „Selbstermächtigung“ (Laska). Es gibt aber gleichzeitig auch wirklich eine reale Komponente der Kooperation („Arbeitsdemokratie“ würden die Reichianer sagen). Diese wird auch gleich – als Liebe – zum Durchbruch des winzigen Eigners beitragen. (3.)2.22. (17:39) Ich trenne jetzt das Rationale vom Irrationalen in der Praxis des Bescheid-sagens (des „Auf-dem-laufenden-halten-Terrors“). Ich bestehe auf dem Rational-Kooperativen und damit Lebendigen und Emotionalen – daß wir uns gegenseitig helfen (Liebe) –, und das berührt mich. Ein erstes Gefühl entsteht, das den „Widerstand“, die „Abwehr“, den „Panzer“ einzuschmelzen beginnt. (3.)2.23. (18:41) Neunter und letzter Schritt des Wahrheitsbegleiters, meinen „Widerstand zu brechen“: Er setzt sofort nach und erinnert an seinen Beitrag zur guten Kooperation (Liebe). Er hat nun endgültig die Faxen dicke und zieht andere Saiten auf: verweist auf das „Privileg“, daß ich fast ausschließlich spontan, nach echtem Bedürfnis und sofort Sitzungen bei ihm nehmen kann – was tatsächlich ein riesiger Vorteil ist –; er verweist darauf, daß ich es bei ihm guthabe, ich ihm im Grunde Unrecht antue und das freundschaftliche (liebevolle) Verhältnis verletze. Das berührt mich. 3.3. Meine fixe Idee und das wahnhafte Beharren darauf, daß ich das Überleben des Wahrheitsbegleiters absichern und deswegen Sitzungen nehmen muß, und meine Panzerung gegen Gefühle bekommt Risse: Die, wie mir der Wahrheitsbegleiter klar gemacht hat, in Wirklichkeit eigentlich freundschaftlich-liebevolle Kooperation mit ihm erinnert mich an eine Phantasie um meine liebevolle Oma und deren riesige Hilfe für mich, die ich in den davorliegenden Tagen gehabt habe. In dieser Phantasie geht es um die nie gezeigte Dankbarkeit, um die nicht erwiderte Liebe und den nie vollzogenen Abschied von Oma. Ich erwähne zunächst nur die Phantasie. Durch die Widerstands-Aufgabe bzw. -Zerstörung brechen urschmerzliche Gefühle hervor. Oma war die einzige Person, die mich mit ihrer Liebe vor der totalen Eignervernichtung bewahrt hat. Diese Tatsache und meine – nicht stattgefundene – Reaktion konnten bisher nur phantasiert werden. Jetzt wird die Phantasie radikalisiert, intensiviert und entsymbolisiert, d.h. vollständig ausgesprochen (wahrgesagt). Spätestens jetzt stellt sich heraus, daß ich zumindest diese Sitzung auf keinen Fall für den Wahrheitsbegleiter, sondern für mich nehme: Mein Herz wird erweicht und leitet eine Erweiterung des Rest-Eigners ein, gegen die ich mich gerade noch so sehr gesträubt habe. (3.)3.1. (19:18) Jetzt brechen die dem Widerstand zugrundeliegenden Emotionen durch. Es ist aber noch nicht die Tiefenwahrheit, weil es zunächst nur reine Gefühle, noch ohne Bewußtsein, sind. Die Gefühle, deren Freilegung nicht ohne Grund eine Viertelstunde so zäh verhindert wurde, sind so intensiv, daß ich nichts aussprechen kann und auch noch keine Gedanken entstehen können. Es geht sofort hinab zu Sein oder Nicht-Sein: Weinen, Ersticken, auf dem letzten Loch pfeifen. (3.)3.2. Sitzungstechnischer Exkurs (21:31) Ich stelle mich jetzt auf eine längere Sitzung mit großem Gefühlsfluß und vermehrtem Bedarf an kognitiver Verarbeitung ein und bitte, weil ich einen Termin einhalten muß, den Wahrheitsbegleiter, die Sitzung zu einem gewissen Zeitpunkt abzubrechen (dazu wird es aber nicht kommen; es steht genug Zeit zur Verfügung). Ein solches Auftauchen aus der „Regression“ ist dem Tiefenwahrsager stets möglich. (3.)3.3. (21:31) Ich tauche wieder in die „Regression“ bzw. die tiefe Wahrheit ab: Ich erwähne jetzt „eine Phantasie“, sage aber noch nichts Näheres dazu. Die Panzerung läßt noch längst keinen Gedanken und kein Wort zu. – Jetzt wird langsam der Weg freigemacht und kommt zu Sprache und Vorschein, was hinter der Besorgnis um das Überleben der Mutter (in der Übertragung des Wahrheitsbegleiters) steht (der Hintergrund der Übertragung): Ich habe einen speziellen traurigen Gedanken, den ich aber noch nicht aussprechen kann; die Emotionen und körperlichen Reaktionen sind zu heftig bzw. noch zu sehr eingepanzert und legen sich selbst erst nach und nach frei: Weinen, Urschmerz, Ersticken und auf dem letzten Loch pfeifen. (3.)3.4. Exkurs Müdigkeit (22:57) Mich überkommt leichte Müdigkeit, die aber keine, sondern ein Sauerstoff-Mangel ist, den ich mit Gähnen wettmache (wird bei 1:06:20 und 1:13:24 richtig geschehen): Die erste Entpanzerung sorgt endlich für einen halbwegs normalen Stoffwechsel, und ich beschaffe mir so mehr Energie für den jetzt anklopfenden Eigner. Dieses Phänomen gibt es in sehr vielen Sitzungen: Jedesmal weise ich wahrheitsgemäß darauf hin, daß ich nicht müde bin und genug geschlafen habe. (3.)3.5. Wiederaufnahme der Erstickungsgefühle (23:33) Die Entpanzerung wird fortgesetzt: Weinen, Röcheln, auf dem letzten Loch pfeifen, Ausatmungs-Ächzen; dann Erholungs- und Energiebeschaffungs-Gähnen. (3.)3.6. (24:40) Der Panzer ist ein wenig geschmolzen, und ich kann jetzt die Phantasie und den traurigen Gedanken etwas benennen: Ich hatte in der letzten Zeit die Phantasie, daß meine Oma mir gut zuspricht. Das löst den dem zugrundeliegenden Urschmerz aus, der das Bedürfnis nach diesem Zuspruch geschaffen hat: Wir gehen im Unterschied zu den Psychotherapeuten (siehe Kapitel 7.2.1.8. Des Reichianers Elsworth F. Baker theoretisches Wirrwarr) spontan und ohne gewollte mühsam-aussichtslose Strukturierungen und theoretisch-ideologische Vorgaben von der Oberfläche aus chronologisch rückwärts. Dem ging hier chronologisch der Zuspruch durch den Wahrheitsbegleiter voraus, der durch die Unterbindung des Ausagierens ausgelöst bzw. befreit wurde – als ob ich das ganze unbewußte Übertragungstheater nur veranstaltet hätte, um vom Wahrheitsbegleiter endlich zu hören, daß ich von ihm gut („privilegiert“) behandelt werde. Da hatte ich das Liebesbedürfnis wiedergefunden, das ich aufgrund des Ausbleibens der Liebe (Trauma) verdrängen mußte. Das eigene Ersticken (der Quasitod) löst aber die extreme Sorge um die geliebte Mutter aus. Das Baby nimmt seinen eigenen Quasitod als gleichzeitig den Tod der Mutter wahr bzw. als Tod beider: seiner selbst und der Mutter. Beide bilden zwar eine Einheit. Aber es findet die Protoübertragung statt: Das Kind ist zwar komplett abhängig, hat aber dennoch schon einen Eigner. Doch dieser wird schwer angegriffen bzw. schon zerstört, weil das Baby sich um die Mutter sorgt und sich dabei selbst aufgibt. Die Mutter ist wichtiger, sie muß zuerst überleben, wenn ich überleben will. Ich liebe sie so sehr, daß ich mich also für sie opfere, damit sie sich – evolutionstheoretisch gesprochen – dann wieder um mich kümmern kann. Doch alles spätere Kümmern ist umsonst, da das Baby das Bedürfnis nach Kümmern (Liebe) verdrängt hat und sich geopfert hat. Es entsteht ein Bedürfnis nach Hilfe. Jetzt weitet sich die Protoübertragung auf alle Personen aus, die dem ehemaligen Baby irgendwie existenziell helfen sollen, also hier auf den Wahrheitsbegleiter. Das Baby und der spätere Erwachsene haben aber immer noch auch die angeborene Erwartung, daß sie sich nicht um die Mutter kümmern sollen dürften, noch in sich (der Rest-Eigner), auch wenn diese Erwartung durch die Erfahrung so gut wie vernichtet ist. Diese Erfahrung sagt eindeutig: Ich bin quasi erstickt, meine Mutter muß also auch erstickt sein, und ich muß mich für sie opfern und muß mich um sie kümmern, weil ich ohne sie nicht leben kann. Gleichzeitig sagt der Rest-Eigner: Deine Mutter muß dich retten, du brauchst sie zur Rettung, du schaffst es nicht ohne sie, und erst recht kannst du sie nicht retten. Wir haben es also mit einer extremen Spaltung zu tun, die nicht tiefer sitzen könnte, und die schließlich zum kierkegaard’schen Dilemma des ubiquitären Bereuens führt, weil kein Anteil sich durchsetzen kann.1304 Die vom Rest-Eigner erwartete Retterschaft ist von der Mutter als potentieller Retterin, als Soll-Retterin, auf den Wahrheitsbegleiter als Helfer und Soll-Retter übergegangen. Doch so, wie ich die Mutter retten mußte, so muß ich jetzt als Anti-Eigner den Wahrheitsbegleiter retten, für sein Überleben sorgen usw. Dieses sekundäre Bedürfnis sitzt extrem tief und ist, wie wir gesehen haben, absolut zäh, braucht in dieser Sitzung neun Ansätze, um sich in das primäre Bedürfnis des Eigners rückzuverwandeln. Dem sind aber schon Hunderte von Sitzungen vorausgegangen, die das vorbereitet und ermöglicht haben; und Hunderte von Sitzungen werden noch folgen, ohne diese Rückverwandlung je ganz abschließen zu können. Immerhin glaube ich dem kognitiv überlegenen, geduldigen und ebenso zähen Wahrheitsbegleiter irgendwann, daß ich mich nicht um ihn kümmern brauche und daß er dazu da ist, sich um mich zu kümmern, indem er mir dabei hilft, die Wahrheit über alles herauszufinden. Das löst nicht nur ein Gefühl der Liebe, sondern die Erinnerung an das ganze Geschehen aus – und bringt entsprechend die Gefühle zum Explodieren –, das zu dieser Spaltung geführt hat: daß ich mich um den Wahrheitsbegleiter (als Nachfolger der Mutter) kümmern muß. Der Rest- und Mini-Eigner aber sagt: „Na halt mal, da stimmt doch etwas nicht! Warum soll ich mich denn um ihn kümmern müssen?“ Wortwörtlich sage ich ganz kurz: „Aber warte mal ...“, bevor ich in Weinen und Röcheln übergehe. Ich beginne jetzt langsam und ansatzweise, die Zusammenhänge zu kapieren. Aber das löst noch mehr Gefühle aus, und ohne diese Gefühle können auch keine Zusammenhänge kapiert werden. Die gegenteilige Meinung, die des Komplett-Entfremdeten – daß ich mich um die Mutter bzw. den Wahrheitsbegleiter kümmern muß –, hat aber eine so tiefe Überzeugung hinterlassen und ist „eingeprägt wie ein Petschaft in weiches Wachs“ (La Mettrie1305), daß die Meinung des Rest-Eigners eigentlich keine Rolle mehr spielt und untergeht. Es ist nur noch die blasse Erinnerung an etwas sehr, sehr weit Zurückliegendes. Auf dem Weg zurück gibt es jetzt aber eine weitere Übertragung (in der Übertragungskette): Was später als Erwachsener vom Wahrheitsbegleiter und vorher als Bäuchling und Säugling von der Mutter erwartet wird bzw. wurde, das wurde zwischendurch im Kindesalter bei einer anderen Person gesucht und auch – wie beim Wahrheitsbegleiter – gefunden: bei meiner Oma. Sie hat mich – mein Rest-Selbst, meinen Rest-Eigner – mit Zuspruch gerettet. Die bereits abgeflossenen Gefühle und die Erweichung des „Panzers“ ermöglichen jetzt das weitere: (3.)3.7. (26:06) Ich kann jetzt nicht nur aussprechen, sondern spreche jetzt mit vollem Gefühl aus, worum es in der Phantasie geht: Dank an Oma und Abschied von ihr – das wird von Urschmerz, Schluchzen und Ersticken begleitet, woraus ersichtlich wird, welcher Natur das Trauma ist, das zu verschmerzen mir Oma behilflich sein wird. Die Hilfe bezieht sich auf meine Existenz als solche, die von einem Trauma der Quasi-Erstickung in Frage gestellt worden ist. Existenzielle Hilfe kann nur als totale, das Leben selbst1306 rettende Liebe empfunden werden. Eine unendliche Dankbarkeit entsteht, die, wenn nicht gefühlt, oft in Religiosität symbolisiert wird. Anstatt daß meine Mutter mich in meiner Eignerheit unterstützt, für mich als Eigner und überhaupt schlicht für mein Leben und sogar Überleben gesorgt hätte (Verhinderung des Erstickens), habe ich – weil ich sie brauchte – für meine Mutter gesorgt, mich um sie gekümmert und ihr Leben gerettet. Von diesem in der frühen Kindheit begründeten, später aber beibehaltenen, wahnhaften und in der Übertragung mit dem Wahrheitsbegleiter symbolisierten Verhalten wollte ich nicht ablassen, weil die darunter liegende Wahrheit zu schmerzlich war. Jetzt kommt die Person ins Spiel, die mir – obschon nur ersatz- und ansatzweise, aber nicht zu unterschätzenderweise – diese Unterstützung und Sorge tatsächlich angedeihen lassen hat: meine Oma. Um mir mein wahres Selbst zurückzuerobern (um Eigner zu werden), d.h. um in Kontakt mit der Tiefenwahrheit und meinen Gefühlen zu kommen, habe ich als Selbsthilfemaßnahme spontan eine Phantasie entwickelt, mit der ich diese Unterstützung durch meine Oma in mein Bewußtsein zurückgerufen – und sogar verstärkt – habe. Der Dank hängt mit dem Dank an den Wahrheitsbegleiter bei 21:38 zusammen. Das Motiv „Abschied“ ist eine Wiederaufnahme aus der Sitzung 13 Tage zuvor (13. Januar 2017), wo ich Abschied von mir selbst genommen hatte. Es ist jetzt, am 26. Januar, die – über eine Übertragungsstation auf Oma hinweg – Erinnerung an den Abschied von uns selbst: von Mutter und von mir: Abschied von mir selbst, Abschied von der Mutter, die ja gestorben sein muß, wenn ich gestorben bin, und Abschied von uns als einer liebenden Einheit. In der Sitzung vom 13. Januar 2017 hatte ich die Phantasie bzw. den erinnerten Traum, daß ich über den letzten und einzigen Ort in Leipzig hinweggeflogen bin, wo ich noch eine winzige echte Lebendigkeit, einen echten Teil von einem Eigner hatte: Wir gingen einmal – ausnahmsweise – zwischen den Trainingseinheiten oder zwischen Schule und Training in den Richard-Wagner-Hain am Elsterbecken: Jungs und Mädels. Es war eine wunderschöne Stimmung zwischen uns. Irgendetwas muß ausgefallen sein – eine Schulstunde vielleicht –, so daß wir außerplanmäßig frei hatten, um dort hingehen und frei sein zu können. Das war aber eine absolute Ausnahme und war jetzt in der Wahrsagerei kein Grund zur Freude, sondern nur der Auslöser für die Trauer um mich und uns alle. Zur Trauerhilfe und Selbstrettung wurden in dieser Sitzung am 13. Januar 2017 auch spontan Symbole herangezogen: der Trauerkorso polnischer LKW-Fahrer für ihren bei einem Terroranschlag ums Leben gekommenen Kollegen; Kampfpiloten, die über die Absturzstelle eines toten Kameraden (wie ich über das Elsterbecken) hinwegfliegen und den Toten zum Abschied grüßen; Peter Reich und John-John Kennedy salutieren ihren toten Vätern Wilhelm Reich und John F. Kennedy. (3.)3.8. (26:06) Die Trauer wird abgelöst bzw. unterbrochen von Ärger: über den nicht real genommenen Abschied von Oma und die nicht stattgefundene Danksagung an Oma; darüber, daß beides jetzt nur in der Phantasie nachgeholt werden kann; über die verpaßte Lebendigkeit und Liebe – hier geht der Ärger wieder in Trauer, Urschmerz und Sterben über. (3.)3.9. Exkurs Wahrheitsbegleiter (26:59) In der Übertragungskette wird jetzt wieder ein Glied nach vorn in der Zeit genommen: Gedanken an des Wahrheitsbegleiters Tod. Die Wiederaufnahme dieser Übertragung erfolgt jetzt aber auf einer tieferen Ebene und betrifft nicht mehr das „ausagierend-neurotische“ Kümmern-müssen, sondern hat jetzt einen realen Inhalt: So, wie ich mich nicht real von Oma verabschiedet und ihr nicht gedankt habe, in gleichem Maße, nur andersherum, sehe ich jetzt den Wahrheitsbegleiter als reale Person, die real sterben wird. Gleichzeitig handelt es sich aber tatsächlich doch auch noch um eine Übertragung: Der Wahrheitsbegleiter vermischt sich quasi mit Oma – in beider Funktion als sowohl reale Retter und als auch reale Personen, mit denen ich als Eigner zu tun habe: als Eignervereinsmitglieder. (3.)3.10. (29:40) Durch Panzererweichung können jetzt Konkretisierung, Präzisierung und Korrektur vorgenommen werden; ich greife die Nacherzählung der Phantasie wieder auf: Oma ist abwesend („Koma“, „klinischer Tod“ o. drgl.), aber nicht tot – sie lebt noch, nimmt mich wahr; ich halte ihre Hand – Urschmerz, Röcheln. Mein Bedürfnis nach Danksagung und Abschied läßt mich in meiner Phantasie Oma noch einmal ins Leben zurückholen. Aber eigentlich steckt darunter noch ein tieferes Bedürfnis, das zu einem Teil von Oma befriedigt worden war, aber immer noch aktiv ist: nämlich das des Zuspruchs und der ersatz- und übertragungsmäßigen Rettung meines Eigners durch sie – Urschmerz, Schluchzen, Hecheln. (3.)3.11. (31:30) Wieder Vermischung von verschiedenen Gefühlen – Ärger, Bedauern, Traurigkeit („Emo-Triphthong“) – und von Ersatzrealität (Übertragung von Mutter auf Oma) mit Realität (Oma als Eignerin). (3.)3.12. (33:10) Realisierung der Verdrängung der Erfahrung mit Oma und des Grundes für verpaßtes Leben bei Omas realem Tod (Nicht-Dank, Nicht-Abschied). Auch daß Oma mich – meinen Rest-Eigner – gerettet hat, mußte verdrängt werden wie das ganze dem Rettungsbedürfnis zugrundeliegende ursprüngliche Geschehen. Vom Trauma darf rein gar nichts übrig bleiben. Auch das Wissen um die Rettung würde zu sehr ans Trauma erinnern. Es liegt hier eine Sekundärverdrängung vor. Zu einer Tertiärverdrängung kommt es dann, wenn ich dem Wahrheitsbegleiter die Absicht abspreche, mir helfen zu wollen, und ihm unterstelle, für sein Überleben von mir abhängig zu sein. Ich hatte die Liebe für Oma und von Oma in Kindheit und Jugend komplett verdrängt. Es gab ein absolut dummes Ignorieren von Omas riesiger und existenzieller Bedeutung für mich, die ich im Verlaufe der jetzt endlich funktionierenden Primärtherapie (sprich: Tiefenwahrheit) erst wiederentdeckt habe und deren Verdrängung jetzt absolut nicht mehr nachvollziehbar und völlig unverständlich ist. Wie kann man so etwas verdrängen und vergessen? Ich weiß aber, daß es anderen Menschen genauso ging wir mir. Sehr viele Omas haben – zum extremen Ärger der Enkel – nicht die Liebe erwidert bekommen, weil die Enkel das Geschehen komplett verdrängt und vergessen haben. Das sind „Primärverdrängung“ (Mutter), „Sekundärverdrängung“ (Oma) und „Tertiärverdrängung“ (Wahrheitsbegleiter), die tief unter jeder philosophischen „Primär-, Sekundär- und Tertiärverdrängung“ (Laska) liegen, aber dennoch tatsächlich mit diesen auch fern verwandt sind: Sowohl mit der primären Verdrängung von Stirner durch seine junghegelianischen und altaufklärerischen Kollegen (Marx, Nietzsche) und dann – inhaltlich genauso, aber etwas später – anarchistischen und existentialistischen Kollegen1307 als auch mit der sekundären Verdrängung Stirners durch die Marx- oder Nietzscheforschung (Beispiel Safranski1308) als auch mit der tertiären Verdrängung Stirners („wenn jemand trotz Kenntnis der Aufdeckung von Primär- und Sekundärverdrängung diese ignoriert“1309) durch beispielsweise Rolf Hochhuth1310 oder Fritz Erik Hoevels1311 verdrängen all diese Autoren letztlich mit Stirners „Eigner“ eigentlich ihren eigenen Rest-Eigner. Das geschieht aber bei diesen Autoren nur in Form von un- bis teilbewußten Ahnungen und Philosophemen als Symbolismen und weit im Jenseits von Gefühlen und Realität. Laska hat zwar recht, wenn er diese Verdrängung sieht, aber ihre Analogie und Entsprechung in der Wirklichkeit – ihren existenziellen Grund – kann er als Intellektueller nicht sehen. Dazu bleibt er viel zu sehr im kognitiv-symbolischen und, wenn er unter diesen stößt, im moralischen Bereich. Vom emotionalen und vor allem vom korporellen Bereich hat er keine Ahnung. Immerhin klammert er sich an den „Eigner“ als einem Symbol und einem besser nicht ganz – auch nicht noch als Symbol – zu verdrängendem Ideal und bleibt daher – im Unterschied zu den genannten Autoren – wenigstens in Kontakt mit seinem Eigner. Ein „Vergessen“ (Verdrängen) festzustellen, wie ich es hier tue, und erst recht von einem Entdrängen ist Laska weit entfernt, weil er nie in den „affektiv-emotionalen Bereich“ gestoßen ist und – trotz gegenteiliger Absichtserklärung und vollmundigem „Super-ego esse delendam“ – nur im „kognitiv-rationalen Bereich“ „operiert“. Dort erzählt er was von „Moral“ und „Über-Ich“, was nichts mit der wirklichen Eigner-Delende zu tun hat. Man kann das so machen, braucht sich dann aber, wenn man sich mit der Oberfläche begnügt, nicht über mangelnde Effizienz zu wundern. Dann könnten wir mit Psychotherapie zufrieden sein. Sind wir aber nicht, weil wir uns nicht mit Geist (Hoevels, siehe Kapitel 8.5.11. Laskas Ausweichen in die Theorie – seine Kontroverse mit Fritz-Erik Hoevels um die „Praxis“) als Ersatzreligionsersatz zufriedengeben. Jetzt wird man einwenden, daß ich nur ein „besonders schwerer Fall“ sei, aber da ziehe ich nur die „Da-lach-ich-doch-drüber“-Karte und ontologisiere und generalisiere in meiner Anthropologie frisch und fröhlich drauf los: Wir sind alle tiefen- und eignerzerstört – ich noch am wenigsten. (3.)3.13. Exkurs: Ständiges Verschlucken (34:15) Mir fällt jetzt „rein zufällig“ ein Phänomen ein, das mit der Eignerzerstörung zusammenhängt: Das Ersticken bzw. das In-den-falschen-Hals kriegen von Schleim und Flüssigkeit, nämlich in die Luftröhre. – Trotz voller Obacht und dem ausgesprochenen Vorsatz, beim Trinken ordentlich aufzupassen und korrekt mit der Speiseröhre zu schlucken, verschlucke ich mich immer wieder. Das muß ein „Wiederholungszwang“ sein: ein ins Rettungsszenario1312 eingeschriebenes Verhalten. Das Verschlucken- Phänomen ist übrigens ziemlich weit verbreitet. In meinem Freundeskreis sind zwei davon betroffen, der eine sogar lebensbedrohlich; er muß sich regelmäßig selbst mit dem Rücken gegen die Wand werfen, um sich vom Verschluckten zu befreien. Ein weiterer Freund von mir muß sich ständig räuspern. Es sieht eher nicht danach aus, als hätte Janovs Problem etwas damit zu tun: „Mehrere Jahre lang litt Janov an einer Kehlkopfkrankheit, die seine Sprechfähigkeit einschränkte.“1313 Der Wahrheitsbegleiter macht mich regelmäßig auf mögliche Krankheiten oder Fehlbildungen aufmerksam und daß ich solche ärztlich behandeln lassen soll – es gäbe aber auch „Körpererinnerungen“. Hier haben wir es eindeutig mit einer solchen zu tun. Ich habe kein Gewächs oder etwas ähnliches im Hals.
Der Wahrheitsbegleiter erklärt mir, wie das entstanden sein könnte und wie alles zusammenhängt, aber ich lege keinen Wert auf Theorien, sondern habe einfach Angst, daß ich (erneut) ersticken muß (ersehne mir eine solche Situation aber gleichzeitig, um diesmal durch Verschmerzung gerettet zu werden – „Szenario-Theorie“, siehe „Wahrheits“-Buch1314).
Omas Liebe – Zuspruch, Bejahung, Bestätigung und Ermutigung – hängen mit dem primären Quasi-Ersticken und dem sekundären ständigen Verschlucken zusammen. Sie rettet mich letztlich vor dem totalen Eigner-Verlust und dem Ersticken. Denke ich an sie, macht mich die Abwesenheit der Liebe – bis sie kam – extrem traurig bis hin zum Fast-Ersticken („Gefühlskette“ – siehe Sitzung vom 6. Januar 2017: „Der Frohgemute“1315): Die Traurigkeit über das Nicht-Leben führt zur Ursache für den Quasi-Tod zurück. Anders gesagt: Das Quasi-Ersticken hat mein Leben vernichtet – darüber bin ich unendlich traurig. Omas Liebe füllt einen Teil der Leere aus, die ich seit dem Quasi-Ersticken habe, und stellt mich (als Eigner) in einem gewissen Maße wieder her. Ich lasse also hier in der Sitzung in einem Exkurs kurz von der emotionalen Öffnung ab, um mich angesichts der Angst vor dem Ersticken rückzuversichern. Ich nehme eine kurze Pause, bevor ich mich – rückversichert, daß ich nicht sterbe – weiter dem Schmerz öffne (mögliches Auf- und Abtauchen aus der und in die „Regression“): (3.)3.14. (35:51) Ich greife die Erzählung wieder auf und berichte weiter von der Phantasie, wie ich an Oma die Liebe zurückfließen lasse, die sie mir gegeben hat – wodurch sie die Auswirkung des Erstickungstodes gemildert hat –, und gebe mich dieser Phantasie hin. Nichts ist wichtiger als eine solche Liebe – Urschmerz, auf dem letzten Loch pfeifen. (3.)3.15. (37:37) Erneute schnelle Ablösung von Emotionen: Ärger, Traurigkeit, Urschmerz, Verzweiflung über verpaßte Liebe bzw. über verdrängten Lieblosigkeitsschmerz. Trost, daß Cousine bei Omas Sterben anwesend war. (3.)3.16. Exkurs Freundin: Unsere Seelenverwandtschaft und der Grund für die Unfähigkeit zur Trennung von ihr (39:42)Rein zufällig“ fällt mir jetzt meine Freundin ein: Es hängt mit unser beider Oma-Verhältnissen zusammen, die sich sehr ähneln. Meine Freundin hat aber – im Unterschied zu mir – tatsächlich ihre russische Oma in den Tod begleitet (nachdem sie realisiert hatte, daß sie sich – diesmal wie ich – der Bedeutung ihrer deutschen Oma in ihrer Jugend sträflicherweise nicht bewußt gewesen war). Freude über dieses richtige und erfolgreiche Verhalten: Lachen, Emo-Diphthong Lachweinen, Weinen). Polit-historischer Exkurs im Exkurs: tragisches deutsch-russisches Verhältnis: Weinen, Ersticken. Die Seelenverwandtschaft und das Sich-gegenseitig-geben dessen, was keiner gehabt hat, machen eine Trennung schier unmöglich und führen zu einem sich nicht durch Verschmerzung organisch ergebenden, stattdessen gewaltsamen Losreißen in die dann unvollständig bleibende Freiheit (siehe Kapitel 10. LSR: Lob für literarischen Genuß. Kritik wegen Verzichts auf ein Verfahren zur „Selbstermächtigung“. Fazit in Teil I). (3.)3.17. (42:42) Während der weiteren Erzählung meiner phantasierten Sterbe-Assistenz sterbe ich jetzt selbst und trete vor den Schöpfer. Das durch Omas Liebe und Beistand ermöglichte Teil-Verschmerzen meines Erstickens (Röcheln, auf dem letzten Loch pfeifen) wird durch meinen phantasierten liebevollen Beistand an ihrem Totenbett ausgelöst. Omas Tod als Symbol und Ersatz des Muttertodes unifiziert sich jetzt mit meinem Tod (siehe (3.)3.5. und (3.)3.6.), weil Mutter, Oma und ich eine Einheit bilden. Die Liebe erwidern“ heißt: Beistand im Tode geben. (3.)3.18. Exkurs: wundersame Paradoxie (43:54) Tod, Nichts und vollständige äußere Stille bei gleichzeitigen Leibesbinnengeräuschen (Hermann Schmitz). Es ist ja offensichtlich, daß ich zwar schon im Sterbeprozeß war und davongeflogen bin, aber natürlich nur quasi-tot war und nicht wirklich und endgültig gestorben bin (daher rührt auch Omas Koma in meiner Phantasie). Der Quasi-Tod verstärkt umso mehr die Binnengeräusche, hebt sie im Kontrast zu äußeren Leere überdeutlich hervor und stellt deren Bedeutung her, als daß diese der allerletzte und einzig verbliebene Rest an Wahrnehmung und Eigen-Dasein sind (der Eigner hat auf dem letzten Loch ausgepfiffen) – Lachen. (3.)3.19. (45:12) Genuß des wiederentdeckten Daseins. (3.)3.20. (46:25) Das Entdrängen des Lieblosigkeits- und Lebensverlustschmerzes läßt die Person (den Eigner) lebendig werden und die Pseudo-Person (die Charaktermaske: der Lächelnde, der „Kooperative“) verschwinden. (Siehe zum Immer-lächelnden und -strahlenden die Video-Reihe „Der Junge“, insbesondere deren 1. Teil1316.) (3.)3.21. (47:33) Der phantasierte Dankes-Abschied von Oma bzw. die Lieblosigkeits- und Erstickungsverschmerzung bzw. das phantasierte Mut-machen durch Oma läßt nicht nur den Nukleus einer echten Person (Eigner) entstehen (der Leib dehnt sich aus), sondern auch Ansätze von Vitalität, Leistungsvermögen und erfolgreicher Lebensgestaltung: Ich erzähle in der Phantasie Oma von meinem Tiefenwahrheits- und LSR-Fortsetzungs-Projekt. Oma unterstützt es – Weinen, Urschmerz, Röcheln, Schluchzen. – Da haben wir ja endlich den Grund, warum diese Stunde der Tiefenwahrheit Anlaß zu einer Mitteilung an die LSR-Gemeinde wurde. (3.)3.22. (52:36) Oma kennt mich besser als ich mich selbst: Mutterersatz als Tiefstverbindung bzw. Verschmerzung des Verbindungsverlustes – Weinen, Urschmerz. Dadurch Herstellung der produktiven Person (Eigner) – Weinen, Urschmerz, Röcheln. Wie Stirner bin ich als – allerdings nicht als Drei-, sondern als Zweijähriger – von meiner Mutter getrennt und zunächst an die Großmutter mütterlicherseits weitergereicht worden, bis ich in der Oma väterlicherseits meinen Mutterersatz fand. Ich greife wieder die Erzählung der Anteilnahme Omas an mir und meinem Leben auf. (3.)3.23. (55:46) Die phantasierte Freude und Unterstützung durch Oma (Handkontakt-Geste) und damit die weitere Lieblosigkeits- und Erstickungs-Verschmerzung führt zur Erfassung des ganzen eigenen Lebens (der gesamten Eigner-Existenz) und auf den richtigen Weg zurück, den ich nur einmal als Kind gefahren war – bebendes Atmen, Weinen, Röcheln. Durch die (phantasierte, aber tief gefühlte, nachgeholte) Bestätigung komme ich zurück auf – sinatra’sch – meinen Weg: „Ich komme zu mir“ (Stirner), zu meiner wahren Person. (3.)3.24. (59:02) Ich greife die Erzählung wieder auf. Erneute Phantasie der Handkontakt-Geste Omas: die so lang ersehnte Bestätigung des eigenen Lebens durch die (Ersatz)mutter, die zur vollständigen Erfassung des ganzen eigenen Lebens (der gesamten Eigner-Existenz) geführt hatte. Erneute Phantasie der Tiefstverbindung und damit Verschmerzung des Verbindungsverlustes. Nach dem Verschmerzungs-Ausatmen strömt viel mehr Luft in mich ein: der Eigner gewinnt an Energie. Über diese bloße Selbst-Erfassung (Wahrnehmung) hinaus jetzt aber das offensiv-aggressive Ausgreifen des neu entstandenen Eigners in die Welt hinaus: die Aneignung des eigenen Lebens und der Welt. Oma sagt: „Jetzt geh’ los und lebe dein Leben!“ – Weinen, Urschmerz, Ersticken, Röcheln, Verschmerzungs-Ausatmen. (3.)3.25. (1:01:56) Der Einzige und sein existentielles Eigentum ist da und genießt das als schön – dank der phantasierten Kontakt-Geste Omas und dank ihres Segens. – Weinen, Röcheln, Verschmerzungs-Ausatmen. In der Phantasie entsteht das volle Gefühl der Liebeseinheit und der Unterstützung – und damit Wiederaneignung und Selbstermächtigung.1317 (3.)3.26. (1:03:15) Lebendigkeit löst prompt wieder Tod aus (das ständige Hin und Her von Leben und Tod). Amalgamierung, noch keine Differenzierung von Sterben (negativ) und Erschöpft-sein, Erholung (positiv). Ich weiß, daß es schlimm ist, daß es auch noch so bleiben wird, daß es aber so sein muß; es geht nicht anders. 3.4. Endbesprechung: Die Wiederaneignung, Wiederausfüllung des Leib-Eigners (Schmitz) und Rückgewinnung von Selbst-Genuß und Produktivität in der konkreten Lebenssituation. Die Perspektive der weiteren Eigner-Entwicklung. (3.)4.1. (1:05:16) Zweifel, ob das Erstickungs-Trauma jemals noch ausreichend verschmerzt werden kann. Hoffen auf weitere Verwirklichung des Eigners. Ermutigung durch den Tiefenwahrheits-Begleiter. (3.)4.2. (1:06:03) Das wesentliche ist die innere Präsenz und Ausgefülltheit des Leib-Eigners (Schmitz) – Arbeitsfähigkeit und Erfolg sind die Konsequenz. (3.)4.3. (1:06:20) Die Niedergeschlagenheit als Resultat des Erstickungs-Urtraumas steht der Eigner-Werdung nach wie vor im Wege – Müdigkeit hier nicht als Erholung (Gähnen), sondern jetzt als depressiver Zustand (Niedergeschlagenheit) und Eigner-Hinderungsgrund (Wiederaufnahme 22:57; später nochmal bei 1:13:24). Ich komme auf die Ermutigung des Wahrheitsbegleiters vom Anfang zurück, die ich da noch nicht annehmen und glauben konnte, weil ich ihn noch im Verdacht hatte, daß er mich nur ermutigt, um weiter an mein Geld zu kommen. (3.)4.4. (1:06:54) Der Tiefenwahrheits-Begleiter will zum Ende der Sitzung kommen: genug intensiv gefühlt. (3.)4.5. (1:07:03) Das Ausgreifen, das Heraustasten der authentischen Person unter der Bedrückung und der Niederlage hervor in die Welt (Stirners „Empörung“) und die Herstellung des Eigner-Zustandes muß weiter zunächst in kleinen, aber eben authentischen Schritten erfolgen. (3.)4.6. (1:07:45) Scheitern als Chance: Das Anerkennen und Wahrnehmen der Depression und der Vernichtung des Eigners – erster Schritt aus Depression heraus und zum Eigner „empor“ (Stirner). (3.)4.7. (1:08:37) Der Eigner darf nicht da sein und sich im schieren Überlebens- statt Lebens-Modus nichts an-eignen – nur sich heimlich die Dinge erstehlen. (3.)4.8. (1:09:50) Dank der Wieder-An-Eignung der Person kann ich zumindest ein klein wenig ruhig und selbstverständlich da sein, das Dasein genießen und arbeiten. Eigner-sein ist etwas Angenehmes. Aber man kann den Eigner nicht erzwingen. (3.)4.9. (1:11:32) Ich habe einen „Rücken“: eine Beschützerin: Oma – meinen „Schutzengel“, dem ich bis zum meinem letzten Atemzug lieben und dankbar sein werde. (3.)4.10. (1:12:19) Aussicht auf nächste Tiefenwahrheits-Sitzung: Ich will noch mehr ausloten und auskosten, was Omas Liebeskontakt-Geste an existentieller Vertiefung bewirkt. (3.)4.11. (1:13:24) Wiederaufnahme (von 22:57 und 1:06:20) Thema „Müdigkeit“: Müdigkeit als Depression (nicht als Erholung) kommt, wenn ich mich gegen meine Panzerung zur Arbeit zwingen muß, d.h.: gesondert Energie aufwenden muß. (3.)4.12. (1:15:03) Die Panzerung muß in den nächsten Tiefenwahrheits-Sitzungen weiter aufgeweicht werden, damit es so wird, wie es sein muß: lebendig aus der Ruhe heraus arbeiten ... (3.)4.13. (1:15:48) ... – bis dahin muß ich mich zwingen und mit Verhaltens-Management vorgehen: mich mahnen, mir Zeit zu nehmen. Ich bin noch kein voller Eigner, aber schon so weit, daß ich mir mit verhaltenstherapeutischen Techniken helfen kann. (Vgl. I. Teil dieses Buches, die Kapitel 7.2.1. Kritik der Fremdtheorien von Wilhelm Reich und Arthur Janov (Teil 2) – Würdigung Fritz Perls‘ und Kapitel 11.1. LSR-relevante Themen bei zukünftigen Arbeiten zur Darstellung von Tiefenwahrheit.) (3.)4.14. (1:16:44) Der volle Eigner ist noch in großer Ferne – aber die Schritte dahin sind auch schön. (3.)4.15. (1:17:14) Die noch notwendigen verhaltenstherapeutischen Techniken allein werden es auf keinen Fall bringen – die Panzerung muß weiter aufgeweicht und mit Tiefenwahrheit und Gefühls-Entdrängung zum Kern der Person (zum Eigner) vorgedrungen werden: „Das Große Nein zum Leben“ (Wilhelm Reich, Arthur Janov) muß weiter unterwunden, das Leben wieder durch Akzeptanz des Erstickungs-Sterbens bejaht werden. (3.)4.16. (1:18:30) Oma hat mir in der Kindheit und jetzt mit der phantasierten Liebeskontakt-Geste das tiefe Dasein aufgeschlossen – ich kann mir jetzt davon mehr und mehr erschließen. (3.)4.17. (1:20:22) Der Tiefenwahrheits-Begleiter drängt auf das Ende der Sitzung, kommt aber noch einmal auf die Frage der Übertragung zurück und beruhigt mich noch einmal: „Du mußt dich nicht um mich kümmern, mußt mich nicht versorgen!“ (3.)4.18. (1:21:12) Das Geschäftliche. (3.)4.19. (1:21:28) Die leichten Zweifel vom Anfang der Sitzung scheinen noch einmal zurückzukommen – daß ich die Sitzung nur dem Wahrheitsbegleiter zu liebe gemacht haben könnte –, aber es ist eigentlich das Bedürfnis nach Bestätigung, etwas vorangekommen zu sein. (3.)4.20. (1:21:34) Der Tiefenwahrheits-Begleiter ermahnt mich weiterzumachen und weiter Sitzungen mit ihm zu nehmen – aber aus den richtigen, nämlich „egoistischen“ Gründen. (3.)4.21. (1:21:53) Ich habe die Befürchtung, daß ich diesen „richtigen Gründen“, weiter Tiefenwahrheits-Stunden zu nehmen, nicht mehr folgen werde, weil mein „Großes Nein zum Leben“ (Reich, Janov) den Sieg davontragen könnte 3.5. Ende der regulären Sitzung (1:22:48) Selbstgespräch beim Aufstehen, beim Abbauen der Aufnahme-Technik und beim Ordnung-machen: Ich mache mir weiter Mut, mahne mich – wie gerade gelernt – zur ruhigen Vorgehensweise und zu kleinen Schritten. Die Audio-Reserve-Aufnahme ist ausgefallen – aber die Audio-Haupt-Aufnahme hat gut funktioniert: das schöne Gefühl eines ordentlichen und erfolgreichen Lebens. Sigelverzeichnis Baker, Elsworth F. Baker: Falle
Elsworth F. Baker: Der Mensch in der Falle. Das Dilemma unserer blockierten Energie: Ursachen und Therapie, München 1980; engl. Original: Man in the Trap, 1967:
Fernandes, Christian A. Fernandes: La Mettrie Lust Vortrag
La Mettries „tugendhafte Lust“ und ihre Rezeption bei Jean-Jacques Rousseau, Friedrich Albert Lange und Bernd A. Laska. Manuskript eines Vortrags im Rahmen des Paderborner Kolloquiums zur Philosophie im WS 22/23, https://www.academia.edu/92440666/La_Mettries_tugendhafte_Lust_und_ihre_Rezeption_bei_Jean_Jacques_Rousseau_Friedrich_Albert_Lange_und_Bernd_A_Laska
Fernandes: La Mettrie Lust Buch
La Mettries „tugendhafte Lust“. Quelle und Rezeption. Aufsätze, Würzburg 2024
Freud, Sigmund Freud: Briefe
Hrsg.: Jeffrey M. Masson: Briefe an Wilhelm Fließ 1887–1904, ungekürzte Ausgabe, Frankfurt/M. 1986
Helms, Hans G[ünter] Helms: Ideologie
Die Ideologie der anonymen Gesellschaft. Max Stirners „Einziger“ und der Fortschritt des demokratischen Selbstbewußtseins vom Vormärz bis zur Bundesrepublik, Köln 1966
Hinner, Ronald Hinner: Stirner Aufklärung
Max Stirners Religionskritik. Zur Reanimation der Aufklärung, 2012, https://www.academia.edu/1503270/Max_Stirners_Religionskritik_Zur_Reanimation_der_Aufkl%C3%A4rung
Hoevels, Fritz-Eric Hoevels: Stirner I
Stirner, Psychoanalyse und Marxismus, in: Der Einzige, Vierteljahresschrift des Max-Stirner-Archivs Leipzig, Nr, 1/2 (13/14), 3. Februar / 3. Mai 2001, S. 15-22; Beginn einer Kontroverse ist mit Laska und Replik auf dessen Laska: Hoevels, https://www.lsr-projekt.de/hoevels1.html
Hoevels: Stirner II
Stirner, Psychoanalyse und Marxismus - II. Replik auf Bernd A. Laska's Beitrag „Max Stirner – ein Verächter der ‚Praxis‘?“, in: Der Einzige, Vierteljahresschrift des Max-Stirner-Archivs Leipzig, Nr, 3 (15), 3. August 2001, S. 23-31, https://www.lsr-projekt.de/hoevels2.html
Janov, Arthur Janov: Anatomie
Anatomie der Neurose. Die wissenschaftliche Grundlegung der Urschrei-Therapie, Frankfurt am Main 1974 (Fischer-Taschenbuch); engl. Original: The Anatomy of Mental Illness, New York 1971
Janov: Gefangen
Gefangen im Schmerz, Frankfurt am Main 1981; engl. Original: Prisoners of Pain; Unlocking the Power of the Mind to End Suffering, New Yorik 1980
Janov: Kind
Arthur Janov: Das Befreite Kind. Grundsätze einer primärtherapeutischen Erziehung, Frankfurt am Main 1974; engl. Original: The Feeling Child, New York, 1973
Janov: Neuer Urschrei
Der Neue Urschrei. Fortschritte in der Primärtherapie, Frankfurt am Main 1993; engl. Original: The New Primal Scream; Primal Therapy 20 Years on, Wilmington, DE 1991
Janov: Primal Man
und E. Michael Holden: Das neue Bewußtsein. Das Hauptwerk des Begründers der Primärtherapie, Frankfurt am Main 1977; engl. Original: Primal Man; The New Consciousness, 1975
Janov: Urschrei
Der Urschrei. Ein neuer Weg der Psychotherapie, Frankfurt am Main 1973 (Fischer-Taschenbuch); engl. Original: The Primal Scream, New York 1970
Kast, Bernd Kast: Stirner
Max Stirners Destruktion der spekulativen Philosophie: Das Radikal des Eigners und die Auflösung der Abstrakta Mensch und Menschheit, völlig überarbeitete und aktualisierte Fassung der Dissertation von 1979, München 2016: https://www.amazon.de/Max-Stirners-Destruktion-spekulativen-Philosophie/dp/3495488391/:
Konitzer, Martin Konitzer: Reich
Wilhelm Reich zur Einführung, Hamburg 1987, 2. überarbeitete Aufl. 1992
Krüll, Marianne Krüll: Vorträge
Freud und sein Vater. Die Entstehung der Psychoanalyse und Freuds ungelöste Vaterbindung, München 1979, erweiterte Neuauflage, Frankfurt/M. 1992
Krüll: Freud Buch
Freud und sein Vater. 1. Familiendynamische Hintergründe der Psychoanalyse, 2. Die Revision der Verführungstheorie und die Frage sexueller Übergriffe, zwei Vorträge an der Universität Freiburg, 1983: http://www.mariannekruell.de/schriftstellerin/vt-freud83-93.htm:
La Mettrie, Julien Offray de La Mettrie: Glück
Über das Glück oder Das höchste Gut („Anti-Seneca“), übersetzt von Bernd A. Laska, Nürnberg 1985; frz. Original: Anti-Seneque ou le Souverain bien, Potsdam 1750, https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1523675n
La Mettrie: Maschine
Der Mensch als Maschine, übersetzt von Bernd A. Laska, 1985, frz. Original: L’homme machine (1748), https://archive.org/details/lhommemachine00lame
La Mettrie: Philosophie und Politik
Philosophie und Politik, herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von Bernd A. Laska, Nürnberg 1987, aus: Discours préliminaire, in: Œuvres philosophiques de La Mettrie, 1751ff, oder: Nouvelle édition, Précédé de son Eloge, Par Frédéric II, roi de Prusse, Tome premier (1796), und: Système d’Épicure, auch aus: Œuvres philosophiques, https://archive.org/details/oeuvresphilosoph01lameuoft
La Mettrie: Wollust
Die Kunst, Wollust zu empfinden, herausgegeben und eingeleitet von Bernd A. Laska, Nürnberg 1987; frz. Original: Julien Offroy de La Mettrie: L'art de joüir, Leyden 1748, http://www.leboucher.com/pdf/lamettrie/b_lam_aj.pdf, https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1513433b/f8.item
Laska, Bernd A. Laska: Anthologie
Das LSR-Projekt. Die Negation des irrationalen Über-Ichs. Eine Anthologie, herausgegeben von Christian Fernandes, Würzburg 2024
Laska: Dissident
Ein dauerhafter Dissident, 150 Jahre Stirners „Einziger“. Eine kurze Wirkungsgeschichte, Nürnberg 1996
Laska: Einleitung Glück
Einleitung zu La Mettrie: Glück, https://www.lsr-projekt.de/poly/lm2.html
Laska: Einleitung Maschine
Einleitungs-Essay zu La Mettrie: Maschine, https://www.lsr-projekt.de/poly/lm1.html
Laska: Intro LSR
Intro zur Internetseite www.lsr-projekt.de, 1998
Laska: Hit
Ein heimlicher Hit. 150 Jahre Stirners „Einziger“. Eine kurze Editionsgeschichte, Nürnberg 1994
Laska: Hoevels
Max Stirner – ein Verächter der „Praxis“? Eine Replik auf Fritz Erik Hoevels‘ „Stirner, Psychoanalyse und Marxismus“, in: Der Einzige. Vierteljahresschrift des Max-Stirner-Archivs Leipzig, Nr. 1/2 (13/14), 3. Februar 2001, S. 22-30, https://www.lsr-projekt.de/mspraxis.html
Laska: Katechon Anarch
„Katechon“ und „Anarch“. Carl Schmitts und Ernst Jüngers Reaktionen auf Max Stirner, Nürnberg 1997
Laska: LSR Anarcho
LSR als „anarchistisches“ Projekt in: Die richtige Idee für eine falsche Welt. Perspektiven der Anarchie, Berlin 2002, www.lsr-projekt.de/anarcho.html
Laska: Reich
Wilhelm Reich mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, dargestellt von Bernd A. Laska, Rowohlt-Monographie. Reinbek bei Hamburg 1981
Laska: Rousseau
1750 – Rousseau verdrängt La Mettrie. Eine ideengeschichtliche Weichenstellung, in: Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie, 4/2012, 174–185, https://www.lsr-projekt.de/Rousseau-La-Mettrie.html
Laska: Selbstermächtigung
Individuelle Selbstermächtigung und rationales Über-Ich. Max Stirner als psychologischer Denker, in: Wolf-Andreas Liebert und Werner Moskopp (Hg.): Die Selbstermächtigung der Einzigen. Texte zur Aktualität Max Stirners, LIT-Verlag, Berlin 2014, S. 127–163: https://lsr-projekt.de/Max-Stirner-Psychologe.html, https://lsr-projekt.de/Max-Stirner-Psychologe.pdf
Laska: Stirner
Max Stirner. Leben, Werk, Wirkung, Würzburg 2024, herausgegeben von Christian Fernandes
Laska, Bernd A. / Schmitz, Hermann Laska Schmitz: Briefwechsel
Bernd A. Laska | Hermann Schmitz. Der Briefwechsel (1993–2016). Aus dem Vorlass von Bernd A. Laska, herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Christian Fernandes, Würzburg 2024, https://verlag.koenigshausen-neumann.de/product/9783826085062-bernd-a-laska-hermann-schmitz/, Vorwort und Briefe 1993 bis 2000 auch als Leseprobe auf Amazon
John Henry Mackay Mackay: Stirner
John Henry Mackay: Max Stirner – sein Leben und sein Werk, Reprint der dritten, völlig durchgearbeiteten und vermehrten Auflage, Mackay-Gesellschaft, Freiburg/Br. 1977
Maier, Joseph B. Maier: Frankfurt School
Georg Lukács and the Frankfurt School: A Case of Secular Messianism, in: Judith Marcus and Zoltán Tarr (Editors): Georg Lukács. Theory, Culture, and Politics, New Brunswick (U.S.A.) and Oxford (U.K.) 1989, https://books.google.com/books?hl=de&lr=&id=bJDEagebvS0C&oi=fnd&pg=PA11&dq=Joseph+B.+Maier:+Georg+Luk%C3%A1cs:+Theory,+Culture,+and+Politics&ots=9XtOFKacMC&sig=aAZ-C_LKAnaMO-O1SaNO1i7Zv58#v=snippet&q=Maier&f=false,
https://web.archive.org/web/20210308065208/http://callmejorgebergoglio.blogspot.com/2017/08/the-frankfurt-school-extension-of.html:
Ollendorf, Ilse Ollendorf: Reich
Wilhelm Reich. Das Leben des großen Psychoanalytikers und Forschers, aufgezeichnet von seiner Frau und Mitarbeiterin, München 1974; engl. Original: Wilhelm Reich, a Personal Biography, New York 1969
Petzold, Hilarion G. Petzold: Stirner Perls
Exkurs Kontextualisierende Biographik – Perspektiven und Spuren von Max Stirner bei F. S. Perls und der Dissens der Integrativen Therapie, 2006 verfasst und 2007 überarbeitet, Anhang I zu: Hilarion G. Petzold in Ko-respondenz mit Johanna Sieper und Ilse Orth: TRANSVERSALE VERNUNFT. Fritz Perls, Salomo Friedlaender, Max Stirner und die Gestalttherapie – einige therapiegeschichtliche Überlegungen zu Quellen, Bezügen, Legendenbildungen und integrativen Weiterführungen als Beitrag zu einer „allgemeinen Theorie der Psychotherapie", in Ausgabe 16/2013 von POLYLOGE. Materialien aus der Europäischen Akademie für biopsychosoziale Gesundheit. Eine Internetzeitschrift für „Integrative Therapie“ (peer reviewed), herausgegeben von: Univ.-Prof. Dr. mult. Hilarion G. Petzold: https://www.researchgate.net/publication/316644612_TRANSVERSALE_VERNUNFT_Fritz_Perls_Salomo_Friedlaender_Max_Stirner_und_die_Gestalttherapie_-_einige_therapiegeschichtliche_Uberlegungen_zu_Quellen_Bezugen_Legendenbildungen_und_integrativen_Weiterfuhru:
Reich, Wilhelm Reich: Charakteranalyse
Charakteranalyse, Köln–Berlin 1970; engl. Original: Charakter Analysis, 1949 (nicht zu verwechseln mit: Charakteranalyse. Technik und Grundlagen für Studierende und praktizierende Analytiker, Internationaler Psychoanalytischer Verlag Wien 1933)
Reich: Christusmord
Christusmord, übersetzt von Bernd Laska [sic], Freiburg im Breisgau, 1978, 2. Auflage 1979; engl. Original: The Murder of Christ, 1953, geschrieben Juni–August 1951
Reich: Faschismus
Die Massenpsychologie des Faschismus, Köln–Berlin 1971, (Fischer-Taschenbuch 6250); engl. Original: The Mass Psychology of Fascism, 1970 (nicht zu verwechseln mit: Wilhelm Reich: Die Massenpsychologie des Faschismus. Zur Sexualökonomie der politischen Reaktion und zur proletarischen Sexualpolitik, 1933)
Reich: Inzest
Über einen Fall von Durchbruch der Inzestschranke in der Pubertät, Zeitschrift für Sexualwissenschaft, VII, 1929, erschienen in: Frühe Schriften, Bd. 1, Frankfurt am Main 1983 (Fischer-Taschenbuch 6756)
Reich: Krebs
Die Entdeckung des Orgons I: Der Krebs, Köln–Berlin 1974; engl. Original: The Cancer Biopathy, 1948
Reich: Orgasmus
Die Entdeckung des Orgons I: Die Funktion des Orgasmus. Sexualökonomische Grundprobleme der biologischen Energie, Köln–Berlin 1969; engl. Original: The Function of the Orgasm (The Discovery of the Orgone Vol. I), 1942 (nicht zu verwechseln mit: Wilhelm Reich: Die Funktion des Orgasmus. Zur Psychopathologie und zur Soziologie des Geschlechtslebens, Internationaler Psychoanalytischer Verlag Wien 1927)
Reich: Zwangsmoral
Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Köln–Berlin 1972; engl. Original: The Invasion of compulsory Sex-Morality, 1971 (nicht zu verwechseln mit: Wilhelm Reich: Der Einbruch der sexuellen Moral. Zur Geschichte er sexuellen Ökonomie, Verlag für Sexualpolitik 1933, erweitert 1935)
Sharaf, Myron Sharaf: Reich
Wilhelm Reich. Der heilige Zorn des Lebendigen. Die Biografie, Berlin 1994; engl. Original: Fury on Earth – A Biography of Wilhelm Reich, New York, 1983
Stirner, Max Stirner: Einziger
Der Einzige und sein Eigentum, 1845, Reclam-Taschenbuch Stuttgart 1972
Stirner: Parerga
Parerga, Kritiken, Repliken; Nürnberg 1986
Töpfer, Peter Töpfer: Aufklärer
Radikale Aufklärer und Gegenaufklärer – vereinigt Euch! Bausteine zur Neuen Aufklärung und zum editorischen Stand des LSR-Projekts als deren intellektuellem Flaggschiff, 2022: https://blog.peter-toepfer.de/allgemein/radikale-aufklaerer-und-gegenaufklaerer-vereinigt-euch/, https://gegenstrom.org/radikale-aufklaerer-und-gegenaufklaerer-vereinigt-euch/
Töpfer: Dugin Heimat
Subjekts. Das Entstehen von Zugehörigkeit – die Entdeckung der Heimat. Zu Alexander Dugin: >Eurasische Mission< (Arktos London 2022), mit einem Vorwort „Das Radikale Subjekt als Katechon“ von Peter Töpfer (Video-Reihe, Kurztitel: “Dugin Heimat”), https://tiefenwahrheit.de/weitere-texte/text-fassungen-dugin-heimat/, https://www.youtube.com/watch?v=2R79_-GHNbw&list=PLvnPNlSwjOOn2gUcwj8p0Xq7seuI90QMb
Töpfer: Gedichte
Gedichte 1977–2005, 2005, http://faultierfarm.net/produkt/gedichte/
Töpfer: Nationalanarchismus
Nationalanarchismus. Manifest und Texte 2000 bis 2004, 2004
Töpfer: nationale Anarchie
nationale Anarchie. Texte 1997 bis 2000. Mit einem Briefwechsel mit Christian Worch, 2004
Töpfer: Objekt-Orientierung
Objekt-orientierte Ontologie und Entfremdung, 2022: https://multipolaristen.de/multipolaristen/post-psychologie/individual-post-psychologie/peter-toepfer-objekt-orientierte-ontologie-und-entfremdung-27-8-2022/
Töpfer: Pan-Agnostik
Pan-Agnostik. Erscheinungsformen der Metaphysik und deren Wertlosigkeit für die Existenz. Für ein theïstisch-agnostisches Bündnis im Kampf gegen Great Reset und Transhumanismus, 2023, http://faultierfarm.net/produkt/pan-agnostik-buch/
Töpfer: Vorhang auf!
Peter Post (Pseudonym für Peter Töpfer): Vorhang auf!, http://peter-post.net/post-musik/vorhang-auf/
Töpfer: Wagner
Peter Post (Pseudonym von Peter Töpfer): Die Post-Musik – des Manifestes erster Teil: Vom „Reinmenschlichen“ zum „Wahrsager“. Kunst heute in der Nachfolge von Richard Wagner, 2014, http://peter-post.net/post-musik/manifest/
Töpfer: Wahrheit
Die Wahrheit – sie sagen und in ihr leben, 2006, http://faultierfarm.net/produkt/wahrheit/, digital: http://faultierfarm.net/produkt/wahrheit-digital/
Wright, Paki S. Wright: Souls
The All Souls' Waiting Room. A Black Comedy about Karma and Killing Yourself, 1st Book Library 2002

796
132 Vgl. Bernd A. Laska: 1750 – Rousseau verdrängt La Mettrie. Eine ideen-
geschichtliche Weichenstellung, in: Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für
freies Denken und humanistische Philosophie,
19. Jg. 2012, Band 4/2012, S. 174–185, http://www.lsr-projekt.de/Rousseau-
La-Mettrie.html
133 Udo Bermbach: Mythos Wagner, Berlin 2013, S. 77; Zitate Richard
Wagners aus: Gesammelte Schriften und Dichtungen. 10 Bände und 2 Er-
gänzungsbände, Leipzig o.J. (1907), Bd. 3 S. 32
134 Töpfer: Wagner, Kapitel 4: vertiefende Darstellung Wagners Wider-
sprüchlichkeit und deren Ursachen, I – Hegel, II – Feuerbach, III – Scho-
penhauer (statt Stirner), http://peter-post.net/post-musik/manifest/teil-4-
vertiefende-darstellung-wagners-widerspruchlichkeit/
135 Brief an König Ludwig II. von Bayern vom 26. Januar 1867, zit. in: Mar-
tin Gregor-Dellin: Richard Wagner – Sein Leben. Sein Werk. Sein Jahrhun-
dert, München Zürich 1980, S. 391
136 Martin Gregor-Dellin: „Richard Wagner – Sein Leben. Sein Werk. Sein
Jahrhundert, München Zürich 1980, S. 334, Zitate aus „Oper und Drama“
137 Martin Gregor-Dellin: „Richard Wagner – Sein Leben. Sein Werk. Sein
Jahrhundert, München Zürich 1980, S. 333, Wagner-Zitate aus: „Oper und
Drama“
138 Günter Kunert: Doppelgänger, in: Verspätete Monologe, München
Wien 1981, S.71–73
139 Iurie Roșca: Satanic Transhumanism, 9. Juni 2023,
https://arktos.com/2023/06/09/satanic-transhumanism/; https://multipola-
risten.de/iurie-rosca/
140 Günter Kunert, aaO, S. 73
141 https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Golem
142 ebenda
143 Trizophrenie: Video: wissenschaftliche Fassung: https://youtu.be/Q-
LzxvYknts, https://rumble.com/v6suf57-trizo.html, https://ody-
see.com/@tiefenwahrheit:1/trizophrenie-BOUNCE-Neu-Wissenschaftsver-
sion:6, Kino-Fassung: https://youtu.be/-vsmj9Yl4kw, https://ody-
see.com/@tiefenwahrheit:1/trizo-kino:e, https://rumble.com/v6t5jer-trizo-
kino.html, Schrift-Fassung:
https://tiefenwahrheit.de/trizophrenie-dr-jekyll-mr-hyde-und-der-kleine-
eigner-max-stirner/
144 https://en.wikipedia.org/wiki/Peter_Wessel_Zapffe

797
145 ebenda
146 https://youtu.be/V0_cqYt4img, 4. Teil der 7-teiligen Video-Reihe
„Hölderlin & Tiefenwahrheit“, https://www.youtube.com/play-
list?list=PLvnPNlSwjOOmyARGSx9oEpTCBIhw8pas1
147 Töpfer: Vorhang auf!
148 Günter Kunert: Todesnachricht, in: Im weiteren Fortgang. Gedichte,
München 1974, S. 66
149 „Im Kreise der ‚Freien‘ hatte sich im Laufe der Zeit das Gerücht ver-
breitet, daß Max Stirner an einem umfangreichen Werk arbeite, zu dem er
‚bereits Blatt auf Blatt gehäuft‘ und das immer noch, ‚das ganze eigentüm-
liche Gewebe seiner Gedanken in sich aufnehmend‘, anwachse.“ Mackay:
Stirner, S. 126
150 Laska: Stirner, Laska: Katechon Anarch, Laska: Hit, Laska: Dissident
151 Mackay: Stirner
152 „James Joyce liess [übrigens] sein ‚Portrait of the Artist as a Young
Man‘ erstmals in The Egoist [eine Zeitschrift der Stirnerianerin und Anar-
chistin Dora Marsden] in Fortsetzungen drucken.“ Bernd A. Laska: Dora
Marsden – „Stirner des Feminismus“? in: 5. Lieferung des „Lexikon der
Anarchie“, Bösdorf: Verlag Schwarzer Nachtschatten, 1993ff,
https://www.lsr-projekt.de/marsden.html
153 Stanislaus Joyce: Meines Bruders Hüter. Mit einem Vorwort von T. S.
Eliot und einer Einführung von Richard Ellmann. Deutsch von Arno
Schmidt. Frankfurt: Suhrkamp 1960
154 Mackay: Stirner, S. 162
155 Kneipe in der Lychener Straße, Berlin, https://www.augustfengler.de/
156 „Aber wie er keinen Feind hatte, so hat er auch keinen einzigen inti-
men Freund besessen.“ Mackay: Stirner, S. 87
157 Stirner: Parerga, S. 167
158 ebenda
159 ebenda
160 Reich: Charakteranalyse, S. 384
161 Salomo Friedlaender alias Mynona, Pseudonym für den Literaten
Friedlaender, zit. bei Petzold: Stirner Perls (F/M 1920/1980, 14),
162 Stirner: Parerga, S. 170
163 Stirner: Einziger, 398–400
164 https://youtu.be/GNwzpvksbaU
165 ebenda, S. 399

798
166 ebenda
167 La Mettrie: Maschine, https://www.lsr-projekt.de/verlag.html#lsrqu1
168 Töpfer: Pan-Agnostik
169 Stirner: Einziger, S. 399
170 ebenda, S. 398
171 Töpfer: Pan-Agnostik
172 Laska: Stirner, S. 52; die Fußnote dort lautet: Vgl. EE [Einziger] S. 40,
KS S. 406 [KS – Kleinere Schriften? – Fehlt in der Abkürzungsübersicht
auf S. 140/141]
173 Stirner: Einziger, S. 40
174 Töpfer: Pan-Agnostik
175 Töpfer: Gedichte, S. 3
176 Reich: Charakteranalyse, S. 316
177 Peter Nasselstein: „Denken“ als Abwehr, in: Glossar der Orgonomie.
Humana conditio ex orgonomico prospectu, https://orgonomie.net/hdor-
gonomia.pdf
178 ebenda
179 Träume und Alpträume hatte ich noch viele Jahre davon. Der Leis-
tungssport war eine Art starke Konditionierung, eigentlich Programmie-
rung, die aber weniger verbal, eher über unbewußte Emotionen wirkte.
Vielleicht unterschied sie sich darin vom „MK-Ultra“, wo auch Kognitives
benutzt wird; das war noch gründlicher und schlimmer.
180 Max Stirner: Kleine Schriften, S. 413, zit. bei: Laska: Stirner, S. 17
181 https://www.youtube.com/watch?v=Ar_ObQIssRMw
182 Das beschränkte sich auf den Katechismus. Ich war „Maoist“ und hörte
Radio Tirana.
183 Laska: WRB-Story (Entwurf 2003), veröffentlicht 2023, https://lsrma-
schinenraum.substack.com/p/wrb-story-entwurf-2003?utm_cam-
paign=post&utm_medium=web
184 Reich: Orgasmus, also die Fassung von 1942, nicht das gleichnamige
Buch von 1927
185 Peter Töpfer: Die Vaterschaftslüge. Für Sinn, Matriarchat und Män-
neremanzipation, in: Töpfer: Nationalanarchismus, S. 182, und in: Auto
Nr. 9, Februar 2004, http://nationalanarchismus.de/Nationalanarchis-
mus/Auto-_9/Vaterschaftsluege1/vaterschaftsluege1.html
186 Reich: Orgasmus, S. 212
187 Reich: Krebs, S. 77

799
188 Peter Nasselstein: Reflektionen über Max Stirner von konservativer
Warte (Teil 149): https://nachrichtenbrief.com/2024/08/23/reflektionen-u-
ber-max-stirner-von-konservativer-warte-teil-149/
189 Peter Töpfer: Der Unsinn vom Fortpflanzungs- und Arterhaltungstrieb.
Gegen die Lügen der Wixenschaftler! Des Finalismus’ Finale, der Teleolo-
gie Telos. Stürzen wir Telos, den Theo der Neuzeit! Radikaler Bio-Revisio-
nismus, Punk-Naturphilosophie, Auto 2005, http://nationalanarchis-
mus.de/Nationalanarchismus/auto20/teleologie/teleologie.html
190 Stirner: Einziger, S. 3ff
191 Ronald Hinner: Max Stirners Religionskritik. Zur Reanimation der Auf-
klärung, Februar 2012,
https://www.academia.edu/1503270/Max_Stirners_Religionskri-
tik_Zur_Reanimation_der_Aufkl%C3%A4rung
192 Christian Rudolph: Über Wilhelm Reichs „Die kosmische Überlage-
rung“. Eine Lesebegleitung, Frankfurt am Main 1997, S. 21
193 Armin Bechmann: Über Wilhelm Reichs Orop-Wüste und Orgonfor-
schung. Eine Lesebegleitung, Frankfurt am Main 1997, S. 50
194 ebenda, S. 57
195 ebenda, S. 60; siehe auch: Peter Nasselstein: Ein kurzer Versuch über
den orgonomischen Funktionalismus, 2025, https://nachrichten-
brief.com/2025/03/10/ein-kurzer-versuch-uber-den-orgonomischen-funk-
tionalismus/
196 Wilhelm Reich: Das Oranur-Experiment. Erster Bericht (1947–1951),
Frankfurt am Main 1997, S. 12
197 https://youtu.be/RXrHZvbJuzY
198 https://www.youtube.com/watch?v=y-DJj7hbUpk
199 Stirner: Einziger, S. 173
200 Lenz Prütting: Brechts Metamorphosen im Wandel seiner Gläubigkei-
ten, Würzburg 2022, Fußnote 3) zu Kapitel 4.5 Bilanz und Ausblick (S.
152): https://verlag.koenigshausen-neumann.de/product/9783826075964-
brechts-metamorphosen-im-wandel-seiner-glaeubigkeiten/: „Heiner Mül-
ler hat für seine Bühnenfassung des „Fatzer“-Materials unter dem Titel
„Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer, Frankfurt am Main 1994, […]
so sehr ‚vermüllert‘, daß man diese Bühnenfassung für eine Analyse von
Brechts Werksentwicklung nicht mehr gebrauchen kann. Aber auch Hei-
ner Müller kam nicht auf die Idee, daß das überaus umfangreiche „Fat-
zer“-Material im Brecht-Nachlaß (ca. 400 Seiten) etwas mit der sehr

800
schwierigen Emanzipation Brechts von Stirner zu tun habe könnte, obwohl
er dies wohl dunkel geahnt haben muß, denn […]. (hervorgehoben von mir,
PT) Heiner Müller war das alle zu blöde, er wollte mehr action, mehr „Tra-
gik“: „Doch dann kommt Müller alsbald wieder auf sein eigenes zentrales
Thema, auf sein allgemeines Quengeln nach neuen Quellen von wirklich
tragischen Konflikten, und seine Argumentation driftet ab in Richtung
RAF […].“
201 ebenda
202 Laska: Stirner, S. 80
203 https://youtube.com/shorts/-jtX86orFqE
204 Isaiah Berlin: The sense of reality, London (1996); deutsch: Wirklich-
keitssinn. Ideengeschichtliche Untersuchungen, Berlin 1998, zit. in: Pet-
zold: Stirner Perls
205 Laska: Stirner, S. 51; zum Inhalt dieser Aussage siehe Laska: Vision
206 Lenz Prütting weiß sehr viel darüber. Warum Brecht von der Radikali-
tät Stirners fasziniert war, dann sich aber doch von diesem emanzipiert
hat, hängt mit einem Sterben in Zusammenhang mit der Mutter zusam-
men: mit einer „Todeserfahrung, die allerdings auch eine nur partielle To-
deserfahrung sein kann“, einem „überwältigenden Erlebnis von privativ
erfahrener Leiblichkeit in Form privativer Engung (Schreck etc.) oder
Weitung (Schweben etc.), Panzerung oder Aufweichung“ (man achte auch
die Reich‘sch-Schmitz’sche Sprache), einem „Herzanfall“ in Brechts Kind-
heit und einer aus all dem resultierenden „Herzneurose“. Die „Überwin-
dung“ Stirners geht mit der Verdrängung des eigenen Eigners aufgrund
zu großen Schreckens einher: „‚Wer so stirbt, also an der Mutterbrust im
mütterlichen Würgegriff, der stirbt wohl.‘ Und als Brecht nach diesem
Herzanfall wieder zu sich kam, muß er sich geschworen haben: ‚Das wird
mir nie wieder passieren!‘ In diesem Augenblick, in dieser initialen Krise,
wurde der Dichter Brecht geboren.“ Brief an Bernd A. Laska vom
19.3.2004. Prütting hat 1985 auch einen „Brecht/Stirner-Aufsatz“ geschrie-
ben, der, vom Herausgeber Kurt W. Fleming gekürzt, in der Zeitschrift
Der Einzige erschienen ist (Brief an Laska vom 14.5.04), mir aber leider
nicht vorliegt. Siehe auch Prüttings Text „Vom Einsamen zum Einzigen.
Anmerkungen zu Brechts Baal“ im Programmheft zur „Baal“-Inszenie-
rung an den Städtischen Bühnen Augsburg 1992.

801
207 Peter Nasselstein ging es genauso: „In einem dieser Bücher stieß ich
schließlich auf eine Annonce für Laskas Zeitschrift ‚Wilhelm Reich Blät-
ter‘.“ https://nachrichtenbrief.com/2025/04/16/zum-gedenken-an-bernd-a-
laska-4-august-1943-8-april-2025-teil-3/
208 emotion. Die Wilhelm-Reich-Zeitschrift, offizielles Organ der Wilhelm-
Reich-Gesellschaft, 1980 bis 2002 (?), https://www.berndsenf.de/Emoti-
onUebersicht.htm
209 https://www.lsr-projekt.de/wrb/wrb1.html
210 Laska: Stirner, S. 95; zur aktuellen Stirner-Gesell-Diskussion siehe:
Ronald Hinner: Max Stirner und Silvio Gesell. Zur Auflösung des marxis-
tischen Banns, https://www.academia.edu/4047262/Max_Stirner_und_Sil-
vio_Gesell_Zur_Aufl%C3%B6sung_des_marxisti-
schen_Banns?auto=download&email_work_card=download-paper
211 https://www.lsr-projekt.de/wrb/wrb.html, Helms: Ideologie
212 Matthias Sprengler: Wilhelm Reich / Arthur Janov – ein Vergleich ihrer
Werke (Zusammenfassung einer medizinischen Dissertation), WRB, Heft
3/82, (S.89–128), https://www.lsr-projekt.de/wrb/wrb.html
213 Bernd A. Laska: Zur aktuellen Rezeption [1981/82] Wilhelm Reichs, Ka-
pitel Hans Krieger, https://www.lsr-projekt.de/wrb/wrb5.html#krieger
214 ebenda
215 ebenda; S. Freud, Neue Folge…, Fischer-TB 6390, S.124, 127
216 Sharaf: Reich, S. 44
217 Janov: Primal Man, S. 470 http://www.nationale-anarchie.nationalanar-
chismus.de/Zulieferer/Vorlaufer/Primarmensch/primarmensch.html
218 Peter Nasselstein: Die Orgonomie als abtrünnige „Breakaway Civilisa-
tion“: https://nachrichtenbrief.com/2024/10/17/die-orgonomie-als-abtrun-
nige-breakaway-civilisation/
219 Baker: Falle, S. 50
220 Baker: Falle
221 David A. Boadella: Wilhelm Reich. Leben und Werk des Mannes, der in
der Sexualität das Problem der modernen Gesellschaft erkannte und der
Psychologie neue Wege wies, Bern und München 1981; engl. Original
1980
222 Sharaf: Reich
223 https://youtu.be/mIa1v5S1kfw
224 https://youtu.be/4HcZPP3wqms
225 https://es.wikipedia.org/wiki/Roger_Gentis

226 Roger Gentis: Leçons du corps: https://www.babelio.com/livres/Gentis-

Lecons-du-corps/349221

227 https://youtu.be/MAKFe1IYYn4

228 Claude Allais: Analyse primale, Paris 1980: http://excerpts.numi-

log.com/books/9782725603742.pdf

229 http://peter-toepfer.de/Dressman/dressman.html, http://peter-toep-

fer.de/Schwimmeister/schwimmeister.html

230 Z.B.: Stirner: Einziger, S. 65

231 Das Institut in NYC wurde 1982 geschlossen, das Pariser ist soz. seine

Fortsetzung gewesen. Das 1968 gegründete Primal Institut wurde von Ja-

novs erste Frau Vivian, geb. Glickstein, weitergeführt (bis heute):

http://www.primalinstitute.com/. Wahrscheinlich hat Janov gemeinsam

mit seiner neuen Frau, der Französin France D. Janov, geb. France Daunic,

1977 das New Yorker Institut gegründet, das beide 1982 schlossen und

nach Paris verlagerten. Aber es gab wohl auch ab 1980 (nach der Tren-

nung von Vivian im Jahre 1975) außer dem New Yorker ein zweites, von

Arthur (und France?) betriebenes Institut: das „Janov Primal Center“ in

Venice, Los Angeles (1205 Abbot Kinney Boulevard). 1985 ist das Pariser

Institut dann als „The Only Authorized Center for Primal Therapy“ wie-

der in Santa Monica, Kalifornien, aufgemacht worden, diesmal in Culver

City, CA 90230: https://primaltherapy.net/. Arthur Janov starb 2017 im Al-

ter von 93 Jahren; France Janov hatte das Center zunächst weitergeführt,

hat sich aber 2018 in Rente begeben: https://primaltherapy.net/wp-con-

tent/uploads/2023/01/FJ-retirement-letter-2018…pdf; seitdem leitet Ken Se-

man das Center: https://primaltherapy.net/arthur-janov

232 Jetzt erinnere ich mich daran, wie ich mir genau darum Gedanken

machte: Wer wird wohl warum mein Therapeut werden?

233 Töpfer: Wahrheit; Töpfer: Pan-Agnostik: Kapitel 35. Wissenschaft 2.0

an der Schwelle zur Existenz, 35.1. Arthur Janov als Fortführer der Proto-

Post-Philosophien des 19. Jahrhunderts, S. 106; Video: Von der Primärthe-

rapie zur Tiefenwahrheit, 2019: https://www.y-

outube.com/watch?v=Z3v8dXEmIdg&t=15s

234 https://www.lemonde.fr/archives/article/1985/07/19/une-therapie-a-

bout-de-souffle_2739853_1819218.html

235 Ob er beim Primärinstitut seiner ersten Frau Vivian, das er ja selbst

mitgegründet hat, davon eine Ausnahme gemacht hat, weiß ich nicht.

236 https://primaltherapy.net/primal-therapy-and-john-lennon

803

237 https://youtu.be/7GdPAnM2UzY

238 Vgl. Töpfer: Vorhang auf!

239 Janov: Urschrei, S. 49/50

240 Reich: Charakteranalyse S. 563f., zit. bei Sharaf: Reich, S. 378

241 Sharaf: Reich, S. 379

242 Janov: Primal Man, S. 275f., 289, 290

243 ebenda, S. 233

244 Janov: Anatomie, S. 86/87

245 Janov: Primal Man, Co-Autor der Neurologe E. Michael Holden: Das

dreigeteilte Gehirn, S. 77

246 Töpfer: Objekt-Orientierung

247 Zur Verwandlung und Rückverwandlung der Wahrheit und daß es

keine Lügen gibt, nur aktuelle Wahrheiten, siehe Töpfer: Wahrheit, Kapi-

tel „Es gibt keine Lüge“, S. 244

248 Janov: Neuer Urschrei, S. 66/67

249 Siehe Töpfer: Pan-Agnostik, Kapitel 35.2. Die Germanische Heilkunde

nach Ryke Geerd Hamer, S. 111

250 Reich: Orgasmus, S. 215

251 ebenda

252 Peter Töpfer: Ketogene bzw. Paläo-Ernährung (als Primär-Ernährung)

und Primär-Psychotherapie. Die jeweils weißen/blinden Flecken der

Psycho- und Physiologen, https://tiefenwahrheit.de/die-ketogene-bzw-pa-

laeo-ernaehrung-als-primaer-ernaehrung-und-primaer-psychotherapie/

253 Töpfer: Pan-Agnostik, Kapitel 35.2. Die Germanische Heilkunde nach

Ryke Geerd Hamer, S. 111

254 Stirner: Einziger, S. 46, 65

255 Laska: Stirner, S. 96

256 ebenda, S. 97

257 Bernd A. Laska: Wilhelm Reich – Essenz und Konsequenz (2002):

https://www.lsr-projekt.de/wrinnuce.html; siehe auch: https://www.lsr-

projekt.de/wrzwang.html, https://www.lsr-projekt.de/wrlex.html,

https://www.lsr-projekt.de/wrfreud.html usw.

258 Laska: Stirner, S. 96

259 Peter Töpfer: Irren-Offensive (zur gerichtlich angeordneten psychiatri-

schen Untersuchung auf „schwere seelische Abartigkeit“ und „krankhafte

804

seelische Störung“ von Andreas Röhler), 1997, http://nationale-anar-

chie.nationalanarchismus.de/Guerilla_/DemoGuerilla/IrrenDemo/irren-

demo.html

260 Laska: Stirner, S. 96

261 2024 als Laska „Max Stirner. Leben, Werk, Wirkung“ (Laska: Stirner)

erschienen

262 Laska: Anthologie S. 23, Laska: Anarcho

263 Einleitung zu: Reich: Christusmord, S. 24

264 Jean Liedloff: Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Gegen die

Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit, München

1980; engl. Original: The Continuum-Concept: In Search of Lost Happi-

ness, London 1975

265 Claudia von Werlhof: Väter des Nichts: Zum Wahn einer Neuschöp-

fung der Welt. Band 1 und 2 https://www.amazon.de/V%C3%A4ter-

Nichts-Neusch%C3%B6pfung-Antike-Neu-

zeit/dp/3943007367?ref_=ast_author_mpb

266 Emotionally Aware AI. With Yuval Harari and Andrew Ross Sorkin, re-

corded on Sept. 8th, 2024: https://www.y-

outube.com/watch?v=mcFxYIp5SSU

267 https://en.wikipedia.org/wiki/Attention_Is_All_You_Need

268 Henry Kissinger, Eric Schmidt, Craig Mundie: Genesis: Artificial Intelli-

gence, Hope, and the Human Spirit, 2024; https://axelkra.us/henry-kissin-

gers-letzte-warnung-bereiten-sie-sich-jetzt-darauf-vor-dass-uebermen-

schen-die-erde-kontrollieren-ryan-lovelace/

269 https://www.youtube.com/watch?v=JBPrvDY6hzo

270 https://www.lsr-projekt.de/wrb/wrb1.html

271 Wilhelm Reich: Die Sexualität im Kulturkampf. Zur sozialistischen

Umstrukturierung des Menschen, Kopenhagen 1936

272 Vera Schmidt, geb. Janizki, Mutter: Elizaweta Lwowna Grosman. 1921

eröffnete Schmidt das psychoanalytische Kinderheim-Laboratorium „In-

ternationale Solidarität“ in Moskau, das im gleichen, von Fjodor Schechtel

gebauten prächtigen Jugendstilgebäude untergebracht war wie das Psy-

choanalytische Institut. Das Laboratorium war dem Moskauer Psycho-

neurologischen Institut angeschlossen. In ihm arbeiteten neben Schmidt

Alexander Luria, Mosche Wulff und die prominente Psychoanalytikerin

Sabina Spielrein. Die Gelder kamen vom Volkskommissariat für Aufklä-

rung. Schmidt leitete das Laboratorium bis 1925; danach arbeitete sie bis

805

1929 am Institut für höhere Nervenfunktionen der Kommunistischen

Akademie in Moskau.

273 Wilhelm Reich: Der Kampf um das ‚neue Leben‘ in der Sowjetunion,

in: W.R.: Die sexuelle Revolution, Frankfurt am Main 1966, zit. bei Boa-

della S. 76

274 https://youtu.be/JTWr0nZDoGE

275 https://t.me/auf1tv/11190

276 Siehe Video „Trizophrenie“, Kapitel 3.7.1., Anm. 143

277 Töpfer: Gedichte, S. 7

278 Töpfer: Vorhang auf!

279 Reich: Charakteranalyse, S. 326

280 Ströme-Institut e. V. zur Förderung integrativer Körperarbeit, das mit

Volker Knapp-Diederichs und der Wilhelm-Reich-Gesellschaft in Zusam-

menhang hing, inzwischen in die Gneisenaustr 44-45 umgezogen:

http://www.stroeme.de/. Dort las ich in Faltblättern Texte von Volker

Knapp-Diederichs, aus denen eine gewisse Entwicklung weg von bio-

energetischer Mechanik und hin zu „Aufmerksamkeit“, „Achtsamkeit“,

Gewahr-werden“, d.h. in Richtung Phänomenologie und Tiefenwahrheit

gingen.

281 Siehe dazu: http://peter-post.net/post-musik/vorhang-auf/

282 Vgl. die Kapitel 85. Tolstois tiefe, extrem leidvolle Zerrissenheit, 86. Stefan

Zweig als literarischer Vollender Tolstois und realer Verender und 87. Stefan

Zweigs Selbstmord in Töpfer: Pan-Agnostik

283 Töpfer: Vorhang auf!, Vom formal-leeren Exzeß zum inhaltlich-vollen

Exzeß,

http://peter-post.net/peter-toepfer-vom-formal-leeren-exzess-zum-inhalt-

lich-vollen-exzess/; aus der Video-Serie „Vom leeren Formalismus zum

vollen Inhalt“: Teil 1: Große Klappe – und kein Eigner dahinter:

https://odysee.com/@tiefenwahrheit:1/bild-im-bilde-1-BOUNCE:4, Text:

https://tiefenwahrheit.de/stunde-der-tiefenwahrheit-vom-28-10-2016-gan-

zer-text/, https://tiefenwahrheit.de/zusammenfassung-der-stunde-der-tie-

fenwahrheit-vom-28-10-2016/, Teil 2: Der Frohgemute. Verlust und Rück-

gewinnung von Lebensfreude und wahrem Selbst (Max Stirners „Eig-

ner“): https://odysee.com/@tiefenwahrheit:1/bild-im-bild-2-frohgemut-

BOUNCE:8, Text: https://tiefenwahrheit.de/stunde-der-tiefenwahrheit-

vom-6-januar-2017-ganzer-text/, https://tiefenwahrheit.de/zusammenfas-

sung-der-stunde-der-tiefenwahrheit-vom-6-januar-2017/

806

284 Christian Fernandes im Vorwort zu: Laska Schmitz: Briefwechsel, S. v;

zu Schmitzens Philosophieverständnis siehe auch Schmitz: Was ist Philo-

sophie?: https://www.youtube.com/watch?v=Ujm8gQDTqPI

285 https://tiefenwahrheit.de/einfuehrung/soeren-kiergegaard-post-exis-

tenzphilosophie-und-tiefenwahrheit/, https://www.y-

outube.com/watch?v=LN4VGkbIZAA&t=660s

286 Vgl. Anm. 328

287 Töpfer: Wahrheit. Das Buch ist noch nicht konsequent stirneristisch-

nihilistisch“ und markiert den Übergang von Psychotherapie zu Tiefen-

wahrheit.

288 http://faultierfarm.net/produkt-kategorie/cds/, http://faultier-

farm.net/produkt-kategorie/downloads/ganze-cds-downloaden/,

https://www.youtube.com/playlist?list=PLwiM-

fvtPR40slFMLtg8FYxbSHmGNI8h6e,

289 http://peter-post.net/

290 https://youtu.be/LN4VGkbIZAA

291 Stirner: Einziger, S. 164

292 Karl Marx und Friedrich Engels: Die heilige Familie oder Kritik der kri-

tischen Kritik gegen Bruno Bauer und Konsorten (1844)

293 Töpfer: Vorhang auf!

294 Siehe Peter Töpfer: Vom formal-leeren Exzeß zum inhaltlich-vollen Ex-

zeß, 2025, http://peter-post.net/peter-toepfer-vom-formal-leeren-exzess-

zum-inhaltlich-vollen-exzess/; der Text sollte in dieses Buch, ist aber we-

gen Wiederholungen nach peter-post.net ausgelagert worden.

295 Töpfer: Gedichte, S. 3

296 Günter Kunert: Aufklärung I, in: Verspätete Monologe, München Wien

1981, S. 119

297 Bernd A. Laska: Max Stirner, ein dauerhafter Dissident — in nuce. Wie

Marx und Nietzsche ihren Kollegen Max Stirner verdrängten und warum

er sie geistig überlebt hat, Die Zeit, Nr. 5, 27. Januar 2000, Seite 49:

https://www.lsr-projekt.de/msinnuce.html

298 Laska Schmitz: Briefwechsel, S. 369, zit. in: Laska: Anthologie S. 6

299 Bernd A. Laska, Einleitungsessay zu: La Mettrie: Maschine, S. XVIII

300 Mackay: Stirner, S. 125

301 Töpfer: Vorhang auf!

302 Stirner: Parerga, S. 150

303 Stirner: Einziger, S. 230

807

304 Laska: Anthologie, S. 14, www.lsr-projekt.de/msinnuce.html

305 https://www.lsr-projekt.de/wrb/wrb1.html

306 Von Laska angeführtes Reich-Zitat aus: Die Sexualität im Kulturkampf.

Zur sozialistischen Umstrukturierung des Menschen, Kopenhagen 1936,

S. 17, zit. hier in: Fernandes Vorwort zu Laska Schmitz: Briefwechsel, S.

vi, bzw. Brief Laskas an Schmitz vom 16. Februar 2007

307 Stirner: Einziger, zit. bei Laska: Stirner, S. 59/60

308 Stirner: Einziger, S. 70

309 ebenda

310 ebenda, S. 332

311 ebenda, S. 70

312 Mackay: Stirner

313 Töpfer: Pan-Agnostik

314 Video „Der Sportplatz: Teil 2: Verarschung und Selbstverarschung“:

https://www.youtube.com/watch?v=QObKmDTp-44; Text-Version:

https://tiefenwahrheit.de/videos/video-reihe-der-sportplatz/der-sportplatz-

teil-2-die-verarschung/

315 https://www.youtube.com/watch?v=wQnixpX5I3c&t=4s

316 https://www.youtube.com/watch?v=HHubwI52mCY&t=1s

317 https://www.youtube.com/watch?v=xdxL-K0ZSnQ&t=1s

318 Julien Offray de la Mettrie: „Discours préliminaire“ aus: Œuvres philo-

sophiques de La Mettrie. Nouvelle édition, Précédé de son Eloge, Par

Frédéric II, roi de Prusse, Tome premier. (1796), S. 37/38: https://ar-

chive.org/details/oeuvresphilosoph01lameuoft; dt. in: La Mettrie: Philoso-

phie und Politik, S. 54

319 ebenda

320 Laska: Stirner, S. 70

321 3. Teil der Serie „Tiefenwahrheit in Aktion“: Tod – Leben Teil 2: Trauer

Abfließen – Sterben – Erlösung: https://youtu.be/v6x90e4MqJ8

322 Stirner: Parerga, S. 170

323 https://youtu.be/MBWhfAeWqBI

324 Reich: Charakteranalyse, S. 502/503

325 Stirner: Parerga, S. 159

326 Fernandes: La Mettrie Lust Vortrag

327 „Jedenfalls sind diese [die Schuldgefühle und Vorurteile], sobald sie

der Natur widersprechen, wie überflüssiges Geäst, das die vernünftige

Philosophie zu entfernen hat.“ La Mettrie: Glück, S. 13

808

328 Reich: Charakteranalyse, S. 435

329 Arthur Schopenhauer: „Obwohl oft gesagt worden, daß man der Wahrheit

nachspüren soll, auch wo kein Nutzen von ihr abzusehen, weil dieser mittelbar

seyn und hervortreten kann, wo man ihn nicht erwartet.“ Zürcher Ausgabe,

Werke in zehn Bänden, Band I: Die Welt als Wille und Vorstellung I, S. 66 f. „Der

redliche Wahrheitsforscher hat nur die Gründe einer Wahrheit zu prüfen und

nicht nach den Folgen zu fragen, ob sie etwa mit dem System unserer übrigen

Überzeugungen im Einklang stehe.“ Die beiden Grundprobleme der Ethik, S. 90

330 Töpfer: Pan-Agnostik, Kapitel 35.2. Die Germanische Heilkunde nach

Ryke Geerd Hamer, S. 111

331 https://www.gestalt.de/begruender-der-gestalttherapie.html

332 „Feeling“: sic; Janov hat der Übersetzerin vorgeschrieben, „Gefühl“

nicht zu benutzen.

333 Janov: Primal Man, S. 461/462

334 Töpfer: Wahrheit, S. 244

335 Petzold: Stirner Perls

336 ebenda

337 ebenda

338 https://de.wikipedia.org/wiki/Salomo_Friedlaender

339 Petzold: Stirner Perls

340 Der Einzige, Heft 11 und 12

341 „Und zum 4. Mal: Revolution – ein Schulprogramm“; Stirner Texte:

Das unwahre Princip unserer Erziehung“ und „Über Schulgesetze“ in:

Stirner: Parerga

342 Petzold: Stirner Perls

343 ebenda

344 ebenda

345 ebenda

346 ebenda

347 Mackay: Stirner

348 Dr. Anselm Ruest: Max Stirner. Leben – Weltanschauung – Vermächt-

nis. Berlin, o. J. Mackay äußert sich sehr negativ über das Buch: „Der ge-

nannte Verfasser aber schmückt sein Buch (dessen ersten Teil er “Leben”

Stirner’s zu nennen den Mut hat und der sich natürlich bis in die kleins-

ten Einzelheiten auf meine Arbeit stützt und sich nur auf sie stützen kann)

phantasievoll“ aus, ergeht sich in den gewagtesten Hypothesen, und der

Unverstand nennt das dann: ‚mit Farbe und Wärme erfüllen‘. Was dabei

809

herauskommt, ist natürlich kein Bild, sondern ein Zerrbild.“ Mackay: Stir-

ner, S. 21

349 Petzold: Stirner Perls

350 ebenda, 1942/1969, 14f

351 https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Goodman

352 Petzold: Stirner Perls

353 ebenda

354 https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Perls, Gerhard Stemberger: Gestalt-

theoretische Kritik an Konzeptionen der Gestalt-Therapie. Bibliographie

1974-2010. In: Phänomenal – Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychothe-

rapie, 2(1), 2010, S. 51–53.

355 https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Perls, Erving und Miriam Polster:

Gestalttherapie, 1975

356 https://de.wikipedia.org/wiki/Gestaltpsychologie

357 https://de.wikipedia.org/wiki/Gestalttheoretische_Psychotherapie

358 Bernd Bocian: Fritz Perls in Berlin 1893-1933, Wuppertal 2007, zit. bei

Petzold: Stirner Perls

359 Petzold: Stirner Perls

360 ebenda

361 Ebenda, vgl. jetzt zur Theorie der Introjektion und Interiorisierung: Pet-

zold, H. G., Sieper, J.: Über sanfte Gefühle, Herzensregungen, „euthyme

Erfahrungen“ und „komplexe Achtsamkeit“ in der „Integrativen Thera-

pie“. Überlegungen anlässlich 40 Jahre FPI und 30 Jahre EAG. Gestalt und

Integration, 2012, 73, 23–43. http://www.fpi-

publikation.de/downloads/download-polyloge/28-2012-petzold-h-sieper-

j-2012e-ueber-sanfte-

gefuehle-herzensregungen-euthyme-erfahrung.htm (Petzold 2012e).

362 Stirner: Einziger, S. 70

363 Ronald Hinner: Max Stirner und Auguste Comte. Positivismus, Politik

und Gnosis (2018): https://www.academia.edu/38074446/Max_Stir-

ner_und_Auguste_Comte_Positivismus_Politik_und_Gnosis

364 Stirner: Einziger, S. 354

365 Perls, F. S. (1969b): In and out the garbage pail. Lafayette: Real People

Press; dtsch. (1981): Verlorenes und Wiedergefundenes aus meiner Müll-

tonne, Frankfurt: Verlag für Humanistische Psychologie, W. Flach.

366 ebenda

367 Stirner: Parerga, S. 75–97

824
658 Sharaf: Reich, S. 62, Sharaf spricht hier von „um 1920 herum“ als Er-
scheinungsdatum dieses Artikels; in einer Fußnote 4 zu einer Passage auf
S. 57 wird dann aber von 1929 gesprochen.
659 ebenda, S. 64
660 Sharaf vermutet, daß Reich sich „ein Jahr jünger gemacht hat“; „mit ei-
ner Sicherheit wissen wir, daß Reich dreizehn war, als seine Mutter
Selbstmord beging.“ Sharaf: Reich, S. 596, Fußn. 14
661 Sharaf: Reich, S. 64, aus der Fußn. 13 geht hervor, daß Reichs Frauen
Eva Lindenberg und Ilse Ollendorf das „Herauspressen“ nicht bestätigen.
662 Reich: Inzest, Sharaf: Reich, S. 63
663 Sharaf: Reich, S. 70
664 Reich, Inzest, Sharaf: Reich, S. 62–64
665 Sharaf: Reich, S. 64
666 ebenda, S. 65
667 ebenda
668 ebenda, S. 64
669 ebenda, S. 69
670 ebenda, S. 66
671 ebenda, S. 69
672 ebenda, S. 65
673 ebenda
674 ebenda, S. 69
675 ebenda
676 ebenda, S. 65
677 ebenda, S. 67
678 ebenda, S. 61
679 ebenda, S. 61/62
680 ebenda, S. 62
681 Laska: Reich, S. 11
682 Sharaf: Reich, S. 61
683 ebenda, S. 86
684 ebenda, S. 62
685 ebenda
686 ebenda
687 Ollendorf: Reich, S. 32
688 ebenda, S. 35/36
689 https://www.lsr-projekt.de/wrb/wrb1.html

825
690 Bernd A. Laska, in: Einleitung zu: La Mettrie: Glück, S. XXIV
691 Peter Töpfer: Auschwitz, das Ende und die Fortführung der Aufklä-
rung, in: Töpfer: nationale Anarchie, http://nationale-anarchie.natio-
nalanarchismus.de/Auseinander-_und_Zusammensetzu/Mit_Humanis-
ten/AuschwitzAufklarung/auschwitzaufklarung.html
692 Pierre Guillaume: Die Freidenker und das freie Denken, Sleipnir 5/1998,
http://nationale-anarchie.nationalanarchismus.de/AAARGH/A_Frank-
reich/GuiFreidenker/guifreidenker.html; vgl. die Zeitschrift Aufklärung
und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie, in des-
sen Ausgabe 4/2012 Laska seinen Aufsatz Laska: Rousseau veröffentli-
chen lassen hat.
693 Ollendorf: Reich, S. 160
694 https://www.lsr-projekt.de/wrb/wrb1.html
695 Sharaf: Reich, S. 73
696 Sharaf: Reich, S. 82
697 Sharaf: Reich, S. 59
698 Laska: Reich, S. 11
699 Ollendorf: Reich, S. 25
700 Sharaf: Reich, S. 61
701 Ollendorf: Reich, S. 35
702 Reich: Inzest, in: Sharaf: Reich, S. 66/67
703 Sharaf: Reich, S. 67
704 Reich: Faschismus, Kapitel V: Die sexualökonomischen Voraussetzun-
gen der autoritären Familie, S. 108
705 Ollendorf: Reich, S. 22
706 Reich: Inzest, in: Sharaf: Reich, S. 79
707 Ollendorf: Reich, S. 23
708 Sharaf: Reich, S. 57
709 https://www.wilhelmrei.ch/, https://www.wilhelmrei.ch/born-in-galicia
710 https://www.wilhelmrei.ch/dobrianychi
711 Sharaf: Reich, S. 56. https://www.wilhelmrei.ch/yuzhinets. Laska unter-
läuft hier in seiner Rororo-Monographie ein Lapsus: Statt „Jujinetz“
schreibt er auf S. 9 „Jurinez“. Er muß wohl an den sowjetmarxistischen
Philosophen Wladimir Alexandrowitsch Jurinez
(https://libcom.org/library/psychoanalyse-und-marxismus-vladimir-juri-
netz), Autor eines Buches „Psychoanalyse und Marxismus“, einer marxis-
tischen Kritik der Psychoanalyse aus dem Jahre 1925, 1937 unter Stalin

827
720 David A. Boadella: Wilhelm Reich. Leben und Werk des Mannes, der in
der Sexualität das Problem der modernen Gesellschaft erkannte und der
Psychologie neue Wege wies, Bern und München 1981; engl. Original
1980, S. 11; Foto: https://www.wilhelmrei.ch/bukowina-to-maine
721 Laska: Reich, S. 9
722 http://www.mariannekruell.de/schriftstellerin/vt-freud83-93.htm
723 Laska: Reich, S. 9
724 Sharaf: Reich, S. 57
725 Ollendorf: Reich, S. 34
726 https://www.wilhelmrei.ch/leon-cecilia-reich
727 https://www.wilhelmrei.ch/born-in-galicia
728 ebenda
729 Boadella, aaO, S. 11
730 https://www.wilhelmrei.ch/reichs-parents-1895
731 Laska: Reich, S. 9
732 ebenda, S. 12
733 Sharaf: Reich, S. 70
734 ebenda, S. 71
735 ebenda
736 ebenda, S. 71
737 Laska: Reich, S. 15
738 https://de.wikipedia.org/wiki/Verf%C3%BChrungstheorie
739 ebenda
740 http://www.mariannekruell.de/schriftstellerin/vt-freud83-93.htm
741 https://sites.camden.rutgers.edu/wp-content/uplo-
ads/sites/4/2017/03/Jewish-Law-Resnicoff.pdf; Bücher von Eidensohn:
https://www.thriftbooks.com/w/child-and-domestic-abuse-volume-i_da-
niel-eidensohn/11195716/, https://www.thriftbooks.com/w/child-and-do-
mestic-abuse-compact-practical-guide_daniel-eidensohn/11242977/
742 http://www.mariannekruell.de/schriftstellerin/vt-freud83-93.htm
743 Krüll: Freud Buch
744 Krüll: Vorträge
745 Krüll: Freud Buch, S. 244
746 Krüll: Freud Buch, http://www.mariannekruell.de/schriftstellerin/vt-
freud83-93.htm
747 Freud: Briefe, S. 283 ff.; Krüll: Freud Buch, S. 92ff., http://www.marian-
nekruell.de/schriftstellerin/vt-freud83-93.htm

828
748 Brief an Wilhelm Fließ, 8.2.1897, Freud: Briefe, S. 245, zit. bei Krüll:
Freud Buch, S. 82; Vortrag Freud und sein Vater, 1983, Veröffentlichung:
„Freiburger Universitätsblätter“ 1983, erweiterte Fassung (unveröffent-
licht) 1993: http://www.mariannekruell.de/schriftstellerin/vt-freud83-
93.htm, http://www.mariannekruell.de/schriftstellerin/vt-freud83-93.htm
749 Freud: Briefe, Brief an Fließ vom 22.6.1897, Krüll: Freud Buch, S. 90
750 https://de.wikipedia.org/wiki/Verf%C3%BChrungstheorie
751 Freud 1914, S. 153f.; Krüll: Buch, S. 23
752 http://www.mariannekruell.de/schriftstellerin/vt-freud83-93.htm
753 https://de.wikipedia.org/wiki/Verf%C3%BChrungstheorie
754 ebenda
755 Jeffrey Moussaieff Masson: Was hat man dir, du armes Kind, getan?
Sigmund Freuds Unterdrückung der Verführungstheorie, Reinbek 1984
756 https://de.wikipedia.org/wiki/Verf%C3%BChrungstheorie
757 Krüll: Buch
758 Alice Miller: Am Anfang war Erziehung. Frankfurt/M., 1980
759 http://www.mariannekruell.de/schriftstellerin/vt-freud83-93.htm
760 ebenda
761 Peter Töpfer: Linker Traditionalismus: https://gegenstrom.org/linker-
traditionalismus/
762 http://www.mariannekruell.de/schriftstellerin/vt-freud83-93.htm
763 ebenda
764 Wilhelm Fließ: Die Beziehung zwischen Nase und weiblichen Ge-
schlechtsorganen, Leipzig & Wien, 1897; ders.: Über den ursächlichen Zu-
sammenhang von Nase und Geschlechtsorgan, Halle, 1902; zit. bei:
https://oedipus-online.de/index.php/emma-eckstein/
765 https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Flie%C3%9F
766 https://de.wikipedia.org/wiki/Emma_Eckstein; Jürgen Kind: Das Tabu.
Was Psychoanalytiker nicht denken dürfen, sich aber trauen sollten. Klett-
Cotta, 2017, Kapitel 5.1, S. 199–203,
767 http://www.mariannekruell.de/schriftstellerin/vt-freud83-93.htm
768 https://de.wikipedia.org/wiki/Emma_Eckstein
769 ebenda
770 Manfred Voigts: Die deutsch-jüdische Symbiose. Zwischen deutschem
Sonderweg und Idee Europa, Band 57 der Reihe Conditio Judaica, Max
Niemeyer Verlag 2006; Christian Dietrich: Eine deutsch-jüdische Symbi-
ose? Das zionistische Interesse für Fichte und Sombart. Moritz Goldsteins

829
Überlegungen zur deutsch-jüdischen Kultur und die Schwierigkeiten mit
dem Bindestrich, in: Das Kulturerbe deutschsprachiger Juden. Eine Spu-
rensuche in den Ursprungs-, Transit- und Emigrationsländern, herausge-
geben von: Elke-Vera Kotowski, Band 9 der Reihe Europäisch-jüdische
Studien – Beiträge, Gruyter Oldenbourg 2014; Manfred Voigts: Zwischen
Antisemitismus und deutsch-jüdischer Symbiose. Aufsätze und Vorträge,
Würzburg 2012; Dominique Bourel: Mendelssohns gelang deutsch-jüdi-
sche Symbiose, Die Welt 18.07.2009, https://www.welt.de/kultur/litera-
rischewelt/article4132591/Mendelssohns-gelang-deutsch-juedische-Sym-
biose.html
771 https://de.wikipedia.org/wiki/Tikun_Olam
772 Peter Töpfer: Le Tikkoun Olam pour les peuples goys ?, https://www.y-
outube.com/watch?v=5hF4PVwhC0I&t=13s; Le Tikkoun Olam – chez un
Juif et un Européen primal / primordial, https://www.y-
outube.com/watch?v=Tm9FvEw5bsA&t=8s
773 http://www.mariannekruell.de/schriftstellerin/vt-freud83-93.htm
774 Krüll: Vorträge
775 Pierre Hillard: Comprendre l’Empire loubavitch, 2024:
https://www.thebookedition.com/fr/comprendre-l-empire-loubavitch-p-
409701.html
776 Zit. in: Maurice Pinay: ‚Frankfurt School‘ ‚secular Humanist Jew‘ Erich
Fromm: „Chabad Rabbi influenced my life more than any other man“,
September 29, 2014: https://web.ar-
chive.org/web/20220518200834/http://mauricepi-
nay.blogspot.com/2014/09/frankfurt-school-secular-humanist-jew.html;
Quelle auch hier: https://fromm-online.org/en/life/autobiographical-high-
lights/, https://fromm-online.org/wp-content/uploads/12e.pdf
777 Erich Fromm: Haben oder Sein. München: dtv 2007, S. 165, zit. bei Hin-
ner: Stirner Aufklärung
778 ebenda
779 Hinner: Stirner Aufklärung
780 ebenda
781 ebenda
782 Erich Fromm: Die Seele des Menschen, S. 99
783 Hinner: Stirner Aufklärung
784 Maier: Frankfurt School

830
785 Maurice Pinay: The Frankfurt School — an extension of Talmudic Juda-
ism, 2017: https://web.archive.org/web/20210308065208/http://callmejorge-
bergoglio.blogspot.com/2017/08/the-frankfurt-school-extension-of.html
786 Maier: Frankfurt School
787 Institut für Sozialforschung: Walter Benjamin zum Gedächtnis. Hrsg.
von Max Horkheimer und Theodor Wiesengrund-Adorno, Los Angeles
1942 (Erstveröffentlichung unter dem Titel Geschichtsphilosophische Re-
flexionen); Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte. Werke und
Nachlass – Kritische Gesamtausgabe, Bd. 19. Hrsg. von Gérard Raulet,
Berlin 2010, https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_den_Be-
griff_der_Geschichte
788 Maurice Pinay: Frankfurt School is an extension of Talmudic Judaism,
2017: https://web.archive.org/web/20210308065208/http://callmejorgeber-
goglio.blogspot.com/2017/08/the-frankfurt-school-extension-of.html
789 Jürgen Habermas: Philosophical-Political Profiles, Cambridge 1983, S.
37–40, zit. in: Maier: Frankfurt School, S. 58
790 Maier: Frankfurt School, S. 57: https://web.ar-
chive.org/web/20210308065208/http://callmejorgebergog-
lio.blogspot.com/2017/08/the-frankfurt-school-extension-of.html
791 Jürgen Habermas: aaO, S. 37–40, zit. in: Maier: Frankfurt School, S. 56–
61
792 Carl Schmitt: Glossarium, 14.2.1948, zit. in: Laska: Katechon Anarch
793 Siehe Anm. 42
794 Vgl. Michael Waldstein: Hans Jonasʼ Construct „Gnosticism“: Analysis
and Critique, in: Journal of Early Christian Studies 8 (3), 2000, 341–372.
795 Ronald Hinner: Max Stirner und der gnostische Kern des Existentialis-
mus, 2014, Anmerkung 15: https://www.acade-
mia.edu/13528784/Max_Stirner_und_der_gnostische_Kern_des_Existenti-
alismus?email_work_card=abstract-read-more
796 Vgl. WIESE, Christian (2003): Zusammen Philosoph und Jude. Frank-
furt/M.: Suhrkamp, zit. bei Hinner
797 GG I, 228, zit. bei Hinner
798 JONAS, Hans (1993b) [1970]: ›Typologische und historische Abgren-
zung des Phänomens der Gnosis.‹ In: JONAS, Hans (1993) [1954] / RU-
DOLPH, Kurt (Hg.): Gnosis und spätantiker Geist. Zweiter Teil: Von der
Mythologie zur mystischen Philosophie. FRLANT 159. Göttingen: V&R,

831
S. 328–346, und JONAS, Hans (1993c) [1964]: ›The »Hymn of the Pearl«.‹
In: JONAS 1993, S. 346–359, zit. bei Hinner
799 Jürgen Habermas: aaO S. 37–40, zit. in: Maier: Frankfurt School, S. S.
58
800 Walter Benjamin: Illuminations. Essays and Reflections, Vorwort, Bear-
beitung und Hrsg. Hannah Arendt, New York 1969, S. 264, zit. in: Maier:
Frankfurt School, S. 60
801 Maier: Frankfurt School, S. 59
802 Karl Löwith: Meaning in History, Chicago 1964, S. 38, zit. in: Maier:
Frankfurt School
803 https://kontrekulture.com/produit/voltaire-antisemite/
804 Stirner: Einziger, S. 30/31
805 Stirner-Parerga, S. 198
806 Gerhard Bauer: Moses Hess, „Deutschlands Communist Nr. Eins“,
https://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/frontdoor/deliver/in-
dex/docId/52070/file/Jahrbuch_FVF_22_2016_Bauer_179_192.pdf
807 ebenda, S. 176
808 Helms: Ideologie, S. 200, zit. bei Laska: Dissident, S. 142; siehe Laska:
Hit, S. 30 f.
809 Mit seiner Zeitschrift Commentary
810 Caspar von Schrenck-Notzing: Charakterwäsche. Die Re-education der
Deutschen und ihre bleibenden Auswirkungen, München 1981, 2. Auflage
S. 121
811 Richard M. Brickner, zit. in Schrenck-Notzing , S. 125
812 Schrenck-Notzing aaO
813 ebenda, S. 121
814 Studies in Prejudice, in: The Institute of General Semantics (IGS): ETC:
A Review of General Semantics, 1949–1954: https://ia601506.us.ar-
chive.org/28/items/THEAUTHORITARIANPERSONALITY.A-
dorno/THE%20AUTHORITARIAN%20PERSONALITY.%20-Adorno.pdf,
Studies in Prejudice (Studies in Prejudice Series). Edited by M. Horkhei-
mer and S.H. Flowerman, New York 1949, sponsored by the American
Jewish Committee
815 Zit. bei Schrenck-Notzing, S. 121

836
889 ebenda, S. 256
890 https://youtu.be/7Jaij3fYzbs, https://youtu.be/v6x90e4MqJ8
891 Vergleichbar mit einem anderen Viertakt: dem in einer Tiefenwahr-
heitsstunde funktionierenden: 1. Ausgangslage Unzufriedenheit, 2. Öff-
nung, 3. Schmerz und Verschmerzung, 4. Zuwachs von Dasein, Eigenprä-
senz: https://youtu.be/_bBdgwrHe6s?si=8z5LH9xt7XwBoXpL&t=1815
892 Stirner: Einziger, S. 69
893 Laska: Selbstermächtigung
894 Stirner, aaO, S. 71 (Müßte es hier nicht eigentlich heißen: „und es fällt
schwer“? Aber so steht es tatsächlich auch in der Reclam-Ausgabe.)
895 Christian Fernandes: Vorwort zu: Laska Schmitz: Briefwechsel; hier im Text
Kapitel 7.1.1. Die neue philosophische Form
896 „[Der nihilistische Standpunkt ist auf theoretischem Gebiet dem nor-
mativistischen prinzipiell überlegen.“] Buchrückseite La Mettrie: Glück
897 Ronald Hinner: Max Stirner: Vollender Hegels?, 2015,
https://www.academia.edu/25185486/Max_Stirner_Vollender_He-
gels?email_work_card=abstract-read-more
898 Otto Gross sprach von einem „Imperativ der Zukunft“, den Laska – zu-
recht – so interpretiert: „Gross hätte also seinen ‚Imperativ der Zukunft‘
zu Recht so formulieren können: super-ego esse delendum!“ (Das Über-
Ich muss zerstört werden): in: Bernd A. Laska: Otto Gross zwischen Max
Stirner und Wilhelm Reich, in: Raimund Dehmlow & Gottfried Heuer,
Hg.: 3. Internationaler Otto-Gross-Kongress, Ludwig-Maximilians-Uni-
versität, München. Marburg: LiteraturWissenschaft.de 2003, S. 125–162:
https://www.lsr-projekt.de/gross.html, https://www.lsr-pro-
jekt.de/gross.html#k7.
899 Bernd A. Laska in einem Brief vom 13.4.2004 an Lenz Prütting, LSR-Ar-
chiv Hamburg
900 https://www.lsr-projekt.de/gross.html#k7.
901 Laska: Anthologie S. 23, Laska: Anarcho; „Gross‘ weiteres Theoretisie-
ren um [den ‚Imperativ der Zukunft‘] herum, seine Berufung auf (die die-
sen Gedanken scharf ablehnenden) Nietzsche und Freud, auf Bachofen,
seine Vorschläge und Anstrengungen, um diesen Gedanken in die Wirk-
lichkeit umzusetzen, sein Optimismus hinsichtlich sowohl der Ergebnisse
der (individuellen) Psychoanalyse als auch der Auswirkungen einer (pro-
letarischen) Revolution, etc. – all dies ist hier, wo es um die Stellung

837
Gross‘ zwischen Stirner und Reich geht, nebensächlich.“ https://www.lsr-
projekt.de/gross.html#k7.
902 Christian Fernandes im Vorwort zu: Laska Schmitz: Briefwechsel; zu
Schmitzens Philosophie-Verständnis siehe auch: Schmitz, Was ist Philoso-
phie?: https://www.youtube.com/watch?v=Ujm8gQDTqPI
903 Bernd Kast: Max Stirners Destruktion der spekulativen Philosophie:
Das Radikal des Eigners und die Auflösung der Abstrakta Mensch und
Menschheit, völlig überarbeitete und aktualisierte Fassung der Disserta-
tion von 1979, München 2016: https://www.amazon.de/Max-Stirners-De-
struktion-spekulativen-Philosophie/dp/3495488391/
904 https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie
905 Karl Jaspers – Der Philosoph der Wahrheit: https://www.y-
outube.com/watch?v=Xcuss0ICJxQ
906 Stirner: Einziger, S. 401, zit. bei Laska: Stirner, S. 47
907 Töpfer: Pan-Agnostik
908 Thoreau ohne Quelle, zit. bei Sharaf: Reich, S. 390
909 Laska: Reich, S. 80
910 Laska: Stirner, S. 73
911 Bernd A. Laska, Einleitungsessay zu: La Mettrie: Maschine, S. XVIII
912 Laska: Anthologie, Laska: LSR Anarcho
913 Laska: Stirner, S. 84/85: „Marx selbst schrieb im Mai 1843 einen fatalis-
tisch klingenden Brief an Ruge, in dem er von ‚Tierreich‘ und ‚hirnlosen
Wesen‘ sprach, wo er Volk und reale Menschen meinte: […]“
914 Laska: Reich, S. 85
915 Laska: Stirner, S. 51
916 Stirner: Einziger, S. 123, 132, zit. bei: Laska: Stirner, S. 73
917 Laska Schmitz: Briefwechsel
918 https://reviews.ophen.org/2017/10/09/hermann-schmitz-zur-epigenese-
der-person/
919 Brief Laskas vom 6. April 2001, zit. nach Werbetext: https://verlag.ko-
enigshausen-neumann.de/product/9783826085079-bernd-a-laska-her-
mann-schmitz/
920 https://www.youtube.com/watch?v=hPIqZP0X5Tk
921 Jochen Kirchhoff, Vorlesung „Der Leib, der Raum und die Gefühle –
Hermann Schmitz“ an der Humboldt-Universität zu Berlin, Sozialökolo-
gie als Studium Generale, Sommersemester 2000: https://www.y-

838
outube.com/watch?v=LN4VGkbIZAA&list=PLvnPNlSwjOOmy-
ARGSx9oEpTCBIhw8pas1&index=7; „Neue Phänomenologie: Raum des
Leibes, Raum der Physik” von Reinhold Oberlercher: „Die letzte Philoso-
phie der BRD”: https://oberlercher.de/blog/die-letzte-philosophie-der-brd
922 Claudia von Werlhof, zit. bei Christa Dregger: Der Leib ist ein Erkenntnisor-
gan, Radio München 10.10.2024, https://www.youtube.com/watch?v=jnQGZ-
loBRWI
923 The Sweet: Love Is Like Oxygen: https://www.y-
outube.com/watch?v=zRgWvvkSvfk
924 https://de.wikipedia.org/wiki/Daseinsanalyse
925 https://de.wikipedia.org/wiki/Logotherapie_und_Existenzanalyse
926 https://www.lsr-projekt.de/gross.html#k7.
927 Lenz Prütting an Laska, LSR-Archiv Hamburg
928 Bernd A. Laska in einem Brief vom 13.4.2004 an Lenz Prütting, LSR-Ar-
chiv Hamburg
929 https://en.wikipedia.org/wiki/Peter_Wessel_Zapffe
930 Bernd A. Laska in einem Brief vom 13.4.2004 an Lenz Prütting, LSR-Ar-
chiv Hamburg
931 Laska: Selbstermächtigung
932 https://www.lsr-projekt.de/intro.html
933 https://lsrmaschinenraum.substack.com/p/email-uber-adorno-2004
934 Laska: Reich, S. 50
935 Stirner: Parerga, S. 170
936 Stirner: Einziger, S. 49f.
937 Laska: Reich, S. 50
938 Laska: Selbstermächtigung
939 Peter Nasselstein: Peters Erfahrungen mit der Orgontherapie, 2025,
https://nachrichtenbrief.com/2025/02/15/peters-erfahrungen-mit-der-or-
gontherapie/
940 „Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt,
und wenige sind’s, die ihn finden!“ (Matthäus 7,14)
941 Peter Töpfer: Der Katechon als Selbstbremse – eine Rezension von
Laska: Katechon Anarch, in: Sleipnir 5/1999, http://nationale-anarchie.nati-
onalanarchismus.de/Auseinander-_und_Zusammensetzu/Mit_Reaktiona-
ren/Laska/laska.html
942 ebenda

839
943 Ronald Hinner: Max Stirner: Vollender Hegels?, 2015,
https://www.academia.edu/25185486/Max_Stirner_Vollender_He-
gels?email_work_card=abstract-read-more
944 ebenda
945 ebenda
946 Laska: Stirner, S. 74
947 Laska: Selbstermächtigung
948 ebenda
949 U. Eberenz: Über-Ich. In: Wolfgang Mertens (Hg.): Psychoanalyse. Ein
Handbuch in Schlüsselbegriffen. München: Urban & Schwarzenberg,
1983, S. 55–62. Laska dazu noch: „Dasselbe konstatiert auch der promi-
nente Psychoanalytiker Léon Wurmser (2004) in einem neueren Beitrag.“
950 Laska: Selbstermächtigung
951 ebenda
952 Stirner: Einziger, S. 208
953 Stirner: Parerga, S. 170
954 Helms: Ideologie, zit. in Laskas LSR-Maschinenraum: https://lsrmaschi-
nenraum.substack.com/p/laskas-randnotizen-zu-hans-g-helms-
ecf?utm_source=post-email-title&publica-
tion_id=1227808&post_id=156054093&utm_campaign=email-post-title&is-
Freemail=true&r=21holk&triedRedirect=true&utm_medium=email
955 Stirner: Einziger, S. 69
956 Laska: Selbstermächtigung
957 Reich: Zwangsmoral
958 Janov: Primal Man, S. 306
959 ebenda, S. 308
960 U.a. nach Reich: Orgasmus und Reich: Faschismus, https://orgono-
mie.net/hdorgonomia.pdf
961 ebenda, S. 309
962 Reich: Charakteranalyse, S. 378
963 Janov: Primal Man, S. 307
964 ebenda, S. 309
965 ebenda, S. 307
966 ebenda, S. 308
967 Fernandes: La Mettrie Lust Vortrag
968 Fernandes: La Mettrie Lust Buch, S. 13
969 La Mettrie: Glück, S. 117, Übersetzung von Laska

840
970 Siehe Anm. 42
971 Traité de la vie heureuse, par Sénèque. Avec un discours de traducteur
sur le même sujet, Potsdam 1748, anonym
972 Fernandes: La Mettrie Lust Buch, S. 13
973 ebenda, S. 55
974 ebenda, S. 58
975 Gabrièle-Antoine Jacques: An ex negato Veneris usum orbi?, Paris 1722,
zit. bei Fernandes: La Mettrie Lust Buch, S. 66; der genaue Wortlaut auf
lateinisch: „Adeo valet casta Venus ad vitia vitanda, ad virtutes ipsas co-
lendas!“ (So ist die keusche Venus in der Lage, Laster zu vermeiden und
die Tugenden selbst zu verehren!)
976 Martin Walser, Der Augenblick der Liebe, Reinbek bei Hamburg, S.123
977 Fernandes: La Mettrie Lust Buch, S. 183
978 La Mettrie: Philosophie und Politik, S. 9; zit. bei:
979 Fernandes: La Mettrie Lust Buch, S. 183
980 ebenda
981 Janov: Primal Man, S. 309
982 ebenda
983 ebenda, S. 308
984 ebenda
985 https://nachrichtenbrief.com/2024/06/22/reflektionen-uber-max-stirner-
von-konservativer-warte-teil-139/
986 https://youtube.com/shorts/lbDB0FQA6xY
987 Irenäus Eibl-Eibesfeldt: Die Biologie des menschlichen Verhaltens.
Grundriß der Humanethologie, 5. Auflage, München 1995 (1984), S. 571
988 ebenda, S. 569
989 ebenda
990 ebenda (Freud: Totem und Tabu, 1913, Studienausgabe Frankfurt am
Main, S. 291–444)
991 ebenda
992 K. Gramer: Wettbewerb und Kooperation. Strategien des Eingriffs in
Konflikte unter Kindern einer Kindergartengruppe, Dissertation Universi-
tät München Fachbereich Biologie, 1982, zit. in: Eibl-Eibesfeldt, aaO, S.
569
993 Eibl-Eibesfeldt, aaO, S. 705
994 Bronisław Malinowski, Crime and Custom in Savage Society, New
York 1926, zit. in: Irenäus Eibl-Eibesfeldt aaO

841
995 https://youtube.com/shorts/lbDB0FQA6xY
996 https://nachrichtenbrief.com/2024/08/09/besprechung-der-anthologie-
das-lsr-projekt/
997 Janov: Primal Man, S. 308
998 Stirner: Einziger, S. 208
999 Laska meint hier Stirners „Über Schulgesetze“ und „Das unwahre Prin-
zip unserer Erziehung […]“, beide in: Stirner: Parerga
1000 Bernd A. Laska alias Barbara Lehmann, WRB 1/1976, S. 32,
https://www.lsr-projekt.de/wrb/wrb1.html
1001 https://nachrichtenbrief.com/2024/08/01/der-biologische-rechenfehler-
in-der-antiautoritaren-kindererziehung/
1002 https://nachrichtenbrief.com/2023/07/11/was-ist-das-rationale-uber-
ich-im-lsr-projekt/, 11. Juli 2023
1003 https://nachrichtenbrief.com/2023/07/11/was-ist-das-rationale-uber-
ich-im-lsr-projekt/
1004 https://www.berndsenf.de/
1005 Laska: Anthologie
1006 Besprechung der Anthologie DAS LSR-PROJEKT: https://nachrichten-
brief.com/2024/08/09/besprechung-der-anthologie-das-lsr-projekt/
1007 https://www.lsr-projekt.de/wrb/wrb1.html, Laska: vgl. hierzu das erste
Kapitel in [Reichs] „Die Sexuelle Revolution“
1008 https://www.lsr-projekt.de/wrb/wrb1.html
1009 La Mettrie: Glück, https://youtu.be/pIozLTaf1c4
1010 https://www.lsr-projekt.de/lmsex.html
1011 https://odysee.com/@toepfer-peter:7/Davinci-Gl%C3%BCckliche-Ba-
bys-2-lustig-vergn%C3%BCgt:1
1012 Stirner: Einziger, S. 335
1013 Laska: Stirner, S. 89
1014 Stirner: Parerga, S. 169
1015 Laska: Stirner, S. 80
1016 Gerald Hüther: Biologie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden, 10. Auf-
lage, Göttingen 2011, S. 110
1017 Sándor Ferenczi: Psychoanalyse und Pädagogik (1908), in: ders.: Zur
Erkenntnis des Unbewussten. Schriften zur Psychoanalyse, hg. v. Helmut
Dahmer. Frankfurt a. M..: Fischer Taschenbuch- Verlag, S. 63–73, zit. bei
Laska: Selbstermächtigung
1018 Laska: Selbstermächtigung

842
1019 Stirner: Parerga, S. 170
1020 ebenda, S. 164
1021 Fernandes: La Mettrie Lust Vortrag
1022 Stirner: Einziger, S. 77
1023 ebenda, S. 181
1024 https://www.lsr-projekt.de/msinnuce.html
1025 Laska: Stirner, S. 38–41
1026 https://lsrmaschinenraum.substack.com/p/laskas-randnotizen-zu-
hans-g-helms-242
1027 Stirner: Parerga, S. 169
1028 Mackay: Stirner
1029 Ronald Hinner: Max Stirner und Auguste Comte. Positivismus, Politik
und Gnosis (2018), https://www.academia.edu/38074446/Max_Stir-
ner_und_Auguste_Comte_Positivismus_Politik_und_Gno-
sis?email_work_card=thumbnail
1030 Fußnote bei Hinner: Zu letzterem vgl. GRIGAT: Freiheit und Fetisch
1031 Ronald Hinner: Max Stirners Religionskritik. Zur Reanimation der
Aufklärung, Februar 2012,
https://www.academia.edu/1503270/Max_Stirners_Religionskri-
tik_Zur_Reanimation_der_Aufkl%C3%A4rung
1032 Stirner: Einziger, S. 181
1033 Leo Trotzki: Literatur und Revolution. Verlag für Literatur und Politik,
Wien 1924
1034 https://de.wikipedia.org/wiki/Übermensch
1035 ebenda, S. 353
1036 ebenda, S. 412
1037 Hinner aaO
1038 Töpfer: Pan-Agnostik
1039 Vorwort „Das Radikale Subjekt als Katechon“ zu: Alexander Dugin:
Eurasische Mission, London 2022, S. xx
1040 Ganze Video-Reihe: Rekonstitution und Radikalisierung des nihilisier-
ten Subjekts. Das Entstehen von Zugehörigkeit – die Entdeckung der Hei-
mat. Zu Alexander Dugin: Eurasische Mission. Mit einem Vorwort „Das
Radikale Subjekt als Katechon“ von Peter Töpfer, London 2022, Kurztitel
der Video-Reihe: Dugin Heimat: https://www.youtube.com/play-
list?list=PLvnPNlSwjOOn2gUcwj8p0Xq7seuI90QMb, Video-Vorwort:
https://youtu.be/_bBdgwrHe6s

843
1041 Peter Töpfer: Rekonstitution und Radikalisierung des nihilisierten
Subjekts. Das Entstehen von Zugehörigkeit – die Entdeckung der Heimat.
Zu Alexander Dugin: Eurasische Mission. Mit einem Vorwort „Das Radi-
kale Subjekt als Katechon“ von Peter Töpfer, London 2022, https://tiefen-
wahrheit.de/weitere-texte/text-fassungen-dugin-heimat/text-vorwort-zur-
video-reihe-dugin-heimat/
1042 Alexander Dugin: Even Deeper State and the “Dark Enlightenment”,
März 2025, https://www.arktosjournal.com/p/an-even-deeper-state-and-
the-dark-enlightenment
1043 Hinner aaO
1044 Stirner: Parerga, S. 170
1045 ebenda
1046 ebenda
1047 ebenda
1048 ebenda, S. 166
1049 Laska: Einleitung Maschine, S. XXIV und XXXIV; Laska: Panajotis
Kondylis – unfreiwilliger Pate des LSR-Projekts (1998): https://www.lsr-
projekt.de/kondylis.html, Laska: Einleitung Glück
1050 https://youtu.be/LN4VGkbIZAA, https://youtu.be/R0EyT4wxkcw
1051 Zit. bei Laska: Stirner, S. 74
1052 Die ganze weggelassene Passage aus dem Brief vom 13.4.2004 an Lenz
Prütting, LSR-Archiv Hamburg, lautet ohne Unterbrechung: „Wenn ich
etwas gegen die eingangs genannte enkulturierte Instanz (Gewissen,
Überich etc.) habe, so muß ich mir doch, wie gesagt, in erster Linie die
Frage nach dem Grund stellen (und dann erst, ob und wie ich es schwä-
chen oder eliminieren kann). Wessen Überich meine ich eigentlich? Meins
bzw. das mich leitende? Weil es vielleicht mißraten ist? Mich daran hin-
dert zu tun, was ich ‚will‘? Dann wäre das evtl. eine Sache für den Psy-
chotherapeuten, der mir vielleicht helfen könnte, das zu ändern, oder
auch nicht. Nein, es ist gar nicht mein Überich, das mich stört, sondern
das/die der Anderen? Stört mich, daß manch einer durch introjizierte Ge-
und Verbote daran gehindert wird, mich oder jemand Anderen zu töten,
zu bestehlen? Stört mich, daß viele durch ihr Überich gehindert werden,
Atheisten und Antimilitaristen zu werden? [Das bezieht sich auf Arno
Schmidt und Wilhelm Michels.] Oder es wegen ihres Überichs auf pfäffi-
sche Weise sind? Oder daß sie sich lieber den alten Kirchen oder neuen

844
Gurus zuwenden? Oder daß sie gänzlich indifferent durch Moden und
Reklame dirigiert durch die ‚Spaßgesellschaft‘ taumeln?“
1053 Laska: Stirner, S. 80
1054 [anonym, wahrscheinlich Maurice Pinay:] John Selden – the Noachide
Laws as the basis for International Law: https://web.ar-
chive.org/web/20220524050758/http://callmejorgebergog-
lio.blogspot.com/2017/12/john-selden-noachide-laws-as-basis-for.html,
https://www.politische-bildung-brandenburg.de/veranstaltungen/die-
noachidischen-gebote-und-ihre-bedeutung-fuer-alle-menschen
1055 https://lsrmaschinenraum.substack.com/p/email-uber-religion-2004
1056 Wilhelm Reich: Die Sexualität im Kulturkampf. Zur sozialistischen
Umstrukturierung des Menschen, Kopenhagen 1936,
1057 https://www.lsr-projekt.de/wrb/wrb1.html
1058 ebenda
1059 Wilhelm Reich: Der Kampf um das ‚neue Leben‘ in der Sowjetunion,
in: Die sexuelle Revolution, Frankfurt am Main 1966, zit. bei Boadella,
aaO, S. 76
1060 Mackay: Stirner, S. 171
1061 Stirner: Einziger, S. 65
1062 ebenda

1063 Peter Töpfer: Exzeß der Ideengeschichte, Buchbesprechung zu: Peter

Bahn / Heiner Gehring: Der Vril-Mythos. Eine geheimnisvolle Energie-

form in Esoterik, Technik und Therapie, Omega-Verlag Düsseldorf 1997,

zuerst in: Sleipnir, 6/1998, http://nationale-anarchie.nationalanarchis-

mus.de/Auseinander-_und_Zusammensetzu/Mit_Esoterikern/BahnGeh-

ring/bahngehring.html

1064 https://www.facebook.com/karl.rich-

ter.798/posts/pfbid037mZqkMbHKwpwkk7mAQqLziZXxfjSoiq6cwygf-

FEM6gMkaw8zhQMZYFCQ3pTk5P8tl

1065 Max Stirner: Reich & Staat, in: Journal des oesterreichischen Lloyd, Nr.

211, 12. September 1848, http://nationalanarchismus.de/Nationalanarchis-

mus/Auto10/stirner_reich_staat/stirner_reich_staat.html

1066 Peter Töpfer: Reich & Anarchie. Querfront-Zeitschriftenschau: Etappe.

Zeitschrift für Politik, Kultur und Wissenschaft und Kommune. Forum für Poli-

tik, Ökonomie und Kultur, Auto Nr. 9, Februar 2004, http://nationalanarchis-

mus.de/Nationalanarchismus/Auto-_9/auto-_9.html

1067 Stirner: Parerga, S. 152

845

1068 Pierre Krebs: Im Kampf um das Wesen. Ethnosuizid in der multirassi-

schen Gesellschaft der judäochristlichen Zivilisation des Westens oder

ethnokulturelle Neugeburt Europas in der organischen Demokratie indo-

europäischer Prägung?, Burkhard Weeke Verlag, 1997; Peter Töpfer:

Neue Kultur“? Eine nihilistische Tabularasa als Grundlage einer Neuge-

burt, Besprechung der „Buchzeitschrift des Thule-Seminars e.V.“ ELE-

MENTE der Metapolitik zur europäischen Neugeburt 6/98, Sleipnir, 1/2000,

https://nationale-anarchie.nationalanarchismus.de/Auseinander-

_und_Zusammensetzu/Mit_Neurechten/Elemente/elemente.html

1069 Ronald Hinner: Max Stirners Religionskritik. Zur Reanimation der

Aufklärung, 2012, https://www.academia.edu/1503270/Max_Stirners_Reli-

gionskritik_Zur_Reanimation_der_Aufkl%C3%A4rung

1070 Stirner: Einziger, S. 342

1071 Stirner, Einziger, S. 354

1072 Töpfer: Wahrheit, Kapitel „Zufriedenheit“, S. 66

1073 https://odysee.com/@toepfer-peter:7/deutsche-kinder-der-zukunft:4

1074 ebenda, S. 254

1075 Mackay: Stirner, S. 74

1076 Ernst Moritz Arndt: Das Vaterlandslied, 1812

1077 ebenda

1078 Max Stirner: Die Deutschen im Osten Deutschlands, Journal des öster-

reichischen

Lloyd. Zentralorgan für Handel, Industrie, Schiffahrt und Volkswirtschaft, Nr.

143, Triest 1848 , zit. bei Mackay: Stirner, S. 195

1079 ebenda

1080 Mackay: Stirner, S. 195

1081 One of the most important world leaders to maintain close ties with

Chabad is Russian President Vladimir Putin. „He said he grew up in St.

Petersburg, in a Jewish area, and he was the Shabbos goy“, in: Boaz Bis-

muth: Putin spoke about Chabad as if he were an emissary, 2019,

https://www.israelhayom.com/2019/07/12/putin-spoke-about-chabad-as-

if-he-were-an-emissary/

1082 ebenda, S. 194

1083 Mackay: Stirner, S. 204/205

1084 Reinhold Oberlerchers: Verfassungslehre der Wahlverfassungen zur

Verfassungwahl, Kyffhäuser-Faksimile-Verlag 2017,

846

https://www.isbn.de/buch/9783941348943/verfassungslehre-der-wahlver-

fassungen-zur-verfassungswahl

1085 Stirner: Einziger, 354/355

1086 ebenda, S. 255

1087 Töpfer: Aufklärer

1088 Stirner: Parerga, S. 179/180

1089 Laska: Anthologie, S. 20

1090 Laska: Dissident, S. 29

1091 https://www.face-

book.com/photo.php?fbid=863923750314635&id=100000910553325&set=a.

180038958703121&rdid=MtqeQCdHCt0cWZ5J&share_url=https%3A%2F

%2Fwww.facebook.com%2Fshare%2F19f3UDezDB%2F

1092 http://nationalanarchismus.de/

1093 Michel-Georges Micberth

1094 Der 68er Laska: https://lsrmaschinenraum.substack.com/p/wrb-story-

entwurf-2003?utm_campaign=post&utm_medium=web

1095 Theodor W. Adorno: Erziehung nach Auschwitz, in: ders.: Erziehung

zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Hellmuth Becker 1959 –

1969. Herausgegeben von Gerd Kadelbach. Frankfurt am Main 1970, S.

92–109: https://www.erinnern.at/themen/e_bibliothek/gedenkstat-

ten/copy_of_Adorno%2C%20Erziehung%20nach%20Auschwitz.pdf

1096 https://hdms.bsz-bw.de/frontdoor/deliver/index/docId/440/file/walser-

Rede.pdf

1097 Fernandes: La Mettrie Lust Buch, S. 177/178

1098 https://www.lsr-projekt.de/msinnuce.html

1099 Laska: Stirner, S. 52

1100 Stirner: Einziger, S. 181

1101 Stirner: Einziger, S. 77

1102 Siehe Anm. 42

1103 Alphonse Toussenel: Les Juifs, rois de l’époque : histoire de la féodalité

financière [Die Juden – die Könige unserer Zeit. Die Geschichte des Fi-

nanzfeudalismus, Paris 1845

1104 Fernandes: La Mettrie Lust Buch, S. 177–178 (Walser, Augenblick der

Liebe, S. 168)

1105 Fiktiver Vortrag des Protagonisten Gottlieb in Walsers Roman „Der

Augenblick der Liebe“, Reinbek bei Hamburg 2004

1106 ebenda, S. 178

847

1107 ebenda, S. 177

1108 https://www.lsr-projekt.de/walser.html

1109 Fernandes: La Mettrie Lust Buch, S. 178

1110 Von Laska angeführtes Reich-Zitat aus: Die Sexualität im Kultur-

kampf. Zur sozialistischen Umstrukturierung des Menschen, Kopenha-

gen 1936, S. 17, zit. hier in: Fernandes Vorwort zu Laska Schmitz: Brief-

wechsel, S. vi, bzw. Brief Laskas an Schmitz vom 16. Februar 2007

1111 Bernd A. Laska: Martin Walser und La Mettrie, Internet-Zeitschrift lite-

raturkritik.de, Jg. 6, Nr. 10, Oktober 2004; dann in deren im November 2004

erschienener Druckfassung auf S. 60–71, https://www.lsr-pro-

jekt.de/walser.html

1112 Laska: Selbstermächtigung

1113 ebenda

1114 ebenda

1115 Fernandes: La Mettrie Lust Buch, S. 178

1116 https://lsrmaschinenraum.substack.com/p/email-uber-adorno-2004

1117 Bernd A. Laska in einem Brief vom 13.4.2004 an Lenz Prütting, LSR-

Archiv Hamburg

1118 Bernd A. Laska in einem Brief vom 13.4.2004 an Lenz Prütting, LSR-

Archiv Hamburg

1119 Laska: Martin Walser und La Mettrie

1120 ebenda

1121 La Mettrie: Philosophie und Politik, S. 21

1122 Laska: Katechon Anarch, S. 72/73. Genauer gesagt macht sich Laska

hier ein bißchen einen Satz aus einem Brief Carl Schmitts an Viesel zu ei-

gen.

1123 Laska: Hoevels

1124 ebenda

1125 Fritz-Erik Hoevels: Stirner, Psychoanalyse und Marxismus – II. Replik

auf Bernd A. Laska’s Beitrag „Max Stirner – ein Verächter der ‚Praxis‘?“,

in: Der Einzige, Vierteljahresschrift des Max-Stirner-Archivs Leipzig, Nr, 3

(15), 3. August 2001, S. 23-31, https://www.lsr-projekt.de/hoevels2.html

1126 http://peter-toepfer.de/sleipnir/sleipnir.html

1127 https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Kraus_(Mediziner)

1128 Laska: Reich, S. 88

1129 In der Manier eines Carl Schmitts, der dem Anarchisten Hansjörg Vie-

sel 1973 geschrieben hatte: „Sie, lieber Herr Viesel, sind also der Erste und

848

Einzige, der – innerhalb eines halben Jahrhunderts! – das Zeichen be-

merkt hat.“ Das bezog sich auf den anarchistischen Psychoanalytiker Otto

Groß, den Schmitt in seinem Buch „Politische Theologie“ rezipiert hatte,

weswegen Viesel nun Kontakt mit Schmitt aufnahm, worüber dieser nun

hoch erfreut war. […] Endlich hatte jemand seine damalige ‚gezielte Her-

ausforderung, sich mit diesem wichtigen und aufschlussreichen Phäno-

men zu befassen‘, überhaupt wahrgenommen.“ (Laska: Katechon Anarch,

S. 73)

1130 https://www.lsr-projekt.de/gaeste.html

1131 https://www.lsr-projekt.de/miscams.html

1132 „Спасите Запад!“ „Исследование Голокауста. Глобальное Видение.

Материалы международной Тегеранской конференции 11 – 12

декабря 2006 года“ Алгоритм (Peter Töpfer: Rettet den Westen! in: Holo-

caust-Forschung. Globale Vision. Tagungsbericht der Internationalen Te-

heran-Konferenz, 11.-12. Dezember 2006, Algorithmus-Verlag Moskau

2007), https://blog.peter-toepfer.de/truther/peter-toepfer-den-westen-ret-

ten-vortrag-holocaust-konferenz-teheran-2006-russisch/

1133 http://peter-toepfer.de/sleipnir/sleipnir.html

1134 Wem das Herz zu weit links schlägt, die tageszeitung (taz), Nr. 6006

vom 2.12.1999: http://www.nationale-anarchie.nationalanarchis-

mus.de/Reaktionen/Presse/presse.html; „Hier haust der von libidinöser

Orgon-Energie durchdrungene Töpfer inmitten von vielen Wilhelm-

Reich-Büchern.“ FAZ (Sonntagszeitung), 14.10.2001, https://www.eigner-

verlag.peter-toepfer.de/presse/FASZ/body_fasz.html „Während beim ver-

nebelten Töpfer die leeren Bierflaschen zuhauf in der Küche herumstehen

…“ – Lüge.

1135 http://peter-toepfer.de/sleipnir/sleipnir.html

1136 ebenda

1137 Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann das war

vielleicht um das Jahr 2017 herum, vielleicht 2020 …

1138 Reich: Faschismus; https://youtu.be/R0EyT4wxkcw

1139 https://odysee.com/@toepfer-peter:7/erika-reich-faschismus:c

1140 https://tiefenwahrheit.de/foto-serie-zu-ye-nhh/

1141 Der ganze Ausschnitt aus Laskas Brief an Prütting vom 13.4.2004 lau-

tet: „Sie werfen die Frage auf, wie man das Inkulturierte, das Gewissen,

das Eingefleischte, Gestus-Vultus-Habitus etc., wohl das ‚Fremde‘, aus

sich wieder herausbekommt, um so nur ‚das Eigene‘ übrig zu behalten, ja,

849

ob oder ggf. in welchem Maße man (bei sich) darüber verfügen kann. Da-

vor stünden freilich die Fragen, warum man das überhaupt ‚will‘ und ob

das oft beschworene ‚Eigene‘ nicht sowieso nur – wie die ‚Gene‘ – eine

einzigartige Mixtur aus ‚Fremden‘ ist. […] Der genannte Imperativ [Otto

Grossens „Imperativ der Zukunft“] ist aber insofern keiner, als niemand

dazu aufgefordert wird, es jemandem nachzutun bzw. einer Idee zu fol-

gen. Ich glaube also nicht, daß ein Mensch über sein Super-Ego / Über-Ich

(das sich nach meinem dritten ‚Helden‘, Wilhelm Reich, im ‚Charak-

ter[panzer]‘ […] manifestiert) verfügen kann.“ LSR-Archiv Hamburg. Der

Imperativ der Zukunft“ stammt aus einem Brief Grossens an Fritz

Brupbacher, undatiert [1912]; abgedruckt bei Hurwitz: Otto Gross, a.a.O.,

S. 109-110

1142 Bernd A. Laska in einem Brief vom 13.4.2004 an Lenz Prütting, LSR-

Archiv Hamburg

1143 Laska: Hoevels; des Kontrahenten Beitrag ist Hoevels: Stirner I und

dann noch II; Laska scheint nicht mehr darauf geantwortet zu haben, das

wäre wohl auf ein Einschlagen auf einem am Boden Liegenden gleichge-

kommen.

1144 ebenda

1145 ebenda

1146 System ubw. Zeitschrift für klassische Psychoanalyse, https://www.ahri-

man.com/de/system-ubw/

1147 Hoevels: Stirner II

1148 Stirner: Parerga, S. 164

1149 Hoevels: Stirner II

1150 Laska: Hoevels

1151 ebenda

1152 ebenda

1153 Peter Töpfer: Der Nationalanarchismus – eine Art Manifest, 2004, in:

Töpfer: Nationalanarchismus, S. 268, http://nationalanarchismus.de/Nati-

onalanarchismus/Auto12/manifest/manifest.html

1154 Ulrich Klug: Die Anarchie als Verfassung des 4. Reiches, 2004 anläß-

lich des Prozesses gegen Horst Mahler, Reinhold Oberlercher und Uwe

Meenen vom Deutschen Kolleg (DK); der Aufsatz erschien zuerst unter

dem Titel „Die geordnete Anarchie als philosophisches Leitbild des frei-

heitlichen Rechtsstaats“ in der Zeitschrift Neues Forum XIII/154, Wien

1966; dann in: Ulrich Klug, „Rechts- und staatsphilosophische Analysen

und Positionen“ (Bd. 1 von „Skeptische Rechtsphilosophie und humanes

Strafrecht“), Berlin, Heidelberg, New York 1981, http://adk.nationalanar-

chismus.de/adk-theorie/Anarchie/body_anarchie.html. Und so kann auch

der Nationalsozialist Christian Worch „mit dem BRD-Grundgesetz gut le-

ben, wenn es denn angewendet würde“ (Briefwechsel mit Christian

Worch in: Töpfer: nationale Anarchie, S. 194).

1155 Peter Töpfer: Gibt es eine nationalanarchistische Organisation? Gibt es
eine nationalanarchistische Doktrin?, o. J. [ca. 2006?], http://nationalanar-
chismus.de/Nationalanarchismus/erklaerung/erklaerung.html
1156 http://nationale-anarchie.nationalanarchismus.de/Heilwesen/heilwe-
sen.html
1157 http://nationalanarchismus.de/Nationalanarchisten/Volksheil/volks-
heil.html
1158 http://nationale-anarchie.nationalanarchismus.de/Guerilla_/gue-
rilla_.html
1159 http://nationale-anarchie.nationalanarchismus.de/Guerilla_/Gefuhls-
guerilla/gefuhlsguerilla.html
1160 Laska: Hoevels
1161 https://www.lsr-projekt.de/mspraxis.html#n2, https://www.lsr-pro-
jekt.de/msnega.html
Erstveröffentlichung unter dem Titel »Max Stirner als „pädagogischer“
„Anarchist“« in: Anarchismus und Pädagogik. Studien zu einer vergessenen
Tradition, hg. v. Ulrich Klemm. Frankfurt/M: dipa-Verlag 1991, S. 33-44
1162 Laska: Hoevels
1163 ebenda
1164 ebenda
1165 Hoevels: Stirner II
1166 ebenda
1167 ebenda
1168 ebenda
1169 ebenda
1170 ebenda
1171 Friedrich Baron de la Motte Fouqué, 1810
1172 Hoevels: Stirner II
1173 https://youtu.be/fQseP8EbM3Y
1174 „Nichts anderes vermutete ich als Hintergrund der auf mittlere Sicht
ziemlich selbstschädigenden Praxis-Abstinenz Stirners, nachdem ihm mit

851
intellektuellen Mitteln, also blossen Ichleistungen und nicht psychoanaly-
tischen, sozusagen psychogenetischen, Einsichten die Erkenntnis vom Fe-
tischcharakter der Moral gelungen war, eine Erkenntnis, die ihn, was
auch immer Laska einwenden mag, mit de Sade vereinigt.“
1175 Hoevels: Stirner I
1176 ebenda, S. 166
1177 Laska: Selbstermächtigung
1178 Laska: Hoevels
1179 Hoevels: Stirner II
1180 ebenda
1181 ebenda
1182 Laska: Stirner, Leben Werk, S. 84
1183 Siehe Anm. 897
1184 https://www.information-philosphie.de/?a=1&t=2843&n=2&y=4&c=83
1185 Reich: Charakteranalyse, S. 454
1186 ebenda
1187 Bernd A. Laska in einem Brief vom 13.4.2004 an Lenz Prütting, LSR-
Archiv Hamburg
1188 ebenda
1189 Sharaf: Reich, S. 377
1190 ebenda, S. 37
1191 Bernd A. Laska alias Barbara Lehmann, WRB 1/1976, S. 32,
https://www.lsr-projekt.de/wrb/wrb1.html
1192 Christian Fernandes: Vorwort zu: Laska Schmitz: Briefwechsel, S. v
1193 Schriftliches Vorwort zur Video-Reihe „Sören Kierkegaard, Post-Exis-
tenzphilosophie und Tiefenwahrheit“: https://tiefenwahrheit.de/einfueh-
rung/soeren-kiergegaard-post-existenzphilosophie-und-tiefenwahrheit/
1194 https://de.wikipedia.org/wiki/Daseinsanalyse
1195 Reich: Charakteranalyse, S. 447
1196 Laska: Stirner, Leben Werk, S. 84
1197 Stirner: Einziger, S. 79
1198 Katalog der Gefühle Teil 8: Urschmerz / Urschrei bei Realisierung der
GROSSEN VERARSCHUNG, https://youtu.be/AzGtzz5UaWo
1199 ebenda, S. 267
1200 ebenda
1201 ebenda, S. 75
1202 ebenda, S. 267

852
1203 Laska: Anthologie, S. 25, https://www.lsr-projekt.de/anarcho.html
1204 https://youtu.be/pIozLTaf1c4
1205 Traurigkeit: https://www.youtube.com/watch?v=OSXJ4GnmOH8 und
https://www.youtube.com/watch?v=RXxiLwwmx4M; Freude, Liebe:
https://www.youtube.com/shorts/3-IQavEyGkk; https://www.song-
texte.com/songtext/the-cure/pictures-of-you-73d5ae11.html
1206 Live in Leipzig, 1990: https://www.y-
outube.com/watch?v=_XOywsrX6Sk, https://www.songtexte.com/song-
text/the-cure/plainsong-6bd5aee6.html
1207 Laska: Stirner, S. 68
1208 https://www.amazon.com/Becoming-Brigitte-Xavier-
Poussard/dp/B0DWGF5F43
1209 https://www.youtube.com/@RealCandaceO, https://rumble.com/c/Re-
alCandaceO
1210 Zitate in: Laska: Dissident
1211 Laska: Anthologie, S. 16 www.lsr-projekt.de/intro.html
1212 Fernandes: La Mettrie Lust Vortrag
1213 Werbetext zu Laska: Anthologie, https://www.lsr-projekt.de/miscan-
tiq.html
1214 Ebenda
1215 Bernd A. Laska in einem Brief vom 13.4.2004 an Lenz Prütting, LSR-
Archiv Hamburg
1216 Baker: Falle, S. 32; zum Haken siehe auch Peter Nasselstein: Glossar
der Orgonomie. Humana conditio ex orgonomico prospectu (2024):
https://orgonomie.net/hdorgonomia.pdf
1217 https://youtu.be/POIjrGaOo0M
1218 Journal of Orgonomy, Vol. 56, No. 2, 2023/2024, S. 35f, zit. bei Nassel-
stein: https://nachrichtenbrief.com/2025/01/06/der-blaue-faschismus-im-
weitesten-und-im-engsten-sinne/
1219 Peter Nasselstein: Der biologische Rechenfehler in der „antiautoritären
Kindererziehung“ (2024): https://nachrichtenbrief.com/2024/08/01/der-bi-
ologische-rechenfehler-in-der-antiautoritaren-kindererziehung/
1220 Ricarda Huch 1948, zit. nach: Laska: Stirner, S. 114
1221 Laska: Stirner, S. 49
1222 Brief an Sandor Ferenczi, in: Higgins MB, Raphael CM (Hrsg.) 1967:
Reich Speaks of Freud, London, Penguin, 1975, S. 128, Rückübersetzung
https://orgonomie.net/hdorgonomia.pdf

853
1223 ZPPS, Band 3 (1936), Doppel-Heft 1-2 (8-9), S. 1-7, https://www.lsr-
projekt.de/zpps/zpps8-9.html
1224 https://nachrichtenbrief.com/2024/07/29/reflektionen-uber-max-stirner-
von-konservativer-warte-teil-146/
1225 Laska: Stirner, S. 77
1226 https://www.regenauer.press/idrone
1227 https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Tech
1228 Tom-Oliver Regenauer: Rekurs & Rochaden, 15.10.2023,
https://www.regenauer.press/rekurs-rochaden
1229 Das ESG (Environmental, Social & Corporate Governance) ist neben CEI
(Corporate Equality Index) und DIE (Diversity, Equity, Inclusion) Teilprojekt
der SDG (Sustainable Development Goals), dem übergeordneten Program-
mes der Vereinten Nationen (UN), das als Teil der Agenda 2030
(https://sdgs.un.org/goals) seine 17 Dystopie garantierenden ‚Nachhaltig-
keitsziele‘ verfolgt. (Tom-Oliver Regenauer ebenda)
1230 Regenauer ebenda
1231 Trump ist ein Chabadnik: https://www.y-
outube.com/watch?v=X_95bWnWkbM, https://blogs.timesofis-
rael.com/donald-trump-americas-first-jewish-president/,
https://www.jta.org/2024/11/18/politics/who-are-the-jews-in-trumps-in-
ner-circle, https://momentmag.com/growing-up-trump/
1232 Baker: Falle, Teil II, Kapitel 13: Die soziopolitischen Charaktertypen, S.
227
1233 Siehe Anm. 772 und 773
1233 Peter Töpfer: Le Tikkoun Olam pour les peuples goys ?,
1234 Wilhelm Reich: Menschen im Staat, Frankfurt am Main 1982, S. 94–97,
https://www.lsr-projekt.de/wrb/wrstatusc.html,
1235 https://de.wikipedia.org/wiki/Zaddik
1236 Tiefenwahrheit in Aktion Nr. 1: Auftauen aus Stumpfsinn,
https://www.youtube.com/watch?v=RXrHZvbJuzY
1237 Stirner: Einziger, S. 70
1238 Vgl. Peter Töpfer: Kein Ende der Lügen, bis zum Tod nicht. Ein Bei-
trag zur Tolstoi-Forschung. Literarischer Tiefenrevisionismus. Für Robert
Faurisson, Auto Nr. 9, 2004
1239 Peter P. Rohde: Søren Kierkegaard mit Selbstzeugnissen und Bilddo-
kumenten, Rowohlt Verlag, Reinbek 1988, S. 54

854
1240 Wilhelm Reich: „Der triebhafte Charakter“, in: „Frühe Schriften I“,
Kiepenheuer & Witsch, Köln 1977: https://archive.org/details/DerTrieb-
hafteCharakter/mode/1up
1241 Stirner: Parerga, S. 161
1242 Mackay: Stirner, S. 187
1243 ebenda, S. 207
1244 ebenda, S. 32
1245 ebenda
1246 ebenda
1247 ebenda, S. 28
1248 Kapitel in: Martin Gregor-Dellin: Richard Wagner – Sein Leben. Sein
Werk. Sein Jahrhundert, München Zürich 1980 S. 9
1249 Ebenda, S. 9–20
1250 Siehe Töpfer: Pan-Agnostik, Vierte Abteilung: Religiosität ohne Gott,
Kapitel 38: Annäherung eines Agnostikers an die gottlose Religiosität:
Richard Wagners Diesseitsgläubigkeit, S. 146; Kapitel 39.10.: Gott spielen
zur Erzeugung von Resonanz, S. 160; 39.10.1.: Exkurs: Richard Wagners
Pan-Sensualismus, S. 162; Zwölfte Abteilung: das diesseitige Leben: Kapi-
tel 99: Richard Wagners Parsifal: Erzsymbol des Symbollosen: Die Wunde
schließt der Speer nur, der sie schlug – Kunst als Religionsfortführung, S.
401. Siehe auch: Töpfer: Wagner, insbesondere Kapitel 4: vertiefende Dar-
stellung Wagners Widersprüchlichkeit und deren Ursachen, I – Hegel, II –
Feuerbach, III – Schopenhauer (statt Stirner)
1251 Mackay: Stirner, S. 32
1252 ebenda, S. 50
1253 ebenda
1254 ebenda, S. 51
1255 ebenda, S. 39
1256 ebenda, S. 41
1257 ebenda, S. 49
1258 ebenda
1259 ebenda
1260 ebenda
1261 ebenda, S. 207
1262 ebenda, S. 188
1263 Damit nicht genug: „Mit Hilfe von Krafft-Ebings Psychopathia sexua-
lis wurde er sich seiner homosexuell-päderastischen Neigung bewusst.

855
[…] Seine Schriften über die ‚namenlose‘ oder ‚griechische‘ Liebe, das
heißt die Zuneigung erwachsener Männer zu männlichen Adoleszenten,
veröffentlichte er unter dem Pseudonym Sagitta.“ https://de.wikipe-
dia.org/wiki/John_Henry_Mackay
1264 ebenda, S. 120
1265 ebenda, S. 192
1266 Brief an Sandor Ferenczi, in: Higgins MB, Raphael CM (Hrsg.) 1967:
Reich Speaks of Freud, London, Penguin, 1975, S. 128, Rückübersetzung
https://orgonomie.net/hdorgonomia.pdf
1267 Laska: Stirner, S. 49
1268 La Mettrie: Wollust, S. 65
1269 La Mettrie: Glück, S. 13
1270 Youtube-Playlist „Vorläufer der Tiefenwahrheit“: https://www.y-
outube.com/playlist?list=PLvnPNlSwjOOmyARGSx9oEpTCBIhw8pas1;
das gleiche Ziel habe ich bei der Auseinandersetzung mit Alexander
Dugin verfolgt: https://www.youtube.com/playlist?list=PLvnPNlS-
wjOOn2gUcwj8p0Xq7seuI90QMb
1271 https://lsrmaschinenraum.substack.com/p/laskas-randnotizen-zu-
hans-g-helms-242
1272 Laska: Anthologie, S. 20 www.lsr-projekt.de/anarcho.html
1273 ebenda, S. 23, Laska: Reich, S. 71f., www.lsr-projekt.de/anarcho.html
1274 Laska: Stirner, S. 49
1275 Reich: Charakteranalyse, S. 385/386
1276 Glossar der Orgonomie: https://orgonomie.net/hdorgonomia.pdf
1277 La Mettrie: Glück, S. 13; siehe Anm. 327
1278 Existenzielle Verarschung, https://www.y-
outube.com/watch?v=REX6V6TQs80
1279 Julien Offray de La Mettrie: Traité du vertige, avec la description d’une
catalepsie hysterique & une lettre à Monsieur Astruc, dans laquelle on
répond à la critique qu’il a faite d’une dissertation de l’auteur sur les ma-
ladies vénériennes. Par Monsieur De La Mettrie, docteur en medecine,
Rennes 1737: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1078993
1280 Stirner: Parerga, S. 156
1281 Töpfer: Pan-Agnostik, S. 264
1282 Stirner: Parerga, S. 156
1283 La Mettrie: Wollust

856
1284 https://www.youtube.com/shorts/7uL555xWQeE, https://www.y-
outube.com/shorts/To1qgu6pBWU
1285 Stirner: Einziger, S. 70
1286 Peter Sloterdijk: Kritik der zynischen Vernunft, Frankfurt/M. 1983, 1.
Band, S. 191, hier zit. in: Laska: Stirner, S. 139
1287 Siehe dazu auch meine Rezension in Sleipnir. Zeitschrift für Kultur, Ge-
schichte und Politik 2/1998: Selbstversuch, zu Peter Sloterdijk: Selbstver-
such. Ein Gespräch mit Carlos Oliveira, Carl Hanser Verlag, 1996,
1288 Gefährliches Denken als Beruf – der Philosoph Peter Sloterdijk
(ZDF/ARTE Doku, 1997)
https://www.youtube.com/watch?v=Wn5EgkuQb5U
1289 Das alles ist im Video „Trizophrenie“ zu sehen, siehe Anm. 143
1290 https://youtu.be/xPGE95ytpUQ
1291 https://www.youtube.com/@institutfurtiefenwahrheit, https://ody-
see.com/@tiefenwahrheit:1, https://www.bitchute.com/channel/uJRz5dG33PgT/,
https://rumble.com/user/IfTW2
1292 https://youtu.be/8OoDcAQaYpA
1293 https://odysee.com/@tiefenwahrheit:1/2017-01-26-Stirner-Buch:5
1294 https://rumble.com/v6rryqj-stirner-buch.html
1295 https://rumble.com/v6rsb53-stirner-tiefenwahrheit-buch.html. Wenn
alle vier Videos nicht mehr auf den Plattformen sein sollten, dann bitte
auf www.tiefenwahrheit.de schauen oder mich kontaktieren: toepfer.pe-
ter@gmx.net.
1296 Günter Kunert: Die geheime Bibliothek, Berlin und Weimar 21977, S.
281
1297 Stirner: Einziger, S. 181
1298 Siehe Anm. 247
1299 Bernd A. Laska: Max Stirner – Dissident geblieben, in: Die Zeit 2000/5,
S. 49, https://www.lsr-projekt.de/msinnuce.html
1300 https://www.youtube.com/watch?v=KltHIJKmkb4
1301 Todesnähe und Tod, Hoffnung und Angst (zwei Träume)
aus dem Buch “Peter Töpfer, Gedichte 1977 – 2005. Mit Gouachen von
Hanne Pfiz-Soderstrom”, S. 138 – 142, https://tiefenwahrheit.de/to-
desnaehe-und-tod-hoffnung-und-angst/
1302 Ein Freund von mir drückte dies einst mit diesen Gedichtzeilen aus:
„Gehen wir nach / Italien entwickeln wir unsere / Persönlichkeit“: An-

857
dreas Röhler: Santo Morelli. Gedichte. Grafik: Thuur Camps, herausgege-
ben von der Neuen Gesellschaft für Literatur e.V. mit Unterstützung des
Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin (West) (Mariannenpresse)
1986, nicht paginiert
1303 Reich: Charakteranalyse, S. 316
1304 https://youtu.be/LpV4Ok1mUgc
1305 La Mettrie: Glück, S. 53-63
1306 George Harrison, Life itself, https://www.youtube.com/watch?v=Y1_9-
x9-Fzg
1307 Bernd A. Laska: Martin Hochhuths „Tertiärverdrängung“, 2010,
https://www.lsr-projekt.de/marginalien/marginalien01.html
1308 derselbe: Den Bann brechen! – Max Stirner redivivus. Wider Marx,
Nietzsche et al. Eine Ermutigung anlässlich zweier mutloser Neuerschei-
nungen. Teil 2: Über Nietzsche und die Nietzscheforschung,
https://www.lsr-projekt.de/msbann2.html, https://www.lsr-pro-
jekt.de/msbann2.html, siehe u. a. auch: Max Stirner, ein dauerhafter Dissi-
dent – in nuce –. Wie Marx und Nietzsche ihren Kollegen Max Stirner ver-
drängten und warum er sie geistig überlebt hat, erschienen unter dem Ti-
tel „Dissident geblieben“ in: Die Zeit, Nr. 5, 27. Januar 2000, S. 49,
https://www.lsr-projekt.de/msinnuce.html
1309 Laska: Hochhuths „Tertiärverdrängung“, https://www.lsr-pro-
jekt.de/marginalien/marginalien01.html#20100518
1310 ebenda; siehe auch: Laska: „Tertiärverdrängung“ in der aktuellen Re-
zeption von Max Stirner, https://www.lsr-projekt.de/mstertiaer.html
1311 Laska: Hoevels
1312 Töpfer: Wahrheit, Kapitel Das Szenario und der große Trost, S. 257
1313 https://en.wikipedia.org/wiki/Arthur_Janov; vgl. auch Janov: Urschrei,
S. 49. Er spricht dort von einer „Verklemmung des Atmungsapparats“.
1314 Töpfer: Die Wahrheit
1315 Siehe Anm. 283
1316 Der Junge, 1. Teil: „Eine tote, hektische, traurige, konfuse, vor sich
flüchtende Person“, https://youtu.be/LCcVsVjwLUY und das dieser Vi-
deo-Reihe „Der Junge“ zugrundeliegende Kapitel 2.6. „Der traurige
Junge“ aus der Video-Reihe „Sören Kierkegaard, Post-Philosophie und
Tiefenwahrheit“: https://youtu.be/TfA6uMeTEFw
1317 https://youtu.be/GUE_ruQRO2k


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„Ich habe gegen die Freiheit nichts einzuwenden, aber Ich wünsche
Dir mehr als Freiheit; Du müßtest nicht bloß los sein, was Du nicht
willst, Du müßtest auch haben, was Du willst, Du müßtest nicht nur
ein ‚Freier’, Du müßtest auch ein ‚Eigner’ sein.“ Max Stirner