Arthur Janov: Oxytocin


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„Ein Kind mit niedrigem Oxytocinspiegel wird sich nur schwach oder gar nicht an seine Eltern binden, aber gleichzeitig nach Liebe hungern. […] Der Name Oxytocin leitet sich vom Griechischen ab und bedeutet »leichte Geburt«.“

Aus: Arthur Janov: Vorgeburtliches Bewußtsein. Das geheime Drehbuch, das unser Leben bestimmt, Berlin München 2012, Original: Life before birth, NTI Upstream Chicago, Illinois 2011, S. 118 bis 130:

Das relativ unbekannte Hormon Oxytocin ist wichtig, um starke emotionale Beziehungen zu anderen herstellen zu können. Menschen mit niedrigem Oxytocinspiegel binden sich emotional weniger stark, engagieren sich seltener sozial, sind weniger fürsorglich und weniger bedacht auf Körperkontakt – also insgesamt weniger liebevoll. Der Oxytocinspiegel wird, wie so viele andere wichtige biochemische Stoffe, früh im Leben festgelegt – vor und während der Geburt und im Kleinstkindalter. Es schlägt sich als Prägung nieder und kann später weitreichende Auswirkungen haben. Er beeinflusst nicht nur das Maß an Zuneigung, das ein Mensch zu geben imstande ist, sondern auch die Sexualität, weil er die Art verändert, wie Hirnstrukturen wie Amygdala und Hippocampus Schmerzsignale in sexuelle Impulse übersetzen. Ein Kind mit niedrigem Oxytocinspiegel wird sich nur schwach oder gar nicht an seine Eltern binden, aber gleichzeitig nach Liebe hungern. Oxytocin ist ein Überlebensmechanismus, aber auch wichtig für den Aufbau von Beziehungen, von denen das Sozialgefüge der Menschheit und das Überleben der Art abhängen. Wir werden sehen, dass unsere Wahl von Beruf, Partner und Interessen eine Menge mit dem Oxytocinspiegel zu tun hat.

Man fragt sich, warum eine mütterliche Umarmung entspannend wirkt. Ganz einfach, weil sie den Oxytocinspiegel

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anhebt. Das geschieht aber auch, wenn die Mutter anruft. In einem Artikel in Scientific American hat die biologische Anthropologin Leslie Seltzer festgestellt, dass die mütterliche Stimme neurologisch dieselbe Wirkung hat wie eine Umarmung.¹ Seltzer ließ Mädchen zwischen sieben und zwölf Jahren vor einer Gruppe fremder Menschen spontane Reden halten und Rechenaufgaben lösen. Dabei stieg der Cortisolspiegel der Mädchen deutlich an. Nach Erledigung der Aufgabe wurde ein Drittel der Mädchen tröstend von seinen Müttern in den Arm genommen. Ein Drittel betrachtete einen emotional neutralen, 75 Minuten langen Film und das restliche Drittel telefonierte mit den Müttern. Bei den Mädchen, die umarmt wurden und telefonierten, geschah das Gleiche: Der Oxytocinspiegel stieg, der Cortisolspiegel sank. Ein bemerkenswertes Beispiel dafür, dass beruhigende Worte und Berührungen einen ähnlich stresslindernden Effekt haben. Die Studie beweist, dass psychologische Besserung durch Zuneigung geschieht, und nicht durch Angst oder Nervosität. Ich kann nicht oft genug betonen, dass Liebe im frühen Kindesalter das beste aller Mittel gegen Schmerzen ist.

Natürlich sind hier weitere Neurotransmitter im Einsatz. Wenn ein Baby lächelt und gurrt, wird im Gehirn der Mutter ein Bereich aktiviert, der für Belohnung zuständig ist und Dopamin ausschüttet. Dopamin ist, wie Oxytocin, ein Botenstoff der Liebe. Mütterliches Verhalten hat seinen Sitz teilweise in den Belohnungsbereichen des Gehirns, darum fühlt sie angesichts eines zufriedenen Babys das Bedürfnis, es zu knuddeln und lieb zu haben. Neuere Studien legen nahe, dass Oxytocin und Dopamin gemeinsam ein Gefühl des Wohlbehagens erzeugen. Ich halte es für möglich, dass mangelndes Wohlbefinden als Folge einer zu geringen Hormonausschüttung eine Ursache von Suchterkrankungen ist, doch dazu später mehr.

Halten wir für den Moment nur fest, dass Oxytocin die

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Toleranz gegenüber Morphinen und ähnlichen Drogen herabsetzt und beim Absetzen hilft, Entzugserscheinungen zu lindern. Gibt man Ratten Kokain, werden sie zu zwanghaften Schnüfflern – Oxytocin mäßigt dieses Verhalten. Labortiere, die sich per Hebeldruck selbst mit Schmerzmitteln bedienen konnten, verzichteten darauf, wenn sie Oxytocin erhielten. Diese Studien legen den Schluss nahe, dass Drogenabhängige mit einem ausreichenden Oxytocinspiegel nicht ständig höhere Dosen brauchen, um dasselbe »High« zu erreichen. Es ist der Rausch und das Gefühl von Wärme, das in die Abhängigkeit führt, und kein körperliches Bedürfnis.

Oxytocin kommt nur bei Säugetieren vor und ist vielleicht am besten bekannt als Mittel, um Geburtswehen einzuleiten. Normalerweise wird es verabreicht, wenn sich Cervix und Vagina während der Wehen geweitet haben, außerdem nach der Stimulation der Brustwarzen, die dazu dienen soll, die Geburt und danach das Stillen zu erleichtern. Bei hohem Oxytocinspiegel tritt ein Gefühl von Entspannung, Erholung, Heilung und liebevoller emotionaler Bindung ein. Ein niedriger Oxytocinspiegel kann auf Vernachlässigung im Kleinstkindalter und mangelnden Körperkontakt hinweisen, schlimmstenfalls sogar auf eine Fehlfunktion des ganzen Systems und daraus folgende spätere körperliche oder psychische Probleme. Durch einen hohen Oxytocinspiegel drückt der Körper aus: »Ich wurde geliebt und konnte mich normal entwickeln.« Ein Mangel dieses Hormons besagt: »Ich wurde nicht geliebt und nun ist mein System durcheinandergeraten.«

Mutter-Kind-Bindung
Eine der Hauptaufgaben von Oxytocin besteht darin, emotionale Bindungen herzustellen, die unseren Bedürfnissen nach Nähe, Schutz, Unterstützung und Sexualität entsprechen. Ein hoher Oxytocinspiegel fördert die Bindungsfähigkeit, ein

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niedriger bewirkt das Gegenteil. Menschen, die nur schwer Bindungen eingehen, haben meist einen niedrigen Oxytocinspiegel. Weil ein frühes Trauma und Mangel an Liebe die Ausschüttung dieses Hormons bestimmen, kann die Fähigkeit, Beziehungen einzugehen und eine erfüllende Sexualität zu erleben, schon vor der Geburt oder im Kleinstkindalter beeinflusst werden. Bindungsfähigkeit kann man nicht lernen, schon gar nicht im späteren Leben. Sie ist ein biochemisches Phänomen, das man auf organischer und physiologischer Ebene fühlt.

Muttermilch hat einen hohen Oxytocingehalt, darum ist das Stillen so wichtig. Wenn der Säugling trinkt, gelangen die Wirkstoffe der Milch sofort in sein Gehirn und bewirken, dass er sich ruhig und behaglich fühlt. Studien haben gezeigt, dass Mütter, die stillen, ebenfalls ruhiger und geselliger sind und mit Stress und Monotonie besser zurechtkommen. Zudem haben sie regelmäßigeren Hautkontakt mit dem Baby. Dies ist ein wichtiger Aspekt, denn durch das Saugen des Kindes gleich nach der Geburt wird die Oxytocinproduktion der Mutter angeregt, was die Milchbildung fördert und zudem die Bindung zwischen Mutter und Kind weiter vertieft.

Wenn bei Jungtieren die Oxytocinproduktion unterbunden wird, kommt es nicht zu dieser engen Bindung an die Mutter. Das führt dazu, dass das Junge leidet, möglicherweise ein Leben lang. Wichtig ist, dass Oxytocin in zwei Richtungen wirkt. Ein niedriger Oxytocinspiegel beim Baby verhindert, dass es sich seiner Mutter nahe fühlt. Es empfindet körperliche Nähe nicht als angenehm und quengelt, wenn es in den Arm genommen wird. Selbst wenn der Oxytocinspiegel der Mutter bei der Geburt den des Kindes ansteigen lässt, wird es nur schwach darauf ansprechen. Wir sehen also, dass die Biologie – vor allem die Biologie unserer frühesten Überlebensinstinkte – Bände sprechen kann.

Menschen, die als Kleinkind keine enge Bindung zu den

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Eltern herstellen konnten, gehen oft ihr Leben lang instabile und schwache Beziehungen ein. Das kann teilweise daran liegen, dass beim Kind wichtige Hormone wie Oxytocin in unterdurchschnittlichen Mengen ausgeschüttet werden. Weil die Mutter-Kind-Bindung so früh im Leben etabliert wird, lässt es sich später nur schwer ermitteln, worauf bestimmte Probleme zurückzuführen sind. Ein Patient im Alter von Mitte 20 kann die Nähe zu einem anderen Menschen als schwierig oder schmerzhaft empfinden, weil er im Säuglingsalter einen Mangel an Zuwendung erlitten hat und nun nicht genügend der notwendigen Stoffe produziert, die seine sozialen Ängste lindern und es ihm ermöglichen, Beziehungen aufzubauen. Das kann letztlich zu Kontaktscheu führen. Ich halte es für einen guten ersten Schritt, wenn ein Mensch, der schlecht mit anderen zurechtkommt, sich für eine Therapie entscheidet, in der zuerst sein Oxytocinspiegel gemessen wird.

Bedenken Sie aber, dass der Ursprung dieser Probleme sehr früh im Leben angesiedelt ist und diese deshalb schwer zu beheben sind. Der Wissenschaftler Thomas Insel merkt dazu an: »Viele der affektiven Bindungen an die Mutter, die nach der Geburt zu beobachten sind, können bereits durch vorgeburtliche Erfahrungen festgelegt sein.«²

Damit kommen wir wieder auf die Erkenntnis zurück, dass Erfahrungen vor der Geburt die folgenden Lebensjahrzehnte beeinflussen können. Natürlich hat dieser Forschungsbereich etwas von der Frage nach der Henne und dem Ei. Wir wissen heute noch nicht, was zuerst da war – der niedrige Oxytocinspiegel und daraus resultierend die geringe Liebes- und Bindungsfähigkeit, oder der Mangel an Liebe im Kindesalter, durch den die Voreinstellungen für die Oxytocinproduktion verändert wurden. Sicher ist jedoch, dass eine distanzierte, kühle Beziehung zu den Eltern – worin auch immer die Ursache liegen mag – ein Vorbild für spätere Beziehungen

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darstellt, etwa belanglose Freundschaften, ein spärliches Sexualleben und gescheiterte Ehen. Wenn die Bandbreite unserer Patienten am Janov Center als Maßstab gelten kann, dann scheint der Zusammenhang zwischen frühkindlicher Bindung und späterer Beziehungsfähigkeit eine Art biologische Gesetzmäßigkeit zu sein.

Trauma, Sexualität und Mutterinstinkt
Wenn ein Trauma vor oder während der Geburt oder in der frühesten Kindheit das System durcheinanderbringt, kommt es zu einer Überforderung und die Produktion von Neuro-Inhibitoren – Serotonin und Oxytocin – wird gestört. Der Vorrat an Neuro-Inhibitoren ist nicht unerschöpflich, und Schmerz in der frühesten Lebenszeit erfordert das höchste Maß an Inhibition. Wenn im Kampf gegen den emotionalen Mangelzustand immer mehr dieser Stoffe verbraucht werden, wird das System zunehmend asexuell. Untersuchungen haben gezeigt, dass Oxytocin für verschiedene »Ausschüttungen« verantwortlich ist – sowohl die Bereitstellung von Muttermilch für das Baby als auch die männliche Ejakulation. Eine Mutter, die als Kind geliebt wurde, wird wahrscheinlich mehr Milch für ihr Kind produzieren, und ein Mann, der als Kind geliebt wurde, dürfte über mehr aktive Spermien verfügen.

Obwohl der Zusammenhang zwischen Oxytocin und menschlicher Sexualfunktion noch nicht ganz geklärt ist, wurde in mindestens zwei Studien ein Anstieg des Oxytocinspiegels beim Orgasmus festgestellt – sowohl bei Männern als auch bei Frauen.³ Die Autoren einer Studie vermuten, dass die Wirkung des Hormons auf die Kontraktionsfähigkeit der Muskeln den Transport von Spermien und Eizellen erleichtern könnte. Außerdem stellten sie fest, dass Oxytocin-Injektionen in die Rückenmarksflüssigkeit von Ratten spontane Erektionen auslöste, was die Vorgänge im Hypothalamus

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und Rückenmark widerspiegelt.⁴ Eine neuere Untersuchung an Männern hat ergeben, dass bei sexueller Erregung der Oxytocinspiegel durchgängig erhöht war, wenngleich kein akuter Anstieg beim Orgasmus zu verzeichnen war.⁵

Es werden weitere Studien nötig sein, um diese Ergebnisse zu untermauern. Die bisherige Forschung legt aber nahe, dass der Oxytocinspiegel wichtige Informationen zum besseren Verständnis der menschlichen Sexualität liefern kann. Ein Therapeut könnte beispielsweise fragen: »Wurden Sie geliebt?« und der Patient könnte antworten: »Aber gewiss!« – und dennoch sagen möglicherweise ein niedriger Oxytocinspiegel und ein erhöhter Spiegel von Stresshormonen sowie andere hormonelle Umstände etwas ganz anderes aus. Biologische Indikatoren können vielsagend sein. Möglicherweise wurde ein Patient nach seiner Geburt tatsächlich geliebt, hat aber während der Schwangerschaft schwere Traumata erlebt, die ihm gar nicht bewusst sind.

Was tun wir, wenn wir biologische Parameter messen? Wir holen vom Körper relevante Informationen ein. Diagnostische Hilfsmittel vom MRT bis zur Blutprobe liefern uns in der »nonverbalen Sprache« der Biologie relevante Daten, die uns bei der Therapie helfen. Natürlich können wir von Mess- und Untersuchungsgeräten keine sprachlichen Äußerungen erwarten. Ebenso unsinnig wäre es, sie von nicht-sprachlichen Bereichen des Gehirns zu erwarten, wo solche Informationen gar nicht existieren.

Im Fall des Oxytocinmangels darf ein Therapieansatz nur fragen, ob der Patient das Problem anerkennt oder verleugnet. Es muss auch geprüft werden, ob emotionale Funktionsstörungen auf Unregelmäßigkeiten im Gehirn hinweisen. Wenn in der frühen Entwicklung der Gehirnstrukturen ein Trauma stattfindet, wird die Reifung des Gehirns behindert. Ein Gehirn, das von einer solchen Beeinträchtigung betroffen ist, unterscheidet sich grundlegend von einem gesun-

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den. Es ist wichtig, dass bei der Ausbildung von Synapsen und Nervenvernetzungen ein ausgewogenes Hormonverhältnis herrscht – Störungen dieses Gleichgewichts können bereits stattfinden, bevor ein Mensch das Licht der Welt erblickt.

Junge Mütter sind oft verwirrt, weil sie aus unerfindlichen Gründen keine Milch für ihr Neugeborenes haben. Viele legen Wert darauf, so bald wie möglich wieder in den Beruf zurückzukehren. Ihnen ist – vielleicht aus gutem Grund – der Beruf sehr wichtig und sie interpretieren die nachlassende Milchproduktion als Signal, die Arbeit wieder aufnehmen zu können. In vielen Fällen kann aber ein Mangel an Liebe im frühesten Alter die Produktion mütterlicher Hormone reduziert und zugleich den Cortisolspiegel angehoben haben. Daraus ergibt sich das Bedürfnis nach hoher Aktivität. Unter Umständen gibt eine Mutter an, ihren Beruf zu lieben, tatsächlich dient er aber hauptsächlich dazu, überschüssiges Cortisol abzubauen. Die Prioritäten der Mutter ergeben sich in diesem Fall also nicht aus ihren Neigungen, sondern aus ihrer Neurochemie und deren Entstehungsgeschichte. Aufgrund ihrer eigenen frühkindlichen Erfahrungen ist sie nicht nur weniger mütterlich, sondern sie nimmt auch die Bedürfnisse ihres Kindes und deren Intensität nicht wahr. Man ist leicht versucht, hierfür genetische Ursachen anzunehmen, aber wir dürfen nicht die Lebensphase außer Acht lassen, in der sich Gehirn und Körper entwickeln. Ich habe bereits erläutert, dass ein vorgeburtliches Trauma zu einem niedrigen Serotoninspiegel führt, und ich vermute stark, dass Vergleichbares für Oxytocin gilt. Natürlich können hormonelle Voreinstellungen auch in der frühen Kindheit festgelegt werden, darum müssen wir sehr genau ermitteln, wann und wie die Prägung stattgefunden hat. Frauen, denen die Mutterschaft schwerfällt, haben oft in der eigenen Kindheit nur geringen Körperkontakt zu ihren Eltern erlebt. Auch dadurch

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kann die Produktion »mütterlicher« Hormone im späteren Leben reduziert werden.

Vasopressin: das männliche Liebeshormon
Das Hormon Vasopressin spielt eine wichtige Rolle für die väterliche Fürsorglichkeit. Außerdem wirkt es schmerzlindernd und veranlasst Tiere dazu, ihre Umgebung bereitwilliger zu erkunden. Tierversuche haben gezeigt, dass bei blockierter Vasopressin-Ausschüttung elterntypische Verhaltensweisen deutlich nachlassen. Bei Direktinjektion ins Gehirn männlicher Mäuse andererseits verstärkte es elterliches Verhalten. Die Tiere wurden geselliger, wandten ihren weiblichen Partnern mehr Aufmerksamkeit zu und verbrachten mehr Zeit mit ihnen – kurz gesagt, sie wurden zu liebevollen Partnern und Vätern. Vasopressin stellt überdies ein Gegengewicht zum Oxytocin dar. Bei Tieren steigert es die Aggressivität und das Territorialverhalten.

Unsere Liebeshormone Oxytocin und Vasopressin ähneln sich bezüglich ihrer Molekularstruktur. Sie lassen sich über Jahrmillionen in der Evolution zurückverfolgen. Liebe und Beziehungsbildung sind für Säugetiere seit jeher von Bedeutung gewesen, denn sie stehen in engem Zusammenhang mit Sexualität und Fortpflanzung. Der Vasopressinspiegel erreicht seinen Höchststand bei sexueller Erregung, der Oxytocinspiegel dagegen während der Ejakulation. In der Amygdala, dem Gefühlszentrum des Gehirns, befindet sich eine hohe Dichte von Zellen, die Vasopressin bilden. Dieser Hirnbereich spielt auch für unsere Liebesfähigkeit eine wichtige Rolle. Meiner Ansicht nach ist Liebe der motivierende Faktor für Sexualität und Fortpflanzung, und es scheint, als empfehle uns die Natur durch die verschiedenen Funktionen, die Vasopressin in unserer Entwicklung spielt, diese Aspekte nicht voneinander zu trennen.

Vasopressin wird ausgeschüttet, wenn Stress auftritt, und

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kann durch Oxytocin bekämpft werden. Das mag seltsam erscheinen, weil sich beide in der Molekularstruktur ähneln und dieselben Rezeptoren verwenden können. Sie unterscheiden sich aber insofern, als Vasopressin die Form von Aggressivität begünstigt, die man allgemein mit männlicher Sexualität in Zusammenhang bringt. Vasopressin spielt eine wichtige Rolle für die Paarbildung bei Tieren und beeinflusst bei manchen männlichen Tieren Partner-Präferenzen und Partnerwahl. Bei einem Anstieg des Vasopressinspiegels steigt auch die Testosteron-Ausschüttung an.

All das bedeutet, dass »Liebe« tatsächlich viel mit Chemie zu tun hat – vor allem mit Oxytocin und Vasopressin. Ich wage die Hypothese, dass die Intensität des Liebesgefühls und die Höhe des Oxytocinspiegels proportional zueinander stehen. (Es könnte auch das Gegenteil zutreffen: Je höher der Oxytocinspiegel, desto mehr Liebe hat der betreffende Mensch zu geben.) Streichelt man einem Tier den Bauch, steigt die Oxytocin-Ausschüttung und gleichzeitig sinkt der Blutdruck. Vor allem aber tritt der Sympathikus in den Hintergrund und der Parasympathikus gewinnt die Oberhand. Dieses System, das für Entspannung, Ruhe und Reparatur zuständig ist, stärkt auch die Gesundheit und damit das Überleben. All das besagt, dass Liebe beruhigend und normalisierend wirkt. Oxytocin trägt zur Senkung des Blutdrucks bei, während Schmerz ihn ansteigen lässt. Genau das erleben wir bei unseren Patienten in der Therapie. Etwa ein Jahr, nachdem sie ihren Primärschmerz wiedererlebt haben, sinkt der Blutdruck um durchschnittlich 24 Punkte. Das passt auch zu Ergebnissen aus Tierversuchen, die zeigen, dass Oxytocin die Ausschüttung von Stresshormonen (Glucocorticoiden) hemmt. Bei erhöhter Wachsamkeit sinkt der Oxytocinspiegel, weil das System in Alarmbereitschaft geht.

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Synthetische Hormone und Therapie
Aus therapeutischer Sicht ist die weitere Erforschung dieser Liebeshormone besonders wichtig. In derselben Weise, wie sich der Sexualtrieb bei Männern durch Testosteroninjektionen steigern lässt, könnten wir möglicherweise »Liebe injizieren« – oder zumindest ein Hormon, das die Liebesfähigkeit verbessert. So eine Hormonspritze könnte dabei helfen, zumindest zeitweise die Bindung zum Partner zu vertiefen und seinen Gefühlen und Schmerzen mitfühlend zu begegnen. Man mag so eine Injektion für ungewöhnlich halten, doch letztlich entspricht sie einem chemischen Vorgang, der auch ganz natürlich stattfindet. Man kann einem Tier Oxytocin injizieren oder es streicheln und dadurch seinen Oxytocinspiegel erhöhen. In ähnlicher Weise können wir einer schwangeren Frau Stress verursachen oder ihr Steroide injizieren: in psychologischer Hinsicht sind die Auswirkungen gleich. Und in derselben Weise, wie liebevolle Zuwendung der Mutter den Serotoninspiegel ihres Kindes ansteigen lässt, kann ein Arzt seinem Patienten Serotonin spritzen, um ihn vorübergehend zu beruhigen. Im Übrigen »verabreicht« eine Mutter ihrem Kind regelmäßig Oxytocin mit der Muttermilch, die ein hohes Maß dieses Hormons enthält. All das bedeutet, dass Liebe – oder ihre Ausdrucksformen – äußerlich zugeführt werden kann. Geschieht das auf natürliche Weise und zum richtigen Zeitpunkt, dann sorgen die säugetiertypischen Hormone dafür, dass ein liebevoller Mensch heranwächst.

Der Name Oxytocin leitet sich vom Griechischen ab und bedeutet »leichte Geburt«. Synthetisches Oxytocin wird unter Handelsnamen wie Pitocin und Syntocinon auch zur Anregung der Wehentätigkeit während der Geburt eingesetzt. Meiner Vermutung nach dürfte in der Geschichte von Frauen, die Oxytocin zur Erleichterung des Geburtsvorganges benötigen, ein Schmerzereignis zu finden sein, das ihren

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Hormonspiegel gesenkt und dadurch Wehen und Geburt erschwert hat. Statistiken deuten darauf hin, dass Mütter, die durch Kaiserschnitt entbinden, einen niedrigeren Oxytocinspiegel haben als Mütter, die ihre Kinder normal zur Welt bringen. Wird Müttern zur Geburtserleichterung Oxytocin verabreicht, wird dadurch auch ihre liebevolle Zuwendung zum Kind gefördert. Sie haben weniger Stillprobleme und gehen entspannter mit dem Kind um.

Selbst bei einer Patientin, die sich als äußerst liebevoll beschreibt, kann bei einer Untersuchung ihres Hormonspiegels ein Mangel an Oxytocin festgestellt werden. Es ist allerdings beruhigend, dass »Lieblosigkeit« physische Ursachen haben kann, denn das bedeutet in vielen Fällen, dass sich der Zustand medikamentös verbessern lässt. Und natürlich kann auch psychologisch eine Verbesserung bewirkt werden. Wichtig ist jedoch dies: Wenn ein Mensch nicht im frühesten Leben geliebt, angeschaut, berührt, geknuddelt und bewundert wird, können biologische Veränderungen eintreten, die zwar subtil sind, aber dennoch lebenslange Auswirkungen haben können. Eine Mutter, die gut auf sich achtet, nicht depressiv oder übernervös ist, auf Drogen und Alkohol verzichtet und sich richtig ernährt, wird normalerweise ein liebesfähiges Kind zur Welt bringen. Vielleicht können wir irgendwann in der Zukunft sogar durch Hormonmessungen genauer erklären, wie sich »richtige« Elternliebe in neurochemischer Hinsicht definiert.

Es fällt schwer sich vorzustellen, dass man tatsächlich durch Oxytocingaben die Liebesfähigkeit steigern kann, wenn auch nur vorübergehend. In Studien an Schafen und Rhesusaffen, die dieselben Hormone produzieren wie wir Menschen, hat man nach Oxytocininjektionen ein verbessertes mütterliches Verhalten festgestellt. Wer bezweifelt, dass man die Ergebnisse von Tierversuchen auf den Menschen übertragen kann, sollte wissen, dass bei Forschungen im

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Rahmen des Humangenomprojekts festgestellt wurde, dass Menschen nicht viel mehr Gene besitzen als Ratten. Mit anderen Worten, es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich an Tieren gewonnene Erkenntnisse auf den Menschen übertragen lassen. Wenn man jungfräulichen, weiblichen Tieren Oxytocin injiziert, legen sie binnen 30 Minuten mütterliche Verhaltensweisen an den Tag. Also ja, wir können Liebe injizieren, wenn wir sie sorgfältig definieren. Wir können jemandem vorübergehend helfen, ein Gefühl zu entwickeln, zu dem er von allein nicht in der Lage wäre. Zumindest können wir ihm helfen, besser zu Bindungen, Körperkontakt und Fürsorglichkeit imstande zu sein. Wenn es uns gelänge, eine Therapieform zu entwickeln, mit der wir die Voreinstellungen für diese Liebeshormone korrigieren könnten, wären wir möglicherweise dazu in der Lage, unseren Patienten dazu zu verhelfen, dauerhaft Liebe zu empfinden und zu geben.

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Anmerkungen

1 Harmon, K. (2010): »A Phone Call from Mom Reduces Stress as Well As a Hug«, Scientific American, 11. Mai 2010. Ergänzung zur Hauptstudie: Seltzer, L. J., Ziegler, T. E., & Pollak, S. D. (2010): »Social vocalizations can release oxytocin in humans«, Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, Band 277, Nr. 1694, S. 2661–2666. [Der Link des Autors ist veraltet. Die aktuelle, dauerhafte Kennzeichnung lautet: DOI: 10.1098/rspb.2010.0567]

2 Insel, T. R. (1997): »A Neurobiological Basis of Social Attachment«, American Journal of Psychiatry, Band 154, Nr. 6, S. 726–735.

3 Carmichael, M. S., Humbert, R., Dixen, J., Palmisano, G., Greenleaf, W., & Davidson, J. M. (1987): »Plasma oxytocin increases in the human sexual response«, The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, Band 64, Nr. 1, S. 27–31. Zweite Studie: Carmichael, M. S., Warburton, V. L., Dixen, J., & Davidson, J. M. (1994): »Relationship among cardiovascular, muscular, and oxytocin responses during human sexual activity«, Archives of Sexual Behavior, Band 23, Nr. 1, S. 59–79.

4 Devarajan, K., & Rusak, B. (2004): »Oxytocin levels in plasma and cerebrospinal fluid of male rats: effects of circadian phase, light and stress«, Neuroscience Letters, Band 367, Nr. 2, S. 144–147.

5 Murphy, M. R., Seckl, J. R., Burton, S., Checkley, S. A., & Lightman, S. L. (1987): »Changes in oxytocin and vasopressin secretion during sexual activity in men«, The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, Band 65, Nr. 4, S. 738–741.
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