Peter Töpfer hat heute, 17.6.2026 eine Stellungnahme zu meiner Rezension seines Buches getätigt und Kritikpunkte an meiner Rezension geäußert. Ich schätze seine Kritik und nehme sie zu Herzen.
Erstmal. Ich finde den Text gut. Hätte ihn geteilt. Facebook erlaubt mir das Teilen irgendwie nicht. Da kommt eine Fehlermeldung.
Das Problem war NICHT, dass ich das Buch nur überflogen hätte. Ich hab mich sehr intensiv damit beschäftigt. Das Problem war, dass ich eine bestimmte Methodik zur Rezension hab: 1. Einleitung und Kontextualisierung.
2. Dann Kapitel für Kapitel durchgehen und jedes Kapitel mit einem Satz zusammenfassen und dann kommentieren.
Das Problem hier war, dass sowohl bei Geopolitika.ru als auch bei Multipolar Press harte Seitenlimits gesetzt wurden, weil ich Hardcore Übertrieben hatte. (Normalerweise war die Regel „Eigentlich drei Seiten und ein bisschen Überlänge falls es sein muss.“ Dann hab ich bei Nick Land nen über 20 Seiten Langen Text abgeliefert und wurde seitdem was eingegrenzt.) Damit bin ich dann leider bei seinem Buch HART kollidiert. Das war dann nur „mist. Das klappt so nicht. Ich muss die Rezension aber irgendwie zu Ende bringen und nen vernünftigen Überblick bringen.“ Und selbst wenn ich das vorher gekürzt hätte, ich wäre mit meinem Seitenlimit trotzdem hart kollidiert.
Das ist keine Kritik und keine Entschuldigung, aber DAS war hier mein Problem.
Ich werde in Zukunft mich nochmal intensiver mit dem Text beschäftigen und eine genauere Kommentierung der einzelnen psychologischen Theorien aus seinem Buch vornehmen.
Ich habe aber auch den Eindruck, dass diese Kritik und Stellungnahme an meiner Rezension ebenfalls einige Dinge von mir falsch verstanden hat. Diese wollte ich mal kurz in einem Text berichtigen. Diesen gebe ich Peter Töpfer dann zur Nutzung.
Erstmal eine Sache zu einem Punkt, was Peter Töpfer nicht versteht. Wieso ich hier bei seiner Theorie von Psychoanalyse spreche obwohl er sich in großen Teilen von Freud distanziert. Ich meine mit Psychoanalyse nicht speziell Freuds Theorien sondern einen groben Ansatz in der Entwicklung der Psychologie. Nicht nur Freud ist für mich in dem Sinne Psychoanalyse, sondern auch Leute wie Alfred Adler, die Objektbeziehungstheorie, CG Jung, die sogenannte Egopsychologie, Wilhelm Reich etc. In gewisser Weise kann man Dinge wie Gestalt Therapie hier auch als eine Form der Psychoanalyse sehen. Adorno und Co. Sowie Teile der Postmoderne (Lacan, Deleuze, Guattari etc.) sind auch Weiterentwicklungen und Anwendungen der Psychoanalyse. Viele Existenzialistische Therapien wie Viktor Frankl ebenfalls.
Die Psychoanalyse zeichnet sich vor Allem durch Erforschung der Vergangenheit aus, und durch einen Heilungsansatz, der de Facto mit Heraklits „Gnothi Seauton“ / Erkenne dich selbst beschreiben lassen: Wenn man sich selbst, die eigene Geschichte und die Herkunft der Symptome versteht, soll man die Symptome überwinden können. Grob arbeitet Peter Töpfer mit ähnlichen Methodiken und ähnlichem „Gnothi Seauton“ Ansatz. (Die Autoren die er am Meisten zitiert stammen ebenfalls aus der Psychoanalytischen Richtung.) Deshalb passt hier die Psychoanalyse am besten.
Demgegenüber stehen Verfahren, die es vor Freud gab. Dann ist der wichtigste Kontrastpunkt vor Allem der Behaviorismus von Leuten wie Ivan Pavlov und vor Allem BF Skinner, der die amerikanischen Schulen der Psychologie begründet. Bei diesem ist das alles ein Lernvorgang. Wenn ein Verhalten eine Belohnung auslöste, wird es wiederholt, wenn es eine Strafe zur Folge hatte, dann wird es vermieden. Es gibt da aber auch den Unterschied zwischen Aktivem und Passivem. Eine aktive Belohnung ist zum Beispiel wenn jemand einen Keks zur Belohnung erhält. Wenn etwas unangenehmes weggenommen wird, kann das auch eine Belohnung sein. (Dies kann bei der Erziehung ne Falle sein. Beispielsweise, wenn ein Schüler stört, deshalb früher nach Hause geschickt wird, und er am nächsten Tag noch mehr stört weil Schule scheisse ist und deshalb das aus der Schule nehmen als Belohnung empfunden wird.) Bei Strafe wäre eine Geldstrafe eine negative Strafe und eine positive Strafe wäre eine Ohrfeige.
Hier geht es nicht so sehr um Selbsterkenntnis sondern woher das Verhalten kam ist egal. (Deshalb mögen einige Eltern lieber diese Art von Verhaltenstherapie als eine Psychoanalyse, da das unangenehme Fragen erspart.) Stattdessen soll das falsche Verhalten verlernt werden. Entweder durch Aversionstherapie/Strafe (Beispielsweise wenn ein Alkoholiker beim Trinken von Bier gleichzeitig immer einen Elektroshock bekommt.), durch Ignorieren des Verhaltens mit gleichzeitigem Beibringen von Alternativen (Ein Kind was etwas will und dann um sich schlägt wird extra so lange ignoriert bis es damit aufhört und freundlich fragt.), oder durch gezieltem Aussetzen von einem Reiz damit beispielsweise ein Patient der Angst vor Hunden hat, merkt, dass der Hund ihm nichts tut. Wenn er 50 mal nen Hund streichelt ohne gebissen zu werden, dann lernt er, dass er keine Angst vor Hunden haben muss.
(Hier ist übrigens anzumerken, dass diese Schulen sich zwar stellenweise übelst gegenseitig beschimpften, aber im Austausch standen. Skinners Beschreibung, dass jemand, der bestraft wird, vor Allem dadurch lernt, die Strafe zu vermeiden, egal ob er dies durch Vermeidung des Fehlverhalten erreicht, oder durch „beim nächsten Mal nicht erwischen lassen“, führte beim Neurologen Kurt Lewin zur Erkenntnis, dass der Mensch nicht nur Strafen vermeiden will, sondern beispielsweise auch gerne den Lohn für eine Arbeit bekommt, ohne diese Arbeit erledigt zu haben. Dies führte dann zur Idee der Feldtheorie in der Gestaltpsychologie, die dann später von Fritz und Linda Perls mit Psychoanalytischen und Existenzialistischen Konzepten zur Gestalttherapie vereint wurde.)
Die komplexeste Variante ist dann die sogenannte Verhaltensanalyse. Da wird der Patient haargenau rund um die Uhr beobachtet, um heraus zu finden, wann das Fehlverhalten auftritt und welche Auslöser es hat. Danach wird entweder die Methodik des Umlernens genau personalisiert angepasst um die maximale Wirkung zu erzielen oder bestimmten Erwachsenen wie Eltern wird ins Gewissen geredet. (Wenn sie de Facto der Auslöser des Fehlverhalten selbst sind und ihr Kind ohne es zu merken ständig triggern. Wegen Letzterem kann so etwas sich sehr in Richtung „Supernanny“ und Erziehungsratgeber entwickeln.) Man kann dies auch nutzen, um eine zu lernende Fähigkeit möglichst so dar zu bieten dass das Kind diese möglichst effizient und gut lernt. (Indem man die Aufteilung der einzelnen Schritte, die Art der Übungen und die Belohnungen ändert.)
Auf Basis des Behaviorismus entstand dann Erstmal die Kognitionspsychologie, die Skinners Modell durch eine Innenwelt erweiterte. Beispielsweise früher „Wenn ich meine Geschwister haue nimmt mir meine Mutter das Spielzeug weg und deshalb haue ich meine Geschister nicht“ und jetzt „Wenn ich meine Geschwister haue nimmt mir meine Mutter mein Spielzeug weg, und deshalb bin ich darüber traurig und weil ich nicht traurig sein will haue ich meine Geschwister nicht.“
Dieses führte dann wiederum zu Aaron Temkin Becks Kognitionstherapie. Diese lehrt grob dass man im Leben Einstellungen und Meinungen lernt und diese Einstellungen dann zu einem sichtbaren Verhalten führen. Beispielsweise: „Ich fahre auf der Autobahn. Jemand nimmt mir die Vorfahrt. Ich gelange zur Einstellung dass dieser jemand ein blödes Arschloch ist. Deshalb schreie ich jetzt rum und haue wild auf die Hupe.“ Dies soll dann umtrainiert werden zu „Jemand nimmt mir die Vorfahrt aber vielleicht hatte er es ja eilig und einen Notfall oder hat mich nicht gesehen. In einigen Tagen werde ich eh vergessen haben, wer das ist. Deshalb ist es besser, das zu ignorieren und sich auf etwas Anderes zu konzentrieren.“
Aber Beck sah diese Einstellungen auch als Lern und damit veränderbar an. Deshalb sollte der Patient dazu gebracht werden, mit grob behavioristischen Methoden diese Einstellungen umzulernen. (Deshalb ist der Name Cognitive Behavior Therapy auch doppeldeutig. Dies ist nicht nur eine Verhaltenstherapie die mit Geistigen/Kognitiven Methoden, sondern dass Gedanken auch eine Form von „Cognitive Behavior“, also geistigem Verhalten sind, was man umlernen kann.)
Die freudianische Gesprächstherapie wird hier nicht genutzt, um die reine Selbsterkenntnis zu erlangen, sondern um genau diese Einstellungen zu finden, die umgelernt werden müssen. Da gibt es wiederum Unterschiede zwischen Situationsbedingten Einstellungen und Core Beliefs, also fundamentalen, grundsätzlichen Einstellungen.
Peter Töpfer lehnt dieses angeleitete Umlernen wiederum als Manipulativ und Kontraproduktiv ab. Dies zeigt, dass die behavioristische Seite gar nicht passt. Der Therapeut soll den Patienten auch nicht in eine „richtige“ Richtung lenken. (Und man muss hier auch sagen, dass diese Therapie sich es oft einfach macht und nicht wie Jordan Peterson es fordert „bringe dein Leben mit kleinen Dingen in die richtige Richtung, fang damit an dein Zimmer aufzuräumen“ arbeitet, sondern oft in Richtung „dein Leben ist beschissen aber Think some happy thoughts“ ausartet.)
Damit ist Peter Töpfer hier übrigens sehr nah an Carl Rogers Klientenzentrierter Therapie, welche ähnlich Manipulation durch den Therapeuten vermeiden will.
Die dritte größte Schule ist die Biopsychologie, die glaubt, Krankheiten entstehen nicht aus der Kindheit oder schlechten Erlebnissen sondern durch hormonellen, neurochemischen Ungleichgewichten und seien eher was wie Behinderungen und Gendefekte. Deshalb würden sowohl Verhaltenstherapie als auch Psychoanalyse nichts bringen sondern man müsste Pharmakologisch den Hormonhaushalt im Hirn nachkorrigieren.
Diese erwähnt er de Facto nicht einmal aber es ist offensichtlich dass dies fundamental gegen das läuft, was er bespricht. Psychochirurgische Methoden, wo man Sucht oder Angstzustände durch absichtliche Schädigung von Hirnregionen wie Zingulum oder Lymbischem System heilt passen dann schonmal gar nicht.
Systemische Therapie geht oft davon aus, dass es kein festes Ich oder gar kein Ich gebe sondern der aktuelle mentale Zustand fast nur vom aktuellen sozialen System abhängt und wenn man dieses verändert auch den Menschen verändert. Dies ist quasi das Gegenteil von dem was Peter Töpfer will. Peter Töpfer will eher das feste Ich (oder den Rest davon) hinter der Situation und dem sozialen System freilegen.
Die Schematherapie ist eine Art Verbindung und Kompromiss zwischen Kognitionstherapie und Psychoanalyse. Neben der Idee von Abgeschlossener und Nicht abgeschlossener Gestalt (Erkennen was Meins ist, wo ich nicht aufgelöste Konflikte habe und mich deshalb gedanklich im Kreis drehe etc. und daran Arbeiten) in der Gestalt Therapie könnte dieses Konzept erstaunlich gut zu Töpfers Theorien passen. Ein Schema ist um es grob zu sagen ziemlich ähnlich zu dem, was die Psychoanalyse einen Komplex nennt.Das sind mentale Systeme von Einstellungen wie „ich bin nicht gut genug“ oder „ich muss der Beste in Schule und Beruf sein sonst wird es Peinlich“, ewig wiederkehrenden und durch bestimmte Trigger getriggerte Verhaltensweisen, Innere Regression und Rückkehr in alte Muster wie „Ich bin ein enttäuschtes, verletztes Kind und muss mich jetzt durchsetzen“, Wiederkehrenden Gefühlen, Bestimmten Introjektionen wie „Ich bin jetzt mein eigener schlimmster Richter weil früher meine Familie über mich gerichtet haben“ etc. Die „Maladaptiven Kognitionen“ der Kognitionstherapie sind nun wiederum in dieser Theorie Teile dieser Schemata. Diese Therapie arbeitet mit Psychoanalytischen, Gestalttherapeutischen und Kognitiven Methoden um diese Schemata und Komplexe los zu werden. Die Schematherapie will oft auch neue „gesunde erwachsene Schemata“ installieren, was Peter Töpfer eher ablehnen würde, aber trotzdem gibt es hier schon deutliche Parallelen.
Nun zum Thema mit der Alexithymie: Ich habe zu Peter Töpfer gesagt, dass ich denke, dass dies quasi sein Haupt Therapieziel ist. (Während Freud quasi die Hysterie vor Allem heilen wollte.) Alexithymie wird oft als Gefühlsblindheit gelesen, und beschreibt einen Bruch zwischen „primitiveren Impulsen und Gefühlen des Hirns“ und dem höheren kognitiven Verständnis. Dies führt dann dazu, dass das Hirn mit seinen eigenen Gefühlen nicht umgehen kann und diese verschiebt und somatisiert. (Beispielsweise statt „Ich bin todtraurig“ nun „Ich muss gleich kotzen“.)
Erstmal denke ich sowieso, dass Psychoanalytische Verfahren im Allgemeinen sehr gut sind, genau diese zerstörte Brücke im Kopf zu kitten. Mir hat das persönlich beispielsweise sehr geholfen.
Gleichzeitig hab ich das Gefühl, dass das, was Peter Töpfer mit zerstörtem und verschütteten Ich in seinem Buch beschreibt (und wie er Wilhelm Reich benutzt) eigentlich genau so eine Form der Alexithymie beschreibt. Er beschreibt auch beispielsweise oft, dass der Mensch, um zu seinem Ich zurück zu finden, wieder das Fühlen lernen und das Erleben, Zulassen und Verstehen der eigenen Gefühle lernen sollte.
So meinte ich das. Diese Brücke reparieren und wieder ein integrierter, ganzer Mensch werden.
Dann als Zweites das mit dem Buddhismus was Ich gesagt habe: Ich predige keine „Verneinung des Willens“ wie es Schopenhauer tat. Ja. Das Nirvana wäre das Beste. Aber wir sind hier auf der Welt. Also sind wir eindeutig nicht im Nirvana sondern im Samsara. Und laut dem buddhistischen Kanon kann der Ausgang aus dem Nirvana mehrere tausend Jahre dauern, sowie mehrere Wiedergeburten brauchen. Das ist also höchstens ein langrfistiges Ziel und keine direkte Lösung. Beim tibetischen Buddhismus gibt es noch das Totenbuch und den Rigpa Zustand, wo man im Augenblick des Todes sich gegen eine Wiedergeburt entscheiden und bestimmten Versuchungen widderstehen kann, um nicht mehr wiedergeboren zu werden. Nur dafür muss man erstmal sterben und in der Regel ist Suizid im Buddhismus eine Sünde, die automatisch erstens eine Wiedergeburt und zweitens schlechtes Karma erzeugt. Kann man also vergessen. Man muss einen Weg finden, im Hier und Jetzt leben zu können. (Die Asiaten und besonders die Tibeter kochen auch oft mit weitaus intensiveren Gewürzen als wir Deutschen. Das zeugt eindeutig von einem vorhandenen Willen und auch von einer bestimmten Bejahung zum Leben.)
Meditation und bestimmte Formen von Askese können schon helfen sind aber nicht die Ultima Ratio. Das heißt, bestimmte Wünsche und Willen kann man momentan nicht überwinden. Es gibt Wünsche von denen man sich nicht trennen kann. Dies ist jetzt auch der entscheidende Punkt.
Ein Problem hier ist auch, dass man ständig Wünsche und Ziele eingeredet bekommt, die man gar nicht braucht und die sich nicht lohnen. „Du musst einen guten Schulabschluss haben.“, „Du musst viel Geld verdienen.“, „Du brauchst das neueste Shampoo, die neueste Spielekonsole etc.“ Man kriegt in der Moderne ständig eingeredet, was man alles zu Wollen hat, und 99 Prozent davon sind nur Ablenkung und sinnlose Verschwendung eigener Energien und Lebenszeit, die einem am Ende davon abhalten, die wirklich wichtigen Wünsche zu erfüllen. Man kann nicht dem Leben entsagen aber man muss sich gegen genau diesen Quatsch wehren um sich einen klaren Kopf zu bewahren.
Genau um diesen Punkt geht es mir wenn ich von Askese und buddhistischen Einflüssen rede. Es geht nicht um Verzicht des Verzichts willen, sondern darum, entscheiden zu können, welche Wünsche wichtig sind und welche eben nicht. (Tantra, was sich mit Buddhismus und Hinduismus überschneidet, lehrt auch, dass nicht nur radikaler Verzicht sondern ein konkretes, bewusstes Ausleben bestimmter Wünsche ein Weg zur Erleuchtung sein kann. Wenn man es nicht Gedankenlos sondern mit Bewusstsein macht. Daher kommt deren berühmte Idee von „sich mit Gift heilen“.Nach dem Tantra ist es auch so, dass das Nirvana keine andere Ebene ist, sondern mit der richtigen Einstellung zum Leben selbst ist „Samsara gleich Nirvana“. Also mit der richtigen Einstellung im Leben ist das alltägliche normale Leben schon die Erlösung und man muss die Welt nicht verlassen. Ein anderer bekannter Spruch ist auch „Vor der Erleuchtung gehst Du raus zum Wasser holen und Holz hacken. Nach der Erleuchtung gehst Du immernoch raus zum Wasser holen und Holz hacken.“)
Laut Deleuze und Guattari kommt die Schizophrenisierung in der Postmoderne auch durch eine Ansammlung von extrem vielen widersprüchlichen, unwichtigen Wünschen. Deshalb ist es logisch, dass wenn man Klar im Kopf werden will, lernen muss, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen.
Genau an diesem Punkt kommt bei mir nun Crowley ins Spiel (da denke ich auch, dass viele Leser diesen Punkt da nicht verstanden haben). Aleister Crowley unterschied zwischen einem normalen Wunsch und dem wahren Willen. Ein normaler Wunsch ist Beispielsweise „ich will Eiscreme“. Ja. Wäre Nett jetzt welche zu haben. Aber würde es mein Leben merklich verschlechtern wenn Ich jetzt kein Eis krieg? Würde ich in 20 Jahren zurück blicken und traurig sein, dass ich heute kein Eis gekriegt habe? Nein. Spätestens nächste Woche hab ich vergessen, dass ich ein Eis wollte. Dies ist also nicht der wahre Wille.
Der Wahre Wille ist eher ein Zustand, wo ein Wille nicht mehr nur reines „Ich will das jetzt haben“ sondern eine Art „innere Pflicht“ wird. Nach dem Prinzip „Wenn ich das jetzt nicht mache oder schaffe, dann werde ich das mein Leben lang bereuen“. (Beispielsweise mein Wunsch nach einer Freundin, wo ich über 15 Jahre lang drunter gelitten hatte, und diesen Willen, den ich nicht los werden konnte, obwohl ich es mit aller Kraft versuchte. Als ich dann eine Freundin hatte, war ich auch buchstäblich bereit, fast alles für sie zu opfern. Das ist schon eher Crowleys wahrer Wille.)
Crowley sagte auch, ein Wunsch ist ein „I want“ oder „I would like“ und der wahre Wille ist ein „I will“. Das bedeutet de Facto „Ich will, also werde ich“.
Genau das meine ich mit Askese: „Trenne dich von dem was Du nicht brauchst. Sei bereit alles Unwichtige aufzugeben, aber gebe alles für das, was Wichtig ist.“ Das beinhaltet auch sowas wie „Dem Typen auf der anderen Straßenseite gefällt meine Kleidung nicht. Dazu hat er auch jedes Recht, aber mir kann das egal sein. Werde den Typen ja eh gleich nie wieder sehen.“ Ich muss mir nicht wie bei der Kognitionstherapie einreden, dass ich mich vielleicht vertun könnte und er meine Kleidung vielleicht doch mag. Ich muss stattdessen einsehen, dass mir seine Meinung komplett egal sein kann.
Interessanterweise assoziierte Crowley das übrigens stark mit dem Konzept des Dao im Taoismus.
Der Unterschied zwischen mit und Peter Töpfer ist auch, dass ich nicht denke, dass Ich ein Ich bin was einen Willen hat, sondern de Facto ein oder mehrere Willen, die sich als Illusion und Rechtfertigung ein Ich konstuieren. Mit jedem Augenblick in der Welt verändere ich mich aber. Selbst nach Belanglosigkeiten wie Schlaf oder dem Toilettengang bin ich schon ein anderer Mensch als zuvor und werde nie wieder der Mensch sein, den ich zuvor war. Diese Veränderung und dass nichts ewig ist, muss man akzeptieren und man sollte nicht versuchen, krampfhaft der selbe bleiben zu wollen, selbst wenn sich alles um einen rum ändert.
Ich denke auch, mir kann es egal sein, wer ich bin, oder was mir in der Vergangenheit passierte. Das kann zwar vielleicht Dinge erklären und mir vielleicht helfen meinen wahren Willen zu erkennen, aber das ist auch alles schon vorbei und für das Jetzt eigentlich nicht mehr wichtig.
Im Zen Buddhismus ist Erleuchtung auch genau diese Konzentration aufs aktuell Wesentliche und die Konzentration auf den aktuellen Moment.(„Mu Shin“) Normalerweise springt der menschliche Geist immer. Man kann den aktuellen Moment nicht genießen sondern denkt „Scheisse, ich muss die Steuern noch machen, der Chef nervt. Hab keinen Bock Morgen zur Arbeit zu gehen und Andres.“ Diese Gedanken sind in diesem Moment null wichtig, versuchen aber Leid. Der Erleuchtete ist in der Lage, den Moment zu genießen und diesen Mist, den einem die innere Stimme sagt, zu ignorieren.
Eine kurze Anmerkung für meine Leser hier:
- Ich hasse den Behaviorismus NICHT und verurteile ihn nicht. Ich sehe der hat auch seinen Wert. Insbesondere zeigen gerade KI und neuronale Netze, dass deren Theorien offensichtlich stimmen. Ich schätze auch, dass Behavioristen meist von allen psychologischen Schulen die klarsten Problemdefinitionen von wegen „Das ist das Problem des Patienten. Es wird folgendermaßen therapiert und ein Verschwinden des Problems würde sich durch folgende Veränderungen ausdrücken“ haben.
Die meisten anderen Psychologischen Schulen sind leider bei Weitem nicht so genau, was dann zu Situationen führt wie „Die Therapie wird zum ziellosen und planlosen rumsitzen und labern statt der Arbeit an einem konkreten Problem“ und „Statt die geeignete Therapie für das Problem zu finden wird das Problem so umdefiniert, dass es zur Therapie passt“. (Das gilt auch für sehr viele Kognitionstherapeuten.) Deshalb ist das definitiv ein Vorteil der Behavioristen. - Ich kritisiere die Kognitionstherapie stark aber ich meine nicht, dass sie unrecht hat. Schlechte Gedankenmuster sind bei jedem mentalen Problem ein Teil des Problems. Mein Problem ist eher, dass dies nicht NUR das Problem ist, sondern die Realität auch ne Rolle spielt und dass die oft eine verquaste Definition davon haben, was ein schlechtes Gedankenmuster ist. Beispielsweise kann ein schlechtes Gewissen durchaus berechtigt sein und Gedanken wie „Ich hätte lieber für die Prüfung lernen sollen statt den ganzen Tag Pornos zu gucken“ sorgen temporär für schlechte Gefühle, aber die sind richtig und wichtig. Das Hauptziel sollte auch nicht sein, sich immer absolut geil zu fühlen. Es gibt viele Situationen wo es normal ist, sich mit der Situation nicht zufrieden zu geben. Jemand der in einem Gulag sitzt hat zum Beispiel allen Grund, die Situation scheisse zu finden.

