Zwei einführende Begleittexte zum Erscheinen von „Max Stirner und Tiefenwahrheit“


Zwei Begleittexte zum Erscheinen des neuen Buch von Peter Töpfer: „Max Stirner und die Tiefenwahrheit als post-psychotherapeutisches Selbstermächtigungsverfahren. Bernd A. Laskas LSR-Projekt und die Weiterentwicklung der im Kognitiven, Affektiven und Korporellen operierenden Neuen Aufklärung“ (2025, br., 857 S.)

Töpfer stellt im Buch seine Tiefenwahrheit anhand einer praktischen Tiefenwahrheitsliegungi vor und dar, ordnet dies aber, um sich beim gebildeten Publikum verständlicher zu machen, in einen ideologisch-theoretischen Zusammenhang ein. Die Tiefenwahrheit hat einen Hintergrund sowohl in Töpfers Eigentheorie als Jugendlicher bis Erwachsener als auch in den Fremdtheorien, mit denen er sich aufgrund der mangelnden Effizienz seiner Eigentheorie hinsichtlich seiner existenziellen Probleme beschäftigt hat (Wilhelm Reich, Arthur Janov – radikaler Postfreudismus). Diese Fremdtheorien waren ihm aber von keiner wirklichen Hilfe, so daß Töpfer wieder auf seine Eigentheorie als Jugendlicher – die „Wahrheitstheorie“ – zurückkommen mußte, die sich schließlich als der richtige Weg herausstellte; dies aber nur, indem Töpfer die Mangelhaftigkeit seiner bisherigen Eigentheorie mit richtigen Elementen der Fremdtheorien ergänzen mußte. Dabei fand er in einem von Janov ausgebildeten Therapeuten, den er freilich zum Wahrheitsbegleiter umwidmete, die lang gesuchte und endlich gefundene Hilfe.

Diese gesamte Entwicklung und Lebenserfahrung aber wird im Buch durch die Gegenüberstellung zu den postfreudianischen Theorien zu einer Erzählung, und zwar die Töpfers Existenzproblembewältigung und seiner intellektuellen Biographie. Im Erzählerischen läßt Töpfer den Leser an der Entwicklung seiner Gedanken teilhaben und ihn gut nachvollziehen, wie er – Schritt für Schritt – zu seinen Thesen kommt. Dabei stellt er seine Tiefenwahrheit im besonderen einer radikalemanzipatorischen Ideologie – Bernd A. Laskas „LSR“ii als Kern einer Zweiten, Neuen, Radikalen Aufklärung – gegenüber und übersetzt deren Vokabular in sein eigenes (und dieses auch zurück), um sich abermals dem gebildeten Publikum verständlich zu machen, weil die Tiefenwahrheit zu einfach ist („bleib‘ immer bei der Wahrheit, und du fährst am besten“). „Aufklärung“ bedeutet zuvörderst Wahrheit. Wahrheit brauchen wir, um uns selbst und in der Welt zu steuern. Wenn die Steuerungsinformationen aber aus dem Emotionalen und Korporellen kommen, spricht man von Tiefenwahrheit, die dann Grundlage einer Neuen Aufklärung ist.

Gegenüberstellungen mit anderen Vokabularen hat Töpfer bereits in der Vergangenheit vorgenommen: Hölderlin/Heideggeriii, Kierkegaardiv, Duginv.

Max Stirner, Ernst Nolte, Bernd A. Laska, LSR, LSR-Projekt, Julien Offray de La Mettrie, Wilhelm Reich,
Max Stirner, gezeichnet von Friedrich Engels

Insbesondere in Max Stirner sieht Töpfer seinen Vorläufer auf dem Weg zu einem souveränen und selbstbestimmten Selbst als Ergebnis einer erfolgreicher Auseinandersetzung mit sich selbst. Töpfer geht der Frage nach, inwiefern Max Stirner dabei als ein Vorläufer von Psychologie, Psychoanalyse und Psychotherapie zu betrachten ist. Er beantwortet die Frage – im Gegensatz zu Laska – mit einem deutlichen Nein. Stirner hatte nichts mit Normativismus und Präskription zu tun, die nicht aus der Psychologie wegzudenken sind. Das heißt nicht, daß es kein Selbstermächtigungsverfahren geben kann, jedoch findet das diesseits der Psychologie statt. Und an dieser Stelle ist Max Stirner von riesiger Bedeutung und sehr großem Wert.

Das Ziel der Auseinandersetzung mit sich selbst ist die Wiederaneignung der eigentlichen, ursprünglichen, angelegten Person nach deren fast vollständigen Entfremdung. Aber gerade Laska, der sich so sehr auf Stirner beruft, wird von Töpfer hart kritisiert: Laska stellt auf besagtem Weg keinen Fortschritt, sondern sogar einen Rückschritt dar. Töpfer geht es um eine Praxis der Neuen Aufklärung und um eine reale – geistige, gefühlsmäßige und körperliche – Wiederherstellung des verlorengegangenen „Eigners“ (Stirner) bzw. um eine praktische „individuelle Selbstermächtigung“ (Laskavi), um die Laska einen großen Bogen gemacht hat. Die vorzügliche geistige Dekonstruktion aller „Sparren“ und allen „Spuks“, mit der Stirner zu seiner Zeit dermaßen geschockt hat, daß man sein Buch für Satire gehalten hat, und die heute für viele immer noch schockierend ist, ist für Töpfer längst abgeschlossen und vollständig erledigt. Es geht jetzt nur noch darum, die Fremdheit aus Geist und Leibe zu treiben und Eigner zu werden, um die Entwicklung eines Verfahrens zur Eignerbildung bzw. -wiederzulassung. Der Spuk ist nicht mehr das Thema – in seiner Kritik liegt auch etwas Dogmatisches –, im Gegenteil: Das Heilige kann sehr wohl etwas Positives in Bezug auf die Eignerentdeckung sein.(vi b)

Auch Laskas Erkenntnis, wonach „die moralische Regulierung des Trieblebens gerade das schafft, was sie bändigen zu können vorgibt: das asoziale Triebleben“vii („Jahrtausendentdeckung“) ist zwar richtig, aber bei weitem nicht genug; sie verweist zumal auf das Soziale, nicht das Individuelle, um das es Töpfer – vom ursprünglichen Ansatz auch Laska – geht. Laska macht zwar mit dieser seiner wichtigsten Kernaussage den entscheidenden intellektuellen Vorstoß: „Stirners Postulat, die (alte) Aufklärung, die im kognitiv-rationalen Bereich operierte, sei am Ende ihrer Möglichkeiten und deshalb durch eine neue, im affektiv-emotionalen Bereich operierende – und damit ‚praktisch‘ werdende – fortzusetzen.“ (vi c) Aber er scheitert dann vollständig bei der tatsächlichen Umsetzung. Laska wird von Töpfer vom Standpunkt der Neuen Aufklärung und von deren Ansprüchen aus kritisiert, der sich Laska verschrieben hatte. Ein weiterer Punkt der Kritik an Laska ist, daß dieser das vernachlässigt, was Töpfer den „kollektiven Eigner“ nennt.

Daß die Fremdtheorien für Töpfer nicht hilfreich waren und an ihm praktisch scheiterten, nimmt Töpfer zum Anlaß, sie einer strengen, radikalen, im Falle Wilhelm Reichs vernichtenden Kritik zu unterziehen. Dabei war Reich – das übersieht Laska – unter den postfreudianischen Psychotherapeuten nicht einmal der stirneristischste; das waren viel eher Fritz Perls und Arthur Janov.

Die Tiefenwahrheit ist die Erbin der radikalsten Psychotherapien, diese aber als immer noch normativistisch und präskriptiv (Janov) bzw. als noch viel zu wenig in den Kern der Person hinabsteigend (Perls) weit hinter sich lassend. Die Tiefenwahrheit setzt auf das, was sie „die philosophische Herangehensweise“ nennt, womit alles andere gemeint ist als akademische Philosophie, sondern Philosophie im besten Sinne: das strengst subjektive Nachdenken in eigenen Worten über die eigene problematische Existenz. Ein solches Nachdenken steht diametral dem Befolgen von Vorgaben von Psychotherapeuten gegenüber.

Töpfer stellt der Präsentation seines Buches zwei Texte zur Seite, mit denen er es vorstellen möchte.

Diese beiden Texte sind:

1. Eine Neue Utopie – die keine ist, sondern reine Topik: linksradikaler Ultra- und Fundamentalkonservatismus. Ernst Noltes Große Ambivalenz: eine geschichtsphilosphische Annäherung an das zentrale Thema des Buches mit einem ernährungsphysiologischen und einem physiopsychologischen Exkurs

2. Tiefenwahrheit und Kunst. Die symbolistische Verfehlung der Künstler Kleist, Wagner und Thomas Mann. Dramaturgische Tricks als verkürzende und ausweichende Entsprechung zur Tiefenwahrheit. Zu Kleists Theaterstück „Amphitryon“, dem „witzig-anmutvollsten, geistreichsten, tiefsten und schönsten Theaterspielwerk der Welt“ (Thomas Mann), und Richard Wagners Musikdramen




Anmerkungen

i Video: https://tiefenwahrheit.de/ii-teil-des-buches-max-stirner-und-tiefenwahrheit-aktion-h-tw-26-1-2017-video-version/, Text: https://tiefenwahrheit.de/ii-teil-des-buches-max-stirner-und-tiefenwahrheit-aktion-h-tw-26-1-2017-text-version/

ii LSR: Julien Offray de La Mettrie, Max Stirner, Wilhelm Reich: https://www.lsr-projekt.de

iii https://tiefenwahrheit.de/videos/videos-zu-herkunft-und-geschichte-der-tiefenwahrheit/

iv https://tiefenwahrheit.de/videos/videos-zu-herkunft-und-geschichte-der-tiefenwahrheit/

v Peter Töpfer: Das Radikale Subjekt als Katechon. Vorwort zu Alexander Dugin: Eurasische Mission (2022): http://blog.peter-toepfer.de/allgemein/das-radikale-subjekt-als-katechon-2/ ; Peter Töpfer: Alexander Dugin, das Große Erwachen und das Radikale Subjekt: http://blog.peter-toepfer.de/allgemein/alexander-dugin-das-grosse-erwachen-und-das-radikale-subjekt-die-radikale-libertaere-linke-meldet-sich-bereit/ ; Peter Töpfer: Video-Reihe „Dugin Heimat“: https://tiefenwahrheit.de/videos/video-reihe-dugin-heimat/, https://www.youtube.com/playlist?list=PLvnPNlSwjOOn2gUcwj8p0Xq7seuI90QMb, https://odysee.com/@tiefenwahrheit:1/dugin-heimat-1-dorf-2011_12_06-final-bounce-2:d, Text-Fassungen der Videos: https://tiefenwahrheit.de/weitere-texte/text-fassungen-dugin-heimat/ ; Peter Töpfer: Rekonstitution und Radikalisierung des nihilisierten Subjekts. Das Entstehen von Zugehörigkeit – die Entdeckung der Heimat. Zu A. Dugin: „Eurasische Mission (Arktos London 2022). Mit einem Vorwort ‚Das Radikale Subjekt als Katechon‘ von Peter Töpfer“: https://www.youtube.com/playlist?list=PLvnPNlSwjOOn2gUcwj8p0Xq7seuI90QMb ; Peter Töpfer: Objekt-orientierte Óntologie und Entfremdung. Der verheerende Einfluß der Wissenschaft – insbesondere ihrer Disziplin Psychologie – als Objekt-Orientierung auf das Subjekt. Für die Subjekt-Orientierung und darüber hinaus das Ón! (2022): https://tiefenwahrheit.de/weitere-texte/objekt-orientierte-ontologie-und-entfremdung/ ; Peter Töpfer: Kritik der „Dugin-Richtlinie“ – das anthropologische Problem in der Eschatologie, in: Kapitel 72.4. von Töpfer: Pan-Agnostik: kostenloser Download: https://tiefenwahrheit.de/buecher/

vi https://www.lsr-projekt.de/Max-Stirner-Psychologe.html

vi b Zum Heiligen als konstruktiver Kraft siehe: https://tiefenwahrheit.de/videos/video-reihe-dugin-heimat/, Das Heilige und das Authentische – Kommentar zu “Dugin Heimat” 5 (Das Heilige 1): https://tiefenwahrheit.de/videos/video-reihe-dugin-heimat/kommentare-zur-video-reihe-dugin-heimt/kommentar-zu-dugin-heimat-5-das-heilige-1-und-seine-entweihung-durch-technik/, https://tiefenwahrheit.de/videos/video-reihe-dugin-heimat/kommentare-zur-video-reihe-dugin-heimt/kommentar-zu-dugin-heimat-6-das-intime-heilige-2-problemhaftigkeit-und-problemlosigkeit/, https://tiefenwahrheit.de/weitere-texte/text-fassungen-dugin-heimat/text-fassungdugin-heimat-7-das-intime-heilige-3-und-die-verortung-in-vergangenheit-und-gegenwart%ef%bf%bc/



vi c Bernd A. Laska: Ein dauerhafter Dissident, 150 Jahre Stirners „Einziger“. Eine kurze Wirkungsgeschichte, Nürnberg1996, S. 103/104

vii Bernd A. Laska alias Barbara Lehmann, WRB 1/1976, S. 32: https://www.lsr-projekt.de/wrb/wrb1.html