Buch „Pan-Agnostik“
Präliminarium zum Gespräch
[Aus Kapitel] 20. Die Frage nach dem Nutzen des Gedankens Gott 3: sozialmediale Eruierung – Dr. Thomas Seiler und der Begriff „Agnostizismus“
Selbstverständlich halte ich generell bestimmte Dinge für er-
kennbar, selbstverständlich folge ich im speziellen seiner Kritik an
Darwins Evolutionslehre und erweitere damit meine Erkenntnis.
So, wie die „Gravitation“ die eingeräumte Schwachstelle oder so-
gar das Grab der Newton’schen Theorie ist, so ist die „kambrische
Explosion“ das der Darwin’schen. Wenn es Schöpfung gibt, dann72
scheint sie sich in verschiedenen Etappen vollzogen zu haben, und
im Kambrium scheint der Schöpfer eine Hau-ruck-Phase gehabt zu
haben. Wissenschaftliche Theorien kommen gar nicht umhin, als
zumindest kreative Zäsuren anzuerkennen – was sie nicht davor
feien wird, dennoch pan-agnostisch hinweggefegt zu werden. Es
ist alles ein riesiges Wunder. Aber warum dem Wunder auf den
Grund gehen, anstatt Teil seines zu sein?
Die mögliche Erkennbarkeit bezieht sich also auf Physik – wird
also von mir als Agnostiker erworben und selbstverständlich aner-
kannt –, und nicht auf Metaphysik. Ich erkenne ja zum Beispiel das
Brot vor meinen Augen, bevor ich es verzehre. Aber andere – die
letzten – Dinge halte ich für nicht erkennbar, was aber kein Bein-
bruch ist.
Aber Dr. Seiler hatte mich nun auf ein tatsächlich vorhandenes
begriffliches Problem gestoßen, ja auf einen Fehler meinerseits,
wenn ich mich ihm gegenüber als Agnostiker bezeichne und als
solcher eine Frage an ihn richte. Denn selbst, wenn Dr. Seiler das
übliche Verständnis von „Agnostizismus“ teilen würde (Nichter-
kennbarkeit des Jenseitigen), hätte er immer noch nicht den Sinn
meiner Frage und die Bitte an ihn verstehen können. Denn im phi-
losophisch korrekten Gebrauch des Begriffs „Agnostizismus“ wäre
meine Frage, übersetzt, diese gewesen: „Was spricht Ihrer Meinung
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gegen die Anschauung und die Behauptung, daß jenseitige Dinge
nicht erkennbar sind?“
Aber wollte ich denn das überhaupt wissen? Natürlich nicht! Was
ich fragen wollte, war: „Welchen Sinn sehen Sie in der Erkennbar-
keit jenseitiger Dinge und in der Verwendung des Begriffes
‚Gott‘?“ Es war also ganz eindeutig mein Fehler, als ich den Begriff
„Agnostizismus“ in meiner Frage benutzt habe – es war mein Feh-
ler, den Fehler der Philosphiehistoriker zu übernehmen. Ich bin
nicht nur davon ausgegangen, daß Dr. Seiler philosophiegeschicht-
lich im Bilde ist, sondern daß er auch meine Gedanken lesen kann.
Das läßt mich nun vor einem Scherbenhaufen stehen, denn ich
erkenne (ganz diesseitig!), daß ich in diesem Buch generell den fal-
schen Begriff verwende. Ja, ich bin gar kein Agnostiker, mich inter-
essiert die Frage gar nicht, ob „jenseitige Dinge erkennbar“ sind.
Was mich interessiert, ist, welchen Sinn es haben könnte, wenn ich
jenseitige Dinge erkennen könnte, das heißt, welchen Nutzen für
mich eine metaphysische Erkenntnis haben könnte.
Ich halte eine Erkenntnis im Zusammenhang mit dem Großen
Unbekannten tatsächlich für unmöglich und gehe insofern kon-
form mit den Agnostikern. Aber ich verlasse die Agnostiker in dem
Moment, wo ich diese Nichterkennbarkeit (oder Erkennbarkeit) für
banal, keines Aufhebens würdig, sinnlos, also auch nicht für er-
strebenswert erachte.
Ich müßte mich also eigentlich NonSensuParaAgnostiker (Nicht-
Sinn-Jenseits-Erkennen) nennen: jemand, der keinen Sinn in der
Erkenntnis des Jenseitigen sieht. Vielleicht trifft es – damit es der
letzte Intello versteht – der fremdsprachige Terminus NonLogosPa-
raAgnostiker besser, falls Logos tatsächlich auch „Sinn“ bedeutet ,73
und zwar dann in einem mehr kognitiven und nicht so sehr sinnli-
chen Sinn.
Der erste, der für das lateinische ratio ein deutsches Wort benutzt
hat, war Notker der Deutsche: Er entschied sich für „Sinn“ ; dann74
müßte meine Position NonRatioParaAgnostiker heißen. Oder aber
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sie müßte NonÄsthetParaAgnostiker heißen, denn Aristoteles be-
nutzt aisthesis für Sinn , was im Lateinischen wiederum mit sensus75
wiedergegeben wird, womit wir also doch wieder bei NonSensuPa-
raAgnostiker wären, was ich ganz bewußt so gewählt habe (weil ich
Sinn sinnlich verstanden wissen will).
Eine andere Sache ist die des Begriffs „Pan-Agnostik“: Damit
versuche ich den Begriff „Agnostik“ dahingehend zu erweitern, als
er den NonSensuParaAgnostizismus über das Theïstisch-metaphy-
sische hinaus auf das Atheïstisch-metaphysische (wie es die Evolu-
tionstheorie ist) bezieht. Er müßte streng genommen durch den
Begriff „NonSensuPanParaAgnostiker“ ersetzt werden.
Ein Nicht-Agnostiker hält es für möglich und behauptet, über die
letzten Dinge etwas wissen und aussagen zu können. Das kann ich
zwar schon nicht teilen, aber ich bin bereit, die simple Namensver-
gabe für das Große Unbekannte („Gott“) als Erkenntnis zu dekla-
rieren (was sie nicht ist). Nur: Was brächte mir das? Wenn es wirk-
lich eine Erkenntnis wäre, hätte ich etwas davon. Eine Erkenntnis
ist immer eine Information. Worin liegt aber das Signal eines einfa-
chen, isolierten Wortes? Wenn es ein Signal wäre: Welche Bedeu-
tung, welchen Aussagewert hätte es? Von welchem Sender geht es
aus? Zu welchem Empfänger geht es mit welcher Botschaft? „Gott“
erfüllt all dies nicht. Dieser Begriff ist keine Information, kann
nicht als Erkenntnis gewertet werden.
Ein klassisch-traditioneller Agnostiker geht nicht so weit; er sagt
lediglich, daß er „die letzten Dinge für nicht erkennbar hält“ und
läßt damit durchaus anklingen: „Wenn ich als Freund des Erken-
nens etwas im Jenseits erkennen könnte, dann würde ich mich
freuen, denn dann hätte ich eine neue Erkenntnis gewonnen. Ich
will wissen – stoße aber leider nur an Grenzen. Ich möchte so viel
wie möglich erkennen: tief ins Diesseitige hinein. Aber auch das
interessiert mich, was noch unter oder hinter dem Diesseitigen lie-
gen könnte.“ So nicht der NonSensuParaAgnostiker: Der weiß von
vornherein, daß das ihm nichts nützen würde, und verliert das In-
teresse. Und erst recht mißt der traditionelle Agnostiker in der Re-
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gel dem Atheïstisch-metaphysischen durchaus einen Wert bei.
Aber ich benutze in diesem Buch trotzdem weiter die Begriffe
„Agnostiker“, auch wenn ich sie anders verstehe und es streng ge-
nommen ein Fehler ist, mich mit ihnen zu identifizieren. „Freund
Sachs!“, sagt der Obermeistersinger Hans Sachs zum Meistersinger
Veit Pogner, „was ich mein’, ist schon neu; zu viel auf einmal
brächte Reu’.“
[Aus Kapitel] 80. Pan-Agnostik ist keine Idee und kann nicht gelernt werden, sondern ein physiologischer Zustand
Pan-Agnostik mischt sich nicht in Transzendentes und in philo-
sophische Streitereien ein, sie steht außer- bzw. unterhalb solcher
Streitereien. Wir haben in der Auseinandersetzung mit Dr. Thomas
Seiler gesehen, daß der Begriff „Pan-Agnostik“ für unseren Stand-
punkt eigentlich nicht der richtige und „NonSensuPanParaAgnos-
tik“ der genauere Begriff als Titel dieses Buches gewesen wäre. Ein
weiterer Begriff, der ebenfalls gëeigneter gewesen wäre, ist der
ebenfalls schon genannte Begriff „Theoïndifferenzialismus“ oder
„indifferentialistischer Theïsmus“, mit denen eher eine Charakter-
eigenschaft oder ein Temperament als eine Idee beschrieben wäre.
Welches Temperament – analog zu „sanguinisch“ – wäre das? Man
kann es „gelassen“ nennen. Gelassenheit ist – im Gegensatz zu
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Cholerik, Melancholik und Phlegmatik, die Ontologisierungen von
Derivaten sind – ein Primär- bzw. Naturzustand. In diesen zurück-
geführt zu werden, kann nicht auf ideëlle und intellektuëlle Weise
geschehen. (Die Stoik ist übrigens auch kein Primärzustand und
etwas anderes als Gelassenheit; stoisch bedeutet vorrangig abge-
klärt, beherrscht, also mit Philosophie sediert und selbst-
gefesselt. )
Wenn ich von „indifferent“ spreche, dann ist damit keine coolness
gemeint – und auch keine Blödheit –, sondern durchaus etwas Le-
bendiges und Warmes – jedenfalls das diametrale Gegenteil vom
„schweigenden, indifferenten, erbarmungslosen Universum“, von
dem Hartmut Rosa spricht, wenn er die endgültige Entfremdung
beschreibt. Der „eiskalte Weltenraum“ aber ist nichts anderes als
der nicht-gefühlte, symbolisierte und ontologisierte Urschmerz.
Falls Pan-Agnostik ein positiver Beitrag im Sinne einer Entlas-
tung des menschlichen Geistes ist, so wird dieser nicht durch geis-
tige Mittel erreicht, sondern durch Öffnung gegenüber den Gefüh-
len. Diese Gefühle lassen, nach ihrem Durchleben, die Würfel an-
ders fallen: in etwas mehr Ausgeglichenheit oder, wie es die Phy-
siologen sagen, Homöostase – vor allem aber in eine andere, neue,
tiefere Sicht der Dinge.
(…)
Auch die Pan-Agnostik – ob man sie nun hat
oder nicht – ändert an nichts etwas. Sie kann nicht mal im Wettbe-
werb der Gedanken mithalten – und das will ich auch gar nicht,
sonst spräche ich von Pan-Agnostizismus. Und die Pan-Agnostik
hat ganz sicher viel weniger Unterhaltungs- oder Schlafmittelwert.
Pan-agnostische Gedanken sind geradezu schwer und anstrengend
im Vergleich zu den leicht in die Höhe davonschwebenden Gedan-
ken der Kosmologen. Man kommt mit Pan-Agnostik auf keinen
Fall ins Träumen, die Phantasie wird kein bißchen angeregt. Wozu
sie überhaupt dienlich sein soll, steht in den Sternen. Sie ist nur ein
weiteres Resultat unseres zwittrigen Wesens. Wenn es hoch
kommt, ist sie nur eine konsequente Abstoßung und Zurückwei-
sung der Heteronomie.
(…)
Zu sagen, daß einem eigentlich egal ist, was vor dem Urknall
gewesen sein soll, mag für einen Theïsten eine Flucht sein, eine Art
denksportive Resignation. „Du machst es dir aber leicht!“, höre ich
den Theïsten sagen, „Du entziehst dich dem intellektuëllen Wett-
streit auf eine ganz billige Art!“ – Nein, das stimmt nicht. Ich meine
es wirklich so, wie ich es sage, mehr nicht. Aber – das stimmt tat-
sächlich – daß ich mir dabei nicht den Kopf zerbreche: damit bin
ich zufrieden; wenigstens einmal, daß ich zu denen gehöre, die das
Leben leicht nehmen!
Es ist völlig sinnlos, Gott beschreiben zu wollen oder ihm sogar
Worte in den Mund zu legen. Das ist ja geradezu vulgärmaterialis-
tisch!
[aus Kapitel] 81. Entscheidung für die Autonomie
Wenn Gott mit seinen Geboten, wenn die Wissenschaften mit ih-
ren Naturgesetzen – beides im Sinne heteronomer Handlungsan-
weisungen im Existenziellen – versagt haben und keinen inneren
Frieden bringen, werden wir wohl nicht umhinkommen, auf die
Autonomie zu setzen und den Stimmen aus dem Inneren mehr
Aufmerksamkeit zu schenken. Die Heteronomie – ob nun religiös
oder szientistisch (womöglich auch beides in einer Mischung à la
Szientologie) – hat sich als ungenügend herausgestellt.
Leugne ich, daß wir Teil des Kosmos, daß wir „Sternenstaub“
sind, daß wir also auch „energetisch“, informationstechnisch oder
sonst wie mit ihm in Verbindung stehen? Mitnichten. Das ist ja von
allergrößter Banalität. Aber warum sich darum Gedanken machen?
Wir müssen sozusagen unseren Platz (unseren „Ort“, wie Kirchhoff
sagt) einnehmen, wir müssen an der Stelle leben, wo wir entstan-
den sind, für die wir – von wem oder wovon auch immer – vorge-
sehen sind.
Ich weiß nicht, ob es das Jenseits gibt, aber ich weiß, daß es das
Diesseits gibt – können wir nicht erstmal mit dem richtig anfan-
gen?
Nicht nur die Naturgesetze nützen uns existenziell nichts, son-
dern auch die „Anbindung an die Schöpfungsgesetze […], um wie-
der Herr unserer eigenen Sinne zu werden und in die Eigenver-
antwortlichkeit zurückzukommen“ nützt uns existenziell nichts;
auch nicht eine „Neugestaltung der Anbindung an die Schöp-
fungsgesetze“, wie es Andreas Popp sagt. Denn es ist nie ein Ge-
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setz (Nomos), das ein Leitfaden sein kann – ob es sich nun auf die
Natur oder die Schöpfung bezieht und beruft, ja ob es sogar ein
fremdes oder ein eigenes Gesetz ist: Auch die Autonomie ist nicht
die Lösung (weil erst mal nichts anderes als ein intellektuëlles
Bild). So, wie wir „Autonomie“ in diesem Buch verstehen, müßte
es eigentlich „Autarchie“ (Selbstführung) heißen. Der „Leitfaden“
kann nur die Lebenslust, die Lebendigkeit selbst sein – das, was
Schopenhauer den Willen nennt, wo sämtliche „existenzielle Fra-
gen“ von ganz alleine entfallen. Darin läge eine echte „Neugestal-
tung“ – und zwar die einer „Anbindung“ an uns selbst.
[Aus Kapitel] 103.10. Diversität, Nischen, pluralistisches Europa
So zurückhaltend, passiv und indifferent wir Agnostiker hin-
sichtlich der Gottesfrage sind, so unempfänglich sind wir auch ge-
genüber der aktuëllen Herrschaftsideologie, die die totale Homo-
genität in den anal-westlichen Werten einfordert. Sind wir nicht
deshalb schon von einem gewissen Wert für die Theïsten? Oder
bedrohen wir die vermeintlich notwendige Homogenität im Kol-
lektiven schon mit unserer nicht-offensiven agnostischen Position?
In vergleichbaren Diskussionen um Pluralität oder Einheitsideo-
logie wird – jetzt auf die Zukunft bezogen – der beliebte Tropus
vom „evolutionären Vorteil“ herangezogen, der in einer maxima-
len Diversität – hier also in einer Zulassung von auch unliebsamen
Schriften oder anderen Religionen – läge. Vielleicht kann das unse-
re zukünftigen theïstischen Zensoren und Kardinäle milde stim-
men – womöglich gar in Zeiten des „Überlebensstresses“. Es soll
auch nicht der „evolutionäre Vorteil“ unterschätzt werden, der in
der Freiheit des Geistes liegt. Die im Moment beobachtbare Mas-
senverblödung und Schafhaftigkeit kommt auch daher, daß die
Kinder und Jugendlichen in ihrer Ausbildung nicht dazu ermutigt
werden, sich selbstständig Gedanken zu machen.
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Ich weiß, daß wir Agnostiker dem theïstischen Programm etwas
im Wege stehen oder dieses mit unserer schieren Existenz bedro-
hen könnten. Wir erwarten nicht, daß Sie Verständnis dafür auf-
bringen, daß wir – angesichts des klaren Trends zum theïstischen
Fundamentalismus – die eigentlich Bedrohten sind. Aber können
wir nicht irgendeine Art von Vertrag schließen? Ich bitte Sie: Sprin-
gen Sie über Ihren Schatten. Versuchen Sie eine gemeinsame Zu-
kunft mit uns zu erwägen.
Kann es nicht innerhalb unseres europäischen Pols der neuen
multipolaren Welt trotz der gegenseitigen Bedrohlichkeiten eine
multipolare Geisteswelt geben – eine friedliche Koexistenz von
verschiedenen Gedankenwelten?
(…)
Dem theoïndifferentialistischen Agnostiker gegenüber ist der
Theïst ein Theosensualist: Er ist Gott gegenüber alles andere als
gleichgültig; er nimmt ihn nicht nur ernst – als ob Gott es nötig hät-
te, ernst genommen zu werden –, sondern verleiht ihm und bezieht
von ihm einen Sinn, gar Lebenssinn (warum ich hier sens anstatt
ratio verwende, wo doch der Theïst nicht gerade durch Sinnlichkeit
auffällt, werden wir später sehen).
Beide – Theïst und Agnostiker – gehen von der Existenz Gottes
aus, ziehen daraus aber völlig verschiedene Konsequenzen: Kult
einerseits und andererseits die Frage nach Sinn und Zweck und in
Beantwortung dieser Frage die Abwesenheit eines solchen Kultes.
Der Theïst führt den Namen „Gott“ andauernd im Mund, aber
das Transzendente kann nur völlig namenlos sein, und ein Name
dafür kann nur sinnlos sein. Constantin von Hoffmeister meint:
„Dann kann ich dafür ja gleich ‚Mickey Mouse‘ sagen.“ In jeder
Namensgebung liegt eigentlich eine lächerliche Verniedlichung
und Zurechtstutzung des Rätselhaften oder – falls man sich von
diesem Rätselhaften etwas verspricht oder es um etwas bittet – ein
Bestechungsversuch.
Bekanntlich sind Namen Rauch und Schall. Warum nun ausge-
rechnet beim unendlichen All mit der Namensvergabe anfangen? –
Das ist ja hahnebüchen!
„Wer darf ihn nennen?
Und wer bekennen:
‚Ich glaub ihn!‘?
Wer empfinden,
Und sich unterwinden
Zu sagen: ‚Ich glaub ihn nicht!‘?
Der Allumfasser,
Der Allerhalter,
Faßt und erhält er nicht
Dich, mich, sich selbst?
(…)
Nenn es dann, wie du willst,
Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Namen
Dafür! Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsglut.“
(Goethe, Faust)
(…)
Wenn wir uns schwer tun, in Gott einen Sinn und einen Nutzen
zu erkennen, woraus unsere Indifferenz gegenüber diesem Gedan-
ken entsteht, dann müssen wir auch andere, nicht-theïstische Me-
taphysiken hinzuziehen, wie die Wissenschaft neben ihrer Physik
eine ist. Damit aber ist ein erster Schritt zur Erweiterung der
Agnostik, wie man sie bisher kannte – nämlich eine Haltung ge-
genüber Gott –, zur Pan-Agnostik getan. Auch gegenüber den wis-
senschaftlichen metaphysischen Aussagen verhält sich die Pan-
Agnostik indifferent, weil skeptisch gegenüber einem irgendwie
gearteten existenziellen Nutzen dieser Aussagen.
(…)
Unter Agnostik verstehe ich selbstverständlich nicht ein Nicht-
Wissen (Agnosie), in dem man sich am Ende sogar noch gefällt,
sondern nur ein Bekenntnis zur Gleichgültigkeit (Indifferentialis-
mus) gegenüber nichts nützenden, überflüssigen Ideen. Natürlich
weiß ich einiges, wünschte, noch viel mehr zu wissen – sowohl,
was die Lebenspraxis als auch das Existenzielle angeht. Aber das
Existenzielle hat die Priorität: Erst, wenn ich weiß, was ich will,
kommt sinnvollerweise das praktische Wissen ins Spiel. Und
Theïstisches ist weder im Praktischen noch im Existenziellen von
Nutzen – vielleicht später [beim Sterben], aber wird dem Später durch Vorberei-
tungen geholfen? Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben
unter dem Himmel hat seine Stunde.
(…)

